Das Boot trieb
steuerlos dahin und kreiselte inzwischen so stark, daß ich taumelte und gegen die Reling
gedrückt wurde. Ich starrte einen Moment lang hinunter in die Dunkelheit. Unter uns
achttausend Meter freier Fall. Dann sah ich im Licht der Hecklaterne die Felswand dicht
vor uns. Wir schwangen so knapp vorbei, daß ich befürchtete, wir würden sie jeden
Moment berühren.
»Man sollte sie erschießen!« schrie der Captain zornig.
»Wir sind unbewaffnet«, schrie ich zurück.
Wieder huschte die Felswand vorbei, wieder ganz knapp. Die Wimpel
flatterten und bauschten sich um uns. Der Fallwind riß uns immer rascher in die Tiefe.
Das Heck sackte ab. Ich hielt mich an der Reling fest. Die Hecklaterne erlosch. Um mich
war finstere Nacht. Über uns kreisten die Sterne schwindelerregend und
erschreckend hell.
»Nun tun Sie doch endlich etwas!«
»Was soll ich denn tun, Captain?«
»Halten Sie mir wenigstens die Kerle vom Leibe!«
Ich wandte mich ihnen zu. Sie hatten einen Halbkreis gebildet und
umstanden uns drohend geduckt. Ich sah im unsicheren Licht die entblößten Augen.
Verschwunden war die friedfertige Selbstversunkenheit. Augen wie aus Onyx starrten mich an
schwarz, hart, glatt und kalt. Raubvogelaugen wachsam und mitleidlos.
Ich war so verblüfft vom Anblick dieser jähen Verwandlung, daß ich
eine Sekunde zu lange zögerte. In dem Moment sprangen sie mich an.
Ich fuhr erschrocken hoch, aber Schmerz stach mir so grausam durch die
Brust, daß mir die Luft wegblieb.
»Ganz ruhig«, sagte eine Frauenstimme an meinem Ohr. Ich wandte den
Kopf und blickte mich um. Da war niemand. Es war immer noch Nacht. Ich sah ein Blinken
farbiger Lichter. Das mußten medizinische Geräte sein. Ich war in Sicherheit. In der
Ferne war Gewehrfeuer zu hören. Die Zeit des Chaos war also angebrochen. Ich schloß die
Augen.
»Ganz ruhig«, sagte die Stimme. Es mußte der MedComp am Kopfende
meines Bettes sein, der über mich wachte. In beiden Armbeugen spürte ich Nadeln. Ich
atmete ganz langsam und vorsichtig. Der dünne Plastikschlauch in meinem linken Nasenloch
befächelte meine Schleimhäute mit kühlem Sauerstoff. Die Laken gaben mir ein Gefühl
der Geborgenheit. Ich ließ den Schmerz zurück und trieb davon in den Schlaf.* * *
Als ich wieder aufwachte, war es Tag. Trübes Licht fiel durch die Milchglasscheiben
der Tür und die gekippte Jalousie. Aus dem schmalen Schlitz unter der Decke zischte
klimatisierte Luft in den Raum wie durch zusammengebissene Zähne. Sie war wohltuend kühl
und trocken. Ich hob das vom Schlaf erhitzte Linnen, um meine Haut zu erfrischen. Ich
wollte mich aufrichten, aber augenblicklich festigte der Kokon, der meinen Oberkörper
einhüllte, seinen Griff.
Auf dem Gang wurden Stimmen laut. Die Tür wurde geöffnet.
»Sie haben Besuch«, sagte die Schwester und über die Schulter:
»Kommen Sie herein, Mademoiselle La Maire. Hier liegt er.«
Es war Anette Galopin, die Bürgermeisterin persönlich, wie ich an der
Amtsspange auf der Brust ihrer hellblauen Burqa erkannte. Eine weitere Gestalt drängte
hinter ihr herein: Henri Frebillon, eine dicke Zigarre paffend. Der rotblonde Backenbart,
der seine fleischigen Backen rahmte, stand ab wie gezupfte Baumwolle. Seine Bartpflege war
ausschließlich seinem wild sprießenden Schnauzer gewidmet, dessen äußerste Enden in
stattlichen Hörnern nach unten gezwirbelt waren, was seinem rosigen Gesicht einen
gewichtig pathetischen und zugleich lustigen Ausdruck verlieh. Wenn er traurig
dreinblickte, sah er eher einem Walroß, wenn er lächelte, eher einem lüsternen,
verschmitzten Keiler ähnlich.
Er nahm die Zigarre aus dem Mund. »Hallo, mein Freund«, sagte er und
hob die Hand zum Gruß. Die Schwester benutze die Gelegenheit, um sich seiner Zigarre zu
bemächtigen und sie resolut im Waschbecken zu löschen.
»He!« protestierte er. »Das war eine echte Sanchos! Haben Sie eine
Ahnung, wie viele Lichtjahre die gereist ist, um hierher zu gelangen?«
»Hier wird nicht geraucht«, erwiderte die Schwester unbeeindruckt und
zog die Jalousie auf. »Nehmen Sie doch bitte Platz, Mademoiselle.« Sie fuhr den Kopfteil
meiner Liege hoch, dann schob sie der Bürgermeisterin einen Sessel neben das Bett.
Frebillon sah sich vergeblich nach einer weiteren Sitzgelegenheit um,
und zuckte resignierend die Achseln, als die Schwester dem keine Beachtung schenkte und
das Zimmer verließ. Er drehte den breitkrempigen Hut, über dessen Spitze er den Schleier
gefaltet hatte, unschlüssig vor der Brust, dann legte er ihn zu meinen Füßen auf die
Bettdecke.
»Wie geht es, Monsieur Palladier?« fragte Mademoiselle Galopin mit
ihrer dunklen Stimme und schlug ein Bein übers andere. Ein schlanker Fuß kam unter dem
Saum ihres Gewands zum Vorschein, der in einem schmalen schwarzen, mit Silber beschlagenen
Schuh steckte. Ich betrachtete ihn entzückt.
»Den Umständen entsprechend gut, Mademoiselle«, krächzte ich. »Und
solange Henri keine Witze erzählt, was er ja in Ihrer Gegenwart nicht wagen wird, spüre
ich meine Rippen ... ah ... kaum.«
Frebillon, der mißmutig seine ruinierte Zigarre aus dem Waschbecken
gefischt hatte und sie bekümmert betrachtete, blickte auf und brach in ein polterndes
Lachen aus. Aber es klang nicht so unbeschwert wie sonst.
»Keine guten Nachrichten«, seufzte die Bürgermeisterin.
»Tut mir leid«, sagte ich. »Es ist so gut wie alles schief
gegangen.«
»Nicht alles«, sagte Henri huldvoll lächelnd. »Du lebst noch.«
Sie neigte den Kopf. »Und der Captain auch. Das ist das Wichtigste.«
Ich starrte hingerissen die schlanke Fessel an, die unter dem Saum ihrer
Burqa hervorlugte. Für einen Moment übermannte mich die Vorstellung, sie könnte unter
ihrem Körperschleier nackt sein, wie die Damen in der Rue des Hirondels am Quai, die,
wenn ein Kunde in heftiger Not Einlaß begehrte, ihm ihre Burqa öffneten und sie als
mobile Liebeslaube benutzten.
»Ganz ruhig«, sagte das Gerät am Kopfende meines Bettes. Ich schloß
die Augen und hielt den Atem an.
»Sie haben Schmerzen?«
»Nein, nein ...« versicherte ich hastig.
»Wir werden Sie nicht lange belästigen, Monsieur Palladier. Ich
brauche nur ein paar Informationen aus erster Hand.«
»Hat Captain Wilberforth Ihnen nicht berichtet?« fragte ich. »Ich bin
ja nur als Dolmetscher dabei gewesen.«
»Das ist der Grund, weshalb ich es von Ihnen wissen möchte.«
»Wie geht es dem Captain überhaupt?«
»Er hat die Bruchlandung besser überstanden als du«, sagte Henri
lachend. »Er hat eine gebrochene Nase, ist aber sonst wohlauf.«
»Du lachst?« fragte ich. »Deine schöne Barke ist zu Bruch gegangen,
und du scheinst darüber nicht sonderlich betrübt zu sein.«
Natürlich konnte Frebillion den Verlust einer Windbarke aus der
Westentasche begleichen. Er war einer der reichsten Männer der Stadt. Er mischte im
Proteinhandel für die Flotte ganz oben mit und war als Transportunternehmer im Salzhandel
die Nummer Eins am Binnenmeer. Aber er war sparsam, und ich mochte wetten, daß er die
Überreste seiner Zigarre, die er in der Jackentasche hatte verschwinden lassen, trocknen
und schließlich zu Ende rauchen würde, und sei es heimlich auf der Toilette.
»Die Flotte wird mir den Verlust ersetzen«, erklärte er mit listig
funkelnden Augen. »Der Captain hat es mir versichert. Das sind Peanuts, sagte er, was
immer Peanuts sein mögen. Darauf käme es nun auch nicht mehr an.«
»Ich hörte Schüsse heute nacht«, sagte ich zur Bürgermeisterin
gewandt.
»Es hat Unruhen gegeben«, erwiderte sie. »Aber außerhalb der Stadt.
Wir haben Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Die Situation ist natürlich absolut ungewohnt
für uns alle. Ich hoffe, daß wir nichts übersehen haben. Ich habe Anweisung gegeben,
daß alle Eingeborenen die Stadt verlassen und die Tore auch tagsüber geschlossen bleiben
müssen. Wir haben Funksprüche an die Fangschiffe in den Salzmarschen geschickt, damit
sie auf der Hut sind und sich gegen eventuelle Luftangriffe wappnen. Vielmehr können wir
im Moment nicht tun, oder? Was könnte auf uns zukommen?«
»Ich habe keine Ahnung, Mademoiselle.«
Der Fuß in dem silberbeschlagenen Schuh war unter dem Saum
verschwunden, dafür lag nun eine Hand im Schoß schlank, schmal, die
karamelfarbene Haut mit feinen, fast unsichtbaren Tätowierungen in Form von kunstvoll
verschlungenen Arabesken bedeckt. Die langen Nägel waren auberginefarben lackiert. Die
Klimaanlage trug mir einen Hauch ihres Parfüms zu: Ein herber aromatischer Duft wie von
Zypressenzweigen an einem kühlen, regnerischen Morgen. Meine Nasenflügel blähten sich.
Sah ich hinter dem feinen Gewebe ihres Gesichtsschleiers ihre großen dunklen Augen
blitzen?
»Sie haben die Geschichte der Carteser studiert, Monsieur Palladier.«
Hörte ich einen winzigen Anflug von Spott in ihrer Stimme?
»Man hätte mich wenigstens einweihen können«, sagte ich und konnte
einen Anflug von Ärger nicht ganz unterdrücken, der mir in der Kehle aufstieg.
Sie hob die schmalen Schultern. »Wir wollten es nicht an die große
Glocke hängen. Je weniger davon wußten ...«
Oh, Sie halten mich also für die große Glocke, meine Liebe? hätte ich
am liebsten gesagt. »Es wäre besser gewesen, wenn man mich informiert hätte. Es hätte
uns um ein Haar das Leben kosten können. Ich wurde völlig überrumpelt von der
Aggressivität dieser sonst so friedfertigen Leute.«
Die Hand flog auf und ließ sich auf meinem Knie nieder. Eine sanfte,
begütigende Berührung. Mein Groll schwand dahin.
»Sie haben recht, aber die Emissäre der Flotte bestanden darauf,
Stillschweigen zu bewahren.«
»Wird man versuchen, die echten Steine wiederzubeschaffen, die in dem
Geschmeide fehlen?«
»Das ist völlig aussichtslos«, sagte Henri. »Es ist alles versucht
worden. Es wurden Millionen Äquvale als Belohnung ausgesetzt. Glaubst du allen Ernstes,
daß sich ein Sammler je von einem solchen Leckerbissen trennen würde? Einem
wiedergeborenen Gott, der vor achtzig- oder hunderttausend Jahren leibhaftig gelebt hat,
überliefert in Form eines Diamanten? Nie im Leben! Nicht um alles in der Welt! Ich würde
es auch nicht tun.«
»Monsieur Frebillon!« sagte die Bürgermeisterin tadelnd.
Er hob die Hände. »Ich habe keinen der fehlenden Steine, Mademoiselle
La Maire. Aber wenn ich ehrlich bin ...« Er blies die Hörner seines Schnauzers in die
Höhe und schüttelte den Kopf. »Nein. Ich würde mich ebenfalls nicht von so einer
Kostbarkeit trennen. Sie ist unbezahlbar.«
»Ich verstehe die aggressive Reaktion der Mönche und der Pilger
nicht«, sagte die Bürgermeisterin. »Zu diesem Zeitpunkt war die Keschra doch noch am
Leben, wenn ich das richtig verstanden habe.«
»Ja. Aber sie war bereits sehr hinfällig. Ich stand ja keine drei
Meter von ihr entfernt, als sie das Geschmeide entgegennahm. Ich spürte ihre Angst und
ihr Entsetzen. Der Schock hat ihr die letzte Kraft geraubt. Die Welt entglitt ihr.«
»Wenn man ihr die Quelle ihrer Kraft, die Verbindung zu ihren
Vorfahren, geraubt hat wie sollte es anders sein?« sagte Henri mit sorgenvoll
gefurchter Stirn.
Er schlug mit der Faust in die Handfläche. »Das könnte das Ende der
Kolonie bedeuten.«
»Wie lange wird die Raserei Ihrer Meinung nach dauern, Monsieur
Palladier?«
fragte sie nüchtern.
»Ich weiß es nicht. Der letzte Ausbruch fand vor achthundert Jahre
statt. Da lebten die Menschen erst ein halbes Jahrhundert auf diesem Planeten. Für sie
kam das Ereignis völlig überraschend. Die Städte waren ungesichert. Einige Siedler
kamen ums Leben. Die Aufzeichnungen sind lückenhaft und ziemlich verworren. Es scheint
etwa zwei Jahre gedauert zu haben, bis die Wiedergeborene Göttin gefunden war und sich
die Verhältnisse wieder normalisierten.«
»Diese chaotischen Zeiten treten also jedesmal ein, wenn eine Keschra
stirbt, und dauern an, bis ihre Wiedergeburt aufgefunden wurde.«
»Ja. Die Annahme stützt sich auf Überlieferungen der Einheimischen,
soweit sie überhaupt zu deuten sind. In ihnen ist von der periodischen Wiederkehr von
Zeiten der Unrast und des Unfriedens die Rede.«
»Und wie lange dauern die Zeiten des Friedens dazwischen?«
»Manchmal fünfhundert Jahre, manchmal tausend, manchmal zweitausend
je nachdem, wie lang eine Keschra lebt. Die Legenden der Cartesaner sind vage. Nur
wenige sind schriftlich fixiert. Eine Datierung ist aussichtslos.«
»Aber die Zahl der Perioden ist eindeutig.«
»Absolut. Es gab dreiundachtzig Wiedergeburten.«
»Dreiundachtzig Diamanten umfaßt das Geschmeide«, warf Henri ein.
»Genau.«
»Wenn man von fünfhundert bis zweitausend Jahren Lebenszeit ausgeht,
dann bedeutet das ...«
» ... eine kulturelle Tradition von mindestens hunderttausend Jahren,
Mademoiselle. Von ein paar Idioten an einem Tag zerstört aus Habsucht und Geldgier.«
Wir schwiegen. Die Hand war längst in ihrem Gewand verschwunden und
hatte ein Gefühl der Leere hinterlassen. Sie hatte mich berührt wahrscheinlich
unwillkürlich, allenfalls besänftigend, weil sie meinen Ärger gespürt hatte. Dennoch
hatte der Druck ihrer Finger mir ein euphorisches Kribbeln im Hinterkopf verursacht.
»An einer Stelle schreiben Sie in Ihren Arbeiten«, sagte sie, »daß
diese Zeiten des Chaos auch positive Wirkungen haben.«
»Zweifellos, denn bedenken Sie: Es werden dabei verkrustete Strukturen
aufgebrochen. Es gibt Revolutionen. Institutionen werden hinweggefegt. Ganze Stämme
setzen sich in Bewegung auf der Suche nach neuen Siedlungsgebieten, fruchtbaren Weide-
oder ergiebigeren Fischgründen. Es kommt zu bewaffneten Konflikten. Der Genpool wird
durcheinandergemischt.«
»Nun, mag sein. Ich sehe darin nur Kriege, Vergewaltigungen,
Vertreibungen, Mord und Totschlag.« Sie blickte sich um nach Henri. Der nickte bedrückt
und schaute drein wie ein trauriges Walroß.
»Wir werden also einfach abwarten müssen, bis eine Abordnung aus dem
Kloster herabkommt und nach der Wiedergeborenen Göttin sucht. Einer jungen Keschra.«
»Das kann leicht dreißig bis vierzig Tage dauern«, warf Henri ein.
»Der Abstieg aus dem Hochgebirge ist gefährlich um diese Jahreszeit wegen der
Schneeschmelze und der Lawinenabgänge.«
»Ist das Mädchen gefunden und hinauf ins Kloster gebracht, ist mit
einer Entspannung der Lage zu rechnen. So lange müssen wir vorsichtig sein und die Tore
geschlossen halten.«
»Ich glaube, Mademoiselle« sagte ich zögernd, »diesmal ist die Lage
ernster als je zuvor.«
»Weshalb?« wollte Henri wissen.
»Es könnte sein, daß es keine Wiedergeburt gibt.«
Die Bürgermeisterin wandte sich mir zu, sagte aber nichts.
»Das Geschmeide ist unvollständig. Die Verbindung zu den fernen
Vorfahren könnte dadurch abgerissen sein.
»Sind Sie da ganz sicher?«
»Nein, natürlich nicht. Wie könnte ich mir sicher sein, aber ...«
Ich stockte. Angst lähmte mir die Kehle.
»Aber?« Sie hatte sich erhoben.
»Das Kloster ... es machte einen sehr hinfälligen Eindruck.«
»Nun, es ist alt. Mehr als hunderttausend Jahre.«
»Wenn es dieses Kraftzentrum auf dieser Welt nicht mehr gäbe ...
Mademoiselle, das wäre das Ende von allem.«
»Merde!« sagte Henri gequält.
»So schnell geben wir die Hoffnung nicht auf«, sagte sie, beugte sich
über mich und ergriff meine Hände. Ihre Haut war glatt und kühl, und ihre Berührung
überraschend kraftvoll.
»Wenn es Ihnen besser geht, müssen Sie mir von Ihrem Besuch dort oben
erzählen.«
Ich nickte, brachte kein Wort heraus.
»Adieu!« rief Henri.
Als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, kamen mir die Tränen.
Ich hätte nicht sagen können, weshalb. War es die Berührung ihrer Hände? War es meine
Trauer um das Schicksal dieser Welt? War es Selbstmitleid?
»Ganz ruhig«, sagte der MedComp.
* * *
Die vier Pédaliers hingen müßig in ihren Käfigen außenbords und stabilisierten mit
lässigen Tretbewegungen die Position der Barke, wenn sie durch die Böen, die vom
Avalanche-Paß herabstürzten, abzudriften drohte. Die Luft war eisig. Ich hatte den
Kragen meiner Jacke hochgeschlagen und den Schal zweimal um den Hals geschlungen, aber der
Atem fuhr mir wie eine kalte Klinge durch die Kehle in die Lungen. Die Propeller
schnurrten leise. Der Baldachin, den der Maitre als Schutz gegen die grelle Sonne für uns
aufgespannt hatte, flappte, und der Wind sang in den nackten Drahtverspannungen des
Mastes, an denen das Segel herabgeglitten war.
Der Maitre des Pédaliers saß auf seinem erhöhten Platz und regulierte
von Zeit zu Zeit das Suspensorenfeld, um die vorgeschriebene Höhe über der Terrasse
einzuhalten, die sich vor dem Kloster erstreckte.
»Wie lange soll denn das noch dauern?« fragte der Gesandte der Flotte
ungeduldig und drückte sich den Dreispitz in die Stirn, als wieder eine Bö vom Gipfel
des Mont Matin über uns herfiel.
»Keine Ahnung«, sagte ich.
Ich sah, daß er jämmerlich fror, aber er hatte darauf bestanden, seine
dürre Gestalt in eine Galauniform mit Umhang zu hüllen, anstatt eines Mantels oder einer
warmen Jacke, und er lehnte es ab, sich zu beklagen. Unser Atem kondensierte in der kalten
Luft und wurde davongetragen.
»Dann fragen Sie ihn!« sagte er mit einer Kopfbewegung zum Maitre hin.
Sie haben mir keine Befehle zu erteilen, Sir! Ich bin kein Angehöriger
der Flotte, sondern Zivilist. Ich bin Ihrer Mission als Dolmetscher zugeteilt. »Er weiß
es auch nicht«, sagte ich stattdessen. »Er wartet auf ein Zeichen der Mönche, daß er
landen darf.«
»Seit Stunden!«
Ich zuckte die Achseln und blickte zum Kloster hinüber. Es hing wie ein
grotesker fauler Kürbis auf einem Felssims über einem Steilabfall. Die schwarze Felswand
unterhalb seiner Rundung war von organischen Ausscheidungen wie mit einer dicken braunen
Lasur überzogen, die mehrere hundert Meter hinabreichte und auf einem Sims weit unten
einen häßlichen Wulst bildete.
»Sagen Sie, Pallavier ...«
»Palladier, Sir.«
Er winkte ab und musterte mich von oben herab mit seinen blaßgrauen,
rotgeränderten Augen, die von dem scharfen Wind tränten. »... der Angriff damals wurde
von der Paßhöhe da oben herab vorgetragen, nicht wahr?«
»Angriff? Es war ein feiger Raubüberfall.«
Er warf mir einen flüchtigen, desinteressierten Blick zu und reckte den
runzligen Hals über dem goldbestickten und mit Raumschiffsymbolen geschmückten
Stehkragen seiner Uniformjacke, beschirmte die Augen und blickte zum Avalanche-Paß
hinauf, dem tiefen Sattel zwischen dem Mont Matin und dem Mont Arsin.
»Sie arbeiteten sich also mit ihrer Windbarke gegen die Thermik vor.
Eine respektable Leistung.«
»Nun, so kann man es auch sehen, Sir. Ich sehe es anders. Das Kloster
konnte sie nicht riechen, weil sie sich im ersten Tageslicht gegen den Wind anschlichen.
Es war völlig ahnungslos und traf keine Vorsichtsmaßnahmen. Sie machten an der Zisterne
über dem Kloster fest und kippten ein Anästhetikum in das Wasser, mit dem es jeden
Morgen getränkt wird. Danach hatten sie leichtes Spiel. Sie fanden die Pforte
unverschlossen. Das Kloster war zu benommen, um sie zu schließen.«
»Militärisch ein genialer Coup.« Er nickte anerkennend. »Man sieht,
es waren Männer von der Flotte.«
»Sie töteten fünf Mönche, die das Geschmeide der Göttinnen
verteidigten.«
Er machte eine Bewegung, als schnippte er mein Argument samt den Toten
vom Ärmel seiner Uniformjacke.
»Ich habe die Vernehmungsprotokolle gelesen«, erwiderte er knapp und
preßte die schmalen Lippen noch mehr zusammen. »Die Täter wurden öffentlich
hingerichtet. Es wurde ein Exempel statuiert. Wir können es uns nicht leisten, Cartesius
zu verlieren. Es ist die einzige Menschenwelt in fünfzig Lichtjahren Umkreis hier am
inneren Rand des Orionarms vor der großen Leere, die uns vom Sagittariusarm trennt.«
»Das weiß ich, Sir. Ich bin zwar kein Astronom, sondern Linguist und
Historiker. Aber diese Fakten werden uns bereits in der Schule beigebracht.«
Er nickte. »Außerdem wird hier Protein gewonnen, das die Flotte für
die Verproviantierung braucht. Wir können auf Cartesius nicht verzichten.«
»Außerdem wohnen hier inzwischen fast zwei Millionen Menschen«, gab
ich zu bedenken.
»Wir wären außerstande, sie zu evakuieren. Wir müßten sie ihrem
Schicksal überlassen.« Seine Worte trieben in der kalten Luft davon wie flüchtige
Gespinste.
»Deshalb haben Sie ja auch alles darangesetzt, um das Geschmeide wieder
beizubringen.«
Er musterte mich prüfend und verzog den Mund. »Allerdings«, sagte er
dann. »Das verdammte Ding hat die Flotte ein Vermögen gekostet. Wir hätten ein Schiff
damit ausrüsten können. Eine unverzeihliche Dummheit, diesen wertvollen Kultgegenstand
zu rauben.«
»Kultgegenstand, Sir? Es ist mehr als das. Es sind die Leiber von
dreiundachtzig Göttinnen. In dem Geschmeide ist eine mehr als hunderttausend Jahre alte
Tradition verkörpert.«
»Ich bin darüber informiert«, erwiderte er knapp. »Aber ich werde
mich hüten, in Glaubensfragen eine Meinung zu äußern. Aus religiösen Angelegenheiten
hält sich die Flotte grundsätzlich heraus. Das ist unsere Tradition. Nicht ganz so alt,
aber immerhin!«
Er nahm unauffällig ein paar Atemzüge aus seinem Sauerstoffpack. Wir
waren in fast zwölfhundert Metern Höhe. Der Luftdruck betrug nur ein knappes Drittel
dessen in Höhe des Binnenmeers.
Wir waren vor Sonnenaufgang von Arcachon aufgebrochen. Die Stadt war
noch in dichten Nebel gehüllt. Draußen auf dem Binnenmeer war das Tuten und Blöken von
Sirenen der Schiffe zu hören, die sich ihren Weg in den Hafen suchten.
Der Maitre des Pédaliers hatte die Barke senkrecht aufsteigen lassen.
Als sie sich aus dem Nebel erhob, war der Himmel bereits hell, und hoch über uns ragten
im ersten Tageslicht die schlanken Spitzen des Mont Matin und des Mont Arsin, die beiden
höchsten Erhebungen des Westlichen Kummet, wie zwei entblößte Fänge in den Himmel. Der
Avalanche-Gletscher zwischen ihnen, vom rosigen Schimmer des Morgens überhaucht, sah aus
wie eine Zunge. Die Gipfel der Vorberge erhoben sich in der Dämmerung aus dem Nebel wie
grüne Inseln aus einem Meer aus geronnener Milch. Ein Konvoi von sechs schwerbeladenen
Salzzillen kam den Steilabfall herab, ging in den Landeanflug und tauchte ein.
Das Segel war naß vom Tau, und Tropfen sprangen von den Drahtseilen,
als der Maitre es am Mast hochzog. Wir segelten die Felswand entlang, während der Maitre
Ausschau hielt nach der ersten Thermik, die uns den zehntausend Meter hohen Steilabfall
zum Kloster hochtragen würde.
Mittag war vorbei, und noch immer tat sich nichts. Lillepoint stand
senkrecht. Sie brannte herab, aber es war ein kaltes, gleißendes Licht. Ohne den
Baldachin, den der Maitre über dem Deck aufgespannt hatte, wäre die Strahlung, die sich
aus dem indigofarbenen Himmel ergoß, unerträglich gewesen. Es fiel schwer zu glauben,
daß es dasselbe Gestirn war, das mild auf die Strände des Binnenmeers herabschien, ein
diffuser Lichtfleck in einer dunstigen, feuchtigkeitsgesättigten Atmosphäre, die mit
ihren viertausend Millibar mehr einer Flüssigkeit ähnelte als Luft.
Ein Fangschiff kam über den Paß herein, groß wie ein Flugzeugträger,
auf dem Weg in die Docks von Brest oder La Rochelle. Wahrscheinlich beschädigt von den
Zangenschlägen und Schwanzhieben der Krustentiere in den Flachmeeren und Salzmarschen
jenseits des Kummets. Seine Suspensionsfelder flackerten in aktinischem Blau. Die
Gletscherzunge des Avalache wurde von dem Teilchensturm aus den Suspensoren gefegt wie von
der Flamme eines Schweißbrenners. Das pulverisierte Eis wurde in Fontänen die
Bergflanken hochgepeitscht. Die Luft war von einem Nebel aus Eiskristallen getrübt.
Ich knotete mir den Schal fester um den Hals und schlug den Kragen
meiner Jacke hoch. Mir knurrte der Magen. Ich hatte am Morgen nichts gegessen. Der Gedanke
an den Aufstieg mit einer Windbarke verursachte mir immer ein mulmiges Gefühl im Magen.
Und diesmal war es ein Aufstieg in extreme Höhe gewesen. Ich hätte keinen Bissen
hinuntergebracht.
Der Wind war abgeflaut. Nun war die Ausdünstung des Klosters deutlich
wahrzunehmen. Es roch uralt. Das zähe, lederige Fleisch seiner hingelagerten Masse
strömte einen süßlichen Geruch aus, eine Mischung aus pflanzlicher Fäulnis und
moderigem Atem.
Pilger hatten sich eingefunden und lagerten um den geschlossenen
Eingang. Dreißig Tage dauerte der Aufstieg vom Niveau des Binnenmeers hier herauf, durch
enge Täler, von Geröllmassen überschwemmt, auf schaukelnden Seilbrücken über wilde,
tief eingeschnittene Flüsse, Abgründe entlang auf Saumpfaden, oft nur ungesicherte
fußbreite Simse in Felswänden. Eine mörderische Wallfahrt! Zahllose Schädelpyramiden
und Beinhäuser säumten die Pilgerwege, gefüllt in vielen Jahrtausenden mit den Knochen
jener, die an Erschöpfung und Unterkühlung gestorben oder Verletzungen durch einen Sturz
oder Steinschlag erlegen waren.
Am Tor des Klosters entstand Unruhe. Die Pilger, die schon seit Stunden
an der Pforte ausgeharrt hatten, wichen ehrerbietig zurück. Der Eingang weitete sich wie
ein Anus, und Mönche in leuchtend hellgrünen Gewändern schritten heraus und nahmen
Aufstellung auf dem Vorplatz am Rande der Landeterrasse. Zeichen wurden gegeben.
Der Maitre des Pédaliers glitt von seinem Sitz an den
Suspensorenkontrollen und eilte an die Reling. Er hatte sein hüftlanges schwarzes Haar
auf dem Scheitel zu einem grotesken Knoten aufgetürmt, um seiner Göttin
gegenüberzutreten. Er rief etwas hinunter, das ich nicht verstand, dann kehrte er an sein
Pult zurück und gab Kommandos. Die Pédaliers richteten sich im Sattel auf und traten in
die Pedale. Die Luftschrauben surrten; der Maitre dämpfte das Suspensorfeld, und die
Barke senkte sich hinab auf die Terrasse. Die langen grün-gold-roten Wimpel der
Vereinigten Küstenstädte bauschten sich. Zwei der Pédaliers schwangen sich aus dem
Sattel, schlüpften aus ihrem Käfig, sprangen hinab und sicherten die Barke mit Seilen.
Mit einem leisen Knirschen setzte das Boot mit seinen Kufen auf, als das Suspensorfeld
erlosch.
Die Mönche starrten uns schweigend entgegen nicht neugierig,
nicht freundlich, nicht ablehnend. Wir blickten in uralte Gesichter, in junge Gesichter,
und sie blickten gleichgültig zurück. Mit ihren weißlich verschleierten Augen machten
sie einen abwesenden, traumverlorenen Eindruck.
Wir betraten die Terrasse. Der Stein fühlte sich gefährlich glatt an,
poliert in Zehntausenden von Jahren durch die nackten Füße der Pilger. Der Maitre und
seine Pédaliers warfen sich zu Boden und verharrten ausgestreckt mit verhülltem Gesicht.
Der Gesandte trug schnaufend den schweren gesicherten Stahlkoffer. Er
verzichtete darauf das Suspensorelement an der Unterseite einzuschalten, als wollte er
symbolisch eine Last auf sich nehmen, eine Schuld abtragen. Ich bezweifelte, ob einer der
Mönche diese symbolische Geste verstand. Kahlrasierte Novizen bückten sich und streuten
ihm Blumen vor die Füße. Wo hatten sie diese Blüten her, fünftausend Meter oberhalb
der Vegetationsgrenze? Hatten Pilger sie in den Tälern gepflückt und mit heraufgebracht?
Nein, sie waren ganz frisch. Hatte das Kloster sie hervorgebracht für diese Gelegenheit?
Der ehrenvolle Empfang entrang dem Gesandten ein Lächeln. Glaubte er etwa, die Geste
gelte ihm? Sie galt den heimkehrenden Göttinnen.
Über glatte ausgetretene Stufen stiegen wir zum Eingang des Kloster
hinauf. Die der Sonne zugewandten Flanken waren grün von Chlorophyll, aber es war
fleckig, wies graue, abgestorbene Areale auf. Weibliche Pilger rieben die abgehärmten
Stellen mit Butter ein, die sie in Blättern eingewickelt als Weihegabe mitgebracht
hatten. Dann und wann zuckte die Haut des gewaltigen Wesens unter ihren Händen, was von
ihnen mit merkwürdig trillernden Schreien quittiert wurde. Die ärmlichen, weit und lose
um den Körper geschlungenen roten und erdfarbenen Gewänder gaben den Blick frei auf
dunkelbraune Haut, magere Arme, abgezehrte Leiber und winzige spitze Brüste.
Die Männer hielten sich im Hintergrund. Sie lagerten in einigem Abstand
vom Kloster an einem kleinen Feuer, aßen und tranken vom Leib des Klosters und sangen
ihre endlosen brummenden und schnarrenden Lieder, die sie durch merkwürdige Verdrehungen
ihres Oberkörpers modulierten, den Thorax mit den Armen quetschten und Brust und Bauch
mit den Fäusten bearbeiteten, wodurch Laute entstanden wie bei einem Dudelsack, was
diesen Sängern den Spitznamen Petites Cornemuses eingebracht hatte. Trotz der
dünnen Luft waren diese Gesänge in den Bergen kilometerweit zu hören.
Im Innern des Klosters war der süße Fäulnisgeruch noch intensiver.
Ich stülpte mir die Maske meines Sauerstoffgeräts über die Nase und tat ein paar tiefe
Züge. Wir wurden in einen weiten Raum geführt, dessen Wände in einem milden
perlfarbenen Licht phosphoreszierten und bedeutete uns, auf hölzernen Auswüchsen des
Bodens Platz zu nehmen.
Süßer Tee wurde gereicht, in dem winzige weiße Blütensterne
schwammen. Sie verbreiteten einen angenehm herben, frischen Duft, der den Geruch des alten
Klosterleibes überlagerte. Die Luft im Innern schien dichter zu sein. Schaffte es das
Kloster wie ein monströser Blasebalg den Innendruck für seine Bewohner zu regulieren?
Doch die vermeintliche Erleichterung wurde sofort zunichte angesichts des Gedankens, daß
man sich im Innern eines Organismus befand, dessen Peristaltik einen zermalmen
konnte. Wenn das Flüstern erstarb, die Tassen abgesetzt waren, das Rascheln der Gewänder
für einen Moment verstummte, hörte man die leisen röchelnden Atemzüge des gewaltigen
Wesens, glaubte man die matt leuchtenden, faltigen Wände sich weiten und schrumpfen zu
sehen, nahm man da und dort aus dem Augenwinkel ein Zucken wahr wie im Fell eines Tiers,
das sich lästiger Insekten erwehrt.
In kleinen Holzschalen wurde Nahrung gereicht oder waren es die
Schädeldecken verstorbener Mönche? Faserige Streifen, die aussahen wie alte rissige
Borke, aber sich zerkauen ließen wie knusprig ausgebratene Schweinekrusten. Der Geschmack
ähnelte jedoch eher gerösteten, in Honig getauchten und mit Zimt bestreuten
Cashewnüssen. Dazu wurde eine fettige weiße Soße angeboten, salzig und mit einem etwas
bitteren Nachgeschmack. Ich erkannte ihn sofort wieder: Es war die legendäre Milch des
Klosters, ein angeblich Wunder wirkendes Sekret innerer Drüsen, das von den Mönchen an
die Pilger verteilt wurde, die es in kleinen Tonkrügen nach Hause brachten und es als
Medizin verkauften. Früher hatte das Kloster neben den Pilgern weit über tausend Mönche
beköstigt, heute waren es keine hundert mehr, die hier lebten.
Manche Menschen vermuteten, daß diese Milch die friedenstiftende Essenz
sei, weil sie möglicherweise eine Droge enthielt, die alle Zwietracht unter den Cartesern
unterdrückte und sie im Geist einte, doch man hatte in der Substanz nichts gefunden, das
als Psychopharmaka hätte interpretiert werden können.
Ich warf dem Flottengesandten einen Blick zu. Er schien keine Bedenken
zu haben und zermahlte mit Appetit die faserigen Streifen zwischen den Zähnen und nippte
an der Milch. Also gab auch ich meine Zurückhaltung auf und stillte meinen Hunger.
Räucherpfannen wurden angezündet. Die Audienz der Keschra stand also
unmittelbar bevor. Der süßliche Rauch benahm mir den Atem. Oder war es eine Droge, die
zu wirken begann? Ich tastete nach meiner Sauerstoffmaske und drückte sie mir ins
Gesicht.
Plötzlich war das Klingen von Zimbeln zu hören, und das Kloster
erbebte vom Tuten mächtiger Hörner. Mitten in der leuchtenden Wand tat sich eine runde
Öffnung auf. Die Mönche drängten sich mit einemmal dicht um uns und führten, nein
schoben uns hindurch in einen hohen Raum, der das Allerheiligste zu sein schien. Auf einer
Art Kanzel, einer faltigen Höhlung hoch in der Wand war eine große, merkwürdig
verkrümmte Gestalt zu erkennen, die auf uns herabstarrte. Ich blickte in das Gesicht des
ältesten Wesens, das mir je im Leben begegnet war. Es ähnelte mit seinen langen Armen
und seiner schwarzen Haut einem urtümlichen Geschöpf, das wenig Ähnlichkeit hatte mit
den Eingeborenen dieser Welt. Es war, als hätte man die Haut eines Carteser über ein
viel zu großes Skelett, einen überdimensionalen Rahmen gespannt und im gnadenlosen
Sonnenlicht der Höhenregion getrocknet. Das Wesen schien tatsächlich, wie manche
vermuteten, ein Alien zu sein, der Abkömmling einer sehr alten Spezies, der einst auf den
Planeten gelangt war und einen Weg gefunden hatte, sich immer wieder in Gestalt einer
Eingeborenen zu verkörpern. Ich wußte, daß diese Keschra als Tochter kleiner Leute in
der Nähe von Saint-Nazaire am Ufer des Binnenmeers zur Welt gekommen war, und man sie,
als man bei ihr die Zeichen der Wiedergeburt entdeckt hatte, als kleines Kind ins Kloster
gebracht hatte. Aber der Geist der alten Rasse und das Kloster hatten ein
anderes Lebewesen aus ihr geformt: eine Wiedergeborene Göttin.
Als hätte sie meine Gedanken gelesen, ruhte ihr Blick auf mir. Es war
nicht der verschleierte Blick einer Eingeborenen, es waren fremdartige Augen und es
waren die Augen eines kranken, leidenden Wesens.
Der Flottengesandte hatte den Dreispitz abgenommen und hielt ihn gegen
die ordensgeschmückte Brust gepreßt. Er verneigte sich, hob den Stahlkoffer auf ein
Podest unterhalb der Kanzel und öffnete ihn mit feierlichen Bewegungen. Darauf trat er
ein paar Schritte zurück und verbeugte sich erneut. Das Geschmeide funkelte trotz des
gedämpften diffusen Lichts auf dem blauen Samt.
»Im Namen der Menschen auf Eurer Welt und im Namen der Flotte bitte ich
Eure Heiligkeit um Verzeihung für die frevelhafte Tat. Wir wissen, daß dieses Verbrechen
nicht ungeschehen zu machen ist, aber wir haben keine Mühe und keine Kosten gescheut und
das Menschenmögliche versucht, um Euch das Geschmeide Eurer Vorfahren
zurückzuerstatten.«
Ich übersetzte seine Worte. Die Mönche tuschelten.
Mit erstaunlicher Geschwindigkeit ließ sich die Göttin aus der Höhe
herab und berührte die Steine, zunächst mit ihren langen schwarzen Krallenfingern, dann
mit der Zunge, fuhr damit über einen nach dem anderen, roch daran und ließ das
Geschmeide achtlos fallen, als hätte sie jedes Interesse daran verloren.
Unruhe machte sich breit unter den Mönchen, Keuchen, heftiges Atmen,
Flüstern, Anzeichen des Unmuts. Ich hörte wiederholt das Wort unheilig.
Hatte man beim Zusammenfügen der Steine Fehler gemacht? Ihre Reihenfolge im Geschmeide
womöglich vertauscht? Oder handelte es sich gar um eine Fälschung? Das konnte fatale
Folgen haben nicht nur für die Menschen in den Städten des Binnenmeers, sondern
für ganz Cartesius.
Ich warf dem Gesandten einen beunruhigten Blick zu. Sein kahler Schädel
schimmerte blaß im Halbdunkel, seine Stirn war schweißbedeckt und mißmutig gerunzelt.
Er wirkte enttäuscht und verletzt über die Reaktion, doch er hielt sich zurück.
Die Göttin war zurück in ihre faltige Höhlung in der Wand gestiegen
und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt. Das Raunen und Murren der Mönche wurde
lauter, drohender. Und mir war auch, als sei das Atmen des Klosters schärfer und heftiger
geworden.
»Was ist?« fragte der Gesandte. »Was sagen die Leute? So reden Sie
doch! Was ist los?«
»Die Steine ...« sagte ich. »Es scheinen welche zu fehlen.«
»Das ist unmöglich. Es sind dreiundachtzig, und alle in genau der
Anordnung, in der sie ursprünglich waren.«
Plötzlich waren wir eng von den Leibern der Mönche umringt. Sie
drängten uns aus dem Raum, durch den Vorraum und durch das Hauptportal hinaus ins Freie.
Der Maitre des Pédaliers blickte uns erschrocken entgegen. Seine
Männer wichen ängstlich zurück, kletterten an Bord und schlüpften in ihre Käfige.
Wir stolperten über die Terrasse, von Mönchen gestoßen und bedrängt.
Pilger hatten sich zu ihnen gesellt, die drohend Stöcke schwangen. Ich spürte Fäuste im
Rücken, den Schlag eines Stocks zwischen die Schulterblätter. Die Pilgerfrauen stießen
ihre trillernden und kreischenden Laute aus.
Die Gleichgültigkeit war aus den Gesichtern verschwunden. Ablehnung
schlug uns entgegen und ... ja, Angst und Verzweiflung.
»Man heißt uns gehen«, rief ich dem Gesandten zu. Ich wagte es nicht,
die Beschimpfungen und Schmähungen zu übersetzen, die man uns nachbrüllte.
»Das sehe ich selbst«, rief er zurück und drückte sich den Dreispitz
auf den Kopf.
Wir rannten die letzten Schritte. Es war ein unwürdiger Abgang. Ich
bemühte mich, dicht hinter dem Captain zu bleiben, damit ich ihn vor Fausthieben und
Stockschlägen schützen konnte.
»Aufsteigen!« befahl ich dem Maitre. Er löste die Seile und hob
beschwichtigend die Hände, als man auch ihn mit Stöcken bedrohte, und zog das Fallreep
an Bord, eilte an seine Kontrollen und riß die Barke hoch.
»Undankbares Pack!« murmelte der Gesandte und saugte gierig an seiner
Sauerstoffmaske. »Lächerlicher Mummenschanz um diese Keschra! Primitive Wilde!«
»Es ist eine sehr alte Kultur, und eine sehr alte Religion, Sir. Älter
als jede menschliche Kultur. Sie bestand bereits, als auf der Erde noch die Neandertaler
lebten.«
»Ich bin informiert«, erwiderte er verdrossen.
»Irgend etwas hat nicht gestimmt mit dem wiederhergestellten
Geschmeide. Es wurde nicht akzeptiert.«
Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Vier der Diamanten mußten
wir ersetzen. Sie waren nicht mehr aufzutreiben.«
Ich hielt den Atem an. »Das sind nicht irgendwelche Diamanten, Sir, die
man ersetzen kann. Es sind die in Diamanten transformierten leiblichen Wiedergeburten der
Göttin. Das sind ihre Vorfahren, die sie verbinden mit der ersten Keschra, die auf diese
Welt kam.«
»Und Sie glauben diesen Mumpitz, Palladier?«
»Es geht nicht darum, was ich glaube. Es geht darum, was die
Eingeborenen glauben.«
»Diamant ist Diamant. Ein Kristall aus Kohlenstoffatomen. Wie sollten
individuelle Strukturen eines Organismus in ein Gitter aus Kohlenstoffatomen eingeprägt
sein! Das ist doch Blödsinn, Mann!«
»Jedenfalls hat die Göttin sofort bemerkt, daß einige ihrer Vorfahren
fehlten«, erwiderte ich.
Der Gesandte schnaubte geringschätzig. »Haben Sie eine Ahnung, was die
Flotte ausgegeben hat, um diese verdammten Klunker wiederzubeschaffen? Und für die vier,
die ersetzt und exakt wie die anderen geschliffen werden mußten?«
»Wir könnten diese Welt verlieren, Sir. Das könnte es die
Flotte kosten. Und die Menschen, die hier auf Cartesius leben.«
Obwohl Lillepoint gerade erst hinter dem Avalanche-Paß untergegangen
war, dunkelte es bereits. Der Mont Matin und der Mont Marsin ragten in die Glut des
Abendhimmels auf wie zwei mächtige schwarze Hörner. Im Südosten sah man die ersten
Sterne.
Der nächtliche Fallwind hatte bereits eingesetzt. Wir schwebten auf den
Rand der Terrasse zu. Die Mönche und Dutzende von Pilgern verfolgten uns, riefen
Drohungen, versuchten immer wieder, die Steuerleinen der Barke zu ergreifen, und
schleuderten Steine, die aufs Deck polterten.
»Höher!« befahl der Gesandte dem Maitre, indem er hektisch die Hände
hochschleuderte.
Der Wind war eisig. Er trieb uns immer rascher auf die Felskante der
Terrasse zu. Die Steuerleinen schleiften über die glatte Steinfläche, dann fielen sie
ins Leere. Unter uns lag nun der Steilabfall: freier Raum bis zu den Viertausendern der
Vorberge.
Die Pédaliers arbeiteten aus Leibeskräften, um die Barke zu
stabilisieren. Der Himmel über uns füllte sich mit Sternen, und die mächtige dunkle
Gestalt des Klosters schien zu ihnen aufzusteigen. Wir sanken hinab in die Dunkelheit. Der
Maitre hatte eben die Laterne am Heck entzündet und zog eine zweite am Mast hoch, als
über uns ein schauerliches Heulen ertönte. Die Pédaliers hielten in ihren Bewegungen
inne. Der Maitre hob den Kopf und lauschte.
»Was ist das?« fragte der Gesandte.
Ich hob die Schultern. Das durchdringende Heulen über uns wurde lauter,
wurde zum klagenden Schrei, der durch Echos vervielfacht wurde, bis er den Raum zwischen
den Gipfeln über uns zu füllen schien. »Es ... es könnte die Totenklage sein, von der
die ersten Siedler berichten. Die Totenklage des Klosters.«
»Totenklage des Klosters?« Er schüttelte ungläubig den Kopf. »Sie
meinen, dieser stinkende alte Kürbis ...? Wessen Tod?«
»Ich fürchte, die Keschra hat die Aufregungen dieses Tages nicht
überlebt.«
Der Captain warf mir einen angewiderten Blick zu. »Dieses schreckliche
Ding sah vorher schon mehr tot als lebendig aus«, sagte er. »Das ist aber noch lange
kein Grund, daß diese Kerle jetzt faul in ihren Sätteln hängen. Sagen Sie dem Maitre,
daß seine Leute das Boot stabilisieren sollen!«
»Ihre Göttin ist gestorben, Sir. Ihre Trauer ...«
»Ich habe dafür sehr wenig Verständnis, Mann! Sehen Sie nicht? Wir
stürzen ab!«
Der Maitre fuhr herum. Er hatte den Knoten auf seinem Scheitel gelöst.
Das hüftlange Haar umgab ihn wie ein wehender schwarzer Mantel.
»So tun Sie doch etwas!« schrie der Captain. »Bringen sie den Kerl
zur Raison!«
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie die Pédaliers sich von den Sätteln
schwangen, aus dem Gestänge ihrer Käfige schlüpften und an Bord kletterten. Die
Cartesaner waren zwar nur knapp einen Meter groß, aber sie bewegten sich unglaublich
flink. Die sonst so friedfertigen kleinen Wesen hatten sich in kleine gefährliche Waffen
verwandelt. Sie stöhnten und knurrten, als wäre die Tollwut über sie gekommen.
Das Boot trieb steuerlos dahin und kreiselte inzwischen so stark, daß
ich taumelte und gegen die Reling gedrückt wurde. Ich starrte einen Moment lang hinunter
in die Dunkelheit. Unter uns achttausend Meter freier Fall. Dann sah ich im Licht der
Hecklaterne die Felswand dicht vor uns. Wir schwangen so knapp vorbei, daß ich
befürchtete, wir würden sie jeden Moment berühren.
»Man sollte sie erschießen!« schrie der Captain zornig.
»Wir sind unbewaffnet«, schrie ich zurück.
Wieder huschte die Felswand vorbei, wieder ganz knapp. Die Wimpel
flatterten und bauschten sich um uns. Der Fallwind riß uns immer rascher in die Tiefe.
Das Heck sackte ab. Ich hielt mich an der Reling fest. Die Hecklaterne erlosch. Um mich
war finstere Nacht. Über uns kreisten die Sterne schwindelerregend und
erschreckend hell.
»Nun tun Sie doch endlich etwas!«
»Was soll ich denn tun, Captain?«
»Halten Sie mir wenigstens die Kerle vom Leibe!«
Ich wandte mich ihnen zu. Sie hatten einen Halbkreis gebildet und
umstanden uns drohend geduckt. In ihren Gesichtern war eine schreckliche Veränderung vor
sich gegangen. Es war der Blick. In den Berichten der ersten Siedler wurde er
erwähnt. Die Nickhaut, die das Auge der Cartesaner verschleierte und ihm diesen
traumverlorenen Ausdruck verlieh, hatte sich plötzlich zurückgezogen und einen
schrecklichen Blick enthüllt. Verschwunden war die friedfertige Selbstversunkenheit.
Augen wie aus Onyx starrten mich an schwarz, hart, glatt und kalt. Raubvogelaugen
wachsam und mitleidlos.
Ich war so verblüfft vom Anblick dieser jähen Verwandlung, daß ich
eine Sekunde zu lang zögerte. In dem Moment sprangen sie mich an.
Etwas schlug mir schmerzhaft gegen die Brust dann mußte ich das
Bewußtsein verloren haben.
* * *
»Nein, das haben Sie nicht, Monsieur Palladier«, sagte sie und goß den Rest der
Schokolade in die kleinen durchsichtigen Porzellantassen auf dem Beistelltisch. »Oh, sie
ist kalt geworden. Ich mache uns frische.« Sie stellte die Tassen und die Kanne auf das
Tablett und erhob sich.
»Captain Wilberforth hat mir berichtet, daß Sie gekämpft haben wie
ein Berserker. Daß Sie die Angreifer mit bloßen Händen abgewehrt und ihm den Rücken
freigehalten haben, daß er die Barke ins Tal bringen konnte. Er hat zwar sein Leben lang
nur Raumschiffe gesteuert, gestand er mir, aber das Prinzip war ihm vertraut.«
»Er hat eine Bruchlandung hingelegt, wie ich mich dunkel erinnere.«
»Nun, Monsieur Frébillons Barke ist ein Wrack, aber für alle
Beteiligten ging es einigermaßen glimpflich ab.«
»Die Cartesaner der Maitre und seine vier Pédaliers?«
»Natürlich sofort über alle Berge, als sie unten waren.«
Sie trug das Tablett hinaus in die Küche.
Mein Blick fiel auf das überlebensgroße Porträt des Alexandre
Galopin, der unter buschigen schwarzen Augenbrauen hervor streng und etwas zweifelnd auf
mich herabblickte, aber grüßend die Hand hob, als die Sensoren meine Zuwendung
registrierten. Der alte Galopin hatte die ersten Solarfarmen im Orbit errichtet, mit denen
die Fangschiffe in den Flachmeeren und Salzmarschen mit Energie versorgt wurden. Er hatte
viel für die Städte am Binnenmeer getan, und es war zum großen Teil seiner Popularität
zu verdanken gewesen, daß man nach seinem tragischen Tod seine Tochter zur
Bürgermeisterin von Arcachon gewählt hatte.
Es war nicht nur sein animiertes Porträt in dem breiten Goldrahmen, das
diesen Raum beherrschte, er hatte ihn geprägt. Er war gegenwärtig in dem dunklen, mit
Schildpatt ausgelegtem Holz der Wandverkleidung, in den aus roten und blauen polierten
Panzern von Babyhummern gestalteten und beschnitzten Möbeln und begehbaren Schränken und
in den mit irisierendem Schildpatt gefliesten Böden, deren Fugen mit Gold ausgegossen
waren.
Der Nachmittag neigte sich. Ich beobachtete die Spinnen, die emsig die
Netze an den Fenstern woben, um sie gegen den abendlichen Insektenflug zu sichern.
Sie kehrte aus der Küche zurück und goß frische heiße Schokolade
ein. Ich war hingerissen von ihren geschmeidigen Bewegungen. Sie trug eine leichte weiße,
fast durchsichtige Seidenburqa, unter der sich ihre große schlanke Gestalt abzeichnete.
Sie nahm neben mir Platz.
»Ich habe mir ihr Buch angehört und viel daraus gelernt. Ich danke
Ihnen.«
»Ich danke Ihnen für Ihre Einladung, Mademoiselle La Maire. Es ist mir
eine große Ehre.«
Ich nippte an der Schokolade. Sie rann mir wohltuend durch die noch
immer wunde Brust.
»Sie schreiben, die erste Keschra kam auf diese Welt und brachte das
Kloster mit.«
»Das berichten die Legenden. Sie trug es in der hohlen Hand. Sie
beschloß, sich in den Bergen niederzulassen, und ließ es zu einer Behausung
heranwachsen. Als sich die ersten Anhänger um sie sammelten, wuchs es weiter, um allen
Nahrung und Unterkunft zu bieten.«
»Woher kam sie?«
»Das weiß niemand. Und wie sie auf diese Welt gelangte, wird wohl
immer ein Geheimnis bleiben.«
»Sie brachte den Cartesanern den Frieden.«
»Ja«, sagte ich, »denn die Bewohner dieses Planeten waren seit
Jahrtausenden in blutige Kriege verwickelt. Sie bewirkte, daß die Aggression verschwand.
Wie sie das vermochte ... das ist das Problem, mit dem wir konfrontiert sind, Mademoiselle
La Maire.«
»Sie beschloß, immer wieder in Gestalt einer Bewohnerin dieser Welt
wiedergeboren zu werden, um den Frieden zu sichern.«
»So ist es.«
»Und dieses Geschmeide ...« Sie hob die Hand. »Es bestand aus den
Wiedergeborenen Göttinnen?«
»Ja, Mademoiselle La Maire. Es waren die transformierten sterblichen
Überreste ihrer Vorfahren. Die erste Keschra hatte ihre Anhänger gelehrt, wie sie diese
Transsubstantiation in Kristalle durchführen mussten. Dreiundachtzig in Silber gefasste
Leiber. Über diese Kette hielt jede Wiedergeborene vermutlich Kontakt mit der Urmutter.«
»Über einen Zeitraum von hunderttausend Jahren?«
»Mindestens.«
»Wir haben diese Verbindung durchtrennt.«
»Das befürchte ich.«
»Ich wünschte, Sie hätten unrecht, denn wir sind in einer ziemlich
ausweglosen Situation. Wir können hier nicht in einem ständigen Belagerungszustand
leben, und die Flotte hat keine Möglichkeit, die Menschen zu evakuieren. Wohin auch? Nur
ein kleiner Teil könnte in den Orbitalkomplexen unterkommen. Die Zurückbleibenden wären
dann umso mehr gefährdet. Trotzdem existieren, wie ich weiß, in einigen Städten bereits
geheime Prioritätenlisten, welche Personen bei einer eventuellen Evakuierung unbedingt zu
berücksichtigen sind.«
»Unglaublich.«
»Nein, durchaus menschlich, mein lieber Palladier. Typisch
menschlich.«
»Die Idee, den Planeten zu verlassen, können wir uns aus dem Kopf
schlagen.«
»Der Meinung bin ich auch, aber welche Alternative haben wir. Glauben
Sie, dass wir etwas durch Verhandlungen mit den Eingeborenen erreichen könnten.«
Der alte Galopin hatte die Lippen gespitzt und blickte mißmutig auf uns
herab.
»Mit wem sollten wir verhandeln? Es herrscht Anarchie. Das totale
Chaos. Es gibt keine Wortführer. Allenfalls ein paar Warlords oder Bandenhäuptlinge, auf
deren Zusagen kein Verlaß ist oder die morgen bereits entmachtet oder tot sind. Die
Cartesaner sind krank. Es ist wie ein Fieber, das in ihren Köpfen wütet. Sie sind nicht
bei Sinnen.«
»Vorgestern Tagen erschienen ein paar Pilger am Westtor. Es waren auch
Mönche unter ihnen. Sie machten einen recht friedfertigen Eindruck und bettelten um
Nahrung. Sie berichteten, die inneren Quellen, aus denen das Kloster sie beköstigte,
seien versiegt. Der Hunger habe sie zum Abstieg gezwungen. Der Gestank des Todes im Leib
des Klosters sei von Tag zu Tag unerträglicher geworden, und man spüre keine Bewegung
mehr in den Wänden. Nur die Frömmsten harrten noch aus und flößten ihm Wasser ein. Sie
warteten auf den Abschluß der Transsubstantiation der verstorbenen Göttin, um dann den
Diamanten ihres Leibes ins Tal zu bringen, der bei der Suche nach einer Wiedergeburt
hilfreich sein soll.«
»Ob das Geschmeide noch im Kloster ist?«
»Das fragten sich auch zwei junge Männer aus Saint-Nazaire. Sie sind
gestern mit einer Windbarke hinaufgesegelt. Sie fanden die Terrasse verlassen, das Kloster
halb verwest. Ein Teil der Hülle klebt noch auf dem Sims, die Hautmasse des Leibes,
berichteten sie, sei abgesackt, habe sich über viertausend Meter Steilabfall verteilt und
stinke zum Himmel. Von dem Geschmeide fanden sie keine Spur. Vielleicht haben die Mönche
es irgendwo versteckt.«
»Möglicherweise. Ich hatte eher den Eindruck, es sei ihnen wertlos
geworden.« Ich zuckte die Achseln. Die Spinnen an den Fenstern hatten ihre tägliche
Arbeit vollendet und waren verschwunden.
Die Bürgermeisterin lehnte sich in ihrem Sessel zurück. »Manchmal
kommt es mir vor«, sagte sie seufzend, »als sei der ganze Planet in Verwesung
übergegangen. Als atmete er plötzlich etwas Giftiges aus, als stiegen eklige Dämpfe aus
der Caldera dieses alten erloschenen Vulkans auf. Als gase das Gestein etwas Bösartiges
aus, das alles Organische verdirbt.« Sie legte die Hand auf die Brust. »Oft fällt mir
das Atmen schwer. Selbst die Insekten sind aggressiver als sonst.« Sie wies auf die
Spinnennetze in den Fenstern. »Dabei war es immer eine so schöne Welt. Ein Paradies, wie
es im Umkreis von hundert Lichtjahren nicht zu finden ist.«
»Die ersten Menschen, die mit der Descartes hier landeten,
glaubten tatsächlich das Paradies gefunden zu haben. Denken sie an die Sonette von
Épervier, in denen er das Binnenmeer preist als eine Insel im bitteren Salzozean, der
unter einer gnadenlosen Sonne verdunstet.«
»Ja, ein Paradies solange die Keschra ihre segnende Hand
darüberhielt. Nun ist diese Hand verdorrt.«
»Mademoiselle Galopin, wissen Sie, wovor ich am meisten Angst habe?
Daß diese Raserei auch auf uns Menschen übergreifen könne. Als der Maitre des
pédaliers auf mich los ging, glaubte ich das Bewusstsein zu verlieren. Aber das war nicht
der Fall. Irgendetwas bemächtigte sich meiner.«
Sie legte ihre auf meinen Arm. »Da bin ich gänzlich unbesorgt«, sagte
sie. Für einen Moment sah ich ihre dunklen Augen unter dem Schleier blitzen. »Es
überkam uns ja auch nie die große Friedfertigkeit, als die Keschra noch lebte.«
Ich starrte ihr Handgelenk an. Die feinen Tätowierungen, die ich für
Arabesken gehalten hatte, waren nun sah ichs ganz deutlich
Sternbilder. Unwillkürlich hielt ich ihren Unterarm fest. Sie entzog ihn mir nicht.
»Das sind die Sterne des inneren Orionarms«, sagte ich verblüfft.
»Ja«, erwiderte sie. »Als ich in Nantes studierte, arbeitete dort ein
Künstler, der sich auf das Tätowieren von Sternkarten spezialisiert hatte.«
»Gefällt es Ihnen.«
»Wunderschön.« Ich fuhr mit der Fingerkuppe darüber. »Sie hatten
Ihre Gründe, nehme ich an ...« Noch immer hatte sie mir ihren Arm nicht entzogen.
»Ja, meine Mutter war Flottenoffizierin, bevor sie meinen Vater
heiratete. Als die Ehe auseinanderging, trat sie wieder in die Flotte ein. Als sie mir das
eröffnete, hielt ich es für eine gute Idee, mir diese Tätowierungen machen zu lassen.
So weiß ich immer, wo du bist, sagte ich zu ihr. Ich werde immer
spüren, wo du dich gerade befindest.«
»Und Sie spüren es?«
»Ja.« Sie deutete auf eine Stelle zwischen Lillepoint und Alexanders
Stern. »Sie ist genau hier. Sie fliegt auf der Cigale. Sie hat sich
davongestohlen in die Zukunft«, sagte sie mit einem Seufzen. »Noch bevor das Schiff sein
Ziel erreicht, werde ich älter sein als sie.«
Ich schloß die Augen und drückte einen zärtlichen Kuß auf die
bezeichnete Stelle oberhalb ihrer Handwurzel. Meine Lippen berührten kühle samtige Haut,
und ich atmete den herben aromatischen Duft von Zypressenzweigen an einem regnerischen
Morgen.
Ich warf einen schuldbewußten Blick auf das Porträt des alten Galopin.
Er lächelte und nickte mir wohlwollend zu.
* * *
»Ich hörte, dass Sie sich mit der Bürgermeisterin verlobt haben, Palladier.«
»Sie haben richtig gehört, Captain.«
»Gratuliere. Ist sie tatsächlich so schön, wie man behauptet?«
»Das weiß ich nicht. Sie hat sich mir noch nicht ohne Schleier
gezeigt.«
»Dann hoffe ich, dass es eine angenehme Überraschung ist, die Sie
erwartet.«
»Überraschung, Sir?«
»Nun ...«
»Ich kann Ihnen nicht ganz folgen. Ich liebe Mademoiselle Galopin.«
Der Captain war stehen geblieben. »Ihr seid schon ein lustiges
Völkchen hier«, sagte er lachend. »Sie kaufen also ...«
»Ich kaufe ...?«
»Nun, Sie nehmen oder soll ich sagen: akzeptieren? die
Katze im Sack.«
»Katze im Sack? Die Katze ist ein Tier, soviel ich weiß. Wie meinen
Sie das, Mister Wilberforth, Sir?«
Er machte eine ärgerliche Handbewegung. »Es ist eine Redensart. Wir
sollten das nicht vertiefen. Ich wollte Sie, um Himmelswillen, nicht beleidigen.«
Ich hätte ihm am liebsten einen Faustschlag auf die frisch verheilte
Nase versetzt.
»Ihr habt hier aus der Not der Insektenplage die Tugend raffinierter
Verschleierung gemacht«, fuhr er fort. »Jedenfalls ist damit für Überraschung gesorgt,
wenn es ans Auspacken geht.«
Es war der Tag vor seiner Abreise. Er hatte zu einem Umtrunk ins
Flottenhaus eingeladen, und als die offizielle Verabschiedung vorüber war, hatte Henri,
in einer Hand ein Glas Champagner, in der anderen eine Sanchez, uns zu einem Spaziergang
zum Laserturm am Ende der Landzunge eingeladen, war dann aber doch nicht mitgekommen, weil
er schon etwas unsicher auf den Beinen war. Also traten wir allein hinaus auf den mit
Silberbarren gepflasterten Marktplatz und machten uns auf den Weg die Küste entlang.
Der Captain trug einen der breitkrempigen einheimischen Hüte, von deren
Rand ein Schleier bis über die Schultern fiel, um Gesicht und Hals vor blutsaugenden
Fluginsekten zu schützen.
Das Meer rauschte gegen die Felsen unter uns. Die leichte Brise schob
uns vor sich her; auf dem Rückweg würden wir kräftig gegen sie anschreiten müssen.
»Wann werden Sie beginnen, Ihre Galaxis zu erforschen, wenn ich fragen
darf?«
»Galaxis?«
»Ich habe doch Augen im Kopf. Und eine Sternkarte erkenne ich auf den
ersten Blick. Ihre Verlobte trägt über der Handwurzel eine Tätowierung der lokalen
Sterngruppe hier am Rand. Ich nehme an, daß sich die Karte des Orionarms nach oben
fortsetzt. Vielleicht enthüllt sich Ihnen die ganze Galaxis, Palladier. Wie
beneidenswert.«
»Mir stehen gewiß interessante Forschungsreisen bevor. Aber wenn Sie
gestatten, würde ich vorschlagen, das Thema zu verlassen.«
Er hob die Hände. »Einverstanden. Ich wollte Sie schon immer einmal
bitten, mir etwas über die Frühgeschichte dieser Welt zu erzählen. Frebillon sagte mir,
daß Sie ein Experte darin sind. Wir sind nie dazu gekommen. Aber Sie sagten mir, als wir
zu diesem stinkenden Kloster hinaufflogen, das Kummet sei buchstäblich ein Geschenk des
Himmels.«
»Ja, so ist es. Cartesius wurde vor etwa einhundertfünfzig Millionen
Jahren von einem größeren Planetoiden getroffen.«
»Es sieht aus dem Orbit wie eine böse Schusswunde aus.«
»Der Aufprall erfolgte jedoch auf der gegenüberliegenden Seite. Der
Himmelskörper durchschlug die Kruste und drang tief in den Mantel ein. Das Kraftmoment
der Kollision setzte sich quer durch den Planeten fort und bewirkte, dass der heiße Kern
in diese Richtung verschoben wurde. Das hatte zur Folge, dass sich hier ein gewaltiger
Vulkan auftürmte, der bis über die Atmosphäre hinausragte. Er brach schließlich unter
seinem eigenen Gewicht zusammen. Seine Caldera ist das Binnenmeer. Das Kummet ist der
Kraterrand oder das, was von ihm übrig ist.
Der heftige Vulkanismus hatte zur Folge, daß der gesamte Planet von
einem Ozean bedeckt und in eine dichte Atmosphäre gehüllt wurde. Der größte Teil des
Wassers ist unter der heißen Strahlung Lillepoints inzwischen verdunstet, bietet aber
immer noch ausreichend Lebensraum für niedere Tiere: Würmer, Quallen, Triboliten,
Schnecken, Kraken, Hummer, von denen einige Arten sich durch Riesenwuchs auszeichnen ...«
»Protein für die Flotte.«
»So ist es. Höheres Leben konnte sich nur im Schutz des Kummets am
Binnenmeer entwickeln.«
»Das Ding ist übrigens aus Lichtwochen Entfernung zu erkennen.«
»Und als Hort des Lebens zu identifizieren. Deshalb bremste die Descartes
ab. Die ersten Siedler nannten es Collier de cheval, weil es aus dem Raum tatsächlich wie
ein Pferdekummet aussieht. Und sie fanden reiche Bodenschätze in seinem Innern, die aus
dem Kern herausgequollen waren: Platin, Gold, Silber, Titan, seltene Erze.«
»Eine reiche Welt, Palladier.«
»Jetzt droht sie uns zu entgleiten.«
Er winkte ab. »Sie müssen sie festhalten.«
Tauchervögel kreisten mit schrillen Schreien über den Wogen und
stürzten sich ins Wasser auf der Jagd nach Fischen.
»Die Männer von der Flotte, die es anzettelten ...«
»Haben dafür bezahlt«, unterbrach er mich ungeduldig.
»Und Sie brauchen sich bald nicht mehr um solche Dinge zu kümmern. Sie
sind dabei, durch Raum und Zeit zu entschwinden.«
Er nickte. »Ich werde die nächsten Wochen damit zubringen, mich in
Gesellschaft von zweihundert Tonnen Protein auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigen
zu lassen, um dann an die Hawking anzudocken, die das Lillepoint-System in
Richtung Sagittariusarm durchfliegt.«
Wir waren stehen geblieben und blickten zurück auf die Stadt, die
vergoldeten Turmhauben und Dachreiter leuchteten in der blassen Nachmittagssonne, und die
mit Schildpatt gedeckten Dächer und Kuppeln schienen von innen heraus perlfarben zu
glühen.
»Sagittarius Edge wurde von Menschen besiedelt, hörte ich.«
»O nein. Wo denken Sie hin! Die erste Expedition hat noch nicht einmal
die Hälfte der Entfernung zurückgelegt. Aber wenn ich dort eintreffe, werden die
Kolonien bereits auf eine zehntausendjährige Geschichte zurückblicken.«
Er zupfte ein Insekt von seinem Schleier, schleuderte es zu Boden und
zertrat es.
»Die gleiche Zeit wird dann auch hier ins Land gegangen sein, nehme ich
an.«
»Die gleiche Zeit. So ist es.«
»Aber Sie werden nur ein paar Jahre gealtert sein.«
»Ich schätze vier oder fünf Jahre. Ja.«
»Was sollte Sie also das Schicksal dieser Welt und ihrer Bewohner
kümmern?«
»Nun ...«
Mir fiel ein, was Annette über ihre Mutter gesagt hatte. »Ich hatte
schon immer das Gefühl, daß ihr Leute von der Flotte euch schamlos durch Raum und Zeit
davonstehlt und in der Zukunft verschwindet.«
Er hob die Schultern. »Wir können an den Gesetzen des Universums
leider nichts ändern, mein lieber Palladier.«
Wir wandten uns zum Weitergehen, aber plötzlich blieb er stehen. Eine
Gruppe Eingeborener, Männer und Frauen, kam den Strand entlang auf uns zu.
»Sollten wir nicht besser umkehren?« fragte er.
»Wenn Sie wollen.«
Wir machten uns auf den Rückweg, aber die Luftströmung war stärker
geworden, und wir hatten beide Mühe, gegen sie anzuschreiten. Die Cartesaner hatten uns
in wenigen Minuten eingeholt.
Der Captain warf einen besorgten Blick über die Schulter. »Sie
scheinen nicht bewaffnet zu sein«, sagte er.
Sie zogen leichtfüßig an uns vorbei. Der traumverlorene Blick ihrer
verschleierten Augen streifte uns. Sie schienen uns kaum wahrzunehmen, scherzten und
lachten. Sie waren in ihre heitere Welt zurückgekehrt, an der wir Menschen nicht
teilhatten.
»Was ist geschehen?« fragte Wilberforth.
»Ein Wunder«, erwiderte ich. »Aber was sollte Sie das noch
interessieren?«
»Es interessiert mich sehr.«
»Ich wollte Ihnen eigentlich nichts davon erzählen vor Ihrer Abreise.
Ich habe es selbst erst heute morgen erfahren. In einem Fischerdorf an der Mündung des
Rambon haben die Mönche ein kleines Mädchen gefunden, das die Zeichen der Wiedergeburt
trägt. Es trägt einen Spielkameraden mit sich herum, von dem es sich nicht trennt, den
es Tag und Nacht in der Hand hält. Niemand weiß, wo es dieses kleine Wesen gefunden hat
oder wo es herkommt. Es sieht aus wie eine winzige grüne Feige und es atmet.
Wir setzten unseren Weg fort.
»Noch ein Geschenk des Himmels«, sagte der Captain Wilberforth nach
langem Schweigen.
»Grüßen Sie Ihre zukünftige Frau, Palladier«, sagte er, als wir uns
auf dem Marktplatz verabschiedeten. »Ich wünsche Ihnen viel Glück bei Ihren
Entdeckungsreisen.«
»Danke, Sir. Das wünsche ich Ihnen auch«, erwiderte ich. »Und
grüßen Sie mir die Zukunft!«
Copyright © 2003 by Wolfgang Jeschke
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