"Der
reinste Dschungel", sagte Jane, als sie am nächsten Morgen in den schmalen,
asphaltierten Waldweg einbogen, den Behrman ihnen beschrieben hatte. Ein Lieferwagen kam
ihnen entgegen, offenbar von einer Installationsfirma. Dahinter fuhr ein schwarzer Dodge
mit verdunkelten Scheiben. "Ziemlich viel Verkehr hier", sagte Jane,
"findest du nicht?"
Die asphaltierte Strecke mündete nach einer Weile in einen löchrigen
Feldweg. Links und rechts des Weges standen alte Bäume, deren Zwischenräume von
Gestrüpp überwuchert waren.
"Walden Two", sagte Troller.
"Walden who?"
"Thoreau. Der Urvater der amerikanischen Zurück-zur-Natur-Freaks.
Er hat in einer ähnlichen Umgebung ein spektakuläres Experiment versucht, das er in
seinem berühmten Tagebuch mit dem Titel Walden Two beschrieben hat. Millionen
Amerikaner träumen noch heute von so einem einfachen Leben. Und das, obwohl die Sache
schon im vorletzten Jahrhundert stattfand."
"Also ein Selbstversuch."
"Ja. Thoreau hat ein Jahr lang auf einem kleinen Stück Land ohne
Hilfe von außen gelebt und versucht, sich fast vollständig selbst zu versorgen. Er
wollte beweisen, dass der Weg der Zivilisation nicht zwangsläufig ist, dass man sich der
industriellen Lebensweise auch verweigern kann. Die wahre Freiheit bestand für ihn darin,
im Einklang mit der Natur zu leben."
"Klingt ziemlich anstrengend und unbequem", sagte Jane.
"Behrman liebt das Experiment" sagte Troller. Er erinnerte
sich an sein Gespräch mit ihm auf dem Einstein-Forum und die anschließende Session. Auf
seine Art war er auch ein merkwürdiger Kauz, aber ein origineller, der immer gut war für
überraschende Ideen.
Am Ende des Weges, der in eine Lichtung einbog, stand ein Blockhaus, das
aus rohen Baumstämmen zusammengefügt war und zu dem eine Stromleitung hinführte.
"Von wegen Walden Two", sagte Jane.
Sie parkten den Cadillac vor dem Haus und stiegen aus. Das Blockhaus
glich beinahe einer Festung. Die Fenster waren mit schweren schmiedeeisernen Gittern
geschützt. Troller suchte nach einer Klingel, aber vergeblich.
Er klopfte erst behutsam, dann energischer gegen die schwere, mit
Schnitzereien verzierte Eingangstür. Nichts rührte sich. Aus dem Inneren waren keine
Geräusch vernehmbar.
"Er wird uns doch nicht versetzt haben, unser Naturfreund",
sagte Jane.
Troller schaute auf die Uhr. Es war kurz nach zehn. Sie hatten sich
etwas verspätet. Achselzuckend warf er Jane einen Blick zu und drückte die aus einer
Wurzel gefertigte Türklinke hinunter. Erstaunlicherweise war das Haus nicht
abgeschlossen. "Gitter vor den Fenstern, als wäre es Fort Knox", sagte Troller,
"aber die Türe offen lassen. Komisch." Die Tür knarrte, als er sie öffnete.
Wieder sahen sich beide an. Troller spürte ein ungutes Kribbeln in der
Magengrube. "Gehen wir rein?"
"Was sonst", sagte Jane, die nicht besonders besorgt zu sein
schien.
"Mr. Behrman?" rief Troller.
Keine Antwort.
"Mr. Behrman, sind Sie da?"
Im Vorraum stand ein aus dunklem Holz geschnitzter Bär, der ein Schild
in den Tatzen hielt: Come In!
Von diesem Vorraum gingen zwei Türen ab.
"Links oder rechts?" fragte Troller.
"Links natürlich", sagte Jane, ohne auch nur eine Sekunde zu
überlegen.
Troller klopfte an, wartete und drückte dann die Türklinke hinunter.
Er öffnete die Tür nur einen Spalt und schaute hindurch. Der Raum war in ein schummriges
Halbdunkel getaucht. Durch die kleinen Fenster kam nur wenig Licht, und die dunkel
gebeizten Holzstämme, aus denen die Wände gefertigt waren, gaben dem Raum eine
höhlenartige Atmosphäre. In der Mitte stand ein großer, nur roh behauener Tisch aus
Redwood, um den acht Stühle gruppiert waren. Für Trollers Geschmack kam das alles ein
wenig zu urtümlich daher. Er hatte diese Redwood-Schnitzereien noch nie gemocht. Und
überhaupt: Was hatte das Abholzen dieser zweitausend Jahre alten Baumriesen und ihre
Verarbeitung zu Möbeln mit einem natürlichen Leben zu tun?
Während Jane sich an ihm vorbeischob und den Raum betrat, ließ Troller
noch weiter seinen Blick durch den Raum schweifen. Bilder von knisternden Holzscheiten und
einer anheimelnden Hüttenromantik tauchten vor seinem inneren Auge auf, als er den Kamin
sah. Irgendwo tickte eine Uhr. Es hätte Troller nicht gewundert, wenn es eine
Schwarzwälder Kuckucksuhr gewesen wäre, aber er sah keine und das Ticken schien auch aus
der hinteren Ecke des Raumes zu kommen, in der eine von einem schweren Vorhang abgeteilte
Nische zu erkennen war.
"Mein Gott." Janes Stimme kam aus der Nische hinter dem
Vorhang.
"Was ist?" Troller eilte ihr nach und riss mit einem Ruck den
Vorhang beiseite. Janes Gesicht war bleich, sie zitterte am ganzen Leibe.
"Oh, mein Gott", sagte Troller nun auch. "Oh, mein
Gott." Er spürte ein Ziehen im linken Arm. Sein Mund war trocken, seine Zunge klebte
am Gaumen. Er hatte Mühe, zu sprechen. "Das ist - Behrman." Er machte einen
Schritt nach vorn und schaute sich das Gesicht des Toten an. "Es ist Behrman",
sagte er, als müsste er es sich selbst noch einmal bestätigen, "zweifellos".
Ein eisiger Schauer lief ihm über den Rücken. Unwillkürlich fasste er Janes linke Hand,
aus der ebenfalls alle Wärme gewichen war.
Behrman lag auf einer Recamiere mit halb aufgerichtetem Oberkörper und
hielt ein Buch in der Hand. Vielleicht hatten seine Mörder ihn so gefunden und ihn in
einer Art zynischem Spiel wieder so hingelegt. Lesen konnte er so jedenfalls nicht mehr.
Da, wo einmal sein Gehirn gewesen war, klaffte ein Loch. Und doch sah er beinahe friedlich
aus. Blut war nicht zu sehen.
Troller wunderte sich darüber, wie gelassen er jetzt war. Hatte er eben
noch, beim Betreten des Hauses, Angst verspürt, so bemerkte er jetzt eine erstaunliche
innere Ruhe. Sein Verstand lief allerdings auf Hochtouren.
Wer verdammt noch mal war hinter den Teilnehmern der Zukunftskonferenz
her? Wollte das Pentagon weitere Enthüllungsaufsätze wie den von Kagan verhindern? Aber,
warum dann diese aufwendigen Operationen? Experimentierte White mit irgendetwas herum,
etwa um zu beweisen, dass transplantierte Gehirne doch über Bewusstsein verfügten? Hatte
die FOU zugeschlagen? Steckte am Ende wirklich Adams hinter der ganzen Sache?
"Oh Mann", sagte Jane und schlug sich mit der flachen Hand an
die Stirn. "Wir haben gepennt."
Nur mühsam konnte Troller den Blick von Behrmans Leichnam abwenden.
"Was meinst du?" sagte er und seine Stimme fühlte sich merkwürdig taub an.
Sein Gaumen war noch immer trocken, und die Zunge ließ sich nur mühsam bewegen.
Jane schien weniger geschockt zu sein. "Der Lieferwagen",
sagte sie und stieß Troller mit ihrer Rechten an die Schulter.
Er merkte, wie ihn das Denken anstrengte. Außerdem lenkte ihn dieses
verdammte Ticken im Hintergrund ab.
"Warum haben wir das nicht gleich gemerkt, wir Idioten. Das ist
doch wie bei Eklund."
"Wie bei Eklund", wiederholte er mechanisch. "Aber ja!
Sie hatten ganz einfach nicht geschaltet. Installationsfirma. Er hörte immer noch das
Ticken. "Was ist das?" sagte er. "Hörst du nicht dieses Ticken."
Jane richtet ihren Kopf auf. "Wie bei Eklund", sagte sie noch
einmal und fing an in der Luft herumzuschnuppern. "Benzin", sagte sie
schließlich. "Es riecht nach Benzin."
Auch Troller bemerkte jetzt den leichten Benzingeruch im Raum.
"Hier", sagte Jane und hob die Decke an, die Behrmans Beine
bedeckte. Darunter kam ein rechteckiger Kasten zum Vorschein, von dem zwei rote Kabel zu
einem Wecker führten. Unwillkürlich machte Troller eine Handbewegung auf den Kasten hin,
doch Jane hieb ihm hart auf die Finger. "Wenn du das falsche Kabel ziehst, geht sie
hoch."
In diesem Moment hörten sie das Knirschen von Reifen und ein leises
Motorengeräusch. Fast gleichzeitig liefen sie zum Fenster und sahen durch die
vergitterten Scheiben das Heck des schwarzen Dodge im Wald verschwinden.
"Raus hier", sagte Jane. "Schnell."
Es dauerte eine Ewigkeit, bis er zu laufen begann. In der Diele rannte
er mit voller Wucht gegen den Bär, strauchelte, fiel hin und knallte mit dem Kopf gegen
die Eingangstür. Jane half ihm hoch. Troller torkelte und konnte nur mühsam das
Gleichgewicht halten. Jane ergriff die Türklinke und wollte die Tür öffnen, doch sie
gab nicht nach.
"Shit", sagte sie. "These bloody fucking bastards!"
Troller brauchte einen Moment, bis er kapierte. Die Männer im Dodge
waren zurückgekommen, um sie einzuschließen. Verzweifelt rüttelte Jane an der Tür.
Da zerriss eine Detonation die Stille. Sofort lag Brandgeruch in der
Luft. Aus dem Zimmer, in dem Behrman lag, loderten die Flammen. Die Explosion hatte große
Teile des Zimmers verwüstet und der Vorhang brannte lichterloh. Geistesgegenwärtig
schlug Jane die schwere Tür zum Wohnzimmer zu. "Die fackeln uns ab", sagte sie.
"Wir müssen so schnell wie möglich raus." Sie öffnete die rechte Tür, die
von der Diele zur Küche führte. Die Fenster waren auch hier mit schweren Gittern
versehen. Trotzdem riss Jane beide Fensterflügel auf, während Troller sich nach Werkzeug
umsah. Jane rüttelte an den Gittern, die aber keinen Millimeter nachgaben.
"Moment mal", sagte Troller und schob den Besen, den er im
Putzschrank gefunden hatte, unter das Gitter. Mit aller Kraft stemmte er sich gegen ihn
und versuchte das Gitter aufzuhebeln. Der Besenstil zerbrach, ohne dass sich das Gitter
bewegt hatte. "Es hat keinen Zweck", sagte Troller. Jetzt erst bemerkte er den
Sog, den das offene Fenster erzeugte. Dicker Qualm drang durch die Ritzen der
Wohnzimmertür und erschwerte das Atmen. "Lass uns das Fenster zu machen", sagte
er, "sonst breitet sich das Feuer noch schneller aus."
"Ersticken oder verbrennen, was ist schöner?" sagte Jane.
Troller hustete. Seine Augen begannen zu tränen. Herrgott, was für
blutige Laien sie doch waren. Die Gitter waren unüberwindlich.
"Wir müssen die Haustür knacken", sagte er. "Das ist
unsere einzige Chance." Jane nickte. Wahllos rissen sie die Schubladen und Türen der
Küchenschränke auf und suchten weiter nach Werkzeugen. Doch außer diversen Messern,
Gabeln, Löffeln und einem Schraubenzieher war da nichts zu finden. Und selbst wenn, die
Tür hatte ein Sicherheitsschloss, wie sollten sie das knacken? "Vielleicht gibt es
irgendwo einen Zweitschlüssel", sagte er und lief in den Flur zurück. Hastig
durchstöberte er die Schubladen der Kommode, die im Flur stand und tastete den Holzbären
ab. Nirgendwo eine Spur von einem Schlüssel. Der Qualm, der durch die Ritzen der
Wohnzimmertür drang, wurde immer dicker. Die Hitze war allmählich kaum noch zu ertragen.
Troller lief der Schweiß im Strömen die Stirn hinunter. Er hustete immer mehr und
spürte, wie sie sich seine Lungenflügel zusammenkrampften. Und mit einem Male wurde ihm
klar: Es würde nur noch wenige Minuten dauern, bis sie hier jämmerlich erstickten.
Jane hatte den Schraubenzieher in der Hand und begann verzweifelt den
Türrahmen zu bearbeiten. Doch Troller sah, dass es ein aussichtsloses Unterfangen war.
"Es hat keinen Sinn", sagte er. "Es hat keinen Sinn." Er legte seine
Hand auf Janes Schulter. "Uns bleiben nur noch wenige Minuten." Er setzte sich
mit dem Rücken zur Tür auf den Boden. Es hatte keinen Sinn, gegen sein Schicksal
anzukämpfen. Man musste es annehmen. Er blickte zu Jane auf, die weiterhin mit dem
Schraubenzieher in der Höhe des Schlosses die Türfüllung auszuhebeln suchte. "Wir
können nicht aufgeben", sagte sie.
"Es ist zu spät", sagte Troller. Er musste an Sarah denken.
Welche Erinnerung würde sie an ihn haben? Wahrscheinlich kaum eine. Ein Mann, der sich
nicht viel um sie gekümmert hatte. Ein Vater, der vor seine Rolle davongelaufen war.
Einer, der nicht begriffen hatte, dass das Leben wichtiger war als irgendein Buch, das er
unbedingt schreiben wollte.
Jetzt hatte auch Jane aufgegeben. Hustend hockte sie sich neben ihn.
Troller begann flach zu atmen, um nicht zuviel Qualm zu schlucken. Jane liefen die Tränen
die Wangen hinab. Troller wusste nicht, ob es die Erschütterung war oder nur der Qualm.
"Hast du das eigentlich ernst gemeint?" fragte er.
"Was?"
"Dass wir, wenn alles vorbei ist, in die Karibik fahren und uns mit
Caipirinhas vollaufen lassen."
Jane dreht sich zu ihm. Ihre Augen tränten, ihr Gesicht war vom Ruß
geschwärzt. Sie nahm seinen Kopf in ihre Hände und legte ihre Stirn gegen seine.
In diesem Moment hörten sie, wie ein Schlüssel ins Türschloss
gesteckt und umgedreht wurde. Troller spürte den Druck der Tür in seinem Kreuz. Jane war
bereits aufgesprungen und zog ihn hoch. Die Tür wurden geöffnet, und der frische
Sauerstoff, der mit einem Male Trollers Lungen füllte, ließ ihn schwindelig werden.
Durch die Rauchschwaden, die nach draußen drängten, sah er eine Gestalt im Türrahmen
stehen.
Es war ein Trugbild, eine Halluzination. Er kannte diesen Mann, aber es
war unmöglich, dass er jetzt vor ihm stand. Es konnte nicht sein. Hatte er seinen
Verstand verloren? War die Tür, die sich geöffnet hatte, schon die Tür zur anderen
Welt?
"Was ist?" fragte Jane, die den Mann nicht sehen konnte, weil
er von der Tür verdeckt war. "Was ist los?"
Gewiss, dachte Troller, die langen grauen Haare, die hat er nicht
gehabt. Diesen hinten zusammen gebundenen Zopf, den nicht. Aber die Gesichtszüge? Nein,
es gab keinen Zweifel: Das war Behrman.
Jetzt öffnete der Mann den Mund und sagte: "Wo ist mein
Bruder?"Behrman
Sie saßen in einem zu einem Studio ausgebauten Loft in einem hundert Jahre alten
Backsteinbau unweit der Beale Street, der berühmtesten Straße von Memphis. Manche
hielten diese Straße für die Geburtsstätte des Blues. B.B.King hatte hier seine
Karriere begonnen, Elvis Presley war in dieser Stadt geboren. Ein paar Meilen entfernt lag
Graceland, sein Haus mit der Ranch, der Villa, dem Flugzeug und dem Grab.
Behrman hatte, wie er sagte, das Studio unter falschem Namen gemietet,
um hier ungestört seinen Forschungen und Studien nachgehen zu können. Offiziell lebte er
nur in der Blockhütte. "Es gibt keinen sichereren Ort für mich", sagte er
jetzt mit Tränen in den Augen. "Außerdem hält man mich für tot. Niemand
selbst die nicht, die mich näher kennen - weiß etwas von der Existenz meines
Bruders."
"Er sah Ihnen wirklich täuschend ähnlich", sagte Troller.
"Jedenfalls wie Sie aussahen, als wir uns das letzte Mal gesehen haben."
"Wir sind Zwillinge, aber getrennt aufgewachsen. Wir haben uns erst
sehr spät kennen gelernt und sind auch danach verschiedene Wege gegangen. Zwei oder drei
Mal haben wir uns allerdings den Spaß gemacht, dass er für mich auf einen Kongress ging
und an meiner Stelle einen Vortrag hielt. Niemand hat den Unterschied bemerkt."
"Und nun ist er ...", begann Troller, blieb dann aber stecken.
Wie sollte er es ausdrücken? "Und nun ist er an Ihrer Stelle gestorben."
Behrman nickte kaum merklich, so als stehe er unter Schock. Er schien
etwas sagen zu wollen, hielt inne und fasste sich mit beiden Händen an die Schläfen.
"Ich hätte daran denken müssen", murmelte er, "ich hätte daran denken
müssen." Verzweifelt sah er Troller und Jane an. "Ich habe mir einfach nicht
vorstellen können, dass die so weit gehen. Ich hielt mich für zu unbedeutend. In der
Scientific Community gelte ich doch als nicht ganz ernst zunehmende Kassandra."
"Wer sind 'die'? Von wem reden Sie?"
Jane bekam keine Antwort. Behrman schaute nur abwesend vor sich hin. Es
hatte keinen Zweck ihn zu bedrängen. Es war ohnehin schon ein großer Vertrauensbeweis,
dass er Troller und Jane mit in sein Studio genommen hatte. Trotz der Gefahr, in der er
sich befand. Und trotz des Schocks, den er erlitten hatte.
Troller nahm einen neuen Anlauf. "Sie haben mit Ihren Büchern den
Gegnern der modernen Wissenschaft jede Menge Munition geliefert", sagte Troller er.
"Selbst militante Wissenschaftsfeinde wie die FOU benutzen Sie als Kronzeugen."
"Könnte nicht sogar die FOU hinter diesem Anschlag stecken?"
fragte Jane. "Soweit ich weiß, gehören Sie zu den Gründungsmitgliedern dieser
Gruppe."
"Sind Sie verrückt? Warum unterstellen Sie mir nicht gleich, ich
hätte meinen Bruder umgebracht!" schrie Behrman.
"Nein, nein, entschuldigen Sie", sagte Jane. "Sie haben
mich missverstanden. Ich dachte nur, Sie wüssten mehr über diese Leute."
"Nein", sagte Behrman und beruhigte sich wieder, "Sie
müssen mich entschuldigen, ich habe überreagiert. Bitte, verstehen Sie mich. Ich muss
das alles erst mal verkraften. Ja, früher hatte ich etwas mit den FOU zu tun, aber nur
ganz am Anfang, im Sommer 1996. Sie haben mich gefragt, ob ich ihr Vorsitzender werden
wolle. Ich habe natürlich abgelehnt. Ich fand schon den Namen zynisch. Friends Of the
Unabomber. Ich meine, Theodore Kaczynski hatte durchaus ein paar richtige Ideen, seine
Technik- und Zivilisationskritik teile ich sogar in manchen Aspekten, aber mit seinen
Terrormethoden bin ich absolut nicht einverstanden, das brauche ich Ihnen wohl kaum zu
sagen."
"Aber wenn es nicht die FOU waren, wer war es dann?"
"Warum habe ich ihn nur alleingelassen?" sagte Behrman, ohne
auf Janes Worte einzugehen. "Ausgerechnet heute bin ich früh aufgestanden und habe
den ganzen morgen geangelt und meditiert. Als ich zurückkam, war es zu spät. Wenn ich
ausgeschlafen hätte, wie ich es ursprünglich vorhatte, dann hätten sie mich erwischt,
nicht ihn."
"Warum haben Sie nicht die Polizei verständigt?"
"Die Polizei?" Behrman lachte bitter. "Vielleicht mit dem
Handy? Dann könnte ich ja gleich eine ganzseitige Annonce in allen Zeitungen schalten:
Ich lebe noch! Kommt her und legt mich um! Nein, das Handy sollten sie ganz schnell
vergessen. Und die Polizei? Wenn schon, dann allenfalls das FBI. Aber womit? Mit
irgendwelchen Verschwörungstheorien? Da gibt es eine geheime Organisation, die
Wissenschaftler umbringt? Wer glaubt einem denn so was? Außerdem wäre ich selbst beim
FBI nicht sicher. Die Organisation hat überall ihre Fäden gesponnen. Nein, meine einzige
Chance ist jetzt, unterzutauchen. Denn jetzt bin ich ja tot." Er sah Troller und Jane
eindringlich an. "Wenn Sie ein Interview mit mir bringen, dann haben Sie es vor
meinem Tod geführt, verstanden?"
"Was für eine Organisation?" fragte Jane. "Und wer
steckt dahinter?"
"Ich werde Ihnen sagen, was ich weiß. Aber es ist eine längere
Geschichte." Er stand auf. "Wollen Sie Kaffee? Tee?"
Er ging zu einer Art Kochnische, um Tee zu bereiten. Troller und Jane
nutzten die Gelegenheit, um sich im Studio umzuschauen.
Der riesige Raum wirkte wie der Ausstellungsraum einer Galerie. An den
weiß gekalkten Wänden hingen großformatige abstrakte Gemälde, Plakate und Fotografien
von Bluesmusikern. Überall standen technische Geräte herum, Verstärker, Tuner,
elektronische Messgeräte und sogar Sender und Empfangsanlagen. Ein riesiger Schreibtisch,
auf dem sich Bücher und Manuskripte türmten, stand auf der einen Seite der Halle. Auf
der anderen Seite eine Ledergarnitur im Bauhausstil und - auf einem leicht erhöhten
Podest, das wie eine Bühne wirkte - die komplette Ausrüstung für eine Bluesband:
Gitarren, Keyboards, ein Schlagzeug, ein Flügel und verschiedene Percussion-Instrumente.
Die Fenster des Studios hatten gusseiserne Verstrebungen und reichten bis zum Boden. Auf
halber Höhe lief eine Galerie um den Raum, vollgestellt mit Bücherregalen, gegen die
gelegentlich auch noch Bilder gelehnt waren. Am anderen Ende des Raumes, in einer mit
Stellwänden abgetrennten Nische war ein Meditationsplatz mit indischem Mobiliar und einer
Art Altar, auf dem einige Blumen, ein abgebranntes Räucherstäbchen und eine alabasterne
Nachbildung des Taj Mahal standen.
Behrman kam mit einem Tablett zurück, mit einer Teekanne, drei dünnen
Porzellanschälchen und einer Schale mit Gebäck. "Hier habe ich mein neues Leben
begonnen", sagte er, während er den Tee in die Porzellanschalen goss, "als ich
damals erkannte, in was für ein Fahrwasser wir mit der Gen-Forschung geraten würden. Und
nicht nur mit der Genforschung. Mit dem gesamten Projekt Wissenschaft, das zur gottlosen
Religion des Abendlandes geworden ist. Ich wollte noch mal ganz von vorn beginnen. Ich
habe die Vergangenheit hinter mir gelassen, habe mir ein Pseudonym zugelegt und bin unter
meinem anderen Namen sogar als Bluesmusiker aufgetreten."
"Warum sind Sie nach Memphis gezogen?"
"Vielleicht kennen Sie die Vorstellungen der australischen
Aborigines, dass sich nicht nur die Landschaft, sondern auch das Verhalten der Tiere und
das Denken der Menschen aus gesungenen Liedern der Vorfahren strukturiert, den sogenannten
Songlines. Ich wusste, dass Memphis ein Ort ist, der durch die Songlines der Blues-Familie
geprägt ist. Dieser Ort hatte für mich schon immer eine unerklärliche Anziehungskraft
und eine inspirierende Atmosphäre. Wo anders hätte ich eine grundlegende Neuorientierung
beginnen können, nachdem ich mich aus der Scientific Community zurückgezogen
hatte?"
"Sie wollten uns von der Organisation erzählen", sagte Jane,
die offenbar schneller zur Sache kommen wollte.
Behrman schaute sie prüfend an. "Ich weiß nicht, ob ich darüber
sprechen kann", sagte er leise. Die Porzellanschale in seiner Hand zitterte leicht.
"Whiskey?" fragte Jane und zog einen silbernen Flachmann aus
ihrer schwarzen Stofftasche.
Behrman schaute sie erstaunt an, griff dann aber dankbar zu. Er goss
sich einen ordentlichen Schluck in sein Schälchen und leerte es in einem Zug.
"Dieses Ungeheuer hat meinen Bruder umgebracht", sagte er dann.
"Wer?"
"Ich brauch noch einen", sagte er und goss sich erneut
Whiskey ein.
"Wer?" sagte Jane noch einmal. "Wer hat Ihren Bruder
umgebracht?"
"Jeff Adams."
Die Worte fielen in den Raum wie Steine. Da lagen sie nun. Behrman
atmete tief durch. Er schien erleichtert, seinen Verdacht ausgesprochen zu haben. Troller
und Jane mussten die Worte erst einmal verdauen.
"Das ist eine schwere Anklage", sagte Jane schließlich.
"Haben Sie einen Beweis dafür?"
"Nein. Aber mein Gefühl sagt mir, dass es so ist. Und nicht nur
mein Gefühl, auch die Erfahrungen auf der Konferenz."
"Sie meinen die Blake-Konferenz?"
"Natürlich die Blake-Konferenz. Damit fing doch alles an."
"Ihre Kollegen haben uns gewisse Details von dieser Konferenz
erzählt", sagte Jane, "aber es kam uns immer so vor, als hätten sie Angst, uns
die ganze Wahrheit zu erzählen. Warum? Was ist da passiert?"
"Wissen Sie, dass Adams die Konferenz gesponsert hatte?"
"Das war doch kein Geheimnis."
"Nein, aber es ist bis heute nicht bekannt geworden, wie er die
Konferenz gesteuert hat. Warten Sie", Behrman stand auf, ging zu einem geschnitzten
Hocker mit indischen Motiven, der vor dem Altar mit den Blumen und der Nachbildung des Taj
Mahal stand, drehte den Sitz des Hockers und klappte ihn hoch. Aus einem Geheimfach holte
er eine Videokassette hervor. "Ich war von Anfang an misstrauisch gegen diese
Konferenz, weil ein so großer Wert auf Geheimhaltung gelegt wurde. Deswegen hatte ich
eine Miniaturkamera dabei. Ich hatte natürlich erwartet, dass man sie mir am Eingang
abnehmen würde, aber Adams' Sicherheitsleute kamen gar nicht auf die Idee, mich
durchzuchecken."
Er schob die Kassette in einen Video-Recorder und drückte auf den
Startknopf. "Die Qualität ist miserabel, aber sie reicht aus, um Ihnen klarzumachen,
was ich meine."
Man sah und hörte eine Weile nichts als Flimmern und Rauschen, dann
tauchte ein verwackeltes Bild mit einer Reihe verschwommener Hinterköpfe auf und der Ton
gab Gemurmel, Gebrabbel und Störgeräusche wieder, die offenbar davon kamen, dass Behrman
seine Kleidung mit dem versteckten Mikrophon noch zurecht rückte. Dann wurde das Bild
schärfer, der Ton klarer. Auf einer kleinen Bühne stand Jeff Adams unverkennbar
mit seiner Musterschülerbrille und seinem Studentenoutfit: Jeans und Pullover.
Links hinter ihm war, kaum erkennbar, das Bild einer Frau an die Wand
projiziert. Adams sprach mit ruhiger, prononcierter Stimme, die erstaunlich gut zu
verstehen war.
"Sehen Sie hier das Portrait von Rosemary Brown", sagte Adams
und machte eine effektvolle Pause. "Vielleicht haben Sie von ihr gehört. Sie war
eine einfache Frau, die ihre zwei Kinder mit einer Witwenrente und einem Teilzeitjob in
einer Schulkantine durchbringen musste. Rosemarys Leben wäre ziemlich freudlos verlaufen,
hätte sie nicht eine Reihe ungewöhnlicher Bekannter gehabt, von denen ich Ihnen ein paar
Namen nenne: Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Robert Schumann, Franz Liszt,
Wolfgang Amadeus Mozart, Johannes Brahms und Anton Bruckner."
Er machte eine Pause und schaute erwartungsvoll in die Runde. Man sah
vor ihm nur einige Hinterköpfe. Offenbar hatte Behrman in der dritten Reihe gesessen.
"Sie werden sich natürlich fragen, wie das möglich war. Nun, sie
sagte, sie habe hellhörerische Fähigkeiten. Sie sei in der Lage, akustisch
Kontakt zu anderen Welten aufzunehmen."
Und diesen Geisterkram haben sich die Wissenschaftler angehört? dachte
Troller.
"Sie werden jetzt lächeln und Rosemary als Spinnerin abtun",
fuhr Adams fort, "doch sie hat eine Menge Kompositionen geschrieben, obwohl sie über
keinerlei besondere musikalische Ausbildung verfügte. Ich möchte Ihnen einen kurzen
Interviewtext eines Filmemachers von CNN einspielen." Er drückte auf seine
Fernbedienung. Man sah auf einer Leinwand den bekannten Journalisten Samuel Dixon.
"Ich war viele Male Zeuge des ganzen Vorganges", sagte Sam,
"und ich kann Ihnen sagen: So etwas wie bei Mrs. Brown habe ich noch nie gesehen. Die
Musik floss buchstäblich auf das Notenpapier. Die ganze Zeit stieß sie Sätze hervor
wie: Nicht so schnell! Mit B oder ohne? Dieses G oder das eine Oktave höher? Sie schrieb
die Noten, die ihr offenbar von einer fremden Stimme eingegeben wurden, in unglaublicher
Hast nieder. Rosemary erzählte mir, dass die Kommunikation mit Beethoven besonders
reibungslos verlief. Mit Brahms habe sie Schwierigkeiten gehabt, er sei ungeduldig gewesen
und habe zu viel genuschelt. Und Mozart - hier wurde Rosemary rot und schlug die Augen
nieder - Mozart habe zwischendurch schrecklich obszöne Sachen von sich gegeben. Aber die
Musik sei natürlich genial."
Dixon verschwand vom Bildschirm, und Adams blickte triumphierend in die
Wissenschaftlerrunde. "Bevor ich Ihnen erkläre, warum ich diese Geschichte
erzähle", fuhr er fort, "will ich Ihnen verraten, was die Fachwelt zu der von
Rosemary empfangenen Musik gesagt hat. Namhafte Musikwissenschaftler haben untersucht,
inwieweit ihre Kompositionen die Handschrift von Beethoven, Brahms, Mozart oder Liszt
tragen." Adams machte eine Pause und stellte dann mit klarer Betonung die Frage:
"Hatte Rosemary wirklich Kontakt zu diesen großen Komponisten, oder war sie nur eine
überspannte, geltungsbedürftige Frau, der es darauf ankam, das öffentliche Interesse
auf sich zu lenken?" Adams schien die erwartungsvolle Anspannung zu genießen.
"Nun, es wird Sie vermutlich erleichtern zu hören, dass die
Wissenschaftler übereinstimmend zu dem Ergebnis kamen, die Stücke seien nur bedingt
typisch für den jeweiligen Komponisten. Rosemarys Bach fehlte der Kontrapunkt, ihrem
Schumann das dichte Gewebe, ihrem Liszt die virtuosen Passagen, ihrem Mozart die
himmlische Heiterkeit. Durchgehend nur amateurhafte Harmonik, ungeschickte
Akkordverbindungen, wenig Balance und naive Begleitung. Ein Kritiker meinte gar: Alles in
allem entstünde der Eindruck einer Transskription oder Improvisation durch einen von
Natur aus zwar musikalischen, aber unausgebildeten und technisch beschränkten
Klavierspieler." Adams nahm die Brille ab. "Rosemarys Fall ging eine Weile durch
die Presse, bis sie ganz plötzlich einen Gehirnschlag erlitt und starb. - Eigentlich
schade", sagte er und setzte die Brille wieder auf. "Ich mochte Rosemary. Ihr
Fall beschäftigte mich. Ich wusste nicht warum. Ich träumte sogar ein oder zweimal von
ihr. Dann vergaß ich sie. Bis - ja, bis ich ein zweites Erlebnis hatte, bei dem mir
schlagartig klar wurde, was an Rosemarys Fall mich so sehr fasziniert hatte." Er
griff nach einem Glas Wasser, nahm einen Schluck und fuhr fort: "Eine Weile nach
Rosemarys Tod war ich zufällig in Boston, wo ich unter anderem mit Lennart Lansky
zusammenkam, du erinnerst dich, Lennart. Wir machten zusammen eine Sightseeing Tour, den
berühmten Freedom Trail entlang, der den Besucher von einer historischen Stätte zu
anderen führt, Sie werden ihn alle kennen. Während wir an den berühmten Stätten und
Plätzen vorbeigingen, trafen wir immer wieder auf Personen in historischen Kostümen, die
den Touristen, die um sie herum standen, ihre Geschichten erzählten. Geschichten von
damals, aus der Pionierzeit unseres wunderbaren Landes. Es war faszinierend. Wenn das
möglich wäre, dachte ich. Wenn man sich wirklich mit den großen Männern und Frauen,
die wir aus unserer Geschichte kennen, unterhalten könnte, ganz persönlich, über alle
Grenzen von Ort und Zeit hinweg!"
Adams machte wieder eine Pause und blickte prüfend in die Runde.
"Ich glaube", fuhr er fort, "Sie verstehen, was ich meine. Ich habe meinen
Mitarbeitern diese Idee vorgestellt, und einige waren so inspiriert, dass sie gleich daran
gegangen sind, meine Vorstellungen zu visualisieren. Die genialsten Gehirne kommunizieren
mit uns, sie stehen uns jederzeit zur Verfügung, sie teilen uns ihre Gedanken und
Eingebungen mit und sind, wenn wir und sie es wollen, auch imstande, miteinander zu
kommunizieren, Beethoven mit Bach, Goethe mit Kafka, Shakespeare mit Shaw." Nun hob
er die Stimme, als wäre er der Ansager in einer Las-Vegas-Show und verkündete:
"Meine Damen und Herren, ich freue mich Ihnen exklusiv - als Weltpremiere
unsere kommunizierenden Genies vorstellen zu können."
An dieser Stelle wurde der Ton undeutlich, das Bild flackerte und man
sah links und rechts hinter Adams zwei Lichtgestalten, holographische Animationen, die
Pablo Picasso und Sigmund Freud zeigten. Man sah noch, wie diese Gestalten einander
begrüßten und offenbar auch das Publikum wahrnahmen - dann brach die Video-Aufzeichnung
ab. -
"Nun?" Behrman schaute Jane und Troller erwartungsvoll an.
"Eine wunderbare Idee", sagte Jane. "Ich gäbe was darum,
mal mit Picasso und Freud zu plaudern."
"Wir waren alle beeindruckt. Adams forderte uns auf, Fragen an die
beiden Genies zu stellen, und sie antworteten durchaus verständig. Und besser noch, sie
fingen an, miteinander zu diskutieren ..."
"Sie diskutierten miteinander, so als ob sie noch am Leben
wären?"
"Genauso", sagte Behrman, und er schien jetzt selbst
begeistert von dem, was er damals erlebt hatte. "Oder beinahe so. Auf normale Fragen
wussten sie fast immer eine Antwort. Nur bei komplizierteren Fragen antworteten sie mit
Allgemeinplätzen oder gaben unumwunden zu, nicht mehr weiter zu wissen. Aber das Beste
war, dass sie - oder ihre holographischen Wiedergeburten - dabei durchaus natürlich
agierten. Keine eckigen, computerisiert wirkenden Bewegungen, nichts dergleichen. Sie
waren aus Licht, aber sie wirkten so natürlich, als wären sie aus Fleisch und
Blut."
"Computergestützte Animation alter Bilder", sagte Troller.
"Raffinierter. Sie haben interaktive Programme für die Personen-
und Sprachdarstellung geschrieben. Adams räumte ein, dies sei noch ein ziemlich
primitiver Anfang, ein Prototyp. Die Fragen und Antworten seien auch noch vorprogrammiert
worden."
"Trotzdem, die Idee ist grandios", sagte Jane. "Ich
möchte jetzt aber noch mal wissen, wie ..."
Behrman hob die Hand, um Janes Ungeduld Einhalt zu gebieten. "Im
Anschluss an diese Präsentation hielt Adams eine eindringliche Rede, in der er sein
Projekt vorstellte. Er wolle einen virtuellen Geniepark bauen, sagte er, in dem uns die
größten Geister der Geschichte Rede und Antwort geben könnten. Also, wenn Sie zu Hause
oder in Ihrer Firma über ein Problem nachdenken und Hilfe brauchen, dann klicken Sie
einfach einen oder mehrere Namen an und stellen sich eine Genie-Runde zusammen, mit der
Sie alles erörtern."
"Rent a genius", sagte Jane.
"Und nicht nur eins, ein ganzes Geniekollektiv. Damit wäre eine
völlig neue Stufe der Erkenntnis möglich. Adams verkündete mit leuchtenden Augen, er
träume davon, dass jeder von seinem Programm profitieren könne. Jeder werde
potentiell zum Genie, weil jeder einen freien Zugang zum Geniepark habe. Für die
Realisierung dieses Traumes benötige er unsere Hilfe."
"Was sollten Sie tun?"
"Er böte uns eine einmalige Chance, sagte er. Wir seien
auserwählt, unsere Gehirne in den Dienst der menschlichen Zukunft zu stellen. Er wolle
uns als Prototypen benutzen, um zu erproben, wie eine interaktive softwaregestützte
Kommunikation zwischen Genies funktionieren könne. Er sagte sinngemäß: Wenn Sie sich
auf unsere Übereinkunft einlassen, dann werden wir Ihre Gehirne vollständig
digitalisieren. Und nicht nur das. Wir entwickeln gerade ein Programm, das es in
absehbarer Zeit erlauben wird, Ihre Ideen, Ihre Konzepte, Ihr Wissen transdisziplinär zu
vernetzen, so dass wir am Ende eine Art Superhirn haben, ein Hirn, das soviel weiß wie
Sie alle zusammen. Und auch das wird erst der Anfang sein. Parallel dazu speisen wir die
Werke und Ideen der bedeutendsten Wissenschaftler und Denker der Menschheitsgeschichte in
eine umfassende Datenbank ein. Unser Ziel ist es, ein interaktives, lebendiges, sich
selbständig fortentwickelndes virtuelles Lexikon-Wesen zu schaffen, das das gesamte
Wissen der Menschheit nicht nur speichert, sondern intelligent verarbeitet und immer
wieder neu überprüft. Am Anfang wird dieses Gehirn vermutlich nur einer Elite
zugänglich sein, in nicht allzu ferner Zukunft aber werden nicht nur die
Entscheidungsträger in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft auf dieses Superhirn
zurückgreifen können, sondern jeder normale Mensch. Und wenn wir noch einen Schritt
weiterdenken: Jeder von uns wird eines Tages über einen Brainchip verfügen, der
unablässig all seine Gedanken mit dem vorhandenen Wissen der Menschheit abgleicht. Von
Zeit zu Zeit, sagte er wörtlich, werden Sie dann durch Ihren Brainchip, der zu Ihrem ganz
persönlichen Assistenten wird, eine Kontrollmitteilung erhalten, die Ihnen sagt, wie weit
Ihr Denken und Handeln noch auf dem neuesten Stand der Welterkenntnis ist. Auf diese Weise
werden wir alle nicht nur als Individuen effektiver und humaner sein, sondern zu einer
intelligent vernetzten Gesellschaft werden. Die Menschheit als Ganzes wird zum
Genie."
"Aber dann war diese Konferenz ja gar nicht ..."
"Blakes Konferenz? Nein, es war Adams' Konferenz, den Eindruck
hatten sehr bald die meisten von uns. Adams benutzte uns alle. Er hat Blakes
Syntopie-Projekt unterstützt, um ihm dann mit der Geniepark-Idee die Show zu stehlen. Er
dachte, es wäre für ihn ein Kinderspiel, uns alle für seine Zwecke einzuspannen. Dieses
durchsichtige Manöver behagte einigen nicht, auch wenn Adams dem Ganzen einen
humanistischen Touch gab. So sagte er etwa: 'Wenn Sie auf dieses Jahrhundert des
Schreckens zurückschauen, das durch eine bis dahin nie erreichte Barbarei gekennzeichnet
ist, dann werden Sie erkennen, wie notwendig es ist, eine neue Form der intelligenten
Steuerung unserer Gesellschaft zu entwickeln. Es ist unsere Pflicht, das gesamte
Intelligenzpotential zu nutzen, das sich im Laufe unserer Evolution und unserer Geschichte
herausgebildet hat.'"
"Kein schlechter Gedanke", sagte Troller. "Wäre es nicht
wirklich ein riesiger Fortschritt, wenn es gelänge, die besten Köpfe zu vereinen?"
Behrman schüttelte energisch den Kopf. "Das wollte uns Adams auch
einreden. Er sagte, Blakes Syntopie-Projekt und sein Programm ließen sich verbinden. Er
behauptete, wir stünden kurz vor dem Durchbruch zur Entwicklung eines digitalen
Superhirns. Wenn wir es nicht entwickeln, sagte er, dann werden die Deutschen uns
zuvorkommen, oder die Japaner, und was das bedeutet, das haben wir ja im Zweiten Weltkrieg
gesehen. Er appellierte mit bewegenden Worten an unsere Verantwortung als Amerikaner und
Weltbürger und schloss mit den Worten: 'Rosemary, obwohl sie nur eine einfache Frau aus
dem Volk war, hatte eine Sehnsucht, die wir alle spüren: Sie wollte teilhaben am Besten,
das die Menschheit geschaffen hat. Ihre Mittel waren unvollkommen, aber sie schenkte uns
eine Vision. Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass Rosemarys und unser aller Traum
Wirklichkeit wird.'"
"Und?" sagte Jane lakonisch. "Was hat er Ihnen dafür
geboten? Doch nicht nur die Ehre, oder?"
"Nein", sagte Behrman. "Jeder von uns sollte eine Million
bekommen, wenn er sich dazu verpflichtete, sieben Jahre mit auf die Insel zu kommen und
dort unter der Leitung Blakes zu arbeiten. Voraussetzung war allerdings, dass sich
mindestens sechzehn Teilnehmer dazu bereit fänden."
"Das war doch ein verlockendes Angebot", sagte Troller.
"Warum haben Sie nicht mitgemacht?"
"Verlockendes Angebot?" sagte Jane, die mit Trollers Bemerkung
durchaus nicht einverstanden war. "Ist eine Million so viel für einen
Spitzenwissenschaftler?"
"Eine Million Dollar pro Jahr", sagte Behrman.
"Das ist viel. Das reichte auf alle Fälle dafür, eine Menge Unfrieden zu säen.
Schließlich waren die Leute wie Kranich oder Turner, die unbedingt mit auf die Insel
wollten, darauf angewiesen, dass sich genug andere bereit fanden, damit sechzehn
zusammenkamen. Entsprechend groß war der Hass gegen alle, die das Projekt
ablehnten."
"Also gegen Sie", sagte Jane.
"Gegen mich auch, klar. Ich habe Adams ins Gesicht gesagt, dass es
ihm nur darum gehe, seine Macht ins Unermessliche auszudehnen."
"Wie hat Blake auf Adams' Auftritt reagiert?"
"Der war maßlos enttäuscht, als er sah, wie Adams ihm sein
Projekt aus den Händen nehmen wollte. Er war eben ein unverbesserlicher Idealist."
"Und warum haben Sie nicht öffentlich Alarm geschlagen? Sie sind
doch sonst nicht so zurückhaltend?"
Behrman schaute Jane irritiert an und ließ sich mit seiner Antwort
Zeit. "Erstens", sagte er zögernd, "glaubte ich, dass Adams' Idee nicht
funktionieren würde, und zweitens hat er uns auch noch das Nichtmitmachen
versüßt."
"Schweigegeld?"
"Hunderttausend Dollar für jeden. Pro Jahr. Einzige Gegenleistung
ist ein jährlicher Forschungsbericht. Und absolute Diskretion."
"Und dafür haben alle geschwiegen?" sagte Troller ungläubig.
"Ja, abgesehen davon, dass Adams durchblicken ließ, dass uns sein
Sicherheitsdienst jederzeit zur Verfügung stünde."
"Er hat ihnen gedroht?" fragte Jane.
"Nicht so direkt. Aber sie brauchen ihn ja nur anzuschauen, dieses
jungenhafte Gesicht mit dem ewigen Lächeln. 'Dass einer lächeln kann und immer lächeln
und doch ein Schurke sein', heißt es bei Shakespeare."
"Hat er seine indirekte Drohung irgendwann wahrgemacht?"
fragte Jane.
Behrman lachte bitter. "Ich fand jedenfalls die 1998er Unfallserie
ziemlich beunruhigend."
"Sie haben das mitbekommen?"
"Ich bin ja nicht blind", sagte Behrman und blickte plötzlich
gebannt auf den Frequenzanzeiger eines der Apparate, die fast eine ganze Wand einnahmen.
"Hören Sie diesen Ton?" sagte er. "Seit zwei Tagen hat sich die Frequenz
verändert. Es scheint da ein Muster zu geben."
"Und Sie?" fragte Troller, dem es nicht recht war, dass
Behrman das Thema wechselte. "Bekommen Sie seitdem auch hunderttausend pro
Jahr?"
"Sicher", sagte Behrman grimmig. "Adams hat mir dadurch
ohne es zu wissen - dieses Studio finanziert. Und einen großen Teil der
Forschungen der letzten Jahre."
"Und die militanten Tierschützergruppen, die Sie initiiert
haben", sagte Jane.
"Ja", sagte Behrman. "Auch die. Aber ich bekomme wirklich
nur die Mindestsumme."
"Sie meinen, die anderen bekommen mehr?"
"Worauf Sie Gift nehmen können. Wer hat denn zum Beispiel Lansky
den Gehirnscanner bezahlt? Oder Jackson seine teuren Roboter? Ich bin mir sicher, dass
Adams alles - aber auch alles - unterstützt, was ihn der Verwirklichung des Genie-Parks
näher bringt. Aber ich glaube trotzdem, dass das Projekt zum Scheitern verurteilt ist.
Ich glaube nicht an das, was man die starke KI genannt hat. Man wird das menschliche
Gehirn nicht auf eine Festplatte bannen können, dafür gibt es sowohl philosophische als
auch neurophysiologische Gründe. Fragen Sie Marconi, der kennt sich da aus. Und Turners
Omegapunkt-Computer-Gehirn ist doch nichts als eine bizarre Science-Fiction-Idee."
"Das Merkwürdige ist nur", sagte Troller, "dass wir alle
so ein starkes Verlangen danach haben, die Einheit des Wissens herzustellen. Blake mit
seiner Syntopie, Adams mit seinem Geniepark, Turner mit seinem Omegapunkt, alle wollen
letztlich die Einheit des Wissens."
"Und alle glauben an ihre Machbarkeit, daran, dass wir imstande
sind, diese Einheit mit technischen Mitteln zu erreichen. Aber ich bin sicher, dass die
Natur den Omnipotenzwahn des Menschen nicht mehr lange duldet."
"Warum nicht?" sagte Jane. "Sie hat es doch bisher
getan."
Behrman schüttelte den Kopf. "Haben Sie nicht die merkwürdigen
Meldungen gelesen, die sich in den letzten Tagen und Wochen gehäuft haben. Stromausfall
in der Wall Street! Und warum? Weil Ratten die Kabel zernagt haben. Rätselhafte Ausfälle
im Rechenzentrum von IBM! Und warum? Weil es sich Mikroorganismen auf den Platinen
gemütlich gemacht haben. Sie können solche Meldungen Tag für Tag in der Zeitung lesen,
aber die Öffentlichkeit nimmt diese Vorfälle immer nur als Einzelfälle wahr, nicht im
Zusammenhang. Ich aber sage Ihnen, es ist so weit: Die Natur schlägt zurück!"
Moment mal, dachte Troller. Sollte Kowalski mit seinen E-mails doch den
richtigen Riecher gehabt haben?
"Ist es Ihnen", fuhr Behrman fort, "bei einigen dieser
Vorfälle nicht auch so vorgekommen, als seien die Tiere mit Vernunft begabt? Oder als
stünde ein planender Geist hinter all diesen Aktionen? Die Termiten, die die Altstadt von
New Orleans zerfressen, die Killerbienen, die über Tucson hergefallen sind, die Ratten in
New York? Wenn es aber so ist, wenn die Termiten, die Bienen, die Ratten oder die Vögel
auf einmal vernunftgemäß nach ihren eigenen Interessen handeln, dann gute Nacht. Das
wäre das Ende unserer Zivilisation. Das wäre das Ende der Menschheit. Aber warum nicht?
Welchen Grund sollte die jahrtausendelang gequälte, gepeinigte und erniedrigte Natur
haben, auf uns Rücksicht zu nehmen? Haben wir jemals Erbarmen mit den Tieren gehabt? Und
noch etwas", er schaute wieder auf seine Apparate mit den Frequenzanzeigern.
"Ist Ihnen die neue Melodie aufgefallen? Der neue Klang? Die Welt schwingt in einer
neuen Frequenz! Und die Tiere sind die ersten, die diesen neuen Klang vernehmen. Die Tiere
- und die Pflanzen."
Jane sah Troller mit einem Ausdruck an, der zu besagen schien: Jetzt ist
er endgültig durchgeknallt.
Troller dachte: Neue Melodie? Interessante These. Er lauschte und nahm
einen summenden Ton wahr. Ganz leicht nur. Aber immerhin.
Behrman stand auf, machte ein paar Schritte in Richtung auf die indische
Ecke und drehte sich mit einem Mal um, als hätte er sich eben entschlossen, sein letztes
Geheimnis preiszugeben. "Wissen Sie", sagte er, "ich arbeite schon seit
einigen Jahren an einer Weltresonanztheorie."
"Weltresonanztheorie?" sagten Troller und Jane gleichzeitig.
"Ja, Sie haben richtig gehört. Ich habe nachgewiesen, dass alle
stabilen Strukturen Zeitkreise, harmonische Schwingungen, Oszillationen und
Sinus-Schwingungen, regelhafte und reversible Zeitfolgen sind, ob nun das Atom mit seinen
Eigenfrequenzen, der Blutkreislauf, die weibliche Monatsregel, die Jahreszeiten, die
Mondphasen, die Grüne Welle der Verkehrsampeln, der Zitronensäure-Zyklus des
Zellstoffwechsels, der 24-Stunden-Rhythmus unserer Körpertemperatur oder die periodischen
Hirnströme. Zeit ist Sein, und Sein ist Zeit. Alles schwingt."
Jane warf Troller einen hilflosen Blick zu, aber Troller hörte gebannt
zu. Behrman fuhr fort: "Daraus ergibt sich ein völlig neuer Blick auf die
Zusammenhänge in unserer Welt: Schwingende Systeme können nämlich miteinander in
Resonanz treten."
"Das klingt ziemlich abstrakt", sagte Jane.
"Warten Sie", sagte Behrman. Er ging auf das Podest, auf dem
die Musikinstrumente standen, und setzte sich an den Flügel. "Das kennen Sie
auch", sagte er laut, während er wie ein Besessener auf eine Taste einhämmerte,
"wenn man am Klavier einen einzelnen Ton anschlägt, wieder und wieder, dann summt
bald die Oktave mit, dann die Quint, dann die Terz usw. und schließlich klingt das ganze
Klavier. Resonanz", - er musste jetzt brüllen, um über das gewaltige Gedröhn
hinüberzukommen, das von seinem Flügel ausging und den gesamten Raum ausfüllte -,
"ermöglicht Ganzheit. Resonanz ist die Quelle des Lebens. Sie ist das Werkzeug, mit
dem Gott die Welt geschaffen hat."
"Das - müssen Sie uns erklären", rief Jane.
Behrman hörte auf zu hämmern, und das Gedröhn verebbte. "Das
Prinzip der Resonanz beruht auf unserer naturgegebenen Fähigkeit zum Hören von
Obertönen", sagte er. "Der Laie glaubt, er würde einzelne Töne hören, doch
das stimmt nicht. Wir hören immer ein Toncluster, das aus dem Grundton und den von ihm
angeregten Obertönen besteht, die allerdings umso leiser werden, je weiter sie sich vom
Grundton entfernen." Er schlug noch einmal einen einzelnen Ton an. "Hören Sie
die Nachschwingungen? Das ist nicht nur ein alleinstehendes C, sondern eine auf dem C
aufbauende Obertonreihe."
"Und um welche Töne handelt es sich dabei?"
"Nehmen Sie der Einfachheit halber an, das C, das ich gerade
angeschlagen habe, hätte eine Frequenz von 100 Hertz. Dann hören wir zugleich mit ihm
die Oktave, also das eingestrichene C mit der Frequenz von 200 Hertz. Das ist der erste
Oberton. Und die Reihe pflanzt sich augenblicklich fort: Es folgt mit 300 Hertz das G, mit
400 Hertz wieder ein C, mit 500 Hertz das E und so weiter. Das ist ein physikalisches
Naturgesetz."
"Klingt mehr nach Mathematik als nach Musik", sagte Jane.
"Die beiden gehören seit jeher zusammen."
"C, E, G", sagte Troller und dachte unwillkürlich an einen
Gitarrengriff. "Der C-Dur Akkord."
"Wie ich schon sagte, wir hören niemals nur einzelne Töne, wir
hören immer Akkorde." Er ging zurück zum Flügel und klappte den Deckel über den
Tasten zu. "Der springende Punkt ist nun, dass Resonanz kein Spezialfall der Musik
oder Akustik ist, sondern in allen schwingenden Systemen vorkommt und alle miteinander
verbindet." Er machte eine Pause und wiederholte: "Alle." Und nach einigen
Sekunden: "Atome, Moleküle, Organe, Organismen, Personen, Gesellschaften und so
fort. Resonanz ist das Band, das unsere Leben zusammenhält. Das ist übrigens eine sehr
alte Erkenntnis. Sie stammt von Pythagoras."
"Von dem mit a-Quadrat plus b-Quadrat gleich c-Quadrat?"
fragte Jane.
"Richtig", sagte Behrman, "von dem. Er war es, der um
circa 500 vor Christus die natürliche Obertonreihe entdeckte. Und ich kann Ihnen sagen:
Er war zutiefst erschüttert."
"Warum?"
"Wegen der Regelmäßigkeit?" fragte Troller. "Weil der
Abstand zwischen den einzelnen Obertönen immer gleich ist?"
"Ja, und zwar immer gleich der Grundfrequenz", ergänzte
Behrman. "Pythagoras konnte nicht glauben, dass diese Regelmäßigkeit ein Zufall
war. Er glaube, dass diese Zahlenverhältnisse so etwas wie allgemeine Schöpfungsgesetze
offenbarten. Und dieser Gedanke hat seither die bedeutendsten Geister beschäftigt. So
griffen die Astronomen Pythagoras' Einsichten auf und brachten die Zahlenverhältnisse der
Obertonreihe mit den kosmischen Konstellationen in Verbindung. Sie waren davon überzeugt,
die Sphärenmusik entdeckt zu haben. Warten Sie", Behrman rannte, einer plötzlichen
Eingebung folgend, auf die Galerie hinauf, wo die Bücherregale und gegen sie gelehnt die
Bilder standen, räumte ein Bild beiseite, stellte es wieder zurück, räumte ein anderes
beiseite und hatte auf einmal ein Buch in der Hand. "Hören Sie", rief er von
oben und stellte sich in Positur:
"Die
Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären
Wettgesang,
Und ihre
vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit
Donnergang."
Er hatte es auf deutsch gelesen, und sein amerikanischer Akzent ließ
die Verse noch bombastischer klingen, als sie ohnehin schon waren.
"Goethe", sagte er, als er wieder bei ihnen war. "Faust.
Prolog im Himmel. Sie kennen das wahrscheinlich. Beachten Sie bitte, dass es heißt: Die
Sonne tönt. Sie scheint nicht, sie tönt! Und ich wünschte, wir könnten
erfahren, was für Sphärenklänge der Dichter im Kopf hatte, als er diese Verse
schrieb."
"Wenn wir den Geniepark hätten, könnten wir ihn fragen",
sagte Jane.
"Ja, aber noch lieber würde ich mit Pythagoras darüber
reden", sagte Behrman. "Die Griechen hatten nämlich nicht so einen
eingeschränkten Begriff von Musik wie wir. Sie ahnten schon früh den Einfluss der
Götter, auch wenn erst Boethius, ein mittelalterlicher Universalgelehrter, gezeigt hat,
wie der Klang die Welt regiert."
"Wie der Klang die Welt regiert?" wiederholte Jane und gab
damit ihrer Skepsis unverhohlen Ausdruck.
"Boethius unterschied drei Ebenen, auf denen der Gesang Gottes
wirkte: Die höchste Stufe war die musica mundana, die Sphären- oder
Himmelsmusik. Sie bildete sich aus den Bewegungen der Planeten zueinander. Eine Stufe
darunter lag die musica humana. Darunter verstand er die Einwirkung der
Sphärenmusik auf den Menschen, unsere Songlines sozusagen, die unser Denken, Fühlen und
Handeln prägen. Und schließlich kam die niedrigste Stufe, die musica instrumentalis,
die wir auf unseren Instrumenten spielen."
"Und Sie glauben, Boethius hatte recht?"
"Aber ja", rief Behrman begeistert aus. "Die musica
mundana bestimmt unsere Welt. Sie ist die Melodie unseres Lebens. Sie gibt uns den
Takt vor, in dem wir denken, und sie steuern das Wachstum der Pflanzen. Die Kombinationen
ihrer Töne und Akkorde ergeben die Symphonie des Lebens. Resonanz ist das Prinzip, das
Leben ermöglicht." Behrman hielt kurz inne und schien dem Klang seiner eigenen Worte
nachzulauschen. "Deshalb", sagte er und betonte jedes Wort, "ist es ein
Irrweg, das Genom zu entschlüsseln, um die Schöpfung zu verstehen. Und deshalb ist es
falsch, was mein ehemaliger Kollege James Watson, der Mitentdecker der Doppel-Helix und
ehemalige Direktor des Human Genome Projects zu einem Reporter sagte: 'Einst glaubten wir,
unser Schicksal stehe in den Gestirnen, heute wissen wir, dass unser Schicksal weitgehend
in den Genen liegt.' Es ist falsch, es ist ein Irrtum, ja, es ist Frevel. Der Schlüssel
zum Verständnis unserer Welt liegt vielmehr darin, sich der göttlichen Musik zu öffnen.
Nada Brahma, die Welt ist Klang. Pythagoras hatte diesen Schlüssel gefunden. Fast
zweitausend Jahre lang wurden im Abendland Tonleitern verwendet, die auf der
pythagoreischen Obertonreihe gründeten. Man hat sogar herausgefunden, dass auch die
Flöten, die in den Gräbern der Pharaonen lagen, die gleiche Tonfolge hervorbrachten. Nur
- es gab ein Problem, das die Menschen nicht in Ruhe ließ."
"Welches?"
"Pythagoras hatte aus der Obertonreihe einzelne Töne mit einem
möglichst gleichen Tonabstand herausgegriffen, um zu einer spielbaren Tonleiter zu
kommen. Wenn man nun diese Tonleiter über mehrere Oktaven spielte, kam es zu einer
Dissonanz, mit der man lange Zeit nicht fertig wurde."
"Warum?"
"Wie soll ich Ihnen das erklären?" sagte Behrman und fuhr
sich mit der Hand durch die Haare. "Stellen Sie sich einen Klavierstimmer vor: Er
wählt einen Grundton, stimmt nach dem Gehör zwölfmal in Quinten aufwärts und erhält
so die sieben Oktaven des Klaviers. Wenn er es nach den Regeln des Pythagoras macht, dann
wählt er einen gleichmäßigen Abstand, den man mit 702 cent bezeichnet."
"Cent?"
"Das ist eine Maßeinheit für ein Frequenzverhältnis. Das Problem
ist nun, dass der 'pythagoreische' Klavierstimmer am Ende bei 12 mal 702 cent, also 8424
cent herauskäme."
"Wieso ist das ein Problem?" fragte Troller, dem mittlerweile
der Kopf schwirrte.
"Das Problem besteht darin, dass der zuletzt hinzugefügte, der
zwölfte Ton sich nicht präzise auf die Ausgangsnote beziehen lässt. Er hat 24 cent
zuviel. Man bezeichnet dies auch als pythagoreisches Komma. Und obwohl diese Abweichung
sehr klein ist, sie beträgt nur etwa einen viertel Ton, erzeugt sie doch eine Dissonanz,
die den Menschen Jahrhunderte lang Kopfzerbrechen bereitet hat."
"Verstehe", sagte Jane. "Wie kann eine unperfekte
Tonleiter eine göttliche Offenbarung sein?"
"Genau das war die beunruhigende Frage. Wie konnte es sein, dass in
der perfekten göttlichen Schöpfung diese Unregelmäßigkeit auftrat?"
"Also handelt es sich bei Pythagoras' Tonleiter doch nicht um eine
göttliche Offenbarung, sondern um menschliches Stückwerk?" Behrman schüttelte den
Kopf. "So haben die Menschen tatsächlich gedacht, Jahrhunderte lang. Aber das
Gegenteil ist der Fall. Die Abweichung war ein Wink Gottes."
"Ach ja? Und was wollte er uns damit sagen?"
"Er wollte uns dazu auffordern, die Welt zu nehmen, wie sie ist.
Seine grundlegende Botschaft lautet: Leben gibt es nur dort, wo es Dissonanzen,
Abweichungen, Unregelmäßigkeiten gibt. Und alle Versuche, sie zu verbessern, zu
reinigen, harmonischer zu gestalten, führten nicht näher zu Gott hin, sondern weiter von
ihm fort. Den entscheidenden Schritt vollzog dann Ihr Landsmann Johann Sebastian
Bach."
"Mit dem wohltemperierten Klavier?"
"So ist es. Allerdings - genaugenommen war es nicht Bach, sondern
Werkmeister, der schon 1696 das wohltemperierte Klavier theoretisch begründet hatte, und
Fischer hatte schon vor Bach zwanzig Präludien in dieser Stimmung geschrieben. Aber es
war Bach, der mit seinen Werken der neuen Stimmung zum Durchbruch verholfen hat."
"Was meinen Sie mit neuer Stimmung?"
"Die wohltemperierte Stimmung verstimmte die Quinte auf 700
cent."
"Das macht bei sieben Oktaven 12 mal 2, also 24 cent weniger",
sagte Troller.
"Genau."
"Verstehe", sagte Troller. "Endlich ließ sich der
zwölfte Ton auf den Ausgangston beziehen. Die Dissonanz war verschwunden."
"Gott war verschwunden", sagte Behrman. "Seit Bach sind
alle Töne falsch. Es war der Beginn eines verhängnisvollen Trends zum Gleichmachertum.
Seitdem haben alle Tonarten ihren individuellen Charakter verloren. Früher hatten C-Dur
und Des-Dur einen völlig verschiedenen Klang. Heute sind sie gleichgeschaltet. Ihr
besonderer Klangcharakter ist verschwunden. Und nicht nur das: Unsere natürliche
Beziehung zur musica mundana ist damit zerstört worden. Wir haben unsere Ohren
verstopft und sind nicht mehr in der Lage, Gott zu hören."
"Wirklich eine interessante Theorie", sagte Troller.
"Aber wie kommt es, dass wir alle Bach lieber hören als jede Musik mit anderer
Harmonik?"
Behrman sah Troller mit großem Ernst an. "Das habe ich mich auch
gefragt, als ich mit meinen Forschungen begann. Erst nach und nach ist mir klar geworden,
dass Harmonie Blindheit bedeutet. Unsere Gehirne sind von Bach manipuliert worden. Bach
hat die Abweichung des zwölften Tons beseitigt und damit nicht nur die Verbindung zu Gott
gekappt, sondern auch die existentielle Verunsicherung verdrängt, welche die Schöpfung
charakterisiert. Diese sich ausbreitende Abweichung hat die Menschen gestört, dabei
bedeutet sie Spannung und lebendige Vielfalt, überraschende Uneindeutigkeit, Verstörung.
Bei der Bachschen Tonleiter bleibt aber alles gleich. Verstehen Sie, was das
bedeutet?" sagte er mit dramatischer Geste. "Wenn es stimmt, dass die
natürlichen Tonleitern auf den Sphärenklängen aufbauen und die Melodie des Geistes
bestimmen, dann hat sich mit Bach die Melodie unseres Geistes und damit unsere Weltsicht
grundlegend geändert. Wir haben uns abgeschnitten von der göttlichen Eingebung und
können Gottes Botschaften nicht mehr hören, weil wir selbst Gott werden wollen.
Vielleicht wurde deshalb Bachs Musik bisweilen als göttlich bezeichnet. Doch sie ist
Hybris, weil sie die Abweichung verdeckt."
"In welcher Weise?" fragte Troller, der fasziniert und
irritiert zugleich Behrmans Worten lauschte.
"Um es salopp zu sagen: Wir alle ticken seit der Bachschen
Revolution nach dem Metrum des wohltemperierten Klaviers. Es war die perfekte
Gehirnwäsche. Das gesamte moderne wissenschaftliche Denken folgt diesem Metrum, unser
Ordnungssinn, unser Machbarkeitswahn, unsere Neigung, alles zu begradigen und aus der Welt
ein einziges Exerzier- und Experimentierfeld zu machen. Pythagoras hatte uns den Zugang zu
Gott geöffnet, Bach hat ihn wieder verschlossen. Er war der Initiator einer tonalen
Gehirnwäsche. Die Bachsche Harmonik ist die perfekte Manipulation und zugleich die
Grundlage aller Bestrebungen zur Vereinheitlichung unseres Denkens, unseres Fühlens,
unseres Handelns. Um es pointiert zu sagen: Bach war ein Diktator."
"Interessant", sagte Troller und warf einen kurzen Blick zu
Jane, die offenbar auch nicht mehr wusste, wo ihr der Kopf stand.
"Ich weiß", sagte Behrman, "diese These wird mich nicht
populär machen, und es wird manche geben, die mich ihretwegen in eine Irrenanstalt
sperren möchten. Aber ich bleibe dabei: Bach war einer der Wegbereiter einer
Ordnungspolitik, die stets das Abweichende, das nicht Passende eliminieren will. Denken
sie nur an die gestutzten Gärten des Barock! An die napoleonischen Alleen! An den
militärischen Drill! An Schüler in engen Bänken und einheitlichen Uniformen! Denken Sie
an die Korsetts, in die man die Frauen einschnürte oder die Zoos, in die man die Tiere
einsperrte. Ach, denken Sie an die Millionen von Eigenheimbesitzern, die in ihren
eingezäunten Gärten das Ideal des englischen Rasens verwirklichen wollen. Keine
chemische Keule ist ihnen brutal genug, um sogenanntes Unkraut zu vertilgen - und mit ihm
Myriaden von Insekten! Denken Sie an Behörden und Firmen, die danach trachten, ihren
Mitarbeitern mit Hierarchien und engen Vorschriften das eigenständige Denken
abzugewöhnen. Denken Sie nur an die Diktaturen, die im letzten Jahrhundert die ganze Welt
bedroht haben!" - Behrman schnaufte erregt und rang nach Luft. Seine Hände waren zu
Fäusten geballt. - "Im Namen des sogenannten Wissenschaftlichen Sozialismus wurden
Millionen Menschen ermordet, im Namen einer abstrusen Rassenideologie wurden Millionen
Juden vergast, und bis auf den heutigen Tag gibt es auf der ganzen Welt solche
Ausrottungssysteme, die ohne die Mittel, die ihnen die moderne Wissenschaft zur Verfügung
stellt, gar nicht bestehen könnten."
Er machte eine Pause. Troller und Jane starrten ihn entgeistert an.
"Donnerwetter", sagte Jane schließlich. "Das war aber
ein Rundumschlag. Sie behaupten also, Bach habe Stalin und Hitler vorbereitet?"
"Ich gehe vielleicht manchmal ein bisschen zu weit", sagte
Behrman, und es schien beinahe so, als schämte er sich dafür, dass sein Temperament so
mit ihm durchgegangen war. "Und es war ja nicht Bach allein, es waren Descartes,
Newton, Bacon - in der Malerei war es Poussin - es waren eigentlich alle führenden Köpfe
dieser Zeit. Es war, wie Ihr Philosoph Hegel es nannte, der Weltgeist, der auf einmal eine
andere Melodie spielte. Wobei wir nicht vergessen dürfen, dass es Jahrhunderte dauerte,
bis alle sich an die neue musikalische Skala gewöhnten. Ein normaler Renaissance-Mensch
hätte sie wohl kaum ertragen."
"Also noch einmal", sagte Jane. "Bach hat mit seiner
Musik die Welt verändert. Richtig?"
Behrman nickte. "Unsere Wahrnehmung, unser Fühlen und Denken ist
durch die auf ihn zurückgehende Harmonielehre geprägt. Er hat nicht nur die Tonabstände
auf dem Klavier verändert, sondern auch unsere Gehirne. Sein Irrtum war, dass er nur an
die musica instrumentalis dachte und nicht erkannte, dass es hier auch um die musica
mundana ging, um die Melodie des Lebens. Bach konnte allerdings nicht wissen, wie
fatal sein Eingriff sein würde. Erst mit meiner Weltresonanztheorie kann ich zeigen, dass
sich die Welt aus Klängen aufbaut und dass eine Veränderung der Tonskalen zugleich die
Welt verändert."
"Genau das ist mir noch nicht klar", sagte Troller.
"Wieso hat Bach, indem er die musica instrumentalis verändert hat, auch die
musica mundana verändert? Ich meine, was in unseren Köpfen passiert, ist doch
etwas anderes als das, was in der Welt passiert. Oder nicht?"
"Wenn es sich nur um einen einzelnen Kopf handelte", sagte
Behrman, "dann hätten Sie recht. Aber Bach hat die Köpfe von Millionen, ja,
Milliarden Menschen verändert. All diese Köpfe schwingen seitdem anders, und diese
Schwingungen pflanzen sich fort bis in die Sphäre unseres Planeten. Resonanz ist kein
einseitiges Phänomen."
"Mit anderen Worten: Bach hat die Köpfe verändert, und die Köpfe
haben die Welt verändert", sagte Jane.
"Besser hätte ich es nicht ausdrücken können", sagte
Behrman. "Und ich glaube, ich stehe mit meiner Theorie nicht ganz allein. Auch die
Neurophysiologen messen ja bereits die Frequenzen, in denen unser Hirn tickt und sprechen
von der Melodie des Geistes. Sie wissen nur noch nicht, dass der Charakter dieser Melodie
davon bestimmt wird, wie wir den Tonraum und damit unseren Lebensraum ordnen."
"Bach oder Pythagoras."
"Oder aber eine ganz neue Harmonik", sagte Behrman und fuhr
mit gedämpfter Stimme fort: "Das Interessante ist nämlich, dass ich am 11. Juli
eine rätselhaft klingende Melodie aufgefangen habe, die eindeutig von der Westküste her
kommt. Und am 14. Juli veränderte sich diese Melodie erneut. Sie wird immer
stärker." Er hielt kurz inne und horchte. "Hören Sie diese Melodie?" Er
zog einen Regler an einem mit mehreren Pegeln bestückten Gerät hoch.
Troller und Jane sahen sich an. Es handelte sich tatsächlich um eine
unbeschreiblich klingende Melodie. Troller hatte so etwas noch nie gehört. Oder doch?
"Klingt interessant", sagte er, "aber irgendwie dissonant."
Behrman nickte zustimmend, und sein Gesicht hatte einen entspannten, ja
glücklichen Ausdruck. "Es ist die noch unfertige Melodie des göttlichen Geistes.
Und ich bin mir sicher, dass die Tiere sie bereits vernehmen. In wenigen Tagen wird unsere
Welt eine andere sein."
"Sie sagten diese Melodie käme von einem Ort an der
Westküste", sagte Jane. "Können Sie die Quelle näher lokalisieren?"
"Noch nicht", sagte Behrman. "Vielleicht kommt sie auch
aus dem Erdinneren. Vergessen Sie nicht, dass dort der San-Andreas-Graben verläuft. Für
mich steht fest: Die Erde rebelliert gegen ihre fortwährende Vergewaltigung. Das würde
doch einen Sinn ergeben, oder nicht?"
Chicago
"Was hat Behrman noch mal gesagt?"
Sie saßen in der Abflughalle und warteten auf das Boarding.
"Was soll er gesagt haben? Adams hat die Konferenz verändert. Bach
hat die Welt verändert."
"Nein, nein, am Schluss. Er hat doch am Schluss noch was
gesagt."
"Keine Ahnung. Irgendwas vom San-Andreas-Graben."
"Genau", sagte Jane, "jetzt weiß ich es wieder: Die
Natur schlägt zurück. Und jetzt schau dir das da an."
"Kleinen Moment noch", sagte Troller. Er wollte den Aufmacher
in der Chicago Tribune zu Ende lesen. Es las ihn jetzt schon zum zweiten Mal. Es
war einfach zu phantastisch, um wahr zu sein. Palästinenser und Israelis hatten eine
Konferenz einberufen, die die Schaffung einer gemeinsamen Wirtschaftszone und sogar eines
föderativen Staates zum Ziel hatte. In einer gemeinsamen Pressemitteilung von Israelis
und Palästinensern hieß es:
Beide Völker wollen diese Konferenz in dem Bewusstsein abhalten, dass sie von
einem gemeinsamen Urvater abstammen und nur durch Jahrtausendealte Engstirnigkeit von
politischen und religiösen Führern zu feindlichen Brüdern geworden sind. Hass und Mord
müssen ein Ende haben. Machen wir den Weg frei für eine friedliche,
israelisch-palästinensische Föderation!
Troller hatte schon lange den Verdacht gehabt, er verstehe die Welt
nicht mehr, aber dieses Mal wurde es zur Gewissheit. Wenn es sich nicht um eine
gigantische Fehlmeldung handelte, dann war das hier eine wahre Sensation, ähnlich dem
Schuldenerlass der Industrienationen für die Länder der Dritten Welt. Die
Konfliktparteien schienen selber am meisten überrascht von dieser plötzlichen
Entwicklung. Sollte in ihrer Region tatsächlich die Vernunft eingekehrt sein?
© Jens Johler & Olaf-Axel Burow
Mit freundlicher Genehmigung der Autoren
Auszug aus: Jens Johler & Olaf-Axel Burow, Gottes Gehirn (Europa, 2001) |
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