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The phantastic Worlds of Science Fiction Story

Thorsten Küper

Radio Orbit

Science Fiction > Kurd Laßwitz Preis > Stories & Romane

gegen Gebühr: Originalsatz der Story »Radio Orbit« Teil 1 mit Illustrationen

o Teil 1 -->

In den Momenten nach dem Aufwachen, die Augen noch geschlossen, erinnerte er sich. Er erinnerte sich an blauen Himmel. Er erinnerte sich an Regen auf seiner Haut. Er erinnerte sich an Lärm auf der Treppe eines Hauses. Er erinnerte sich an ein zersplitterndes Fenster. Er erinnerte sich, einem Mann ins Gesicht geschossen zu haben.
   Salem öffnete die Augen und blickte durch sein eigenes Spiegelbild im Glas hindurch auf ein Sturmtief über den britischen Inseln. Ein Wirbel in seiner Stirn, wie es schien. Hinter den Abbildern seiner Augen flackerten weiße Lichtpunkte auf, als wären es elektrische Entladungen im Inneren seines Schädels. Heftige Gewitter durchzogen die geschlossene Wolkendecke über weiten Teilen Westeuropas, Adern gleich, durch die ein glühendes Kontrastmittel floss.
   So nah. Er hätte zu Fuß gehen können. 756 km immer nur bergab, einfach fallen lassen, direkt durchs Vakuum, bei 273 Grad unter Null. Vielleicht, dachte er, würde er wirklich eines Tages genau das tun. In die Schleuse, ohne Anzug, einfach den Sicherheitsmechanismus überbrücken. Druckausgleich und ins Nichts. Sein Blut, jede Flüssigkeit in seinem Körper würde zu sieden beginnen, seine Organe würden sich aufblähen, aber er wäre draußen und er würde zurückkehren. Als glühender Lichtpunkt am Himmel, als ein paar Gramm Asche irgendwo in der stürmischen Atmosphäre.
   Von hier aus, wenn er seine Nase ans Glas presste und zum gekrümmten Horizont der Erdkugel sah, war die Lufthülle nicht mehr als eine dünne Membran. Sie deckte die ebenso dünne, harte Kruste des Planeten gegen die absolute Schwärze und Kälte des Alls ab. Als würdest du dir in der Arktis ein Taschentuch aufs Gesicht legen, um nicht zu erfrieren, dachte er.
   Eine scharfe, weißglühende Naht prägte sich plötzlich in den Rand der Weltkugel, so als hätte Gott einen Schnitt in die Schwärze gemacht, hinter dem sich die gleißende, wahre Natur des Universums offenbarte. Hier, ich zeig dir, woraus ich die Welt gemacht habe. Und es ward Licht.
   In Sekundenbruchteilen überschwemmte es den Innenraum der Kabine, bis die Tönung des Bullauges sich automatisch an die neue Helligkeit angepasst hatte.
   Der Summton weckte ihn aus seinen umhertreibenden Gedanken. Er konnte die Bewegung im Halbdunkel nur erahnen. Wie an jedem Morgen hatten die Vibrationen des Tons den Wecker aus seiner Halterung getrieben. Er hatte sich pünktlich eingeschaltet, aber Salem war ihm zuvorgekommen. Seit mehr als 450 Tagen gehorchte sein Körper demselben Rhythmus, wie es diese Maschine tat. Ich bin zu einem Schaltkreis geworden, dachte er. Er löste den Gurt, in dem er sich fixiert hatte, und sah zu, wie das kleine Gerät auf die Glasscheibe prallte und von dort zurück in den Raum trudelte, sich nun um die Querachse drehend.
   Salem schaltete das Licht in seiner Kabine ein, rieb sich die Augen, fuhr sich durchs Haar. Der mühsamen Prozedur einer Dusche würde er sich erst am Nachmittag unterziehen. Körpergeruch fiel in den engen Räumen des Habitates umso deutlicher auf, aber man gewöhnte sich daran und baute Hemmschwellen ab. Für einen stummen, unbewussten Protest hielt er seine mangelnde Körperpflege nicht. Er war träge geworden, das war alles.
   Einmal mehr streifte sein Blick das Foto an der Wand. Ein kanadischer Highway, der sich durch baumbewachsene Weiten auf ein fernes Gebirge zu schlängelte. Er versuchte sich an das Gefühl eines frischen Lufthauches zu erinnern. Echte Luft, die aus den Bergen kam, nicht aus einem Filter, der nach Desinfektionsmitteln stank.
   Es gelang ihm nicht.
   Dann begab er sich in einen Tag, an dem es keinen blauen Himmel, keinen Regen und keinen Wind geben würde.
   Willkommen auf RX678.

Zügig hangelte er sich an Haltegriffen entlang oder stieß sich geschickt ab, ohne wie in den ersten Tagen mit den Innenwänden zu kollidieren. Er hatte gelernt, den eigenen Impuls auszunutzen, und doch fühlte er sich wie eine Flipperkugel. Jemand hatte den Bolzen mit der Feder gespannt und ihn hier hineingeschossen.
   Die Verbindungsröhren zwischen den einzelnen Modulen waren vollgestopft mit Bauteilen oder Frachtkisten. Es gab zu wenig Platz auf RX678, um sich den Luxus breiter Gänge zu leisten. An Kreuzungen wiesen Richtungspfeile zu den verschiedenen Stationen. Die Markierungen waren angebracht worden, als die Besatzungen noch im sechsmonatigen Rhythmus wechselten. Materialforscher, Chemiker und Pharmakologen. RECREX hatte die Station vor zwei Jahren aufgekauft, nachdem die vorherigen Betreiber Konkurs angemeldet hatten.
   Ein lebenslänglich Gefangener wie Salem brauchte keinen Lageplan mehr. Auch wenn man ihm die Augen verband, ihn um die eigene Achse drehte und dann losschickte, wusste er genau, wo er war. Manchmal war er selbst verblüfft über seine rasche Anpassung an eine Umgebung, von der er zunächst geglaubt hatte, sie würde ihn umbringen. Es lag nicht nur an der Enge oder am künstlichen Licht. Die ersten Tage in der Schwerelosigkeit waren eine Tortur gewesen. Ein plötzlich funktionslos gewordenes Gleichgewichtsorgan hatte irritierende Signale an sein Gehirn geschickt, sodass Übelkeit zu einer beständigen Empfindung geworden war. Noch dazu waren Erbrechen und Stuhlgang in der Schwerelosigkeit komplizierte Manöver. Die meiste Zeit hatte er damit verbracht, mit einem kleinen Sauger seine Kabine von Fäkalien zu befreien. Eine Tätigkeit, die mit neuen, heftigeren Wellen von Erbrechen belohnt wurde. Er entsann sich gut an den entsetzlichen Augenblick, als er zum ersten Mal sein rotes aufgeschwemmtes Gesicht im Spiegel gesehen hatte, so angeschwollen, dass er gefürchtet hatte, jede Sekunde einem Schlaganfall zum Opfer zu fallen. Man hatte ihm erklärt, es sein ein ganz gewöhnliches Phänomen bei Neuankömmlingen. Das Puppengesicht. Die fehlende Schwerkraft sorgte dafür, dass der größte Druck des Blutes nicht mehr hauptsächlich auf den unteren Extremitäten lag, sondern sich jetzt gleichmäßig auf den Körper verteilte.
   Sabinek, dieser Bastard hatte ihm in den ersten Tagen ein Medikament gegen Raumkrankheit verweigert. Vorgeblich, weil er einen Einfluss auf die Testergebnisse nicht ausschloss. Erst nachdem Salem einen Kreislaufzusammenbruch erlitt, hatte er die Tabletten genehmigt.
   Elegant schwang er sich an einem Haltegriff im Winkel von neunzig Grad in den Zugang zu Rechner 1. Jetzt wäre es für ihn viel schwerer gewesen, sich unter den Bedingungen normaler Schwerkraft zu bewegen. Die Balance zu halten hätte er erst wieder lernen müssen wie ein Kleinkind.
   Das würde ihm jedoch erspart bleiben. Eines Tages war er allein mit Rand im Gemeinschaftsraum gewesen. Der Kommandant hatte ganz entspannt gesprochen, so als säßen sie beide in irgendeiner Kneipe und würden sich über Gott und die Welt unterhalten. »Ich weiß nicht, warum sie einem Aufrührer und Mörder wie dir das Privileg gewähren, hier oben dem Staat auf der Tasche zu liegen«, hatte er gesagt und ihm zugezwinkert. »Aber wenn es nach mir ginge, dann würde ich dich durch die Hundeklappe rauslassen.«
   Mit Hundeklappe hatte Rand eine der beiden Schleusen gemeint.
   RECREX hatte Salem aus dem Knast holen lassen. Zwei Männer hatten ihn in irgendein Hotel in Berlin eskortiert. Dort erst hatte man es ihm erklärt. Überrascht hatte ihn nur, dass man ihn in den Orbit geschickt hatte. Dass man seinen Tod einplante, war für ihn aber von Anfang an eine logische Konsequenz, der er mit nüchterner Gelassenheit entgegensah. Im Knast wäre er in wesentlich kürzerer Zeit getötet worden. Sein Ende war absolut tolerierbar, wenn nicht sogar wünschenswert.
   Er erreichte den Testraum. Rechner 1 war etwas größer als die anderen zylinderförmigen Module. Im Gegensatz zu allen anderen war diese Schleuse zweigeteilt in einen blauen und einen roten Halbmond, genauso wie die Röhre durch eine Trennwand in zwei separate Zugänge aufgeteilt wurde. Für Salem schob sich nur die blaue Hälfte der Schleuse zur Seite, der Zugang zur roten Hälfte von Rechner 1 blieb ihm versperrt.
   Wie an 450 Tagen zuvor glitt er durch das halbmondförmige Rohr in den Zylinder von Rechner 1, der durch eine schalldichte Glasscheibe geteilt wurde. Drüben, hinter Glas fixiert in Haltegurten öffneten drei Menschen lautlos ihre Münder wie atmende Fische. Hellenbergs Aufmerksamkeit galt dem Monitor vor ihm. Wie üblich war das hellblonde Haar des schmalen jungen Mannes zu einem Zopf zusammengebunden. Er lachte anscheinend über einen Witz, den Sabinek gemacht hatte. Der Mann war deutlich größer als Hellenberg, ebenso schlank, aber er wirkte weniger analytisch. Eher wie ein Jurist oder ein erfolgreicher Wirtschaftsmann, nicht wie ein Arzt. Sehr smart, sehr sportlich.
   Salem nannte ihn den großen Gewinner. In einer anderen Zeit wäre Sabinek für ihn zu einem Ziel geworden. Er hätte sich dafür revanchiert, dass ihn dieser smarte Erfolgstyp hatte sich drei Tage die Seele aus dem Leib kotzen lassen. Aber das war vorbei, und da er keine Chance hatte, Sabinek zu fassen zu kriegen, verdrängte er jeden Gedanken an ihn. Mit Deling fiel ihm das nicht so leicht.
   Sie hielt sich immer nahe bei Sabinek auf, und die Art, wie sie jetzt lachte, war mehr als Mitlachen über einen guten Witz. Ihr Mund war leicht geöffnet und ihr Blick an Sabinek eine unausgesprochene Einladung. Sie hatte kurz geschnittenes dunkles Haar, ein intellektuelles, trotzdem sehr hübsches Gesicht. Und sie war eine der wenigen, die sich auf RX678 dazu herabließ, mit Salem Worte zu wechseln, die über das Notwendigste hinausgingen. Eines Abends hatte sie an seine Kabine geklopft und ihm ein Buch überreicht. »Ein Geschenk«, hatte sie gesagt. Es war sein Geburtstag gewesen. Das Buch war »Der Graf von Monte Christo«. Die Ironie musste ihr bewusst gewesen sein. Aber er hatte es nicht als Witz auf seine Kosten verstanden, sondern als eine Art Solidaritätsbekundung.
   Während Salem sich erst den Hüftgurt anlegte, der ihn an der Wand gegenüber der Glasscheibe halten würde, dann seinen linken Arm mit zwei weiteren Gurten unter dem Roboter fixierte, verdrängte er die Vorstellung, wie sie es mit Sabinek in ihrem Gurt trieb.
   »Wie lange heute?«, fragte er laut.
   Hellenberg sah zum ersten Mal zu ihm auf. »Acht Stunden.«
   Salem schnappte dabei Fragmente von Sabineks Äußerungen auf. Irgend etwas über ein Feinschmeckerrestaurant. Und er hörte Delings Lachen.
   »Acht?«, erkundigte er sich. Früher waren es erst zwei gewesen, dann vier. In den letzten Wochen waren es immer öfter auch mal fünf und in den letzten Tagen immer sechs Stunden. Die Sitzungen dauerten von Tag zu Tag länger. »Es muss mir nicht gefallen, oder?«
   »Kein Grund zur Sorge.«
   Natürlich nicht. Salem lachte auf. » Lasst mich an der Ecke raus. Ich laufe nach Hause.«
   Drüben reagierte niemand auf seinen Witz. Doch, ja, Deling schenkte ihm ein kurzes Schmunzeln. Vielleicht fand sie ihn sogar interessant, oder hätte es in einer anderen Welt, einem anderen Leben.
   Hellenberg sprach eher mit sich selbst, als er sagte: »Heute wollen wir noch tiefer rein, als sonst.«
   Salem zwinkerte. »Wo hinein?«
   Für einen kurzen Augenblick sahen ihn alle drei an, das Lachen aus ihren Gesichtern getilgt. Aber eine Antwort erhielt er nicht.
   Sie löschten sein Gedächtnis nach jeder Sitzung. Nur so viel stand fest: Irgendwo in einem der Rechnerräume befand sich PASCAL, die Maschine, in die sie ihn Tag für Tag hineinversetzten. Ein Computer, dessen neuronale Prozessoren nur hier, unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit hatten wachsen können. Er erinnerte sich an die Bilder des Kortex, wie sie Pascals CPU nannten. Die Maschine selbst war ihm nie gezeigt worden. Er vermutete sie jedoch in Rechner 2.
   Pascal ähnelte in nichts den Halbleitern, die ihm vertraut waren. Vielmehr war es sphärisch gewachsen und von wabenartiger Struktur, sodass es viel eher einem Insektenbau glich. Unter dem Einfluss von Schwerkraft wäre es in sich zusammengebrochen und von einem Komposthaufen nicht mehr zu unterscheiden gewesen. Wann immer er sich dieses Ding, diese organische Kugel vorstellte, dann als ein atmendes, lebendes Wesen.
   Salem steckte das Interfacekabel in seine Hinterkopfbuchse und der Roboter setzte die Injektion. Mit der rechten Hand winkte er den drei Gestalten im Kontrollraum zu. Für sie war er nicht mehr als eine 1,80 m große Laborratte.
   »Wundert euch aber nicht, dass ich euch nicht erzähle, wie's mir gefallen hat.«
   Die Welt wurde dämmerig.
   Dann schwarz.

Wach.
   Wie immer kam er ruckartig wieder zu Bewusstsein. Ohne jede Erinnerung, ohne Echos von Träumen. Sein Sehvermögen war vermindert und er war empfindlich gegen das helle Licht. Nicht weiter verwunderlich, nachdem er mehr als acht Stunden lang die Augen geschlossen gehalten hatte.
   »Bin wieder da«, sagte er.
   Er war am Leben, schien es überstanden zu haben.
   »Waren das acht Stunden?«
   Als er die Augen öffnete, präsentierte sich ihm eine unscharfe Umwelt. Über ihm oder unter ihm, wie auch immer man es sehen wollte, war der Beobachtungsraum. Er gab ein kurzes Handzeichen, konnte jedoch durch seine verminderte Sehschärfe nicht erkennen, ob man es erwiderte. Eine Antwort blieb aus.
   Er presste die Augen zusammen. Sinnlos, er würde ein paar Minuten abwarten müssen. Nach dem ersten Test war er in Panik geraten, hatte geglaubt erblindet zu sein, aber mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt, zwischen fünf und fünfzehn Minuten nach dem Test so gut wie blind zu sein.
   »Überhaupt jemand da?«
   Die Antwort war Schweigen.
   Irgend jemand war eigentlich immer drüben gewesen, wenn er aufwachte. Meistens Hellenberg, gelegentlich Deling. Nur einmal Sabinek. Der Chef hatte es nicht nötig, sich davon zu überzeugen, ob die Laborratte wieder erwachte. Aber irgend jemand war da gewesen. Ein seltsames Gefühl überkam Salem.
   Die Menschen an Bord von RX678 bedeuteten ihm nichts. Für sie war er Hardware. Ein Objekt, das man vermessen und austesten konnte. Ein menschliches Messgerät. Aber trotzdem war ihre Anwesenheit eine Konstante. Er konnte sie hören. Ihre Gespräche, wenn sie sich in der RX bewegten, deren Metallrumpf jedes Geräusch übertrug.
   Jetzt hörte er niemanden.
   Er löste erst die beiden Gurte, die seinen Arm unter dem Injektionsroboter fixierten, entfernte dann den Stecker aus seiner Hinterkopfbuchse und erst zum Schluss den Hüftgurt. Diese Routine hatte er sich angewöhnt. Ohne Hüftgurt brachte ihn jede ruckartige Bewegung ins Trudeln. Dabei hatte er sich mehr als einmal den noch fixierten linken Arm schmerzhaft verdreht. Ganz davon abgesehen war es äußerst unangenehm für seine Kopfhaut, den Stecker an seinem Schädel zu vergessen. Einmal hatte er sich so eine große, stark blutende Wunde zugezogen, die Deling genäht hatte.
   War es nicht absurd, dass das für ihn eine fast angenehme, beinahe erotische Erinnerung war?
   Nachdem er sich vom Gurt befreit hatte, stieß er sich von der Wand in Richtung Kontrollraum ab, drehte sich während des Fluges, sodass er die Glasscheibe mit den Füßen voran traf. In diesem Augenblick war er nah genug, um selbst mit seinen geschwächten Augen zu erkennen, dass die Plätze hinter den Monitoren leer waren.
   Das war noch nie vorher geschehen. Ganz besonders nicht nach einem längeren Testlauf. Die einzigen Bewegungen im Kontrollraum waren die wechselnden Displays auf den Monitoren. Sonst nichts.
   Er federte zurück in den Raum, drehte sich dabei geschickt um eine Achse, sodass er einen der Haltegriffe zu fassen bekam. Daran hielt er sich fest und verharrte.
   Stille. Zum ersten Mal wurde er sich der Stille bewusst. Natürlich war seine Umwelt nicht völlig geräuschlos. Da war das beständige Rauschen der Belüftung, normalerweise leise, aber jetzt überdeutlich und sogar das Summen der Leuchtröhren nahm er wahr. Der Metallkörper der Station erzeugte auch aus sich heraus Geräusche. Schließlich unterlag RX678 starken Temperaturschwankungen. Ungefiltertes Sonnenlicht auf der einen Seite, die absolute Kälte des Alls auf der anderen. Aber diesmal gab das Stahlskelett nicht mal ein leises Knarren von sich.
   Er hätte jemanden hören müssen. Eine Stimme, ein Poltern.
   Nichts. Niemand.
   Mit den verstreichenden Minuten kehrte sein Sehvermögen zurück. Doch der Kontrollraum blieb leer.
   »Ist das ein Teil des Tests?«, fragte er laut. Natürlich antwortete niemand. »Oder ein schlechter Witz?«
   Die Lautsprecher schwiegen.
   Er stieß sich von der Wand ab, tauchte in den Verbindungstunnel und betätigte den Schalter der blauen Schleuse. Fast war er sich sicher, dass die blockiert war, aber zu seiner Überraschung öffnete sie sich.
   Auch draußen auf dem Korridor wartete niemand auf ihn.
   RX678 schwieg.
   »Ein neuer Test?«
   Er begann sich über die Griffe vorwärts zu hangeln. Im Winkel von neunzig Grad führte ein seitlicher Tunnel zum Gemeinschaftsraum. Irgend jemand hielt sich dort immer auf, schaute Fernsehen, las Zeitung auf einem der Monitore. Aber wegen des betretenen Schweigens, das den Raum erfüllte, sobald er hereinkam, mied er ihn üblicherweise.
   Jetzt war er dunkel. Auch keiner der Monitore war aktiviert. Der Raum, aus dem so oft gedämpftes Lachen erklang oder Fetzen heftiger Diskussionen, wenn sich aufgestaute Aggressionen entluden, war nicht mehr als ein großer leerer Zylinder mit Rembrandt- und Gauguin-Drucken auf einer Seite und Playmates auf der anderen. Gezeichnete Gestalten und barbusige Frauen blickten gleichermaßen desinteressiert auf Salem.
   »Versucht nicht mir einzureden, ihr wärt mal eben mit dem Hund raus«, rief er ins Leere.
   Salem zog sich schwungvoll zurück in den Korridor. Etwas stimmte hier ganz und gar nicht.
   »Was ist los? Haben sie euch den Etat gekürzt? Zurück nach Hause?«
   Aber einer würde da sein. So sehr es ihm auch widerstrebte, sich in die Nähe dieses Mannes zu begeben, so sicher war auch, dass Rand sich im Kommandoraum von RX678 aufhalten würde. Und wenn nicht er, dann zumindest Herbig, der Chefingenieur. Diese beiden Männer sorgten dafür, dass das Habitat aus indischer Herstellung nicht vom Himmel fiel, während Salem den drei Wissenschaftlern als Spielzeug diente.
   Abgesehen von den Rechnerräumen gab es auf RX678 keine Zugangsbeschränkungen. Es musste jedem Besatzungsmitglied jederzeit möglich sein, ohne Zeitverzögerung Zugriff auf die lebenserhaltenden Systeme zu erhalten und das war nur vom Kommandoraum aus möglich. Salem klopfte erst an, bevor er den Schalter betätigte. Da sich immer mindestens eine Person dort aufhielt, war eine elektronische Kontrolle überflüssig. Eigentlich war ihm der Zugang untersagt.
   Einige Mal hatte Salem einen Blick hineinwerfen können, sodass ihm das Innere nicht völlig fremd war. Rand hatte sich dann auf dem Sitz vor den Monitoren aufgehalten. Dabei hatte er meistens irgend etwas gelesen, gelegentlich sogar ein richtiges Buch. Den Klappentexten nach schien Rand eine Vorliebe für Militärgeschichte zu haben. Irgendwie passte das zu den großkotzigen Kommentaren, die Rand gelegentlich absonderte wie ein faschistoides Sekret. Der Kommandant blickte auf eine militärische Vergangenheit als Pilot zurück, und ihn als politisch rechts zu bezeichnen wäre eine Untertreibung gewesen. Nach Rands Ansicht schien es für jedes Problem eine Lösung zu geben. Eine Endlösung.
   Der irgendwie geduckt wirkende Herbig hielt sich dagegen meistens abseits der Gruppe auf und vermied Diskussionen. Nur selten hatte Salem ihn dabei beobachtet, wie er sich mit jemandem unterhielt. Und er konnte an einer Hand abzählen, ihn lachen gehört zu haben.
   Er verharrte innerhalb des Zugangs, wobei er sich an der Kante der Schleuse hielt und so das Zugangsverbot einhielt, das für ihn galt. Es schoss ihm durch den Kopf, dass er sich wie eine Ratte verhielt, die durch schmerzhafte Elektroschocks gelernt hatte, sich von bestimmten Teilen des Labyrinths fern zu halten. »Du hast Angst vor Rand, nicht wahr?«, dachte er. Und diese Provokation seiner selbst reichte aus, um sich mit einem Stoß in den Kommandoraum hineinzuversetzen.
   Er trieb hinüber zum Kommandopult, auf den Sitz zu, in dem sich normalerweise Rands muskulöser Körper befand. Ein verknittertes Taschenbuch, fixiert auf dem Kontrollpult durch eine Halteklemme, erinnerte an dessen Anwesenheit. Salem erwartete einen Titel wie: »Der Dreißigjährige Krieg« oder »Die ökonomische Notwendigkeit des Vietnamkrieges«. Aber als er es an sich nahm und umdrehte, fand er seinen eigenen Namen auf dem Deckblatt. Veith Salem. »Das globale Netz - Die Instabilität des Systems.« Als er es geschrieben hatte, hatte er mit Instabilität nicht die des Internets, sondern die einer Wirtschaft und eines Staatssystems gemeint, dessen Macht sich auf Technologie und Information begründete. Dieses Buch. Sein Buch. Es war zu einem Lehrbuch geworden. Einer Bibel für jene, die versucht hatten, das System zu untergraben und die das vielleicht auch jetzt noch taten.
   Er schob es zurück unter die Klemme, als fürchtete er, man könnte seinen »Einbruch« in die Kommandozentrale bemerken. Natürlich war das vollkommen überflüssig, denn durch seine nächste Aktion würde jeder an Bord wissen, dass er hier war. Er fand schnell den Schalter auf dem Pult des Kommandanten. Die Sprechanlage, über die er gelegentlich Anweisungen oder Mitteilungen an die Besatzung richtete.
   Salem hatte bereits auf den Knopf gedrückt, hörte das Knacken, das aus einem nahen Lautsprecher kam. Er wollte gerade seinen Mund aufmachen, als sein Blick achtlos über die Querschnittsansicht der Station auf dem Monitor wanderte. Neben all den Statusanzeigen hatte er es zunächst übersehen. Doch dank seiner zunehmenden Sehschärfe konnte er endlich das kleine Textfeld an der Querschnittsansicht der RX ausmachen. Den Dockingstatus. Er war auf Null. Mit anderen Worten: Der Pendler war fort.
   Salem erstarrte, spürte in seiner Überraschung nicht, dass er durch den halben Raum trieb, bis er mit dem Rücken voran gegen eine Wand prallte und von dort wieder zurück in den Kommandoraum. Zu unglaublich war die Erkenntnis:
   Er war allein auf RX678.
   Sie hatten ihn zurückgelassen.

Eingesperrt zu werden ist eine der wahrscheinlich tiefgreifendsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Doch noch erschreckender war es, sich in einem Gefängnis wiederzufinden, in dem es keine Wachen mehr gab.
   Er glitt durch die Korridore, ähnlich schnell wie ein Delphin durchs Wasser, hörte das Echo seiner Stimme in leeren Räumen. Er überzeugte sich mit verzweifelten Blicken durch die Bullaugen davon, dass tatsächlich kein Pendler mehr an die Station angedockt war, und schließlich untersuchte er sogar noch die Raumanzüge in den Spinden vor beiden Schleusen in der Hoffnung, dass sich jemand darin versteckt hatte.
   Der Raum innerhalb der Orbitalstation war begrenzt. Selbst für eine Person wäre es schwer gewesen, in der allgemein herrschenden Enge ein Versteck zu finden. Für fünf Menschen war das ganz ausgeschlossen. Außerdem war die Abwesenheit des Pendlers eine Tatsache. Aus irgendeinem Grund hatte die Besatzung RX678 verlassen und ihn zurückgelassen.
   Als er in den Kommandoraum zurückkehrte, hatte er wohl eine Stunde damit zugebracht, jeden Winkel der Station abzusuchen. Außer Atem trieb sein Körper, wie eine Leiche auf Wasser und richtete den Blick auf eine der allgegenwärtigen Kameras, deren Anwesenheit eine kleine schwarze Wölbung auf der Stahlwand verriet.
   »Was für eine Art von Test ist das?«
   Niemand antwortete ihm, aber plötzlich huschte ein Wort durch seinen Verstand. Lebenserhaltung.
   Natürlich. Eine Beschädigung, ein Ausfall der lebenserhaltenden Systeme. Warum hatten diese Bastarde ihn dann aber zurückgelassen? Während er sich in Richtung des Kontrollpultes abstieß, fand er eine einfache Antwort auf diese Frage: »Weil du Teil des Inventars bist. Ersetzbar. Wertlos.«
   Irgendetwas war geschehen.
   Wenigstens war es etwas einfacher, mit den Systemen umzugehen, als er befürchtet hatte. Natürlich überforderte ihn die Vielfalt an Informationen, wie zum Beispiel die komplizierten Bahndaten, die in Form farbiger Vektoren und Zahlen den großen Hauptschirm füllten. Andere waren einfach zu interpretieren. Energieversorgung und Lebenserhaltung fand er tatsächlich unter diesen Stichworten im Menü am oberen Bildschirmrand. Alle Statusbalken befanden sich im grünen Bereich. Er dachte gerade darüber nach, ob es eine Gefahr für die RX geben könnte, die sich noch nicht so konkret hier auf den Monitoren zeigte. Eine drohende Kollision, eine instabile Bahn ...
   Noch während er sich der Tatsache bewusst wurde, dass er wesentlich mehr am Leben hing, als er bisher geglaubt hatte, kam Bewegung in die Daten oben auf dem großen Monitor. Sein Blick ruckte hoch. Inmitten der Zahlenreihen und Statusbalken pulsierte ein Schriftzug.
   Gehe in Pascal!
   Er starrte den Satz an.
   Gehe in Pascal, Salem!
   Salem machte eine unüberlegte Bewegung und trieb weg vom Kontrollpult, wobei er sich im Raum um die eigene Achse drehte und sein Kopf Herbigs Sitz traf.
   »Au, verdammt.« Er hielt sich fest und sah fast ehrfürchtig zum Monitor auf.
   Schnell!
   Scheiße. Salem schüttelte den Kopf. Auf jeden Fall konnte jemand auf der anderen Seite ihn hören.
   »Wer bist du?«
   Die Zeit ist begrenzt, Salem, verbaue dir nicht deine Möglichkeiten! Geh in Pascal!
   »Ihr wisst doch ganz genau, dass ich das nicht allein kann. Jemand muss drüben die Knöpfe drücken, während ich auf dem elektrischen Stuhl sitze.«
   Ich tue das!
   »Also bist du es doch. Sabinek? Hellenberg? Deling?«
   Ich bin es! Pascal!
   Salem glotzte den Monitor an. Er schnaufte. »Euch ist schon klar, wie albern das ist?«
   Er wartete. Aber es kam kein Text mehr.
   Lediglich Ausrufezeichen. Immer nur eines, dann eine neue Zeile und wieder eines. Und so weiter.
   »Scheiß drauf!«
   Er verließ den Kommandoraum, trieb seinen Körper vorwärts über den Korridor, vorbei an der zweigeteilten Schleuse von Rechner 1, auf seine Kabine zu, die ihm plötzlich als Zuflucht erschien. Immerhin war sie eine vertraute Umgebung. Durchs Bullauge würde er hinuntersehen zu einer blauen Erde, die von unten betrachtet wohl nicht mehr so blau war wie von oben.
   Mitten im Korridor schloss sich plötzlich eine Luke.
   Salem prallte mit den Füßen voran auf die Wand, die sich in seinen Weg geschoben hatte, und machte eine Rolle rückwärts, bis er Halt an einem Griff in der Röhrenwand fand. Von dort aus schlug er wütend auf den Handschalter der Luke. Mehr als ein rotes Warnlicht erntete er dafür nicht. »Verdammt.«
   Wie als Antwort öffnete die Hälfte der Schleuse von Rechner 1, die in jenen Teil mündete, der ihm bislang verschlossen geblieben war. Den Beobachtungsraum.
   Er nickte. Man wollte vielleicht austesten, wie er auf seine plötzliche Freiheit reagierte. Vielleicht war dies auch eine Abwandlung der alten Foltermethode: Lass den Gefangenen für kurze Zeit glauben, er sei wieder frei, und dann nimm ihm dieses Gefühl wieder.
   Immerhin war es auch eine Gelegenheit. Er schob sich hindurch und fand sich in der nächsten Sekunde wieder auf der anderen Seite des Glases, das er bislang für eine unüberwindliche Grenze gehalten hatte.
   Dort waren die drei Arbeitsplätze. Vor jeder Liege gab es vier Monitore und jeweils zwei Keyboards. Unwillkürlich ließ er seine Hand über den Bezug von Delings Sitz gleiten und fand eines ihrer Haare zwischen seinen Fingern. Peinlich berührt wurde er sich der Tatsache bewusst, dass er es anstarrte. Vermutlich war für seine unsichtbaren Beobachter allzu offensichtlich, was gerade in ihm vorging.
   Die Schrift erschien auf Delings und Hellenbergs Monitoren.
   Ich werde dir jetzt einige Anweisungen geben. Sie betreffen ein Unterprogramm auf einem separaten Rechner, auf den ich keinen Zugriff habe. Ich möchte, dass du es löschst.
   »Und was ist das für ein Programm?« Er kam sich seltsam vor, hier laut mit einem lautlosen, noch dazu unsichtbaren Gesprächspartner zu diskutieren. Wie ein Geisteskranker.
   Es befindet sich in einem Ordner auf Sabineks Rechner. Sein Name lautet MEMERAS.
   »Wie kannst du mich eigentlich hören?«
   Mikrofone an den Kameras. Lösch es jetzt!
   »Vielleicht solltest du mir zunächst erläutern, welchem Zweck es dient.«
   Wir haben nicht viel Zeit, Salem. Tue es.
   Salem verschaffte sich einen Überblick über das System. Es gab mehrere hundert Dateien unter dem Titel Protokolle. Sie ließen sich jedoch nicht einfach öffnen. Die Maschine verlangte ein Passwort.
   Keine Spielereien, Salem, vertrau mir!
   Er winkte ab: »Um nichts in der Welt!«
   Die Datei, Salem ...
   Er fand sie schnell mit der Suchfunktion. »Also?«
   Lösch sie!
   »Was ist es?«
   Sieh dir den Titel an!
   Salem tat genau das. Memeras. Es klang griechisch, konnte ein Kürzel für sonst was sein. Zumindest betraf es mit ziemlicher Sicherheit nicht irgendein System von RX678 selbst. Memeras.
   Memory.
   Salem stutzte.
   »Memory Erase«, rief er plötzlich laut aus. »Dieses Programm löscht mein Gedächtnis nach den Sitzungen in der Maschine!«
   Und nun lösch du es!
   Salem hob die Schultern. »Warum sollte ich das tun? Ihr habt doch bislang so viel Wert darauf gelegt, dass ich mich nicht erinnern kann.«
   Es ist deine Gelegenheit, Salem. Die einzige, die du bekommen wirst.
   Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Warum es nicht tun? Wenn er mitspielte, würde dieser Unsinn schneller ein Ende finden. Er löschte die Datei und bestätigte die Anfrage des Computers, ob er sicher sei, obwohl er das absolut nicht war.
   »Zufrieden?«
   Fast. Und jetzt geh in die Maschine.
   »Ich halte das für keine gute Idee.«
   Glaub mir, du wirst das schon sehr bald ganz anders sehen, mein Freund.
   Er schaute noch einmal hin. Die Maschine hatte ihn wirklich so genannt.
   Durch die Trennscheibe sah er, dass sich drüben auch die andere Hälfte der Schleuse geöffnet hatte.
   Also stieß er sich ab, verließ den Beobachtungsraum und betrat zum zweiten Mal an diesem Tag den Versuchsraum. Wieder nahm er seinen Platz auf der Liege ein. Hier gab es keine Monitore wie im Beobachtungsraum. Um die Entfernung auszugleichen, benutzte Pascal daher riesige Buchstaben, die als Laufschrift über die Monitore drüben zogen.
   Diesmal wirst Du dich erinnern, wer ich bin und was wir tun.
   Es war das erste Mal, dass Salem erschrak, als der Roboterarm die Injektion in seinen Arm senkte.

Teil 2 von Thorsten Küper, Radio Orbit

© 2003 by Heise Zeitschriftenverlag GmbH & Co. KG
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages und des Autors

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Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text ist, wie alle Texte in epilog.de, durch das Urheberrecht geschützt. Die unautorisierte Reproduktion, auch in Online- und Offlinemedien, ist verboten und wird straf- und zivilrechtlich verfolgt.
Erstveröffentlichung in
C'T - MAGAZIN FÜR COMPUTERTECHNIK 5/2003
(Hannover: Heise Verlag, 2003) Bestellen
Siehe auch
Thorsten Küper, Der Atem Gottes [Story]
Thorsten Küper, Projekt 38 oder Das Spiel der kleinen Ursachen [Story]
Thorsten Küper, Wenn dich der Bluesman holen kommt ... [Story]
Homepage von Thorsten Küper
Homepage von C'T - MAGAZIN FÜR COMPUTERTECHNIK
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21.05.06 • 10.06.06