Wie der eisige
Atem eines zornigen Gottes traf ihn der Fahrtwind, drang in die winzigen Öffnungen seiner
Kleidung, bahnte sich sogar einen Weg unter den Helm und ließ seine Augen tränen. Über
Villon erstreckte sich ein unglaublich klarer Sternenhimmel, wie man ihn selbst hier nur
in einer unendlich schwarzen und kalten Nacht erleben kann. Den Scheinwerfer konnte er
nicht einschalten, sonst hätte man ihn bereits von weitem sofort gesehen. Trotzdem trieb
er das ATV mit Höchstgeschwindigkeit über die endlose Ebene. Das grüne Bild, das das
Nachtsichtgerät lieferte, war trügerisch, enthüllte Hindernisse wie größere
Felsbrocken oder den Kadaver eines Wildpferdes oft erst in letzter Sekunde. Nur die
Vibrationen des Lenkers unter seinen Händen verrieten, wie zerklüftet der Untergrund
wirklich war. Mehr als einmal verriss eine Bodenwelle die Vorderräder, und es gelang ihm
nur mit Glück, die Kontrolle über die Maschine zurückzuerlangen.
Ódádhahraun war eine unwirkliche Landschaft. Eines der größten
Lavafelder der Erde, zurückgeblieben nach einem gewaltigen Vulkanausbruch. Früher ein
Ort, an den Straftäter verbannt wurden, heute das ideale Gebiet, um Wissenschaftler wie
ihn in eine Art Forschungsexil zu schicken. Etwas anderes als eine Verbannung war es nicht
gewesen. Eine Sklaventätigkeit im Dienste anonymer Profiteure. Parasiten, die sich an den
Früchten seiner Arbeit nährten, ihm jedoch jede Anerkennung verweigerten. Ein
Forschungsgebiet wie das seine verurteilte einen Wissenschaftler zur Namenlosigkeit.
Fachzeitschriften erwähnten seine Person niemals, wohl jedoch seine Ergebnisse. Ganz
gleichgültig wie brillant diese auch waren, ihm würde dafür niemals jemand die Hand
schütteln, geschweige denn eine angemessen hohe Überweisung auf sein Konto tätigen.
Ja, Villon hatte keine Zweifel an der Richtigkeit seines Entschlusses.
Die hatte er nie. Zu lange hatte er seine Fähigkeiten in den Dienst des Konzerns gestellt
jetzt war es an der Zeit, die Ernte einzubringen. Er würde seinen Kunden nur die
CD zeigen müssen. Das würde sie überzeugen. Zumindest wenn es ihm gelang, sich
durchzuschlagen.
Sebing hatte ihm zwar keinen Strich durch die Rechnung gemacht, ihn aber
immerhin gezwungen, viel früher zu fliehen als ursprünglich geplant. Lange vor dem
verabredeten Zeitpunkt, an dem sie ihn nahe der Station abholen sollten. Also blieb ihm
nichts anderes übrig, als so nah wie möglich an die Küste zu kommen. Bevor die Jäger
des Konzerns die Suche nach ihm aufnahmen.
Er hatte den Gedanken noch nicht beendet, als er den Sog spürte. Ein
Blick über die Schulter offenbarte eine seltsame sternlose Fläche direkt über ihm. Ein
riesiger Umriss zeichnete sich am Himmel ab.
In einem absurden Fluchtversuch gab er Vollgas. Der scharfe Schmerz
holte ihn mühelos ein, grub seine Krallen tief in seine Schulter. Von dort breiteten sich
Wärme und Taubheit in seinem ganzen Körper aus, raubten ihm das Gefühl in Armen und
Beinen. Villon schwanden die Sinne, noch bevor das Vorderrad des ATV gegen einen Felsen
prallte und die Maschine sich überschlug. Während sein Körper einige Meter weit durch
die Luft segelte, erfüllte die schwarze Nacht bereits seinen Kopf.Er wankte durch die
verwischte Realität eines weißen Korridors, dankbar für die Nachwirkungen des
Betäubungsmittels, die zwar seine Glieder schwer werden, ihn aber auch endlich zur Ruhe
kommen ließen. Ein Mann ging voraus, ein anderer folgte ihm. Sie drängten ihn nicht,
stützten ihn lediglich, wenn seine Knie nachgaben. Endlos lange Korridore wie diese waren
über Jahre hinweg Villons Heimat gewesen. Weißes künstliches Licht war für ihn zu
Sonnenlicht geworden. Doch unter den langsam nachlassenden Nachwirkungen des
Betäubungsmittels wirkten diese Korridore schräg, schienen die Fluchtlinien nicht mehr
nur scheinbar zusammenzulaufen. Vielmehr war es, als würde der Gang wirklich enger, als
hätte ein Architekt hier einen surrealen Entwurf in ein reales Gebäude umgesetzt.
Die offenen Türen zu beiden Seiten des Korridors, hinter denen sich
Büros und kleine Labors verbargen, erschienen ihm wie Löcher im Beton, die bizarre
Kreaturen in die Wände gegraben hatten. Im Vorbeigehen glitt sein Blick über die
spärliche Einrichtung eines der Büros, in dem sich ein Mann im weißen Hemd mit Krawatte
darum bemühte, Akten zu stapeln. Hinter sich hatte er bereits mehrere Türme aus Büchern
aufgeschichtet. Kurz hielt er in seiner Tätigkeit inne, betrachtete seinerseits den
verschmutzten Mann zwischen seinen hoch gewachsenen Begleitern. Villon meinte etwas wie
Furcht oder Zorn in diesem Blick zu lesen und musste lächeln, als er das Zimmer hinter
sich gelassen hatte. Statt Türen folgten zur linken und rechten nun eine ganze Reihe von
Fenstern. Sie mussten sich in einem der brückenartigen Übergänge zwischen den vier
Gebäuden befinden, die sich wie die Ecktürme einer Festung in den Himmel erhoben. Im
Verlauf seiner Arbeit war er in den letzten Jahren etwas öfter als ein Dutzend Mal in der
Konzernzentrale gewesen. Meistens hatte man ihn bei seinen wenigen Aufenthalten behandelt
wie einen Star.
Die meiste Zeit hatte er jedoch oben in Island in Komplex 8 verbracht.
Rotes Dämmerungslicht legte sich immer dann warm auf seine Haut, wenn
er an einem der nach Osten gewandten Fenster vorbeiging. Gerade stieg die Sonne über
bewaldeten Hügeln auf ein Anblick, der nicht nur wunderschön, sondern erfreulich
real war. Er beschloss, dass es ihm von Minute zu Minute besser ging.
Kurz hinter der Brücke begegneten sie einer blassgesichtigen, mit ihrem
kurz geschnittenen Haar fast unfeminin wirkenden Frau mit einem riesigen Stapel Bücher
auf dem Arm. Dieses Mal war er sich sicher, dass ihr Blick nicht furchtsam, sondern zornig
war. Er drehte sich nicht um, um herauszufinden, ob es sich nur so angehört hatte oder ob
sie wirklich ausgespuckt hatte, nachdem sie an ihm vorbeigegangen war.
Schließlich führten sie ihn in einen der großen Räume, wie er sie
aus zahlreichen Konferenzen kannte. Eine hohe Wand für Projektionen, Plasmadisplays mit
Keyboards, die vor jedem Sitzplatz in die Tischplatte eingelassen waren und hochgeklappt
werden konnten. Der Projektionsfläche gegenüber erstreckte sich eine Wand aus schwarzem
Glas. Zur anderen Seite hin war sie lichtdurchlässig, wie Villon wusste. Dort hielten
sich üblicherweise Berater und Psychologen auf, die die Konferenzteilnehmer aufmerksam
beobachteten und ihre Analysen an die Konzernleitung übermittelten. Bei der Aushandlung
von Verträgen waren diese unsichtbaren Berater besonders wichtig, denn sie konnten
entscheidende Hinweise darauf geben, ob Verhandlungspartner etwas verschwiegen oder wie
man sie effektiv in die Enge treiben konnte.
Heute würden sie hier Villon verhören. Zwar sprachen sie ihm
gegenüber nur von einer Befragung, aber letztendlich war das nichts anderes als ein
Verhör. Er wusste das und sie wussten, dass er es wusste.
Ohne zu zögern, nahm Villon am Kopf des Konferenztisches Platz,
gegenüber der Glaswand. Schließlich ging es um ihn. Er war die Hauptfigur. Sollten sie
ihn ruhig anstarren, all die Experten auf der anderen Seite. In gewisser Weise wollte er
ihnen ins Gesicht lachen.
Keine Minute später betrat der andere Mann den Raum. Hochgewachsen und
in einem Anzug, wie er für den Konzern üblich war, nahm er Platz, nicht ohne sich jedoch
vorher seines Jacketts zu entledigen. Es würde lange dauern, aber das hatte Villon
gewusst.
»Wie geht es Ihnen, Dr. Villon?«, erkundigte er sich ungewöhnlich
leise, wobei er eine Akte auf den Tisch legte, dann das Plasmadisplay aus der Tischplatte
herausklappte, ohne den Angesprochenen auch nur eines Blickes zu würdigen. »Es war
leider nötig, Ihnen eine hohe Dosis zu verabreichen«, führte er weiter aus, ebenso
leise, während er einige Dateien aufrief. Dann endlich richtete er den Blick auf Villon.
Er war etwa Ende Dreißig, hatte dünnes dunkles Haar und trug eine abgerundete Brille,
wie sie zu einem jungen Studenten gepasst hätte. Sein grauer Dreitagebart fiel an den
Wangen ebenso spärlich aus wie sein Haupthaar. Er musste Außergewöhnliches geleistet
haben, wenn man ihn mit der Untersuchung der Ereignisse in Komplex 8 betraut hatte.
Villon lächelte. »Verabreichen? Das klingt, als hätten Sie mir ein
Beruhigungsmittel in den Tee gemischt. Ihre Leute haben mich mit einem
Betäubungsprojektil niedergeschossen wie ein Tier.«
In seinem betont leisen Tonfall fragte der andere lediglich: »Wieso
sind Sie vor uns geflohen, Dr. Villon?«
Der betrachtete seine eigenen Hände. »Wie heißen Sie?«
»Wenn Ihnen das unser Gespräch erleichtert. Mein Name ist Merz.«
»Wir können uns den ganzen Aufwand sparen, Herr Merz. Komplex 8
besteht nur noch aus einem rauchenden Loch im Boden.« Er zwinkerte dem jüngeren Mann zu.
»Ich könnte Ihnen allerdings die Daten anbieten.«
Eine Falte wie eine Spitze in einem Diagramm huschte über Merzs Stirn.
»Das führt uns zu der Frage zurück, wieso Sie geflohen sind.«
»Ich hatte Angst um mein Leben«, erklärte Villon lächelnd.
»Plötzlich hing dieses Ding über mit. Sind Sie schon mal mit den Waffensystemen eines
Comanche konfrontiert worden?« Der Helikopter war plötzlich da gewesen. Hätte er den
ursprünglichen Zeitplan einhalten können, wäre er von einem anderen Hubschrauber
abgeholt worden, bevor ihn das Ding aufgespürt hatte. Sebing hatte seine Pläne
durchkreuzt.
»Und wieso hatten Sie Angst? Schließlich waren Sie aus Komplex 8
entkommen. Als einziger Überlebender.«
Villon fuhr sich mit der Hand durch das fettige zerzauste Haar. Er hatte
bislang noch keine Gelegenheit erhalten zu duschen. »Ich habe meine Aufgaben erfüllt,
wie man es von mir erwartete. Dass ich noch am Leben bin, ist nichts weiter als ein
Zufall.«
»Vor rund neun Stunden hatten wir zum letzten Mal Kontakt mit Komplex
8. Gestern am 16. Mai, um exakt 21.36 Uhr. Eine Satellitenaufnahme zeigt einen Ausbruch
von Wärmestrahlung, und zwar um 0.52 Uhr genau auf der Position von Komplex 8. Offenbar
wurden zu diesem Zeitpunkt mehrere Hochtemperaturladungen gezündet, die das Gebäude
ausgebrannt haben. Dabei sind nach unseren bisherigen Ermittlungen alle siebzehn
Mitarbeiter getötet worden. Mit Bestimmtheit können wir das aber nicht sagen, denn bei
Zündung einer HT-Ladung verbrennen sogar Knochen. Nummer Achtzehn wären Sie gewesen.«
Er nickte in Richtung der Projektionsfläche. Dort erschienen Bilder der ausgeglühten
Ruinen von Komplex 8. Von außen war das Labor nicht als ein solches erkennbar
gewesen. Die beiden unterirdischen Ebenen waren unter einem alten Landhaus verborgen
gewesen, wie es für die isländische Landschaft üblich war. Doch das Haus war
verschwunden. Geblieben war nicht mehr als ein schwarzer Krater am Fuße eines
grasbewachsenen Hügels.
Auf seltsame Weise faszinierend waren die Aufnahmen des Innenbereichs.
Die ehemals weißen Korridore hatten sich in die geschwärzten Kamine eines gewaltigen
Brennofens verwandelt.
Es gab keine Leichen, nur Asche.
Die bedeutsamste Frage von allen sprach Merz besonders leise aus. »Wie
ist es dazu gekommen?«
»Es wurde notwendig.«
»Haben Sie die Explosionen herbeigeführt?«
Villon nickte und machte eine beiläufige Handbewegung. »Es hätte
Ihnen missfallen, wenn ich es nicht getan hätte.«
»Mit anderen Worten: In Komplex 8 ist es zu einem Zwischenfall
gekommen, der die Desinfektion des Gebäudes notwendig machte?«
»Bedauerlicherweise.«
»Haben Sie darüber entschieden? Über siebzehn Menschenleben?«
Villon kratzte seinen Hals, der vom angeklebten Schweiß juckte.
»Soweit ich weiß, unterschreiben unsere Mitarbeiter eine Klausel, die eine
Entschädigung an ihre Familien in einem solchen Fall ausschließt. Ihnen war also
durchaus bewusst, dass so eine Situation eintreten kann.«
»Es ist nicht das erste Mal, Dr. Villon, dass Sie in einen derartigen
Fall verwickelt sind.«
Er nickte in Richtung der Projektionswand, doch Villon drehte sich nicht
um. Es waren die alten Aufnahmen von sterbenden Körpern. Kameras hatten den Todeskampf
seiner sechs Mitarbeiter aus einem Dutzend verschiedener Richtungen dokumentiert. Diese
Bilder waren ihm bei der damaligen Untersuchung mehr als einmal gezeigt worden. Der
Anblick von Leibern, die von schwärenden, aufplatzenden Wunden übersät waren, hatte
für ihn jeden Schrecken verloren, genauso wie die entsetzten, schmerzerfüllten Gesichter
seiner sterbenden Mitarbeiter. Zuletzt war Blut aus ihren Augenwinkeln gelaufen. Der
größte Beitrag, den die sechs mit ihrem bescheidenen Talent jemals zur Wissenschaft
hatten leisten können.
Villon sah sich die Aufnahmen nicht noch einmal an, betrachtete
stattdessen übertrieben lang den Schmutz unter seinen Fingernägeln. Blutige Hautreste,
die er von seiner schmutzigen Haut gekratzt hatte. »Wann immer die Erträge meiner Arbeit
Ihnen Profite einbringen, werden die notwendigen Opfer erstaunlicherweise nicht
hinterfragt«, erklärte er. »Die Männer und Frauen damals wussten nur zu gut, was wir
dort unten in Ecuador suchten. Es gehört zu unserem Job, dieses Risiko zu akzeptieren.
Wenn Sie von uns erwarten, dass wir im unerforschten Regenwald unbekannte Viren von
Baumrinden kratzen, kann es schon mal passieren, dass sich jemand einen Schnupfen holt.«
Merz hatte einen Ellbogen auf die Stuhllehne gestützt und die Hand ans
Kinn gelegt. Eine Weile betrachtete er ihn schweigend. »Sie steigern sich, Villon. Damals
waren es sechs. Diesmal sind es schon siebzehn. Wie viele werden es beim nächsten Mal
sein?«
»Sie suchen jemandem, dem Sie die Schuld zuschieben können, aber da
sind Sie bei mir falsch. Ich würde jetzt gerne duschen.«
»Später.« Merz tippte etwas auf seinem Keyboard ein. »Ich möchte,
dass Sie mir nun schildern, was gestern da unten geschehen ist.«
»Nun, am späten Nachmittag gab es Kontaminationsalarm auf Sublevel 2.
Daraufhin wurde die gesamte Ebene isoliert, wie das für einen solchen Fall vorgeschrieben
ist.« Isoliert, das bedeutete nicht einfach nur, dass man die Ebene komplett abdichtete.
Es bedeutete auch, dass nichts und niemand sie verlassen konnte. Die Isolation bedeutete
das Todesurteil für alle Personen die sich dort befanden.
»Und wie genau ist es dazu gekommen?«
Villon faltete die Hände auf seinem Bauch. »Ein solcher Alarm wird zum
Beispiel dann ausgelöst, wenn ein Feuer ausbricht, eine der Unterdruckschleusen sich
durch einen technischen Defekt öffnet und der Druck in einem Kernlabor ansteigt, oder ein
Fenster zerbricht. Dieser ist allerdings manuell ausgelöst worden. Durch eine
Mitarbeiterin auf dem betroffenen Level.«
»Und weswegen?«
»Das war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar. Also habe ich versucht,
Kontakt mit dem Team aufzunehmen.«
»Was haben die ihnen berichtet?«
Villon hob die Achseln. »Nichts, es war nicht möglich, jemanden an
einen der Terminals zu holen. Den Aufzeichnungen der Kameras und Mikrofone zufolge
herrschte da unten Panik.«
Merz betätigte eine Taste auf dem Keyboard, sein Blick richtete sich
auf die Projektionswand. Villon drehte sich ebenfalls um. »Das sind einige der
Aufzeichnungen, die sie auf CD bei sich getragen haben.«
Die erste Aufnahme stammte aus dem einer Arena ähnelnden zentralen
Labor. Sie zeigte eine Gruppe von acht Wissenschaftlern, die sich auf einen Punkt des
Raumes konzentrierte. Ein größerer Mann redete nervös gestikulierend auf die Anwesenden
ein. Trotz seiner Bemühungen, beruhigend auf das Team einzuwirken, entfernte sich
plötzlich eine Frau aus der Gruppe und betätigte den Alarmschalter an der Tür.
»Jetzt löst sie den Alarm aus«, erläuterte Merz
überflüssigerweise. »Können Sie uns erklären, was vorher passiert ist?«
Villon grinste schief. »Dilettanten bei der Arbeit?«
Merz markierte mit dem Mauszeiger den Kopf des großen Mannes, der
versuchte, die Gruppe zu beruhigen. »Bei Dr. Sebing kann kaum von einem Dilettanten die
Rede sein.«
»Aber Ihnen ist schon aufgefallen, dass Ihr hochgeschätzter Dr. Sebing
da gerade versucht hat, das Auslösen des Alarms zu verhindern, obwohl diesen Leuten
offensichtlich klar ist, dass die Gefahr einer Kontamination bestand?«
»Das deutet doch vielmehr daraufhin, dass er wusste, dass
grundsätzlich keine Gefahr von der Situation ausging.«
»Hören Sie, es tut mir ja ausgesprochen Leid, dass ich mit Sebing
ausgerechnet einen der Gründer dieses Konzerns abgefackelt habe, aber es wäre ziemlich
unangenehm für uns alle geworden, wenn der jetzt fröhliche Liedchen pfeifend durch
irgendwelche Flughafenterminals marschieren und aus Touristen biologische Bomben machen
würde. Ganz davon abgesehen: Die späteren Aufnahmen beweisen doch ganz eindeutig, dass
eine Kontamination des Labors vorlag.«
»Selbst wenn Sie Recht haben, bleibt die Frage, ob eine Desinfektion
von Komplex 8 nötig war. Isolation und Quarantäne hätte doch völlig ausgereicht. Sie
hätten Kontakt mit uns aufnehmen müssen.«
»Hätte ich getan, wenn das noch möglich gewesen wäre.« Villon trat
an eines der hohen Fenster. Von hier aus konnte er direkt auf die Verbindungsbrücken
zwischen den beiden gegenüberliegenden Gebäuden sehen. Ameisenarbeiterinnen gleich
bewegten sich Mitarbeiter von einem Block zum anderen und trugen dabei Möbel, Aktenstapel
und Bücher vor sich her. Offenbar zogen einige Abteilungen um. »Sebing hat die
Verbindung nach außen gekappt. Und dann hat er mich gezwungen, die Zündung auszulösen.
Sehen Sie sich doch die weiteren Aufzeichnungen an.«
»Die hier?«
Villon drehte nur den Kopf zur Seite und betrachtete die flimmernden
Bilder an der Wand. Die Ansammlung von Wissenschaftlern hatte sich aufgelöst. Einzelne
Personen bewegten sich durch die Korridore, gingen jedoch nicht zielstrebig, wie sie es
üblicherweise taten, wenn man sie durch die Überwachungskameras beobachtete. Sie
schienen plötzlich Neulinge in einer ihnen fremden Umgebung zu sein, irrten langsam herum
wie Patienten eines Altenheimes, die an Demenz litten und ihre Zimmer suchten. Oder sie
verharrten auf einem Punkt, starrten mit glasigem Blick zur Decke oder lächelten in sich
hinein. Andere sprachen mit sich selbst, manche wild gestikulierend, andere in geduckter
Haltung. In einigen der Aufnahmen tauchte dieselbe Frau auf, die auch den Alarm ausgelöst
hatte. Sie bemühte sich mit ausladenden Gesten, ihre Kollegen zu beruhigen. Aber die
schienen sie nicht mal dann zu bemerken, wenn sie direkt vor ihnen stand. »Das sind
verängstigte Menschen. Wo sehen Sie Anzeichen für eine Verseuchung?«
Villon nickte in gespielter Einsicht. »Ja, jetzt fällts mir auch
auf. Die sind taufrisch, nur ein bisschen debil.« Humorlos auflachend fügte er hinzu.
»Spulen sie doch weiter und Sie werden sehen, was Ihre gesunden Mitarbeiter gleich für
eine nette Party veranstalten.«
»Es gibt keine weiteren Aufnahmen.«
Villon fuhr herum. »Natürlich gibt es die, wir beide wissen, dass wir
nonstop aufzeichnen.«
»Das ist alles, was wir haben.«
Villon starrte Merz an. »Analysieren Sie die CD, die Aufzeichnungen
müssen da sein. Keine zwei Stunden nachdem der Alarm ausgelöst wurde, war da unten die
Hölle los. Sinnlose Raserei, Hysterie, Autoaggressionen, das volle Programm. Ich wusste,
dass ich die Ladungen zünden musste, es war eindeutig.«
Merz musterte ihn schweigend.
Die aufgesetzte Ruhe dieses jungen Tölpels provozierte Villon, und
einen Augenblick lang wurde er laut. »Hören Sie, die haben da unten eine Kollegin
geradezu hingerichtet.«
Er erinnerte sich daran, mit angesehen zu haben, wie dieselbe Frau, die
den Alarm ausgelöst hatte, später vergeblich versuchte, die Wissenschaftler zu
beschwichtigen. Sie wurde niedergemetzelt. Nicht, dass sie ein Verlust für die
Wissenschaft gewesen wäre. Ihr Tod war jedoch ein wichtiges Indiz für seine Unschuld.
Doch ohne die CD war sein Wissen wertlos. War sie draußen auf der Flucht beschädigt
worden? Solche Datenträger waren fast unzerstörbar, außerdem hatte er sie in einer
sicheren Box transportiert. Etwas musste beim Abspeichern schief gelaufen sein. »Sie
verpassen eine tolle Show, das kann ich Ihnen verraten. Ich meine, es waren nicht nur
Halluzinationen und Visionen, die Sie überkamen. Sie sind in eine Art Wahn verfallen.«
»Sie behaupten, Sebing hat die Verbindung nach außen gekappt. Soweit
ich weiß, ist das von unten aus unmöglich.«
»Er konnte es.«
»Ich verstehe.« Merz Miene ließ keinen Zweifel darüber zu, dass er
Villon keinen Glauben schenkte. »Welche Art von Virus war das?«
Villon grinste. »Etwas Neues
nein, eigentlich etwas Altes. Sehr
bösartig in seiner Wirkung. Und ideal für eine militärische Nutzung. Es wird durch die
Luft übertragen.«
»Stand der Virus im Zusammenhang mit dem Leichnam, der aus der
Tschechoslowakei in Komplex 8 überführt wurde?«
Villon zwinkerte. »Warum sprechen Sies nicht aus? Wir haben das
Ding von Grabräubern aus einer Kirche holen lassen. Ja, genau darum geht es. Sebing und
ich verfolgten eine Theorie, die wir für viel versprechend hielten. Und wir hatten
Erfolg.«
»Und was hat die sechshundert Jahre alte Leiche eines Bischofs mit
einem Designer-Virus zu tun?«
Villon schüttelte den Kopf. »Der alte Knabe war dank der Mumifizierung
ziemlich frisch für sein Alter, und er stammte genau aus der richtigen Epoche. Im
Übrigen ist das Virus nicht designet worden. Identifiziert, ja, und dann isoliert,
analysiert und reproduziert. Und schließlich dummerweise freigesetzt. Was für ein
Pech.« Er lachte auf. »Die gute Nachricht ist, dass es genau das tut, war wir gehofft
haben.«
»Auf was für eine Theorie beziehen Sie sich da?«
»Sie stammt von einem Engländer namens Vernon Kramer. Er hat das
Auftreten religiösen Wahns, beispielsweise in Gestalt von Hexenverbrennungen, statistisch
untersucht und behauptet, die Ausbreitung solcher Ereignisse verlaufe nach einem
ähnlichen Muster wie die von Seuchen. Er hält sie schlicht und ergreifend für Symptome
einer Infektion durch einen noch unbekannten Virus. Dem Vatikan gefällt diese Idee ganz
und gar nicht. Aber wir haben eben dieses Virus im Körper des Bischofs entdeckt, der in
einer Epoche besonders häufiger Fälle religiöser Hysterie lebte.«
Zu Villons Erstaunen schien Merz die Theorie Kramers nicht weiter zu
interessieren. Der Mann folgte mit der Fingerspitze dem Profil seines vorstehenden Kinns,
während er ins Leere starrte. »Selbst wenn es unten zu einer Infektion gekommen sein
sollte, wäre eine Quarantäne eine völlig ausreichende Maßnahme gewesen.«
»Dem würde ich zustimmen, wenn der allseits hochverehrte Dr. Sebing
sich seinerseits an die Vorschriften gehalten hätte. Kommt es zu einer Kontamination,
wird die Ebene isoliert. Jeder kannte diese Vorgehensweise. Jeder wusste, dass er unten im
Labor eingeschlossen wird, wenn das passiert. Aber Sebing hat seinen Einfluss als
Konzernchef missbraucht. Er hat in die Kamera gegrinst und dann sein Superpasswort
eingegeben.«
Merz legte die Stirn in Falten. »Was für ein Superpasswort?«
»Niemand außer ihm hat diese Systemhintertür gekannt, sie war sein
persönliches Privileg, falls er da unten einmal eingeschlossen werden würde. Ein
Passwort, mit dem die Isolation von innen aufgehoben werden konnte. Und es hat ihm
ebenfalls ermöglicht, von unten die Kommunikation nach außen abzuschalten, bevor jemand
hier bemerkte, was da vor sich ging.«
»Und als sie feststellten, dass das ihrer Ansicht nach nun infizierte
Team nach oben zurückkehren konnte, haben sie per Zeitschaltung die Explosionen
ausgelöst.«
»Wir hätten ein Problem, wenn auch nur einer von ihnen es geschafft
hätte, da rauszukommen.«
Merz zog einen Mundwinkel hoch. Es sah aus wie der vergebliche Versuch
eines Mannes, dessen halbes Gesicht gelähmt war, zu lächeln. »Sie meinen, Sie
wären erledigt gewesen, wenn die Sie in die Finger bekommen hätten. Letztendlich haben
sie doch den Unfall und die Kontamination unten im Labor verursacht.« Er deutete auf die
Projektionsfläche.
Dort konnte Villon nun die Aufzeichnungen einer anderen Kamera im
zentralen Labor verfolgen, die aufgenommen worden waren, kurz bevor die Panik ausbrach.
Ein Mann und eine Frau in weißen Kitteln deuteten bestürzt auf eine Stelle am Boden.
Merz zoomte den Bereich heran. Dank der hohen Auflösung der Kamera war der zerbrochene
Probenbehälter deutlich zu erkennen. »In diesem Augenblick, Dr. Villon, bemerken Ihre
Kollegen den zerplatzten Behälter. Und der befindet sich nicht mal im Kernbereich des
Labors, der nur mit Schutzanzügen betreten wird, sondern im davor liegenden
Vorbereitungsraum, in dem sich das Team umzieht. Diese Leute hatten keine Chance.«
»Wie kommen Sie darauf, dass ausgerechnet ich den Behälter dort
deponiert haben soll.«
»Alle achtzehn Mitarbeiter befinden sich üblicherweise auf Sublevel 2.
Nur einer fehlt, und das sind Sie. Über die Stunden davor beinhalten die Aufzeichnungen
auf Ihrer CD keine Informationen. Wir nehmen an, dass Sie vorsorglich die Kameras
abgeschaltet haben, bevor Sie selbst in einem sicheren Schutzanzug die Falle für Ihre
Kollegen deponiert, dann die Dekontaminationsschleuse vor dem Aufzug aufgesucht und so
verhindert haben, dass das Virus nach oben gelangt.«
Villon grinste bitter. »Warum sollte ich etwas derart Scheußliches
tun?«
»Weil das schon Ihre Vorgehensweise in Ecuador war. Sie benötigen eine
menschliche Testgruppe. Also benutzen Sie skrupellos Ihre Kollegen. Je mehr Personen im
Laufe dieses Tests auf das Virus reagieren, umso überzeugender ist die Vorführung.«
»Sie verfügen über eine blühende Phantasie, Merz«, entgegnete
Villon. Er war sich seines selbstgefälligen Grinsens bewusst, als er sich lebhaft daran
erinnerte, wie er, während seine Kollegen noch schliefen, im Schutzanzug das Virus in den
Wassertank ihres Containers in Ecuador injiziert hatte.
»Sie sind vor uns geflohen.«
»Hätte ich auf Sie warten sollen? Ich wusste, dass das hier kommt und
ich mag keine Verhöre.«
»An wen wollten Sie Ihre Erkenntnisse verkaufen, Dr. Villon? Und warum
haben die Sie nicht abgeholt?«
»Sie spekulieren nur. Das kann ich auch.« Er legte den Zeigefinger an
die Lippen und blickte zur Decke hinauf, als überkäme ihn eine besondere Erkenntnis.
»Wissen Sie, was ich seltsam finde? Bei diesem unschönen Aufstand im Iran vor zwei
Jahren
« Villon setzte einen gespielt verwirrten Gesichtsausdruck auf. »Also, ich
könnte schwören, die Symptome der Seuche, an denen die Aufständischen in Ihrem
Stützpunkt gestorben sind, sahen genau aus wie das, was sich mein Team damals in Ecuador
eingefangen hatte.« Villon zog sich einen Stuhl zu Merz heran, legte einen Arm auf den
Tisch und beugte sich vertraulich zu ihm vor. »Ich erkläre Ihnen mal was. Wir sind nicht
nur Wissenschaftler, wir sind auch Geschäftsleute. Mit meinen Erkenntnissen haben Sie,
Ihre Kollegen und ich und vor allem die Jungs da hinter der Glasscheibe eine Menge Kohle
verdient.« Er winkte und grinste dabei dämlich. »Aber dazu müssen wir Tests
durchführen. Da beißt ab und zu schon mal jemand ins Gras. Das ist tragisch, bringt uns
aber weiter. Also lassen Sie uns diese ganze Sache vergessen und sehen, was wir daraus
machen können. Ich kann ihnen den Bauplan für den kleinen Bastard anbieten, der in
Komplex 8 eine so beeindruckende Debütvorstellung gegeben hat.«
Merz schmunzelte plötzlich. »Also gut. Was ist so besonders an diesem
Virus?«
»Er löst religiöse Wahnvorstellungen aus. Epiphanie, religiöse
Verzückung. Visionen wie aus einem schlechten Religionsbuch für Schulkinder. Anscheinend
verankert das kollektive Bewusstsein bestimmte archetypische Vorstellungen in unseren
Köpfen. Sogar in denen von Wissenschaftlern wie Sebing. Das Virus setzt diese Bilder
frei. Wären sie nicht zu dämlich, eine CD anzuspielen, könnten sie hören, wie die
Leute unten im Labor den Herrn anbeten, den sie auf einem Monitor oder als Spiegelung in
einer Glasfläche zu erblicken glauben. Ihn oder die Mutter Gottes oder irgendeine
hinduistische Gottheit. Sie könnten sehen, wie sie sich mit erleuchteten Blicken selbst
geißeln oder auf den Knien durch die Korridore rutschen. Ich habe mit angesehen, wie sie
eine junge Frau mit einem Akkubohrer gekreuzigt haben, weil sie sie davon überzeugen
wollte, dass sie alle an Halluzinationen litten. Selbstverständlich funktioniert das
nicht nur bei Christen, sondern auch bei Moslems, Hindus, Buddhisten, was weiß ich. Wir
haben Kramers Theorie bewiesen.«
»Und was ist daran so besonders?«
»Was so besonders daran ist? Zunächst einmal doch wohl allein die
Vorstellung, dass wir den Beweis erbracht haben, dass Religion sozusagen eine ansteckende
Krankheit ist.« Villon lachte auf und glaubte eine Sekunde lang, eine Art Funkeln in
Merz Augen zu entdecken. War der junge Mann gläubig? »Finden Sie diese Erkenntnis
empörend? Aber denken Sie an den Nutzen, der sich daraus ziehen ließe! Stellen Sie sich
vor, Sie benötigen einen Grund, um in einen fundamentalistischen Staat einzumarschieren.
Kein Problem. Sie versprühen das Zeug, warten, bis die Bevölkerung in religiöse Raserei
verfällt und schicken dann Ihre Truppen ins Land aus humanitären Gründen
natürlich. Und denen bleibt dann natürlich nichts anderes übrig, als auf die
durchgeknallten Irren zu schießen. Diese Sucherei nach Gründen für den Einsatz von
Waffengewalt ist für einen Politiker doch immer eine lästige Angelegenheit, nicht
wahr?«
»Die Truppen infizieren sich dabei aber selbst.«
»Falsch. Natürlich verabreichen wir ihnen ein Gegenmittel.« Er musste
lächeln, als er sich daran erinnerte, wie er sich geimpft hatte. Sebing hatte ihm diesen
Selbstversuch untersagt, aber das hatte ihn nicht daran gehindert. »Außerdem
«,
führte er weiter aus, »
und das ist der nächste Vorteil: Die Wirkung des Virus
ist lokal begrenzt, denn im Laufe nachfolgender Generationen verliert es seine
Reproduktionsfähigkeit. Es stirbt ab. Das konnten wir in Tierversuchen nachweisen.«
»Nur nicht, ob er die von ihnen beabsichtigten Halluzinationen
auslöst, dazu benötigten Sie menschliche Testpersonen.«
Villon lächelte süffisant. »Bezeichnen wir den Zwischenfall in
Komplex 8 doch als Glück im Unglück. Hören Sie, und damit meine ich auch Sie, meine
Herren, da drüben hinter Glas. Wir alle wissen, dass unsere Auftraggeber großes
Interesse an einer biologischen Waffe wie dieser hätten. Und von mir bekommen Sie die
Bauanleitung für den kleinen Seelensaboteur, wie ich ihn getauft habe.«
Merz stützte die Ellenbogen auf den Tisch und legte beide Zeigefinger
an seine Lippen, so dass sie die Spitze eines Dreieckes bildeten.
»Sie besitzen bereits ein Gegenmittel?«
Villon begnügte sich mit einem gönnerhaften Nicken.
»Woher wissen wir, dass sie Ihre Daten nicht bereits an einen anderen
Kunden verkauft haben?«
»Dazu ist es nicht gekommen. Eigentlich wollte ich die Station erst
zwei Stunden später verlassen. Sebing hat durch den Einsatz seines Superpasswortes dafür
gesorgt, dass ich die Sprengung bereits viel früher einleiten musste. Da hat noch niemand
auf mich gewartet, und Sie haben mich vorher aufgegriffen.«
»Sie könnten längst die Dateien übermittelt haben.«
»Was glauben sie, wozu ich die Disk benötigt habe? Als Beweis
natürlich. Die Datei habe ich im Internet abgelegt, und meine Kunden hätten erst dann
Zugriff darauf erhalten, wenn ich mein Geld habe.« Villon betrachtete seine Fingernägel,
als seien sie Objekte größter wissenschaftlicher Bedeutung. »Aber es sieht ganz so aus,
als kämen wir nun ins Geschäft. Ich bin da flexibel. Lassen Sie mich gehen, zahlen Sie
mir eine kleine Summe, und Sie können über die Daten verfügen.«
Merz hatte sich weit zurückgelehnt und die gefalteten Hände auf seinen
Bauch gelegt, als hätte er gerade ausnehmend gut gespeist. Interessiert betrachtete er
einen Punkt auf Villons Stirn. Dann endlich wandte er sich in Richtung der Glaswand ab,
wobei er den rechten Zeigefinger in sein Ohr drückte.
Villon schmunzelte ebenfalls in Richtung ihrer unsichtbaren Beobachter.
Merz angedeutetes Nicken in deren Richtung entging ihm nicht.
Als Merz sich ihm wieder zuwandte, nickte er auch ihm mit gespitztem
Mund zu.
Ein rundlicher kleiner Mann, dessen blasse Glatze von einem hellblonden
Haarkranz eingerahmt wurde, betrat den Raum. Er deutete auf eine Reihe von
Nachschlagewerken, die ihm gegenüber an der Wand auf einem Rollwagen in einer Reihe
aufgestellt waren. Merz nickte ihm zu, und der Mann schob den Wagen aus dem Raum. »Moment
noch«, rief er und warf dem Mann Villons Akte zu.
Der hob die Brauen. »Wie darf ich das verstehen?«
Merz erhob sich. »Sagen wir, es ist doch nur in Ihrem Interesse, wenn
wir Ihre Akte schließen, oder?«
»Das heißt, Sie akzeptieren?« Im Grunde war Villon verblüfft
darüber, dass sie sein Angebot so schnell annahmen.
»Folgen Sie mir bitte.«
Als sie auf den Gang hinaustraten, gerieten sie in eine regelrechte
Prozession von Mitarbeitern, die Bücher- und Aktenstapel trugen.
»Sagen sie mal, ziehen hier sämtliche Abteilungen um?«
Merz ging ihm voraus zum nächsten Aufzug. Als er auf die Taste am
Schaltfeld drückte, erklärte er: »Sagen wir, wir verlagern gerade unsere
Prioritäten.«
Gemeinsam mit Merz und ihm betrat noch fast ein Dutzend weiterer Männer
und Frauen die Kabine. Ausnahmslos alle waren damit beschäftigt, Bücher und Unterlagen
zu transportieren. Er erwiderte ihre auf ihn gerichteten Blicke mit einem breiten Grinsen;
einer aristokratischen Blondine mit hochgeschlossener Bluse, im Widerspruch dazu aber viel
zu kurzen Rock, zwinkerte er provokativ zu. »Das wird noch ein richtig schöner Tag,
meinen Sie nicht auch?«
Niemand antwortete ihm.
Als sie den Aufzug im Erdgeschoss verließen, war er verblüfft über
die Anzahl von Personen, die unten in Richtung des Ausgangs drängten. Hemdsärmelige
Männer strömten aus Aufzügen und Treppenhäuser in Richtung des Ausganges zum
Innenbereich zwischen den vier jeweils dreißig Stockwerken hohen Gebäuden. Jeder von
ihnen trug irgendetwas Aktenordner, lose Papiere oder Bücher. Gemeinsam strebten
sie auf die Parkanlage zu, die zwischen den vier Gebäuden angelegt worden war.
Ameisen, dachte Villon, und fast bedauerte er all die kleinen Sklaven,
die ein befehlshöriges Dasein führen mussten. Er war keiner von ihnen, er stand über
ihnen, weil er die richtigen Entscheidungen traf, ganz gleichgültig, welche Konsequenzen
sie hatten. Sein Team oben in Komplex 8 war eine ideale Versuchsgruppe gewesen. Männer
und Frauen, ethnisch und religiös gut durchmischt. Und Sebing selbst war nichts weiter
als ein Parasit gewesen, der sich an Villons wissenschaftlicher Kompetenz nährte und ihm
später den Profit streitig gemacht hätte.
Der Weg führte um einen grasbewachsenen flachen Hügel, der an die
Landschaft Islands erinnerte, in der sich Komplex 8 befunden hatte. Dahinter verbreiterte
er sich zu einer Art Senke, in deren Mitte ein Teich lag, der von einer Art Zen-Garten
umgeben war. Doch die Muster, die sonst sorgfältig in den Sand geharkt wurden, waren von
tausenden von Fußabdrücken verwischt worden. Verwirrt betrachtete Villon den Anblick,
der sich ihm bot. Die Männer und Frauen strömten auf einen Hügel nahe der kleinen
Wasserfläche zu.
Aber es war keine natürlich Erhebung, und das verblüffte und
irritierte Villon. Vielmehr bestand der künstliche kleine Berg aus einer Aufschichtung
von abertausenden von Büchern und Ordnern, die mittlerweile zu einer stattlichen Höhe
von mindestens drei Metern angewachsen war. Er sah sich um und erkannte zu seinem
Erstaunen, dass man eine Gasse für ihn und Merz bildete, die um den Berg aus Papier
herumführte. Merz ging nach wie vor voraus, während Villon ihm zögerlich folgte, sich
der Blicke bewusst werdend, die aus Hunderten von Augenpaaren auf ihn gerichtet waren.
Zornige Blicke, hasserfüllte Blicke. Seine gute Laune wich Angst.
Und dann entdeckte er die hoch aufragende Gestalt, die ihn am anderen
Ende der Gasse erwartete.
Zwar war eine Hälfte des Gesichts unter dicken Verbänden verborgen,
doch allein schon seine alberne aristokratische Haltung verriet ihn.
»Sebing«, flüsterte Villon, dessen Angst in Entsetzen umschlug. Sie
hatten ihn offenbar in der Nähe von Komplex 8 aufgefunden. Ihn dann hierher gebracht.
Villon fuhr herum, wollte davonlaufen. Doch hinter ihm hatte sich die Gasse längst
geschlossen, drängte sich ihm die Menge entgegen. Die Hände zum Gebet gefaltet,
kollektiv murmelnd.
Sie beteten ein Vater Unser.
»Ich möchte ihnen danken, Dr. Villon.«
Er fuhr zu Sebing herum, der ihn anlächelte, öffnete den Mund, brachte
keinen Ton heraus. Der Bastard hatte es geschafft herauszukommen. Irgendwie. »Wie sind
sie
«
»Haben sie ernsthaft geglaubt, es gäbe keinen Notausgang? Was nützt
ein Superpasswort, wenn man von oben aus in die Luft gesprengt werden kann?« Sebing stand
auf einer Art Podest, dass man ebenfalls aus Büchern aufgeschichtet hatte. »Ich möchte
ihnen dafür danken, dass sie mir die Augen geöffnet und mir den Weg zu Gott gewiesen
haben. Es war eine einzigartige Erfahrung. Der Herr offenbarte sich mir und
«
Sebing schien nach den angemessen Worten zu suchen. »Es war eine so tiefe Offenbarung, es
war unglaublich. Gott zeigte sich mir in seiner Schöpfung selbst, im göttlichen Bauplan,
der viel mehr ist als nur die Struktur der DNA
«
»Es sind Halluzinationen!«, brüllte Villon. »Nichts weiter als die
Wirkung eines Neurotoxins auf höhere Hirnregionen.« Hinter ihm verwandelte sich das
einförmige Gebet in ein anschwellendes Murmeln, und er spürte, wie der Raum um ihn enger
wurde. Einige Männer wollten auf ihn zustürzen, doch Sebing beschwichtigte sie mit einer
Handbewegung. »Sie haben hier jeden infiziert, ist Ihnen das klar?«
»Er ist ein Ketzer«, zischte Merz. »Sie hatten Recht, er ist
ungläubig. Ein Gottloser und ein Mörder.«
»Ich
« Villon hob abwehrend die Hände. »Nein, ich würde nie
«
Sebing hielt ein Diktiergerät in die Höhe, startete die Aufnahme
darauf. Im nächsten Augenblick lauschte Villon seinen eigenen Worten. »
dass wir
den Beweis erbracht haben, dass Religion sozusagen eine ansteckende Krankheit ist
aber dazu müssen wir Tests durchführen. Da beißt ab und zu schon mal jemand ins Gras.
Das ist tragisch, bringt uns aber weiter. Also lassen Sie uns diese ganze Sache vergessen
und sehen, was wir daraus machen können
hören Sie, es tut mir ja ausgesprochen
Leid, dass ich mit Sebing ausgerechnet einen der Gründer dieses Konzerns abgefackelt
habe.«
Sebing lächelte mitleidsvoll auf ihn herab. »Diese Aufzeichnungen
beweisen es. Er ist ein Ungläubiger und ein Mörder, der unsere Kollegen getötet hat und
auch mich ermorden wollte. Aber ohne es zu wollen, hat er mir und uns damit den Weg zu
Gott geöffnet. Und deswegen schulden wir ihm die Chance, sich von seiner Schuld zu
reinigen.« Er beugte sich zu Villon herunter. »Du wolltest mich mit Feuer töten. Ist es
nicht eine Ironie, dass dasselbe Feuer auch die Sünden von deiner Seele waschen kann? Nur
wenige Sekunden des Leids, dann bist du auf ewig frei von Schuld.«
Villon riss die Augen auf, als er begriff, was ihm blühte als er
verstand, welchem Zweck dieser Berg aus Büchern diente. Die Erkenntnisse in ihnen hatten
jede Bedeutung verloren in einer Welt, die allein Gott geweiht war. Nun gaben sie einen
perfekten Scheiterhaufen ab.
»Wie Sie sich vielleicht erinnern, Dr. Villon, besitze auch ich den
Bauplan für das Virus. Er ist der Atem für die Stimme Gottes.« Auf sein Handzeichen hin
ergriffen mehrere Männer Villon und drängten und zogen ihn den Bücherberg hinauf zu
einer Holzkonstruktion aus Möbelresten, an die sie ihn mit Isolierband und Nylonfäden
fesselten.
Unten hob Sebing die Arme, als wäre er der Empfänger einer göttlichen
Vision. »Mit dem Atem Gottes werden wird den Glauben hinaus in die Welt tragen. Eine
neue, bessere Welt, frei von Hass und Unglaube.«
Villon zerrte an seinen Fesseln, erreichte jedoch nicht mehr, als dass
sie sich tief in sein Fleisch gruben. Unter ihm gossen Männer und Frauen Alkohol und
Benzin über die Bücher. Spritzer der stechend riechenden Flüssigkeit benetzten seinen
Körper, sein Gesicht.
Sebing lächelte milde zu ihm empor. »Gleich bist du frei von Schuld!«
Und dann nickte er der Menge zu. Brennende Papierbälle regneten aus allen Richtungen auf
den Scheiterhaufen aus wissenschaftlichen Büchern, die in der neuen Welt keinen Wert mehr
hatten. Eine Welt, in der es sehr bald sehr viele Scheiterhaufen geben würde.
Der Glaube kehrte zurück und brachte das Feuer.
Ihre Gebete waren so laut, dass nicht einmal Villon selbst seine Schreie
hörte, die er ausstieß, als die Flammen nach seinem Körper griffen und ihn zu verzehren
begannen.
Sebing strahlte, als sich der Ungläubige in eine Feuersäule
verwandelte. Die Wärme des Feuers berührte sein Herz, seine Seele und die seiner Brüder
und Schwestern.
Nur noch kurze Zeit, dann würden sie ihre Mission beendet haben. Der
Atem Gottes würde als erlösender Wind über die Welt wehen und ihr den Glauben
zurückbringen.
Dieser Gedanke machte ihn unendlich glücklich.
© 2004 by Thorsten Küper
Lektorat: Hannes
Riffel
Entnommen aus: Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Der Atem Gottes und andere
Visionen 2004 (Berlin: Shayol, 2004) |
 
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