- Worum geht es in Ihrem Roman Der
Gourmet?
- Es ist die Geschichte einer Obsession, ein Entwicklungsroman. Es beginnt mit einem
verhältnismäßig normalen Mitmenschen, der den Verlockungen guten Essens und schöner
Frauen verfallen ist. Dann vermischen sich diese zwei großen Leidenschaften immer
intensiver, bis die Grenze zwischen kulinarischen und erotischen Genüssen aufgehoben
wird. Das Interessante daran ist, dass diese Verbindung gar nicht so abwegig ist. Die
Sprache stellt viele Beziehungen zwischen Tisch und Bett her: Man hat jemandem zum Fressen
gern, man möchte ein süßes knackiges Ding vernaschen und so weiter. Ich habe diese Idee
nur konsequent weitergeführt, bis zum erotischen Kannibalismus.
- Wie kommt jemand wie Sie auf die Idee, über ein solches Thema zu schreiben?
- Man könnte es vielleicht als eine Art Missverständnis bezeichnen ... Auf jeden Fall
war es so, dass ich ursprünglich nur Science
Fiction schreiben wollte. Bis meine Frau, die überhaupt nichts von Science Fiction
hält, zu mir meinte, ich soll doch mal etwas schreiben, das die Leute wirklich lesen
wollen, zum Beispiel etwas mit Liebe. Und so bin ich dann zur Erotik gekommen. Das muss
wohl irgendetwas mit dem grundsätzlichen Unterschied zwischen Frauen und Männern zu tun
haben ...
- Sie meinen, wenn ein Mann von Liebe redet, meint er in Wirklichkeit Sex?
- Darum geht es doch letztlich in jeder Liebesbeziehung. Auch für Frauen. Sie geben es
nur nicht so offen zu.
- Zumindest für Ihren Romanhelden scheint Sex in jeder Lebenslage eine außerordentlich
große Rolle zu spielen ...
- Das hat manche Leser verstört, die versucht haben, sozusagen um die Sexszenen drumherum
zu lesen. Bis sie gemerkt haben, dass sie auf diese Weise nichts von der Story
mitbekommen. Das menschliche Verhalten wird zu einem überwältigenden Anteil von der
Tatsache bestimmt, dass wir sexuelle Wesen sind. Wenn ich diese Dinge thematisiere,
dokumentiere ich im Grunde nur das, was in der nicht explizit erotischen Literatur
ausgeblendet wird.
- Ihre Frau scheint es nicht zu begeistern, wenn Sie über erotische Themen schreiben.
- Man könnte sagen, dass sie ein etwas zwiespältiges Verhältnis dazu hat. Andererseits
haben wir die Grundidee zum Gourmet gemeinsam ausgeheckt - eine Liebesgeschichte,
die so intensiv ist, dass sie am Ende buchstäblich unter die Haut geht. Aber dann war sie
doch ziemlich überrascht, als sie gelesen hat, was ich daraus gemacht habe. Zuerst wollte
sie, dass ich das Buch unter Pseudonym veröffentliche, aber inzwischen kann sie damit
leben.
- Gestatten Sie die Frage, woher Sie Ihre Inspiration beziehen?
- Fragen dürfen Sie mich alles. Dafür haben Sie mein volles Verständnis, weil ich
selber sehr neugierig bin. Sonst könnte ich solche Geschichten gar nicht schreiben. Ich
mache es wie jeder andere Autor auch: Meine Fiktionen sind eine Mischung aus eigenen
Erlebnissen, Gehörtem und Gelesenem und einer kräftigen Portion Phantasie. Viele Leute
haben mich zum Beispiel gefragt, ob die Nummer mit der Chilisauce auf eigenen Erfahrungen
basiert. Dazu sage ich nur, dass Erotik sehr viel mit Science Fiction gemeinsam hat. Wenn
ich die Umwelt eines außerirdischen Planeten beschreibe, muss ich nicht dort gewesen
sein. Aber es ist hilfreich, wenn man verschiedene Landschaftsformen unserer heimatlichen
Erde kennt - oder auch nur gute Bücher darüber gelesen hat. Außerdem sollte man sich
einmal bewusst machen, dass zwischen erotischer Literatur und der Wirklichkeit ein
gewaltiger Abgrund klafft. Viele Aktionen, die sich auf dem Papier amüsant oder anregend
lesen, dürften sich in der Praxis als ziemlich unbequem und lusttötend erweisen.
- Und wie sind Sie darauf gekommen, das Ganze mit dem Thema Kannibalismus zu kombinieren?
- Das hängt möglicherweise damit zusammen, dass ich mich seit etwa fünfzehn Jahren
vegetarisch beziehungsweise fleischlos ernähre. In diesem Zusammenhang kam mir der
Gedanke, dass es im Grund kein großer Unterschied ist, ob man das Fleisch von Tieren oder
Menschen ißt.
- Eine recht provokante These ...
- Überhaupt nicht. Solange man nicht zum Mörder wird, gibt es ethisch eigentlich nichts
daran auszusetzen, das Fleisch eines Menschen zu essen. Nüchtern betrachtet wäre es
sogar sinnvoller, wenn es zur Ernährung beitragen würde, statt in der Erde zu verfaulen.
In manchen Kulturen ehrte man die Verstorbenen, indem man sie verzehrte. Für uns ist
Kannibalismus einfach nur ein Tabu, mehr nicht.
- Trotzdem ist schwer zu verstehen, warum sich ausgerechnet ein Vegetarier so intensiv mit
diesem Thema befasst.
- Vielleicht war Der Gourmet für mich so etwas wie eine Teufelsaustreibung. Ich
habe ja früher auch Fleisch gegessen und es sogar genossen, bis ich gemerkt habe, dass es
auch ohne geht. Aber ich musste das Thema noch auf irgendeine Weise abarbeiten, damit es
ein für alle mal erledigt ist. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob es wirklich in der
Natur des Menschen liegt, Fleisch zu essen. Auf jeden Fall hat dieses Phänomen sehr viel
mit der menschlichen Neigung zur Aggressivität zu tun.
- Wer Fleisch isst, ist möglicherweise zu ganz anderen Dingen in der Lage?
- Das wäre eine mögliche Interpretation des Romans. Für mich war es jedenfalls sehr
spannend, mich beim Schreiben in eine Person hineinzuversetzen, die schließlich sogar die
Hemmung verliert, menschliches Fleisch zu essen. Zu Anfang ist Cliff Farnham ein relativ
normaler Zeitgenosse, vielleicht in sexueller Hinsicht etwas aktiver als die meisten von
uns, aber dann entwickelt er sich Schritt für Schritt in diese Richtung. Im Gegensatz zu
Hannibal Lecter, der im Schweigen der Lämmer als unmenschliches Monstrum
eingeführt wird, bleibt Cliffs Entwicklung in allen Phasen nachvollziehbar. Anders hätte
ich diesen Roman gar nicht schreiben können.
- Sie erzählen die Geschichte aus der Ich-Perspektive. Wie sehr identifizieren Sie sich
mit Ihrem Protagonisten?
- Darauf kann ich Ihnen nur eine ganz ähnliche Antwort geben. Die Persönlichkeit einer
Romanfigur ist eine Mischung aus allem Möglichen. Cliff ist Engländer und spricht sehr
gut Deutsch, bei mir ist umgekehrt. Cliff arbeitet als Hotelmanager, ich wäre die
absolute Fehlbesetzung für einen solchen Job. Zum Thema Fleischkonsum nehmen Cliff und
ich konträre Positionen ein, während sich unsere modischen Ansichten über
Bermuda-Shorts hundertprozentig decken. Natürlich kommt diese Figur aus meinem Kopf, aber
im Laufe des Schreibens hat sie sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickelt.
Die erste Fassung des Romans habe ich übrigens in der 3. Person geschrieben, und
interessanterweise wurde der Protagonist für mich erst dann zu einer richtigen
Persönlichkeit, als ich ihn zum Ich-Erzähler gemacht habe. Cliff ist für mich jemand,
den ich sehr gut kenne, so gut, dass ich mir ziemlich genau vorstellen kann, wie er in
bestimmten Situationen reagiert.
- Welche »Perversion« werden Sie sich für Ihren nächsten Roman vornehmen?
- Ich habe mich über einen Zeitraum von acht Jahren mit dem Gourmet
beschäftigt, und es war eine sehr spannende Arbeit. Aber zeitweise ging das Thema doch
sehr an die Nieren. Im Augenblick hätte ich eher Lust, über ganz normale Menschen zu
schreiben. Ich habe da zum Beispiel ein Konzept für einen historischen Roman, das mich
sehr reizen würde. Aber wahrscheinlich werde ich zuerst die zwei fast fertigen
Romanmanuskripte um meine erotische Science-Fiction-Heldin Greedy zu Ende bringen. Und dann hätte ich da
noch ein weiteres angefangenes Projekt mit dem Arbeitstitel »Rochade«, das wieder mehr
in die Richtung des Gourmet geht. Lassen Sie sich einfach überraschen!
- Herr Kempen, wir danken Ihnen für dieses aufschlussreiche Gespräch!
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Foto: Peter Fleissner |