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Thorsten Küper

Der Atem Gottes

Shayol | Stories und Romane
Wie der eisige Atem eines zornigen Gottes traf ihn der Fahrtwind, drang in die winzigen Öffnungen seiner Kleidung, bahnte sich sogar einen Weg unter den Helm und ließ seine Augen tränen. Über Villon erstreckte sich ein unglaublich klarer Sternenhimmel, wie man ihn selbst hier nur in einer unendlich schwarzen und kalten Nacht erleben kann. Den Scheinwerfer konnte er nicht einschalten, sonst hätte man ihn bereits von weitem sofort gesehen. Trotzdem trieb er das ATV mit Höchstgeschwindigkeit über die endlose Ebene. Das grüne Bild, das das Nachtsichtgerät lieferte, war trügerisch, enthüllte Hindernisse wie größere Felsbrocken oder den Kadaver eines Wildpferdes oft erst in letzter Sekunde. Nur die Vibrationen des Lenkers unter seinen Händen verrieten, wie zerklüftet der Untergrund wirklich war. Mehr als einmal verriss eine Bodenwelle die Vorderräder, und es gelang ihm nur mit Glück, die Kontrolle über die Maschine zurückzuerlangen.
   Ódádhahraun war eine unwirkliche Landschaft. Eines der größten Lavafelder der Erde, zurückgeblieben nach einem gewaltigen Vulkanausbruch. Früher ein Ort, an den Straftäter verbannt wurden, heute das ideale Gebiet, um Wissenschaftler wie ihn in eine Art Forschungsexil zu schicken. Etwas anderes als eine Verbannung war es nicht gewesen. Eine Sklaventätigkeit im Dienste anonymer Profiteure. Parasiten, die sich an den Früchten seiner Arbeit nährten, ihm jedoch jede Anerkennung verweigerten. Ein Forschungsgebiet wie das seine verurteilte einen Wissenschaftler zur Namenlosigkeit. Fachzeitschriften erwähnten seine Person niemals, wohl jedoch seine Ergebnisse. Ganz gleichgültig wie brillant diese auch waren, ihm würde dafür niemals jemand die Hand schütteln, geschweige denn eine angemessen hohe Überweisung auf sein Konto tätigen.
   Ja, Villon hatte keine Zweifel an der Richtigkeit seines Entschlusses. Die hatte er nie. Zu lange hatte er seine Fähigkeiten in den Dienst des Konzerns gestellt – jetzt war es an der Zeit, die Ernte einzubringen. Er würde seinen Kunden nur die CD zeigen müssen. Das würde sie überzeugen. Zumindest wenn es ihm gelang, sich durchzuschlagen.
   Sebing hatte ihm zwar keinen Strich durch die Rechnung gemacht, ihn aber immerhin gezwungen, viel früher zu fliehen als ursprünglich geplant. Lange vor dem verabredeten Zeitpunkt, an dem sie ihn nahe der Station abholen sollten. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als so nah wie möglich an die Küste zu kommen. Bevor die Jäger des Konzerns die Suche nach ihm aufnahmen.
   Er hatte den Gedanken noch nicht beendet, als er den Sog spürte. Ein Blick über die Schulter offenbarte eine seltsame sternlose Fläche direkt über ihm. Ein riesiger Umriss zeichnete sich am Himmel ab.
   In einem absurden Fluchtversuch gab er Vollgas. Der scharfe Schmerz holte ihn mühelos ein, grub seine Krallen tief in seine Schulter. Von dort breiteten sich Wärme und Taubheit in seinem ganzen Körper aus, raubten ihm das Gefühl in Armen und Beinen. Villon schwanden die Sinne, noch bevor das Vorderrad des ATV gegen einen Felsen prallte und die Maschine sich überschlug. Während sein Körper einige Meter weit durch die Luft segelte, erfüllte die schwarze Nacht bereits seinen Kopf.

Er wankte durch die verwischte Realität eines weißen Korridors, dankbar für die Nachwirkungen des Betäubungsmittels, die zwar seine Glieder schwer werden, ihn aber auch endlich zur Ruhe kommen ließen. Ein Mann ging voraus, ein anderer folgte ihm. Sie drängten ihn nicht, stützten ihn lediglich, wenn seine Knie nachgaben. Endlos lange Korridore wie diese waren über Jahre hinweg Villons Heimat gewesen. Weißes künstliches Licht war für ihn zu Sonnenlicht geworden. Doch unter den langsam nachlassenden Nachwirkungen des Betäubungsmittels wirkten diese Korridore schräg, schienen die Fluchtlinien nicht mehr nur scheinbar zusammenzulaufen. Vielmehr war es, als würde der Gang wirklich enger, als hätte ein Architekt hier einen surrealen Entwurf in ein reales Gebäude umgesetzt.
   Die offenen Türen zu beiden Seiten des Korridors, hinter denen sich Büros und kleine Labors verbargen, erschienen ihm wie Löcher im Beton, die bizarre Kreaturen in die Wände gegraben hatten. Im Vorbeigehen glitt sein Blick über die spärliche Einrichtung eines der Büros, in dem sich ein Mann im weißen Hemd mit Krawatte darum bemühte, Akten zu stapeln. Hinter sich hatte er bereits mehrere Türme aus Büchern aufgeschichtet. Kurz hielt er in seiner Tätigkeit inne, betrachtete seinerseits den verschmutzten Mann zwischen seinen hoch gewachsenen Begleitern. Villon meinte etwas wie Furcht oder Zorn in diesem Blick zu lesen und musste lächeln, als er das Zimmer hinter sich gelassen hatte. Statt Türen folgten zur linken und rechten nun eine ganze Reihe von Fenstern. Sie mussten sich in einem der brückenartigen Übergänge zwischen den vier Gebäuden befinden, die sich wie die Ecktürme einer Festung in den Himmel erhoben. Im Verlauf seiner Arbeit war er in den letzten Jahren etwas öfter als ein Dutzend Mal in der Konzernzentrale gewesen. Meistens hatte man ihn bei seinen wenigen Aufenthalten behandelt wie einen Star.
   Die meiste Zeit hatte er jedoch oben in Island in Komplex 8 verbracht.
   Rotes Dämmerungslicht legte sich immer dann warm auf seine Haut, wenn er an einem der nach Osten gewandten Fenster vorbeiging. Gerade stieg die Sonne über bewaldeten Hügeln auf – ein Anblick, der nicht nur wunderschön, sondern erfreulich real war. Er beschloss, dass es ihm von Minute zu Minute besser ging.
   Kurz hinter der Brücke begegneten sie einer blassgesichtigen, mit ihrem kurz geschnittenen Haar fast unfeminin wirkenden Frau mit einem riesigen Stapel Bücher auf dem Arm. Dieses Mal war er sich sicher, dass ihr Blick nicht furchtsam, sondern zornig war. Er drehte sich nicht um, um herauszufinden, ob es sich nur so angehört hatte oder ob sie wirklich ausgespuckt hatte, nachdem sie an ihm vorbeigegangen war.
   Schließlich führten sie ihn in einen der großen Räume, wie er sie aus zahlreichen Konferenzen kannte. Eine hohe Wand für Projektionen, Plasmadisplays mit Keyboards, die vor jedem Sitzplatz in die Tischplatte eingelassen waren und hochgeklappt werden konnten. Der Projektionsfläche gegenüber erstreckte sich eine Wand aus schwarzem Glas. Zur anderen Seite hin war sie lichtdurchlässig, wie Villon wusste. Dort hielten sich üblicherweise Berater und Psychologen auf, die die Konferenzteilnehmer aufmerksam beobachteten und ihre Analysen an die Konzernleitung übermittelten. Bei der Aushandlung von Verträgen waren diese unsichtbaren Berater besonders wichtig, denn sie konnten entscheidende Hinweise darauf geben, ob Verhandlungspartner etwas verschwiegen oder wie man sie effektiv in die Enge treiben konnte.
   Heute würden sie hier Villon verhören. Zwar sprachen sie ihm gegenüber nur von einer Befragung, aber letztendlich war das nichts anderes als ein Verhör. Er wusste das und sie wussten, dass er es wusste.
   Ohne zu zögern, nahm Villon am Kopf des Konferenztisches Platz, gegenüber der Glaswand. Schließlich ging es um ihn. Er war die Hauptfigur. Sollten sie ihn ruhig anstarren, all die Experten auf der anderen Seite. In gewisser Weise wollte er ihnen ins Gesicht lachen.
   Keine Minute später betrat der andere Mann den Raum. Hochgewachsen und in einem Anzug, wie er für den Konzern üblich war, nahm er Platz, nicht ohne sich jedoch vorher seines Jacketts zu entledigen. Es würde lange dauern, aber das hatte Villon gewusst.
   »Wie geht es Ihnen, Dr. Villon?«, erkundigte er sich ungewöhnlich leise, wobei er eine Akte auf den Tisch legte, dann das Plasmadisplay aus der Tischplatte herausklappte, ohne den Angesprochenen auch nur eines Blickes zu würdigen. »Es war leider nötig, Ihnen eine hohe Dosis zu verabreichen«, führte er weiter aus, ebenso leise, während er einige Dateien aufrief. Dann endlich richtete er den Blick auf Villon. Er war etwa Ende Dreißig, hatte dünnes dunkles Haar und trug eine abgerundete Brille, wie sie zu einem jungen Studenten gepasst hätte. Sein grauer Dreitagebart fiel an den Wangen ebenso spärlich aus wie sein Haupthaar. Er musste Außergewöhnliches geleistet haben, wenn man ihn mit der Untersuchung der Ereignisse in Komplex 8 betraut hatte.
   Villon lächelte. »Verabreichen? Das klingt, als hätten Sie mir ein Beruhigungsmittel in den Tee gemischt. Ihre Leute haben mich mit einem Betäubungsprojektil niedergeschossen wie ein Tier.«
   In seinem betont leisen Tonfall fragte der andere lediglich: »Wieso sind Sie vor uns geflohen, Dr. Villon?«
   Der betrachtete seine eigenen Hände. »Wie heißen Sie?«
   »Wenn Ihnen das unser Gespräch erleichtert. Mein Name ist Merz.«
   »Wir können uns den ganzen Aufwand sparen, Herr Merz. Komplex 8 besteht nur noch aus einem rauchenden Loch im Boden.« Er zwinkerte dem jüngeren Mann zu. »Ich könnte Ihnen allerdings die Daten anbieten.«
   Eine Falte wie eine Spitze in einem Diagramm huschte über Merzs Stirn. »Das führt uns zu der Frage zurück, wieso Sie geflohen sind.«
   »Ich hatte Angst um mein Leben«, erklärte Villon lächelnd. »Plötzlich hing dieses Ding über mit. Sind Sie schon mal mit den Waffensystemen eines Comanche konfrontiert worden?« Der Helikopter war plötzlich da gewesen. Hätte er den ursprünglichen Zeitplan einhalten können, wäre er von einem anderen Hubschrauber abgeholt worden, bevor ihn das Ding aufgespürt hatte. Sebing hatte seine Pläne durchkreuzt.
   »Und wieso hatten Sie Angst? Schließlich waren Sie aus Komplex 8 entkommen. Als einziger Überlebender.«
   Villon fuhr sich mit der Hand durch das fettige zerzauste Haar. Er hatte bislang noch keine Gelegenheit erhalten zu duschen. »Ich habe meine Aufgaben erfüllt, wie man es von mir erwartete. Dass ich noch am Leben bin, ist nichts weiter als ein Zufall.«
   »Vor rund neun Stunden hatten wir zum letzten Mal Kontakt mit Komplex 8. Gestern am 16. Mai, um exakt 21.36 Uhr. Eine Satellitenaufnahme zeigt einen Ausbruch von Wärmestrahlung, und zwar um 0.52 Uhr genau auf der Position von Komplex 8. Offenbar wurden zu diesem Zeitpunkt mehrere Hochtemperaturladungen gezündet, die das Gebäude ausgebrannt haben. Dabei sind nach unseren bisherigen Ermittlungen alle siebzehn Mitarbeiter getötet worden. Mit Bestimmtheit können wir das aber nicht sagen, denn bei Zündung einer HT-Ladung verbrennen sogar Knochen. Nummer Achtzehn wären Sie gewesen.« Er nickte in Richtung der Projektionsfläche. Dort erschienen Bilder der ausgeglühten Ruinen von Komplex 8. Von außen war das Labor nicht als ein solches erkennbar gewesen. Die beiden unterirdischen Ebenen waren unter einem alten Landhaus verborgen gewesen, wie es für die isländische Landschaft üblich war. Doch das Haus war verschwunden. Geblieben war nicht mehr als ein schwarzer Krater am Fuße eines grasbewachsenen Hügels.
   Auf seltsame Weise faszinierend waren die Aufnahmen des Innenbereichs. Die ehemals weißen Korridore hatten sich in die geschwärzten Kamine eines gewaltigen Brennofens verwandelt.
   Es gab keine Leichen, nur Asche.
   Die bedeutsamste Frage von allen sprach Merz besonders leise aus. »Wie ist es dazu gekommen?«
   »Es wurde notwendig.«
   »Haben Sie die Explosionen herbeigeführt?«
   Villon nickte und machte eine beiläufige Handbewegung. »Es hätte Ihnen missfallen, wenn ich es nicht getan hätte.«
   »Mit anderen Worten: In Komplex 8 ist es zu einem Zwischenfall gekommen, der die Desinfektion des Gebäudes notwendig machte?«
   »Bedauerlicherweise.«
   »Haben Sie darüber entschieden? Über siebzehn Menschenleben?«
   Villon kratzte seinen Hals, der vom angeklebten Schweiß juckte. »Soweit ich weiß, unterschreiben unsere Mitarbeiter eine Klausel, die eine Entschädigung an ihre Familien in einem solchen Fall ausschließt. Ihnen war also durchaus bewusst, dass so eine Situation eintreten kann.«
   »Es ist nicht das erste Mal, Dr. Villon, dass Sie in einen derartigen Fall verwickelt sind.«
   Er nickte in Richtung der Projektionswand, doch Villon drehte sich nicht um. Es waren die alten Aufnahmen von sterbenden Körpern. Kameras hatten den Todeskampf seiner sechs Mitarbeiter aus einem Dutzend verschiedener Richtungen dokumentiert. Diese Bilder waren ihm bei der damaligen Untersuchung mehr als einmal gezeigt worden. Der Anblick von Leibern, die von schwärenden, aufplatzenden Wunden übersät waren, hatte für ihn jeden Schrecken verloren, genauso wie die entsetzten, schmerzerfüllten Gesichter seiner sterbenden Mitarbeiter. Zuletzt war Blut aus ihren Augenwinkeln gelaufen. Der größte Beitrag, den die sechs mit ihrem bescheidenen Talent jemals zur Wissenschaft hatten leisten können.
   Villon sah sich die Aufnahmen nicht noch einmal an, betrachtete stattdessen übertrieben lang den Schmutz unter seinen Fingernägeln. Blutige Hautreste, die er von seiner schmutzigen Haut gekratzt hatte. »Wann immer die Erträge meiner Arbeit Ihnen Profite einbringen, werden die notwendigen Opfer erstaunlicherweise nicht hinterfragt«, erklärte er. »Die Männer und Frauen damals wussten nur zu gut, was wir dort unten in Ecuador suchten. Es gehört zu unserem Job, dieses Risiko zu akzeptieren. Wenn Sie von uns erwarten, dass wir im unerforschten Regenwald unbekannte Viren von Baumrinden kratzen, kann es schon mal passieren, dass sich jemand einen Schnupfen holt.«
   Merz hatte einen Ellbogen auf die Stuhllehne gestützt und die Hand ans Kinn gelegt. Eine Weile betrachtete er ihn schweigend. »Sie steigern sich, Villon. Damals waren es sechs. Diesmal sind es schon siebzehn. Wie viele werden es beim nächsten Mal sein?«
   »Sie suchen jemandem, dem Sie die Schuld zuschieben können, aber da sind Sie bei mir falsch. Ich würde jetzt gerne duschen.«
   »Später.« Merz tippte etwas auf seinem Keyboard ein. »Ich möchte, dass Sie mir nun schildern, was gestern da unten geschehen ist.«
   »Nun, am späten Nachmittag gab es Kontaminationsalarm auf Sublevel 2. Daraufhin wurde die gesamte Ebene isoliert, wie das für einen solchen Fall vorgeschrieben ist.« Isoliert, das bedeutete nicht einfach nur, dass man die Ebene komplett abdichtete. Es bedeutete auch, dass nichts und niemand sie verlassen konnte. Die Isolation bedeutete das Todesurteil für alle Personen die sich dort befanden.
   »Und wie genau ist es dazu gekommen?«
   Villon faltete die Hände auf seinem Bauch. »Ein solcher Alarm wird zum Beispiel dann ausgelöst, wenn ein Feuer ausbricht, eine der Unterdruckschleusen sich durch einen technischen Defekt öffnet und der Druck in einem Kernlabor ansteigt, oder ein Fenster zerbricht. Dieser ist allerdings manuell ausgelöst worden. Durch eine Mitarbeiterin auf dem betroffenen Level.«
   »Und weswegen?«
   »Das war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar. Also habe ich versucht, Kontakt mit dem Team aufzunehmen.«
   »Was haben die ihnen berichtet?«
   Villon hob die Achseln. »Nichts, es war nicht möglich, jemanden an einen der Terminals zu holen. Den Aufzeichnungen der Kameras und Mikrofone zufolge herrschte da unten Panik.«
   Merz betätigte eine Taste auf dem Keyboard, sein Blick richtete sich auf die Projektionswand. Villon drehte sich ebenfalls um. »Das sind einige der Aufzeichnungen, die sie auf CD bei sich getragen haben.«
   Die erste Aufnahme stammte aus dem einer Arena ähnelnden zentralen Labor. Sie zeigte eine Gruppe von acht Wissenschaftlern, die sich auf einen Punkt des Raumes konzentrierte. Ein größerer Mann redete nervös gestikulierend auf die Anwesenden ein. Trotz seiner Bemühungen, beruhigend auf das Team einzuwirken, entfernte sich plötzlich eine Frau aus der Gruppe und betätigte den Alarmschalter an der Tür.
   »Jetzt löst sie den Alarm aus«, erläuterte Merz überflüssigerweise. »Können Sie uns erklären, was vorher passiert ist?«
   Villon grinste schief. »Dilettanten bei der Arbeit?«
   Merz markierte mit dem Mauszeiger den Kopf des großen Mannes, der versuchte, die Gruppe zu beruhigen. »Bei Dr. Sebing kann kaum von einem Dilettanten die Rede sein.«
   »Aber Ihnen ist schon aufgefallen, dass Ihr hochgeschätzter Dr. Sebing da gerade versucht hat, das Auslösen des Alarms zu verhindern, obwohl diesen Leuten offensichtlich klar ist, dass die Gefahr einer Kontamination bestand?«
   »Das deutet doch vielmehr daraufhin, dass er wusste, dass grundsätzlich keine Gefahr von der Situation ausging.«
   »Hören Sie, es tut mir ja ausgesprochen Leid, dass ich mit Sebing ausgerechnet einen der Gründer dieses Konzerns abgefackelt habe, aber es wäre ziemlich unangenehm für uns alle geworden, wenn der jetzt fröhliche Liedchen pfeifend durch irgendwelche Flughafenterminals marschieren und aus Touristen biologische Bomben machen würde. Ganz davon abgesehen: Die späteren Aufnahmen beweisen doch ganz eindeutig, dass eine Kontamination des Labors vorlag.«
   »Selbst wenn Sie Recht haben, bleibt die Frage, ob eine Desinfektion von Komplex 8 nötig war. Isolation und Quarantäne hätte doch völlig ausgereicht. Sie hätten Kontakt mit uns aufnehmen müssen.«
   »Hätte ich getan, wenn das noch möglich gewesen wäre.« Villon trat an eines der hohen Fenster. Von hier aus konnte er direkt auf die Verbindungsbrücken zwischen den beiden gegenüberliegenden Gebäuden sehen. Ameisenarbeiterinnen gleich bewegten sich Mitarbeiter von einem Block zum anderen und trugen dabei Möbel, Aktenstapel und Bücher vor sich her. Offenbar zogen einige Abteilungen um. »Sebing hat die Verbindung nach außen gekappt. Und dann hat er mich gezwungen, die Zündung auszulösen. Sehen Sie sich doch die weiteren Aufzeichnungen an.«
   »Die hier?«
   Villon drehte nur den Kopf zur Seite und betrachtete die flimmernden Bilder an der Wand. Die Ansammlung von Wissenschaftlern hatte sich aufgelöst. Einzelne Personen bewegten sich durch die Korridore, gingen jedoch nicht zielstrebig, wie sie es üblicherweise taten, wenn man sie durch die Überwachungskameras beobachtete. Sie schienen plötzlich Neulinge in einer ihnen fremden Umgebung zu sein, irrten langsam herum wie Patienten eines Altenheimes, die an Demenz litten und ihre Zimmer suchten. Oder sie verharrten auf einem Punkt, starrten mit glasigem Blick zur Decke oder lächelten in sich hinein. Andere sprachen mit sich selbst, manche wild gestikulierend, andere in geduckter Haltung. In einigen der Aufnahmen tauchte dieselbe Frau auf, die auch den Alarm ausgelöst hatte. Sie bemühte sich mit ausladenden Gesten, ihre Kollegen zu beruhigen. Aber die schienen sie nicht mal dann zu bemerken, wenn sie direkt vor ihnen stand. »Das sind verängstigte Menschen. Wo sehen Sie Anzeichen für eine Verseuchung?«
   Villon nickte in gespielter Einsicht. »Ja, jetzt fällt’s mir auch auf. Die sind taufrisch, nur ein bisschen debil.« Humorlos auflachend fügte er hinzu. »Spulen sie doch weiter und Sie werden sehen, was Ihre gesunden Mitarbeiter gleich für eine nette Party veranstalten.«
   »Es gibt keine weiteren Aufnahmen.«
   Villon fuhr herum. »Natürlich gibt es die, wir beide wissen, dass wir nonstop aufzeichnen.«
   »Das ist alles, was wir haben.«
   Villon starrte Merz an. »Analysieren Sie die CD, die Aufzeichnungen müssen da sein. Keine zwei Stunden nachdem der Alarm ausgelöst wurde, war da unten die Hölle los. Sinnlose Raserei, Hysterie, Autoaggressionen, das volle Programm. Ich wusste, dass ich die Ladungen zünden musste, es war eindeutig.«
   Merz musterte ihn schweigend.
   Die aufgesetzte Ruhe dieses jungen Tölpels provozierte Villon, und einen Augenblick lang wurde er laut. »Hören Sie, die haben da unten eine Kollegin geradezu hingerichtet.«
   Er erinnerte sich daran, mit angesehen zu haben, wie dieselbe Frau, die den Alarm ausgelöst hatte, später vergeblich versuchte, die Wissenschaftler zu beschwichtigen. Sie wurde niedergemetzelt. Nicht, dass sie ein Verlust für die Wissenschaft gewesen wäre. Ihr Tod war jedoch ein wichtiges Indiz für seine Unschuld. Doch ohne die CD war sein Wissen wertlos. War sie draußen auf der Flucht beschädigt worden? Solche Datenträger waren fast unzerstörbar, außerdem hatte er sie in einer sicheren Box transportiert. Etwas musste beim Abspeichern schief gelaufen sein. »Sie verpassen eine tolle Show, das kann ich Ihnen verraten. Ich meine, es waren nicht nur Halluzinationen und Visionen, die Sie überkamen. Sie sind in eine Art Wahn verfallen.«
   »Sie behaupten, Sebing hat die Verbindung nach außen gekappt. Soweit ich weiß, ist das von unten aus unmöglich.«
   »Er konnte es.«
   »Ich verstehe.« Merz Miene ließ keinen Zweifel darüber zu, dass er Villon keinen Glauben schenkte. »Welche Art von Virus war das?«
   Villon grinste. »Etwas Neues … nein, eigentlich etwas Altes. Sehr bösartig in seiner Wirkung. Und ideal für eine militärische Nutzung. Es wird durch die Luft übertragen.«
   »Stand der Virus im Zusammenhang mit dem Leichnam, der aus der Tschechoslowakei in Komplex 8 überführt wurde?«
   Villon zwinkerte. »Warum sprechen Sie’s nicht aus? Wir haben das Ding von Grabräubern aus einer Kirche holen lassen. Ja, genau darum geht es. Sebing und ich verfolgten eine Theorie, die wir für viel versprechend hielten. Und wir hatten Erfolg.«
   »Und was hat die sechshundert Jahre alte Leiche eines Bischofs mit einem Designer-Virus zu tun?«
   Villon schüttelte den Kopf. »Der alte Knabe war dank der Mumifizierung ziemlich frisch für sein Alter, und er stammte genau aus der richtigen Epoche. Im Übrigen ist das Virus nicht designet worden. Identifiziert, ja, und dann isoliert, analysiert und reproduziert. Und schließlich dummerweise freigesetzt. Was für ein Pech.« Er lachte auf. »Die gute Nachricht ist, dass es genau das tut, war wir gehofft haben.«
   »Auf was für eine Theorie beziehen Sie sich da?«
   »Sie stammt von einem Engländer namens Vernon Kramer. Er hat das Auftreten religiösen Wahns, beispielsweise in Gestalt von Hexenverbrennungen, statistisch untersucht und behauptet, die Ausbreitung solcher Ereignisse verlaufe nach einem ähnlichen Muster wie die von Seuchen. Er hält sie schlicht und ergreifend für Symptome einer Infektion durch einen noch unbekannten Virus. Dem Vatikan gefällt diese Idee ganz und gar nicht. Aber wir haben eben dieses Virus im Körper des Bischofs entdeckt, der in einer Epoche besonders häufiger Fälle religiöser Hysterie lebte.«
   Zu Villons Erstaunen schien Merz die Theorie Kramers nicht weiter zu interessieren. Der Mann folgte mit der Fingerspitze dem Profil seines vorstehenden Kinns, während er ins Leere starrte. »Selbst wenn es unten zu einer Infektion gekommen sein sollte, wäre eine Quarantäne eine völlig ausreichende Maßnahme gewesen.«
   »Dem würde ich zustimmen, wenn der allseits hochverehrte Dr. Sebing sich seinerseits an die Vorschriften gehalten hätte. Kommt es zu einer Kontamination, wird die Ebene isoliert. Jeder kannte diese Vorgehensweise. Jeder wusste, dass er unten im Labor eingeschlossen wird, wenn das passiert. Aber Sebing hat seinen Einfluss als Konzernchef missbraucht. Er hat in die Kamera gegrinst und dann sein Superpasswort eingegeben.«
   Merz legte die Stirn in Falten. »Was für ein Superpasswort?«
   »Niemand außer ihm hat diese Systemhintertür gekannt, sie war sein persönliches Privileg, falls er da unten einmal eingeschlossen werden würde. Ein Passwort, mit dem die Isolation von innen aufgehoben werden konnte. Und es hat ihm ebenfalls ermöglicht, von unten die Kommunikation nach außen abzuschalten, bevor jemand hier bemerkte, was da vor sich ging.«
   »Und als sie feststellten, dass das ihrer Ansicht nach nun infizierte Team nach oben zurückkehren konnte, haben sie per Zeitschaltung die Explosionen ausgelöst.«
   »Wir hätten ein Problem, wenn auch nur einer von ihnen es geschafft hätte, da rauszukommen.«
   Merz zog einen Mundwinkel hoch. Es sah aus wie der vergebliche Versuch eines Mannes, dessen halbes Gesicht gelähmt war, zu lächeln. »Sie meinen, Sie wären erledigt gewesen, wenn die Sie in die Finger bekommen hätten. Letztendlich haben sie doch den Unfall und die Kontamination unten im Labor verursacht.« Er deutete auf die Projektionsfläche.
   Dort konnte Villon nun die Aufzeichnungen einer anderen Kamera im zentralen Labor verfolgen, die aufgenommen worden waren, kurz bevor die Panik ausbrach. Ein Mann und eine Frau in weißen Kitteln deuteten bestürzt auf eine Stelle am Boden. Merz zoomte den Bereich heran. Dank der hohen Auflösung der Kamera war der zerbrochene Probenbehälter deutlich zu erkennen. »In diesem Augenblick, Dr. Villon, bemerken Ihre Kollegen den zerplatzten Behälter. Und der befindet sich nicht mal im Kernbereich des Labors, der nur mit Schutzanzügen betreten wird, sondern im davor liegenden Vorbereitungsraum, in dem sich das Team umzieht. Diese Leute hatten keine Chance.«
   »Wie kommen Sie darauf, dass ausgerechnet ich den Behälter dort deponiert haben soll.«
   »Alle achtzehn Mitarbeiter befinden sich üblicherweise auf Sublevel 2. Nur einer fehlt, und das sind Sie. Über die Stunden davor beinhalten die Aufzeichnungen auf Ihrer CD keine Informationen. Wir nehmen an, dass Sie vorsorglich die Kameras abgeschaltet haben, bevor Sie selbst in einem sicheren Schutzanzug die Falle für Ihre Kollegen deponiert, dann die Dekontaminationsschleuse vor dem Aufzug aufgesucht und so verhindert haben, dass das Virus nach oben gelangt.«
   Villon grinste bitter. »Warum sollte ich etwas derart Scheußliches tun?«
   »Weil das schon Ihre Vorgehensweise in Ecuador war. Sie benötigen eine menschliche Testgruppe. Also benutzen Sie skrupellos Ihre Kollegen. Je mehr Personen im Laufe dieses Tests auf das Virus reagieren, umso überzeugender ist die Vorführung.«
   »Sie verfügen über eine blühende Phantasie, Merz«, entgegnete Villon. Er war sich seines selbstgefälligen Grinsens bewusst, als er sich lebhaft daran erinnerte, wie er, während seine Kollegen noch schliefen, im Schutzanzug das Virus in den Wassertank ihres Containers in Ecuador injiziert hatte.
   »Sie sind vor uns geflohen.«
   »Hätte ich auf Sie warten sollen? Ich wusste, dass das hier kommt und ich mag keine Verhöre.«
   »An wen wollten Sie Ihre Erkenntnisse verkaufen, Dr. Villon? Und warum haben die Sie nicht abgeholt?«
   »Sie spekulieren nur. Das kann ich auch.« Er legte den Zeigefinger an die Lippen und blickte zur Decke hinauf, als überkäme ihn eine besondere Erkenntnis. »Wissen Sie, was ich seltsam finde? Bei diesem unschönen Aufstand im Iran vor zwei Jahren …« Villon setzte einen gespielt verwirrten Gesichtsausdruck auf. »Also, ich könnte schwören, die Symptome der Seuche, an denen die Aufständischen in Ihrem Stützpunkt gestorben sind, sahen genau aus wie das, was sich mein Team damals in Ecuador eingefangen hatte.« Villon zog sich einen Stuhl zu Merz heran, legte einen Arm auf den Tisch und beugte sich vertraulich zu ihm vor. »Ich erkläre Ihnen mal was. Wir sind nicht nur Wissenschaftler, wir sind auch Geschäftsleute. Mit meinen Erkenntnissen haben Sie, Ihre Kollegen und ich und vor allem die Jungs da hinter der Glasscheibe eine Menge Kohle verdient.« Er winkte und grinste dabei dämlich. »Aber dazu müssen wir Tests durchführen. Da beißt ab und zu schon mal jemand ins Gras. Das ist tragisch, bringt uns aber weiter. Also lassen Sie uns diese ganze Sache vergessen und sehen, was wir daraus machen können. Ich kann ihnen den Bauplan für den kleinen Bastard anbieten, der in Komplex 8 eine so beeindruckende Debütvorstellung gegeben hat.«
   Merz schmunzelte plötzlich. »Also gut. Was ist so besonders an diesem Virus?«
   »Er löst religiöse Wahnvorstellungen aus. Epiphanie, religiöse Verzückung. Visionen wie aus einem schlechten Religionsbuch für Schulkinder. Anscheinend verankert das kollektive Bewusstsein bestimmte archetypische Vorstellungen in unseren Köpfen. Sogar in denen von Wissenschaftlern wie Sebing. Das Virus setzt diese Bilder frei. Wären sie nicht zu dämlich, eine CD anzuspielen, könnten sie hören, wie die Leute unten im Labor den Herrn anbeten, den sie auf einem Monitor oder als Spiegelung in einer Glasfläche zu erblicken glauben. Ihn oder die Mutter Gottes oder irgendeine hinduistische Gottheit. Sie könnten sehen, wie sie sich mit erleuchteten Blicken selbst geißeln oder auf den Knien durch die Korridore rutschen. Ich habe mit angesehen, wie sie eine junge Frau mit einem Akkubohrer gekreuzigt haben, weil sie sie davon überzeugen wollte, dass sie alle an Halluzinationen litten. Selbstverständlich funktioniert das nicht nur bei Christen, sondern auch bei Moslems, Hindus, Buddhisten, was weiß ich. Wir haben Kramers Theorie bewiesen.«
   »Und was ist daran so besonders?«
   »Was so besonders daran ist? Zunächst einmal doch wohl allein die Vorstellung, dass wir den Beweis erbracht haben, dass Religion sozusagen eine ansteckende Krankheit ist.« Villon lachte auf und glaubte eine Sekunde lang, eine Art Funkeln in Merz’ Augen zu entdecken. War der junge Mann gläubig? »Finden Sie diese Erkenntnis empörend? Aber denken Sie an den Nutzen, der sich daraus ziehen ließe! Stellen Sie sich vor, Sie benötigen einen Grund, um in einen fundamentalistischen Staat einzumarschieren. Kein Problem. Sie versprühen das Zeug, warten, bis die Bevölkerung in religiöse Raserei verfällt und schicken dann Ihre Truppen ins Land – aus humanitären Gründen natürlich. Und denen bleibt dann natürlich nichts anderes übrig, als auf die durchgeknallten Irren zu schießen. Diese Sucherei nach Gründen für den Einsatz von Waffengewalt ist für einen Politiker doch immer eine lästige Angelegenheit, nicht wahr?«
   »Die Truppen infizieren sich dabei aber selbst.«
   »Falsch. Natürlich verabreichen wir ihnen ein Gegenmittel.« Er musste lächeln, als er sich daran erinnerte, wie er sich geimpft hatte. Sebing hatte ihm diesen Selbstversuch untersagt, aber das hatte ihn nicht daran gehindert. »Außerdem …«, führte er weiter aus, »… und das ist der nächste Vorteil: Die Wirkung des Virus ist lokal begrenzt, denn im Laufe nachfolgender Generationen verliert es seine Reproduktionsfähigkeit. Es stirbt ab. Das konnten wir in Tierversuchen nachweisen.«
   »Nur nicht, ob er die von ihnen beabsichtigten Halluzinationen auslöst, dazu benötigten Sie menschliche Testpersonen.«
   Villon lächelte süffisant. »Bezeichnen wir den Zwischenfall in Komplex 8 doch als Glück im Unglück. Hören Sie, und damit meine ich auch Sie, meine Herren, da drüben hinter Glas. Wir alle wissen, dass unsere Auftraggeber großes Interesse an einer biologischen Waffe wie dieser hätten. Und von mir bekommen Sie die Bauanleitung für den kleinen Seelensaboteur, wie ich ihn getauft habe.«
   Merz stützte die Ellenbogen auf den Tisch und legte beide Zeigefinger an seine Lippen, so dass sie die Spitze eines Dreieckes bildeten.
   »Sie besitzen bereits ein Gegenmittel?«
   Villon begnügte sich mit einem gönnerhaften Nicken.
   »Woher wissen wir, dass sie Ihre Daten nicht bereits an einen anderen Kunden verkauft haben?«
   »Dazu ist es nicht gekommen. Eigentlich wollte ich die Station erst zwei Stunden später verlassen. Sebing hat durch den Einsatz seines Superpasswortes dafür gesorgt, dass ich die Sprengung bereits viel früher einleiten musste. Da hat noch niemand auf mich gewartet, und Sie haben mich vorher aufgegriffen.«
   »Sie könnten längst die Dateien übermittelt haben.«
   »Was glauben sie, wozu ich die Disk benötigt habe? Als Beweis natürlich. Die Datei habe ich im Internet abgelegt, und meine Kunden hätten erst dann Zugriff darauf erhalten, wenn ich mein Geld habe.« Villon betrachtete seine Fingernägel, als seien sie Objekte größter wissenschaftlicher Bedeutung. »Aber es sieht ganz so aus, als kämen wir nun ins Geschäft. Ich bin da flexibel. Lassen Sie mich gehen, zahlen Sie mir eine kleine Summe, und Sie können über die Daten verfügen.«
   Merz hatte sich weit zurückgelehnt und die gefalteten Hände auf seinen Bauch gelegt, als hätte er gerade ausnehmend gut gespeist. Interessiert betrachtete er einen Punkt auf Villons Stirn. Dann endlich wandte er sich in Richtung der Glaswand ab, wobei er den rechten Zeigefinger in sein Ohr drückte.
   Villon schmunzelte ebenfalls in Richtung ihrer unsichtbaren Beobachter. Merz angedeutetes Nicken in deren Richtung entging ihm nicht.
   Als Merz sich ihm wieder zuwandte, nickte er auch ihm mit gespitztem Mund zu.
   Ein rundlicher kleiner Mann, dessen blasse Glatze von einem hellblonden Haarkranz eingerahmt wurde, betrat den Raum. Er deutete auf eine Reihe von Nachschlagewerken, die ihm gegenüber an der Wand auf einem Rollwagen in einer Reihe aufgestellt waren. Merz nickte ihm zu, und der Mann schob den Wagen aus dem Raum. »Moment noch«, rief er und warf dem Mann Villons Akte zu.
   Der hob die Brauen. »Wie darf ich das verstehen?«
   Merz erhob sich. »Sagen wir, es ist doch nur in Ihrem Interesse, wenn wir Ihre Akte schließen, oder?«
   »Das heißt, Sie akzeptieren?« Im Grunde war Villon verblüfft darüber, dass sie sein Angebot so schnell annahmen.
   »Folgen Sie mir bitte.«
   Als sie auf den Gang hinaustraten, gerieten sie in eine regelrechte Prozession von Mitarbeitern, die Bücher- und Aktenstapel trugen.
   »Sagen sie mal, ziehen hier sämtliche Abteilungen um?«
   Merz ging ihm voraus zum nächsten Aufzug. Als er auf die Taste am Schaltfeld drückte, erklärte er: »Sagen wir, wir verlagern gerade unsere Prioritäten.«
   Gemeinsam mit Merz und ihm betrat noch fast ein Dutzend weiterer Männer und Frauen die Kabine. Ausnahmslos alle waren damit beschäftigt, Bücher und Unterlagen zu transportieren. Er erwiderte ihre auf ihn gerichteten Blicke mit einem breiten Grinsen; einer aristokratischen Blondine mit hochgeschlossener Bluse, im Widerspruch dazu aber viel zu kurzen Rock, zwinkerte er provokativ zu. »Das wird noch ein richtig schöner Tag, meinen Sie nicht auch?«
   Niemand antwortete ihm.
   Als sie den Aufzug im Erdgeschoss verließen, war er verblüfft über die Anzahl von Personen, die unten in Richtung des Ausgangs drängten. Hemdsärmelige Männer strömten aus Aufzügen und Treppenhäuser in Richtung des Ausganges zum Innenbereich zwischen den vier jeweils dreißig Stockwerken hohen Gebäuden. Jeder von ihnen trug irgendetwas – Aktenordner, lose Papiere oder Bücher. Gemeinsam strebten sie auf die Parkanlage zu, die zwischen den vier Gebäuden angelegt worden war.
   Ameisen, dachte Villon, und fast bedauerte er all die kleinen Sklaven, die ein befehlshöriges Dasein führen mussten. Er war keiner von ihnen, er stand über ihnen, weil er die richtigen Entscheidungen traf, ganz gleichgültig, welche Konsequenzen sie hatten. Sein Team oben in Komplex 8 war eine ideale Versuchsgruppe gewesen. Männer und Frauen, ethnisch und religiös gut durchmischt. Und Sebing selbst war nichts weiter als ein Parasit gewesen, der sich an Villons wissenschaftlicher Kompetenz nährte und ihm später den Profit streitig gemacht hätte.
   Der Weg führte um einen grasbewachsenen flachen Hügel, der an die Landschaft Islands erinnerte, in der sich Komplex 8 befunden hatte. Dahinter verbreiterte er sich zu einer Art Senke, in deren Mitte ein Teich lag, der von einer Art Zen-Garten umgeben war. Doch die Muster, die sonst sorgfältig in den Sand geharkt wurden, waren von tausenden von Fußabdrücken verwischt worden. Verwirrt betrachtete Villon den Anblick, der sich ihm bot. Die Männer und Frauen strömten auf einen Hügel nahe der kleinen Wasserfläche zu.
   Aber es war keine natürlich Erhebung, und das verblüffte und irritierte Villon. Vielmehr bestand der künstliche kleine Berg aus einer Aufschichtung von abertausenden von Büchern und Ordnern, die mittlerweile zu einer stattlichen Höhe von mindestens drei Metern angewachsen war. Er sah sich um und erkannte zu seinem Erstaunen, dass man eine Gasse für ihn und Merz bildete, die um den Berg aus Papier herumführte. Merz ging nach wie vor voraus, während Villon ihm zögerlich folgte, sich der Blicke bewusst werdend, die aus Hunderten von Augenpaaren auf ihn gerichtet waren. Zornige Blicke, hasserfüllte Blicke. Seine gute Laune wich Angst.
   Und dann entdeckte er die hoch aufragende Gestalt, die ihn am anderen Ende der Gasse erwartete.
   Zwar war eine Hälfte des Gesichts unter dicken Verbänden verborgen, doch allein schon seine alberne aristokratische Haltung verriet ihn.
   »Sebing«, flüsterte Villon, dessen Angst in Entsetzen umschlug. Sie hatten ihn offenbar in der Nähe von Komplex 8 aufgefunden. Ihn dann hierher gebracht. Villon fuhr herum, wollte davonlaufen. Doch hinter ihm hatte sich die Gasse längst geschlossen, drängte sich ihm die Menge entgegen. Die Hände zum Gebet gefaltet, kollektiv murmelnd.
   Sie beteten ein Vater Unser.
   »Ich möchte ihnen danken, Dr. Villon.«
   Er fuhr zu Sebing herum, der ihn anlächelte, öffnete den Mund, brachte keinen Ton heraus. Der Bastard hatte es geschafft herauszukommen. Irgendwie. »Wie sind sie …«
   »Haben sie ernsthaft geglaubt, es gäbe keinen Notausgang? Was nützt ein Superpasswort, wenn man von oben aus in die Luft gesprengt werden kann?« Sebing stand auf einer Art Podest, dass man ebenfalls aus Büchern aufgeschichtet hatte. »Ich möchte ihnen dafür danken, dass sie mir die Augen geöffnet und mir den Weg zu Gott gewiesen haben. Es war eine einzigartige Erfahrung. Der Herr offenbarte sich mir und …« Sebing schien nach den angemessen Worten zu suchen. »Es war eine so tiefe Offenbarung, es war unglaublich. Gott zeigte sich mir in seiner Schöpfung selbst, im göttlichen Bauplan, der viel mehr ist als nur die Struktur der DNA …«
   »Es sind Halluzinationen!«, brüllte Villon. »Nichts weiter als die Wirkung eines Neurotoxins auf höhere Hirnregionen.« Hinter ihm verwandelte sich das einförmige Gebet in ein anschwellendes Murmeln, und er spürte, wie der Raum um ihn enger wurde. Einige Männer wollten auf ihn zustürzen, doch Sebing beschwichtigte sie mit einer Handbewegung. »Sie haben hier jeden infiziert, ist Ihnen das klar?«
   »Er ist ein Ketzer«, zischte Merz. »Sie hatten Recht, er ist ungläubig. Ein Gottloser und ein Mörder.«
   »Ich …« Villon hob abwehrend die Hände. »Nein, ich würde nie …«
   Sebing hielt ein Diktiergerät in die Höhe, startete die Aufnahme darauf. Im nächsten Augenblick lauschte Villon seinen eigenen Worten. »… dass wir den Beweis erbracht haben, dass Religion sozusagen eine ansteckende Krankheit ist … aber dazu müssen wir Tests durchführen. Da beißt ab und zu schon mal jemand ins Gras. Das ist tragisch, bringt uns aber weiter. Also lassen Sie uns diese ganze Sache vergessen und sehen, was wir daraus machen können … hören Sie, es tut mir ja ausgesprochen Leid, dass ich mit Sebing ausgerechnet einen der Gründer dieses Konzerns abgefackelt habe.«
   Sebing lächelte mitleidsvoll auf ihn herab. »Diese Aufzeichnungen beweisen es. Er ist ein Ungläubiger und ein Mörder, der unsere Kollegen getötet hat und auch mich ermorden wollte. Aber ohne es zu wollen, hat er mir und uns damit den Weg zu Gott geöffnet. Und deswegen schulden wir ihm die Chance, sich von seiner Schuld zu reinigen.« Er beugte sich zu Villon herunter. »Du wolltest mich mit Feuer töten. Ist es nicht eine Ironie, dass dasselbe Feuer auch die Sünden von deiner Seele waschen kann? Nur wenige Sekunden des Leids, dann bist du auf ewig frei von Schuld.«
   Villon riss die Augen auf, als er begriff, was ihm blühte – als er verstand, welchem Zweck dieser Berg aus Büchern diente. Die Erkenntnisse in ihnen hatten jede Bedeutung verloren in einer Welt, die allein Gott geweiht war. Nun gaben sie einen perfekten Scheiterhaufen ab.
   »Wie Sie sich vielleicht erinnern, Dr. Villon, besitze auch ich den Bauplan für das Virus. Er ist der Atem für die Stimme Gottes.« Auf sein Handzeichen hin ergriffen mehrere Männer Villon und drängten und zogen ihn den Bücherberg hinauf zu einer Holzkonstruktion aus Möbelresten, an die sie ihn mit Isolierband und Nylonfäden fesselten.
   Unten hob Sebing die Arme, als wäre er der Empfänger einer göttlichen Vision. »Mit dem Atem Gottes werden wird den Glauben hinaus in die Welt tragen. Eine neue, bessere Welt, frei von Hass und Unglaube.«
   Villon zerrte an seinen Fesseln, erreichte jedoch nicht mehr, als dass sie sich tief in sein Fleisch gruben. Unter ihm gossen Männer und Frauen Alkohol und Benzin über die Bücher. Spritzer der stechend riechenden Flüssigkeit benetzten seinen Körper, sein Gesicht.
   Sebing lächelte milde zu ihm empor. »Gleich bist du frei von Schuld!« Und dann nickte er der Menge zu. Brennende Papierbälle regneten aus allen Richtungen auf den Scheiterhaufen aus wissenschaftlichen Büchern, die in der neuen Welt keinen Wert mehr hatten. Eine Welt, in der es sehr bald sehr viele Scheiterhaufen geben würde.
   Der Glaube kehrte zurück und brachte das Feuer.
   Ihre Gebete waren so laut, dass nicht einmal Villon selbst seine Schreie hörte, die er ausstieß, als die Flammen nach seinem Körper griffen und ihn zu verzehren begannen.
   Sebing strahlte, als sich der Ungläubige in eine Feuersäule verwandelte. Die Wärme des Feuers berührte sein Herz, seine Seele und die seiner Brüder und Schwestern.
   Nur noch kurze Zeit, dann würden sie ihre Mission beendet haben. Der Atem Gottes würde als erlösender Wind über die Welt wehen und ihr den Glauben zurückbringen.
   Dieser Gedanke machte ihn unendlich glücklich.

© 2004 by Thorsten Küper
Lektorat: Hannes Riffel
Entnommen aus: Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Der Atem Gottes und andere Visionen 2004 (Berlin: Shayol, 2004)

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Originalausgabe
Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Der Atem Gottes und andere Visionen 2004
(Berlin: Shayol-Verlag, 2004) 3-926126-42-6 Bestellen
252 Seiten
Siehe auch
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21.05.06 • 10.06.06