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Der Gourmet

Interview mit Bernhard Kempen

Shayol | Interview
Worum geht es in Ihrem Roman Der Gourmet?
Es ist die Geschichte einer Obsession, ein Entwicklungsroman. Es beginnt mit einem verhältnismäßig normalen Mitmenschen, der den Verlockungen guten Essens und schöner Frauen verfallen ist. Dann vermischen sich diese zwei großen Leidenschaften immer intensiver, bis die Grenze zwischen kulinarischen und erotischen Genüssen aufgehoben wird. Das Interessante daran ist, dass diese Verbindung gar nicht so abwegig ist. Die Sprache stellt viele Beziehungen zwischen Tisch und Bett her: Man hat jemandem zum Fressen gern, man möchte ein süßes knackiges Ding vernaschen und so weiter. Ich habe diese Idee nur konsequent weitergeführt, bis zum erotischen Kannibalismus.
Wie kommt jemand wie Sie auf die Idee, über ein solches Thema zu schreiben?
Man könnte es vielleicht als eine Art Missverständnis bezeichnen ... Auf jeden Fall war es so, dass ich ursprünglich nur Science Fiction schreiben wollte. Bis meine Frau, die überhaupt nichts von Science Fiction hält, zu mir meinte, ich soll doch mal etwas schreiben, das die Leute wirklich lesen wollen, zum Beispiel etwas mit Liebe. Und so bin ich dann zur Erotik gekommen. Das muss wohl irgendetwas mit dem grundsätzlichen Unterschied zwischen Frauen und Männern zu tun haben ...
Sie meinen, wenn ein Mann von Liebe redet, meint er in Wirklichkeit Sex?
Darum geht es doch letztlich in jeder Liebesbeziehung. Auch für Frauen. Sie geben es nur nicht so offen zu.
Zumindest für Ihren Romanhelden scheint Sex in jeder Lebenslage eine außerordentlich große Rolle zu spielen ...
Das hat manche Leser verstört, die versucht haben, sozusagen um die Sexszenen drumherum zu lesen. Bis sie gemerkt haben, dass sie auf diese Weise nichts von der Story mitbekommen. Das menschliche Verhalten wird zu einem überwältigenden Anteil von der Tatsache bestimmt, dass wir sexuelle Wesen sind. Wenn ich diese Dinge thematisiere, dokumentiere ich im Grunde nur das, was in der nicht explizit erotischen Literatur ausgeblendet wird.
Ihre Frau scheint es nicht zu begeistern, wenn Sie über erotische Themen schreiben.
Man könnte sagen, dass sie ein etwas zwiespältiges Verhältnis dazu hat. Andererseits haben wir die Grundidee zum Gourmet gemeinsam ausgeheckt - eine Liebesgeschichte, die so intensiv ist, dass sie am Ende buchstäblich unter die Haut geht. Aber dann war sie doch ziemlich überrascht, als sie gelesen hat, was ich daraus gemacht habe. Zuerst wollte sie, dass ich das Buch unter Pseudonym veröffentliche, aber inzwischen kann sie damit leben.
Gestatten Sie die Frage, woher Sie Ihre Inspiration beziehen?
Fragen dürfen Sie mich alles. Dafür haben Sie mein volles Verständnis, weil ich selber sehr neugierig bin. Sonst könnte ich solche Geschichten gar nicht schreiben. Ich mache es wie jeder andere Autor auch: Meine Fiktionen sind eine Mischung aus eigenen Erlebnissen, Gehörtem und Gelesenem und einer kräftigen Portion Phantasie. Viele Leute haben mich zum Beispiel gefragt, ob die Nummer mit der Chilisauce auf eigenen Erfahrungen basiert. Dazu sage ich nur, dass Erotik sehr viel mit Science Fiction gemeinsam hat. Wenn ich die Umwelt eines außerirdischen Planeten beschreibe, muss ich nicht dort gewesen sein. Aber es ist hilfreich, wenn man verschiedene Landschaftsformen unserer heimatlichen Erde kennt - oder auch nur gute Bücher darüber gelesen hat. Außerdem sollte man sich einmal bewusst machen, dass zwischen erotischer Literatur und der Wirklichkeit ein gewaltiger Abgrund klafft. Viele Aktionen, die sich auf dem Papier amüsant oder anregend lesen, dürften sich in der Praxis als ziemlich unbequem und lusttötend erweisen.
Und wie sind Sie darauf gekommen, das Ganze mit dem Thema Kannibalismus zu kombinieren?
Das hängt möglicherweise damit zusammen, dass ich mich seit etwa fünfzehn Jahren vegetarisch beziehungsweise fleischlos ernähre. In diesem Zusammenhang kam mir der Gedanke, dass es im Grund kein großer Unterschied ist, ob man das Fleisch von Tieren oder Menschen ißt.
Eine recht provokante These ...
Überhaupt nicht. Solange man nicht zum Mörder wird, gibt es ethisch eigentlich nichts daran auszusetzen, das Fleisch eines Menschen zu essen. Nüchtern betrachtet wäre es sogar sinnvoller, wenn es zur Ernährung beitragen würde, statt in der Erde zu verfaulen. In manchen Kulturen ehrte man die Verstorbenen, indem man sie verzehrte. Für uns ist Kannibalismus einfach nur ein Tabu, mehr nicht.
Trotzdem ist schwer zu verstehen, warum sich ausgerechnet ein Vegetarier so intensiv mit diesem Thema befasst.
Vielleicht war Der Gourmet für mich so etwas wie eine Teufelsaustreibung. Ich habe ja früher auch Fleisch gegessen und es sogar genossen, bis ich gemerkt habe, dass es auch ohne geht. Aber ich musste das Thema noch auf irgendeine Weise abarbeiten, damit es ein für alle mal erledigt ist. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob es wirklich in der Natur des Menschen liegt, Fleisch zu essen. Auf jeden Fall hat dieses Phänomen sehr viel mit der menschlichen Neigung zur Aggressivität zu tun.
Wer Fleisch isst, ist möglicherweise zu ganz anderen Dingen in der Lage?
Das wäre eine mögliche Interpretation des Romans. Für mich war es jedenfalls sehr spannend, mich beim Schreiben in eine Person hineinzuversetzen, die schließlich sogar die Hemmung verliert, menschliches Fleisch zu essen. Zu Anfang ist Cliff Farnham ein relativ normaler Zeitgenosse, vielleicht in sexueller Hinsicht etwas aktiver als die meisten von uns, aber dann entwickelt er sich Schritt für Schritt in diese Richtung. Im Gegensatz zu Hannibal Lecter, der im Schweigen der Lämmer als unmenschliches Monstrum eingeführt wird, bleibt Cliffs Entwicklung in allen Phasen nachvollziehbar. Anders hätte ich diesen Roman gar nicht schreiben können.
Sie erzählen die Geschichte aus der Ich-Perspektive. Wie sehr identifizieren Sie sich mit Ihrem Protagonisten?
Darauf kann ich Ihnen nur eine ganz ähnliche Antwort geben. Die Persönlichkeit einer Romanfigur ist eine Mischung aus allem Möglichen. Cliff ist Engländer und spricht sehr gut Deutsch, bei mir ist umgekehrt. Cliff arbeitet als Hotelmanager, ich wäre die absolute Fehlbesetzung für einen solchen Job. Zum Thema Fleischkonsum nehmen Cliff und ich konträre Positionen ein, während sich unsere modischen Ansichten über Bermuda-Shorts hundertprozentig decken. Natürlich kommt diese Figur aus meinem Kopf, aber im Laufe des Schreibens hat sie sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickelt. Die erste Fassung des Romans habe ich übrigens in der 3. Person geschrieben, und interessanterweise wurde der Protagonist für mich erst dann zu einer richtigen Persönlichkeit, als ich ihn zum Ich-Erzähler gemacht habe. Cliff ist für mich jemand, den ich sehr gut kenne, so gut, dass ich mir ziemlich genau vorstellen kann, wie er in bestimmten Situationen reagiert.
Welche »Perversion« werden Sie sich für Ihren nächsten Roman vornehmen?
Ich habe mich über einen Zeitraum von acht Jahren mit dem Gourmet beschäftigt, und es war eine sehr spannende Arbeit. Aber zeitweise ging das Thema doch sehr an die Nieren. Im Augenblick hätte ich eher Lust, über ganz normale Menschen zu schreiben. Ich habe da zum Beispiel ein Konzept für einen historischen Roman, das mich sehr reizen würde. Aber wahrscheinlich werde ich zuerst die zwei fast fertigen Romanmanuskripte um meine erotische Science-Fiction-Heldin Greedy zu Ende bringen. Und dann hätte ich da noch ein weiteres angefangenes Projekt mit dem Arbeitstitel »Rochade«, das wieder mehr in die Richtung des Gourmet geht. Lassen Sie sich einfach überraschen!
Herr Kempen, wir danken Ihnen für dieses aufschlussreiche Gespräch!
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Foto: Peter Fleissner


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Originalausgabe
Bernhard Kempen, Der Gourmet
(Berlin: Shayol-Verlag, 2002) 3-926126-15-9 Bestellen
Titelbild von Klaus Brandt, Hardcover, 368 Seiten
Siehe auch:
Bernhard Kempen: Der Gourmet [Leseprobe]
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21.05.06 • 10.06.06