"Oh,
Allah, Lenker der Welten! Blende die Augen dieser Nichtswürdigen! Gewähre mir, Omar al
Aschtar, einen rettenden Weg!" Ich drückte mich tief in den Felsriss. Der Schatten
und mein dunkler Burnus verschmolzen. Einen Steinwurf unter mir trommelten die Hufe von
wenigstens hundert Pferden auf den Boden der Schlucht. Waffeneisen klirrte, Rufe
erschollen, und Blicke bestürmten den Hang.
Eingedenk des lockenden Kopfgelds schärften die Verfolger ihre Augen
aufs äußerste. Doch die Umstände boten ihnen Trotz. Wie sehr sich jeder dort unten
anstrengte, ihre Position hinderte sie, gut zu sehen. Die sinkende Sonne stach ihnen
entgegen und machte die zerklüfteten Felsen für sie zu einer Wand aus etlichen Sorten
Schwarz. Beim Heranreiten hatte auch ich so empfunden, doch mir waren sie vertraut.
Indes kam mir die Situation nur wenig zupass. Längst legte sich der
Schatten des Bergkamms über den Talgrund, und die Schakale des Schurken Abul Abbas, der
sich zum Kalifen ausgerufen hatte, waren kaum von den Bodenwellen zu unterscheiden.
Womöglich sah ich sie zu spät.
"Sie werden gegeneinander zeternd umkehren!", sagte ich wieder
und wieder. "So viel bin ich denen niemals ... Nein, das ist Wunschdenken."
Ich war nicht der Tölpel, zu dem mich der Ausrufer aus durchsichtigen
Gründen gemacht hatte.
Was Abul Abbas wusste seinem Kumpan und so genannten Wesir Amin
ibn Barmak musste doppelt klar sein: "Omar al Aschtar ist kein Feind, der sich mit
Bagatellen abgibt. Selbst nach dem Sturz des Omaijaden-Kalifen ist mit dessen ehemaligem
Minister zu rechnen." In der Zeit vor dem Ausbruch der Rebellion hatte das Schicksal
eines Dutzends Spione die beiden Aufrührer gewarnt. Samt und sonders endeten die Horcher
und Mordbuben auf dem Blutleder und wäre mein Herr, Kalif Merwan, der letzte wahre
Herrscher der Gläubigen, einigen Großen des Reichs gegenüber weniger vertrauensselig
und überhaupt fähiger gewesen, dann könnte auch Abul Abbas samt seinen Spießgesellen
dort den Kopf verloren haben. Besser wäre es!
Doch was taugten schon Worte wie 'wäre' und 'könnte'! Ibn Barmak hatte
einen Verräter gekauft, der ihm nachts die Tore von Damaskus öffnete. Dann wütete das
Schwert. Wer nur einen Tropfen omaijadischen Bluts in sich trug, wurde erschlagen oder
erdrosselt. Auch Aïscha, meine Erste Gemahlin, fand den Tod. Nunmehr band mich neben dem
Treueid noch die Blutrache. Angesichts dessen hätte nur der dümmste aller Narren darauf
verzichtet, den entsprungenen Wesir zu verfolgen: mich. Für dumm hielt ich die Rebellen
nie. Sie hassten mich, weil sie mich fürchteten. Wie schlimm, so bestätigt zu werden!
In der Tat folgten ganze Rudel von Schakalen meiner Spur. Der eigene
Verwalter der Allgütige entziehe ihm das Erbarmen! verriet mich um einen
gewiss hohen Betrag, und eine Hundertschaft umstellte mein Landgut. Aber ich entkam den
Häschern, ritt auf meinem schnellsten Hengst in die Berge und verbarg mich.
Die Spursucher fanden den Punkt, wo ich absprang. Das zeigte ihnen
leider das richtige der hundert Bergtäler. Vermutlich wussten sie ohnehin, wie gut ich,
der hier aufgewachsen war, jeden Felsen kannte; vielleicht auch, dass ich sie beobachtete.
"Wollte doch die Sonne rascher sinken!", wünschte ich
halblaut. "Dann müsstet ihr umkehren.
Ich aber verschwände wie Rauch ...
Was im Schoß der Zukunft liegt, wird sich zeigen! Nur eins schwöre ich
schon jetzt. Du, Amin, Sohn eines räudigen Schakals und einer zahnlosen Hündin, wirst
fortan keine ruhige Nacht haben. Zu hören, dass Omar lebt, heißt, den Tod vor der
Zimmertür zu wissen."
Die ersten Lagerfeuer leuchteten auf. Männer sattelten die Pferde ab
und führten sie zu einer matten Quelle, um sie zu tränken. Ein großes Zelt wurde
aufgeschlagen, der Wimpel des Trupps daneben aufgepflanzt. Die Anführer sammelten sich
dort. Ich hörte förmlich, was sie beredeten: 'Irgendwo im Tal steckt dieser Omar. An
beiden Ausgängen der Schlucht stehen Posten, über die Hänge kann nur eine Fledermaus.
Praktisch sitzt er schon in der Falle. Er weiß, dass wir ihn morgen fangen, und wird im
Dunkeln an uns vorbeischleichen wollen. Also darf keiner schlafen.' "Bleibt wach wie
Eulen!", murmelte ich, "Ihr werdet euch trotzdem irren!"
Jetzt sank die Sonne rasch, und die Schatten flossen über das Land wie
eine galoppierende Reiterarmee. Von den Bergen her machte sich ein Wind auf, winselte um
die Kanten und jaulte in den Rissen. Er würde ein Freund sein, einer. Der zweite Beistand
brauchte noch etwas Zeit.
Erst nach Sonnenuntergang knisterten manche Steine, zuweilen knackte es
vernehmlich und hier und da fiel auch Geröll aus einer Wand. Jeder, der die Berge
kannte, wusste das. Diese natürlichen Geräusche mussten meine Flucht übertönen.
Ich verfolgte die Aktionen meiner Feinde doppelt aufmerksam.
Beschränkte sich der Anführer der Häscher darauf, beide Enden der Talschlucht zu
besetzen, oder schob er Späher in die Hänge vor? Tun konnten sie mir nichts. Bei
Fackelschein den Hang zu ersteigen, wäre purer Irrsinn gewesen. Leicht hätte ich einen
nach dem anderen aus dem Dunkeln mit Pfeilen erschossen. Die Kerle ahnten nicht, dass ich
in der Hast meines Aufbruchs nur Säbel und Dolch hatte zu mir stecken können.
Doch ich durfte mit keiner Waffe zuschlagen. Ein Toter bewies, dass Omar nachts ganz
gewiss da und dort gewesen war. Womöglich kam doch jemand auf den richtigen Einfall.
Nein, sie mussten im Zweifel bleiben.
Zum Glück war Amin ibn Barmak nicht hier. Dem Schurken unter den
Schurken hatte der Scheitan Verstand geborgt, seinem Pack hoffentlich nur Dummheit
geschenkt.
Minuten vergingen, in denen sich die Dunkelheit über das Land ergoss.
Längst besäten die Sterne den Himmel, und die Grate waren kaum noch schwarz gegen das
Schwarz auszumachen.
Die Luft kühlte sich ab. Ich begann zu horchen.
Fing das Gestein an zu wispern?
Es raschelte und knisterte und knackte. Jetzt war die rechte Zeit!
Ich glitt aus meinem Versteck und tastete mich am Hang entlang. Das, was
man zur Not Pfad nennen konnte, war vor so langer Zeit aus dem Berg gehauen worden, dass
nur der es fand, der eigens danach suchte. So schlecht der Weg aussah, so gut war er
angelegt. Kein anderer würde dieser Felskante folgen wollen, für Unwissende führte sie
nirgendwohin. Mir diente sie zur Flucht.
Der Felsen wärmte mir die Brust. Nichts übereilen! Ich durfte weder
ausgleiten noch Spuren hinterlassen! Das eine vernichtete mich gleich, das andere morgen
oder übermorgen.
Einen knappen Steinwurf weiter bildete der Hang eine Nische. Der Pfad
führte weiter und endete am Fuß einer stark zerklüfteten Klippe. Schon seinerzeit hielt
ich diese Finte für den wirksamsten Trick der Erbauer. Die Methode hatte ich in meine
Politik übernommen.
In der Nische lagen wie zufällig mehrere große Blöcke, die nicht
weiter hinabgerollt waren. Die Dunkelheit verbarg, dass sie von derselben Art waren wie
der Berg selbst; auch wies keiner Spuren eines Meißels auf. Ich wusste die Wahrheit: Man
hatte sie hier hingelegt.
Ich benutzte sie wie eine Treppe und erreichte einen Stein, der
nasenförmig aus der Wand hervorragte. "Allgütiger, gib, dass nichts damit geschehen
ist!" Ich stemmte mich dagegen und er wich leise knirschend. Im
Schattenschwarz des Hangs zeichnete sich das noch tiefere Schwarz einer Höhle ab. Hinein!
Ich tastete. Aha, der Deckstein! Was von außen wie gewachsener Fels
aussah, war von innen behauen. Die Erbauer hatten die Kanten zurechtgeschliffen wie den
Stopfen einer Karaffe. Man konnte ihn leicht bewegen und den Zugang somit verschließen.
Vom Gang her ließ sich sogar ein zweiter, bereitliegender Block so platzieren, dass er
den äußeren verkeilte. Ebendas tat ich, so dass jeder, der eindringen wollte, einen
Mauerbrecher brauchte.
"Sucht nur, ihr Schakale und Aasgeier! Ihr werdet mich weder morgen
noch sonst wann finden, auch wenn ihr Ibn Barmak selbst hierher holt."
Immerhin wog ich alles ab: Worauf war zu rechnen?
Die Häscher durften ausschließen, dass ich den Hang erstiegen hatte.
Das war sogar bei Tage unmöglich, denn hoch oben hing die Wand über. Nachts verzagte
daran selbst ein Magier.
Konnte der Anführer erraten, dass mitten im Fels eine Höhle begann?
Suchte er ausgerechnet auf halber Strecke des Pfades nach deren Eingang zumal ein
gutes Stück oberhalb? Kam er auf die abwegige Idee, speziell dem nasenförmigen Stein mit
roher Gewalt zuzusetzen? Drei Unmöglichkeiten, empfand ich.
Viel eher dürften seine Leute ihm einreden, ich sei im Schutz der Nacht
durch den einen oder den anderen Ausgang der Schlucht entschlüpft. Das würde den Posten
eine scharfe Bastonade eintragen, aber es war etwas Reales. Das konnte er Amin ibn Barmak
vortragen, der nicht an Magie glaubte, sondern handfeste Erklärungen forderte.
All das besagte: Ich war fürs Erste sicher! "Ruhm sei Allah, der
meinem Anliegen Wohlwollen bezeigt hat!"
Es hieß auch, ich durfte zurückdenken.
Ein Vierteljahrhundert war das nun her. Der Gutsherrnsohn Omar streifte
allein oder mit dem etwas älteren Reitknecht Rustem durch die Berge und suchte Abenteuer.
Ein Loch in der Felswand versprach sie, ich kletterte hinauf und betrat
den Stollen. Damals stand er offen; wer ihn zuletzt benutzt hatte, hielt es für unnötig,
ihn zu verschließen. Später begriff ich, wozu die seltsam geformten Steine am Eingang
dienten. Wir erkundeten das Innere und das, was sich dahinter verbarg. Meine Ausritte ins
Bergland endeten erst, als mich der Vater an den Kalifenhof sandte.
Wie junge Leute sind: Wir versprachen einander, daheim nie davon zu
reden. Anfangs hielt ich den albernen Schwur meines Worts wegen, später da weilte
ich längst in Damaskus eröffnete sich mir plötzlich, welch ein idealer
Zufluchtsort in Notzeiten die Höhle sein würde.
Nun galt es erst recht zu schweigen. Rustem er betreute mich auch
am Hofe versicherte mir, zu niemandem gesprochen zu haben. Als er dann bei einem
Feldzug gegen die Byzantiner an meiner Seite den Tod fand, kannte nur ich das Geheimnis.
Nie hatte ich den Gang bisher nachts betreten. Bei Sonnenuntergang
musste der Sohn daheim sein, und wehe, er gehorchte nicht! Wie fand ich also jetzt
Feuerstein, Zunder und die Öllampe, die wir damals zurückgelassen hatten? Finsternis
herrschte. Obendrein musste ich zuvor den Eingang schließen und das bisschen
Sternenschein aussperren, damit kein Häscher Funken und Licht sah und sich die Stelle
merkte. Das hätte den Suchkreis bedrohlich eingeengt.
Ich tastete. Nichts. War womöglich in den vielen Jahren jemand ins
Versteck gelangt und hatte die Dinge weggenommen oder anderswohin gelegt? Allah verhüte
es! Angst stieg in mir auf, nervös griff ich hierhin und dorthin. Plötzlich berührte
ich Metall. Gefunden!
Einen Moment später sprühten Funken, der Zunder glomm auf, und alsbald
züngelte ein Flämmchen. Es zeigte mir, dass selbst nach so langer Zeit noch ein Rest Öl
in unserer Lampe geblieben war. Ich befeuchtete den Docht und zündete an.
Mit dem Licht in der Hand fühlte ich mich bedeutend wohler so
wie damals, als Omar noch der neugierige Sohn des Gutsherrn war.
Tropfsteine, Sturzhalden, glatt geschliffene Kiesel und ausgestrudelte
Löcher zeigten, wer die Höhle geschaffen hatte. In einem Zweig floss immer noch ein
Rinnsal, es mochte einst kräftiger gewesen sein, oder sein Gros hatte eine Abkürzung
gegraben. Jedenfalls hatten Menschen das Vorhandene bearbeitet. Hausten sie in der Höhle?
Mit dem gleichen Aufwand konnten sie einen Palast bauen! Diente sie als Versteck wie jetzt
mir? Auch dazu war sie viel zu umfangreich ausgehauen worden. Grub man hier nach edlem
Erz? Davon verstand ich nichts, das wäre möglich. Gewölbe und Gänge waren leer und
schwiegen. Zwar hatte ich eingemeißelte Schrift gefunden, seltsame Keil-Zeichen. Wer sie
las, dem erklärten sie wohl alles, mir verrieten sie nichts. Immerhin zeigte der
aufwendige Verschluss, dass die Höhle wenigstens zuletzt als Zuflucht gebraucht wurde.
Dafür schuldete ich Dank.
Reichlich hundert Schritte lagen vor mir. Unterwegs verhielt sich der
Tunnel wie einer, der viel zu viel Wein getrunken hatte, auch stieg und fiel er zuweilen
merklich, führte aber im Großen und Ganzen geradeaus. Das ermüdete, doch ich konnte
nicht fehlgehen.
Dann erreichte ich die Große Grotte. Sie war größer als der Festsaal
im Kalifenpalast, und das Licht meiner Öllampe reichte damals so wenig wie heute aus, die
Kuppel zu erspähen.
Links von mir begannen zwei von Menschen gehauene Gänge. Obwohl Rustem
und ich sie weit verfolgt hatten, erfuhren wir nie, wozu sie dienten, denn uns stockte der
Atem, und das Licht der Lampen wollte erlöschen. Wir kehrten beizeiten um.
In die gegenüberliegende Wand aber war eine Treppe gemeißelt worden.
In beträchtlicher Höhe öffnete sich ein neuer Gang, quasi der große Bruder dessen, den
ich durchschritten hatte. Ich passierte auch ihn und stand wiederum mehrere hundert
Schritte später vor einem zweiten Verschlussstein gleicher Art. Er war verkeilt, wie wir
ihn seinerzeit zurückgelassen hatten. Ich löste die Sperre und horchte. Kein Laut! Im
gleichen Atemzug schalt ich mich einen Dummkopf. Wer konnte durch den handdicken Stein
hören? Zwar hätte ich den Inhalt meines Geldbeutels darauf verwettet, dass die Häscher
dort nicht lauerten sie hätten den Bergrücken umreiten müssen!, aber ihnen
förmlich ein Lichtzeichen geben? So dumm war Omar al Aschtar nicht. Ich blies die Lampe
aus und tat sie und das Feuerbesteck in eine Nische, die vielleicht seit Jahrhunderten
dazu diente.
Nach einer Pause ließ ich den Stein aufgleiten.
Der Schein der Sterne begrüßte mich, ein frischer Luftzug wehte mir
entgegen. Ich streckte den Kopf hinaus und spähte.
Nirgends war auch nur der Funke einer Fackel oder eines Feuers zu sehen.
"Selbstverständlich nicht!", sagte ich sogleich. "Wer könnte ahnen, dass
ich durch den Berg gekrochen bin! Allah hat mir den ersten Sieg beschert! Sein Name sei
gepriesen."
Auf dieser Seite des Berges mündete mein Fluchttunnel hoch über dem
Talgrund. Dennoch ging es weiter, wie jenseits auf einem halsbrecherischen Pfad aus
Felskante und Grat. Die Nacht machte alles zu pechschwarzen Schatten. Hätte die Sonne
geschienen, würde ich direkt vor mir auf einem Ausläufer des Bergs eine große Ruine
gesehen haben. Ich hatte sie die Tote Burg genannt und ihre starken Bastionen bestaunt,
die die Felsen aufs geschickteste einbezogen. Ein Grat verband den Mauerring mit dem
Steilhang. Dorthin abzusperren war unnötig, denn niemand könnte von oben herabsteigen.
Wer sich allenfalls abseilen ließ, wäre stets in der Hand derer, die ihn unten
erwarteten. Dass der Grat einen wirklichen Zweck besaß, war gewiss das Geheimnis der
Burgherren geblieben.
Ich verschloss den Gang von außen und balancierte voran. Bald schon
sprang ich auf den Wehrgang. In diesen Mauern hatten Rustem und ich Entdecker und
Schatzsucher gespielt.
Gefunden hatten wir nie mehr als wertloses Gerümpel.
Heute ging es mir um anderes. Die Quelle! Ich fand sie trotz der Stunde
rasch, netzte mir das Gesicht, trank reichlich und füllte aus anerzogener Vorsicht die
Kürbisflasche sofort wieder.
Anschließend aß ich einen der Fladen, die ich noch hatte einstecken
können.
Dann betrat ich die Kammer im nächsten Eckturm, die wir damals
durchstöbert hatten.
Verändert hatte sich wohl nichts. Ich sprach ein Nachtgebet, wie es
jemandem anstand, der großer Gefahr entronnen war, hüllte mich in den Burnus und
streckte mich aus. Morgen war Zeit, das Weitere zu erwägen.
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Helles
Licht riss mir die Lider auf und schloss sie sofort wieder. Die Sekunde aber war
wie ein Fausthieb. Ringsum starrten mich roh gearbeitete Steinmauern an. Nicht in meinem
Bett? Nicht in meinem Schlafgemach? Wo waren die Eunuchen des Inneren Dienstes? Im ersten
Atemholen verstand ich nichts, das ließ mich aufspringen und zum Säbel greifen. Doch
flugs kehrten die bösen Erinnerungen zurück. Amin ibn Barmaks Handstreich der
vergiftete Kalif der Tod meiner Leibwache Aischa inmitten der Zofen
pfeildurchbohrt auf ihrem Lager mein Eilritt ins Landgut der Verrat und die
erneute Flucht der Weg durch den Berg ...
Ich lag in der Toten Burg.
Kaum später erwachte auch mein Plan in mir. Für ihn brauchte ich als
Erstes einen passenden Platz. Eignete sich dieser Ort dafür?
Zwanzig Jahre lang hatte ich nicht hierher kommen können. Außerdem gab
es Räuber im weiteren Umkreis von Damaskus. Die unsicheren Zeiten kamen ihnen zupass.
Wie, wenn solches Gesindel das abgelegene Tal zur Zuflucht gewählt hatte? Was nicht zur
Siedlung taugt, taugt immerhin als Raubnest, das galt von alters her. Letztlich würde
auch ich es in gewisser Weise dazu benutzen. Die Aufgabe war in jedem Fall schwierig.
Meine Anhängerschaft brauchte zu leben. Waffen und Ausrüstung für jeden Neuen waren
nicht so leicht beschafft.
Schon deshalb würden sich unsere Attacken auf Abul Abbas und dessen
Leute in der ersten Zeit wenig vom echten Raub unterscheiden. Von wo aus ging das besser
als vom Tal der Toten Burg?
"So Allah will! Die Menschen schmieden Pläne, aber der Eine ist
der klügste Pläneschmied!"
Sobald meine Gedanken wieder dem Irdischen galten, verließ ich die
Kammer, schlich auf den Wehrgang hinaus und kauerte mich zwischen die bröckeligen Zinnen.
"Spähe, dann suche!", hatte mich Rustem gelehrt. Auf gut Glück durch die Burg
rennen und in die Räume sehen? Falls jemand hier lebte, bemerkte er mich früher als ich
ihn.
Wer hier auch weilte, bewachte gewiss den Schluchteingang; er rechnete
nicht damit, dass jemand so hierher kam wie ich. Innerhalb aber mussten Spuren existieren.
Die sah ein waches Auge am leichtesten von oben.
Still lag unter mir das Tal, grau, gelb und braun unter den Strahlen der
steigenden Sonne. Hier und da unterbrach staubiges Grün die Einöde. Büsche wuchsen in
Mulden, zu denen das bisschen Wasser aus der müden Burgquelle floss. Zu wenig spendete
sie, als dass ein Bach oder gar ein Tümpel zustande kam. Damals hatten wir wilde Feigen
und schlechte Obstbäume gefunden. Wenn die nicht eingegangen oder von Schurken abgehauen
worden waren, drohte mir kein Hunger. Übrigens schädigte sich Gesindel nicht selbst. Mir
fiele die Umstellung leicht.
Auch als Wesir hatte ich mäßig gelebt anders als die meisten
Großen an Merwans Hof.
Nirgends regte sich ein Tier, und kein Fußtapfen deutete auf Menschen
hin. Das war wie damals, und einen Moment lang wähnte ich, jene sorglose Burschenzeit sei
zurückgekehrt. Aber die brennende Erinnerung an den Tod der Meinen weckte mich bald aus
dem Traum.
Das Tal erstreckte sich ungefähr in Nord-Süd-Richtung; an seiner
breitesten Stelle maß es einen starken Pfeilschuss, war aber bedeutend länger und nahezu
gerade. Nach einer Stunde Fußweg öffnete es sich mit einem Bogen abendwärts in ein
weiteres Tal, und dort liefen andere, allerdings unbegangene Wege. Auf beiden Seiten
ragten unzugängliche Felsmauern in den Himmel. Hinter der einen, in der Schlucht, aus der
ich gestern gekommen war, suchten sie jetzt verbittert. Wer nichts vom Stollen ahnte,
musste die eine Stunde Ritt lange Felszunge umgehen.
Um das zu wollen, bedurfte es eines Hellsehers.
Da im Süden alles zum Besten stand, drehte ich mich um.
"Beim Barte des Propheten!"
Ich erinnerte mich, wie die Dinge gewesen waren. Überall unersteigbar,
schlossen sich die Hänge zu einem Talkopf. Inmitten dieses Halbrunds dehnte sich einige
Steinwürfe lang und breit eine Terrasse aus graugelbem Gestein.
Seinerzeit hatte ich im ersten Anschauen fabuliert, in fernster Vorzeit
müsse der Herrscher der Toten Burg begonnen haben, sich einen prächtigen Palast zu
errichten. Aus irgendeinem Grund entstand nur das Fundament. Rustem erklärte mir den
Fehler dieser Idee. Er war zwar nicht der Klügste, besaß aber die Lebenserfahrung, an
der es dem Jüngling Omar mangelte. "Die Natur legt nicht Quader aneinander, und kein
Mensch vermag Bausteine von zehn Mannslängen zu benutzen. Dschinns müssen am Werk
gewesen sein, wahrscheinlich ungläubige Ifriten.
Gepriesen sei Allahs Weisheit, die deren grässliche Macht
überwand."
Seltsam, ausgerechnet heute entsann ich mich meiner Reaktion:
"Wenn ich groß bin, baue ich hier ein Schloss!" Noch vor einem Jahr hätte Omar
al Aschtar den Auftrag erteilen können. Ein glückliches Schicksal hatte gefügt, dass
ich die Sache vergaß. Das wäre nicht geheimzuhalten, meine Feinde wüssten von diesem
Platz und wären hier.
Irgendetwas aber war seither geschehen! Ein großer dunkler Kreis
befleckte die Terrasse, ringsum glänzte verstreutes Metall. Woher konnte das stammen? Am
ehesten war hier ein starkes Heer zusammengehauen worden. Nur bleiche Knochen und eben die
Waffen blieben.
"Hier? Schwer zu glauben. Von solch einer Schlacht sollte ich
wissen."
Jedenfalls waren die Krieger dahin. Oder blinkte es inmitten der matten
Glanzlichter, bewegte sich noch etwas ..., jemand? Ich schloss die Augen und nahm mir
Zeit, sie zu öffnen.
Jetzt sah ich gut. Alles war still.
Trotzdem musste ich das von nahem untersuchen. Besser wäre, wenn es
anders zusammenhing.
Ein übles Licht läge über meinem Plan, wenn ich dort ansetzte, wo
zuvor so viele gestorben waren. Ob Gebete etwas nützten? Auf die Fähigkeiten der Mullahs
setzte ich längst nicht mehr.
Zu oft hatten sie für private Vorteile die Seiten gewechselt. Heute
buckelten sie vor den Leuten Abul Abbas'.
Ich eilte die Turmtreppe hinunter und durch den Innenhof, wo ich schon
nachts zum Quellbassin geschlichen war. Alles war so, wie es mein Gedächtnis bewahrt
hatte. Immer noch sperrte der Steinwall das Burgtor. Rustem und ich hatten ihn
aufgehäuft. Wozu taten wir das damals? Die Erinnerung daran war seltsamerweise verflogen.
Heute wusste ich besser als vor zwanzig Sommern, dass das Kastell
militärisch weise angelegt worden war. Es schützte die Quelle des Tals, und seine Lage
und Höhe schreckten jeden Angreifer ab. Wenige Tapfere genügten, um die auf
Schrittbreite zurechtgehauene Serpentine gegen ein Heer zu verteidigen. Ermüdeten sie,
schloss man einfach das Tor. Kein Rammbock könnte hochgeschafft werden. Für den ärgsten
Fall gab es den geheimen Gang.
Doch der Feind kam von innen. Die Quelle, die früher ausreichte, eine
angemessene Schar Verteidiger und sogar das Dorf zu versorgen, tröpfelte heute noch
müder als vor zwanzig Jahren. Was der Bursche Omar bloß bedauerte, hatte der Mann
später als den Keim des Untergangs erkannt. Was taugte ein uneinnehmbares Kastell ohne
eine Quelle? Sich auf Zisternen und damit auf Regen zu verlassen, empfahl sich in dieser
Gegend nicht. Möglich, dass der geheime Gang vor allem der Wasserversorgung gedient
hatte. Als auch dort das Rinnsal versiegte, und weil sich die gemeinsame Hauptquelle nicht
fand, mussten die Burgherren wegziehen. Ihnen folgten die Einwohner des Dorfs unten in der
Schlucht.
Wann war das geschehen? Keine Amtsakte kannte in jenem Tal einen Ort
oder ein Kastell.
Immerhin prangten an den Mauern zahlreiche Inschriften, viele in der
Schrift der Romäer. An den riesigen Blöcken des Quellbeckens entdeckte ich gar jene
Zeichen, aus schlanken Dreiecken gebildet, die mir bereits in der Höhle rätselhaft
erschienen waren. Mein Hauslehrer wusste nichts damit anzufangen. Später befragte ich die
Hofdolmetscher. Sie sagten mir, rings um Basra fände man oft Tontafeln mit solch einer
Schrift. Niemand vermöchte sie zu lesen. Ich zog daraus den Schluss, dass die Burg schon
in grauester Vorzeit errichtet worden war. Die Christen bauten weiter, und wahrscheinlich
gaben auch sie sie auf.
Wie dem war ich musste erst die Serpentine zum Tal hinab und dann
eine steile Treppe hinauf laufen, statt zwei Steinwürfen Weg das Fünffache.
Oben auf der Terrasse atmete ich heftig. Minuten verstrichen, bis sich
mein Puls besänftigte.
Verdrossen akzeptierte ich, nicht mehr so jung zu sein wie einst.
"Was ist hier geschehen?"
Schon von weitem hatte mir der Glanz Metall verraten. Um Eisen handelte
es sich allerdings nicht, das glänzte anders. Als ich zweifelnd zwei Stücke aufhob und
gegeneinander schlug, waren sie zwar stahlhart, aber leicht wie Holz. Silber wäre
schwerer gewesen, und weder Kupfer noch Bronze oder gar Gold besaßen diese helle Farbe,
abgesehen davon, dass sie sämtlich ihr gehöriges Gewicht hatten. Ich durchwühlte den
Verstand nach den Lektionen meines Hauslehrers. Das war lange her, außerdem hatte ich
solche Kenntnisse nie gebraucht und darum fast alles vergessen. Blei, Zinn? Beide waren
weich, dagegen vermochte ich das Stück in meiner Hand kaum zu biegen. Zink? Von dem
wusste ich bloß den Namen. Dann war es wohl das.
Wenn sich mir schon das Material verschloss, die Formen verwirrten mich
erst recht.
Vor zerbrochenen und verbogenen Lanzen, Schwertern, Helmen und
Panzerhemden erwartete ich zu stehen. Nichts davon fand sich; nichts hatte ich so oder so
ähnlich jemals gesehen.
Manche Stücke gemahnten immerhin noch an Keulen aber oft waren
an den sinnlosesten Stellen Löcher gebohrt, und meist endeten sie beiderseits wie
zerrissen. Keines Menschen und keiner Kriegsmaschine Kraft könnte das dort vollbringen,
wo das Material dick wie ein Unterarm war und enorm fest. Aber es war geschehen, und weder
durch Meißelschläge noch durch Sägespuren erleichtert. Andere Teile, verbogen
und zerfetzt, waren dünnes Blech, wie man es zu Trompeten hämmerte. Nicht selten zeigte
sich das Metall wie zu Tränen zerflossen.
Dazwischen lag versengtes und verkohltes Zeug, dessen Herkunft ich so
wenig zu enträtseln vermochte wie seine Zusammensetzung. Manches hob ich auf, anderes
stieß ich nur mit dem Fuß an. Doch ob ich auch meine Phantasie quälte nichts von
dem Gerümpel besaß einen Wert.
Nervös bebend, schritt ich umher, kniete endlich nieder und untersuchte
die dunkle Verfärbung der Terrasse. Ließ sich hier etwas begreifen? Zunächst meinte
ich, da wäre ein Krug Steinöl umgestürzt und sein Inhalt im porösen Gestein
versickert. Aber so verhielt es sich nicht, beim Berühren wurde das deutlich. Die
riesigen Steine waren braun geworden wie Papier, das man ans Feuer hält. Steine
bräunen?! Welch eine Flamme war dazu nötig!
Hätte noch ein Beweis gefehlt, ein Faktum lieferte ihn. Nirgends lag
auch nur ein Knochen! Wer sollte die weggeschleppt haben! Also waren hier keine
Menschen umgekommen. Doch wer oder was dann?
Nur einen Schluss konnte ich daraus ziehen: Hier hatte der Blitz des
Einzigen ein Werk abtrünniger Dschinns zerschmettert. Dessen Trümmer lagen ringsum
verstreut, niemandem mehr von Nutzen.
Später mochte man die Dinge zu neuen Waffen einschmelzen. Vorderhand
aber taugte manches nur als Knüppel. Beim Propheten, meine Damaszenerklinge war eine
bessere Hilfe! Um nichts zu versäumen, ging ich von einem großen Metallstück zum
nächsten, nachdenklich, aber zunehmend bedrückt.
Da war nämlich eine Besorgnis: Wieso bedeckte der allgegenwärtige
Staub des dürren Landes weder die Reste noch die Terrasse? Vor zwanzig Jahren hatte der
Südwind hier sogar mit kleinen Sanddünen gespielt. Jetzt aber ... Eine Schar Sklaven
schien die Steine gefegt zu haben, bevor jene rätselhafte Dschinn-Maschine aufgestellt
wurde.
"Das Metall ist blank, als hätte der Blitz des Allwissenden erst
vor einer Woche zugeschlagen", überlegte ich. "Womöglich war es vor einer
Woche! Vor dem Handstreich des Barmakiden funktionierte die Verwaltung ganz gut. Solch ein
Ereignis wäre ringsum bekannt geworden.
Mein verräterischer Gutsverwalter wusste aber von nichts ..."
Halt! Ich hielt inne. Danach hatte ich niemanden gefragt, mich belasteten ja andere
Probleme. He, was war denn da?!
Mein Blick hatte eine bestimmte Stelle schon mehrmals gestreift. Doch
jetzt erst sah ich sie wirklich. Innerhalb eines Kreises von etwa zehn Fuß war der Schutt
beiseite geräumt und häufte sich rings als ein knöchelhoher Wall. Es gab keinen
ersichtlichen Grund dafür, denn die Zone war leer. In der Umrandung war eine Lücke
geblieben. Von ihr bis an den östlichen Rand der Terrasse zog sich einige Schritt lang
ein gleichfalls freigefegter Pfad.
"Zur Not ließe ich die Terrasse säubern aber wozu einen
einzigen Fleck? Purer Unfug! Doch hier ist eine Spur; und wenn etwas auf der Welt
Sinn hat, dann das Prinzip, einer Spur zu folgen."
Unter vielen flugs wieder verworfenen Deutungsversuchen erreichte ich
den Rand der Terrasse.
Fast schloss sie mit der Erde ab, eine Treppenstufe blieb. Ich stieg
hinab, beugte mich nieder und gewahrte auf der dünnen, dürren Krume eine schwache
Schleifspur wie von einem nachgezogenen Stock, daneben lief eine Reihe
Fußabdrücke. Leider war der Boden zu grob, um mehr zu verraten.
Wenigstens verschafften sie mir die Gewissheit, dass hier ein Mensch
gegangen war, denn bekanntlich hinterlassen Dschinns keine Fußtapfen. Indes konnten sie
nirgendwohin führen, weil es an jedem Versteck fehlte. Kaum steinwurfweit begann
senkrecht der Osthang der Berge. Ich schob die Bedenken beiseite, lockerte vorsichtshalber
den Säbel und ging vorwärts.
Als die Spur jäh endete, ragte griffweit vor mir der Hang empor, glatt
und grau.
Gab es noch einen Gang wie den, der vom Nachbartal hierher führte? Er
würde alles erklären.
Freilich wäre dann auch klar, dass sich dort jemand verbarg.
Fußabdrücke überdauerten nicht so lange wie herumliegendes Metall.
Ich kannte die Methode bereits und inspizierte die Wand so aufmerksam
wie einer, der ein verlorenes Juwel sucht. Risse durchzogen das graue Gestein, Stellen
ragten vor, andere bildeten Nischen. Aber so sehr ich klopfte und drückte nichts
bewegte sich, ebenso wenig verriet dumpferes Echo eine Höhlung. In der Stille des Tals
hätte ich jeden fremden Klang vernommen.
Also gab es keine verschiebbare Platte. Sie hätte weit mehr als eine
Armlänge dick sein müssen, das aber machte sie viel zu schwer.
Ermüdet, aber nur halb überzeugt, gab ich auf. Der die Spuren gemacht
hatte, wurde er an einem Seil nach oben geholt? Die Erklärung missfiel mir, ich fand aber
keine bessere.
Um selbst das Unwahrscheinliche zu prüfen, wandte ich mich einem
hüfthohen Felsblock abseits zu. Die Rollspur in der Erde verriet, dass er vom Hang
herabgestürzt war. Ich ging ringsum und kletterte hinauf, sah aber nichts Auffälliges.
Das Metier eines Wesirs waren die Realitäten. Wenn es keine gab,
zählte eine Befürchtung wenig, und falls diese einzig auf Zauber und Magie baute, galt
sie gar nichts. Der Schluss musste lauten: "Hier ist niemand. Also ist das der
gegebene Platz für mein entstehendes Heer!"
Mein Magen meldete sich. Statt die letzten Fladen zu verzehren,
beschloss ich, die Feigenbäume des verlassenen Dorfes wie seinerzeit nach Früchten
abzusuchen. Eben als ich vom Block sprang, ließ mich ein Geräusch verharren. Was zirpte
da? Das war keine Grille, das war ...
Woher kam der Ton? Es war nicht auszumachen. Ich hob den Säbel,
blickte prüfend von rechts nach links und drehte mich endlich um, wo ja nichts sein
konnte. Einen halben Lidschlag lang meinte ich, inmitten der Felswand einen Schatten oder
ein Loch zu sehen im gleichen Atemzug stürmte eine rötlichgoldene Rauchwolke auf
mich ein. Etwas prallte wie ein Windstoß gegen mich. Jählings erstarrten meine Glieder,
und gelähmt stürzte ich zu Boden. Das Tageslicht umdüsterte sich, und mit ihm
verdunkelte sich der Geist. Hielt meine Faust noch die Klinge? Pochte mein Herz?
'Verloren, Omar!', war der letzte klare Gedanke.
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3
Mein
Kopf! Jedes Lid wog ein Pfund, keines wollte sich öffnen; die Gedanken wankten durchs
Hirn, als hätten sie bleierne Fußfesseln. Alle Adern schienen so mit flüssigem Silber
aus Andalusien gefüllt zu sein, dass die Kräfte nicht reichten, auch nur ein Glied zu
rühren.
Dieser Zustand war mir wohlbekannt. Fürwahr, die Offenbarungen des
Heiligen Buchs versagen dem Gläubigen den Wein. Aber weise Exegeten haben dargetan, dass
sich das nur auf den herben Weißwein bezieht; vom feurigen Roten hingegen schweigt der
Koran und die Hetze gewisser Fanatiker kümmert den Wesir des Kalifen nicht.
Freilich bewirkt das erlaubte Getränk trotz seines edlen Geschmacks, dass man anderntags
meint, heftig verprügelt worden zu sein.
Hatte ich denn gestern zehn Krüge schwersten Zyperweins getrunken?
Schwören wollte ich, dass dem nicht so war.
Zündete das Wort? Obwohl wie von Wein umnebelt, lieferte mein
Gedächtnis plötzlich die Szene, in der ich zuletzt daran gedacht hatte.
Ich sah mich den Gartenpavillon des Kalifenpalastes betreten und die
Grußzeremonie absolvieren. Mein Herr, auf dem Diwan, blickte mich aus trüben Augen an.
"Womit störst du mich schon wieder?" Er hatte nicht wenig getrunken. Gern
hätte ich darüber die Hände gerungen.
"Der Statthalter von Chorassan rüstet zum Aufstand. Fünf weitere
Aussagen bezeugen das." Ich hielt ihm die Pergamente hin. "Überzeuge dich,
Herrscher der Gläubigen!"
"Du hast mir schon zwanzig Protokolle vorgelegt, Omar. Du weißt
doch, was ich davon halte.
Unter der Folter gesteht man alles. Abul Abbas ist ehrgeizig, und
er ist gewiss keiner, der fortlaufend Ergebenheitsbriefe schreibt. Die Grenze verlangt
solch einen Mann; keinen, der zu jeder Bagatelle mein Ja erbittet."
Die Schwäche der Beweise kannte ich selbst. Erlogen waren sie indes
nicht. "Alle nennen ihn deinen erklärten Feind."
Merwan lachte. "Mag er selbst das sein. Das tut einem Grenz-Emir
mehr weh als dem Kalifen."
"Dem Feind antwortet am ehrlichsten der Säbel!"
"Der Feind, dem man die Hand reicht, kann zum Freund werden. Wer
hat ihm diese wichtige Statthalterschaft verliehen? Ich."
Ich sah, wie der Herrscher zu einem seiner Monologe ansetzte, und
seufzte. Merwans Politik, gefährliche Leute mit wenn auch hohen Posten weitab von
Damaskus abzufinden, hielt ich für unklug. Arbeit und Ärger blieben hinterher mir. Aber
er fällte die Entscheidungen.
Als der Omaijade verstummte, versuchte ich es noch einmal. "Nur im
Grab verhält sich ein Lump wahrhaft anständig ..."
Das nebelhafte Bild zerriss. Finsternis umgab mich.
"Allerbarmer! Ewiger! Was ist geschehen?"
Mein Bewusstsein schwappte wie das Wasser eines Hafenbeckens, in dem
eben eine schwere Last versunken war. Da war ... Was war da? Ich malträtierte meinen
Verstand, und er flackerte auf: 'Die Flucht! Die Nacht in der Toten Burg! Die Terrasse!
Das gelbrote Rauchbündel!' Ein frostiger Schreck zuckte durch die Nerven. Tot?
Diese Angst öffnete mir die Augen.
Sie zeigten mir, was ich nicht auf andere Weise spürte: Ich lag
ausgestreckt auf dem Rücken, den Kopf leicht nach rechts gedreht, und blickte in die
Kuppel eines mäßig großen Raumes.
Neblig blaues Licht erhellte ihn, aber mir schien doch, dass da oben
kein gebautes Gewölbe war, sondern die naturbelassene Decke einer Grotte oder Höhle.
Meine Blicke wanderten die Wände hinab. Gut zurechtgehauener Fels!
Ähnliches, mehr noch, galt für den Boden. Er war sorgsam geebnet worden. Poliert durfte
ich ihn zwar nicht nennen, andererseits bedeckte ihn eine Glasur von unbestimmtem
Gelbbraun. An der Wand stapelten sich vier schwarze Kisten. Weiter entfernt, eben noch in
meinem Blickfeld und vom Dunstlicht halb verhüllt, stand ein Dreifuß. Eine mehrere
Schritt messende silberne Schale war darauf gesetzt. Ein Weihrauchbecken? Doch das sollte
waagerecht und nicht dermaßen schräg stehen!
Vermutlich zufällig hing daran ein Bund Seil.
"Was ist mir? Wo bin ich?" Redete ich? Nein, eine fremde
Stimme krächzte.
Ich wollte mich aufrichten; aber der Versuch, den Kopf nach links zu
drehen, entzündete so heftige Schmerzen in allen Nerven, dass ich ihn sofort abbrach.
Selbst die geringe Mühe, die eine Hälfte der Grotte mit Blicken zu erkunden, überstieg
meine Kräfte; und nach einigen Minuten schloss ich die Lider fürs Erste wieder.
"Allmächtiger, lass mich verstehen, was passiert ist!"
Sicher war dies: Nicht Amin ibn Barmaks Kreaturen war ich in die Hände
gefallen. In dem Falle stände es erheblich anders um mich. Meiner harrten gewiss die
ausgesuchtesten Foltern.
Außerdem verfügte keiner dieser Schurken über solch einen Raum. Den
gab es nirgends auf Erden, der stammte nicht von Menschenhand. Am ehesten war das, was
mich niedergeschmettert hatte, mit dem rätselvollen Geschehen auf der Terrasse
verknüpft. Was aber verband dies beides?
Hatte ich zufällig eine verbotene Schranke überschritten? War es jener
freigefegte Bereich?
Aber eine bedrohliche Grenze muss man doch markieren! Vor dem
Kalifenpalast standen zu diesem Zweck die Wachen.
"Was wird wohl mit mir geschehen?" Diesmal schien mir, was ich
krächzte, wenigstens halb verständlich zu sein.
Was tat's? Es war doch niemand da.
"Nichts Schlimmes!", sagte eine helle, fast weibliche Stimme
in geläufigem Arabisch.
Ich riss die Augen auf und wollte mich erneut aufrichten. Das misslang,
der jähe Schmerz flammte zu stark auf, ich sank zurück aber inzwischen hatte ich
den Kopf drehen können.
Der Sprecher trat zu mir und hockte sich mit verschränkten Armen
nieder. Er war von mittlerer Größe, gekleidet nach der Weise der ungläubigen Franken in
einen rötlichbraunen Überwurf und lange, bauschige Hosen von gleicher Farbe. Kein Turban
fasste das kurz geschnittene sandhelle Haar. Das Gesicht ... Allah! Das war ja eine Frau,
nur angezogen wie ein Mann!
Sofort prüfte mein Blick den Waffengurt. Kein Säbel, aber ein
schmalklingiger Dolch! Einige andere Dinge staken darin, für die ich mir keine Namen
auszudenken vermochte.
Sie war mir fremd, das wunderte mich nicht, es durfte kaum anders sein.
Die Züge wiesen sie als Nordländerin aus, als jener Gegend entsprungen, die wir pauschal
'Frankistan' nannten, ohne uns um die lokalen Fürstentümer zu kümmern. Trotzdem konnte
sie aus Byzanz gekommen sein, wo viele Fremdstämmige lebten. Ihr Alter vermochte ich
nicht zu schätzen; ihre Jugend war jedenfalls lange vorbei. Die blauen Augen musterten
mich aufmerksam, aber ich las keine Feindseligkeit darin. War es Unsicherheit, war es
Neugier?
"Du bist der Wesir Omar al Aschtar, die rechte Hand des ermordeten
Kalifen. Halb Syrien wird umgewühlt, um dich zu finden."
"Ich ..."
Sie winkte ab. "Fürchte nichts! Ich gedenke nicht, dich an
jene" eine Geste deutete in eine unbestimmte Richtung "auszuliefern,
um das Kopfgeld zu nehmen. Nenne deinen wahren Namen oder lass es bleiben; aber nenne mir
einen Namen, damit wir einander ansprechen können. Ich heiße Afra."
Was hatte ich zu verlieren? "Ich bin Omar."
"Recht so. Ich sehe, du hast Schmerzen. Nur Geduld! Bleibe vorerst
liegen. Bald wirst du dich wieder erheben und bewegen können. Die Droge, die dich
niederwarf, verliert von selbst ihre Wirkung. Später magst du dich zu mir setzen und mit
mir einen Krug Wasser teilen." Bedächtig breitete sie eine Decke aus und stellte
Becher und ein kunstlos geformtes Gefäß hin.
"Wo bin ich? Was ist das hier? Wie kommst du an diesen Ort? Wozu
...?"
Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. "Du willst viel auf einmal
wissen. Das entspricht deinem Ruf. Am einfachsten lässt sich die erste Frage
beantworten." Sie hob die Stimme und sprach, jede Silbe betonend, ein Wort:
"Sesa'ama'auf!" Ein seltsames Wort! Rief sie jemand? Ein Name war das nicht!
Allah!
Das vieltönige Zirpen ... Im begrenzten Raum der Höhle klang es
schärfer, aber genau denselben Laut hatte ich gehört, bevor mir die Sinne schwanden.
Helles Licht fiel auf mich, und ein heißer Windstoß blies herein. Sonnenlicht? Hier in
der Höhle?! Mein Kopf fuhr herum, ob es auch im Nacken fast knirschte.
"Welch ein Wunder!", stammelte ich.
In der Felswand klaffte ein übermannshohes und etwa drei Schritte
breites, rechteckiges Tor.
Was dazwischen sein sollte, was da sein musste, war nicht mehr da. Weder
war es nach links noch nach rechts geschoben worden, auch nicht wie eine Zugbrücke herab-
oder hinaufgeklappt das Stück Fels war einfach verschwunden. Hell, aber schon
nachmittagsmatt hing die Sonne über dem Grat im Westen, und ihr Licht überschüttete die
metallbesäte Terrasse.
Ich musste viele Stunden wie erstarrt gelegen haben.
"Wie ist das möglich?"
Afra wischte meine Frage beiseite. "Du siehst, wo du bist; damit
ist die erste Frage beantwortet.
Zur zweiten! Wir befinden uns in meiner Unterkunft. Nenne sie
meinethalben ein Versteck!
Früher lagerten hier allerlei Dinge. Aber die Zeiten haben sich
geändert, darum steht die Höhle nahezu leer."
Wovon sprach sie?
"Nachdem sich die Wand vor deinen Augen öffnete, weißt du, wie
ich hierher kam: Ich trat ein.
Aber natürlich meinst du etwas anderes. Das ist freilich schwierig zu
erklären; und ich halte es für das Gescheiteste zu schweigen." Sie blickte ins
Leere. "Du kannst nicht ahnen, was die Trümmer draußen waren, und es gibt keinen
Weg, dir das begreiflich zu machen. Das meiste bliebe unverständlich. Aber dir ist gewiss
schon einmal am Wagen das Rad zersprungen oder eine Achse gebrochen. So ein Unglück hat
böse Folgen.
Ähnliches geschah hier. Ein ... Gefährt sollte mich wegbringen.
Während es aufstieg, riss ein ...
Lenkseil. Das Gefährt plumpste nieder, ich sprang beizeiten hinaus und
versteckte mich. Dann zerfiel alles in Glut und Licht."
"Wie das Griechische Feuer?"
"Ein guter Vergleich nur viel heftiger! Das war vor drei
Tagen. Ich benachrichtigte meine Freunde, dass sie mich abholen; aber so lange heißt es
hier warten." Wieder lächelte sie, weniger freundlich als zuvor. "Genau
genommen darum bist du hier. Was du da draußen tatst, war keine Gefahr für mich, ich
hätte vom Versteck aus über deine Versuche lachen können.
Dann erkannte ich dein Gesicht. Omar al Aschtar gilt als ein
bedenkenloser Mann rascher Entschlüsse. Bestreitest du es? Und da war dein Säbel. Du
konntest ebenso gut irgendwo Pfeil und Bogen haben. Heute nacht kommen meine Freunde.
Sollte ich riskieren, dass du im Hinterhalt liegst und auf mich und sie schießt? Ich
beschloss zu handeln."
Mein Wunsch der vorigen Nacht, den Verfolgern aus dem Dunkeln gerade so
zuzusetzen, ließ mich den Blick abwenden. "Was wird aus mir?" Der leichte Ton
misslang.
"Sobald wir fort sind, bist du frei. Du freilich pflegst ganz
anders zu handeln. 'Dem Feind antwortet am ehrlichsten der Säbel!' nicht
wahr?"
Und wie wahr das war! Hätte doch Allah Merwans Herz gelenkt, dass er
meinem Rat folgend klug handelte! Halt! Woher wusste diese Frau, was der Kalif und ich
unter vier Augen besprachen? Hm, eine Dschinni ... Ohnehin zählte das nicht mehr.
Jedenfalls entsprach es meiner Überzeugung. Zwar wünschte ich in diesem Moment, die
Worte nie ausgesprochen zu haben, doch der Anflug verwehte. "Glaubst du, gute Worte
hätten den blutgierigen Schurken Abul Abbas bewegen können, sich mit seiner
Statthalterschaft an der Nordgrenze zu begnügen?
Wäre sein so genannter Wesir zufrieden gewesen, nichts als sein Berater
zu sein? Beide wollten mehr. 'Was Augen und Geist eines Mannes fassen können, ist ihm
auch beschieden', hat Amin ibn Barmak gesagt. Verrät das nicht alles? Seit das
Banner des Aufruhrs flatterte, traf das Schwert die Wahl."
"Gegen euch", bemerkte sie trocken.
"Vorerst", gab ich noch trockener zurück.
Mit der Zeit schwanden die Schmerzen im Nacken. Verstrich jene Spanne,
von der Afra sprach?
Ich stachelte meinen Mut, um mich emporzurichten. In allen Adern
kribbelte es, als ob Ameisen darin umherhasteten, und die Muskeln brannten. Aber ich
setzte mich auf.
Jetzt, von nahem, wirkte das Gesicht der Frau älter und seltsam
maskenhaft, aber nicht unfreundlich. Ihre tiefblauen Augen musterten mich. "Gut, sehr
gut. Wie du siehst, will dir niemand etwas Böses. Ich befand mich in einer Zwangslage.
Ohne Not dürfen wir nicht töten, und auch dann tun wir es höchst ungern. Gehen lassen
konnte ich dich nicht. Also kam das hier zum Zug." Sie zog ein schwarzgrünes Rohr
aus dem Gurt. "Damit der betäubende Dunst auf große Distanz wirkt, nahm ich etwas
mehr. Dadurch vermochte ich nur ungefähr vorauszusagen, wie tief und wie lange du
schläfst. Zu lange sollte es nicht sein. Du würdest ja wehrlos zurückbleiben, wenn wir
fort sind. Es gibt aber Raubtiere in diesen Bergen."
"Was ist mit meinen Waffen?"
Jetzt lag Verachtung in der hellen Stimme. "Hältst du mich für
einen Dieb? Säbel und Dolch liegen in dem Höhlengang, durch den du hierher geschlichen
kamst, gleich hinter dem Schließstein. Du wirst sie leicht finden. Dass du hier
waffenlos bist, ist Absicht. Ich vertraue gern, aber Omar al Aschtar gegenüber übe ich
Vorsicht. Sieh in dich, und du weißt, warum."
Ich schwieg. Solche Denkweisen grassierten unter den Weisen, ich hielt
sie für falsch. Die Welt war nun einmal, wie sie war. Wie zwang man ein Ungeheuer wie den
Barmakiden nieder, wenn nicht mit dem Säbel? Da der im Gang lag ... Jetzt hatte ich
begriffen. "Du kennst diesen Tunnel?!" Natürlich, Dschinns sahen tiefer als
Menschen, offenbar auch durch Stein.
"Als man ihn auf der Suche nach einer ergiebigen Quelle zu bauen
begann, waren wir dabei.
Nicht ich, freilich", berichtigte sie sich, "sondern meine
Ahnen. Zweitausend Jahre ist das her.
Zwar störte es unsere Pläne, dass sich Menschen nah an unserem
Lagerplatz angesiedelt hatten, aber dann sagten wir ihnen sogar, wo Höhlen im Fels sind,
damit die Mühe geringer würde. Wir wollten die Stelle sowieso aufgeben. Mein Unglück
ist das Siegel auf den Beschluss."
Das erinnerte mich daran, dass sie fortging. "Was wird dann?"
"Was meinst du mit 'dann'?"
"Du gehst oder reitest oder fährst weg. Heißt das, das Tal
gehört wieder mir?"
"Seit wann ist es dein Tal?", erkundigte sie sich spitz.
"Da es niemand anderem gehört, gehört es dem ersten: mir."
"Ach so! Du teilst das Motto deines Gegners Amin ibn Barmak. 'Was
Augen und Geist eines Mannes fassen können, ist ihm auch beschieden.' Und du schimpfst
ihn Räuber und Schurke!"
Ich fand keine Antwort.
Vielleicht hatte Afra keine erwartet. "Bleibe im Tal, solange du
magst. Unsere Reise führt heim, und es ist ein weiter Weg. Die Urenkel meiner Urenkel
werden wieder herkommen und dann die Urenkel deiner Urenkel treffen. Wer weiß, was bis
dahin alles geschehen ist!"
'Das ist mir gleichgültig. Und das Schicksal solcher Weltblinden wie
du, erst recht. Allah lohnt dem, der die Augen auftut. Deshalb: Was ist mit dieser
Höhle?! Gegen sie ist der Tunnel, der den östlichen Bergzug durchbohrt, weniger als
nichts. Den kann ein Feind notfalls finden, das hier aber nie. Von hier aus möchte ich
die Streitkräfte der Rache zu siegreichen Zügen führen.
Und dann, eines Tages ... Kalif Omar der Dritte, Schwager und Erbe der
Omaijaden ...' "In der Toten Burg lebt es sich karg, aber die Eremiten der
Ungläubigen sind übler dran", versetzte ich obenhin.
Sie warf mir einen merkwürdigen Blick zu. "Jene Einsiedler ...
Rede nicht nur; tue wie sie, wenn du das vermagst: Erkenne die Schatten in deiner Seele.
Du denkst an diese Grotte. Meine Kameraden entscheiden. Vielleicht
überlassen sie sie dir.
Mehr geben wir dir ganz bestimmt nicht. Darauf darf ich schwören."
Wir beide wussten, ich dachte an die seltsame Waffe, die blitzartig
niederwarf. So naiv war ich nicht, anzunehmen, dass sie mir die übereignete. Besser war,
ich sagte überhaupt nichts von meinem Plan. "Immerhin weißt du, dass mir die
Städte verschlossen sind."
"Das ist wahr jedenfalls auf viele, viele Jahre. Nun, wir
werden sehen."
"Wann?"
"Im Dunkeln." Sie wies auf die Sonne, die eben die Berge
berührte. "Also bald."
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4
Längst
vermochte ich wieder bequem zu sitzen. Wäre es unvermeidlich, traute ich mir zu zu
stehen. Zum Gehen indes genügte meine Kraft nicht. Auch meine letzten Fladen hatten sie
nicht zurückkehren lassen. Als unser Gespräch unter Afras Unlust, Fragen zu beantworten,
zusehends versickerte, kroch ich zum Eingang und hockte mich ins Freie. Syriens kurze
Dämmerung regierte, längst glänzten die hellsten Sterne, und nur im Westen füllten
Purpur und dunkles Gold handbreithoch den Himmel über dem Grat.
Was hoch über uns geschah, blieb mir verschlossen. Immerhin war ich
überzeugt, dass dort keine Späher erschienen waren. Sie hätten zwar während meiner
Bewusstlosigkeit oben gewesen sein können; natürlich bemerkten sie niemand und kehrten
mit der Bilanz zurück, der Gesuchte sei keinesfalls so weit gekommen. Das leuchtete im
ersten Moment ein ... Aber wenn sie Männer mit Augen waren, mussten sie das
metallglänzende Trümmerfeld gesehen haben.
"Was ist das?" Schon aus Neugier wäre inzwischen jemand hier
sei es an einem Kletterseil, sei es auf dem weiten Umweg durch die Täler. Und dann
drängten sich hier Ibn Barmaks Leute.
So war es nicht geschehen. Also hatten die Häscher auf halber Höhe
resigniert oder sogar Anzeichen gefunden, die sie anderswo weitersuchen ließen.
'Sucht nur, betrogene Aasfresser! Bald kommt der Löwe der Omaijaden.
Keiner der Meute wird entrinnen, am wenigsten der Leitschakal.' Längst wirbelten meine
Gedanken wieder so flink wie sonst. Sie spülten stets aufs neue die Frage hoch, was es
mit dieser seltsamen Afra auf sich hatte. Wer war sie? Ganz gewiss kein Mensch.
Anscheinend gab es doch Sippen der Dschinns, die Fußabdrücke hinterließen. Was
tat sie hier? Ihre Antwort auf meine Frage klang vage: "Das, was deine Spione bei den
Christen tun. Ich sah mich im Reich des Kalifen um." Auch das noch! Wo hatten meine
Wachen ihre Augen gehabt?
Aber sei's drum. Um Geschehenes haderten nur Narren. Zur Zeit war ich ja
kein Wesir. Sie fuhr weg auf Nimmerwiederkehr. Hindern konnte ich sie nicht, zumal wohl
jemand kam, um sie abzuholen anscheinend gleich einige. Sagte sie nicht eben:
"Meine Kameraden" ? Noch waren meine Kräfte nicht, wie sie sein sollten, und
schließlich und letztlich konnte selbst ein Säbel vorausgesetzt, ich hatte ihn
wenig gegen die seltsame Rauchwolkenwaffe ausrichten. "Ich muss die Tochter
der Dschinns gehen lassen und eine Gelegenheit verspielen, die sich mir nie wieder bieten
wird!"
Als die Sonne hinter die Berge tauchte, holte Afra die Opferschale aus
der Höhle und stellte sie mitten in den freigeräumten Kreis. Gerade bog sie sie nicht.
Seltsam. Sie wickelte das Seil wie eine Stolperschnur aus und knüpfte es an eine der
schwarzen Kisten. Wozu? Ich konnte nicht einmal raten. Dann setzte sie sich zu mir und
blickte wie ich in den dämmernden Himmel.
Wir hätten über vieles sprechen können, und ich stellte zahlreiche
Fragen nach dem Woher und Wohin, nach dem Warum und Wozu, zumal nach dem Wie. Aber die
Frau antwortete nicht oder so, dass es keine Antwort war.
Statt wenigstens ein magisches Wort zu nennen, das solche Steinblöcke
wie die in der Terrasse bewegte, riet sie mir, systematisch erforschen zu lassen, was der
Dampf kochenden Wassers bewirkte. Wenn das kein Ausweichen war!
Ich versuchte, mir die Dinge selbst zu erklären, aber das war schier
unmöglich. Wer waren die, die sie abholen würden? Andere Dschinns, gewiss. Wie kamen sie
her? Der Talgrund unterhalb der Toten Burg war so unwegsam, dass man in der Dämmerung
oder gar nachts schwerlich dort reiten durfte. Wagen hatten da gar nichts zu suchen. Für
eine Frau kamen am ehesten Tragekamele in Frage ...
Im letzten Moment fiel mir ein, dass solche Wesen schließlich über
andere Mittel verfügten.
Manche stiegen aus der Erde empor, andere sanken aus dem Himmel herab.
Ihre Macht war begrenzt, denn Allahs Wort gehorchten willig oder widerstrebend auch sie;
aber ihnen standen viele Türen offen, die dem Menschen verriegelt blieben.
Ich grübelte noch, da erhob sich Afra. "Gleich wird es hier sehr
heiß. Komm in den Raum zurück, damit du keinen Schaden nimmst!" Da sie tat, was sie
mir riet; folgte ich ihrem Beispiel.
Kaum später setzte ein seltsames Rauschen und Brausen ein. Ich streckte
den Kopf vor. Afra schwieg, also war es wohl ungefährlich.
Über mir leuchteten die tausend oder hunderttausend Sterne, die Allah
ans Firmament geheftet hat. Oh! Zu ihnen gesellte sich ein besonders heller Bruder. Und er
bewegte sich! Er glitt langsam in den Zenit und wuchs. Jetzt begriff ich: Niedere Dschinns
bedienen sich eines fliegenden Teppichs, Afras Helfer indes kamen mit einem eigenen Stern.
Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, welcher Abkunft sie war dort nahte er.
Der Punkt quoll zu einem Klecks, dann zu einer schwefelgelben Kugel.
Weil ich nichts besaß, um ihre Höhe zu taxieren, galt nur mein Eindruck: Sie wurde
größer und wirklich groß.
Sie fiel nicht einfach herab. Dass sich Steine aus einem Gewölbe lösen
oder von einer Kante abbröckeln, ist so alt wie der Mauerring von Damaskus. Als ich der
Belagerung eines Byzantinerkastells beiwohnte, schleuderten Katapulte Marmorkugeln auf die
Zinnen. Sie konnte ich besonders gut beobachten. Während die Geschosse dem Gipfel ihrer
Wurfbahn entgegenstrebten, verloren sie an Schwung; einen Atemzug lang schienen sie zu
schweben und wurden dann wieder schneller bis zum Aufschlag.
Hier aber geschah es anders. Wie ein Falke fittichschlagend seinen Sturz
abfängt, hemmte die Kugel ihren Fall. Aber sie besaß keine Flügel, nirgendwo. Eben als
ich zweifelte, ob mich meine Augen narrten, schoss aus ihr eine Säule blassbläulichen
Lichts. Wo sie den Boden berührte, wirbelte Staub auf, und scheppernd flogen Metallteile
beiseite.
Groß wurde die Kugel, und immer sanfter senkte sie sich. Ein guter
Bogenschütze hätte sie erreicht.
Ein seltsam prasselndes Zischen übertönte das Klappern und Klirren der
Eisentrümmer. Das hatte sicherlich mit dem blauen Leuchten zu tun aber ich
vermochte mir nicht auszumalen, auf welche Weise beides zusammenhing.
Als wäre sie Teil eines Regenbogens, veränderte die Lichtsäule die
Farbe: Nun schimmerte sie in smaragdenem Grün, und zugleich verharrte die Kugel, wie von
einem Hieb getroffen. So behutsam senkte sie sich auf die Terrasse, wie die
Sänftenträger Seine Heiligkeit den Kalifen abzusetzen pflegten.
Ein heißer Windstoß schlug mir ins Gesicht, ich zuckte zurück.
Stand die Kugel? Schwebte sie noch handbreit über dem Boden? Jäh
verlosch das Licht.
Afra, gegen die Mauer gelehnt, blickte nirgendwohin. Nach langem
Grübeln begriff ich, warum sie das Schauspiel nicht verfolgte: Sie hatte es allzu oft
erlebt, um daran etwas Besonderes zu finden. Schließlich gab sie sich einen Ruck und
schritt hinaus, ohne mich zu beachten. Ich hinkte ihr ein paar Schritte weit nach.
Mittlerweile war ein Stück Kugel aufgeklappt wie eine Zeltbahn,
Gestalten stiegen heraus und kamen auf sie zu, zwei nein, drei. Sie umarmten sich
zum Gruß, aber kein Wort wurde gesprochen. Ziemlich lange standen sie beieinander
und ihre Gesten deuteten auf Unterhaltung, eventuell sogar auf Streit. Wieso hörte ich
nichts? Die Ohren? Ich klimperte mit meiner Siegelkette, stampfte auf ... Gesund waren
sie. Aber so sehr ich sie auch anstrengte, sie fingen nichts vom Disput der Dschinns auf.
Und wenn?, machte ich mir klar. Was nützte es mir, ihnen zuzuhören?
Ich verstand ihre Sprache ohnehin nicht. Sie würden meinetwegen kaum Arabisch reden.
An die Realität musste ich denken. Gleich traten die Fremden vor mich,
dann durfte Omar al Aschtar nicht wie ein Betrunkener auf unsicheren Beinen stehen. Eine
angemessene Haltung war vonnöten. Probeweise ging ich auf und ab, bis meine heftig
atmende Brust nicht mehr bei jedem Tritt keuchte und in den Augen nicht mehr hundert
Sterne flimmerten. Das Schwächegefühl und das Kribbeln in den Gliedern blieben freilich
erhalten.
Was war klug? Den Dschinns entgegenzutreten? Sie bescheiden hier zu
erwarten? Noch hatte ich mich nicht entschieden, da knirschten Schritte mehrerer Personen
heran. Ich straffte mich.
Jetzt fiel die Entscheidung!
Sie kamen zu viert, Afra und drei Männer in eng anliegenden schwarzen
Anzügen, wie sie die persischen Reiter tragen, die Gesichter mit Schleiertüchern bis auf
die Augen verhüllt. Einen zeichnete eine gelbe Doppelspirale an der Brust aus er
war wohl der Häuptling.
Zwei der Ankömmlinge ignorierten mich so vollkommen, als ob ich ein
Fächerträger wäre; sie ergriffen aufgestapelte Kästen und trugen sie davon. Der
Anführer dagegen trat, von Afra gefolgt, vor mich und musterte mich eine Zeit lang stumm.
Auch sein Gesicht hatte etwas Maskenhaftes, aber das erkannte nur ein aufmerksamer
Beobachter; jeder andere würde ihn für einen Südägypter halten.
"Möge Frieden mit euch sein", grüßte ich behutsam.
"Ich bin Omar al Aschtar, Wesir des rechtmäßigen Herrschers der Gläubigen."
"Der Frieden des Einen Gottes mag auch mit dir sein", lautete
die Antwort. "Da dein Kalif Merwan getötet wurde und sich die Gardetruppen auf die
Seite Abul Abbas' stellten, bist du kein Wesir mehr, sondern nur ein Flüchtling. Ob du je
mehr sein wirst, liegt bei dir."
Ich verbeugte mich stumm.
"Unsere Kameradin nannte uns deinen Wunsch. Wir verstehen ihn
..."
Am Ziel! Lob sei Allah!
"... doch erfüllen werden wir ihn nicht. Warum sollten wir? Ganz
nah befindet sich eine Höhle, die ihr Menschen vorzeiten in den Felsen geschlagen habt.
Sie ist bei weitem groß genug, selbst für eine Schar deinesgleichen, und weist all das
auf, was du brauchst. Du kennst sie."
Afra schwieg. Ihr Lächeln verriet mir, sie hatte diesen Bescheid
vorausgesehen. Hatte sie ihn erbeten?
"Es sei, wie du befiehlst", erwiderte ich müde.
Inzwischen waren seine Begleiter abermals bei uns gewesen und hatten die
letzten Behälter fortgetragen. Leer, wirkte die Höhle wegen ihres Dunstlichts besonders
unheimlich.
"Gehen wir!" Er stützte mich in den Schatten jenes Blocks,
der vor langer Zeit vom Hang herabgerollt war. "Bleib hier! So bist du in Sicherheit,
wenn unser Fahrzeug wieder zu den Sternen aufsteigt. Alles Spätere ist deine
Sache. Afra erklärte dir, wo deine Waffen sind, denn du willst ja Krieg führen und dich
selbst zum Kalifen ausrufen lassen. Du hast dein eigenes Urteil gefällt."
Verdutzt blickte ich beide an. "Wer hat euch das gesagt?"
Etwas wie Lachen ertönte. Dann erbarmte sich die Frau meiner: "Du
und wir sprechen nicht miteinander, Omar nicht so wie ihr Menschen. Was du redest,
geht an mir vorbei. Dies Kästchen am Gürtel liest deine Gedanken und überträgt sie in
unsere Sprache. Wenn ich umgekehrt dir etwas mitteilen will, horcht es meine Gedanken ab
und drückt sie in Arabisch aus. Du begreifst gewiss: Dadurch weiß ich all das, was du
mich nicht wissen lassen willst."
Ein Schlag ins Gesicht! Nein, ein Dolchstoß in den Rücken! Ich wusste
nichts zu erwidern.
Der Anführer bewegte die Hand. "Die Zeit drängt, und dieser Mann
hat seinen Weg gewählt.
Der wird ihn ins Unglück führen, irgendwie, irgendwo, irgendwann. Mein
Beileid, Omar al Aschtar!" Er wandte sich abrupt um und folgte seinen Gefährten zur
Kugel.
Afra schaute mich lange an. "Vielleicht ist es für dich zu spät,
alles noch einmal zu überlegen.
Ich weiß, dich hältst du für sehr scharfsinnig, die meisten Menschen
für dumm und die Frauen für besonders dumm. Wären mir prophetische Gaben verliehen,
würde ich sagen: Eine Frau wird dich überlisten und vernichten, mag sein, eine Dienerin.
Aber so vermute ich das nur. Weil aus einem wie dir mehr werden könnte als ein
Räuber und Rebell, wünschte ich aufrichtig, Friede wäre und bliebe mit dir. Leider
siehst du nicht, wann ein Kampf sinnlos ist. Schade." Mit scharfer Betonung fügte
sie die rätselhaften Silben "Sesa'ama'ozu" hinzu.
Auf die Öffnung in der Felswand fiel ein fast unsichtbarer Schleier.
Er zog sich zusammen und sperrte das seltsame Nebellicht der Höhle endlich aus. Ein
Muster wie Felsgestein malte sich von allein darauf, gewann Farbe und Kraft. Zuletzt glich
die Stelle der Wand ringsum, als wäre dort nie ein Eingang gewesen. All das brauchte nur
zwei Atemzüge.
Afra hatte es stumm verfolgt. Ohne mich noch einmal anzuschauen, lief
sie davon.
Noch rang ich mit meinem Schreck, da überflutete grünlichblaues Licht
die Terrasse, und Zischen und Brausen setzte ein. Ein glühendheißer Wind machte sich auf
und wirbelte Staub umher. Um ein weniges später stieg die Kugel auf ihrem seltsamen
Feuerstrich in den Himmel.
Mir aber, mir schlotterten die Beine. Ich sackte wie ein ausgepeitschter
Sklave zu Boden.
Irgendwann wusste ich wieder von mir. Wie viel Stunden waren
verstrichen? Von der Sonne war keine Spur zu sehen, nicht mehr und noch nicht. Die
Gliederschmerzen hatten sich bis auf eine vage Taubheit verflüchtigt. Ich bewegte die
Arme, die Beine, stand mühelos auf, setzte mich aber sofort wieder.
Was nun? Sollte ich jetzt zur Toten Burg hinübergehen und im Geheimgang
meine Waffen suchen? Das hatte keine Eile, nicht nur der Nacht wegen. Im Tal weilte kein
Feind, die Dschinns hätten ihn gewiss bemerkt und mich in ihrer seltsamen Aufrichtigkeit
darauf hingewiesen.
In ihrer Höhle wäre ich gut aufgehoben. Doch Afra und ihre Kameraden
waren wer weiß wo und ihr Unterschlupf verschlossen. Das magische Wort, ihn zu öffnen,
kannte ich nicht.
Jäh schoss mir eine Idee quer durch den Kopf. "Wer sagt, ich kenne
es nicht?! Ich stand dabei, als die Frau es aussprach, und könnte es wiederholen. Die
Bedeutung ist mir zwar fremd, doch was tut das, solange der Halbdschinn im Fels sie
versteht! Wenn ich die Zunge genügend verdrehe ..."
Der Einfall zwang mich aufzuspringen und vor das verschwundene Tor zu
treten.
"Sesam? Wie sinnlos! Weit und breit wächst kein Sesam. Was könnte
außerdem die Ölpflanze mit einem magischen Tor zu tun haben? Aber es ist ja nicht mein
geheimes Wort." Ich holte Atem. "Sesam, öffne dich!"
Nichts geschah.
"Sollte ich mich geirrt haben? Mein Gedächtnis hat noch nie
versagt. Einen Moment! So hat Afra es nicht ausgedrückt, sondern gröber. Grob, wie man
einem Sklaven befiehlt! Freilich, ein Halbdschinn ist für sie nichts anderes. Niederes
Volk muss man barsch anlassen. Sesam, auf!"
Sogleich zerriss das wohlbekannte Zirpen die Stille der Nacht, und nur
einen Atemzug später glänzte mir das bläuliche Licht des Höhleninneren entgegen.
Ich kniete nieder, das Gesicht gen Mekka. "Lob sei dir,
Allerbarmer, am Tag des Jüngsten Gerichts! Du hast es wie stets zum Besten gefügt.
Sobald ich wieder befehlen kann, lasse ich eine Moschee zu deinem Ruhm errichten, gegen
die der Felsendom von Jerusalem wie eine erbärmliche Ruine wirkt."
Flüchtig streifte mich die Überlegung, wieso alles dermaßen einfach
abgelaufen war. Immerhin hatte Afra doch meine Gedanken gehört. Da sollte sie nicht
gemerkt haben, was ich ganz vage erwog? Oder war meine Einsicht damals noch weit davor?
Oder ...?
"Sie wusste es. Sie billigte es! Wenn nicht das, sie sah bewusst
beiseite. Darum ließ sie mich das magische Wort hören. Offensichtlich hält sie
mich trotz einiger Zweifel für den richtigen Mann, das Reich des einzig wahren Glaubens
zu retten. Dass eine Frau so viel Verstand besitzt!
Nun ja, unter den Dschinns mag es solche geben, aber nur dort."
Nach dem Wort, das die Tür schloss, konnte ich nachher auf gleiche
Weise suchen. Ich ahnte es bereits. Fürs Erste trat ich ein. "Ewiger Dank sei dir,
Allah! Ich habe die Basis für den Kampf gegen den falschen Kalifen. Ich werde Männer
suchen und finden, die mit mir ins Feld ziehen.
Eine Schar, die selbst dem Scheitan trotzt, sollte für den Anfang
genügen. Sobald ich mit ihrer Hilfe das nötige Gold erworben habe, werbe ich ein Heer.
Dann wird die Fahne der Omaijaden erneut flattern.
Ich, Omar al Aschtar, werde ganz oben stehen. Wer wird später wagen,
bloß anzudeuten, dass der neue Kalif eine Zeit lang mit, sagen wir, vierzig Räubern
umherzog!"
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