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The phantastic Worlds of Science Fiction Roman - Leseprobe

H. D. Klein

Phainomenon

Roman • 2003 • Leseprobe

Science Fiction > Kurd Laßwitz Preis > Stories & Romane

Kapitel 6

Dichtgedrängt starrten alle im Cockpit auf den kleinen Monitor, der die Aufnahmen von Kohlschovskys Videokamera zeigte.
   »Soll ich das Shuttle auf den Kopf stellen, dann können wir es direkt sehen?« flüsterte Cooper heiser.
   »Wir rühren uns keinen Inch von der Stelle!« bestimmte DeHaney, ungeachtet der Tatsache, daß die Raumfähre mit annähernd 27 000 Stundenkilometern um die Erde raste.
   Die körperliche Nähe der anderen erhöhte die unerträgliche Spannung, in der er sich befand. Am liebsten hätte er die Besatzung ins Mitteldeck verbannt, um sich in Ruhe einen klaren Kopf zu verschaffen. Was sich ihnen auf dem Monitor bot, glich einem Filmplakat für einen Science Fiction Film. Vor der restlichen Nachtschwärze der Erde schwebte ein matt schwarzes Objekt, das sich, von der aufgehenden Sonne beleuchtet, von hinten an das Shuttle heran schob.
   »Es kommt näher, aber es scheint über uns hinweg zu ziehen«, kam nun Kohlschovskys Stimme leise aus dem Lautsprecher. Laut wagte sich seit dem Erscheinen des UFOs keiner mehr zu äußern. Auch die harmlose Bezeichnung MARTHA schien aus dem Wortschatz gestrichen, dafür war der Anblick des länglichen Schattens auf dem Bildschirm zu furchteinflößend. »Ihr müßtet es gleich sehen können!«
   Wie auf Kommando hoben sich alle Köpfe nach oben, aber noch war nichts zu sehen. Nur die Terminatorlinie auf der Erde schob sich gemächlich von vorne auf sie zu.
   Von Houston war nichts zu hören. Wahrscheinlich saßen die Controller ebenso gebannt auf ihren Plätzen vor den Monitoren wie die Besatzung der Intrepid. Als DeHaney vor einer halben Stunde eine sichere Videoleitung hergestellt hatte, kam sofort danach eine Warnung von Wakefield durch. »Keine Aktivitäten, Jim! Ihr verhaltet euch absolut passiv!« Er wiederholte sie alle Minuten mit einer monotonen Stimme, die anscheinend beruhigend auf sie wirken sollte, aber genau das Gegenteil bewirkte. Nachdem DeHaney ihm mit scharfen Worten erklärt hatte, daß sie auf keinen Fall etwas unternehmen würden, blieben sie von weiteren Ermahnungen des Missionsleiters verschont.
   Als eine dunkle runde Silhouette im oberen Teil der Cockpitfenster vor die Sonne trat, kam ein erschrockener Laut von Hilary Cochran.
   »Scheiße, das ist nahe an uns dran«, entfuhr es Cooper, obwohl es schwierig war, die Größe zu bestimmen.
   DeHaney nickte. »Ich schätze, keine 300 Fuß. Und wenn meine Schätzung richtig ist, dann wäre es verdammt groß!«
   Das harte Sonnenlicht wurde durch eine riesige Scheibe allmählich abgedeckt. Unendlich langsam kroch der Schatten über die Gesichter und schließlich über die Armaturen, bis mit einem letzten Aufblitzen das Cockpit im Dunklen lag.
   »Es sind überhaupt keine Strukturen zu erkennen, außer daß die Seitenränder nach unten geneigt erscheinen«, stellte Kenneth Cochran fest. Seine Stimme zitterte etwas.
   »Ken, erzähl das denen da unten! Beschreibe, was du siehst!« DeHaney stupste Cooper an. »Tim, die Kamera! Halte drauf!«
   »Wie? Ahja, natürlich.« Nervös riß er seine Videokamera hoch und richtete sie nach oben.
   »Houston, hier DeHaney. Kann ich meine Leute reinholen?« Er klopfte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf sein Knie. Die Vorstellung, daß sich zwei seiner Besatzungsmitglieder in dieser Situation im offenen Laderaum befanden, behagte ihm überhaupt nicht.
   »Ähm...Moment...ja, OK, äh, ja, die Entscheidung liegt bei dir, Jim!«
   Mit einem abfälligen Grunzen schnippte er an sein Mikrophon. Er konnte sich gut vorstellen, daß Taggert da unten im Kontrollraum es wahrscheinlich gerne sähe, wenn das Geschehen hier oben in bester Bildqualität vom Laderaum aus dokumentiert wurde als durch die Fenster des Cockpits.
   »Ilja, ihr kommt jetzt rein!«
   »OK, Roger, aber es macht uns nichts aus, wir können auch noch...«
   »Nein. Ich will, daß ihr reinkommt!«
   »Reinkommen. Roger. Aber ich montiere die Kamera auf den Ausleger, dann können wir sie von innen bedienen.«
   »Nein...na gut, meinetwegen, aber beeil dich!«
   Er legte eine Hand auf Cochrans Schulter, der seine Beschreibungen unterbrach und zu ihm aufsah. »Ken, mal ehrlich, was ist das da draußen? Ein richtiges UFO oder ist das was von den Russen oder Japanern?«
   Kenneth Cochran grinste hölzern. »Ganz genau kann ich dir das erst dann sagen, wenn ich dem Piloten in die Augen sehen kann. Aber im Ernst: ich glaube nicht, daß unsere Jungs von der...äh...Informationsbeschaffung so etwas übersehen hätten. Gehen wir also einmal davon aus, daß wir es tatsächlich mit etwas Unbekannten zu tun haben.«
   DeHaney strich sich zerfahren mit der Hand über die Stirn und verfolgte, wie der rochenartige Schatten düster über das Shuttle glitt. Das Objekt sah genauso aus, wie das der Varells. Er konnte jetzt ganz deutlich die herabgebogenen Seitenränder ausmachen, die dem Objekt ein bedrohliches Aussehen verliehen.
   Fehlt nur noch ein Stachel am Ende, dachte er.
   Das UFO war immer noch fast direkt über ihnen, deswegen konnte er weiterhin nur die Unterseite sehen, über die sich nun schemenhaft Lichtreflexe hinweg schoben, die vom Shuttle durch das harte Gegenlicht der Sonne verursacht wurden.
   »...es sieht real aus, man kann sogar die Lichtreflexionen des Shuttles auf der Oberfläche sehen«, beschrieb Cochran neben ihm den Vorgang für die Bodenstation. »Hoffentlich fallen bei uns nicht alle Instrumente aus wie bei dem Chrysler der Varells...«
   Mit einem Ruck drehte sich DeHaney zu Cochran herum. »Mal den Teufel nicht an die Wand! Meinst du, das wäre möglich?«
   »Warum sollte es hier oben anders sein als auf der Erde?«
   Genau, warum sollte es anders sein? Er überflog die Armaturen. Bis jetzt war keine Veränderung zu bemerken, alles war normal. Wieso war dieser Gipskopf Taggert da unten noch nicht auf den Gedanken gekommen und hatte sie vor einem eventuellen Stromausfall gewarnt? Wütend unterdrückte er einen Fluch. Ihm lag schon ein scharfer Tadel an die Adresse Taggerts auf der Zunge, als ihm klar wurde, daß sie im Grunde sowieso auf sich allein gestellt sein würden.
   Was würde passieren, wenn der Strom ausfiel? Die Lufterneuerung wäre unterbrochen. Druckabfall. Die ganze Klimaversorgung würde zusammenbrechen. Wie lange würden sie ohne die Aggregate auskommen?
   »Ilja und Schweighart, ihr bleibt in euren Raumanzügen!« Ohne eine Antwort abzuwarten wandte er sich an Hilary Cochran. »Hil, bereite Raumanzüge für uns vor, damit wir sie im Notfall sofort anlegen können! Annick Denny soll dir dabei helfen!«
   Mit einer nervösen Bestätigung verschwanden die beiden Frauen ins Mitteldeck.
   Mittlerweile fiel das Sonnenlicht wieder ins Cockpit. Das UFO stand nun klar voraus als gekrümmte Linse vor der blauen Erdsichel.
   »Mir scheint, als bewege es sich nicht mehr«, stellte Cochran fest. »Der Abstand bleibt gleich.«
   »Das wäre schlecht«, erwiderte DeHaney. »Denn das würde unter Umständen bedeuten, daß es uns im Visier hat.« Er ließ sich nicht anmerken, wie sehr ihn Cochrans Beobachtung von vorhin aus dem Gleichgewicht brachte.
   Kurz zuvor noch war er trotz der realen und unheimlichen Erscheinung zu der Überzeugung gelangt, daß sich MARTHA nach dem Passieren des Shuttles als eine geschickte Computersimulation oder eine neuartige Projektionstechnik herausstellen würde, die sich irgendein Schwachkopf von einer dieser arroganten Psychoabteilungen ausgedacht hatte, um wieder einmal mehr die Belastbarkeit von Astronauten in außergewöhnlichen Situationen auf die Probe zu stellen. Wenn das vermeintliche UFO in der Nähe blieb, standen auf jeden Fall weitere Prüfungen auf dem Programm und er wußte nicht, wie lange er dem Unsinn noch gewachsen war. Eigentlich hatte er fest damit gerechnet, daß der ganze Spuk mit dem Vorbeiflug als Höhepunkt bald zu Ende gehen würde, aber nun schien es so, als würde man ihnen noch weitere Überraschungen zumuten wollen.
   Er sah sich momentan nicht in der Lage, eine vernünftige Entscheidung zu treffen, ganz gleich welcher Art. In erster Linie trug er die Verantwortung für die Besatzung und das Shuttle. Deswegen hatte er absolut kein Verständnis für derartige hochtechnische Spielereien, die sein Nervenkostüm über Gebühr strapazierten. Er weigerte sich nach wie vor, an die Existenz einer außerirdischen Spezies zu glauben. Die Möglichkeit erschien ihm zu unmöglich und zu fantastisch, auch wenn Wakefield und Taggert ihm standhaft versicherten, daß es sich tatsächlich um eine Begegnung mit einer fremdartigen Technologie handelte.
   »Houston, hier DeHaney! Habt ihr irgendwelche Anweisungen?« Ihm kam ein Gedanke, der ihn hinterhältig grinsen ließ. »Oder könnt ihr das Objekt von der Erde aus sehen? Over.«
   Es dauerte etwas, bis eine Antwort kam.
   »Intrepid, wir haben die Abdeckung ganz deutlich verfolgen können. Jetzt steht das Objekt vor dem Sternenhimmel. Man kann es nur entdecken, wenn man weiß, daß es da ist. Es gibt so gut wie keine Reflexionen vom Sonnenlicht ab. Außerdem können wir einen gleichbleibenden Abstand zum Shuttle bestätigen.«
   »Das heißt aber auch, daß andere Stellen das Objekt ebenfalls bestätigen werden!«
   Pause. Ein Knacken und ein Rauschen war in der Verbindung zu hören. Dann, wie gedanklich abwesend, sagte der Controller: »Ja, das ist zu befürchten.«
   Cochran schüttelte den Kopf. »Konfus. Das ist alles konfus. Die wissen auch nicht mehr als wir.«
   DeHaney wurde nachdenklich. »Haben wir eine Möglichkeit zu überprüfen, ob das Ding tatsächlich da ist? Ich meine, so richtig, als materielles Objekt.«
   »Du meinst, wir haben es mit einer Projektion zu tun?«
   »Ja, verdammt! Irgendetwas in dieser Richtung, oder glaubst du etwa an den ganzen UFO-Quatsch? Daß ausgerechnet wir mit Außerirdischen Kontakt haben sollen? Das ist doch ausgemachter Humbug. Die da unten haben sich ein nettes Psychospielchen ausgedacht, um unser Nervenkostüm auf die Probe zu stellen.«
   »Warum fliegst du dann nicht einfach rüber zu dem Objekt und siehst nach? Wenn MARTHA eine Projektion ist, würde das Shuttle einfach durch die Abbildung fliegen«, sagte Cochran mit einem lauernden Blick.
   »Weil ich die Anweisung habe, daß wir uns nicht von der Stelle rühren sollen, darum!« Er beugte sich nach vorne. »Aber etwas kann ich tun, um mir Gewißheit zu verschaffen, ob das Ding echt ist. Ich verändere den Winkel vom Shuttle zu der Unterseite zu unserem UFO und benutze den Infrarot-Entfernungsmesser der Andockvorrichtung für die Raumstation. Wenn wir keine eindeutigen Werte für eine Reflexion des Infrarotstrahls erhalten, ist dort draußen nichts, was ich mit der Hand anfassen könnte.«
   Ohne auf einen möglichen Einwand Cochrans zu achten, informierte DeHaney die Besatzung über die bevorstehende Lageänderung der Raumfähre. Nachdem er die Daten in den Computer eingegeben hatte, zögerte er einen Moment und dachte darüber nach, ob er Houston über sein Vorhaben informieren sollte. Streng genommen war er dazu verpflichtet, aber er fürchtete, daß die Bodenstation ihm keine Erlaubnis erteilen würde.
   Vielleicht erwarteten sie ja aber auch ein selbständiges Handeln von ihm, so als eine Art Test in unvorhergesehen Situationen. Nein. Er schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich würde er sich eine saftige Rüge einhandeln, aber das war ihm gleichgültig. Was sollte schon großartig passieren, wenn er das Shuttle drehte. Dann gibt es eben bei seiner Verabschiedung eine Ehrennadel weniger an seinem Revers.
   Nach zwei kurz aufeinanderfolgenden Schlägen der Thrusters zeigte die Nase der Intrepid genau auf die Unterseite des UFOs.
   Danach aktivierte DeHaney mit fliegenden Fingern das Programm der Andockvorrichtung. Neugierig zog sich Cochran vorsichtig am Pilotensitz hoch und las laut die in rot erscheinenden Werte ab. »276,43 Meter!« Er sah seinen Commander von der Seite an. »Bleiben uns also die drei genannten Möglichkeiten: UFO, Russen oder Japaner. Alle wären gleich schlecht.«
   »Richtig«, murmelte DeHaney. An ein russisches oder japanisches Raumschiff glaubte er nicht. Taggert hatte also kein falsches Spiel mit ihm getrieben. Dort draußen trieb ein echtes UFO vor ihnen her und niemand wußte, was als nächstes geschehen würde.
   Hilarys Kopf erschien neben ihm. »Kann es uns denn gefährlich werden?«
   Statt einer Antwort blickte DeHaney über die Rückenlehne seines Sitzes nach hinten ins Flight-Deck. Zufrieden registrierte er, daß die Raumanzüge ausgebreitet und mit Tape an den Wänden befestigt waren. Das Deck sah aus wie eine unaufgeräumte Umkleidekabine.
   »Ich habe keine Ahnung«, flüsterte er schließlich. »Und ich fürchte, es gibt niemanden, der uns die Frage beantworten könnte.«


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Die folgende Stunde war geprägt von einer lähmenden Ratlosigkeit. Selbst Houston Control konnte sich zu keiner Entscheidung durchringen, obwohl DeHaney mehrmals zu einer sofortigen Landung drängte. Als Kapitän des Schiffes lag ihm die Unversehrtheit seiner Mannschaft näher als die Erforschung einer fremdartigen Technologie.
   »Wenn ihr uns schon nicht landen laßt, dann gebt uns wenigstens den Befehl, das UFO näher zu untersuchen! Kohlschovsky und Schweighart können es gar nicht erwarten, rauszugehen und dort drüben anzuklopfen. Over, verdammt noch mal!« Er verzog leicht die Mundwinkel, denn seine letzte Bemerkung sollte wie ein Scherz klingen. Er hatte die beiden natürlich nicht nach ihrer Bereitschaft gefragt, eventuell zu MARTHA hinüberzufliegen.
   »Negativ, Jim. Das kommt überhaupt nicht in Frage. Ihr bleibt absolut passiv! Wir können uns jetzt keinen falschen Schritt erlauben.«
   DeHaney schnaubte verächtlich. Er konnte sich gut vorstellen, wie denen da unten die Köpfe rauchten, denn mittlerweile hatten die Nachrichtenagenturen natürlich mitgekriegt, daß mit dem Flug STS-198 etwas nicht in Ordnung war. Die offizielle Verlautbarung der NASA lautete immer noch, daß nicht alle Landebedingungen auf der Erde optimal wären, aber diese Information ließ sich nicht mehr lange halten. Wahrscheinlich würde jetzt schon unzählige Nachrichten das Internet überlasten und viele Quellen genau wissen, warum sich die Intrepid noch immer im Orbit befand. Und genauso wahrscheinlich hätte er an Stelle von Houston Control auch keine andere Entscheidung getroffen, aber die Situation an Bord wurde langsam unerträglich. Kohlschovsky und Schweighart verharrten weiterhin geduldig in ihren Raumanzügen. Viel bewegen konnten sie sich damit im engen Mitteldeck nicht. Cooper hatte für sie einen beweglichen Monitor installiert, auf dem sie wenigstens etwas von MARTHA sehen konnten. Die beiden Cochrans waren im Moment damit beschäftigt, die Pantry wieder in Betrieb zu nehmen, denn sie hatten alle schon seit Stunden nichts mehr gegessen. Annick Denny hielt sich hinter ihm an den Kontrollen des Laderaums auf und bediente den Ausleger mit der Kamera. Eigentlich war es nicht notwendig, denn das UFO stand nach wie vor an derselben Stelle vor dem Shuttle wie vor einer Stunde, aber sie versuchte sich an mehreren Blickwinkeln, die im Endeffekt jedoch immer das UFO vor der Erdsichel zeigten. Beschäftigungstherapie, nichts weiter.
   »Äh, Jim, ich habe mich gerade mit Schweighart besprochen, wir würden uns die Kiste gerne aus der Nähe ansehen. Ich meine, wir sind bereit dazu, wenn du uns die Erlaubnis gibst!« Sehr überzeugend klang Kohlschovskys Stimme jedoch nicht gerade.
   »Du hast doch gehört, was Houston gesagt hat. Es kommt nicht in Frage.«
   »Ja, hab ich. Ich meinte damit auch nur, daß wir dazu bereit wären, falls der Wunsch dazu geäußert werden würde.« Er dehnte den Konjunktiv mit einem Hauch aristokratischer Gelassenheit.
   »Respekt! Ich hätte Schiß, da raus zu gehen. Wer weiß, was das Ding für Absichten hat. Vielleicht möchte es ja zur Abwechslung einmal junge Astronauten untersuchen anstatt ein Auto samt Ehepaar in mittlerem Alter.«
   Kohlschovsky zögerte mit einer Entgegnung. »Also mal im Ernst: besonders wohl würde ich mich dabei nicht fühlen, aber andererseits würde ich mich später vielleicht einmal darüber ärgern, wenn wir die Chance nicht genutzt hätten.«
   »Darüber würde ich mir keine Gedanken machen«, sagte DeHaney und blickte aus dem Cockpitfenster. »Von hier aus sehe ich keinen Eingang oder etwas Ähnliches, durch den oder das ihr in das UFO eindringen könntet. Und wenn doch, was soll ich dann befehlen? Daß ihr reingeht? Das kommt nicht in Frage!«
   Es knackte kurz in der Leitung, als sich Schweighart zuschaltete. »Warum nicht, Commander? Falls es ein Problem mit der Befehlsorder geben sollte, würde ich mit Annick gehen. Wir unterstehen nicht dem direkten Kommando der NASA.«
   DeHaney schnappte nach Luft, als er die dreiste Bemerkung des Europäers hörte und sie prompt falsch interpretierte. Was erlaubte sich dieser Bengel? Es klang so, als wären die Amerikaner zu feige, sich zu dem UFO hinüber zu wagen.
   »Schweighart!« sagte er in scharfem Ton. »Ich darf Sie darauf aufmerksam machen, daß Sie sich an Bord meines Schiffes befinden! Und damit unterstehen Sie meinem Befehl, ganz gleich, was Sie sich für einen Sticker an Ihren Overall gepappt haben. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?«
   Es dauerte einige Sekunden, bis eine Antwort kam. Ein unterwürfiger Zynismus war als gequälter Unterton jedoch deutlich herauszuhören.
   »Ja, Sir! Jawohl, Sir!«
   Mit einem scharfen Zischen ließ DeHaney Luft zwischen seinen zusammengepreßten Zahnreihen ab. Er hätte gerne eine bissige Bemerkung hinterhergeschickt, aber er beherrschte sich doch noch rechtzeitig.
   »Damit würde ich das Thema gerne beenden!«
   »Ich wollte nicht...ich habe verstanden, Commander!« Schweigharts Stimme verklang im Kopfhörer.
   Hinter DeHaneys Sitz war ein belustigtes Lachen von Hilary Cochran zu vernehmen. Vorsichtig bugsierte sie ein Tablett mit einer warmen Mahlzeit in Richtung seiner Knie. Daran festgebunden baumelte eine Reihe von trockenen Früchten und Nüssen.
   »Eine Coke oder einfaches Wasser dazu, Captain?« Sie schob sich in halber Höhe zwischen die Sitze. »Du mußt gestärkt in einen Krieg gegen Europa ziehen!«
   Er funkelte sie zunächst böse an, entgegnete dann aber mit einem Grinsen: »Coke natürlich. Nur echte amerikanische Erzeugnisse geben die nötige Kraft!«
   Mit einem lauten Lachen verschwanden ihre Locken wieder nach hinten.
   Er befestigte das Tablett an seinem Oberschenkel und suchte danach die Frequenz eines Nachrichtensenders. Während er umständlich die Hühnchenteile in seinen Mund beförderte, lauschte er der ernsten Stimme des Sprechers, der ausschließlich die ‘Intrepid’ zum Thema hatte. Anscheinend war jetzt doch schon Einiges an die Öffentlichkeit gelangt.
   »...wie die Nachrichtenagentur Reuter berichtet, gibt es außer den bereits bekannten Problemen mit den Landeplätzen weitere Schwierigkeiten auf der Raumfähre Intrepid. Anscheinend befindet sich in unmittelbarer Nähe des Space Shuttles ein nicht zu identifizierendes Objekt, das eine sofortige Rückkehr aus dem Orbit unmöglich macht. Bisher hat die NASA dazu noch keine Stellungnahme abgegeben. Sicher ist jedoch, daß alle Besatzungsmitglieder wohlauf sind...«

© 2003 • Mit freundlicher Genehmigung des Autors


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Originalausgabe
H. D. Klein, Phainomenon
(München: Heyne, 2003) [06/6444] Bestellen
Umschlagbild von Chris Moore, 558 Seiten
Siehe auch
Rezension: H. D. Klein: Phainomenon (2003)
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28.08.10 • 02.09.10