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| Irgend etwas
war faul an dem Befehl. 18 Männer und neun Frauen arbeiteten hier, viel zu wenige im
Angesicht ihrer Aufgabe. Und plötzlich sollten alle heimkehren zur Erde, alle bis auf
einen. Gonzales hatte sich hierfür freiwillig gemeldet, auch wenn er nicht besonders
scharf auf die kommende Einsamkeit war. Sein Instinkt riet ihm dazu, er mißtraute dem
unsinnigen Rückruf nach Houston. Wer heim fliegt wird vielleicht entlassen, versetzt oder
sonstwas; so lange er hier blieb, war sein Arbeitsplatz sicher. Johnson, der Leiter der
Terraforming-Gruppe auf dem Mars wunderte sich über nichts. Er befolgte gerne Befehle,
keine Fragen, keine Verantwortung. Damit war er immer gut gefahren. Seine Position hier
oben hatte ihm öfter die Grenzen seiner Führungsqualitäten aufgezeigt, doch
glücklicherweise waren größere Problemsituationen ausgeblieben. Und jetzt würde er
seine Frau wiedersehen, seine beiden Töchter. Zum ersten Mal seit drei Jahren. Die Freude
blendete sein Urteilsvermögen, betäubte sein Mißtrauen. Und deshalb hielt Gonzales den
Mund und schluckte seine Fragen hinunter; sollten sie doch in ihr Unglück rennen. Natürlich konnte ein Mann allein das Projekt auf Sparflamme weiter laufen lassen, die Roboter und Rechner überwachen. Doch es würde keine wirkliche Forschung geben, wochenlang kein wichtiges neues Wissen. Und sollten Komplikationen auftreten, wäre er völlig überfordert. Er vertraute den Maschinen nicht übermäßig, dafür kannte er sie zu gut. »Was soll´s, Menschen haben auch Fehler.« Außerdem müßte laut Frauenquote noch ein halbes weibliches Wesen bleiben, grinste Gonzales sarkastisch. Die NASA nahm diese Regelung ganz genau. Penibelst. Er sah aus dem Fenster und öffnete ein Marsbier. Gebraut nach dem bayrischen Reinheitsgebot. Wahnsinn, aber Angerhuber hatte darauf bestanden. Durchs Fenster prostete er den abhebenden Raumschiffen zu. Er würde den Bayer vermissen. Die anderen auch. Verdammt, er sollte die halbe Frau einfordern, deren Anrecht auf Arbeit hier patriarchalisch verweigert worden war. Ein schnaubendes Lachen durch die breite Nase. Jawohl und Prost. Besser eine halbe als keine. Und jetzt noch ´ne Halbe, dann müßte er eine Runde drehen. Wenigstens achtete die nächsten Wochen keiner darauf, wie viel er trank, wie viele Pausen er einlegte. Nachher sollte er sich eine halbe Stunde gönnen. (»Schon wieder was halbes, warum keine ganze?«) Einfach ins All starren. Die Verbindung zum HubbleIII-Teleskop müßte zur Zeit hervorragend sein. Er verließ das zentrale Stationsgebäude. Die Sonne schien durch das kunstgläserne Dach in den Krater. Acht Quadratkilometer künstlich angelegte Heimat, ein für Menschen bewohnbares Loch auf dem roten Planeten. Die zerklüftete Umgebung war tot, tot wie die Wüsten auf der Nordhalbkugel. Und kalt. Versuche, Pflanzen und Tiere anzusiedeln waren fehlgeschlagen. Abgesehen von ein paar Einzellern. Leben auf dem Mars! Jubelnde Presse auf der Erde. Doch noch gehörte der rote Planet den herum staksenden und kriechenden Robotern. Pfadfinder, Scout, Lederstrumpf und wie sie alle hießen. Keine ernst zu nehmende Gesellschaft für Gonzales. Die Crew hatte alle Schiffe mitgenommen, obwohl die 26 Personen in der Santa Maria Platz gefunden hätten. Befehl von oben, von der Erde unten. Die Erde wird immer unten sein, das Zentrum, das All oben. Gewohnheit, menschliche Egozentrik, der Wunsch nach festem Heimatboden in der ewigen Leere. Gegen die Realitäten des Universums, gegen die Bedeutungslosigkeit des homo sapiens, gegen den Wahnsinn der richtungslosen Unendlichkeit. Die meditative Unendlichkeit, durch die Gonzales gerne seinen Blick und Gedanken sandte. Alle Schiffe! Zu Wartungszwecken. Die Idee eines Idioten, oder nach Gonzales Instinkt die tarnende Lüge für eine kleine Schweinerei. Eines hätten sie ihm lassen sollen; für Notfälle. Auch wenn er es alleine kaum hätte fliegen können. Selbst für die kleine Himmelsstürmer waren mindestens zwei Besatzungsmitglieder vorgesehen. Peinlich-pathetischer Name, ehrlich. Und doch hätte ihre Anwesenheit draußen auf dem Hangar ihn beruhigt. Er hätte sie schon in die Luft bekommen, falls nötig. Na ja, vielleicht sollte er sich weniger Sorgen machen. Er kontrollierte alle Rechner, kaute ein paar Fingernägel und gab neue Koordinaten für Lederstrumpf ein. Keine Probleme. Auch bei den Robotern nicht. Ausführlichere neue Programmierungen waren erst für die nächsten Tage vorgesehen. Also heute noch ein Bier. Was für ein Glück, daß Hopfen auf dem Mars am besten gedieh. Hatten komplexe Bepflanzungstests ergeben. Und irgend etwas mußten sie ja trinken. Ewig das bittere Marswasser hielt doch kein Mensch aus. Zumindest Gonzales und Angerhuber nicht. Außerdem hatte ein Werbevertrag mit einer bayrischen Brauerei einiges Geld für das Terraforming-Projekt erwirtschaftet. Und eine Handvoll Kritiker beruhigt. Wo Bier gebraut wurde, das konnte kein schlechter Ort für die Menschheit sein. Er stieß mit seinem Spiegelbild an, dann rief er die Verbindung zu HubbleIII auf. Er konnte das Teleskop natürlich nicht steuern, leider, aber NASA-Angestellte durften in ihrer Freizeit kostenlos mitgucken. Andere sahen fern, er starrte am Feierabend gerne ins All, träumte und trank. Natürlich konnte er einfach nachts im Freien nach oben blicken, doch er bevorzugte den Monitor, die Vergrößerung, den Anschein von größerer Nähe zur Unendlichkeit, so unsinnig wie das klang. Außerdem schien momentan die Sonne, kein Sternenlicht am Himmel. Bitte Paßwort eingeben. Gonzales starrte auf die grünen Buchstaben. Das war neu. Der Zugriff auf das Bild war ihm noch nie verweigert worden. Er funkte zur Erde, forderte Erklärungen und das Paßwort. »Das ist leider nicht möglich. Da muß ein Fehler vorliegen. Tut uns leid. Der zuständige Beamte hat leider gerade Mittag, dann eine Besprechung und morgen Urlaub. Aber wir kümmern uns darum. Keine Sorge. Dringlichkeitsstufe 4B, das heißt, es kann etwas dauern, wohl ein paar Wochen. Eine Hochstufung der Dringlichkeit ist nur bei persönlichem Vorsprechen möglich. Soll ich einen Termin machen? Von wo rufen Sie an, sagten Sie?« »Danke, nicht nötig. Ich warte dann eben.« Entnervt beendete Gonzales das Gespräch. Allgemeines Gewäsch, Hinhaltetaktik! Er würde nichts erfahren, warum also ewig labern. Er zappte zu Kamera 12 im Argyre Becken. Dort sollten in den nächsten Jahren »Freiluftversuche« stattfinden, die sie im überdachten Krater vorbereiteten. Scout quälte sich durch ein Feld von bis zu fußballgroßen Steinen. Gelenkig schoben sich die Ketten über jede Unebenheit. Im Hintergrund führte ein noch unerforschter Stollen in die Tiefe. Gonzales schwenkte die Kamera. Der gesamte Mars sollte bewohnbar gemacht werden. Die Erde war zu klein geworden. Angeblich. Doch genau genommen handelte es sich um das Steckenpferd einiger Politiker und Wissenschaftler. Dazu der Drang herauszufinden, was möglich war. Konnte der Mensch einen ganzen Planeten in die Knie zwingen? Einen fremden? Wie weit das All besiedeln, kolonisieren? Der alte Hunger des Eroberers. Ihn spürte Gonzales, wenn er ins All starrte. Von Kindheit an hatte er ihn gefühlt, nachts mit dem Feldstecher auf der Dachterrasse, tagsüber in seinen Träumen. Seine Vernunft sprach deutlich gegen eine Besiedelung anderer Planeten, sah darin eine ungeheure Verschwendung. Terraforming-Projekte schienen etwas von einem verdrehten Füllhorn zu besitzen. Sie schluckten pausenlos Geld, sogen es von der Erde ab, wo es gebraucht wurde. Doch gab es nicht genug Geld auf der Erde, nur ungerecht verteilt? Warum also sollte gerade die Raumfahrt die Verantwortung am Hunger der Armen tragen? Gab sie der Menschheit nichts dafür? Stolz, Träume und moderne Helden vergleichbar mit Spitzensportlern... »Oh ja, ich bin ein Held, hahaha...« Ein einsamer Held. Die halbe Frau fehlte ihm schon jetzt. Schnaubendes Lachen über den alten Gag. Moment, die halbe Frau fehlte wirklich. Halbe Frauen werden aufgerundet, hatten die FeministInnen durchgesetzt. Streng mathematisch. Das würde Ärger geben, und die NASA wußte das. Großen Ärger. Warum hatten sie das riskiert? Ein Mann konnte niemals alleine arbeiten, ebensowenig eine Frau. Auch die Männerrechtsorganisation hatte ihr Drittel durchgedrückt. Genau, das hatte damals einige Lacher und Proteste hervorgerufen. Dann Umstrukturierungen, Neuorganisation vieler Betriebe und vor allem Zusammenschlüsse von Selbständigen und Künstlern. Auf alle Fälle mußte die Quote auf jedem Planeten gesondert erfüllt werden, Zusatz 17.5.9. Warum also hatten sie ihn allein gelassen? Die Frage nagte in ihm, während er weiter auf den Monitor blickte. Scout hatte die Felsen gemeistert, tuckerte weiter zu einem kleinen Graben, in dem er nach Spuren von Wasser suchen sollte. Gonzales ignorierte ihn und dachte nach. Es mußte einen Grund geben. Sicher, die Schiffe benötigten ein Minimum von 26 Personen an Besatzung. Doch weshalb provozierten sie großen Ärger, nur um alle Schiffe zeitgleich in Houston zu haben? Zur Wartung, wie es gelautet hatte? So ein Unsinn! »Da steckt mehr dahinter, alter Paranoiker. Ganz sicher.« Er rief die Schiffsdateien auf. Die Santa Maria hatte noch TÜV bis 2087, kleinere Reparaturen konnten auf dem Mars ausgeführt werden. Kein Grund, sie zurück zu rufen. Ein Fehler in der neuen Software? Könnte man einfacher beheben. Mangel an Bodenpersonal konnte er ausschließen, die Antwort mußte im All liegen. Solange er sie nicht gefunden hatte, würde er zweifeln, das richtige getan zu haben, als er freiwillig bleiben wollte. War er großem Ärger aus dem Weg gegangen oder hatte er sich eine ganz böse Sache eingebrockt? Oder übertrieb er wieder einmal? Nein, hier stank etwas, dessen wurde er sich mit jeder Minute sicherer. Und von der Erde würde er sicher nichts erfahren. Auf der Venus arbeiteten nur Roboter, noch war die Hitze dort zu groß. Außerdem kannte er keinen der Asiaten gut genug. Doch auf dem Titan hatte Strebakowski das Kommando. Netter Kerl und sicher nicht zugeknöpft. Vielleicht wußte er mehr. Also baute er eine Verbindung zum Saturnmond auf. »NASA-Station Titan, Leroux.« Soso, die alte Schreckschraube saß also noch immer dort draußen. Wurde auf der Erde bestimmt nicht vermißt. Gonzales verlangte nach Strebakowski. »Ist nicht da, tut mir leid. Ist vor zwei Stunden aufgebrochen.« Das war typisch für ihn. Konnte alles delegieren, doch sobald es nach Aufregung roch, schwang er die alten Knochen wie ein aufgeregter Teenager. Jeden Ausflug von der Station leitete er selbst. »Pech gehabt. Kann er mich anfunken, wenn er zurück ist? Würden sie ihm das bitte ausrichten?« »Zurück? Das dauert. Er ist zur Erde. Mit den anderen. Ich bin zur Zeit allein.« Gonzales schluckte schwer. Verdammt, was ging da vor? »Und sie haben alle Schiffe genommen, trotz irrer Treibstoffkosten, oder? Vielleicht zur Wartung oder einfach, weil Konvoi fliegen schöner ist, hm?« »Sehr witzig. Alle Schiffe, ja. Ich habe mich auch schon gefragt, aber... Die Gründe kenne ich nicht. Die hat hier niemand erfahren. Befehl ist Befehl. Lorant hat das immer so gehandhabt. Keinen Befehl erläutert, nur einen nach dem anderen bellend hoch gefunkt. Aber woher wissen Sie das mit den Schiffen?« »Nur so ´ne Idee. Nennen Sie´s Instinkt. Dann mal schöne Tage. Genießen Sie die Ruhe.« »Sehr witzig...« Einen humorloseren Menschen als Leroux kannte er nicht. Und weiterhelfen konnte sie ihm auch nicht. Gonzales trank und zappte zu HubbleIII. Bitte Paßwort eingeben. Mal sehen. In irgend einer Schublade lag doch so ein lustiges Programm. Hatte Campbell eigentlich für andere Blockaden geschrieben, doch auch dieses Paßwort sollte es in zwei Stunden finden können. Sicher war es kein Zufall, das gerade jetzt der Zugang gesperrt worden war. Es mußte eine Verbindung bestehen zum kollektiven Rückruf zur Erde. Was, verdammt noch mal, sah HubbleIII? Er funkte zu Johnson. Langsam sollte selbst ihm das spanisch vorkommen. Strebakowski würde er so ohne weiteres nicht erreichen können. Das sollte er nachher mit Lerouxs Hilfe versuchen. »Santa Maria, Captain Johnson.« Ohne viel Umschweife erzählte Gonzales ihm vom Titan und dem gesperrten Teleskop. Johnson schien leicht verwirrt, doch nicht beunruhigt. Er brachte seinen Vorgesetzten ein unglaubliches Vertrauen entgegen. Immerhin sollte Gonzales ihn auf dem Laufenden halten. Wahrscheinlich handelte es sich aber tatsächlich um eine harmlose Antriebskontrolle oder dergleichen. Gonzales wisse doch, wie anfällig die neue Sterling-Technik sei. So etwas könne schon einmal vorkommen, bei einer ernsthaften Gefahr wäre er sicher eingeweiht worden. Selbst wenn die Wartungsgeschichte vorgeschoben wäre, gäbe es sicher einleuchtende Gründe... Ja, ja. Noch ein paar freundliche Sätze, Grüße an die gesamte Crew, dann unterbrach Gonzales die Verbindung. Die Sonne versank hinter dem Kraterrand. Einfach so, ohne Abendrot und Romantik, klar und kräftig. Er schaltete das Licht ein und sah nach dem Rechten. Dann starrte er wartend auf den Monitor. Zu gefangen, ein neues Bier zu holen. Er ließ Musik laufen zur Entspannung und trommelte mit den Fingern auf seine Knie. Endlich. Mit einem sanften »Pling« erschien der Sternenhimmel auf dem Schirm. In der Mitte ein grauer Felsbrocken, klassifiziert als Meteorit. Zerfurcht und relativ groß. Sogar verdammt groß, wie die Zahlen rechts unten aussagten. Und er jagte direkt auf den Betrachter zu. Das war´s! Er, Gonzales, würde auf dem Mars beim Einschlag elend verrecken, während die teuren Schiffe in Sicherheit gebracht worden waren. Einer mußte hier verharren, möglichst lange Daten zur Erde senden, ein Bauernopfer bei der großen Eroberung des Weltraums. Toller Instinkt, der ihn zum Bleiben überredet hatte! Ja, ja, er wollte schlauer sein als alle anderen, sicher, großer Gonzales. Natürlich lauert die Gefahr bei den 26, nicht bei dem einen! Prima gedacht! Ganz logisch. Verdammter Instinkt! Er wollte nicht sterben. Nein! Er hatte keine Familie, keine Kinder, gut, aber war das ein Grund ihn abkratzen zu lassen? Wegen ein paar Daten, die nach dem Einschlag sowieso hinfällig waren. Er... Stop! HubbleIII umkreiste die Erde, nicht den Mars. Sie würde getroffen werden. Ja! »Jaaaa!!!« Sicherheit! Die anderen würde verrecken. Er nicht! Die anderen. Alle anderen... Außer Leroux, aber die saß auf dem Titan. Das... Geschockt saß er bewegungslos vor dem Rechner. Erstarrt, nur sein Hirn wimmelte ohne Kontrolle in seinem Schädel. Alles war sinnlos geworden. Langsam kämpfte sich ein Gedanke in sein Bewußtsein. Er mußte alles überprüfen, bislang ängstigte ihn lediglich eine Vermutung. Er brauchte Gewißheit. Sofort. Mühsam schlug er seine Panik nieder. Dann überprüfte er die Koordinaten des Meteoriten, seine Bewegung. Dabei entdeckte er drei weitere in seinem Schlepptau. Die vier rasten auf die Erde zu. Korrekt. Sie würden in wenigen Tagen einschlagen. Alles Leben vernichten. Oder fast alles. Verdammt riesige Brocken... Daher also wehte der Wind. Die Schiffe sollte eine Handvoll Menschen evakuieren. Johnson könnte es schaffen, er würde morgen daheim sein. Strebakowski käme zu spät. Mit Glück 15 Minuten vor dem Meteoriten, wenn er den Zahlen glauben konnte. Keine Chance, Passagiere und neuen Treibstoff aufzunehmen und wieder zu starten. Die vier apokalyptischen Meteoriten. Und auf allen ritt der Tod. Gonzales schrie in der Leere der Station. Bier! Saufen, nur saufen. Alle tot! Es gab keinen Gott, keine Offenbarung, keine apokalyptischen Reiter. Nur vier Meteoriten und Verzweiflung. Das Ende der Menschheit. Nicht zur Jahrtausendwende oder zu sonst einem markanten Zeitpunkt, einfach 2085, irgendwann, fern aller Zahlenmystik. Er wippte mit dem Oberkörper vor und zurück. Gegen die Hysterie. Alles endet. Er mußte Johnson auf dem Laufenden halten, Strebakowski warnen. Die Bierflasche zerbarst an der Wand. Keine Benebelung mehr. Warum hatte Johnson nichts über den wahren Grund der Heimkehr erfahren? Wäre er dann geflogen? Wahrscheinlich. Oder hatte er ihn verschwiegen, war die Wartungslüge seine Erfindung? Machte keinen Sinn. Außerdem konnte er nicht besonders schauspielern. Vielleicht wollten sie nur eine Panik unter der Schiffsbesatzung vermeiden. Oder aber es sollte keiner der 26 an Bord bleiben. Jeder verfügbare Platz für NASA-Bosse, Politiker und Militärs freigehalten werden, eben jene, die davon wußten. Wer auf der Erde wußte davon? Die NASA, klar, zumindest ein paar Leute dort. Und sonst? Andere Raumbehörden? Politiker? Wenn ja, welche? Militär? Hobby-Astronomen? Journalisten? Polizisten? Physiker? Fernsehzuschauer? Alle? Er erreichte Johnson, warnte ihn. Doch der behielt den Kurs blauer Planet bei. Er wollte Menschen retten, glaubte nicht, selbst unten bleiben zu müssen. Hoffte, Frau und Kinder mitnehmen zu dürfen. Die zitternde Stimme verriet seine Angst, er zweifelte nicht an Gonzales Behauptungen, doch auch nicht an seiner Pflicht, zur Erde zu fliegen. Irres Labern, alle Beschwörungen Gonzales halfen nichts. Naiver Hornochse. Trotzdem wünschte er ihm alles Gute, hoffte, daß wenigstens ein Teil der Crew überleben durfte. Und irgendwo bewunderte er ihn sogar. Wo verlief die Grenze zwischen Dummheit und Heldentum? Keine Zeit für solche Gedanken, er hatte zu tun. Mit Lerouxs Hilfe ließ sich Funkkontakt zu Strebakowski herstellen. Möglichst emotionslos teilte Gonzales sein Wissen mit. Nur die Fakten, Gefühle bedeuteten den Zusammenbruch, Irrsinn. Der Russe wollte sich selbst überzeugen und rief HubbleIII. Das Paßwort von Gonzales stimmte noch. »Scheiße...« Dann änderte Strebakowski den Kurs in Richtung Mars. Er wollte seine Schiffe nicht riskieren, auch nicht das Leben seiner Leute. Nicht, um doch zu spät zu kommen, so wie es aussah. Leroux wurde informiert und würde später abgeholt werden. Mit neuem Treibstoff vom Mars. Gonzales trank nur noch Wasser. Er durfte nichts übersehen. Er überwachte keine Spielerei mehr, sondern die Zukunft der Menschheit. Tolle Zukunft! Ein beheiztes Loch in der eisigen Hölle. Sie mußten ein, zwei Jahre durchhalten. Ohne Versorgung von daheim. Es würde kein daheim mehr geben, keine Basis, keinen Boden in der Unendlichkeit. Ein, zwei Jahre, dann konnten sie zurück zur Erde. Länger durfte die Apokalypse nicht dauern. Der letzte aufgewirbelte Staub hätte sich spätestens dann gelegt. Die klimatischen Auswirkungen? Keine Ahnung, doch Gonzales hoffte. Am Tag vor dem ersten Einschlag hoben die Raumschiffe in Houston wieder ab, mit ihnen drei weitere. 144 Personen an Bord. Johnson war nicht dabei. Von der Mars-Crew nur Angerhuber und Campbell. Gonzales erfuhr es per Funk. Das Wüten auf der Erde muß schrecklich gewesen sein, als immer mehr vom Untergang erfuhren. Die Angst mußte abreagiert werden. Bunker wurden besetzt, Keller verzweifelt umfunktioniert. Nicht viel Chancen bei der Größe der Meteoriten. Andere wollten ihnen möglichst lange in Flugzeugen, Hubschraubern oder Heißluftballonen entgehen. Vielleicht konnten sie den Aufprall überleben, doch dann? Ein Hausmeister des National Space Museum in New York versuchte, ihr beliebtestes Ausstellungsstück, die vor neun Jahren ausgemusterte Stardust, wieder flott zu kriegen. Andere klammerten sich an nichts und wählten den Freitod. Verzweifelte Militärs boten alles auf und jagten den Meteoriten Flieger mit unzähligen Atombomben entgegen. Es half nicht viel. Ein paar Stückchen bröselten von den gigantischen Todbringern ab und verteilten sich überall auf der Erde. Radioaktiver Gesteinsregen. Alles auf Jahrzehnte verseucht. »Scheiß auf die Rückkehr«, heulte Gonzales irr und rannte durch den Krater. »Acht Quadratkilometer, hahaha. Acht! Was für eine Welt! Klaustrophobie, wir kommen!« Dann schlugen die Meteoriten auf der Erde ein. Gonzales weinte im Hopfenfeld. Als Strebakowski eintraf, saß er noch immer dort, ausgetrocknet und in der bitteren Marsluft wippend. Keine Worte drangen zu ihm vor, bis Strebekowski ihn ins Gesicht schlug. Was rät die Psychologie bei Weltuntergängen? Der Schmerz brachte Gonzales zurück. Dann tranken sie ein Bier, und noch eins. Das Leben kehrte wieder. Während sie auf die Schiffe von der Erde warteten, ließ sich Gonzales Strebakowskis neunzehn Begleiter vorstellen, besonders die Frauen. Was sollte man auch sonst tun? 2:1. Tolle Quote für einen Neuanfang... © 2001
by Boris Koch |
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