»Hallo. Mein Name
ist Nick.«
»Man erwartet Sie schon, Sir.« Der Butler führte ihn in das
prachtvolle Foyer des alten Schlosses.
»Setzen Sie sich«, sagte er und deutete auf eine Reihe Sessel, die
rings um eine sprechende Pflanze verteilt standen.
»Hallo. Ich heiße Nick«, stellte sich Nick Brandberg ein zweites Mal
vor.
»Ich gehöre zur Gattung Astrophobia dementis, aber alle nennen mich
Ad. Ich würde Ihnen gerne behilflich sein«, sagte die Schnatterpflanze.
»Unhöfliches Unkraut, Sir. Hören Sie nicht auf sie. Darf ich Ihnen
einen Drink anbieten?« Der Butler knirschte mit seinen Zahnrädern, gerade so, als ob er
mit Sand gefüllt wäre. Ein altes Modell, aus einer noch älteren aristokratischen
Herstellerfamilie, dachte Nick, hat aber einen hohen Sammlerwert wie alles hier.
»Danke, nein.« Er winkte ab. Der Butler surrte davon.
Das Mobiliar war besonders wertvoll. In Sichtweite befanden sich
ausnahmslos Stücke vom Planeten Osorpia Asalia. Die dortigen Handwerksmeister verstanden
es, ihre Ware durch bloßes Hinsehen zu fertigen, eine sehr seltene Kunst. Nicks Blick
wanderte weiter zum Gemälde des Hausherrn. Des ehemaligen Hausherrn.
Lord Schanscherwell lag nun wahrscheinlich zur großen Freude der
Fische tot auf dem Grund eines seiner riesigen Aquarien; mit Seetang an eine
Schatztruhe und das Modell eines Schiffwracks gefesselt, so hatte man Nick berichtet.
»Gestorben durch Ertrinken«, lautete die lakonische Diagnose der medizinischen
Gesundheitsabtastung.
Der Lord hatte keine Nachkommen und damit auch keine Erben, die ihn
hätten zur Strecke bringen können. Das Schloß befand sich mitten auf einer Insel,
ringsum gab es nur Wind, Wellen und Wasser. Einige Möwen dann und wann. Auch mal einen
verirrten Seegeier. Die nächsten Wesen, die das Wort »Mord« überhaupt aussprechen
konnten, gingen in einem kleinen Ort jenseits des Horizonts ihren Tagesgeschäften nach.
Man hatte die Berichte der Überwachungssysteme ausgewertet, denen zufolge es schon seit
geraumer Zeit keine Besucher mehr gegeben hatte.
Die einzigen Tatverdächtigen waren die Schnatterpflanze und der
Roboter. Ein Fall für Nick Brandberg.
»Schreckliche Dinge geschehen, ich habe es immer gesagt«, schnatterte
die Schnatterpflanze. Es klang fast ein wenig traurig. »Und ausgerechnet auf einer so
kleinen Welt wie dieser. Und dann hier. Und dann das.« Die Pflanze war ungefähr genauso
groß wie Nick. Sie hatte es sich in einem rotbraunen Blumenkübel gemütlich gemacht.
Daneben stand griffbereit ihre eigene Gießkanne, auf deren Vorderseite der Name »Ad«
eingraviert war. Sie konnte sie sich mit ihren Ranken greifen, mit denen sie während des
Gesprächs immerfort zappelte. Zum Sprechen benutzen Schnatterpflanzen ein ovales Blatt,
dort, wo bei den meisten Wesen der Kopf sitzt. »Ich verstehe das nicht. Ausgerechnet der
eigene Butler.«
»Warum glauben Sie, daß der Lord vom Roboter umgebracht wurde?« Nick
zupfte seinen Mantel zurecht und strich sich mit der Hand durch das zerzauste Haar.
»Warum beim heiligen Kaktusstachel glauben Sie, daß er nicht vom
Roboter umgebracht wurde? Ich will ja nicht unhöflich sein, aber ... Gibt es andere
Tatverdächtige, Nick?«
Die Pflanze bog den knorrigen Stengel und beugte sich Nick entgegen. Sie
raschelte mit den Blättern.
»Wir haben gar keine Tatverdächtigen«, sagte Nick. Keine wirklichen
Tatverdächtigen, fügte er in Gedanken hinzu. Der Roboter war vermutlich bedingungslos
loyal und die Pflanze nicht sonderlich sportlich. Genaugenommen hatte sie gewisse
Probleme, wenn es darum ging, ihren Blumenkübel zu verlassen.
»Er ist seit einiger Zeit so labil«, erzählte Ad weiter. »Es fing
damit an, daß der Lord die alte Küchenmaschine in den Müll getan hat. Nun ja, nicht
daß es je zu einer beständigen Beziehung gekommen wäre; zartbesaitete Küchenmaschinen
mögen keine eingebildeten Butler. Aber er hat es unserem Lord doch sehr übelgenommen.
Einen Schluck Kaffee?«
Nick verneinte auch dieses Angebot, und die Pflanze schüttete sich
selbst einige Liter aus der Gießkanne über die Blumenerde.
»Verhaften Sie ihn, Nick. Es gibt schon genug stumpfe Zahnräder
zwischen hier und der nächsten Sonne.«
Der Butler trat in den Raum, gefolgt von einem untersetzten
schnauzbärtigen Mann: dem ortsansässigen Kommissar, der Nick eine Hand entgegenstreckte
und mit der anderen die Zigarre aus dem Mund nahm.
»Mmh. Der Fall ist klar. Ich heiße Ringletoon. Der Lord ist tot.« Er
sprach langsam, dehnte die Vokale. Die Laute hörten sich an, als ob sie aus der Nase
kämen, wie bei einem Schnupfen. Er zwinkerte unentwegt mit den Augen.
»Sehr erfreut. Ich würde mir gerne den Tatort ansehen«, sagte Nick.
»Erfreut meinerseits. Guter Vorschlag.« Der Kommissar zog an seiner
Zigarre.
»Zu den Aquarien geht es in diese Richtung, Sir«, warf der Roboter
ein. »Wenn Sie mir bitte folgen würden.« Der mechanische Butler drehte sich auf seinem
Fahrgestell um und ging oder vielmehr fuhr voraus. Danach folgte Nick. Der
Kommissar bildete das Schlußlicht.
Sie waren noch nicht weit gegangen, als der Roboter sich zu Nick
umdrehte.
»Ganz im Vertrauen, Sir. Hat das Unkraut Sie beschnattert?«
Nick drückte es dezent aus: »Eigentlich nicht. Wir hatten vielmehr
eine ... rein dienstliche Konversation.« Und das entsprach sogar der Wahrheit.
»Bei meinen Schaltkreisen, dieses verlogene Stück Grünzeug! Man darf
ihr kein Wort glauben. Gar keins. Die Astrophobia dementis ist ein hinterhältiges Biest.
Und wie sich zweifelsfrei herausgestellt hat, auch ein mörderisches.«
»Ich kann mir nur sehr schwer vorstellen, daß eine Pflanze einem Mann
selbst einem im fortgeschrittenen Alter Fesseln anlegen und ihn ertränken
kann«, sagte Nick.
»Die meisten ihrer Gattung sind psychologisch geschult und verstehen
es, Leute in den Tod zu treiben. Haben Sie sich noch nie gefragt, warum die Natur es
vorgezogen hat, Pflanzen keine Beine zu geben.«
Nick dachte darüber nach.
Aber nur kurz.
Sehr kurz, um genau zu sein.
Sie gingen eine breite Steintreppe hinauf, die in der Mitte eines
gewaltigen, sich nach hinten verjüngenden Saals lag. Vor ihnen ergoß sich ein Wasserfall
in die Tiefe, und Nick konnte die Gischt auf dem Gesicht spüren. Der Roboter hielt sich
möglichst weit am rechten Geländer, um nicht noch mehr zu rosten. Er hatte die Rollen
unter dem Fahrgestell eingeklappt und gegen eine Klettervorrichtung ausgetauscht.
Die Treppe führte geradewegs in den künstlichen Felsen, aus dem der
Wasserfall entsprang.
Die letzten Stufen folgten dem Verlauf einer kleinen Höhle, an deren
Ende sich ein Raum befand. Er war nicht sonderlich groß; gerade so, daß sie alle drei
bequem hineinpaßten. Vor ihnen lag ein Fenster, das die Konturen ständig veränderte und
nur eine verschwommene Sicht auf den Saal zuließ. Wenn man es berühren wollte, bekam man
nasse Finger. Die Gruppe stand auf der anderen Seite des Wasserfalls.
»Wir sind fast da, Sir«, sagte der Butler zu Nick.
Er summte einige Steine an, hustete, wobei tanzende Staubwolken seinen
Mund verließen, und siehe da: Die Hinterwand teilte sich, und sie konnten die Halle der
tausend Aquarien betreten. Das Herzstück des Schlosses.
»Erzählen Sie mir mehr über Axiome«, sagte Nick.
»Es ist ...« Eine ehrfürchtige Pause entstand. Unter der Decke
verknoteten sich Myriaden von Rohrleitungen, kleine Babyrohre, große Rohre, die die
kleinen Rohre auffraßen und an anderer Stelle wieder ausspuckten, eckige, runde,
vermutlich sogar unsichtbare; Rohre, die aussahen wie die Stiele von Schnatterpflanzen und
solche, die jeder feinen Dame des Planeten Zfrockel die Schamesröte ins Gesicht getrieben
hätten. Kurz, ein gewaltiges Knäuel breitete sich in alle Richtungen bis in die
Dunkelheit aus. Ihr einziges Ziel bestand darin, frisches, stark zuckerhaltiges Wasser
für die Axiome zu transportieren.
Die Becken waren in den Boden eingelassen. Weitere unterirdische
Leitungs- und Schleusensysteme verbanden die gewaltigen Bassins untereinander.
»Es ist«, setzte der Roboter erneut an, »sein einziges Hobby gewesen,
etwas mit dem er sich stundenlang beschäftigen konnte. Die Fische sind sehr selten und
entsprechend wertvoll.«
»Schönes Vermögen hier«, bestätigte Kommissar Ringletoon und
schnippte seine Zigarre in das nächstgelegene Becken. Der Butler zuckte zusammen. Einige
seiner Schrauben lösten sich und kullerten über den Boden.
»Sir, Sie können sich nicht vorstellen, welche Bedeutungen die Fische
haben«, sagte er entrüstet, »sowohl für Sammler als auch für Wissenschaftler.«
Ringletoon zog sich desinteressiert die nächste Zigarre aus der
Brusttasche. »Hmm, na und? Wollen auch ihren Spaß. Die Schwimmer.«
Sie schauten auf die Wasseroberfläche des ersten Beckens. Weit unten
huschten einige bunte Lichter über den Grund, schwimmende Prismen. Es war das erste Mal,
daß Nick lebende Axiome sah. Seines Wissens gab es nur eine Handvoll Planeten, auf denen
man bisher diese faszinierenden Fische entdeckt hatte. Ein Großteil von ihnen kam aus
Fanggebieten rings um die Insel des Schlosses. Niemand wußte, wie sich die Fische
vermehrten oder ob sie sich überhaupt vermehrten.
Einige Experten vertraten die Ansicht, sie hätten sich aus den Löchern
von grünem Glibberkäse materialisiert. Obwohl diese These nie bestätigt werden konnte,
hatte sie drei Religionen und unzählige kleinere Sekten beeinflußt. Außerdem bildete
sie die wirtschaftliche Grundlage ganzer Molkereiunternehmen, die ihre Produkte für viel
Geld an Forschungszentren verkauften.
Fest stand nur eins: Wenn man die Fische unter einem bestimmten Licht
dem sogenannten infraaxiomatischen Licht betrachtete, wurden seltsame
Schriftzeichen auf ihren Schuppen sichtbar. Über einen Computer, der die kryptischen
Symbole entschlüsselte, erhielt man ein unanfechtbares, nicht zu beweisendes Grundgesetz,
eben ein Axiom. Daher hatten die Fische ihren Namen.
Natürlich existierten diese Gesetze unabhängig von den Tieren. Genauso
wie eine Persönlichkeit ganz gut leben konnte, ohne daß jemand eine Biographie über sie
verfaßte.
Hatte Lord Schanscherwell nicht ein Buch darüber geschrieben? Nick
meinte, einmal etwas in der Richtung aufgeschnappt zu haben. Er fragte den Roboter.
»Sein bedeutendes Werk Als die Natur ihr Tagebuch verlor«,
antwortete der, »erschien in den Verlagshäusern von Assel & Enkel oder Assel
& Opi, wie das Unternehmen mittlerweile heißt. Er war immer sehr stolz auf dieses
Buch.«
Durch eine Luke und über eine weitere Treppe gelangte die dreiköpfige
Gruppe in die Räumlichkeiten unter der Halle. Von hier aus hatten sie eine gute Sicht auf
die Unterwasserwelt.
Die Wände der Becken waren aus Glas, dahinter blitzten die Axiome. Die
Wasserpflanzen schwankten in den Wellen. Auf dem Grund lag Sand, hier und da Geröll, die
Fische konnten sich in Miniaturstädten verstecken; Nick zählte zwei Windmühlen, drei
altertümliche Götterstatuen und sechs alte Schuhe. Sie folgten dem Roboter um das erste
Aquarium herum. Im nächsten Bassin hatte ein Künstler einen kompletten Vergnügungspark
aufgebaut: Kettenkarussell, Popcornstände, Riesenrad, Zirkus, drumherum das
Schienengewirr einer Achterbahn, über alledem ein Schild mit der Aufschrift
»Luddeli-Huhna-Land«. Ein Regenbogen kam aus der Geisterbahn geschwommen, drehte ein
paar Runden zwischen den Modellen. Er hatte etwas im Maul, etwas Grünlich-gelbes, das
sich hin und her wand. Nick dachte zuerst an einen Wurm, dann erkannte er, daß es ein
Stück Seetang war. Die Bewegungen kamen dadurch zustande, daß der Fisch fortwährend
seine Richtung änderte und dabei kleine unscheinbare Wasserwirbel erzeugte.
Die sterblichen Überreste des Lords lagen in einem der hinteren Becken.
Als sie davor standen, nahm der Roboter die Verschlußkappe von seinem blechernen Schädel
wohl in Ermangelung einer besseren Kopfbedeckung , hielt sie gerade so weit
von sich, daß kein Kabel herausriß, und versuchte finster und ernst dreinzublicken.
Diese Zeremonie strengte ihn offensichtlich so sehr an, daß sein Innenleben knirschte,
als trüge er einen ganzen Wüstenplaneten mit sich.
»Er ist tot«, sagte Ringletoon. »Wie ich erwähnte, Nick. So tot wie
das Wasser um seinen verwesenden Körper.«
»Ja, Ringletoon«, sagte Nick. »Ich weiß. So tot wie
Badewannenschaum. So tot wie Ihr ohnehin nur rudimentär entwickeltes Gehirn. So tot wie
ein lauer Abendwind, der um die Hausecke streicht.«
»So tot wie der letzte Hauch einer guten Zigarre«, setzte der
Kommissar hinzu, dann rollte er mit den Augen. »Äh ... was sagten Sie da gerade?«
»Nichts.«
»Was?«
»Nichts.«
»Oh!«
»Und nun lassen Sie mich bitte allein.«
»Der Fall ist klar. Der Lord ...«
»Und halten Sie die Klappe.«
Der Roboter setzte sich wieder zusammen und wollte davonrollen.
»Halt«, sagte Nick. »Sie brauche ich noch.« Ringletoon atmete tief ein, wollte etwas
sagen, überlegte es sich anders und verließ beleidigt den Platz. Er trottete zwischen
den Aquarien davon und warf den Zigarrenstummel zur Seite. Nick war dafür bekannt,
ausschließlich alleine zu arbeiten.
»Es gibt da dieses Gerät ...«, sagte er. »Um die Zeichen auf den
Fischen sichtbar zu machen und zu übersetzen.«
»Sie meinen den Axiomator, Sir«, antwortete der Roboter. »Ja, den
gibt es.«
Nick trat näher an das Becken heran: Der Lord trug einen schwarzen
Anzug. Er hatte außergewöhnlich lange Arme, die er weit von sich gestreckt hielt und die
aussahen wie aus seinem Körper wachsende Schlangen. Mit den Beinen verhielt es sich
ähnlich, der eigentliche Rumpf war im Vergleich dazu eher unauffällig. Alles in allem
hatte es den Anschein, als befände sich da ein Tintenklecks auf dem Grund des Aquariums,
keine reiche Persönlichkeit. An Hand- und Fußgelenken hingen die Seetangfesseln, mit
denen er an die Truhe und das Schiffsmodell gebunden war. Die schwere Hornbrille lag
einige Meter abseits, wies jedoch keinen Sprung auf. Auch sonst deutete nichts auf einen
Kampf hin; keine Kratzspuren im Gesicht, keine zerrissene Kleidung, gar nichts.
Nur eins fiel Nick auf und als er es sah, strich er sich erneut
mit der Hand durch das Haar , ein eiförmiges Ding steckte im Mund des Lords, weiß
mit blaßrosa Punkten, so klein, daß es kaum zu bemerken war.* * *
»Schrott«, keifte Ad, die Schnatterpflanze. »Ich schwöre Ihnen, Nick, eines Tages
mache ich einen Kaugummiautomaten aus dem Butler!«
»Wo befanden Sie sich in der Tatnacht?« fragte Nick.
»Ach was, einen Dosenöffner! Wenn ich ihn nur in die Blätter
bekomme.«
»Also, andere Frage: Wie oft hat sich der Lord ...«
»Oder Reißzwecken.«
»... mit den Axiomen beschäftigt?«
»Reißzwecken sind gut.«
»Und ist Ihnen irgend etwas im Schloß ...«
»Reißzwecken. Finden Sie das nicht auch genial, Nick?«
»... aufgefallen«
»Oder nein, vielleicht doch nicht. Reißzwecken sind zu hinterhältig;
sie könnten mich stechen. Ich verarbeite ihn zu Büroklammern, die ich an ein
Recyclingunternehmen verkaufe. Möchten Sie Kaffee?«
Die Pflanze hatte sich in Ekstase geredet.
Nick setzte sich erschöpft. »So geht das nicht. Sie müssen schon auf
meine Fragen antworten. Sonst muß ich annehmen, daß ...« Er faltete die Hände über
dem Schoß zusammen. »Nun ja, Sie wissen schon, Sie machen sich höchst verdächtig. Ich
muß Sie festnehmen, Ad.«
Der Blumentopf hob einige Zentimeter vom Boden ab, die Astrophobia
dementis ließ die soeben aufgenommene Gießkanne fallen, und einige kalte Tropfen Kaffee
landeten in Nicks Gesicht. Der Topf kam kreisend und wankend wieder auf dem Boden zu
stehen.
Vor wenigen Minuten noch hatte Nick versucht, die Pflanze und den
Roboter gleichzeitig zu vernehmen, aber als er inmitten eines Unwetters aus
herumfliegenden Blättern, Schrauben und Ersatzteilen stand, hatte er dieses Unterfangen
aufgegeben. Jetzt setzte er auf Einzelverhöre.
»Beim grünen ...«, sagte die Schnatterpflanze entsetzt. »Mich
verhaften ...?«
»Also, noch einmal: Was haben Sie in der Tatnacht gemacht, Ad?«
Die Pflanze nickte mit dem obersten Blatt, das ein wenig Ähnlichkeit
mit einem Kopf hatte.
Und Nick verzweifelte. »Wie oft hat sich der Lord mit anderen Sammlern
getroffen?«
Ad nickte ein zweites Mal.
»Was ...« fragte Nick.
Ein Nicken seitens der Astrophobia dementis.
Und ein Seufzen seitens Nick. Er sank auf der Couch zusammen. Solche
Situationen machten ihn nervös auch wenn er das nie zugeben würde. Die Pflanze
nickte unentwegt weiter. Sie hatte vermutlich weniger Angst davor, verhaftet zu werden,
als vielmehr davor, eine Niederlage gegen den Roboter einstecken zu müssen. Nick
überdachte
Nicken.
seine Situation. Er entwarf im Geiste blitzschnell einen
Zwei-Punkte-Plan. Erstens: Cool bleiben. Zweitens: Die Strategie seines
Nicken.
Verhörs leicht modifizieren.
»Womit hat sich der mechanische Butler in letzter Zeit so
beschäftigt?«
Ni ... »Gedichte hat er geschrieben«, sagte Ad abrupt. »Dieser
primitive Sohn einer elektrischen Ankelzahnbürste. Gedichte für seine Küchenmaschine.«
»Was für Gedichte?«
»Nicht der Rede wert. Was sich eine Platine mit Kurzschluß halt so
ausdenkt. Sachen wie:
Du mixt so schön,
so klar und rein,
dein Erdbeershake möchte ich sein.
Oder:
Die Dioden blinken, traurig bald,
denn auf dem Schrott, da ist es kalt.
Du liegst nun in der großen Presse;
Ich sitze hier in finstrer Nässe.
Verstehen Sie, was das alles bedeutet?«
»Äh ...«, setzte Nick an. Er suchte nach einer schlagfertigen
Antwort, die leicht zynisch klingen sollte. Manchmal hatte er solche Phasen, dann fielen
ihm derlei bösartige Entgegnungen zu Dutzenden ein. Jetzt nicht.
»Nein«, antwortete er.
»Wenn der Lord weg ist, wer soll mir dann meinen Kaffee kochen?«
* * *
Nick lief mit dem Axiomator in der Hand zwischen den Becken hin und her. Gelegentlich
zielte er mit dem Gerät auf einen der Fische. »Eins und eins ergibt zwei«,
leuchtete auf der Anzeige in knallroten Buchstaben. Das war allgemein verständlich, ein
Grundsatz, auf dem die gesamte Mathematik aufbaute. Es gab natürlich auch kompliziertere
Sätze, die in die Schuppen der Fische eingraviert waren, etwa »Der Vektor a im
dreidimensionalen Raum, einschließlich seiner Orthogonale g, ausschließlich ...«
Und so weiter. Nick wendete sich meistens desinteressiert ab, wenn er solche Sachen las.
Sie brachten ihn in diesem Fall einfach nicht weiter.
»Mißgeschicke ereignen sich immer dann, wenn man sie am wenigsten
gebrauchen kann«, erschien auf dem kleinen Bildschirm. Hier fand Nick die
Bestätigung für eine Theorie, die er schon vor Jahren aufgestellt hatte. Es war
beruhigend zu sehen, daß nicht nur er von diesem Gesetz betroffen war, sondern daß es
tatsächlich eine universale Bedeutung hatte und sich nicht einmal Bakterien davon
befreien konnten.
Einige Sachen brachten ihn zum Schmunzeln, so spuckte der Axiomator bei
einem Fisch den folgenden Satz aus: »Ich schwimme, also bin ich.«
Anderes wiederum war völlig unverständlich. Nick wußte wirklich
nicht, worunter er das Axiom »Kritze, kratze Flitzelstern« einordnen sollte.
Vermutlich ein geschicktes Ablenkungsmanöver der Natur, dachte er, denn Wissenschaftler,
die sich in ein stilles Kämmerlein einschlossen, um über derartig konfuse Dinge
nachzudenken, hatten keine Zeit mehr, die wirklichen Geheimnisse zu knacken.
Es fand sich jedoch nichts Brauchbares; hier lag eine wahre Fundgrube
für naturwissenschaftliche Experten und passionierte Hobbyforscher; selbstverständlich,
gar keine Frage das, was hier durch das Zuckerwasser schwamm, hatte einen enormen
Wert. Aber einen Hinweis auf den Mörder gab es nicht. Wie hätte Nick auch etwas anderes
erwarten können?
Dann zuckte er zusammen.
Etwas räusperte sich knirschend.
»Verzeihung, Sir.« Hinter ihm stand der Roboter. »Ich möchte mit
Ihnen sprechen.«
Nick drehte sich um.
»Was gibt es?«
»Sie glauben, daß ich es war, habe ich recht?«
»Ich ziehe keine voreiligen Schlüsse.«
»Nein, sagen Sie nichts.« Der Roboter drehte sich auf seinem
Fahrgestell hin und her, wand sich mal hierhin, mal dorthin, und in seinem Kopf glimmerten
alle möglichen Lämpchen. Er wirkte verlegen. »Sagen Sie nichts, Sir. Ich kann mir
denken, welchen Eindruck ich auf einen Außenstehenden machen muß. Das Unkraut hat Ihnen
bestimmt von Kreiselgar erzählt.« Er blickte nach unten. »Das ist ... war die
Küchenmaschine«, fügte er hinzu. »Sir, ich muß in Ihren Augen wie der Täter
aussehen.«
»In meinen Augen sehen die meisten Leute wie Täter aus.«
»Nein, sagen Sie nichts, seien Sie ruhig. Auf der einen Seite steht das
Unkraut. Es kann sich nur begrenzt bewegen, keine größeren Strecken zurücklegen. Viele
Lebensformen würden es gerne in einem süß-sauren Kräuterdressing auf dem Teller sehen,
aber doch nicht in Ketten im Gefängnis. Auf der anderen Seite stehe ich, ein
hochintelligentes Wesen, ein Wunderwerk der Technik, Sir, eine harmonische Anordnung von
Zahnrädern ... Und ich hätte ein Motiv gehabt. Neinneinneinnein, sagen Sie noch nichts,
bitte. Versetzen Sie sich in die Lage einer Astrophobia dementis. Stellen Sie sich vor,
Sie hätten Angst, in einem Raumschiff zu hocken und nach draußen zu schauen. Die Weite
des Universums. Brrhh-hh.« Der Roboter untermalte seine Worte, indem er sich schüttelte
und die Metallteile gegeneinander klappern ließ. »Sie bekommen Panik, auch wenn sie das
nie zugeben würden. Können Sie mir folgen, Nick?«
»Nein.«
»Hören Sie auf, sagen Sie nichts! Pflanzen haben einen unstillbaren
Haß auf alles, was mehr als ein Bein hat. Und Lord Schanscherwell hatte zwei besonders
schöne, lange Exemplare. Schnatterpflanzen können das Unterbewußtsein beeinflussen. Ad
hat den Lord umgebracht, in den Tod geschnattert. Glauben Sie mir. Was mich angeht, sehen
sie mich an ...«
Eine lange Pause entstand.
»Es ist mir peinlich, das zu sagen ...«
»Dann lassen Sie es bleiben.« Nick ahnte intuitiv, was jetzt kommen
würde.
»Wie soll ich es ausdrücken ... nun ja ...« Stille legte sich über
die Halle der tausend Aquarien. Luftblasen entkrochen einem kleinen Gerät am Grund eines
Beckens. Lichtblitze in der Form von Fischen zuckten durch das Wasser, versteckten sich
hinter einer Miniatur-Achterbahn, schnappten nach schwebenden Pflanzenteilchen.
Ich äh ...«, setzte der Roboter wieder an, »... ich
wie soll ich sagen? ich oxidiere.«
Nick rang nach Luft. »Dabei soll Sauerstoff so gesund sein«,
entgegnete er.
»Ja, Sauerstoff«, wiederholte der Roboter traurig. »Man ist
schließlich nicht mehr der Jüngste. Ich halte mich jedenfalls sehr weit von Wasser
entfernt, schon deshalb hätte ich den Lord nie auf diese Weise umbringen können. Von
meiner Loyalität ganz zu schweigen.«
Sie gingen gemeinsam zum Bassin, in dem Lord Schanscherwell lag. Das
eiförmige Etwas in seinem Mund war deutlich größer geworden. Es glänzte wie ein
Regenbogen und ...
Nick hielt die Hände fest an die Scheiben gedrückt und lehnte den Kopf
dagegen. Er konzentrierte sich, und da sah er, daß er sich nicht getäuscht hatte. Ihm
kam der folgende Gedanke: Nick, du könntest jetzt einen kleinen Spaziergang gebrauchen.
* * *
In der Höhle hinter dem Wasserfall begegnete ihm Ringletoon.
»Nick, der Fall ist klar«, sagte der Kommissar. »Warum erkennen Sie
das nicht?«
»Mir fehlt wohl einfach der Durchblick, Ringletoon. Aber vielleicht
können Sie mir ja weiterhelfen«, sagte Nick.
»Bin immer behilflich. Und das gerne. Meine Idee: Gemeinsame Sache. Die
Schnatterpflanze und der Roboter stecken unter derselben Decke. Gewissermaßen. Genial?«
»Ich muß zugeben, das ist außerordentlich brillant. Ringletoon, darf
ich Ihnen etwas zuflüstern? Ich bin stolz auf Sie. Die Eingebung hätte von mir sein
können.«
»Ist sie aber nicht!« Ringletoon wurde rot. »Langjährige
Berufspraxis. Da hat man es raus. Den Dreh.«
»Klasse!«
»Danke. Aber man nennt mich nicht umsonst den Ringletoon.«
»Ich bin begeistert.«
»Ich auch. Hähähhh-hähä.« Der Kommissar lachte hustend.
»So, und jetzt machen Sie sich wieder an die Arbeit«, sagte Nick mit
hartem Gesichtsausdruck und riß den Kommissar unsanft aus seiner Selbstbeweihräucherung.
»Der Rand des Beckens sollte noch einmal nach Beweisen abgesucht werden.«
»Schon hundertmal gemacht worden.« Ringletoons Stimme klang nun
kleinlaut. »Nie hat man was gefunden. Gar nichts.«
»Dann machen Sie es halt nochmal.«
»Werde wieder nichts finden.« Der Blick des Kommissars war auf die
Wasserwand gerichtet.
»Machen Sie es einfach solange, bis sich etwas gefunden hat. Falls ich
dann zufrieden sein sollte, dürfen Sie Ad und den Butler festnehmen. Versprochen.«
Es ging Nick in erster Linie darum, den
Kommissar loszuwerden.
Er selbst nahm den Axiomator aus der Tasche und ging zurück zu den
Aquarien. Er lief an den hohen Glaswänden vorbei und blieb dicht vor dem Tatort stehen.
In den wenigen Minuten, in denen er weg gewesen war, hatte sich das Ei weiter
vergrößert. Es war jetzt besonders deutlich zu sehen das, was ihn zum Spaziergang
veranlaßt hatte: Das Ding im Mund des Lords wackelte. Auf der Oberfläche bildeten sich
kleine Risse.
In Nick regte sich eine Ahnung. Er richtete den Axiomator auf einen der
Fische. »Es ist alles anders, als man denkt«, stand da. Es war wie ein Hinweis.
Die Ahnung verdichtete sich zu einer Idee.
Es ist alles anders, als man denkt.
Auch das kannte Nick bereits aus eigener Erfahrung, es war etwas, das er
mit der Zeit gelernt hatte.
Jeder, der sich mit diesem Fall beschäftigte, glaubte, entweder der
Roboter oder die Pflanze hätte den Lord ermordet. Ringletoon glaubte beides. Nick sah auf
den Bildschirm des Axiomators und glaubte gar keiner Version. Es ist alles anders, als man
denkt, das war schließlich ein Axiom. Also mußte es auch hier seine Gültigkeit
behalten.
Das Ei hüpfte auf und ab. Kleine Splitter lösten sich aus der Schale
und sanken auf den Grund. Bunte Lichtstrahlen schossen aus den entstandenen Löchern. Sie
blendeten Nick, so daß er schützend die Hand vor die Augen halten mußte. Einige Fische
kamen herbeigeschwommen und näherten sich neugierig dem Schauspiel. Zwei der Axiome
halfen dem Wesen im Ei, sich von der Hülle zu befreien, indem sie kleinere Teile der
Schale mit den Mündern lösten.
Es war ein wunderschöner Anblick.
Und nirgendwo ist grüner Glibberkäse zu sehen, dachte Nick. Er rief
sich ins Bewußtsein, daß er die vermutlich erste Person des Universums war, die diesem
einmaligen Phänomen beiwohnen konnte. Ich bin Zeuge eines phantastischen Naturspektakels,
ging ihm durch den Kopf, ein neues Axiom wird geboren. Und etwas anderes fiel ihm ein: Er
hatte vor wenigen Stunden gesehen, wie ein Fisch mit einem Stück Seetang im Maul durch
das Bassin geschwommen war. Mit dem gleichen Material hatte man Lord Schanscherwell kurze
Zeit vorher an Boot und Truhe festgebunden. Es stand so deutlich vor Nicks Augen, als
wäre es direkt auf dem Display erschienen: Die Fische hatten ein Nest gebaut und darin
ein Ei gelegt.
»Brillant«, flüsterte Nick. »Mir ist da ein wirklich guter Gedanke
gekommen. Tolle Idee.«
Der letzte Rest des Eis explodierte in einem Meer aus Farben, Hunderte
von Regenbögen strahlten durch das Becken, neue kamen hinzu, bevor die alten verblaßten,
Luft, die aussah wie Seifenblasen, stieg nach oben.
Nick fühlte sich auf einmal schwach. Er wollte sich ergeben, auch wenn
er nicht wußte, wem und warum. Das Licht zog ihn magisch an.
Er machte einen Schritt vorwärts.
Blong, hallte es, als er gegen die Scheibe lief.
Dort, wo gerade noch ein Ei gewesen war, befand sich nun ein neuer
golden glänzender Fisch. Das Tier sah genauso aus wie alle anderen Axiome, hatte bereits
die gleiche Größe. Es drehte sich um, die Augen quollen hervor, visierten Nick an.
Klack, schallte es, als der Axiomator zu Boden fiel.
Den hatte Nick ganz vergessen, so faszinierte ihn das Schauspiel. Er hob
ihn auf, zielte auf das neu geborene Axiom. Gleichzeitig wurde ihm schwindelig, da gab es
nur noch jene Augen, die ihn anstarrten und umbringen wollten. Nick freute sich. Ja, er
würde sich diesem Blick fügen.
Auf der Anzeige vor ihm erschienen Punkte, die sich langsam zu Worten
zusammenschlossen.
E...is...
Außerhalb seines Sichtfeldes passierte noch etwas anderes: Etwas sank
auf den Grund des Beckens. Ein bräunlicher Zylinder ...
Ei... Geh...s...ist...e...
Nick sank auf die Knie. Es machte ein zweites Mal Blong, als
sein Kopf gegen die Scheibe schlug, sein Gesicht bestand nur noch aus einem grinsenden
Mund. Er sah wie ein Wahnsinniger aus. Manche Leute hätten ihn vielleicht für grünen
Glibberkäse gehalten jedenfalls Leute, die ein wenig farbenblind waren und nicht
in einem großen Molkereiunternehmen arbeiteten.
Nick konzentrierte sich darauf, nicht zu atmen, wollte die erste Person
sein, die es schaffte, an der frischen Luft zu ertrinken.
Hmpffhh, gleich habe ich es geschafft, dachte er in Vorfreude, und:
Das sind aber wirklich schöne Lichter, so wunderbare Kontraste. Danke Fisch! Danke!
Unterdessen hatte der Zylinder fast das neugeborene Axiom erreicht. Die
anderen Fische bemerkten das Objekt, drehten sich langsam herum, hielten kurz inne
und schossen vor.
Zu spät.
Sie konnten nicht mehr helfen.
Ein Geheimnis ist ... e...
Mehr als ein unvollständiger Satz auf der Anzeige des Axiomators sollte
von dem Axiom nicht übrigbleiben. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte es, Funken
sprangen auf wie von einer durchbrennenden Glühbirne. Schwarzer Qualm verlor sich im
Wasser. Gut ein halbes Dutzend Fische trafen sich just dort, wo Millisekunden vorher noch
der frisch geschlüpfte Artgenosse gewesen war, wirbelten Asche auf, knallten mit den
Köpfen zusammen und wurden davongewirbelt wie Billardkugeln nach einem gut durchdachten
Queuestoß.
Nick ließ sich auf den Rücken fallen. Er hechelte nach Luft. Ein
blecherner Schädel beugte sich über ihn. »Sauerstoff, Sir?«, fragte der Butler
zögernd. »Brauchen Sie Sauerstoff, Sir?«
»Schon gut«, keuchte Nick und richtete sich wieder auf.
Der Zylinder, der ihm das Leben gerettet hatte, verschwand hinter einer
Ansammlung von Steinen.
Es war eine Zigarre.
* * *
»... gar nichts. War das. Intuition«, sagte Ringletoon und wurde rot. »Ein richtiger
Kommissar weiß, wann er aufgeraucht hat.«
»Das war wirklich sehr knapp«, sagte Nick.
»Ach. Was.«
»Der Fisch hätte mich fast umgebracht. Kein Wunder, daß noch niemand
zuvor die Geburt eines Axioms beobachtet hat. Aber Ringletoon am Rande des Beckens
muß es doch enorm geleuchtet haben. Ist Ihnen das wirklich nicht aufgefallen?«
»Doch. Äh. Schon«, antwortete Ringletoon. »Wurde etwas heller. Aber
ich habe es für meine Aura gehalten.«
»Die Fische bauen ihre Verstecke aus Seetang«, sagte der Roboter.
»Eigentlich hätte uns viel früher auffallen müssen, daß die Stricke, mit denen der
Lord gefesselt ist, aus dem gleichen Material bestehen. Ich meine, es hätte uns ein
Hinweis sein müssen.«
»Sind halt keine Fachmänner«, sagte Ringletoon, nuckelte an seiner
Zigarre und warf den Kopf in den Nacken. Er zwinkerte die Decke an.
»Nun ja. Der Fall dürfte geklärt sein«, sagte Nick. »Die Axiome
müssen den Lord erwischt haben, als er sich über das Aquarium gebeugt hat. Er hatte das
Pech, keine Scheibe zwischen sich und dem Wasser zu haben.«
»So was. Die eigenen Fische.« Ad schüttelte die Blätter. »Und was
hatten sie für ein Motiv? Sie brauchten Material für ihr Nest!«
»Wie unromantisch«, stimmte der Roboter zu.
»Das Motiv des Butlers wäre da schon ehrenwerter gewesen«,
schnatterte die Schnatterpflanze.
»Kreiselgar ...«, jaulte der Roboter.
»Die Küchenmaschine, jaja, sie hatte auch keine Beine«, stimmte die
Pflanze melancholisch ein.
»Oh, du verflossene ...«, sagte der Roboter.
»Nur primitive Elektromotoren.«
»Kreiselgar ...«
»Aber keine Beine.«
»Ich bin hier wohl fertig«, sagte Nick. »Wahrscheinlich geht von den
Fischen keine Gefahr mehr aus. Ich bin zwar kein Wissenschaftler, aber ich kann mir
vorstellen, daß nur sehr selten Axiome geboren werden. Ein Opfer muß für das Nest
herhalten, dann sollen noch mögliche Zeugen ausgeschaltet werden, solche Sachen kosten
Energie. Besonders für kleinere Tiere. Dennoch, nur zur Sicherheit, wenn Sie sich in
nächster Zeit dem Becken nähern, sollten Sie Sonnenbrillen tragen. Ich wünsche noch
einen angenehmen Tag.«
Er verließ das Schloß und ging zu seinem Raumschiff, das Doris hieß.
Sie stand am Rand der Klippen, Dutzende von Möwen umkreisten das Vehikel, suchten in den
verwinkelten Rohrsystemen nach Nahrung. Die Meereswogen brachen sich an spitzen Felsen.
Nick Brandberg fühlte sich auf einmal sehr gut.
Es ist alles anders, als man denkt.
Das gefiel ihm.
Mal schauen, was mir dieses Gesetz noch so einbringt, dachte er. Als das
Raumschiff vom Boden abhob, sang er ein Lied, das ihn an seine Kindheit erinnerte. Er war
glücklich darüber, daß er den Fall gelöst hatte, darüber, daß unter ihm ein
strahlend blaues Meer lag, aber ganz besonders darüber, daß ihn keiner hören konnte.
Berthold A. Krevert © 2000 Erstveröffentlichung in
ALIEN CONTACT 42
Grafik: Volkmar Götze © 2001 |
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