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Bernhard Kempen

Der Gourmet

Shayol | Stories und Romane

Zusammenstoß

Als ich mich an diesem Morgen auf den Weg zur Arbeit machte, konnte ich noch nicht ahnen, wie sehr dieser Tag mein weiteres Leben verändern sollte. Vielleicht kennen Sie das Gefühl, wenn irgendetwas in der Luft zu liegen scheint, wenn Ihre Nerven gespannt einem unausweichlichen Ereignis entgegenfiebern. Vielleicht werden Sie jetzt sagen, dass sich so etwas aus der Rückschau leicht behaupten lässt. Aber ich kann mich noch sehr genau an den Tag erinnern, an dem ich Leona zum ersten Mal begegnete.
   In Berlin war es plötzlich Sommer geworden. Es war eine jener tropischen Hitzewellen, die nach langen trüben Wochen des sogenannten Frühlings ohne jede Vorwarnung über die Stadt hereinbrachen. Gleichzeitig spielten meine Hormone wieder einmal verrückt. Meine letzte Affäre lag schon so lange zurück, dass ich mich kaum noch an Einzelheiten erinnern konnte. Ich war mehr als reif für ein neues Abenteuer.
   Es war also nicht nur die Hitze, die mich ins Schwitzen brachte, als ich an diesem Morgen in meinem BMW über den Kudamm fuhr. Wie ein ausgehungerter Wolf starrte ich auf die nackten Beine unter den kurzen Röckchen und die schwingenden Brüste unter den luftigen Blusen oder knappen T-Shirts. Der Sommer war eine einzige Aufforderung, sich aller störenden Kleidung zu entledigen und den natürlichen Instinkten endlich freien Lauf zu lassen.
   An der nächsten Kreuzung kam es zu meinem ersten Zusammenstoß mit dem weiblichen Geschlecht. Auch wenn diese Begegnung keine weiteren Konsequenzen nach sich zog, bildete sie dennoch den Auftakt für die folgenden Ereignisse.
   Als die Ampel auf Grün sprang, nahm ich den Fuß von der Bremse und ließ den Wagen anrollen. Da nahm ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung war und hörte, wie etwas gegen die Karosserie meines Wagens schlug. Eine junge Frau war auf die Straße gelaufen, obwohl die Fußgängerampel bereits Rot gezeigt hatte, und mit meiner Motorhaube kollidiert. Geistesgegenwärtig zog ich die Handbremse an und riss die Tür auf, um nach ihr zu sehen.
   »Haben Sie sich verletzt?«, fragte ich besorgt, während ich der jungen Frau beim Aufstehen half.
   Sie strich sich die langen blonden Haare aus dem Gesicht und blickte mich mit erschrocken aufgerissenen blauen Augen an. »Ich habe Sie überhaupt nicht gesehen«, erwiderte sie keuchend. »Mein Vorstellungsgespräch ... Ich habe es sehr eilig ...«
   »Ihr Terminkalender interessiert mich im Augenblick herzlich wenig. Haben Sie sich etwas getan?«
   Allmählich schien sie sich von ihrem Schock zu erholen. Als sie sich den Schmutz vom Rock ihres hellgrauen Kostüms klopfte, verzog sie schmerzhaft das Gesicht und tastete ihren rechten Oberschenkel ab.
   »Mist, meine Strumpfhose ist ruiniert!« Da sie den Rocksaum ein wenig hochgeschoben hatte, konnte ich erkennen, dass der Nylonstoff über einer Schürfwunde aufgerissen war, die sie sich offensichtlich beim Sturz auf die Straße zugezogen hatte.
   »Wenn das Ihre größte Sorge ist, scheinen Sie nicht sehr schwer verletzt zu sein«, sagte ich mit einem amüsierten Kopfschütteln. »Kann ich Sie vielleicht ein Stück mitnehmen? Als kleine Wiedergutmachung?«
   Die Frau blickte mir nun zum ersten Mal in die Augen. Ich weiß nicht genau, was in diesem Moment geschah – vielleicht wurde ihr plötzlich bewusst, dass das Leben nicht nur aus Terminen bestand. »Einverstanden«, antwortete sie lächelnd.
   »Hier entlang, bitte!« Ich führte sie zur Straßenmitte und öffnete die Beifahrertür. Sie stutzte kurz, weil ich ihr die linke Tür aufhielt, doch dann stieg sie ein, während ich die hupenden Autofahrer auf der Kreuzung mit einer Handbewegung zu beruhigen versuchte. Im Vorbeigehen begutachtete ich die Frontpartie meines Wagens, konnte aber keine Beschädigung feststellen.
   »Ich hoffe, die Reparatur wird nicht zu teuer«, sagte die Frau, nachdem ich hinter dem Lenkrad Platz genommen hatte und anfuhr.
   »Mir ist nichts passiert. Und meinem Auto auch nicht.«
   »Da habe ich wohl noch einmal Glück gehabt«, erwiderte sie. »Sie fahren einen englischen Wagen?«
   »Ich habe ihn in London gekauft, bevor ich aufs Festland gekommen bin. Ich bin halber Engländer.«
   »Wenn man genau hinhört, kann man einen leichten Akzent bemerken.«
   »Ich fürchte, den werde ich niemals ganz loswerden.«
   »Leave it! I like it that way«, sagte sie. »Biegen Sie hier links ab, bitte! Und achten Sie auf den Verkehr!«
   Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie sie ihren Rock über die Hüften hochschob. Nach einigen Verrenkungen hatte sie es geschafft, sich im Sitzen die ruinierte Strumpfhose auszuziehen, die sie achtlos auf den Rücksitz warf.
   »Mit den hübschen Beinen können Sie problemlos auf Strümpfe verzichten«, sagte ich nach einem weiteren Seitenblick.
   »Sie sollen auf die Straße achten! Da vorne rechts und dann in die zweite Einfahrt!«
   Während ich ihren Anweisungen folgte, war sie damit beschäftigt, ihre Kleidung wieder in Ordnung zu bringen. Schließlich stellte ich den Wagen auf dem freundlich begrünten Hinterhof ab, stieg aus und öffnete ihr die Tür.
   »Sie sind ja ein richtiger Gentleman«, sagte sie und nahm meine angebotene Hand an.
   »Sie sollten sich beeilen, damit Sie Ihren Termin nicht verpassen.«
   »Durch die unverhoffte Mitfahrgelegenheit bin ich sogar einige Minuten zu früh dran«, entgegnete sie nach einem Blick auf ihre Armbanduhr. »Vielen Dank.«
   »Weil ich Sie beinahe überfahren hätte?«
   »Weil Sie mich am Leben gelassen haben«, erwiderte sie und drückte mir einen Kuss auf die Wange.
   In Erwiderung dieser netten Geste legte ich ihr eine Hand auf den Rücken. Ich hatte mir überhaupt nichts dabei gedacht, sondern wollte sie zum Abschied nur noch einmal berühren. Doch als diese Frau, von der ich nicht einmal den Namen kannte, mir plötzlich so nahe war, schien zwischen uns etwas überzuspringen, wie eine heftige elektrische Entladung. Unsere Körper schienen sich wie zwei unterschiedlich gepolte Magneten anzuziehen. Ich spürte den Druck ihres Bauchs gegen meinen Schwanz, der wie ein Spannungsanzeiger nach oben geschnellt war.
   Die Frau schnappte keuchend nach Luft und blickte sich auf dem Parkplatz um – allem Anschein nach waren wir völlig allein.
   Was dann geschah, war wie ein Naturereignis. Es passierte einfach, ohne dass wir es irgendwie hätten aufhalten können. Sie suchte nach dem Reißverschluss meiner Hose und griff nach meinem Schwanz. Ich schob meine Hände unter ihren Rock und zerrte ihren Slip über die festen Pobacken. Im nächsten Moment hatte sie die Beine um meine Hüften geschlungen, und ich war in ihrem warmen, feuchten Fleisch.
   Ihr leichter Körper war zwischen mir und der Seitenscheibe des BMW eingeklemmt, während ich sie bearbeitete. Ich bin überzeugt, dass sie sich nach der leichten Unfallverletzung nun ein paar zusätzliche blaue Flecken an Hintern und Rücken zuzog. Doch sie schien jedem Schmerz gegenüber unempfindlich geworden zu sein. Sie bemerkte nicht einmal, dass meine Hände ihre aufgeschürfte Haut streiften.
   Schon nach kurzer Zeit entlud sich meine Spannung mit der Intensität eines Stromschlags. Mit einem leisen Seufzer presste sie ihren Unterleib gegen meine Hüften, bis sie sich entspannte und die Umklammerung ihrer Schenkel lockerte. Ich zog meinen immer noch steifen Schwanz heraus und stellte sie auf die zitternden Beine.
   »Jetzt muss ich mich beeilen«, sagte sie etwas verlegen und hob ihren Slip vom Boden auf.
   »Viel Glück beim Vorstellungsgespräch«, erwiderte ich und zog meinen Reißverschluss zu. »Und geben Sie in Zukunft im Verkehr etwas besser Acht.«
   »Stimmt«, sagte sie mit schmerzhaft verzogener Miene. »Bei einem Zusammenstoß kann es zu schweren Prellungen und Schlimmerem kommen.«
   Sie lächelte mir noch einmal zu, überquerte dann ohne ein weiteres Wort den Hof und verschwand in einem Hauseingang.
   Ich habe diese Frau nie wiedergesehen. Falls Sie sich wundern, dass ich sie nicht einmal nach ihrer Telefonnummer gefragt habe, muss ich Ihnen sagen, dass so etwas einfach nicht zu den Spielregeln gehört. Ich weiß, wovon ich rede. Auch wenn Sie mich jetzt für einen Aufschneider halten – Sie können mir glauben, dass mir so etwas schon öfter passiert ist. Und genau das ist der Punkt: Es passiert einfach, und wenn es passiert ist, ist es vorbei. Es ist völlig sinnlos, anschließend darüber zu reden oder gar zu versuchen, es zu wiederholen.
   Vielleicht sind Sie jetzt der Meinung, ich sei kalt und gefühllos, aber da muss ich Ihnen entschieden widersprechen. Ein solcher Spontanfick kann eine sehr leidenschaftliche Erfahrung sein. Mit Liebe oder Ähnlichem hat er natürlich nicht das Geringste zu tun. Was Frauen dabei empfinden, kann ich nur schwer beurteilen, da ich situationsbedingt nie mit ihnen darüber gesprochen habe. Es ist ein rein biologischer Vorgang, mit dem man seinen Intellekt nicht übermäßig belasten sollte.
   Ich hatte den Vorfall schon fast wieder vergessen, als ich mit meinem Wagen über den Kurfürstendamm zurückfuhr und nach links in die Schlegelstraße einbog. Bald ragte vor mir die zwölfstöckige gläserne Fassade des Hotels Andromeda auf. In den Fenstern spiegelte sich die grelle Vormittagssonne, was mir ein zufriedenes Lächeln entlockte. Seit einem Dreivierteljahr war dies mein Reich.
   Ich war wirklich stolz darauf, der Manager eines der besten Hotels dieser Stadt zu sein. Ich hatte viele Jahre zäh und beharrlich an der Verwirklichung dieses Jugendtraums gearbeitet, bis ich es endlich geschafft hatte! Vielleicht sehen Sie das anders, aber ich denke, dass ich mir dank dieser Leistung einige Exklusivitäten erlauben kann.
   Ich schlug das Lenkrad nach rechts ein, um auf den Parkplatz hinter dem Hotel zu gelangen. Als ich in den Schatten des Gebäudes eintauchte, wurde es in meinem Wagen schlagartig kühler. Ich schaltete die Klimaanlage aus und setzte die Sonnenbrille ab. An der Schranke vor der Einfahrt zur Tiefgarage hielt ich an und öffnete mit einem Knopfdruck das Seitenfenster. Ich zog meine Karte durch den Schlitz des Automaten, der auf meine Anweisung hin auch auf der rechten Seite der Zufahrt installiert worden war. Diesen internationalen Service waren wir unseren Gästen schuldig, denn seit das Andromeda in einem bekannten englischsprachigen Berlin-Reiseführer empfohlen wurde, war der Anteil der Gäste aus dem Commonwealth und den Vereinigten Staaten sprunghaft angestiegen.
   Nachdem sich die Schranke gehoben hatte, ließ ich den Wagen die Rampe ins Kellergeschoss des Hotels hinunterrollen. Im Gegensatz zum Parkplatz hinter dem Haus stand die Tiefgarage nur den Gästen und Angestellten des Hotels zur Verfügung, die bereit waren, eine entsprechende Gebühr zu entrichten.
   Ich parkte den Wagen und warf einen Blick in den Rückspiegel, um den Sitz meiner Frisur zu überprüfen und meine Krawatte zurechtzurücken. Das hat nichts mit übertriebener Eitelkeit zu tun, aber in meinem Job sollte man sich keine Nachlässigkeiten erlauben.
   Ich schloss den Wagen ab und durchquerte den halbdunklen Raum. Meine Schritte hallten laut von den kahlen Wänden wider. Durch die offenen Lüftungsschlitze knapp unterhalb der Decke wehte eine kühle Brise vom Parkplatz herein. Ich hatte mir schon oft den Kopf zerbrochen, was man unternehmen könnte, um die triste, fast unheimliche Atmosphäre dieses Ortes zu vertreiben. Aber es scheint nahezu unmöglich, eine Tiefgarage so zu gestalten, dass man sich dort wohl fühlen kann.
   Ich beschloss, doch nicht den Lift zu nehmen, sondern wandte mich nach links und öffnete die Tür zum Treppenhaus. Bei meinem Lebenswandel musste ich darauf achten, mich regelmäßig zu bewegen, um nicht irgendwann aus dem Leim zu gehen. Ich gab mir einen Ruck und sprintete los, wobei ich jeweils zwei Treppenstufen mit einem Satz nahm.
   In zwei Tagen würde ich meinen fünfunddreißigsten Geburtstag feiern, und ich war immer noch schlank, beweglich und einigermaßen fit. Aber ich wusste genau, dass sich das sehr schnell ändern konnte, wenn ich nicht aufpasste.
   Ohne dass ich außer Atem kam, sprang ich auf den letzten Treppenabsatz, zog die Tür auf und trat in die Lobby des Hotels.
   Hier herrschte natürlich eine ganz andere Atmosphäre als in der Tiefgarage. Der weitläufige Raum war mit hellem Holz getäfelt. Blendendes Sonnenlicht fiel durch die breite Fensterfront und spiegelte sich auf den glänzenden Flächen der Glastische zwischen den bequemen Sitzgruppen.
   In der Lobby hielten sich nur wenige Gäste auf, was zu dieser Jahreszeit nichts Ungewöhnliches war. Für die Geschäftsreisenden, die den Hauptanteil unserer Kunden darstellten, hatte die Urlaubszeit begonnen, die sie auf keinen Fall in Berlin verbringen würden. Und für die Touristen war es noch etwas zu früh, zumal sich niemand darauf verlassen wollte, dass es in der Stadt bereits Ende Juni sommerlich warm wurde.
   »Hallo, Cliff!«, wurde ich von David Wellberg begrüßt, als ich an die Rezeption trat. »Wo hast du dich denn rumgetrieben?«
   »Oh, ich hatte einen kleinen Verkehrsunfall.«
   »Soso, einen Verkehrsunfall!«, sagte David grinsend. Obwohl der Rezeptionschef des Andromeda einige Jahre jünger war als ich, gehörte er längst zum Inventar des Hotels. »Ich hoffe, deine Stoßstange wurde nicht in Mitleidenschaft gezogen.«
   Ich erwiderte sein Grinsen. »Eine gute Stoßstange muss einen gelegentlichen Bums vertragen können.«
   David warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Dann solltest du dich allmählich auf den nächsten Zusammenstoß gefasst machen«, sagte er.
   »Soll ich meinen Wagen aus der Garage holen, oder wartet in meinem Büro eine hübsche Frau auf mich?«
   »Weder noch, mein lieber Cliff«, erwiderte David. »Ich habe die Schreckschraube erst mal zum Restaurantchef geschickt.«
   »Holy shit!«, entfuhr es mir. »Daran habe ich überhaupt nicht mehr gedacht!«
   »Jaja, das Alter ...«
   »Was würde ich nur ohne dich machen? Danke für das Ablenkungsmanöver!«
   »Keine Ursache.«
   »Schick sie in mein Büro, wenn sie sich wieder blicken lässt«, sagte ich und ging weiter zur Tür neben der Rezeption, durch die ich in den kleinen holzgetäfelten Korridor gelangte.
   Ich kramte meine Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Tür mit der Aufschrift »Hotelmanager – Cliff Farnham«.
   Als Erstes ging ich zum kleinen Kühlschrank und goss mir ein Glas Tomatensaft ein. Ich nahm einen Schluck und setzte mich hinter meinen großen Schreibtisch. Dann nahm ich mir die Unterlagen vor, die meine Sekretärin bereitgelegt hatte, um mich auf die Besprechung vorzubereiten. Das Hotel Andromeda Berlin wurde finanziell zwar weitestgehend autark geführt, doch in unregelmäßigen Abständen kamen Vertreter der Londoner Zentrale vorbei, um uns daran zu erinnern, dass wir zu einer weltweiten Hotelkette gehörten.
   Nach einer Weile klopfte es.
   »Ja, bitte?«
   David öffnete die Tür. »Mrs. Wainwright ist da!«, sagte er und ließ die Direktorin unserer zentralen Einkaufsstelle eintreten.
   »Danke«, sagte die Frau zu David. »Sorgen Sie bitte dafür, dass wir nicht gestört werden!«
   »Sehr wohl, Madame!«, erwiderte David und schnitt hinter ihrem Rücken eine Grimasse.
   Ich stand auf und musste ein Grinsen unterdrücken. »Bitte nehmen Sie Platz, Mrs. Wainwright!«
   »Wo haben Sie gesteckt? Ich wollte schon vor einer Stunde mit Ihnen reden!«
   »Ich hatte noch ein paar Dinge zu erledigen«, wich ich einer klaren Antwort aus. »Wie ist Ihre Inspektion verlaufen?«
   »Bis jetzt ganz zufrieden stellend«, sagte sie und setzte sich auf den Besucherstuhl vor meinen Schreibtisch. Sie zupfte ihren beigefarbenen Baumwollrock zurecht und ordnete den weiten Kragen ihrer Jacke, die aus demselben Stoff bestand. »Aber es gibt da eine Sache, über die wir uns unterhalten müssen, Mr. Farnham.«
   Da sie ebenso wie ich aus der Nähe von London stammte, unterhielten wir uns natürlich auf Englisch. Während meiner Ausbildung im Londoner Andromeda war ich ihr einige Male begegnet und hatte sie als resolute und unnahbare Frau kennen gelernt. Marion Wainwright war eine gutaussehende Enddreißigerin mit kurzen, rotblonden Haaren, violettem Lippenstift und teurer Brille. Ich konnte gar nicht genau sagen, was mir an ihr nicht gefiel. Trotz ihrer oberflächlichen Eleganz wirkte sie irgendwie ordinär, falls Sie verstehen, was ich damit sagen möchte.
   »Wo liegt das Problem?«, erkundigte ich mich.
   Als sie sich ein wenig vorbeugte, um ihre Aktentasche auf dem Schreibtisch abzustellen, fiel mein Blick unwillkürlich auf ihr sommersprossiges Dekolleté. Ich rümpfte leicht die Nase, als ich bemerkte, dass sie unter ihrer Jacke einen goldfarbenen BH trug. Das war es! Diese Frau litt an akuter Geschmacksverirrung.
   »Ich habe hier Ihre Bedarfsanmeldung für eine Renovierung der sanitären Anlagen dieses Hauses«, sagte sie und nahm eine Mappe aus ihrer Aktentasche. »Ist Ihnen bewusst, dass hier erst vor einem Jahr eine komplette Renovierung sämtlicher Badezimmer durchgeführt wurde?«
   Natürlich wusste ich es. Diese Aktion war eine der letzten großen Taten meines Vorgängers gewesen. Ich hatte nie versucht, der Sache nachzugehen, aber ich vermutete insgeheim, dass der Grund für seine Entlassung unmittelbar damit zu tun hatte. »Ich möchte mir kein Urteil über die Arbeit von Signore d’Amato anmaßen«, sagte ich vorsichtig, »aber ich kann nicht die Augen vor der Tatsache verschließen, dass die Instandhaltung unserer sanitären Anlagen einen außergewöhnlich hohen Anteil unseres Etats verschlingt.«
   »Eigentlich wurden Sie nach Berlin versetzt, um die defizitäre Entwicklung dieses Hauses aufzuhalten. Wenn Sie diese Renovierung durchführen, werden auch Sie in nächster Zukunft keine Gewinne erwirtschaften können.«
   Als sie sich zurücklehnte und ihre Beine übereinander schlug, die in weißen Glanzstrumpfhosen steckten, malte ich mir erschaudernd aus, dass sie unter ihrem Rock vermutlich einen ebenfalls goldfarbenen Slip mit entsprechenden Strumpfhaltern trug.
   Ich schüttelte den Kopf. »Trotzdem dürfte es nicht im Sinne unserer Geschäftspolitik sein, wenn sich die Gäste empfindliche Körperteile an defekten Toilettenschüsseln verletzen und Schadenersatzansprüche stellen.«
   Wieder zupfte sie an ihrem kurzen Rock. »Sie verstehen sicher, dass die Zentrale in London nicht gerade begeistert über diese Entwicklung ist.«
   »Für die ich nicht verantwortlich bin«, erwiderte ich. »Ich habe ein Problem, das ich irgendwie lösen muss. Und meinem Antrag können Sie entnehmen, dass eine erneute Renovierung auf lange Sicht kostengünstiger ist als ständige Reparaturen.«
   Damit war dieser Punkt für Mrs. Wainwright offenbar abgehakt. »Wie ich sehe«, sagte sie, während sie in der Mappe blätterte, »haben Sie eine Berliner Firma für die Renovierung vorgeschlagen.«
   Langsam begann ich mir Gedanken zu machen, worauf sie eigentlich hinauswollte. Ich dachte, in meiner Bedarfsanmeldung wäre ich auf alle nur denkbaren Fragen eingegangen.
   »Ich würde es aus offenkundigen Gründen für einen Fehler halten, noch einmal die Firma MWB mit diesen Arbeiten zu beauftragen. Ich habe verschiedene Angebote eingeholt und mich für einen Anbieter entschieden, der als sehr zuverlässig bekannt ist.«
   »Haben Sie schon daran gedacht, die hohen Betriebskosten durch Sparmaßnahmen einzudämmen?«, fragte sie.
   »Falls Sie Kürzungen im Personalbereich vorschlagen möchten, würde ich dringend abraten. In dieser Stadt stehen wir auf Platz drei der Luxusskala. Wir müssen einen erstklassigen Service bieten, um konkurrenzfähig zu bleiben.«
   »Wir haben ziemlich viel Geld in dieses Haus investiert«, sagte sie nur und sah mich abwartend an.
   Allmählich begriff ich, was sie von mir wollte. Die Zentrale musste natürlich darauf achten, dass einige Häuser größere Profite abwarfen, um die Verluste der weniger lukrativen Niederlassungen ausgleichen zu können. Und man hatte offenbar fest damit gerechnet, dass das Berliner Andromeda weiterhin zur ersten Kategorie gehörte. Wenn ich meinen Job nicht verlieren wollte, musste ich dafür sorgen, dass schnellstens Geld in die Kasse kam.
   »Dann sollten wir mit Beginn der nächsten Saison wieder die Preise erhöhen«, sagte ich.
   »Glauben Sie, dass Ihre Gäste das mitmachen?«
   »Sie werden zahlen, wenn die Leistung stimmt«, erwiderte ich zuversichtlich. »Unsere besten Kunden sind Geschäftsreisende. Die Wirtschaft in der neuen alten Hauptstadt Deutschlands befindet sich in Aufbruchstimmung. Und selbst wenn sich die Lage verschlechtern sollte, wird es zuerst unsere Konkurrenz treffen, denn im Vergleich zu den anderen Luxushotels dieser Stadt sind wir immer noch recht preiswert.«
   Zum ersten Mal gestattete sie sich ein flüchtiges Lächeln und beugte sich vor, um mir einen weiteren tiefen Einblick in ihr Dekolleté zu gewähren. Sie war trotz allem ein verlockender Appetithappen, auch wenn die Verpackung einem den Geschmack verderben konnte.
   »Wissen Sie, dass ich anfangs strikt dagegen war, einen so jungen Kerl wie Sie zum Manager dieses Hauses zu befördern?«, fragte sie. »Jetzt muss ich allerdings feststellen, dass Sie den Anforderungen dieser Position durchaus gewachsen sind.«
   Ich schob eine Hand in die Hosentasche, um unauffällig meinen Schwanz zurechtzurücken. Allem Anschein nach teilte er meine Abneigung gegen diese Frau nicht. Unwillkürlich fragte ich mich, ob Mrs. Wainwrights Schambehaarung wohl ebenfalls rotblond war ...
   Ich musste mich räuspern, bevor ich wieder sprechen konnte. »Vielen Dank für Ihr Vertrauen. Wenn Sie Ihrer Anerkennung Ausdruck verleihen möchten, dürfen Sie mich heute Mittag gerne zum Essen einladen.«
   Sie lachte. »Damit sie mich anschließend zu einem Nachtisch in einer netten Suite überreden können?« Sie blickte mich schmunzelnd an und schüttelte den Kopf. »Sie scheinen Ihrem Ruf als unverbesserlicher Charmeur alle Ehre zu machen.«
   Diese blöde Ziege! Wahrscheinlich war sie sexuell völlig verklemmt.
   »In meiner Stellung muss ich alles tun, um einen guten Eindruck bei meinen Gästen und meinen Vorgesetzten zu hinterlassen.«
   »Ich habe leider nicht genügend Zeit, um mich von Ihren diesbezüglichen Qualitäten zu überzeugen«, sagte sie und stand auf. »Zur Mittagszeit sitze ich schon wieder im Flugzeug.«
   »Vielleicht beim nächsten Mal«, erwiderte ich unverbindlich.
   »Geben Sie sich keine Mühe. Ich weiß genau, dass Sie froh darüber sind, mich so schnell wieder losgeworden zu sein.«
   »Sie haben mich durchschaut«, erwiderte ich schmunzelnd.
   Sie warf mir einen abschätzenden Blick zu, strich ihren Rock glatt, nahm ihren Aktenkoffer und verabschiedete sich.
   Während sie mein Büro verließ, betrachtete ich mit zwiespältigen Empfindungen ihre Hinterseite. Was mochte sich in dieser Praline aus herbsüßer Zartbitterschokolade verbergen? Eine berauschende Likörfüllung oder eine harte Nuss, an der ich mir die Zähne ausbiss? Hatte ich es wirklich so nötig, dass ich auch nur in Erwägung zog, mich auf ein solches Wagnis einzulassen?
   Um mich von diesen Gedanken abzulenken, nahm ich mir noch einmal die Unterlagen vor und versuchte, ein neues Preiskonzept auszuarbeiten. Doch kurz darauf klopfte es wieder an die Tür.
   »Ja?«
   Irene Pawlek kam hereinmarschiert und baute sich vor meinem Schreibtisch auf. »Ich habe gesehen, dass Frau Weinreit gegangen ist.«
   Die junge Frau arbeitete seit drei Monaten als Chefsekretärin des Hotels, nachdem ich ihre nicht sehr belastungsfähige Vorgängerin überzeugt hatte, in den Vorruhestand zu gehen. Irene trug eine luftige weiße Bluse, einen kecken schwarzen Faltenrock und keine Strumpfhosen. Sie war Ende zwanzig und neigte ein wenig zur Fülle, was vor allem ihrer Oberweite zugute kam.
   »Ihren Augen und Ohren scheint wohl nichts zu entgehen, wie?«, erwiderte ich mit strenger Miene.
   »Wenn Sie jetzt wieder darauf anspielen wollen, dass ich aus dem Osten Deutschlands komme ...«
   »Schon gut, ich glaube Ihnen ja, dass Sie nicht beim Secret Service waren«, sagte ich mit einem herablassenden Lächeln. Irene war ein hübsches Ding, aber sie lag mindestens zwei Stufen unter meinem Niveau.
   »Sie meinen die Stasi«, korrigierte sie mich.
   »Ich hasse diese Abkürzungsmanie der Deutschen!«, sagte ich kopfschüttelnd. »Zuerst erfinden sie komplizierte und unaussprechliche Bezeichnungen, und dann verstümmeln sie sie zu noch hässlicheren Kürzeln.«
   »Ich kann doch auch nichts dafür!«, rechtfertigte sie sich und schürzte die vollen Lippen.
   »Sind Sie sicher?«, fragte ich lauernd. »Wie haben Sie es im Osten so weit gebracht, wenn Sie nicht bei dieser ... dieser Stasi waren?«
   »Im Osten musste unsereiner schon deshalb die Augen und Ohren offen halten, um mitzukriegen, wann der Feind mithört und wann nicht.«
   »Ich verstehe«, sagte ich. »Trotzdem scheint Ihnen die korrekte Aussprache des Namens unserer Einkaufsdirektorin Marion Wainwright entgangen zu sein.« Diese kleine Spitze konnte ich mir einfach nicht verkneifen.
   Irene verzog das Gesicht. »Ich werde mir Mühe geben«, versprach sie. »Vielleicht könnten wir uns nach Dienstschluss gegenseitig ein wenig Sprachunterricht geben.«
   »Sie kennen meinen Terminkalender besser als ich.« Hatte sie wirklich noch nicht begriffen, dass sie bei mir keine Chancen hatte? Allerdings musste ich zugeben, dass ich durchaus Gefallen an unserem kleinen Spielchen fand.
   »Ach, wenn es nur daran liegt ...«, erwiderte Irene. »Ich könnte es schon irgendwie hinbiegen, Ihnen ein oder zwei Abende in der Woche freizuhalten.«
   »Das ist bisher noch keiner meiner Sekretärinnen gelungen«, sagte ich lachend.
   »Vielleicht haben sie sich nicht genügend Mühe gegeben.«
   »Sie mit kleinem oder großem S?«, fragte ich nach.
   Irene grinste und zuckte die Schultern. »Wer weiß?«
   »Raus mit Ihnen, bevor Sie noch frecher werden! Und bringen Sie mir einen Kaffee!«
   »Zu Befehl, Chef«, erwiderte Irene und drehte sich zur Tür um. »Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«, fragte sie unschuldig.
   Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu lange auf ihre hübschen, nackten Beine zu starren, und beschloss, ihr lieber keine ehrliche Antwort auf diese Frage zu geben.
   »Ja. Lassen Sie sich Zeit mit dem Kaffee!«
   »Das kann ich Ihnen nicht versprechen«, antwortete sie und stakste auf ihren halbhohen Stöckelschuhen hinaus.
   Während ich auf die geschlossene Tür starrte, malte ich mir aus, wie ich dieses freche Ding packte und ohne weitere Umstände von hinten nahm. Obwohl diese Vorstellung meinen inneren Überzeugungen widersprach, gefiel sie mir ausgesprochen gut. So gut, dass ich begann, mir ernsthafte Sorgen um meine sexuelle Ausgeglichenheit zu machen.

*

Ich liebe meinen Beruf. Ich bin mit Leib und Seele Hotelier. Ich liebe es, mit Menschen umzugehen. Und ich genieße den Umgang mit Menschen im Hotel, der auf eine ganz besondere Weise stattfindet.
   Das Leben im Hotel ist eine einzigartige Mischung aus Distanz und Nähe. Hier treffen sich Menschen aus der ganzen Welt und bilden für kurze Zeit eine Gemeinschaft, in der die Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit verschwimmen. Menschen im Hotel sind sich fremd und trotzdem nah. Sie leben gemeinsam unter einem Dach und entwickeln vorübergehend eine Vertrautheit, wie sie im alltäglichen Leben in Familie oder Beruf erst nach Jahren entsteht. Ein Hotel ist wie ein Labor, in dem Dinge aufeinander treffen, die im Alltag keinerlei Berührungspunkte haben. Immer wieder kommt es zu unerwarteten Begegnungen mit überraschenden Resultaten. Der große Vorteil im Vergleich zum Alltag liegt in der Möglichkeit, solche Verbindungen genauso schnell wieder lösen zu können, wie sie entstanden sind.
   Vielleicht können Sie jetzt verstehen, warum ich nie geheiratet habe. Natürlich gibt es viele Hotelmanager, die ehelich gebunden sind, aber ich bin der Meinung, dass man in diesem Beruf flexibel bleiben sollte. Für meine Gäste bin ich gleichzeitig oder wahlweise Vater und Freund, Bruder und Geliebter, König und Sklave. Und dazu muss ich frei sein. Außerdem wäre für mich die Vorstellung ein Gräuel, wegen einer bestimmten Frau allen anderen Verlockungen und Genüssen entsagen zu müssen. Es besteht kein Grund, weshalb ein erklärter Liebhaber der französischen Küche für den Rest seines Lebens auf Lasagne oder Maultaschen verzichten sollte.
   Ich genieße es, das Kommen und Gehen zu beobachten und immer wieder neue Menschen kennen zu lernen. Vor allem Frauen.

*

Nachdem ich die Kalkulationen abgeschlossen und noch ein paar dringende Anrufe erledigt hatte, verließ ich mein Büro, um in der Lobby nach dem Rechten zu schauen. An der Rezeption fertigte David gerade ein paar neue Gäste ab. Mehrere Leute standen mit ihrem Gepäck da und warteten ungeduldig darauf, an die Reihe zu kommen.
   »Gut, dass du da bist!«, rief David mir zu. »Wenn du gerade nichts anderes vorhast, könntest du mir ein wenig helfen.«
   »Sicher«, sagte ich und trat hinter den Tresen. Die Schlange teilte sich, und ich wandte mich den ersten Kunden zu. Ich runzelte die Stirn, als ich sah, dass es sich um ein junges Pärchen in Jeans und T-Shirt mit geschulterten Rucksäcken handelte.
   »Äh«, begann der junge Mann, »wir möchten ein Zimmer für zwei.«
   »Also ein Doppelzimmer?«, entgegnete ich steif.
   »Frag doch erst mal, was das kostet!«, zischte seine Begleiterin ihm zu.
   »Ja, richtig«, sagte der junge Mann. »Hätten Sie vielleicht etwas Erschwingliches anzubieten?«
   »Let’s see«, sagte ich und tat so, als würde ich den Computer konsultieren. Es waren noch einige Zimmer der niedrigsten Preiskategorie frei. »Es tut mir leid. Ich könnte Ihnen nur noch etwas in der Mittelklasse anbieten.«
   Als ich den beiden den Preis nannte, klappten ihnen gleichzeitig die Kinnladen herunter.
   »Also ...«, sagte die junge Frau gedehnt, »wir hatten eigentlich an etwas Preiswerteres gedacht.«
   »Wir sind im Augenblick ziemlich ausgebucht«, sagte ich mit einem bedauernden Schulterzucken. »Die Saison hat bereits begonnen.«
   »Schade«, meinte die Frau und wandte sich dann an ihren Partner. »Komm, wir suchen uns etwas anderes!«
   Sehr vernünftig, dachte ich zufrieden, als ich dem Pärchen ohne ein Abschiedswort nachblickte. Sie hätten sich in unserem Hotel bestimmt nicht wohl gefühlt.
   »Die beiden haben Sie ja geschickt abgewimmelt!«
   »Wie bitte ...?«, fragte ich irritiert und blickte zu meiner nächsten Kundin auf. Die Frau war Anfang vierzig und hatte mich in nahezu akzentfreiem Deutsch angesprochen. Ihr kleiner, fast zierlicher Körper steckte in einem eleganten schwarzen Kostüm aus Jackett und knielangem Rock. Doch mein Blick saugte sich an ihren Augen fest, die mich offen und selbstbewusst, fast herausfordernd ansahen, während sie den Mund zu einem spöttischen Lächeln verzog.
   »Was ist mit Ihnen?«, fragte sie und strich sich über das kurzgeschnittene schwarze Haar, das ihre markanten Gesichtszüge einrahmte. »Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?«
   Fast schien es so. Dabei konnte ich mir gar nicht richtig erklären, warum sich bei ihrem Anblick mein Puls beschleunigte. Obwohl sie elegant gekleidet war, hatte sie gar nichts an sich, was aufreizend gewirkt hätte.
   »Nein, entschuldigen Sie bitte! Was kann ich für Sie tun?«
   »Mein Name ist Leona Mira«, erwiderte sie und streckte mir die Hand entgegen. »Ich glaube, ich hatte noch nicht das Vergnügen.«
   »Das Vergnügen ist auf meiner Seite!« Artig nahm ich ihre Hand und deutete eine Verbeugung und einen Handkuss an. Dabei wehte mir ein Hauch ihres Parfüms entgegen. Concession, wie es schien – ein Duft, der sich auf angenehme Weise mit ihrem herben Körpergeruch vermengte.
   »Cliff Farnham«, stellte ich mich vor. Dann bemerkte ich ein spöttisches Glitzern in ihren Augen, und mir wurde bewusst, dass ich ihre Hand wohl etwas länger gehalten hatte, als sich ziemte. »Ich bin der Manager dieses Hotels und arbeite nur als Aushilfskraft an der Rezeption.«
   »Mein letzter Besuch in Ihrem Haus liegt schon eine Weile zurück«, sagte Leona. »Ich hoffe, Sie kümmern sich genauso zuvorkommend um Ihre Gäste wie Ihr Vorgänger.«
   »Bei einem so netten Gast werde ich mir besondere Mühe geben.«
   »Und ich werde Sie beim Wort nehmen!«, sagte sie lächelnd und mit etwas tieferer Stimme, die diesen Satz wie eine Drohung klingen ließ. »Vorausgesetzt, Sie haben noch ein Zimmer in angemessener Preislage frei.«
   »Ich bin sicher, dass wir genau das Richtige für Sie haben.« Ihre Cado-Armbanduhr und die Briton-Handtasche hatten mir sofort verraten, in welchem Rahmen sich ihre finanziellen Möglichkeiten bewegten. »Wie wäre es mit Zimmer 612?«, fragte ich, nachdem ich den Rezeptionscomputer konsultiert hatte. »Die Suite besteht aus Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Schlafzimmer und Bad mit jedem Komfort ...«
   »Ich sehe, wir verstehen uns!«, unterbrach sie mich und schob mir eine Golden-Express-Kreditkarte über den Tresen.
   Ich zog die Karte durch den Leseschlitz, bestätigte die elektronische Buchung und gab sie Leona zurück. »Ich hoffe, Sie verleben ein paar unvergessliche Tage im Andromeda«, sagte ich, winkte einen Pagen heran und reichte dem jungen Kerl den Schlüssel.
   »Vielleicht könnten wir beide mal zusammen ... essen gehen«, sagte Leona mit einem verschmitzten Lächeln.
   »Das wäre ganz nach meinem Geschmack«, erwiderte ich.
   Als Leona sich vom Pagen zu den Lifts führen ließ, sah ich ihr gebannt nach. Von dieser Frau ging etwas aus, das ich nur schwer beschreiben konnte. Sie können mir glauben, dass ich Frauen normalerweise sehr gut einschätzen kann. Die Augen, der Mund, die Kleidung ... es gibt so viele kleine Dinge, mit denen sie mir innerhalb weniger Sekunden mehr über sich verraten, als sie ahnen dürften. Auch zwischen Leona und mir hatte bereits eine intensive Kommunikation stattgefunden. Aber dieses Mal war ich mir nicht sicher, ob ich alles richtig verstanden hatte. Denn ich war noch nie zuvor einer Frau begegnet, die mich auf diese Weise angesprochen hatte. Den Doppelsinn dieses Begriffs können Sie gerne wörtlich auffassen.
   Während ich noch darüber nachdachte, was mich an Leona so irritierte, blieb sie auf halbem Wege stehen und warf mir über die Schulter hinweg einen kurzen Blick zu, bevor sie sich mit einem geheimnisvollen Lächeln abwandte und weiterging. In diesem Moment hatte ich das seltsame Gefühl, als hätte sie etwas in mir erkannt, von dem ich bestenfalls eine dunkle Ahnung besaß.

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Originalausgabe
Bernhard Kempen, Der Gourmet
(Berlin: Shayol-Verlag, 2002) 3-926126-15-9 Bestellen
Titelbild von Klaus Brandt, Hardcover, 368 Seiten
Siehe auch
Der Gourmet - Interview mit Bernhard Kempen
Leser-Service
Lieferbare Titel von Bernhard Kempen
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21.05.06 • 10.06.06