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The phantastic Worlds of Science Fiction

Wolfgang Jeschke

Die Cusanische Acceleratio

Vorabdruck aus dem Roman Das Cusanus-Spiel

Science Fiction | Stories & Romane
Für meinen Freund Manfred Kluge,
der nun ein anderes Universum bereist.
Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, daß man ausgerechnet Nicolaus Cusanus, den päpstlichen Legaten und persönlichen Freund von Papst Pius II., zum Beschützer und Bewahrer der abendländischen Wissenschaft gegenüber einer aufklärungs- und fortschrittsfeindlichen Kirche hochzustilisieren versucht hat, als hätte es Tendenzen solcher Art seitens des Klerus jemals gegeben. Freilich gab es zuweilen Meinungsverschiedenheiten und Dispute über astronomische und kosmologische Detailfragen, aber diese Diskussionen sind Ausdruck und Zeichen eines lebendigen Wissenschaftsbetriebes, ja dessen Voraussetzung. Wer sonst als die Kirche hat seit dem Niedergang des römischen Reiches über viele Jahrhunderte hinweg die Schätze griechischer, römischer und morgenländischer Gelehrsamkeit sorgsam bewahrt? Wer die unschätzbar wertvollen Werke der Altvorderen vervielfältigt und verbreitet? Wer ihre Inhalte studiert, interpretiert und gelehrt? Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Schöpfung hat in der Kirche eine lange, ungebrochene, ehrwürdige Tradition. Es hat keines Cusaners und keiner »Acceleratio« bedurft, um, wie Diderot schrieb, »der Wissenschaft eine Gasse zu hauen« und »dem technischen Fortschritt den Weg zu ebnen«. Das ist, mit Verlaub, eine historische Fiktion, wie sie in jenen virtuellen geschichtlichen Konstruktionen, die heute zunehmend in Mode kommen, immer mehr um sich greifen, die aber nur geeignet sind, die Tatsachen zu vernebeln und den Blick auf die Wirklichkeit zu verfälschen.
   Betrachten wir die Fakten: zwei Briefe aus der Feder des Kardinals, beide geschrieben am 12. März des Jahres 1452 während eines kurzen Aufenthalts in seiner ehemaligen Pfarrei St. Florin zu Koblenz. Einer an Dietrich von Moers, den Erzbischof von Köln, in dem er diesem rät, päpstlichen Beistand zu erbitten in einem Prozeß, in dem eine Frau unbekannter Herkunft der Ketzerei angeklagt ist. Ein weiterer an Papst Nicolaus V., in dem er die Gründung einer wissenschaftlichen Akademie durch den hl. Stuhl vorschlägt, die sich speziell mit ungewöhnlichen Naturerscheinungen befassen soll.
   Was hat man nicht alles hineingeheimnist in jene letzten Februartage, die der Kardinal, von Brüssel über Löwen und Maastricht kommend, in Köln verbracht hat, um dort ein Provinzialkonzil zu eröffnen? Von einem »Paulus-Erlebnis« ist die Rede (als wäre er je ein Saulus gewesen!); von merkwürdigen Briefen, die ihm von einem geheimnisumwitterten Scholaren ausgehändigt worden seien; von der Begegnung mit einer rätselhaften Schönen aus einem fernen Land, die ihn betört und ihm die Zukunft geweissagt habe.
   Tatsächlich hatte sich Cusanus als päpstlicher Diplomat und Reisender in Sachen Neuordnung und Organisation der Kirche bis dahin - wohl schon allein aus Zeitgründen - wenig um die Förderung der Wissenschaften gekümmert, obwohl er in Fragen der Astronomie und Kosmologie seiner Zeit weit voraus war, Experimentalphysik betrieb und sich als erster ernsthaft mathematisch mit dem Begriff der Unendlichkeit beschäftigte. Aber zu seiner Bemühung um eine verstärkte Institutionalisierung von Forschung und Lehre seitens der Kirche bedurfte es weder geheimnisvoller Scholaren noch betörender Sibyllen. Es war ein Erfordernis der Zeit, und der Kardinal von Kues an der Mosel war gewiß nur einer von vielen, welche die Zeiten der Zeit richtig zu deuten wußten. Die Cusanische Acceleratio, wie Leibniz sie postuliert hat, ist eine Chimäre. Die Behauptung, er allein sei es gewesen, der »eine schläfrige, in lächerlichen Glaubensdingen zerstrittene Kirche aufweckte«, wie Voltaire es auszudrücken beliebte, ist eine Fiktion. Das Donnern der modernen Artillerie, die Sultan Mehmet II. im Jahr darauf vor den Toren von Konstantinopel in Stellung brachte, deren Feuerkraft der Westen nichts entgegenzusetzen vermochte, war laut genug, um das gesamte Abendland aufzurütteln - und letztlich zu einen.

Die Aufzeichnungen von Highgate

1460 Im Auftrag von Papst Pius II. gründen der päpstliche Legat Nicolaus Cusanus und Julius Pomponius Laetus das humanistische Forschungsinstitut Accademia Romana.
1461 Johannes Regiomontanus wird zum Leiter der Accademia berufen.
1462 Auf Anregung von Nicolaus Cusanus führt Johannes Regiomontanus eine »Weltvermessung« durch. Das Ergebnis bestätigt die Angaben des Eratosthenes von Kyrene (276 - 195 v.Chr.), der aus den abweichenden Schattenlängen auf dem Meridianbogen zwischen Syene und Alexandria einen Erdumfang von 40 000 Kilometer errechnete.
1464 Tod von Papst Pius II. und Nicolaus Cusanus in Todi, Umbrien, während des Aufbruchs zu einem Kreuzzug zur Rückeroberung Konstantinopels.
1467 Papst Paul II., Nachfolger von Pius II., betreibt die Schließung der Accademia Romana, die er bei aller Sympathie für die Wiederbelebung des humanistischen Erbes für eine ketzerische Geheimgesellschaft hält. Lucius Pomponius Laetus wird der Gotteslästerung angeklagt, ein weiteres Mitglied, Bartolomeo Platina, wird gefoltert. Johannes Regiomontanus und einigen seiner Mitarbeiter gelingt die Flucht nach Mailand, wo die Sforza sie unter ihren Schutz stellen.
1470 Leonardo da Vinci wird Mitglied der Sapienza, wie die ehemalige Accademia Romana sich seit ihrem Exodus nennt. Sie gilt als Zentrum humanistischer Bildung und Forschung und wird zum Ziel zahlreicher Gelehrter, Handwerker und Studenten aus aller Welt.
1475 Einführung des Magnetsteins auf den Schiffen des Italischen Bundes.
1476 Nach dem Tod von Johannes Regiomontanus wird Leonardo zum Leiter der Sapienza gewählt.
1478 Erfindung des 'Brennkreisels' in der Sapienza durch Korbinian Seeshaupter, einem Büchsenmacher aus dem Salzburgischen. Zunächst mit Naphta befeuert, später mit Petroleum und seinen Derivaten, stellt der 'Kreisel' eine Art Turbine dar, die als 'mechanischer Sklave' bald auf allen Gebieten Anwendung findet, sei es als Antrieb von Fahrzeugen oder Pumpen, sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Industrie und zunehmend im Verkehrswesen.
1480 Erneuerung des Italischen Bundes zwischen Venedig, Mailand. Florenz, Neapel, Montferrat und Savoyen für weitere 25 Jahre. Beitritt Genuas.
1481 Albertis Gesang der mechanischen Sklaven wird in Mailand uraufgeführt.
1484 Papst Sixtus IV. erklärt, daß es im westlichen Meer unentdeckte Länder geben müsse, da eine gegenteilige Auffassung, wie sie von einigen irregeleiteten Gelehrten verbreitet würde, die glaubten, das legendäre Cathay Marco Polos sei in westlicher Richtung nur durch einen Ozean von unserer Welt getrennt, eine Unausgewogenheit der Schöpfung voraussetze und deshalb unchristlich und ketzerisch sei.
1486 Giovanni Caboto, ausgesandt von der Signoria seiner Heimatstadt Genua auf die Suche nach neuen Ländern im westlichen Teil der Welt erreicht am Christophorustag (24. Juli) die Mündung des Delaware. Auf seiner zweiten Expedition (1488 - 1490) erkundet er die Küste zwischen der Mündung des Savannah und der des San Lorenzo. Auf der dritten Reise (1492 - 1495), die der Errichtung von befestigten Stützpunkten und Handelsniederlassungen dient und auf der ihn sein Sohn Sebastiano begleitet, findet er bei einer bewaffneten Auseinandersetzung mit Eingeborenen Terranovas den Tod. Er wird auf dem nach ihm benannten Cape Caboto beigesetzt. Sein Sohn Sebastiano führt die Expedition erfolgreich zu Ende.
1489 Während die Galeonen des Großherzogs der Toskana die Mississippi-Mündung und die Küste von Yucatan erkunden, legen venezianische Handelskapitäne im Auftrag ihrer Signoria an der Nordküste des südlichen Terranova befestigte Handelsplätze an, die sich zunehmend räuberischer Überfälle durch portugiesische und spanische Seefahrer erwehren müssen, nachdem die Kunde von reichen Goldfunden nach Europa gedrungen ist.
1492 Erster erfolgreicher Abschuß eines 'Milan', auch 'Feuerbremse' genannt. Es handelt sich um eine Rakete, die von einem mit flüssigem Treibstoff befeuerten 'Brennrohr' angetrieben wird. In den Schmieden der Sapienza hergestellt und von einem Katapult in steilem Winkel gestartet, legte das Geschoß zwanzig Stadien oder zweieinhalb römische milia zurück und trug eine bomba mit einem Mastello Naphta ins Ziel.
1494 Einfall König Karls VIII. von Frankreich in die Lombardei auf dem Weg nach Neapel. Am 23. September Treffen am Ticino. Das vereinte italische Heer unter dem Befehl Francesco Gonzagas bereitet den Franzosen eine vernichtende Niederlage. Der Florentiner Staatsmann und Historiker Francesco Guicciardini schreibt in seiner 'Storia d'Italia':
»Die so gefürchtete moderne französische Artillerie wurde völlig überrumpelt. Das infernalische Kreischen der mailändischen Feuerbremsen, die durch den Himmel rasten, Naphtafeuer verspritzten und das Schlachtfeld in wenigen Minuten in Rauch und Flammen hüllten, fuhr wie der Zorn Gottes zwischen die Feinde, deren Aufmarsch bald jede Schlachtordnung vermissen ließ. Als zur Kavallerie-Attacke geblasen wurde, war die Reiterei hoffnungslos zerstoben, und die Bauern in Savoyen ließen ihre Äcker im Stich, um die in weitem Umkreis verstreuten gesattelten Pferde einzufangen und sie für gutes Geld allenthalben auf den Märkten zu verkaufen.
Francesco ließ die schönen neuen französischen Kanonen, von denen nicht wenige keinen einzigen Schuß hatten abfeuern können, nach Mailand bringen, um sie in den Erzgießereien untersuchen zu lassen ...«
1510 Copernicus lehnt eine Berufung an die Sapienza ab.
1512 Michelangelo: »Überall in den Provinzen hört man tagsüber und nächtens das Fauchen und Schnarren der Brennkreisel. Dahin ist die bukolische Ruhe unserer Heimat. Die Luft ist voll Rauch und Gestank verbrannten Naphtas. Über den Auen liegt ein ungesunder Nebel, ein Miasma, das einem den Atem beraubt.«
1576 Giordano Bruno wird zum Präsidenten der Sapienza gewählt.
1613 Johannes Kepler gelingt die Flucht vor den Nachstellungen der Gegenreformation in Deutschland. Gemeinsam mit seiner Mutter reist er über Wien und Venedig nach Mailand.
1614 Nicht Galilei, sondern Kepler wird zum Nachfolger Brunos als Leiter der Sapienza gewählt. Galilei verläßt demonstrativ die Akademie und zieht sich in sein Landhaus in Arcetri zurück.
1620 Endgültiges Scheitern der Gegenreformation in Europa. Verbot und Enteignung des Dominikanerordens.
1626 Protestantische Truppen belagern vergeblich Rom. Der Papst flieht über Budapest nach Krakau.
1627 Niederlage des durch Seuchen dezimierten nordischen Heeres in den Schlachten bei Orvieto und Bologna. Rückkehr des Papstes nach Rom.
1630 Beendigung des Glaubenskrieges im Frieden von Prag. Neuordnung Europas.
1672 Leibniz prägt den Begriff der »Cusanischen Acceleratio« der Wissenschaften. Bau der ersten funktionierenden mechanischen Rechenmaschine.
1674 Seeschlacht von Chalkis. Befreiung Griechenlands.
1676 Rückeroberung von Konstantinopel.
1682 Ein Söldnerheer unter dem Befehl des Condottiere Alessandro Tarvisio schlägt die Türken bei Tarsus und Mersin. Befreiung von Aleppo, Damaskus, Jerusalem und Kairo im Zweiten Heiligen Krieg. Sicherung der Petroleumquellen in Mesopotamien.
1705 Vollendung des Suezkanals.
1708 Besetzung von Oman und Jask an der Straße von Hormus durch ein italienisch/deutsch/englisches Expeditionsheer, um die Schiffahrtsstraße zu den Petroleumhäfen im Persischen Golf zu sichern.
1710 Verstärkter Bau von Schiffen, insbesondere hochseetüchtigen Petroleumfrachtern, mit leistungsfähigen Brennkreisel-Motoren durch die europäischen Großmächte.
1712 Die Militär-Signoria von Kairo gestattet aus 'Sicherheitsgründen' nur noch motorbetriebenen Schiffen die Durchfahrt durch den Suezkanal. Segelschiffe sind gezwungen, wie früher den beschwerlichen Weg um Afrika zu nehmen.
1715 Der Brand des Petroleumfrachters Amalfi äschert Piräus ein.
1720 Untergang des Petroleumfrachters Haven in der Bucht von Genua. Fisch- und Krabbenbestände in weitem Umkreis vernichtet. Die Altstadt von Genua muß für mehrere Monate evakuiert werden.
1738 Bau des ersten Luftschiffs mit Wasserstoff-Füllung durch Ian McInnes.
1752 Der Glory of Glasgow unter Kapitän Seamus Shaw gelingt als erstem Luftschiff die Überquerung des Atlantik.
1758 Leonhard Euler veröffentlicht sein bahnbrechendes Werk Calculationes zur Erreichung des Weltenraumes vermittels reactiver Flugapparate.
1763 Erste erfolgreiche Flugversuche George Rauschles mit dem Motorflugzeug Skylark of Massachusetts.
1780 Die Neuenglandstaaten entscheiden den Unabhängigkeitskrieg für sich durch die Luftüberlegenheit ihrer wendigen, von Robert Fulton konstruierten Arrow-Motorflieger über die schwer bewaffneten, aber verletzlichen Schlachtkreuzer der Royal Air Navy. Bombardierung von Boston und Norfolk. Zerstörung von Philadelphia durch Luft-Boden-Raketen mit Phosphor-Naphtalin-Sprengköpfen. Verheerende Niederlage der Briten in der Luftschlacht über Long Island.
1795 Erster regelmäßiger Transatlantik-Luftdienst zwischen Amsterdam und Boston, sowie zwischen Rom und Genua Nova über Ponta Delgado und Bermuda.
1814 Eine Flutkatastrophe in Holland fordert über 100 000 Menschenleben.
1819 Stürme bis Windstärke 12 suchen die deutsche Nordseeküste heim. Dämme auf einer Länge von vierzig Kilometern gebrochen. Hamburg muß wegen Überflutung evakuiert werden. Auch Holland wieder schwer betroffen. Pläne für ein gemeinschaftliches nordwesteuropäisches Damm-Projekt scheitern an den immensen Kosten.
1822 Schätzungsweise eine Million Tote durch den schwersten Taifun seit Menschengedenken in Südostindien. Drei Millionen Menschen fliehen aus den überfluteten Gebieten.
1825 Weltweit wird ein Ansteigen des Meeresspiegels registriert. Die Gelehrten stehen vor einem Rätsel. Einige von ihnen sagen einen 'tropischen Äon' voraus, der durch höhere Temperaturen und stärkere Luftbewegungen in der Erdatmosphäre gekennzeichnet sei. Saint-Léonard-de-Noblat Joseph Gay-Lussac, der bekannte französische Atmosphärenforscher, äußert die Vermutung, daß zwischen der exzessiven Verbrennung von Petroleum seit nunmehr 300 Jahren und der Veränderung des Weltklimas ein ursächlicher Zusammenhang bestehen könnte.
1830 'Orbitale Trajektorien in den Planetenräumen' von Carl Friedrich Gauß und Heinrich Olbers erscheint.
1845 Die Computersprache ADA, erfunden von Ada Lovelace, der Tochter Lord Byrons, verhilft den elektrischen Pascal-Rechenapparaten endlich zum Durchbruch. Das Zeitalter der sogenannten Datenverarbeitung beginnt.
1854 Publikation dar Gauß-Riemannschen Allgemeinen Gravitationstheorie, die ein durch Masse geometrisch verformtes raumzeitliches Kontinuum postuliert.
1866 Der letzte Stützpunkt im Sultanat Male muß aufgegeben werden. Die evakuierten Bewohner erhalten Siedlungsrechte an der Koromandelküste.
1871 Nach den Monsunstürmen zu Jahresbeginn melden die Piloten der Durban-Bombay Line die Überflutung der letzten Malediven-Inseln.
1873 Entdeckung des Massen-Energie-Prinzips durch William Clifford.
1878 Erster Überschallflug eines Raketenclippers von Savannah nach Sidney in weniger als sechs Stunden.
1881 Erster Orbitalflug mit Erdumrundung durch Major Brian McLaughlin mit dem Raketenflugzeug Thunder.
1883 Schätzungsweise eine halbe Million Tote in den ausgedehnten und dicht besiedelten Urlaubsgebieten entlang der Küsten von Sumatra, Surabaya, Siam und Malaysia durch eine Flutkatastrophe unbeschreiblichen Ausmaßes, hervorgerufen durch den Ausbruch des Krakatao-Vulkans in der Sundastraße. Richard Burton, der bekannte englische Forschungsreisende und Literat, der sich um die Zeit in Bandung aufhielt und tags darauf die Südküste Surabayas, des heutigen Java, mit einem Helikopter bereiste und das Unglücksgebiet in unmittelbaren Augenschein nahm, schrieb angesichts der ungeheuren Verwüstungen: »Es war, als wäre die Faust eines zornigen Gottes über das Land gefegt.« ('London Times' vom Donnerstag den 30. August 1883)
1886 »Unerschöpfliche Energie aus dem Nichts« verkündet die 'Washington Post' in ihrer Ausgabe von 28. April 1886 anläßlich der Einweihung des ersten mit den in der Materie schlummernden Maxwell-Kräften betriebenen Anlage zur Elektrizitätsgewinnung in New York. Thomas Alva Edison, der Erbauer der Anlage, wurde vom Präsidenten der amerikanischen Föderation, Stephen Grover Cleveland, mit dem Thomas Jefferson Award, der höchsten Auszeichnung für einen Wissenschaftler, geehrt.
1897 Die Länder der nordamerikanischen Föderation, allen voran Kalifonien, beschließen den Bau zahlreicher Maxwell-Kraftwerke, mit deren Hilfe gigantische Bewässerungsprojekte in Angriff genommen werden sollen, um der zunehmenden Trockenheit in den landwirtschaftlichen Gebieten des Kontinents entgegenzuwirken.
1899 Dürrekatastrophe in Indien. Das dritte Jahr in Folge bleibt der Monsunregen aus. 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Hilfslieferungen aus aller Welt vermögen die Not nicht zu lindern. Der Weltstaatenbund erzwingt angesichts des Massensterbens mit Waffengewalt die Öffnung der Grenzen nach Birma und Siam.
1906 Erdbeben in San Francisco. Zwei Maxwell-Kraftwerke schwer beschädigt. Samuel Ruben, der Präsident von Kalifornien, ruft den nationalen Notstand aus und bittet die Nachbarstaaten um Hilfe.
1907 Eine rätselhafte Seuche breitet sich von West nach Ost über den nordamerikanischen Kontinent aus. Die Länder des Mittelwestens schließen ihre Grenzen und ergreifen rigorose Quarantänemaßnahmen, nachdem mit dem Verbot von Viehtransporten keine Wirkung erzielt werden konnte. Die Seuche bewirkt nicht nur Siechtum und Mißbildungen bei Tieren, sondern auch zunehmend bei Pflanzen und sogar bei Menschen. Die Wissenschaftler stehen vor einem Rätsel.
1908 Ernest Rutherford, Professor in Manchester, der bis vor kurzem an der McGill University in Montreal lehrte und der in diesem Jahr mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurde, behauptet, daß zwischen der freigesetzten Strahlung aus den zerstörten Maxwell-Kraftwerken von San Francisco und dem Auftreten von tödlichem Siechtum bei Mensch und Tier sowie Mißbildungen bei Neugeborenen und bei Pflanzen ein unmittelbarer Zusammenhang bestehen muß; daß es sich also keineswegs um eine Infektionskrankheit handle, sondern um eine »Strahlenkrankheit« (»radiation lesion«), die medizinisch zwar noch unerforscht, aber keineswegs ansteckend ist. Trotzdem kommt es in ländlichen Gebieten immer wieder zu Pogromen an Sterbenden und Kranken unter dem Deckmantel von »Schutzmaßnahmen«.
1909 »Politischer Schachzug oder technische Panne?« fragt der 'Manchester Guardian' in seiner Ausgabe vom 26. Oktober. - »Die deutsche Mondexpedition endete in einem Desaster. Der unter monatelanger Geheimhaltung vorbereitete Start der Helmut von Moltke verlief offensichtlich planmäßig. Das Raumschiff setzte nach dreitägigem Flug im Mare Imbrium wohlbehalten auf, aber ein Rückstart zur Erde wurde nicht versucht oder mißlang. Vermutungen einiger ausländischer Experten, die behaupteten, eine Rückholung der vier Mondmatrosen sei überhaupt nicht geplant, ja technisch kaum möglich gewesen, traten die deutsche Admiralität und das Reichsmarineamt mit aller Schärfe entgegen. Politische Beobachter gehen ebenfalls von einer technischen Panne aus und halten die Mutmaßungen für absurd. Sie vermuten, daß das Risiko sträflich unterschätzt wurde, weil man dem Kaiser dieses technische Propagandaunternehmen nicht auszureden wagte. Der überraschende Rücktritt des Reichskanzlers Fürst Bernhard von Bülow brachte freilich kein Licht in die dubiose, von Kaiser Wilhelm II. mit Aplomb verkündete, aber blamabel verlaufene »Eroberung des Mondes durch das deutsche Reich«. Aus Potsdam selbst war keine Stellungnahme zu erhalten.
1914 Hungerflüchtlinge aus Afrika und Asien strömen nach Europa. Italien und Spanien richten ein dringendes Hilfeersuchen an die übrigen europäischen Staaten. Erste Paneuropa-Konferenz in Genf.
1915 Trotz massiver Proteste durch den Weltstaatenbund verschärfte Ausländerregelungen in den europäischen Ländern. Vermehrte Abschiebungen; Schließung der Außengrenzen. Pogrome gegen illegale Zuwanderer vor allem in Österreich, Deutschland, Frankreich und der Schweiz.
1917 Zweite Paneuropa-Konferenz in Wien. Gemeinsame Ausländerpolitik beschlossen. Ausnahmeregelungen nur für »Heimkehrer« aus den Ländern der ehemaligen Nordamerikanischen Föderation und der Südafrikanischen Republik, die als rassisch und genetisch unbedenklich eingestuft werden. Konkrete Pläne für eine Wirtschafts-, Währungs- und Verteidigungseinheit. Beschluß zur Errichtung eines Nordatlantikdamms.
1918 Dritte Paneuropa-Konferenz in London. Winston Churchill als »Einiger Europas« gefeiert. Die Forderung des Weltstaatenbunds nach Lockerung der europäischen Einwanderungsbestimmungen wird einstimmig abgelehnt, der Vorschlag »Öl für Immigration« als Erpressungsversuch zurückgewiesen.
1924 Die Vierte Paneuropa-Konferenz in Berlin verabschiedet Autarkie-Maßnahmen. Die Berliner Beschlüsse sehen vor, eine Flotte von Orbitalkraftwerken zu bauen, um die Energieversorgung sicherzustellen und gegen »Erpressungen« seitens des Weltstaatenbunds gewappnet zu sein.
1925 Gründung von Eurospatial in Paris. Beschluß zum Bau der ersten ständig bemannten Orbitalstation.
1933 Feierliche Unterzeichnung der Gründungsurkunden der Vereinigten Staaten von Europa in Versailles.
1936 Rückzug der »Freischärler«-Verbände unter General Francisco Franco aus Ceuta und Tanger und der Truppen des Feldmarschalls Benito Mussolini aus dem Mezzogiorno. Errichtung einer »Sicheren Grenze« in Mittelitalien (Termoli-Gaeta-Linie), die später an den südlichen Rand der Poebene verlegt wird (Abruzzen-Wall).
1936 Verstärkter Ausbau der Bastion Midi an der spanisch-französisch-italienischen Mittelmeerküste, des Südlichen Atlantikwalls und des Santiago-Walls an der portugiesischen und der spanischen Westküste sowie das Ostwalls zwischen der Adria und dem Finnischen Meerbusen (Triest-Lemberg-Helsinki-Linie).
1944 Errichtung eines flutsicheren Atlantikdamms am Rande des europäischen Festlandssockels zwischen Bilbao und Kristiansund, an Brandon Head und Erris Head vorbei, die Hebriden und Shetlands umschließend, nach fünfundzwanzigjähriger Bauzeit abgeschlossen.
1945 Europapräsident Charles de Gaulle erklärt den Alten Kontinent zur »uneinnehmbaren Festung«. In seiner Festrede bezeichnet er Europa als »Arche, die unsere Kultur des Abendlandes in die Zukunft tragen wird.«

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Die Grenze

Der Karawanenführer blickte auf das Gerät an seinem Gürtel und wies den Männern, schnauzbärtigen Gesellen mit Turbanen oder um den Kopf geschlungenen Tüchern, die Richtung. Sie legten ihre staubigen Teppiche ins Gras und rollten sie nach Südosten aus. Nachdem sie sich und der Welt die Größe Allahs versichert hatten, erhoben sie sich und verbeugten sich ein letztes Mal gegen den dunklen Teil des Himmels. Die Abendluft war feucht und kühl. Die Bahn der Sonne lag noch tief, doch sie war schon dabei, sich von ihrem Winterlager zu erheben, jeden Tag einen Finger breit; vorerst war sie war noch zu schwach, um die Nebel wegzubrennen, die im Winter über der Po-Ebene lagen. Aber der Staub und die Asche in der hohen Atmosphäre gaben Anlaß zu schwelgerischen Sonnenuntergängen.
   Die Nacht zuvor hatten sie an der Oase von Corníglio gelagert; nun hatten sie den Rand der Ebene erreicht, wo bei Langhirano das Trockental der Parma sich öffnet. Bei Torrechiara, in Sichtweite der Grenze, hatten sie haltgemacht. Sie waren am Ziel. Die Treiber hatten die Kamele von ihren Lasten befreit und im Flußbett getränkt, wo zwischen flachen Felsblöcken Wasser aus dem Boden trat. Nun weideten die Tiere am grasbewachsenen sanften Nordhang, an dessen Fuß die Männer ein Feuer entzündet hatten.
   »Dort drüben«, sagte der Karawanenführer und deutete mit dem Kinn nach Norden in die dunstige Ebene, »beginnt, wie manche behaupten, das gelobte Land.« Das Grün der Vegetation tat dem Auge wohl nach zwanzig Tagen Steppe, kahlen Gebirgen und Wüstenstreifen. »Aber es ist nicht unser Land, und wir haben dort nichts verloren.« Er ging vor den Männern auf und ab, die am Feuer saßen und Wasserkessel auf die Steine gestellt hatten, um Tee zu kochen. Das Abendlicht quoll korallenrot durch die Wolkenbänke über dem westlichen Horizont, schwand nur ganz allmählich, anders als im Süden. »Manche wollen das nicht glauben«, fuhr er fort. »Jedesmal sind ein paar bei der Karawane, die halten sich für schlau genug, um die Grenze zu überwinden.« Er faßte die jungen Männer ins Auge. »Noch nie hat es einer geschafft. Die Grenze ist nicht zu überwinden. Und sie ist tödlich.« Er spuckte ins Feuer und fuhr mit dem Finger unter den Stirnrand des Turbans, um ihn zu lockern. »Manche Leute behaupten, hinter der Grenze liege ein Land, in dem Milch und Honig flössen. Das ist Unsinn. Die Menschen in diesem Land leiden zwar keinen Hunger, ja, sie sind im Vergleich zu uns unermeßlich reich, aber sie teilen nicht mit uns, weil sie wissen, daß ihnen nicht genug davon bliebe, worauf sie Anspruch erheben. Also verteidigen sie ihren Reichtum mit Zähnen und Klauen. Sie leben in Angst, denn sie halten dieses ihr Land für eine Insel im Chaos. Und sie haben Angst, diese ihre Insel könnte untergehen, es könnten Sturmfluten hereinbrechen und sie hinwegfegen. Deshalb haben sie sich mit einem Wall aus Waffen umgeben, der vom eisigen Nordmeer über den Osten Europas bis hierher und von hier aus nach Westen zum großen Meer reicht, dem Biskaja-Damm, dem Wales-Irland-Damm und dem Nordsee-Bogen folgt und sich wieder hinauf zum Nordmeer erstreckt. Diese Insel wird Europa genannt, und sie ist eine Welt für sich, die nichts zu tun hat mit der Welt, die wir kennen.«
   In der aufsteigenden Dunkelheit hörte man die Tiere, die begierig das saftige Gras rauften. Sie hatten sich satt getrunken und rülpsten kollernd.
   »Hinter dieser Mauer leben mehr alte Menschen als in der ganzen übrigen Welt zusammengenommen. Und für viele dieser alten Menschen vergeht die Zeit nicht mehr. Sie haben beschlossen, daß die Zeit stillzustehen habe, und sie verfügen über die Möglichkeit, den Fluß der Zeit anzuhalten. Sie verfügen über viele technische Möglichkeiten, die wir gar nicht verstehen. Aber manchmal bekommen wir ein wenig davon ab. Darauf gründet sich unser Geschäft. Denn wir haben wiederum Dinge anzubieten, die sie mit all ihrer Technik nicht herzustellen vermögen.«
   Er ging in die Hocke und schlug mit der flachen Hand auf eine der Traglasten, »Gewürze«, schlug auf eine andere, »Kaffee«, auf eine weitere, »Kakao«, deutete auf eine vierte, »Tabak. Das sind die Dinge, die sie von uns brauchen. Und deshalb sind wir hier.« Er erhob sich. »Dafür geben sie uns Solartechnik, Funktechnik, medizinische Geräte, Arzneimittel, Impfstoffe.«
   Ein paar der Männer lachten unbehaglich, entblößten Zahnlücken.
   »Aber was sie uns nicht geben, sind Waffen.« Er nickte bekräftigend. »Und in der Waffentechnik sind sie unübertrefflich. Deshalb ist diese Grenze unüberwindlich und tödlich. Diese vielen alten Menschen, die nicht sterben wollen und vielleicht nicht sterben können, geben ihren Reichtum dafür aus, immer perfektere Waffen entwickeln zu lassen. Denn die Angst geht unter ihnen um, daß sich doch etwas ändern könnte. Daß irgend etwas von außen eindringen könnte. Daß die Zeit wieder in Fluß geraten könnte und das Unheil seinen Lauf nähme.«
   Er stieß mit seinem derben Stiefel einen glimmenden Ast zurück ins Feuer und machte eine umfassende Geste mit der Hand nach Norden und Westen hin.
   »Auch wenn ihr nirgends jemanden seht, so könnt ihr doch sicher sein, daß wir unter ständiger Beobachtung sind. Denen entgeht keiner unserer Schritte, keine Bewegung. Ihr könnt keiner Libelle trauen, denn sie könnte ein MAV sein. Keiner Fliege!«
   Einige der Männer lachten.
   »Lacht nicht!« fuhr Bakhtir auf, der seine Wasserpfeife stopfte. »Luigi hat recht. Nicht mal euren Filzläusen könnt ihr hier trauen.«
   Hakim, sein Sohn, der neben ihm kauerte und den Glasbehälter der Pfeife mit frischem Wasser füllte, kicherte. Sein Vater versetzte ihm einen leichten Fußtritt. »Du sollst nicht lachen, habe ich gesagt.«
   »Ihr habt keine Ahnung«, fuhr der Karawanenführer fort, »was Gefechtsfeldholos sind, und ich werde auch gar nicht erst versuchen, euch das zu erklären. Nur soviel: Wenn ihr ein Haus seht, dann braucht da weit und breit kein Haus zu stehen, aber ihr könnt sicher sein, daß ganz in eurer Nähe eine tödliche Falle lauert, ein Fleischwolf, der mit Stahlzähnen nach euch schnappt, oder ein Knochenbrecher, der euch zu Brei zermalmt.«
   Bakhtir nickte bekräftigend, während er seine Pfeife entzündete.
   »Dasselbe gilt für Bäume und Büsche«, sagte Luigi und reichte seinen Blechbecher einem Treiber, der aus einer großen rußigen Kanne Tee eingoß. »Weit und breit braucht kein Baum oder Busch zu wachsen.« Er nahm einen Schluck. »Aber ihr könnt sicher sein, daß ganz in der Nähe ein Laser auf euch gerichtet ist, der euch zu Asche verbrennt. Also seid gewarnt!«
   Als der messingfarbene Himmel seinen letzten Glanz verloren hatte und die Nacht hereingebrochen war, sah man im Nordwesten ein farbiges Lichterbündel aufsteigen und dem Zenit entgegenstreben. Ein Lichtstrahl stach zur Erde herab, an dem das Gebilde befestigt schien wie ein Drache an einer straff gespannten Schnur. Als es den Zenit erreicht hatte, riß diese Schnur und erlosch, und das Lichterbündel driftete in Richtung Südosten über den Himmel davon, bis es im Erdschatten verschwand. Ein Sonnensatellit der ESA, der seine Ausbeute bei einer der Bodenstationen Europas abgeladen hatte. Sechzehn solcher Energiefarmen betrieb die ESA derzeit im mittleren Orbit, um die unersättliche Gier des alten Kontinents nach elektrischem Strom zu befriedigen, seines elektronischen Herzens, seines komplizierten Netzes innerer Organe und seiner tödlichen Peripherie.
   Die Treiber, die das Schauspiel mit einer Mischung aus Neugier und Ehrfurcht beobachtet hatten, hüllten sich nun gegen die Kälte in ihre Dschellabas, saßen am Feuer und rauchten. Der Karawanenführer stand auf, ging ein paar Schritte in die Dunkelheit hinein und setzte sich auf einen Stein. Er zog ein kleines Gerät, das mit einem Kettchen gesichert war, aus der Brusttasche seiner Jacke, legte es auf die Handfläche und aktivierte es, indem er eine Taste am Rand eindrückte. In einigen Kilometern Entfernung erstrahlte ein winziges, aber unglaublich helles blaues Licht. Weitere Lichtsignale in Rot und Gelb blinkten da und dort in der Ebene auf. Die LED-Anzeige des Geräts wurde hell. Er drückte mit dem Daumen darauf. Ein heller weißer Punkt erschien weit im Norden, stieg mit rasender Geschwindigkeit in den Himmel, stand plötzlich still und brannte einige Sekunden lang in grellem Licht, bevor er erlosch.
   »Hallo, Luigi«, sagte eine Stimme aus dem Gerät. »Du bist zurückgekehrt. Willkommen an der Grenze. Wie geht es dir?«
   »Mir geht es gut, André. Ich habe siebenundsechzig schwerbeladene Tiere bei mir. Ich konnte fast alles beschaffen, was angefordert wurde. Aber das weißt du ja alles längst.«
   André lachte. »Wir verladen heute nacht deine Fracht. Wir nehmen den Austausch wie immer zwei Stunden nach Sonnenaufgang vor. Einverstanden?«
   »Einverstanden. - Wie weit bist du weg?«
   »Von dir? Weshalb fragst du?«
   »Es fasziniert mich immer wieder.«
   André lachte von neuem. Es klang wie ein Rasseln aus dem kleinen Gerät.
   »Nun«, erklärte er, »ich sitze hier in Nantes. Die Entfernung zu dir - laß mich einen Blick auf mein GPO werfen - beträgt neunhundertdreiundvierzigtausend und vierhundertundzwölf Meter. Das entspricht etwa der Strecke, die ihr in den letzten zweiundzwanzig Tagen von Reggio di Calabria aus zurückgelegt habt.«
   Sie waren die ehemalige A 12 entlanggezogen, über Civitavécchia, Tarquinia, Grosseto, Livorno, Pisa, Viaréggio und Massa, weil in der Küstenebene noch immer Wasserstellen zu finden waren und das Gelände überblickbarer war. Dann, hinter Sarzana, waren sie nordnordöstlich nach Aulla abgebogen, den Taverone hinauf ins Gebirge, über den Paso di Lagastrello und dann hinunter ins Tal der Brática, an Corníglio vorbei bis Langhirano, wo kurz vor Parma die alte Straße von der Grenze blockiert wurde.
   »Wir haben diesmal wieder die sichere Route durch die Küstenebene gewählt.«
   »Ich weiß. Wir hatten euch von Anfang an unter Satellitenbeobachtung. Wenn wir Zeichen eines Hinterhalts festgestellt hätten, wäre sofort Unterstützung unterwegs gewesen. Wir haben an der Südgrenze ständig Überschalldrohnen in der Luft; die könnten in zehn Minuten in Rom, in fünfzehn in Neapel und in zwanzig in Reggio sein.«
   »Ich weiß, André, aber auf meiner Seite der Welt funktioniert das nicht. Das würde meine Männer nur unnötig ängstigen. Außerdem brauche ich Wasserstellen und Lagerplätze, muß mir die Gunst und das Wohlwollen der lokalen Herrscher sichern. Wir reisen unter dem Schutz des Emirs von Perugia. Er ist ein mächtiger Herr, und er ist gefürchtet für seine Strafexpeditionen.«
   »Er läßt sich diesen Schutz teuer bezahlen.«
   »Dafür sind seine Soldaten verläßlich. Er wirbt seine Truppen unter den muslimischen Bosniaken an. Da kann er sich darauf verlasen, daß sie mit den Serben und Kroaten oder den albanischen Warlords, die in den Abruzzen lauern, nicht gemeinsame Sache machen.«
   »Ich verstehe, Luigi.«

* * *

In der Nacht erwachte er vom Wopp-wopp der schwachen Repellateurs. Vielleicht waren Tiere in die Grenzüberwachung geraten. Als er dann das Wummern und Grollen schwerer Repellateurs und das Jaulen der Vortexwerfer hörte, stand er auf und trat vors Zelt. Der Mond stand im Westen. Leichter Nebel lag über der Ebene, der die Geräusche weit trug. Sie kamen aus Nordwesten: Das knochenzermalmende Stöhnen von Schallkanonen und das noch weiter entfernte Heulen von Fleischwölfen. Die ganze Grenze war in heller Aufregung: Blaßblaue Lichterketten flickerten über Kilometer hin und her. Rubinlaser sprühten waagrechte karminrote Lichtfächer, die wie Besen das flache Gelände fegten. Irgendwo in der Nähe war das insektenhafte Sirren von Mikrojets und das Flappen von Rotoren zu hören.
   Plötzlich hörte er im Lager einen Schrei, dann laute, heftige Worte. Bakhtir kam außer sich vor Wut auf ihn zugestiefelt; mit Fußtritten und Faustschlägen trieb er zwei Jungen vor sich her. Sie wirkten benommen und versuchten gar nicht, vor den Tritten und Schlägen des obersten Treibers auszuweichen. Ghamal und Pietro; sie standen unter Schock. Luigi packte einen Arm voll Äste und warf sie in die Glut, um ein Feuer anzufachen. Die Jungen hatten beide blutige Nasen und Blutergüsse im Gesicht und an den Armen - Spuren der Repellateurs.
   »Sie haben wenigstens einen solchen Schreck gekriegt, daß sie umgekehrt sind«, rief Bakhtir mit einer Stimme, als sei ihm die Kehle zu eng, »aber Ibrahim und...« Er brach ab und versuchte vergeblich, ein Schluchzen zu unterdrücken.
   »Dein Junge?« fragte Luigi.
   Bakhtir nickte stumm. Er packte ihn an der Schulter.
   »Ihr geht in euer Zelt!« herrschte er die beiden Jungen an, die vor ihm hockten und sich die schmerzenden Schädel hielten. »Wir sprechen morgen darüber.«
   Sie rappelten sich hoch und stolperten davon.
   »Dieser verrückte Ibrahim!« rief Bakhtir, es klang wie ein Heulen. »Er hat Hakim und die beiden anderen zum Mitkommen überredet. Ich hätte diesen Kerl in Ketten legen sollen.« Er stieß wütend einen Stein ins Feuer.
   »Versuch dich zu beruhigen, Bakhtir«, sagte Luigi. »Wir werden erfahren, was passiert ist.«
   »Denkst du, es besteht noch Hoffnung?«
   Der Karawanenführer zuckte schweigend die Achseln und blickte zu Boden.
   »Hakim!« rief Bakhtir hinaus in die Ebene. Dort hatte sich der Nebel ausgebreitet wie ein milchiger See, aus dem die Wipfel der Bäume ragten. »Hakim!«
   Die Lichterspiele waren erloschen. Das Heulen der Wölfe war verstummt. Die Repellateurs schwiegen. Das Feuer loderte und hob ihre Gesichter aus der Dunkelheit. Der Mond sank dem Horizont entgegen.

* * *

Anderthalb Stunden nach Sonnenaufgang tauchte das Luftschiff auf. Als es über dem Lagerplatz schwebte, erstarb das Winseln der Jets, und es sank herab. Kurz vor dem Aufsetzen fauchten sie noch einmal kurz, und der elastische hellgraue Plastikleib des Zeppelins, der auf dem Rücken und an den Flanken mit einer glitzernden Schicht bedeckt war, als hätte er sich in Kristallzucker gewälzt, brach unten auf wie eine weiche Schote und gab Container frei, die sich in zwei Reihen anordneten.
   Die Treiber machten sich daran, die Container zu entleeren. Sie waren mit abgepackten Traglasten gefüllt, die in silbrige Plastikfäden eingesponnenen waren. Sie wurden nun gegen die von der Karawane mitgebrachten ausgetauscht. Luigi kontrollierte mit seinem Gerät die elektronische Kennung der Frachtstücke. Auf dem LED erschienen Nummern, Stückzahlen und Warenbezeichnungen sowie Namen und Anschrift der jeweiligen Adressaten.
   Die Treiber waren bereits dabei, die Tiere zu beladen und die Lasten festzuzurren, als in der Öffnung am vorderen Teil des Zeppelins die Gestalt eines Mannes in einem euroblauen Schutzanzug erschien. Sein polarisiertes Helmvisier ließ kein Gesicht erkennen. Er hob die Hand und rief: »Hallo, Luigi!« Er deutete auf Bakhtir. »Sie sind der Vater des einen Jungen?«
   »Ja«, sagte Bakhtir heiser. Ein Hoffnungsfunke glomm in seinen Augen auf.
   »Kommt beide mal mit.«
   Er stieg die Aluminiumleiter ins Cockpit hinauf. Luigi und Bakhtir folgten.
   Hinter ihnen zogen Servos die Container in den Frachtraum und befestigten sie in ihren Schaumstoffmulden.
   Luigi traute seinen Augen nicht; das Cockpit war weit geräumiger, als es die Abmessungen von außen erwarten ließen. An der Längswand des Raums stand eine Rolltrage. Darauf lag Hakim.
   »Bahbah!« rief er mit kläglicher Stimme.
   »Junge«, sagte Bakhtir und wollte auf ihn zustürzen, aber Luigi packte ihn an den Schultern und hielt ihn fest. Er sah, daß der Junge ein gebrochenes Rückgrat hatte. Sein Körper war von der Brust abwärts reglos. Nur Kopf und Arme waren in Bewegung; auf den Ellbogen versuchte er von der Trage zu kriechen, aber breite elastische Bänder hielten den gelähmten Körper darauf fest. »Bahbah!« wimmerte er.
   Sein Vater sah ihn mit wachsendem Entsetzen an.
   »Von dem anderen«, sagte der Mann im Schutzanzug, »ist leider nichts übrig geblieben. Er ist voll in einen Laserfächer gerannt. Ihm« - er deutete mit einer Kopfbewegung auf Hakim - »hat ein schwerer Repellateur alle Knochen gebrochen. Auch die Wirbelsäule.«
   »Mein Sohn«, sagte Bakhtir zärtlich, zog den Revolver aus dem Gürtel und hielt ihn Hakim an den Kopf. Der Junge starrte ihn entsetzt an; sein Wimmern wurde lauter.
   »Lassen Sie den Quatsch, Mann!« rief der Pilot im Schutzanzug. »Sie könnten da, wo Sie sich befinden, eine Menge sündteurer Elektronik kaputtmachen und damit die Selbstverteidigung auslösen, wenn Sie rumballern! Also stecken Sie das Ding weg!«
   Bakhtir sah mit Entsetzen, daß er den Lauf seiner Waffe zur Hälfte in den Schädel des Jungen geschoben hatte. Erschrocken riß er sie zurück, richtete sie auf den Piloten und feuerte zwei Schüsse auf die Brust des Mannes ab. Der Kranz der Eurosterne blieb unversehrt, aber eine Alarmsirene blökte los, und irgendwo war das Zischen von ausströmendem Gas zu hören.
   »Halt den Mann zurück, Luigi!« Er patschte mit dem Handschuh auf die großen Schaltfelder an der linken Schulter seines Schutzanzugs. »Er glaubt allen Ernstes, wir sind leibhaftig hier. Verdammt, und jetzt so schnell wie möglich raus! Ich habe von hier aus keine Kontrolle mehr über den Selbstschutz der Maschine.«
   »Bahbah!« rief Hakim kläglich, warf verzweifelt den Kopf hin und her und starrte durch sie hindurch, als wären sie plötzlich unsichtbar geworden.
   Im nächsten Moment war die Rolltrage verschwunden, ebenso der Mann im Schutzanzug. Der Raum hatte sich auf ein Drittel seiner Länge reduziert und füllte sich vom Boden her mit weißlichem Rauch. An der Wand, wo die beiden Geschosse eingeschlagen waren, knisterte und knackte es, und die Alarmsirene wollte nicht aufhören zu blöken. Der Rauch wurde dichter. Bakhtir hustete und krümmte sich zusammen, wodurch ihm noch mehr Gas in die Lungen geriet.
   »Raus! Raus! Raus!« schrie Luigi, packte ihn an den Schultern, drängte ihn zur Luke, warf ihn hinaus und sprang hinterher. Mit einem Schnappen schloß sich dicht hinter ihm das Schott des Cockpits. Sie krochen unter dem Flugzeug hervor - keine Sekunde zu früh, denn die Triebwerke feuerten bereits, und die Maschine hob ab. Luigi und Bakhtir bewarfen sich gegenseitig mit Sand, um die Flammen zu ersticken, die an ihren Dschellabas züngelten, dann hockten sie sich hin, erbrachen sich und husteten sich die Seele aus dem Leib.
   »Wir haben den Jungen in die Klinik von Mantua gebracht. Er wird hier bleiben, bis er geheilt ist. Dann könnt ihr ihn mitnehmen, wenn ihr das nächste Mal wiederkommt«, sagte die Stimme des Mannes im Schutzanzug aus dem Gerät an Luigis Gürtel. »Und noch was, Karawanenführer: Schärf deinen Leuten immer wieder ein, daß wir hier keinen Abenteuerspielplatz betreiben. Dies ist eine Grenze, die nichts und niemand durchdringen kann. Es ist die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft.«
   Luigi spuckte aus, um den scharfen, brennenden Geschmack im Mund loszuwerden. »Und auf welcher Seite liegt die Zukunft?« fragte er.
   André lachte. »Bei uns gehen die Uhren schneller, und das seit mehr als fünfhundert Jahren. Schau auf deinen Kalender, Luigi. Er zeigt das Jahr vierzehnhundertfünfundzwanzig. Wir hier leben zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts.«
   »Dann haben wir noch viel Zeit«, erwiderte der Karawanenführer.
   Der Mann in Nantes antwortete nicht. Und Luigi sah, daß das Licht erloschen war. Die Verbindung war unterbrochen.
   Die Sonne hing tief im Südosten wie ein blaßroter Lampion, den man vergessen hatte abzunehmen, nachdem die Party zu Ende war.

© copyright 1999 by Wolfgang Jeschke

Vorabdruck aus dem Roman Das Cusanus-Spiel Bestellen
Erstveröffentlichung in: Erik Simon (Hrsg.), Alexanders langes Leben, Stalins früher Tod Bestellen


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Siehe auch
Interview mit Wolfgang Jeschke: Ich bin ein sehr neugieriger Mensch!
Wolfgang Jeschke, »Das Geschmeide« [Story]
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28.08.10 • 02.09.10