Für meinen Freund Manfred Kluge,
der nun ein anderes Universum bereist.
Es entbehrt
nicht einer gewissen Pikanterie, daß man ausgerechnet Nicolaus Cusanus, den päpstlichen
Legaten und persönlichen Freund von Papst Pius II., zum Beschützer und Bewahrer der
abendländischen Wissenschaft gegenüber einer aufklärungs- und fortschrittsfeindlichen
Kirche hochzustilisieren versucht hat, als hätte es Tendenzen solcher Art seitens des
Klerus jemals gegeben. Freilich gab es zuweilen Meinungsverschiedenheiten und Dispute
über astronomische und kosmologische Detailfragen, aber diese Diskussionen sind Ausdruck
und Zeichen eines lebendigen Wissenschaftsbetriebes, ja dessen Voraussetzung. Wer sonst
als die Kirche hat seit dem Niedergang des römischen Reiches über viele Jahrhunderte
hinweg die Schätze griechischer, römischer und morgenländischer Gelehrsamkeit sorgsam
bewahrt? Wer die unschätzbar wertvollen Werke der Altvorderen vervielfältigt und
verbreitet? Wer ihre Inhalte studiert, interpretiert und gelehrt? Die wissenschaftliche
Beschäftigung mit der Schöpfung hat in der Kirche eine lange, ungebrochene, ehrwürdige
Tradition. Es hat keines Cusaners und keiner »Acceleratio« bedurft, um, wie Diderot
schrieb, »der Wissenschaft eine Gasse zu hauen« und »dem technischen Fortschritt den
Weg zu ebnen«. Das ist, mit Verlaub, eine historische Fiktion, wie sie in jenen
virtuellen geschichtlichen Konstruktionen, die heute zunehmend in Mode kommen, immer mehr
um sich greifen, die aber nur geeignet sind, die Tatsachen zu vernebeln und den Blick auf
die Wirklichkeit zu verfälschen.
Betrachten wir die Fakten: zwei Briefe aus der Feder des Kardinals,
beide geschrieben am 12. März des Jahres 1452 während eines kurzen Aufenthalts in seiner
ehemaligen Pfarrei St. Florin zu Koblenz. Einer an Dietrich von Moers, den Erzbischof von
Köln, in dem er diesem rät, päpstlichen Beistand zu erbitten in einem Prozeß, in dem
eine Frau unbekannter Herkunft der Ketzerei angeklagt ist. Ein weiterer an Papst Nicolaus
V., in dem er die Gründung einer wissenschaftlichen Akademie durch den hl. Stuhl
vorschlägt, die sich speziell mit ungewöhnlichen Naturerscheinungen befassen soll.
Was hat man nicht alles hineingeheimnist in jene letzten Februartage,
die der Kardinal, von Brüssel über Löwen und Maastricht kommend, in Köln verbracht
hat, um dort ein Provinzialkonzil zu eröffnen? Von einem »Paulus-Erlebnis« ist die Rede
(als wäre er je ein Saulus gewesen!); von merkwürdigen Briefen, die ihm von einem
geheimnisumwitterten Scholaren ausgehändigt worden seien; von der Begegnung mit einer
rätselhaften Schönen aus einem fernen Land, die ihn betört und ihm die Zukunft
geweissagt habe.
Tatsächlich hatte sich Cusanus als päpstlicher Diplomat und Reisender
in Sachen Neuordnung und Organisation der Kirche bis dahin - wohl schon allein aus
Zeitgründen - wenig um die Förderung der Wissenschaften gekümmert, obwohl er in Fragen
der Astronomie und Kosmologie seiner Zeit weit voraus war, Experimentalphysik betrieb und
sich als erster ernsthaft mathematisch mit dem Begriff der Unendlichkeit beschäftigte.
Aber zu seiner Bemühung um eine verstärkte Institutionalisierung von Forschung und Lehre
seitens der Kirche bedurfte es weder geheimnisvoller Scholaren noch betörender Sibyllen.
Es war ein Erfordernis der Zeit, und der Kardinal von Kues an der Mosel war gewiß nur
einer von vielen, welche die Zeiten der Zeit richtig zu deuten wußten. Die Cusanische
Acceleratio, wie Leibniz sie postuliert hat, ist eine Chimäre. Die Behauptung, er allein
sei es gewesen, der »eine schläfrige, in lächerlichen Glaubensdingen zerstrittene
Kirche aufweckte«, wie Voltaire es auszudrücken beliebte, ist eine Fiktion. Das Donnern
der modernen Artillerie, die Sultan Mehmet II. im Jahr darauf vor den Toren von
Konstantinopel in Stellung brachte, deren Feuerkraft der Westen nichts entgegenzusetzen
vermochte, war laut genug, um das gesamte Abendland aufzurütteln - und letztlich zu
einen.
Die Aufzeichnungen von Highgate
1460
Im Auftrag von Papst Pius II. gründen der päpstliche Legat Nicolaus
Cusanus und Julius Pomponius Laetus das humanistische Forschungsinstitut Accademia Romana.
1461
Johannes Regiomontanus wird zum Leiter der Accademia berufen.
1462
Auf Anregung von Nicolaus Cusanus führt Johannes Regiomontanus eine
»Weltvermessung« durch. Das Ergebnis bestätigt die Angaben des Eratosthenes von Kyrene
(276 - 195 v.Chr.), der aus den abweichenden Schattenlängen auf dem Meridianbogen
zwischen Syene und Alexandria einen Erdumfang von 40 000 Kilometer errechnete.
1464
Tod von Papst Pius II. und Nicolaus Cusanus in Todi, Umbrien, während
des Aufbruchs zu einem Kreuzzug zur Rückeroberung Konstantinopels.
1467
Papst Paul II., Nachfolger von Pius II., betreibt die Schließung der
Accademia Romana, die er bei aller Sympathie für die Wiederbelebung des humanistischen
Erbes für eine ketzerische Geheimgesellschaft hält. Lucius Pomponius Laetus wird der
Gotteslästerung angeklagt, ein weiteres Mitglied, Bartolomeo Platina, wird gefoltert.
Johannes Regiomontanus und einigen seiner Mitarbeiter gelingt die Flucht nach Mailand, wo
die Sforza sie unter ihren Schutz stellen.
1470
Leonardo da Vinci wird Mitglied der Sapienza, wie die ehemalige Accademia
Romana sich seit ihrem Exodus nennt. Sie gilt als Zentrum humanistischer Bildung und
Forschung und wird zum Ziel zahlreicher Gelehrter, Handwerker und Studenten aus aller
Welt.
1475
Einführung des Magnetsteins auf den Schiffen des Italischen Bundes.
1476
Nach dem Tod von Johannes Regiomontanus wird Leonardo zum Leiter der
Sapienza gewählt.
1478
Erfindung des 'Brennkreisels' in der Sapienza durch Korbinian
Seeshaupter, einem Büchsenmacher aus dem Salzburgischen. Zunächst mit Naphta befeuert,
später mit Petroleum und seinen Derivaten, stellt der 'Kreisel' eine Art Turbine dar, die
als 'mechanischer Sklave' bald auf allen Gebieten Anwendung findet, sei es als Antrieb von
Fahrzeugen oder Pumpen, sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Industrie und
zunehmend im Verkehrswesen.
1480
Erneuerung des Italischen Bundes zwischen Venedig, Mailand. Florenz,
Neapel, Montferrat und Savoyen für weitere 25 Jahre. Beitritt Genuas.
1481
Albertis Gesang der mechanischen Sklaven wird in Mailand
uraufgeführt.
1484
Papst Sixtus IV. erklärt, daß es im westlichen Meer unentdeckte Länder
geben müsse, da eine gegenteilige Auffassung, wie sie von einigen irregeleiteten
Gelehrten verbreitet würde, die glaubten, das legendäre Cathay Marco Polos sei in
westlicher Richtung nur durch einen Ozean von unserer Welt getrennt, eine Unausgewogenheit
der Schöpfung voraussetze und deshalb unchristlich und ketzerisch sei.
1486
Giovanni Caboto, ausgesandt von der Signoria seiner Heimatstadt Genua auf
die Suche nach neuen Ländern im westlichen Teil der Welt erreicht am Christophorustag
(24. Juli) die Mündung des Delaware. Auf seiner zweiten Expedition (1488 - 1490) erkundet
er die Küste zwischen der Mündung des Savannah und der des San Lorenzo. Auf der dritten
Reise (1492 - 1495), die der Errichtung von befestigten Stützpunkten und
Handelsniederlassungen dient und auf der ihn sein Sohn Sebastiano begleitet, findet er bei
einer bewaffneten Auseinandersetzung mit Eingeborenen Terranovas den Tod. Er wird auf dem
nach ihm benannten Cape Caboto beigesetzt. Sein Sohn Sebastiano führt die Expedition
erfolgreich zu Ende.
1489
Während die Galeonen des Großherzogs der Toskana die
Mississippi-Mündung und die Küste von Yucatan erkunden, legen venezianische
Handelskapitäne im Auftrag ihrer Signoria an der Nordküste des südlichen Terranova
befestigte Handelsplätze an, die sich zunehmend räuberischer Überfälle durch
portugiesische und spanische Seefahrer erwehren müssen, nachdem die Kunde von reichen
Goldfunden nach Europa gedrungen ist.
1492
Erster erfolgreicher Abschuß eines 'Milan', auch 'Feuerbremse' genannt.
Es handelt sich um eine Rakete, die von einem mit flüssigem Treibstoff befeuerten
'Brennrohr' angetrieben wird. In den Schmieden der Sapienza hergestellt und von einem
Katapult in steilem Winkel gestartet, legte das Geschoß zwanzig Stadien oder zweieinhalb
römische milia zurück und trug eine bomba mit einem Mastello Naphta
ins Ziel.
1494
Einfall König Karls VIII. von Frankreich in die Lombardei auf dem Weg
nach Neapel. Am 23. September Treffen am Ticino. Das vereinte italische Heer unter dem
Befehl Francesco Gonzagas bereitet den Franzosen eine vernichtende Niederlage. Der
Florentiner Staatsmann und Historiker Francesco Guicciardini schreibt in seiner 'Storia
d'Italia':
»Die so gefürchtete moderne französische Artillerie wurde völlig überrumpelt. Das
infernalische Kreischen der mailändischen Feuerbremsen, die durch den Himmel rasten,
Naphtafeuer verspritzten und das Schlachtfeld in wenigen Minuten in Rauch und Flammen
hüllten, fuhr wie der Zorn Gottes zwischen die Feinde, deren Aufmarsch bald jede
Schlachtordnung vermissen ließ. Als zur Kavallerie-Attacke geblasen wurde, war die
Reiterei hoffnungslos zerstoben, und die Bauern in Savoyen ließen ihre Äcker im Stich,
um die in weitem Umkreis verstreuten gesattelten Pferde einzufangen und sie für gutes
Geld allenthalben auf den Märkten zu verkaufen.
Francesco ließ die schönen neuen französischen Kanonen, von denen nicht wenige keinen
einzigen Schuß hatten abfeuern können, nach Mailand bringen, um sie in den
Erzgießereien untersuchen zu lassen ...«
1510
Copernicus lehnt eine Berufung an die Sapienza ab.
1512
Michelangelo: »Überall in den Provinzen hört man tagsüber und
nächtens das Fauchen und Schnarren der Brennkreisel. Dahin ist die bukolische Ruhe
unserer Heimat. Die Luft ist voll Rauch und Gestank verbrannten Naphtas. Über den Auen
liegt ein ungesunder Nebel, ein Miasma, das einem den Atem beraubt.«
1576
Giordano Bruno wird zum Präsidenten der Sapienza gewählt.
1613
Johannes Kepler gelingt die Flucht vor den Nachstellungen der
Gegenreformation in Deutschland. Gemeinsam mit seiner Mutter reist er über Wien und
Venedig nach Mailand.
1614
Nicht Galilei, sondern Kepler wird zum Nachfolger Brunos als Leiter der
Sapienza gewählt. Galilei verläßt demonstrativ die Akademie und zieht sich in sein
Landhaus in Arcetri zurück.
1620
Endgültiges Scheitern der Gegenreformation in Europa. Verbot und
Enteignung des Dominikanerordens.
1626
Protestantische Truppen belagern vergeblich Rom. Der Papst flieht über
Budapest nach Krakau.
1627
Niederlage des durch Seuchen dezimierten nordischen Heeres in den
Schlachten bei Orvieto und Bologna. Rückkehr des Papstes nach Rom.
1630
Beendigung des Glaubenskrieges im Frieden von Prag. Neuordnung Europas.
1672
Leibniz prägt den Begriff der »Cusanischen Acceleratio« der
Wissenschaften. Bau der ersten funktionierenden mechanischen Rechenmaschine.
1674
Seeschlacht von Chalkis. Befreiung Griechenlands.
1676
Rückeroberung von Konstantinopel.
1682
Ein Söldnerheer unter dem Befehl des Condottiere Alessandro Tarvisio
schlägt die Türken bei Tarsus und Mersin. Befreiung von Aleppo, Damaskus, Jerusalem und
Kairo im Zweiten Heiligen Krieg. Sicherung der Petroleumquellen in Mesopotamien.
1705
Vollendung des Suezkanals.
1708
Besetzung von Oman und Jask an der Straße von Hormus durch ein
italienisch/deutsch/englisches Expeditionsheer, um die Schiffahrtsstraße zu den
Petroleumhäfen im Persischen Golf zu sichern.
1710
Verstärkter Bau von Schiffen, insbesondere hochseetüchtigen
Petroleumfrachtern, mit leistungsfähigen Brennkreisel-Motoren durch die europäischen
Großmächte.
1712
Die Militär-Signoria von Kairo gestattet aus 'Sicherheitsgründen' nur
noch motorbetriebenen Schiffen die Durchfahrt durch den Suezkanal. Segelschiffe sind
gezwungen, wie früher den beschwerlichen Weg um Afrika zu nehmen.
1715
Der Brand des Petroleumfrachters Amalfi äschert Piräus ein.
1720
Untergang des Petroleumfrachters Haven in der Bucht von Genua.
Fisch- und Krabbenbestände in weitem Umkreis vernichtet. Die Altstadt von Genua muß für
mehrere Monate evakuiert werden.
1738
Bau des ersten Luftschiffs mit Wasserstoff-Füllung durch Ian McInnes.
1752
Der Glory of Glasgow unter Kapitän Seamus Shaw gelingt als
erstem Luftschiff die Überquerung des Atlantik.
1758
Leonhard Euler veröffentlicht sein bahnbrechendes Werk Calculationes
zur Erreichung des Weltenraumes vermittels reactiver Flugapparate.
1763
Erste erfolgreiche Flugversuche George Rauschles mit dem Motorflugzeug Skylark
of Massachusetts.
1780
Die Neuenglandstaaten entscheiden den Unabhängigkeitskrieg für sich
durch die Luftüberlegenheit ihrer wendigen, von Robert Fulton konstruierten Arrow-Motorflieger
über die schwer bewaffneten, aber verletzlichen Schlachtkreuzer der Royal Air Navy.
Bombardierung von Boston und Norfolk. Zerstörung von Philadelphia durch
Luft-Boden-Raketen mit Phosphor-Naphtalin-Sprengköpfen. Verheerende Niederlage der Briten
in der Luftschlacht über Long Island.
1795
Erster regelmäßiger Transatlantik-Luftdienst zwischen Amsterdam und
Boston, sowie zwischen Rom und Genua Nova über Ponta Delgado und Bermuda.
1814
Eine Flutkatastrophe in Holland fordert über 100 000 Menschenleben.
1819
Stürme bis Windstärke 12 suchen die deutsche Nordseeküste heim. Dämme
auf einer Länge von vierzig Kilometern gebrochen. Hamburg muß wegen Überflutung
evakuiert werden. Auch Holland wieder schwer betroffen. Pläne für ein gemeinschaftliches
nordwesteuropäisches Damm-Projekt scheitern an den immensen Kosten.
1822
Schätzungsweise eine Million Tote durch den schwersten Taifun seit
Menschengedenken in Südostindien. Drei Millionen Menschen fliehen aus den überfluteten
Gebieten.
1825
Weltweit wird ein Ansteigen des Meeresspiegels registriert. Die Gelehrten
stehen vor einem Rätsel. Einige von ihnen sagen einen 'tropischen Äon' voraus, der durch
höhere Temperaturen und stärkere Luftbewegungen in der Erdatmosphäre gekennzeichnet
sei. Saint-Léonard-de-Noblat Joseph Gay-Lussac, der bekannte französische
Atmosphärenforscher, äußert die Vermutung, daß zwischen der exzessiven Verbrennung von
Petroleum seit nunmehr 300 Jahren und der Veränderung des Weltklimas ein ursächlicher
Zusammenhang bestehen könnte.
1830
'Orbitale Trajektorien in den Planetenräumen' von Carl
Friedrich Gauß und Heinrich Olbers erscheint.
1845
Die Computersprache ADA, erfunden von Ada Lovelace, der Tochter Lord
Byrons, verhilft den elektrischen Pascal-Rechenapparaten endlich zum Durchbruch. Das
Zeitalter der sogenannten Datenverarbeitung beginnt.
1854
Publikation dar Gauß-Riemannschen Allgemeinen Gravitationstheorie, die
ein durch Masse geometrisch verformtes raumzeitliches Kontinuum postuliert.
1866
Der letzte Stützpunkt im Sultanat Male muß aufgegeben werden. Die
evakuierten Bewohner erhalten Siedlungsrechte an der Koromandelküste.
1871
Nach den Monsunstürmen zu Jahresbeginn melden die Piloten der
Durban-Bombay Line die Überflutung der letzten Malediven-Inseln.
1873
Entdeckung des Massen-Energie-Prinzips durch William Clifford.
1878
Erster Überschallflug eines Raketenclippers von Savannah nach Sidney in
weniger als sechs Stunden.
1881
Erster Orbitalflug mit Erdumrundung durch Major Brian McLaughlin mit dem
Raketenflugzeug Thunder.
1883
Schätzungsweise eine halbe Million Tote in den ausgedehnten und dicht
besiedelten Urlaubsgebieten entlang der Küsten von Sumatra, Surabaya, Siam und Malaysia
durch eine Flutkatastrophe unbeschreiblichen Ausmaßes, hervorgerufen durch den Ausbruch
des Krakatao-Vulkans in der Sundastraße. Richard Burton, der bekannte englische
Forschungsreisende und Literat, der sich um die Zeit in Bandung aufhielt und tags darauf
die Südküste Surabayas, des heutigen Java, mit einem Helikopter bereiste und das
Unglücksgebiet in unmittelbaren Augenschein nahm, schrieb angesichts der ungeheuren
Verwüstungen: »Es war, als wäre die Faust eines zornigen Gottes über das Land
gefegt.« ('London Times' vom Donnerstag den 30. August 1883)
1886
»Unerschöpfliche Energie aus dem Nichts« verkündet die 'Washington
Post' in ihrer Ausgabe von 28. April 1886 anläßlich der Einweihung des ersten mit
den in der Materie schlummernden Maxwell-Kräften betriebenen Anlage zur
Elektrizitätsgewinnung in New York. Thomas Alva Edison, der Erbauer der Anlage, wurde vom
Präsidenten der amerikanischen Föderation, Stephen Grover Cleveland, mit dem Thomas
Jefferson Award, der höchsten Auszeichnung für einen Wissenschaftler, geehrt.
1897
Die Länder der nordamerikanischen Föderation, allen voran Kalifonien,
beschließen den Bau zahlreicher Maxwell-Kraftwerke, mit deren Hilfe gigantische
Bewässerungsprojekte in Angriff genommen werden sollen, um der zunehmenden Trockenheit in
den landwirtschaftlichen Gebieten des Kontinents entgegenzuwirken.
1899
Dürrekatastrophe in Indien. Das dritte Jahr in Folge bleibt der
Monsunregen aus. 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Hilfslieferungen aus aller Welt
vermögen die Not nicht zu lindern. Der Weltstaatenbund erzwingt angesichts des
Massensterbens mit Waffengewalt die Öffnung der Grenzen nach Birma und Siam.
1906
Erdbeben in San Francisco. Zwei Maxwell-Kraftwerke schwer beschädigt.
Samuel Ruben, der Präsident von Kalifornien, ruft den nationalen Notstand aus und bittet
die Nachbarstaaten um Hilfe.
1907
Eine rätselhafte Seuche breitet sich von West nach Ost über den
nordamerikanischen Kontinent aus. Die Länder des Mittelwestens schließen ihre Grenzen
und ergreifen rigorose Quarantänemaßnahmen, nachdem mit dem Verbot von Viehtransporten
keine Wirkung erzielt werden konnte. Die Seuche bewirkt nicht nur Siechtum und
Mißbildungen bei Tieren, sondern auch zunehmend bei Pflanzen und sogar bei Menschen. Die
Wissenschaftler stehen vor einem Rätsel.
1908
Ernest Rutherford, Professor in Manchester, der bis vor kurzem an der
McGill University in Montreal lehrte und der in diesem Jahr mit dem Nobelpreis für Chemie
ausgezeichnet wurde, behauptet, daß zwischen der freigesetzten Strahlung aus den
zerstörten Maxwell-Kraftwerken von San Francisco und dem Auftreten von tödlichem
Siechtum bei Mensch und Tier sowie Mißbildungen bei Neugeborenen und bei Pflanzen ein
unmittelbarer Zusammenhang bestehen muß; daß es sich also keineswegs um eine
Infektionskrankheit handle, sondern um eine »Strahlenkrankheit« (»radiation lesion«),
die medizinisch zwar noch unerforscht, aber keineswegs ansteckend ist. Trotzdem kommt es
in ländlichen Gebieten immer wieder zu Pogromen an Sterbenden und Kranken unter dem
Deckmantel von »Schutzmaßnahmen«.
1909
»Politischer Schachzug oder technische Panne?« fragt der 'ManchesterGuardian' in seiner Ausgabe vom 26. Oktober. - »Die deutsche Mondexpedition
endete in einem Desaster. Der unter monatelanger Geheimhaltung vorbereitete Start der Helmut
von Moltke verlief offensichtlich planmäßig. Das Raumschiff setzte nach
dreitägigem Flug im Mare Imbrium wohlbehalten auf, aber ein Rückstart zur Erde wurde
nicht versucht oder mißlang. Vermutungen einiger ausländischer Experten, die
behaupteten, eine Rückholung der vier Mondmatrosen sei überhaupt nicht geplant, ja
technisch kaum möglich gewesen, traten die deutsche Admiralität und das Reichsmarineamt
mit aller Schärfe entgegen. Politische Beobachter gehen ebenfalls von einer technischen
Panne aus und halten die Mutmaßungen für absurd. Sie vermuten, daß das Risiko
sträflich unterschätzt wurde, weil man dem Kaiser dieses technische
Propagandaunternehmen nicht auszureden wagte. Der überraschende Rücktritt des
Reichskanzlers Fürst Bernhard von Bülow brachte freilich kein Licht in die dubiose, von
Kaiser Wilhelm II. mit Aplomb verkündete, aber blamabel verlaufene »Eroberung des Mondes
durch das deutsche Reich«. Aus Potsdam selbst war keine Stellungnahme zu erhalten.
1914
Hungerflüchtlinge aus Afrika und Asien strömen nach Europa. Italien und
Spanien richten ein dringendes Hilfeersuchen an die übrigen europäischen Staaten. Erste
Paneuropa-Konferenz in Genf.
1915
Trotz massiver Proteste durch den Weltstaatenbund verschärfte
Ausländerregelungen in den europäischen Ländern. Vermehrte Abschiebungen; Schließung
der Außengrenzen. Pogrome gegen illegale Zuwanderer vor allem in Österreich,
Deutschland, Frankreich und der Schweiz.
1917
Zweite Paneuropa-Konferenz in Wien. Gemeinsame Ausländerpolitik
beschlossen. Ausnahmeregelungen nur für »Heimkehrer« aus den Ländern der ehemaligen
Nordamerikanischen Föderation und der Südafrikanischen Republik, die als rassisch und
genetisch unbedenklich eingestuft werden. Konkrete Pläne für eine Wirtschafts-,
Währungs- und Verteidigungseinheit. Beschluß zur Errichtung eines Nordatlantikdamms.
1918
Dritte Paneuropa-Konferenz in London. Winston Churchill als »Einiger
Europas« gefeiert. Die Forderung des Weltstaatenbunds nach Lockerung der europäischen
Einwanderungsbestimmungen wird einstimmig abgelehnt, der Vorschlag »Öl für
Immigration« als Erpressungsversuch zurückgewiesen.
1924
Die Vierte Paneuropa-Konferenz in Berlin verabschiedet
Autarkie-Maßnahmen. Die Berliner Beschlüsse sehen vor, eine Flotte von
Orbitalkraftwerken zu bauen, um die Energieversorgung sicherzustellen und gegen
»Erpressungen« seitens des Weltstaatenbunds gewappnet zu sein.
1925
Gründung von Eurospatial in Paris. Beschluß zum Bau der ersten ständig
bemannten Orbitalstation.
1933
Feierliche Unterzeichnung der Gründungsurkunden der Vereinigten Staaten
von Europa in Versailles.
1936
Rückzug der »Freischärler«-Verbände unter General Francisco Franco
aus Ceuta und Tanger und der Truppen des Feldmarschalls Benito Mussolini aus dem
Mezzogiorno. Errichtung einer »Sicheren Grenze« in Mittelitalien (Termoli-Gaeta-Linie),
die später an den südlichen Rand der Poebene verlegt wird (Abruzzen-Wall).
1936
Verstärkter Ausbau der Bastion Midi an der
spanisch-französisch-italienischen Mittelmeerküste, des Südlichen Atlantikwalls und des
Santiago-Walls an der portugiesischen und der spanischen Westküste sowie das Ostwalls
zwischen der Adria und dem Finnischen Meerbusen (Triest-Lemberg-Helsinki-Linie).
1944
Errichtung eines flutsicheren Atlantikdamms am Rande des europäischen
Festlandssockels zwischen Bilbao und Kristiansund, an Brandon Head und Erris Head vorbei,
die Hebriden und Shetlands umschließend, nach fünfundzwanzigjähriger Bauzeit
abgeschlossen.
1945
Europapräsident Charles de Gaulle erklärt den Alten Kontinent zur
»uneinnehmbaren Festung«. In seiner Festrede bezeichnet er Europa als »Arche, die
unsere Kultur des Abendlandes in die Zukunft tragen wird.«
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Die Grenze
Der Karawanenführer blickte auf das Gerät an seinem Gürtel und wies den Männern,
schnauzbärtigen Gesellen mit Turbanen oder um den Kopf geschlungenen Tüchern, die
Richtung. Sie legten ihre staubigen Teppiche ins Gras und rollten sie nach Südosten aus.
Nachdem sie sich und der Welt die Größe Allahs versichert hatten, erhoben sie sich und
verbeugten sich ein letztes Mal gegen den dunklen Teil des Himmels. Die Abendluft war
feucht und kühl. Die Bahn der Sonne lag noch tief, doch sie war schon dabei, sich von
ihrem Winterlager zu erheben, jeden Tag einen Finger breit; vorerst war sie war noch zu
schwach, um die Nebel wegzubrennen, die im Winter über der Po-Ebene lagen. Aber der Staub
und die Asche in der hohen Atmosphäre gaben Anlaß zu schwelgerischen Sonnenuntergängen.
Die Nacht zuvor hatten sie an der Oase von Corníglio gelagert; nun
hatten sie den Rand der Ebene erreicht, wo bei Langhirano das Trockental der Parma sich
öffnet. Bei Torrechiara, in Sichtweite der Grenze, hatten sie haltgemacht. Sie waren am
Ziel. Die Treiber hatten die Kamele von ihren Lasten befreit und im Flußbett getränkt,
wo zwischen flachen Felsblöcken Wasser aus dem Boden trat. Nun weideten die Tiere am
grasbewachsenen sanften Nordhang, an dessen Fuß die Männer ein Feuer entzündet hatten.
»Dort drüben«, sagte der Karawanenführer und deutete mit dem Kinn
nach Norden in die dunstige Ebene, »beginnt, wie manche behaupten, das gelobte Land.«
Das Grün der Vegetation tat dem Auge wohl nach zwanzig Tagen Steppe, kahlen Gebirgen und
Wüstenstreifen. »Aber es ist nicht unser Land, und wir haben dort nichts verloren.« Er
ging vor den Männern auf und ab, die am Feuer saßen und Wasserkessel auf die Steine
gestellt hatten, um Tee zu kochen. Das Abendlicht quoll korallenrot durch die Wolkenbänke
über dem westlichen Horizont, schwand nur ganz allmählich, anders als im Süden.
»Manche wollen das nicht glauben«, fuhr er fort. »Jedesmal sind ein paar bei der
Karawane, die halten sich für schlau genug, um die Grenze zu überwinden.« Er faßte die
jungen Männer ins Auge. »Noch nie hat es einer geschafft. Die Grenze ist nicht zu
überwinden. Und sie ist tödlich.« Er spuckte ins Feuer und fuhr mit dem Finger unter
den Stirnrand des Turbans, um ihn zu lockern. »Manche Leute behaupten, hinter der Grenze
liege ein Land, in dem Milch und Honig flössen. Das ist Unsinn. Die Menschen in diesem
Land leiden zwar keinen Hunger, ja, sie sind im Vergleich zu uns unermeßlich reich, aber
sie teilen nicht mit uns, weil sie wissen, daß ihnen nicht genug davon bliebe, worauf sie
Anspruch erheben. Also verteidigen sie ihren Reichtum mit Zähnen und Klauen. Sie leben in
Angst, denn sie halten dieses ihr Land für eine Insel im Chaos. Und sie haben Angst,
diese ihre Insel könnte untergehen, es könnten Sturmfluten hereinbrechen und sie
hinwegfegen. Deshalb haben sie sich mit einem Wall aus Waffen umgeben, der vom eisigen
Nordmeer über den Osten Europas bis hierher und von hier aus nach Westen zum großen Meer
reicht, dem Biskaja-Damm, dem Wales-Irland-Damm und dem Nordsee-Bogen folgt und sich
wieder hinauf zum Nordmeer erstreckt. Diese Insel wird Europa genannt, und sie ist eine
Welt für sich, die nichts zu tun hat mit der Welt, die wir kennen.«
In der aufsteigenden Dunkelheit hörte man die Tiere, die begierig das
saftige Gras rauften. Sie hatten sich satt getrunken und rülpsten kollernd.
»Hinter dieser Mauer leben mehr alte Menschen als in der ganzen
übrigen Welt zusammengenommen. Und für viele dieser alten Menschen vergeht die Zeit
nicht mehr. Sie haben beschlossen, daß die Zeit stillzustehen habe, und sie verfügen
über die Möglichkeit, den Fluß der Zeit anzuhalten. Sie verfügen über viele
technische Möglichkeiten, die wir gar nicht verstehen. Aber manchmal bekommen wir ein
wenig davon ab. Darauf gründet sich unser Geschäft. Denn wir haben wiederum Dinge
anzubieten, die sie mit all ihrer Technik nicht herzustellen vermögen.«
Er ging in die Hocke und schlug mit der flachen Hand auf eine der
Traglasten, »Gewürze«, schlug auf eine andere, »Kaffee«, auf eine weitere, »Kakao«,
deutete auf eine vierte, »Tabak. Das sind die Dinge, die sie von uns brauchen. Und
deshalb sind wir hier.« Er erhob sich. »Dafür geben sie uns Solartechnik, Funktechnik,
medizinische Geräte, Arzneimittel, Impfstoffe.«
Ein paar der Männer lachten unbehaglich, entblößten Zahnlücken.
»Aber was sie uns nicht geben, sind Waffen.« Er nickte bekräftigend.
»Und in der Waffentechnik sind sie unübertrefflich. Deshalb ist diese Grenze
unüberwindlich und tödlich. Diese vielen alten Menschen, die nicht sterben wollen und
vielleicht nicht sterben können, geben ihren Reichtum dafür aus, immer perfektere Waffen
entwickeln zu lassen. Denn die Angst geht unter ihnen um, daß sich doch etwas ändern
könnte. Daß irgend etwas von außen eindringen könnte. Daß die Zeit wieder in Fluß
geraten könnte und das Unheil seinen Lauf nähme.«
Er stieß mit seinem derben Stiefel einen glimmenden Ast zurück ins
Feuer und machte eine umfassende Geste mit der Hand nach Norden und Westen hin.
»Auch wenn ihr nirgends jemanden seht, so könnt ihr doch sicher sein,
daß wir unter ständiger Beobachtung sind. Denen entgeht keiner unserer Schritte, keine
Bewegung. Ihr könnt keiner Libelle trauen, denn sie könnte ein MAV sein. Keiner
Fliege!«
Einige der Männer lachten.
»Lacht nicht!« fuhr Bakhtir auf, der seine Wasserpfeife stopfte.
»Luigi hat recht. Nicht mal euren Filzläusen könnt ihr hier trauen.«
Hakim, sein Sohn, der neben ihm kauerte und den Glasbehälter der Pfeife
mit frischem Wasser füllte, kicherte. Sein Vater versetzte ihm einen leichten Fußtritt.
»Du sollst nicht lachen, habe ich gesagt.«
»Ihr habt keine Ahnung«, fuhr der Karawanenführer fort, »was
Gefechtsfeldholos sind, und ich werde auch gar nicht erst versuchen, euch das zu
erklären. Nur soviel: Wenn ihr ein Haus seht, dann braucht da weit und breit kein Haus zu
stehen, aber ihr könnt sicher sein, daß ganz in eurer Nähe eine tödliche Falle lauert,
ein Fleischwolf, der mit Stahlzähnen nach euch schnappt, oder ein Knochenbrecher, der
euch zu Brei zermalmt.«
Bakhtir nickte bekräftigend, während er seine Pfeife entzündete.
»Dasselbe gilt für Bäume und Büsche«, sagte Luigi und reichte
seinen Blechbecher einem Treiber, der aus einer großen rußigen Kanne Tee eingoß. »Weit
und breit braucht kein Baum oder Busch zu wachsen.« Er nahm einen Schluck. »Aber ihr
könnt sicher sein, daß ganz in der Nähe ein Laser auf euch gerichtet ist, der euch zu
Asche verbrennt. Also seid gewarnt!«
Als der messingfarbene Himmel seinen letzten Glanz verloren hatte und
die Nacht hereingebrochen war, sah man im Nordwesten ein farbiges Lichterbündel
aufsteigen und dem Zenit entgegenstreben. Ein Lichtstrahl stach zur Erde herab, an dem das
Gebilde befestigt schien wie ein Drache an einer straff gespannten Schnur. Als es den
Zenit erreicht hatte, riß diese Schnur und erlosch, und das Lichterbündel driftete in
Richtung Südosten über den Himmel davon, bis es im Erdschatten verschwand. Ein
Sonnensatellit der ESA, der seine Ausbeute bei einer der Bodenstationen Europas abgeladen
hatte. Sechzehn solcher Energiefarmen betrieb die ESA derzeit im mittleren Orbit, um die
unersättliche Gier des alten Kontinents nach elektrischem Strom zu befriedigen, seines
elektronischen Herzens, seines komplizierten Netzes innerer Organe und seiner tödlichen
Peripherie.
Die Treiber, die das Schauspiel mit einer Mischung aus Neugier und
Ehrfurcht beobachtet hatten, hüllten sich nun gegen die Kälte in ihre Dschellabas,
saßen am Feuer und rauchten. Der Karawanenführer stand auf, ging ein paar Schritte in
die Dunkelheit hinein und setzte sich auf einen Stein. Er zog ein kleines Gerät, das mit
einem Kettchen gesichert war, aus der Brusttasche seiner Jacke, legte es auf die
Handfläche und aktivierte es, indem er eine Taste am Rand eindrückte. In einigen
Kilometern Entfernung erstrahlte ein winziges, aber unglaublich helles blaues Licht.
Weitere Lichtsignale in Rot und Gelb blinkten da und dort in der Ebene auf. Die
LED-Anzeige des Geräts wurde hell. Er drückte mit dem Daumen darauf. Ein heller weißer
Punkt erschien weit im Norden, stieg mit rasender Geschwindigkeit in den Himmel, stand
plötzlich still und brannte einige Sekunden lang in grellem Licht, bevor er erlosch.
»Hallo, Luigi«, sagte eine Stimme aus dem Gerät. »Du bist
zurückgekehrt. Willkommen an der Grenze. Wie geht es dir?«
»Mir geht es gut, André. Ich habe siebenundsechzig schwerbeladene
Tiere bei mir. Ich konnte fast alles beschaffen, was angefordert wurde. Aber das weißt du
ja alles längst.«
André lachte. »Wir verladen heute nacht deine Fracht. Wir nehmen den
Austausch wie immer zwei Stunden nach Sonnenaufgang vor. Einverstanden?«
»Einverstanden. - Wie weit bist du weg?«
»Von dir? Weshalb fragst du?«
»Es fasziniert mich immer wieder.«
André lachte von neuem. Es klang wie ein Rasseln aus dem kleinen
Gerät.
»Nun«, erklärte er, »ich sitze hier in Nantes. Die Entfernung zu dir
- laß mich einen Blick auf mein GPO werfen - beträgt neunhundertdreiundvierzigtausend
und vierhundertundzwölf Meter. Das entspricht etwa der Strecke, die ihr in den letzten
zweiundzwanzig Tagen von Reggio di Calabria aus zurückgelegt habt.«
Sie waren die ehemalige A 12 entlanggezogen, über Civitavécchia,
Tarquinia, Grosseto, Livorno, Pisa, Viaréggio und Massa, weil in der Küstenebene noch
immer Wasserstellen zu finden waren und das Gelände überblickbarer war. Dann, hinter
Sarzana, waren sie nordnordöstlich nach Aulla abgebogen, den Taverone hinauf ins Gebirge,
über den Paso di Lagastrello und dann hinunter ins Tal der Brática, an Corníglio vorbei
bis Langhirano, wo kurz vor Parma die alte Straße von der Grenze blockiert wurde.
»Wir haben diesmal wieder die sichere Route durch die Küstenebene
gewählt.«
»Ich weiß. Wir hatten euch von Anfang an unter Satellitenbeobachtung.
Wenn wir Zeichen eines Hinterhalts festgestellt hätten, wäre sofort Unterstützung
unterwegs gewesen. Wir haben an der Südgrenze ständig Überschalldrohnen in der Luft;
die könnten in zehn Minuten in Rom, in fünfzehn in Neapel und in zwanzig in Reggio
sein.«
»Ich weiß, André, aber auf meiner Seite der Welt funktioniert das
nicht. Das würde meine Männer nur unnötig ängstigen. Außerdem brauche ich
Wasserstellen und Lagerplätze, muß mir die Gunst und das Wohlwollen der lokalen
Herrscher sichern. Wir reisen unter dem Schutz des Emirs von Perugia. Er ist ein
mächtiger Herr, und er ist gefürchtet für seine Strafexpeditionen.«
»Er läßt sich diesen Schutz teuer bezahlen.«
»Dafür sind seine Soldaten verläßlich. Er wirbt seine Truppen unter
den muslimischen Bosniaken an. Da kann er sich darauf verlasen, daß sie mit den Serben
und Kroaten oder den albanischen Warlords, die in den Abruzzen lauern, nicht gemeinsame
Sache machen.«
»Ich verstehe, Luigi.«
* * *
In der Nacht erwachte er vom Wopp-wopp der schwachen Repellateurs. Vielleicht
waren Tiere in die Grenzüberwachung geraten. Als er dann das Wummern und Grollen schwerer
Repellateurs und das Jaulen der Vortexwerfer hörte, stand er auf und trat vors Zelt. Der
Mond stand im Westen. Leichter Nebel lag über der Ebene, der die Geräusche weit trug.
Sie kamen aus Nordwesten: Das knochenzermalmende Stöhnen von Schallkanonen und das noch
weiter entfernte Heulen von Fleischwölfen. Die ganze Grenze war in heller Aufregung:
Blaßblaue Lichterketten flickerten über Kilometer hin und her. Rubinlaser sprühten
waagrechte karminrote Lichtfächer, die wie Besen das flache Gelände fegten. Irgendwo in
der Nähe war das insektenhafte Sirren von Mikrojets und das Flappen von Rotoren zu
hören.
Plötzlich hörte er im Lager einen Schrei, dann laute, heftige Worte.
Bakhtir kam außer sich vor Wut auf ihn zugestiefelt; mit Fußtritten und Faustschlägen
trieb er zwei Jungen vor sich her. Sie wirkten benommen und versuchten gar nicht, vor den
Tritten und Schlägen des obersten Treibers auszuweichen. Ghamal und Pietro; sie standen
unter Schock. Luigi packte einen Arm voll Äste und warf sie in die Glut, um ein Feuer
anzufachen. Die Jungen hatten beide blutige Nasen und Blutergüsse im Gesicht und an den
Armen - Spuren der Repellateurs.
»Sie haben wenigstens einen solchen Schreck gekriegt, daß sie
umgekehrt sind«, rief Bakhtir mit einer Stimme, als sei ihm die Kehle zu eng, »aber
Ibrahim und...« Er brach ab und versuchte vergeblich, ein Schluchzen zu unterdrücken.
»Dein Junge?« fragte Luigi.
Bakhtir nickte stumm. Er packte ihn an der Schulter.
»Ihr geht in euer Zelt!« herrschte er die beiden Jungen an, die vor
ihm hockten und sich die schmerzenden Schädel hielten. »Wir sprechen morgen darüber.«
Sie rappelten sich hoch und stolperten davon.
»Dieser verrückte Ibrahim!« rief Bakhtir, es klang wie ein Heulen.
»Er hat Hakim und die beiden anderen zum Mitkommen überredet. Ich hätte diesen Kerl in
Ketten legen sollen.« Er stieß wütend einen Stein ins Feuer.
»Versuch dich zu beruhigen, Bakhtir«, sagte Luigi. »Wir werden
erfahren, was passiert ist.«
»Denkst du, es besteht noch Hoffnung?«
Der Karawanenführer zuckte schweigend die Achseln und blickte zu Boden.
»Hakim!« rief Bakhtir hinaus in die Ebene. Dort hatte sich der Nebel
ausgebreitet wie ein milchiger See, aus dem die Wipfel der Bäume ragten. »Hakim!«
Die Lichterspiele waren erloschen. Das Heulen der Wölfe war verstummt.
Die Repellateurs schwiegen. Das Feuer loderte und hob ihre Gesichter aus der Dunkelheit.
Der Mond sank dem Horizont entgegen.
* * *
Anderthalb Stunden nach Sonnenaufgang tauchte das Luftschiff auf. Als es über dem
Lagerplatz schwebte, erstarb das Winseln der Jets, und es sank herab. Kurz vor dem
Aufsetzen fauchten sie noch einmal kurz, und der elastische hellgraue Plastikleib des
Zeppelins, der auf dem Rücken und an den Flanken mit einer glitzernden Schicht bedeckt
war, als hätte er sich in Kristallzucker gewälzt, brach unten auf wie eine weiche Schote
und gab Container frei, die sich in zwei Reihen anordneten.
Die Treiber machten sich daran, die Container zu entleeren. Sie waren
mit abgepackten Traglasten gefüllt, die in silbrige Plastikfäden eingesponnenen waren.
Sie wurden nun gegen die von der Karawane mitgebrachten ausgetauscht. Luigi kontrollierte
mit seinem Gerät die elektronische Kennung der Frachtstücke. Auf dem LED erschienen
Nummern, Stückzahlen und Warenbezeichnungen sowie Namen und Anschrift der jeweiligen
Adressaten.
Die Treiber waren bereits dabei, die Tiere zu beladen und die Lasten
festzuzurren, als in der Öffnung am vorderen Teil des Zeppelins die Gestalt eines Mannes
in einem euroblauen Schutzanzug erschien. Sein polarisiertes Helmvisier ließ kein Gesicht
erkennen. Er hob die Hand und rief: »Hallo, Luigi!« Er deutete auf Bakhtir. »Sie sind
der Vater des einen Jungen?«
»Ja«, sagte Bakhtir heiser. Ein Hoffnungsfunke glomm in seinen Augen
auf.
»Kommt beide mal mit.«
Er stieg die Aluminiumleiter ins Cockpit hinauf. Luigi und Bakhtir
folgten.
Hinter ihnen zogen Servos die Container in den Frachtraum und
befestigten sie in ihren Schaumstoffmulden.
Luigi traute seinen Augen nicht; das Cockpit war weit geräumiger, als
es die Abmessungen von außen erwarten ließen. An der Längswand des Raums stand eine
Rolltrage. Darauf lag Hakim.
»Bahbah!« rief er mit kläglicher Stimme.
»Junge«, sagte Bakhtir und wollte auf ihn zustürzen, aber Luigi
packte ihn an den Schultern und hielt ihn fest. Er sah, daß der Junge ein gebrochenes
Rückgrat hatte. Sein Körper war von der Brust abwärts reglos. Nur Kopf und Arme waren
in Bewegung; auf den Ellbogen versuchte er von der Trage zu kriechen, aber breite
elastische Bänder hielten den gelähmten Körper darauf fest. »Bahbah!« wimmerte er.
Sein Vater sah ihn mit wachsendem Entsetzen an.
»Von dem anderen«, sagte der Mann im Schutzanzug, »ist leider nichts
übrig geblieben. Er ist voll in einen Laserfächer gerannt. Ihm« - er deutete mit einer
Kopfbewegung auf Hakim - »hat ein schwerer Repellateur alle Knochen gebrochen. Auch die
Wirbelsäule.«
»Mein Sohn«, sagte Bakhtir zärtlich, zog den Revolver aus dem Gürtel
und hielt ihn Hakim an den Kopf. Der Junge starrte ihn entsetzt an; sein Wimmern wurde
lauter.
»Lassen Sie den Quatsch, Mann!« rief der Pilot im Schutzanzug. »Sie
könnten da, wo Sie sich befinden, eine Menge sündteurer Elektronik kaputtmachen und
damit die Selbstverteidigung auslösen, wenn Sie rumballern! Also stecken Sie das Ding
weg!«
Bakhtir sah mit Entsetzen, daß er den Lauf seiner Waffe zur Hälfte in
den Schädel des Jungen geschoben hatte. Erschrocken riß er sie zurück, richtete sie auf
den Piloten und feuerte zwei Schüsse auf die Brust des Mannes ab. Der Kranz der
Eurosterne blieb unversehrt, aber eine Alarmsirene blökte los, und irgendwo war das
Zischen von ausströmendem Gas zu hören.
»Halt den Mann zurück, Luigi!« Er patschte mit dem Handschuh auf die
großen Schaltfelder an der linken Schulter seines Schutzanzugs. »Er glaubt allen
Ernstes, wir sind leibhaftig hier. Verdammt, und jetzt so schnell wie möglich raus! Ich
habe von hier aus keine Kontrolle mehr über den Selbstschutz der Maschine.«
»Bahbah!« rief Hakim kläglich, warf verzweifelt den Kopf hin und her
und starrte durch sie hindurch, als wären sie plötzlich unsichtbar geworden.
Im nächsten Moment war die Rolltrage verschwunden, ebenso der Mann im
Schutzanzug. Der Raum hatte sich auf ein Drittel seiner Länge reduziert und füllte sich
vom Boden her mit weißlichem Rauch. An der Wand, wo die beiden Geschosse eingeschlagen
waren, knisterte und knackte es, und die Alarmsirene wollte nicht aufhören zu blöken.
Der Rauch wurde dichter. Bakhtir hustete und krümmte sich zusammen, wodurch ihm noch mehr
Gas in die Lungen geriet.
»Raus! Raus! Raus!« schrie Luigi, packte ihn an den Schultern,
drängte ihn zur Luke, warf ihn hinaus und sprang hinterher. Mit einem Schnappen schloß
sich dicht hinter ihm das Schott des Cockpits. Sie krochen unter dem Flugzeug hervor -
keine Sekunde zu früh, denn die Triebwerke feuerten bereits, und die Maschine hob ab.
Luigi und Bakhtir bewarfen sich gegenseitig mit Sand, um die Flammen zu ersticken, die an
ihren Dschellabas züngelten, dann hockten sie sich hin, erbrachen sich und husteten sich
die Seele aus dem Leib.
»Wir haben den Jungen in die Klinik von Mantua gebracht. Er wird hier
bleiben, bis er geheilt ist. Dann könnt ihr ihn mitnehmen, wenn ihr das nächste Mal
wiederkommt«, sagte die Stimme des Mannes im Schutzanzug aus dem Gerät an Luigis
Gürtel. »Und noch was, Karawanenführer: Schärf deinen Leuten immer wieder ein, daß
wir hier keinen Abenteuerspielplatz betreiben. Dies ist eine Grenze, die nichts und
niemand durchdringen kann. Es ist die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft.«
Luigi spuckte aus, um den scharfen, brennenden Geschmack im Mund
loszuwerden. »Und auf welcher Seite liegt die Zukunft?« fragte er.
André lachte. »Bei uns gehen die Uhren schneller, und das seit mehr
als fünfhundert Jahren. Schau auf deinen Kalender, Luigi. Er zeigt das Jahr
vierzehnhundertfünfundzwanzig. Wir hier leben zu Beginn des einundzwanzigsten
Jahrhunderts.«
»Dann haben wir noch viel Zeit«, erwiderte der Karawanenführer.
Der Mann in Nantes antwortete nicht. Und Luigi sah, daß das Licht
erloschen war. Die Verbindung war unterbrochen.
Die Sonne hing tief im Südosten wie ein blaßroter Lampion, den man
vergessen hatte abzunehmen, nachdem die Party zu Ende war.
Vorabdruck aus dem Roman Das
Cusanus-Spiel
Erstveröffentlichung in: Erik
Simon (Hrsg.), Alexanders langes Leben, Stalins früher Tod
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