Es wäre die
einfachere Wahl gewesen, zu ertrinken.
Um mein Gesicht aus dem brackigen Wasser der Pfütze zu heben, muss ich
mich auf meine zerschrammten und geprellten Arme stützen, meinen schmerzenden Hals
recken. Ich bin nicht sicher, ob mein Genick gebrochen ist, erwarte ein krachendes
Geräusch zu hören und Schwärze, die über mir zusammenschlägt, sobald ich durch meine
Bewegung das Rückenmark endgültig durchtrenne.
Doch das geschieht nicht.
Tränen aus Schlamm rinnen mir über Wangen und Nase, tropfen mir in den
halb geöffneten Mund, vermischen sich mit dem Blut, das aus zerschmetterten Zahnstümpfen
quillt, verbinden sich zu einem Aroma salziger Fäulnis. Mein Universum besteht aus diesem
Geschmack nach Kupfer und Morast, aus jeden Knochen, jedes Organ durchdringendem Schmerz
und den triumphierenden Schreien der Jäger. Selbst in diesem Zustand kann ich sie
spüren, ihre unbändige Freude und ihren Hass, und ich kann es ihnen nicht verdenken.
Nicht einmal Männer sind sie, es sind Jungen, die kleinsten etwa elf,
die ältesten vielleicht neunzehn. Kinder, die ihre Kraft verkaufen.
Nur verschwommen, durch einen rosafarbenen Schleier aus Blut, sehe ich
die Sonne weit jenseits der riesigen Stadt, wo sie unförmig und gequetscht wie mein
Gesicht im Meer erlischt so wie mein Leben hier oben auf dem Dach in einer Pfütze
erlischt.
Sie haben mich in der winzigen Zelle eines Kapselhotels hier in
Antofagasta aufgespürt. Ein Mietsarg, in dem ich mich verkrochen hatte, eingepfercht mit
meinen Erinnerungen, meiner Angst und meinem Gestank. Über den winzigen Monitor hatte ich
Tag und Nacht die Nachrichten verfolgt und die Datennetze durchkämmt, um herauszufinden,
wie nah sie mir sind. Ob sie wissen, dass ich noch immer in der Stadt bin. Bis sie
plötzlich auftauchten und mich aus der Kapsel zerrten und hier herauf aufs Dach
prügelten.
So lange haben sie mich gejagt, und nun kosten sie es aus. Bestimmt
sieht ihr Vertrag vor, dass sie mich lebend ausliefern, aber sie können ihr Verlangen
nach Rache nicht zügeln. Könnte ich es?
Auf den riesigen Werbeflächen und auf den Commercialholos über den
Bankentürmen flimmert Werbung für antibakterielle Sonnencreme, synapsenstimulierende
Algenflakes, nervengasresistente Gasmasken, und auf manchen meine ich auch, undeutlich
mein Gesicht zu erkennen. Kann das sein? Bin ich so bedeutsam?
Eine Schuhspitze rammt sich in meine Genitalien, erzeugt eine Explosion
von schwarzem Schmerz bis hinauf in meine geprügelten Eingeweide, und ich glaube, mein
Darm entleert sich. Es ist nur ein weiterer Schmerz, einer von unendlich vielen und damit
nichts, worum ich mich sorgen müsste.
Ich bin frei.
»Lasar wird sterben«, jubeln sie auf Spanisch, und einer von ihnen
zermalmt meinen kleinen Finger unter seinem Stiefel.
Ich sehe ihn an, und es ist entweder das Blut, das aus meinen
aufgeplatzten Lippen und meinem Mund hervorbricht, oder mein Lächeln, das ihn
zurückweichen lässt.
»Ist ein gutes Gefühl, endlich zurücktreten zu können, nicht
wahr?«, bringe ich heraus und dazu noch mehr Blut. Nicht aus meinem Mund, sondern
irgendwo aus meinem Brustkorb. Ich würge es tief aus meinem Inneren hervor. Mit einem
Klatschen ergießt es sich warm über meine Hände.
Angewidert brüllen sie mich an, spucken auf mich. Doch mein Lachen,
obwohl ganz lautlos, lässt ihren Kreis um mich größer werden, sie sich von mir
entfernen. Sie haben mich fast totgeschlagen, mich in einen Klumpen blutiges hilfloses
Fleisch verwandelt, doch noch immer ist da diese infantile Angst vor IHM.
»Er hat mir ...«, setze ich an, doch einer tritt in meine schon
längst gebrochenen Rippen.
Wieso dringen die Schmerzen kaum noch an mein Bewusstsein, obwohl meine
Erinnerungen so klar sind? Liegt es daran, dass mein Gehirn gelernt hat, Informationen
auch unter heftigsten Qualen weiter aufzunehmen und zu verarbeiten? Oder flieht meine
Wahrnehmung tief hinab in mein Gedächtnis, um mir so das Schlimmste zu ersparen? Erfahre
ich die Gnade des nahenden Todes?
»Was flüsterst du da, Teufel?«, kreischt einer von ihnen wie ein
wütendes Kind. Er ist wirklich noch eines, höchstens dreizehn und genau wie ein
verängstigtes Kind schreckt er zurück, als ich die Hand zu heben versuche, um auf den
Himmel zu deuten.
Dann bringe ich keuchend die Worte hervor, die sie verstummen lassen.
Ich weiß nicht einmal, was sie daran so schockiert.
»Lasar hat mir die Sterne erklärt.«Das Erste, woran ich mich
erinnere, ist warmes salziges Wasser, auf dem mein Körper dahintreibt wie auf einem
endlosen behaglichen und sicheren Ozean.
Das Zweite sind die Schmerzen. Große Schmerzen, wie du sie nur spürst,
wenn dein Körper Dinge tut, die Gott oder die Natur oder wer auch immer nicht dafür
vorgesehen hat.
Dann ist da noch eine sehr schwache Erinnerung an ein zärtliches
Gefühl. Die sanften Hände eines dunkelhaarigen Mädchens, meiner Amme, die meinen
Körper pflegt, die sich ständig schälende Haut reinigt und mich manchmal sanft
streichelt. Und die Erinnerung an eine alte Frau mit einem Zigarrenstummel im Mundwinkel,
die mich hasserfüllt anstarrt, während sie betet und dabei einen Rosenkranz zwischen
ihren Fingern hindurchgleiten lässt.
Vielleicht hatten meine Schreie sie wütend gemacht, denn ich schrie
fast immer. Stundenlang, tagelang. Erst lautlose Schreie, die niemand hören konnte,
solange meine Stimmbänder noch unterentwickelt waren. Aber sie wuchsen schnell, so wie
alles an mir und in mir. Und so wurden meine Schreie hörbar, malträtierten nicht nur die
Ohren meiner Amme, sondern auch die meinen, verstärkten so meine Qual wie in einer
biologischen Rückkopplung.
Lasar versuchte sie zu lindern, indem er mir mit seiner weichen, aber
tiefen Stimme erklärte, was geschah. »Manchmal wachsen deine Knochen schneller als dein
Gewebe, manchmal das Gewebe schneller als die Knochen«, flüsterte er. »Dir wird ein
besonderes Geschenk zuteil. Aber dafür wirst du leiden müssen.«
Ich akzeptierte, dass mein Leben mit Schmerz begann, weil Lasar mir
sagte, dass es so gut sei. Dass es in Schmerzen enden würde, verschwieg er mir jedoch.
Mein Herz rast in meiner Brust und ich spüre kühlen Wind, der über meine Haut
streicht. Fühlt es sich so an, wenn der Tod kommt? Das Pochen wird lauter und ein
Schatten senkt sich auf mich herab wie ein riesiger Vogel. Nur mit einem Auge kann ich
noch sehen, wie der Helikopter aufsetzt, eine Luke an der Seite sich öffnet und ein Mann
herausspringt. Auf mich zu rennt.
»Wer soll das da sein?«, brüllt er die Jäger auf Englisch an und
deutet auf mich. »Wollt ihr mir einreden, das wäre er?«
»Er redet wirr«, entgegnet einer der älteren Jungen auf Spanisch und
macht mit dem Zeigefinger eine kreisende Geste an seinem Kopf.
»Ihr habt ihm wahrscheinlich den Schädel zertrümmert.« Mit einer
unglaublich schnellen Bewegung entreißt der Mann ihm den Baseballschläger. »Billige
Straßensöldner«, zischt er verächtlich. »Kinder mit Stöcken, aber ohne Verstand.«
Er tritt an mich heran, blickt mit einem angewiderten Gesichtsausdruck auf mich herab.
»Vollgepumpte Drogenfreaks wie den kann man neben jedem Müllcontainer da unten in den
Straßen finden. Hat einer von euch mal darüber nachgedacht, dass wir ihn identifizieren
müssen? Wir werden einen DNA-Scan machen müssen, bevor wir euch euer Honorar zahlen.«
Mit der Spitze seines Schuhs stößt er mich widerwillig an. »Scheiße, den können wir
so nicht mal transportieren.«
Einige der kindlichen Jäger murren, machen ihrem Unmut mit Flüchen
Luft, verstummen aber, als sie ihre eigenen jämmerlichen Spiegelbilder in den Gläsern
seiner Sonnenbrille erblicken. Dann richtet er seinen kalten Blick auf mich, und ich sehe
die Spiegelung von dem, was einmal mein Gesicht war.
»Benjamin Lasar?«, fragt er.
Ich schüttele den Kopf. »Er ist schon lange tot.« Für mehr reicht
meine Kraft nicht aus.
Dann gleite ich hinüber in die Schwärze, in die auch Lasar versunken
ist.
Am Himmel über mir reichte Gott Adam einen Finger, und ich beschloss, das Land zu
erobern. Zuerst tasteten meine schwachen Hände nur nach dem Rand des Beckens. Zum ersten
Mal rieb sich meine Haut an dem warmen Stein, und diese Empfindung erschreckte mich.
Wieder und wieder griff ich danach, lernte, wie ich mich näher zum Rand des Beckens
ziehen konnte. Presste schließlich meinen Körper an das behauene Felsgestein und ließ
meine Hand über den Boden außerhalb des Beckens wandern. Entdeckte so die andere Welt.
Die außerhalb des Wassers.
Milliarden Jahre vor mir hatte das Leben diese Grenze schon einmal
überwunden. Sich aus seiner Heimat, dem Ozean, in eine völlig neue Umgebung vorgewagt.
Ich erlebte das im viel kleineren Maßstab nun selbst. Meinen eigenen Evolutionssprung.
Immer dann, wenn weder meine Amme, noch die alte Frau anwesend waren,
zog ich mich an den Beckenrand, kämpfte immer stärker werdend darum, mich auf den Stein
hochzuziehen. Entfernung und Höhe waren Begriffe, die ich nicht verstand, auch Zeit
besaß für mich keine Bedeutung. Wohl aber der Schmerz und der Wunsch nach anderen, neuen
Empfindungen. Mein Becken war nicht länger ein Meer für mich, es war zu einem Gefängnis
geworden.
Sie ertappten mich jedes Mal. Die Amme, deren Zärtlichkeiten für mich
immer intensiver wurden, und die alte Frau, deren Hass auf mich im gleichen Maße zu
wachsen schien. Sie drängten mich zurück, stießen mich ins Wasser wie einen Fisch, der
sich entschlossen hatte, nun an Land zu leben. Zu dieser Zeit entdeckte ich auch, dass ich
nicht allein im Becken war. Ich teilte es mit etwas, das anders war als die Amme, die alte
Frau, Lasar und ich. Es berührte mich, es heftete sich an mich, schabte über meinen
Körper hinweg. Das Becken war nicht länger meine Heimat, machte mir vielmehr Angst, vor
allem, wenn sich die Dunkelheit darüber senkte. Jetzt begriff ich auch, dass es einen Tag
gab und eine Nacht, und noch bevor ich wirklich wusste, was Zeit war, lernte ich die
Ungeduld kennen. Immer wütender warf ich mich gegen den Rand des Beckens, verletzte mich,
fügte den ohnehin nur selten nachlassenden Schmerzen noch weitere hinzu. Aber meine Zeit
war gekommen. Die Zeit, zu einem Bewohner des Landes zu werden. Endlich stark genug,
wuchtete ich meinen Körper aus dem Wasser heraus.
Niemand hatte mir gezeigt, dass es draußen keinen Auftrieb gab, dass
man seine Arme benötigte, um sich abzustützen, und so schlug ich mit dem Gesicht voran
auf dem harten Fels auf, schmeckte zum ersten Mal mein Blut, spürte andere Schmerzen, den
festen Boden unter meinem schwachen Körper.
Dennoch: Zum ersten Mal in meinem Leben stieß ich einen Laut aus, der
nicht ein Ausdruck der Qual, sondern des Triumphes war.
Lasar war da. Die ganze Zeit schon hatte er dagesessen, das weiß ich
heute, und mir zugeschaut, wie ich kämpfte. Er griff nach meinem Kinn und hob es an,
ließ mich in seine Augen blicken. Sein Lächeln war warm, das eines Vaters, wie ich heute
glaube. Dann hob er meinen Knabenkörper auf, hielt mich auf seinen Armen, ließ mich noch
einmal das Becken betrachten.
»Schau«, sagte er und deutete gegen die Decke, obwohl ich damals den
Unterschied zwischen einer Decke und dem Himmel nicht kannte. »Das ist Die
Erschaffung des Adam von Michelangelo. Findest du das nicht auch amüsant?«
Ich wusste nicht, was er meinte, sah in das Wasser hinab, in das ich
nicht mehr zurückkehren wollte, und erblickte die winzigen Kreaturen, die nicht so waren
wie meine Amme, die alte Frau, Lasar und ich.
»Du solltest ihnen danken«, erklärte mir Lasar. »Sie haben dir
geholfen zu wachsen.« Es waren so viele, und sie fraßen die großen Hautfetzen, die sich
bei meiner Flucht von meinem Körper geschält hatten.
»Er wacht auf.«
Die Stimme ist meine erste Wahrnehmung. Dunkel, klar. Die eines Mannes.
Aber er ist nicht allein. Andere murmeln, flüstern, doch es sind nicht die Jäger. Nicht
die jungen Söldner, die sich für Drogen, Medikamente oder ein paar Münzen von
Kartellen, der Polizei oder sonst wem anheuern lassen, um in den Straßen kleine Dealer
oder Verdächtige oder unfreiwillige Organspender aufzuspüren.
Die Schmerzen sind verschwunden, einer bleiernen Taubheit gewichen.
Meine Lider wollen sich nur widerwillig öffnen, während sich meine Finger die,
die nicht gebrochen sind in eine weiche Substanz krallen, und ich mich fühle, als
würde ich im warmen Aufwind schweben. Falle ich, schwebe ich, bin ich tot?
Schemen bewegen sich vor mir. Nur langsam gewinnen sie an Kontur,
schälen sich Gesichter aus Nebel, und ich sehe sie mich anstarren. Bleiche, hagere Züge
mit dunkel geränderten Augen über weißen Körpern.
»Weißkittel«, flüstere ich, und ihr Murmeln wird lauter. Sie
diskutieren.
»Er spricht?«
»Sehr undeutlich, was hat er gesagt?«
»Ich habe es nicht verstanden, lassen Sie die Aufzeichnung noch mal
zurücklaufen.«
Eine Stimme durchschneidet den Raum. »Er sagte Weißkittel.«
Ein großer Schatten mit riesigen schwarzen Augen drängt sich in die Gruppe der weißen
Gestalten, die eilig zur Seite weichen. Vielleicht sind es diese riesigen Augen, die ihnen
Angst machen. »Status?«, erkundigt er sich beunruhigend leise.
Die Weißkittel wagen nicht, die Münder zu öffnen, keiner scheint die
Verantwortung auf sich nehmen zu wollen. Schließlich ergreift doch einer das Wort. Ich
kann nicht genau erkennen, wer es ist, immer noch verschwimmt mein Blick, aber hören kann
ich ihn sehr gut.
»Ein Milzriss, eine Verletzung des Magens, ein Riss in der Blase, sowie
eine schwere Verletzung der Hoden. Fraktur der Rippen, beider Unterschenkel, eine
gebrochene Hand, sechs gebrochene Finger, teilweise mit schweren Zersplitterungen, eine
zertrümmerte Kniescheibe. Aber was uns wirklich Sorgen bereitet ...«
»Machen Sie es kürzer.«
»Wie bitte?«
»Mich interessieren die Konsequenzen, keine Details.«
»Nun, äh ... das lässt sich so nicht sagen ...«
Die große Gestalt schiebt sich dichter an mich heran, die riesigen
dunklen Augen sind die Gläser einer Sonnenbrille. Ich sehe mich selbst in der Spiegelung
und wundere mich über das seltsame Ding auf meinem Mund, spüre erst jetzt einen
synthetischen Geschmack auf meiner Zunge. »Ich mach es Ihnen leichter. Zwei konkrete
Fragen. Überlebt er und wie viel ist dann von seinem Verstand noch übrig?«
»Das wissen wir nicht.«
Er nickt. »Sechs hoch qualifizierte Ärzte und keiner kann mir eine
einfache Frage beantworten.«
»Nun, es ist so, dass aufgrund seines Tumors ...«
Der Große dreht sich um. »Was für ein Tumor?«
»In seinem Temporallappen. Vielleicht gutartig, vielleicht bösartig,
auf jeden Fall gibt es dort eine Blutung ...«
»Sie verlassen jetzt alle den Raum.«
»Er darf auf gar keinen Fall irgendeiner Belastung ausgesetzt werden,
er könnte ...«
»Wie lange dauert es, bis er stirbt?«
Der Arzt hebt abwehrend die Hand. »Darüber können wir nichts sagen,
er ...«
»Dann haben wir also keine Zeit zu verlieren, nicht wahr?«
Die Weißkittel huschen aus dem Raum wie Gazellen an einer Wasserstelle,
die beim Auftauchen eines durstigen Raubtiers die Flucht ergreifen. Ein Raubtier mit
riesigen schwarzen Augen, das sich nur wenige Zentimeter von mir entfernt hinter der
Glasscheibe aufgebaut hat und mich taxiert. Da ist sie, die Erinnerung an die
verspiegelten Brillengläser, an die Reflexion meines eigenen, von Faustschlägen und
Stockhieben entstellten Gesichtes darin. Er ist der Mann, der mit dem Helikopter auf dem
Dach gelandet ist.
»Benjamin Lasar?«, fragt er. »Mein Name ist John Mehndorf.«
Ich schweige ihn an.
»Sie können mich verstehen und Sie wissen auch, wer ich bin, nicht
wahr?« Es ist keine Frage, sondern eine Feststellung. Dieser Mann nimmt viel mehr wahr
als die Weißkittel mit all ihren Instrumenten. Keiner von ihnen hat bemerkt, dass ich
längst wieder bei Bewusstsein bin, genau verfolge, was um mich herum geschieht. Doch der
da blickt direkt in mich hinein, als könnte er alle unausgesprochenen Antworten aus
Weitung und Verengung meiner Pupillen lesen. Vielleicht kann er das tatsächlich
und trotzdem weiß er nicht das Geringste.
Ja, ich weiß, wer Mehndorf ist. Ein Menschenjäger, den sie auf Lasar
angesetzt hatten.
Unvermittelt legt er die flache Hand auf Höhe meines Herzens ans Glas,
seine Finger formen eine Kralle. »Ihr Leben liegt in meinen Händen, Benjamin Lasar«,
flüstert er, öffnet vielleicht unbewusst ein wenig den Mund dabei, was ihn einer
fauchenden Raubkatze ähneln lässt. Für einen so großen Mann ist seine Mimik seltsam
feminin.
Längst habe ich begriffen, dass das seltsame Ding auf meinem Mund ein
Atemgerät ist, das mir erlaubt, im Rekonvaleszenztank zu atmen. Auch das Sprechen
ermöglicht es mir.
»Haben Sie auch Angst vor Lasar?«, frage ich ihn.
Ein Lächeln umspielt Mehndorfs Lippen, und plötzlich nimmt er die
Brille ab, erlaubt meinem zurückkehrenden Sehvermögen, einen Blick direkt in seine Augen
zu werfen. Solche Augen erbt man weder von seinem Vater noch von seiner Mutter. Ein
seltsamer metallischer Ring umschließt die Iris. »Oh ja«, entgegnet er leise. »Ich
habe Angst vor Benjamin Lasar. Jeder, der nur einigermaßen bei Verstand ist, sollte Angst
vor Benjamin Lasar haben.«
Ich schmunzele. »Dann ist heute Ihr Glückstag.«
Mehndorf hebt überrascht die Brauen. »Ja?«
»Benjamin Lasar ist tot.«
Seine Aufmerksamkeit richtet sich kurz auf die Monitore mit meinen
Biodaten. »Nein, noch nicht ganz.« Den Kopf etwas zur Seite gelegt fixiert er mich dann.
»Aber was nicht ist ...«
Nein, mit solchen infantilen Drohgebärden kann er mich nicht mehr
einschüchtern, zu lange habe ich auf diesen Moment hingelebt. »Es mag zwar eine gewisse
Ähnlichkeit zwischen mir und ihm geben, aber ich bin nicht Lasar. Eine herbe
Enttäuschung für Sie, nicht wahr?«
Er wendet sich ab, verschwindet aus meinem Blickfeld, und beinahe glaube
ich, dass er den Raum verlässt. Einen Augenblick später ist er wieder da, platziert
einen Stuhl direkt vor dem Rekonvaleszenztank, keinen Meter von mir entfernt. Er setzt
sich verkehrt herum darauf, so dass sich seine breite Brust gegen die Rückenlehne presst.
»Ein Vergleichsscan ihrer DNA mit der von Benjamin Lasar hat eine einhundertprozentige
Übereinstimmung ergeben. Wie deuten Sie dieses Ergebnis?«
»Da werde ich nur geringe Chancen haben, Sie zu überzeugen, dass ich
es nicht bin. Statt sinnlose Diskussionen zu führen, schlafe ich wohl besser.« Ich
schließe meine Augen, versuche mir das Bild des Tempels zurück ins Gedächtnis zu rufen,
doch es gelingt mir nicht.
»Sie behaupten also, nicht Benjamin Lasar zu sein?«
Ich lasse die Augen geschlossen. »Wie ich bereits sagte: Er ist tot.«
Eine ganze Weile geschieht nichts. Bis mich ein zischendes Geräusch aus
der Dämmerung des einsetzenden Schlafes aufschreckt. Einander überlagernde Schmerzwellen
breiten sich in meinem Körper aus, gleichzeitig fühle ich, wie mein Schwebezustand
aufhört, ich absinke. Das Gel löst sich langsam auf. Es verflüssigt sich, rinnt unter
mir durch die Ablaufschlitze des Rekonvaleszenztanks. Gleichzeitig glühen überall in mir
Novas aus Schmerz auf. Leuchtfeuer in einer Galaxie, die bis gerade eben nur aus
ausgebrannten gefühllosen Sternen bestand. Ein Universum der Leichtigkeit hat sich in
eines aus purer Qual verwandelt.
»Was tun Sie da?«, krächze ich und bemerke nur am Rande, dass keine
Luft mehr durch die Atemmaske dringt.
»Es kann nur noch kurze Zeit dauern, bis wir den echten Benjamin Lasar
aufspüren. Möglicherweise brauchen wir den Rekonvaleszenztank dann für ihn. Einen
abgehalfterten Junkie, den bewaffnete Straßenkinder mit dem echten Lasar verwechselt
haben, benötigen wir hier nicht.«
»Sie bluffen.«
Mein Körper kippt immer weiter nach hinten, so dass ich Mehndorf nicht
mehr sehen kann, gleichzeitig sinke ich immer tiefer, spüre hartes kaltes Metall an
meinen Fersen und den unglaublichen Schmerz, als das Gewicht meines Körpers auf das
gebrochene Bein drückt. Ich bin nicht zu mehr fähig, als vor Qual zu brüllen. Dann
prallt mein Rücken auf den Boden und ich liege hilflos da, wie damals am Rand des
Beckens, als ich es geschafft hatte, allein herauszukommen. Diesmal ist Lasar nicht da, um
mich aufzuheben.
Metall reibt über die Wunden auf meinen Armen, dem Rücken, den Beinen,
und eisige Kälte legt sich um mich wie eine unsichtbare Lebensform, die sich an meiner
Körperwärme nähren will.
»Ziemlich kalt, nicht wahr? Ich denke, ich werde Sie so verrecken
lassen, ohne Schmerzmittel. Dürfte ein paar Stunden dauern, was meinen Sie?«
Ich höre mich wimmern. Kann mich nicht daran erinnern, beschlossen zu
haben, um mein Leben zu flehen, aber ich tue es. »Nicht so ... bitte nicht so.«
»Sie bleiben dabei, Sie sind nicht Benjamin Lasar?«
»Nein.«
»Oh, Sie sind es also doch?«
Ich bekomme kaum noch Luft durch die Maske. »Doch, nein, ... ich bin
nicht, bitte ... brauche Luft ... kann nicht reden ...«
Ein Zischen erfüllt die Leitung.
»Ich will alles wissen«, herrscht Mehndorf mich an. »Jede
Information, die Sie mir geben können, Benjamin Lasar.«
»Ich bins nicht, ich ...« Das Zischen endet abrupt. »Aber ich
kann Ihnen alles erklären, die ganze Geschichte, alles, aber bitte lassen Sie mich nicht
so ...«
»Sie werden mir nichts verschweigen, nicht das kleinste Detail, haben
Sie verstanden?«
Der Schmerz ist kurz davor, mich zu überwältigen. Ich will ja sagen,
doch heraus kommt nur ein Jammern und Wimmern, und dann fühle ich aufsteigende Wärme,
Luft, die erneut in die Maske gepresst wird, und wohlige Taubheit, die sich in mir
auszubreiten beginnt.
Während mein Körper vom Auftrieb des sich langsam verfestigenden Gels
emporgetragen wird, konzentriere ich mich auf die Dinge, die geschehen sind. Rufe sie mir
ins Gedächtnis zurück.
Die ganze Geschichte.
Meine Geschichte.
»Ich bin nicht Benjamin Lasar«, flüstere ich, und dann beginne ich,
erst leise, dann immer lauter, zu erzählen.
Manchmal, wenn die Schmerzen besonders unerträglich wurden, ließ er mich hinauf in
den Tempel tragen.
So nannte Lasar den Pavillon mit den weißen Marmorsäulen, der auf
einer alten Pyramide errichtet worden war. Nein, ein religiöser Mensch war er nicht, das
hätte nicht zu einem Mann gepasst, dessen Philosophie darin bestand, die Dinge selbst in
die Hand zu nehmen. Noch bevor ich das Wort Privileg kannte, begriff ich, dass es eines
war, hier oben mit ihm allein sein zu dürfen. An dem Ort, der Lasars ganz persönliches
Heiligtum war, ein Ort, an dem er sich in sich selbst zurückziehen konnte.
Meine Schreie schienen ihn dabei nicht zu stören. Völlig unbeeindruckt
vertiefte er sich in die Arbeit an einem Laptop, studierte einen Cognac trinkend ein Buch.
Manchmal kam er auch zu mir herüber, hielt meine Hand, strich mir über die Stirn und
sprach mit mir. An das meiste erinnere ich mich nicht, aber er redete gern über das
Universum, über die Natur, über Gott und warum es seiner Existenz nicht bedurfte, um das
Wunder der Schöpfung zu erklären. Manchmal, wenn meine Schmerzen es zuließen, hob er
mich an das Okular seines alten Refraktors und ließ mich einen Blick ins All hinaus
werfen. So sah ich den Mars, den Saturn, die Krater des Mondes, den Orion-Nebel und den
Andromedanebel, noch bevor ich etwas von der Welt außerhalb Lasars Insel gesehen hatte.
»Es gibt nicht den geringsten Beweis dafür, dass dort draußen etwas
existiert, das dem hier gleicht«, erklärte er mir einmal. »Deswegen ist Leben absolut
kostbar. Zu leben bedeutet aber auch, Schmerzen ertragen zu müssen. Sie sind ein
unverzichtbarer Teil des Geschenkes, das ich dir mache.«
Und dann kam der Tag, an dem ich wieder durch das Teleskop sah
aber diesmal musste er mich nicht halten. Ich war groß genug geworden. Es war derselbe
Tag, an dem er sich zum ersten Mal mit mir vereinigte.
Die Schmerzen sind verschwunden. Längst haben die Schmerzmittel wieder ihre volle
Wirkung entfaltet und ich bin dankbar für die Weichheit und Wärme des Gels.
»Wollen Sie sagen, dass ...«, Mehndorf grinst mich an und hebt
provokativ die Brauen, »... Lasar Sie gefickt hat?«
»Ich hab mal gehört, dass Menschenjäger wie Sie sehr eindimensional
denken. Sie haben es mir gerade bewiesen.«
»Beweisen Sie mir, dass Sie nicht nur einen Riesenhaufen Müll von sich
geben. Ansonsten ...« Er legt eine Hand auf das Kontrollpult des
Rekonvaleszenztanks, das er zu sich herangezogen hat.
Dieser Mann wird nicht zögern, mich krepieren zu lassen. Und genauso
wenig lässt er sich hinhalten.
»Wollen Sie nicht erfahren, was ich mit der Vereinigung meinte?«
»Ich bin ganz Ohr.«
Mein sich nach Erfahrungen und Informationen verzehrendes Gehirn trank gierig die
Bilder aus seinem Bewusstsein. Der Transfer wühlte sein Gedächtnis auf, als würde sich
der Grund des Ozeans verschieben und dabei die Ruinen uralter versunkener Städte
freilegen. Es waren seine Erinnerungen an Wesentliches und Unwesentliches. Ereignisse aus
seiner Kindheit durchlebte er mit mir gemeinsam neu, und manche von ihnen erschreckten ihn
genauso sehr wie mich. Ich spürte dann, wie auch sein Körper zuckte, wie die
Erinnerungsbilder für Sekundenbruchteile von Assoziationen der Angst überlagert wurden.
Lasar offenbarte sich mir nicht nur, er schenkte mir seine Erfahrungen, sein Wissen und
damit sein Leben. Mein Kopf füllte sich mit Erlebnissen, die nicht ich durchlebt hatte,
mit Wissen, das nicht ich mir erarbeitet hatte. Es war die Essenz seiner selbst.
Sehr bald begann ich mich zu fragen, warum mir dieses außergewöhnliche
Geschenk zuteil wurde. Ein viel größeres Privileg, so wusste ich, als bei ihm im Tempel
sein zu dürfen.
Ich begriff nicht, wer ich war. Diese Frage stellte sich mir auch gar
nicht, denn ich lernte, wer er war, und zwischen ihm und mir gab es für mich keine klare
Grenze. Noch immer wuchs ich, doch es war leichter, die Schmerzen während des Transfers
zu ignorieren, als einfach nur dazuliegen.
Zu sehen und zu verstehen, lenkte mich ab. Wissen, das Lasar sich im
Laufe von Jahren angeeignet hatte, wurde mir innerhalb von Stunden zuteil. Größer als
die Schmerzen selbst war meine Frustration, wenn er den Transfer beendete, obwohl mein
Gehirn bewusst und unbewusst nach mehr Input verlangte. Vernetzungen zwischen
verschiedenen Informationen bildeten sich. Er hatte etwas gekonnt und ich erinnerte mich
daran. Doch manchmal war diese Fähigkeit noch nicht in meinen Kortex eingeprägt, und
mein Verstand geriet irgendwie ins Schlingern, wenn er darauf zurückgreifen wollte.
Einmal war ich mir ganz sicher, ich könne Klavier spielen. Doch wie, wusste ich nicht,
und so saß ich stundenlang verzweifelt vor einem großen Flügel, um eine Fertigkeit
ringend, die Lasar besaß, aber ich noch nicht. Mit Sprachen ging es mir ähnlich. Ich
erinnerte mich daran, Japanisch, Spanisch und Russisch zu sprechen, konnte es aber noch
nicht. Diese Widersprüche irritierten mich, lösten Kopfschmerzen aus, machten manche
Stunden zur Qual, und ich sehnte die Phasen herbei, in denen Lasar sich mit mir vereinigte
und mehr von seinem Wissen auf mich transferierte. Ich war süchtig danach, mich in seinen
Kopf einzuklinken.
Erwachsen wird man, indem man herausfindet, wer man selbst ist.
Ich dagegen fand heraus, wer Lasar ist.
Noch immer sitzt Mehndorf bewegungslos auf dem Stuhl, als befände er sich in einem
meditativen Zustand. Die Ruhe, die er ausstrahlt, erinnert mehr an einen martialischen
Zen-Buddhisten, der kurz davor steht, zu erkennen, dass sein Weg nicht der des Friedens,
sondern der des Krieges sein wird. Nein, er gleicht eher einer Maschine im Stand By-Modus.
Männer wie er überlassen selten etwas der Natur. Verbesserte Wahrnehmungsorgane,
beschleunigte Reflexe, Biowerte, die von Prozessoren auf optimalem Niveau gehalten werden.
Manche von ihnen lassen sich sogar Coprozessoren in den Kortex pflanzen, die ihr logisches
Denkvermögen erweitern und beschleunigen oder ihnen Sprachkenntnisse verschaffen, für
die sie sonst jahrzehntelang hätten üben müssen.
Ich weiß alles über diese Technologien. Die meisten davon wurden in
Lasars Labors entwickelt oder zur Perfektion gebracht. Lasar hat tausende Männer wie
Mehndorf erschaffen.
»Warum schweigen Sie?«, fragt er mich.
»Ich denke darüber nach, dass Sie alles, was Sie sind, Lasar
verdanken.«
Er legt den Kopf schief. »Ich bin nicht die Summe meiner Implantate.«
»Und ich bin nicht Benjamin Lasar.«
Seine Mundwinkel regen sich zum Ansatz eines Lächelns. »Dieser
Transfer, den Sie beschreiben. Wozu diente er? Und wie wurde das ganze technisch
realisiert?«
»Über ein Biointerface«, entgegne ich knapp.
»Erklären Sie mir das genauer.«
Seine besonderen Fähigkeiten hatten sich schon während der Kindheit gezeigt. Er
verstand es, andere zu manipulieren, für seine Zwecke einzuspannen, in größeren
Strukturen zu denken. Hinzu kam eine grenzenlose Begeisterung für Wissenschaft und
Technologie, die ihn veranlasste, Molekularbiologie und Neuroinformatik zu studieren. Es
stellte sich zwar heraus, dass er selbst kein begnadeter Wissenschaftler, dafür jedoch
ein Fachmann mit einem Auge für viel versprechende Entwicklungen war. Lasar witterte
wertvolle Ideen wie auch wertvolle Talente, integrierte sie in größere Projekte und
baute so ein äußerst erfolgreiches Biotechnologieunternehmen auf. Schon im Alter von 26
Jahren besaß sein Konzern mehr als dreißig Patente, die ihn zum Milliardär machten.
Das Wissen um seine Technologie, um Forschungsergebnisse und nicht
zuletzt seine außergewöhnlichen Fähigkeiten als Organisator und Manager gingen nach und
nach auf mich über. Auch ich wusste bald, wie die Technik funktionierte, die er
verwendete, um mir seine gesamten Erinnerungen zu übertragen.
Während der Transfers nahmen wir beide auf Liegen oben im Tempel Platz.
Dabei hatte er mir vorher nie erlaubt zu sehen, was hinter meinem Kopf geschah. Alles, was
ich spürte, war eine Art Gewicht, das zu Beginn der Sitzung an meiner Schädeldecke zog.
Doch eines Tages, nachdem ich in seinen Erinnerungen auf die Grundlagen des Systems
gestoßen war, gestattete er mir, es in Augenschein zu nehmen. Zunächst hielt ich es für
eine Art Ammoniten oder eine Muschel. Die spiralförmige Struktur bildete aus zwei
Öffnungen heraus wurmartige Fortsätze. Der eine suchte sich eine Stelle an Lasars
Schädel, der andere an meinem.
»Hochaktives lebendes Nervengewebe, ein Parasit genau auf unseren
Gewebetyp zugeschnitten«, erläuterte er.
»Bei anderen würde es nicht funktionieren?«, fragte ich.
»Jeden anderen würde es töten, und das ist keiner schöner Anblick,
glaub mir.« Dabei lächelte er so, als würde ihm der Gedanke Freude bereiten.
In der Sekunde, als er es sagte, wusste ich auch genau wieso. Das Wesen
war eine lebende Brücke zwischen uns, hielt sich für einen Teil von uns und hätte jeden
anderen für einen Angreifer gehalten, den es durch ein starkes Neurotoxin getötet
hätte.
Ich wusste das und noch vieles mehr, und mit meinen wachsenden
Fähigkeiten wuchs auch mein Wunsch, sie anzuwenden. Doch Lasar untersagte mir strikt den
Gebrauch von Computernetzwerken und den Zugriff auf andere Medien. Nur Bücher ließ er
mich lesen. Und da war noch etwas anderes, das merkwürdig war.
Bei den Transfers ließ Lasar keine Informationen über die Gegenwart zu
mir durchdringen. Ich fand sogar heraus, dass ein Unterprogramm des Transfersystems, das
die Aktivität des Parasiten steuerte, mir auch den Zugriff auf alle Gedächtnisinhalte
aus den letzten acht Jahren verwehrte.
Alles, was ich wusste, wusste ich über einen vergangenen Lasar.
Details über Transaktionen, die Erfolge oder Misserfolge nach sich
zogen, über Projekte, die ihn weiter vorangebracht hatten oder straucheln ließen. Ich
wusste von vergangenen Liebschaften, von den Frauen und auch den Männern und von all
seinen Leidenschaften. Ich wusste Dinge, die er in manchen Nächten getan hatte, erinnerte
mich an lustvolle Schreie seiner Geliebten und an ein merkwürdig leeres Gefühl, wenn er
sie verließ.
Nur was er heute tat, das wusste ich nicht.
Eines allerdings verstand ich endlich.
Warum es möglich war, dass der Parasit Gedächtnisinhalte von Lasar auf
mich übertrug, obwohl sich mein Kortex doch eigentlich viel zu sehr von seinem hätte
unterscheiden müssen. Woher hatte er gewusst, dass ich intelligent genug sein würde, um
all diese Fähigkeiten zu verkraften? Als Antwort auf diese Frage reichte mir nur wenig
später der erste Blick meines Lebens in einen Spiegel, den mir meine Amme vorhielt.
Mehndorf sitzt einfach nur da, starrt mich an, wie ich ihn anstarre und erklärt dann
leise: »Eines muss man Ihnen lassen.« Dabei erhebt er sich langsam und tritt direkt an
den Tank heran, mustert mein Gesicht auf eine Art und Weise, wie es ein Mann bei seiner
Geliebten tun würde. »Selbst jetzt, da Ihre Möglichkeiten erschöpft sind und Ihre
Situation völlig ausweglos ist, sind Sie noch kreativ genug, um eine Geschichte zu
ersinnen, die Ihnen eventuell das Leben rettet.« Er wendet sich ab und tritt an das
Kontrollpult, lässt seine Hände über den Schaltern schweben, überlegt, welchen er
zuerst drückt, so wie ein Kind an einem Tisch voller Süßigkeiten darüber nachdenkt,
was es zuerst probiert. Er spielt auf eine kindische Art und Weise mit mir.
Alle Kinder sind Sadisten.
»Möchten Sie nicht hören ...«, sein Zeigefinger nähert sich
einer Taste. Ich glaube, es ist die für die Luftzufuhr. Meine Stimme klingt schon jetzt
atemlos »... wie es weitergeht?«
»Das weiß ich bereits.« Er blickt mich über die Schulter hinweg an
und ich weiß, dass es besser wäre, zu schweigen. »Sie versuchen mir doch gerade zu
erklären, dass Sie ein Klon von Benjamin Lasar sind, nicht wahr?«
Ich nicke langsam. »Ein perfektes Duplikat, durch beschleunigte
Alterung auf das identische biologische Alter von Lasar gebracht.«
»Natürlich.« Er schmunzelt, sein Finger senkt sich.
Ich keuche in der Vorahnung von Atemnot. »Vom Tempel aus konnte man
großartige Sonnenuntergänge sehen, wissen Sie?«, stammele ich und setze hektisch hinzu.
»Ich habe viele gesehen. So etwa einhundertdreißig. Wesentlich länger war der Zeitraum
nicht zwischen meiner Geburt und der Erkenntnis, dass ich eine Kopie von Benjamin Lasar
bin.«
Sein Finger hält inne. »Wie geschah es?«
»Was?«
»Sie wurden doch geboren. Von wem?« Er hat sich mir zugewendet, die
Hand noch immer auf dem Kontrollpult.
»Habe ich Ihnen von der alten Frau erzählt? Oder von ihrer Tochter,
Mina, die Lasar immer meine Amme nannte?«
Mehndorf zieht den Arm zurück, kommt endlich einen erlösenden Schritt
auf mich zu, faltet die Hände wie ein Priester, der mir die Beichte abnehmen will.
»Soviel Zeit haben wir noch.«
Die beiden Frauen waren immer um mich. Die Alte mit ihren zerfurchten eingefallenen
Wangen und dem ausgemergelten Körper saß meistens einfach nur da, kaute auf einem
feuchten Zigarrenstummel herum, stierte in den Himmel oder betrachtete mich eingehend.
Ihre Tätigkeit bestand allein darin, Mina, der Amme, Anweisungen zu erteilen. Das
Mädchen war höchstens fünfundzwanzig und ihre Tochter, soviel hatte ich ihren knappen
Gesprächen in einem schwer verständlichen spanischen Dialekt entnommen.
Die Alte hasste mich. Aber Mina liebte mich. Sie brachte mir viel mehr
Aufmerksamkeit entgegen, als es ihren Pflichten entsprochen hätte. Schon als mein Körper
noch der eines Jungen war, verbrachte sie Stunden damit, mich zu streicheln, oder ließ
mich mit dem Kopf in ihrem Schoß einschlafen. Als ich wenige Wochen später zu einem
jungen Mann geworden war, intensivierten sich Minas Zärtlichkeiten, und auch ich
entdeckte mein Interesse an ihrem Körper. Manche neugierige Berührung ließ sie zu, doch
wenn ich mir zu viel herausnahm, drängte sie mich zurück und lief davon. Heute weiß
ich, dass sie sich nicht davor fürchtete, meinen Wünschen nachzugeben, sondern ihren
eigenen. Erst einen Monat später, als Lasar und ich fast nicht mehr voneinander zu
unterscheiden waren, gab sie sich mir hin. Mina offenbarte mir, wie es war, sich nicht nur
an Leidenschaft zu erinnern, sondern sie zu erleben. Ich war eine Jungfrau mit allen
Erfahrungen eines Mannes, der zahllose Affären gehabt hatte. Wir liebten uns im Tempel,
sehr lange und sehr zärtlich. Und als sie schließlich auf mir ritt und sie kam und ich
kam, da stieß sie keuchend hervor: »Du bist anders, nicht wie er, nicht wie er, nicht
wie er ...«
Später, als Mina in meinen Armen lag, hörte ich sie weinen. Ich wollte
von ihr wissen, was sie gemeint hatte, und sie flüsterte: »Meine Mutter sagt, auch das
Spiegelbild des Teufels ist böse. Aber das stimmt nicht. Nicht bei dir. Wenn du nicht
fliehst, wirst du sterben.«
Ich weigerte mich, das zu glauben. Lachte sie erst aus, schrie sie dann
an. Doch Mina nahm einfach meine Hand und zog mich mit sich in ihre Unterkunft. Denn in
dem winzigen, nach Gewürzen duftenden Raum, in den das Mondlicht schien, gab es etwas,
das ich noch mehr begehrte als ihren Körper wenige Stunden zuvor. Das wusste sie.
Sie ließ mich bis zum Morgen allein mit dem Computer.
Mit Lasars Fähigkeiten in meinem Kopf tauchte ich ins Internet ein.
Und ich fand heraus, was er in den letzten Jahren getan hatte.
Mit einem Stirnrunzeln betrachtet Mehndorf zackige Linien auf den Displays, die ich
für mein EEG halte. Beinahe glaube ich, er hat mich vergessen, meinem Bericht keinerlei
Beachtung geschenkt, als er plötzlich fragt: »Warum hat er das getan?«
»Was meinen Sie?«
Er lehnt sich zurück, verschränkt die Arme vor der Brust. »Ihnen
seine intimsten Erinnerungen geschenkt, Ihnen jedoch verschwiegen, was er in der Gegenwart
angerichtet hat. Aus Scham?«
»Ich glaube nicht, dass er dazu fähig war.«
»Und warum dann?«
»Hätte ich erfahren, was er getan hat, dann hätte ich begriffen,
worin meine Rolle bestehen würde. Und dann wäre ich zu einer Gefahr für ihn geworden.«
»Und was geschah, nachdem Sie es nun doch wussten?«
Ich schließe meine Augen, und diesmal gelingt es mir, den Tempel in
meinem Gedächtnis zu betreten. Das Mondlicht fällt zwischen den Säulen hindurch auf
Minas dunkle, von Schweiß glänzende Haut. »Ich hatte keine andere Wahl«, flüstere
ich.
Zahllose Zeitungsartikel, Filmaufnahmen, Untersuchungsprotokolle und anderes online
zugängliches Archivmaterial belegten, was er getan hatte. Sie vermittelten mir ein Bild
von Lasar, das irgendwie eine schlüssige Weiterentwicklung des etwas jüngeren Mannes
darstellte, dessen Gedächtnis mein eigenes war. Lasar hatte die Grenzen des
wissenschaftlich Machbaren erkannt Grenzen, die nicht technischer oder
wissenschaftlicher Natur waren, sondern durch Gesetze und moralische Prinzipien gezogen
wurden. Dergleichen abstrakte Regeln hatte er jedoch nie akzeptieren können.
Und er tat es auch nicht.
Als die demokratische Regierung in Chile blutig aus dem Amt geputscht
wurde und General Assante die Geschicke des Landes in die Hand nahm, besann sich Lasar
einer alten Freundschaft. Er und Bio-Assante, wie die Medien den Biowaffenexperten und
jetzigen Diktator nannten, hatten gemeinsam studiert, und nun bot der General seinem alten
Kommilitonen eine verlockende Chance. Biologische Forschungen an menschlichen Objekten.
Woher diese stammten?
Aus den überfüllten Ghettos, in denen niemand Ausweise besaß und in
denen das Verschwinden von Menschen genauso alltäglich war wie Infektionskrankheiten,
Vergewaltigungen, Hungertod und brutale Auseinandersetzungen zwischen Straßenbanden.
Ich sah die Bilder aus den Operationssälen, junge Mütter und alte
Mütter, denen man die durch künstliche Befruchtung erzeugten modifizierten Föten wieder
aus dem Leib schnitt, weil sie sich zu schnell entwickelten. Ich sah die Aufnahmen von den
riesigen Halden, die in Flammen standen und aussahen wie die brennenden Müllkippen am
Rand der Stadt. Allerdings bestanden diese nicht aus altem Holz, Papier und Plastik,
sondern aus lodernden aufgeschnittenen Leibern. Ich sah die Videos von endlosen Reihen
verkrüppelter und missgebildeter Föten in den kilometerlangen Regalen der unterirdischen
Labors. Spitzel hatten das Beweismaterial unter Einsatz ihres Lebens außer Landes
geschafft, und mehr als einer von ihnen hatte sich auf einem OP-Tisch wiedergefunden, auf
dem man ihn bei vollem Bewusstsein grausamen Experimenten unterzog.
Unten in den Straßen nannten sie Lasar den Teufel. Seine
Todesschwadrone aus Kindersoldaten lauerten überall, konnten jederzeit jeden einfangen
und abtransportieren. Er war schlimmer als Bio-Assante, denn seine Forschungen brachten
das Land wirtschaftlich nach vorn und festigten Assantes Macht. Schließlich fragte
niemand nach, woher Lasars außergewöhnliche Ergebnisse stammten, solange sie ihren Zweck
erfüllten. Das Land exportierte neuronale Interfaces, Neurocoprozessoren,
Zerebralimplantate, revolutionäre Medikamente gegen Demenzerkrankungen und
Cyborgtechnologie, die der amerikanischen angeblich weit überlegen war.
Doch mit dem Export von Hochtechnologie nach China, Korea und Russland
ging Assante hinter Lasars Rücken zu weit und machte sich Feinde im Norden. Sein Regime
geriet ins Wanken, und nach der Veröffentlichung brisanten Beweismaterials stand fest,
dass Lasar zu einem gesuchten Mann geworden war. Der Sturz des Assante-Regimes und seine
Verhaftung war nur noch eine Frage der Zeit.
Lasar würde sich absetzen und den Rest seines Lebens auf der Flucht
bleiben müssen.
Außer er wurde verhaftet und inhaftiert oder noch besser exekutiert, so
dass jeder davon ausgehen konnte, dass er seiner gerechten Strafe zugeführt worden war.
Und genau zu diesem Zweck hatte er mich erschaffen.
Das Mädchen und ich sprachen nie über das, was ich erfahren hatte. Es
bedurfte auch keiner großen Worte, um sie über ihr Wissen schweigen zu lassen.
Sie liebte mich einfach. Warum auch immer.
Zeugen würde es keine geben. Nur die alte Frau, Mina und Lasar selbst
wussten von meiner Existenz. Seine Leibwächter, die das Anwesen abschirmten, hatte ich
mein Leben lang ganze vier Monate also immer nur von weitem gesehen.
Natürlich. Sein Plan wäre nicht aufgegangen, hätte einer von ihnen nach dem Sturz über
den Doppelgänger berichtet.
Auch an diesem Tag nahm er mich mit in den Tempel, wie er es früher
schon oft getan hatte. Er trank ein Glas Cognac, sprach über die Bibel und betrachtete
den Sonnenuntergang. Für mich war es etwa der einhundertdreißigste. Doch dieses Mal
beachtete ich ihn nicht, bereitete mich in seinem blutroten Licht stattdessen auf das vor,
was zu tun war. Hinter dem Rücken meines Schöpfers tat ich so, als baute ich einmal mehr
den Refraktor für eine Sternbeobachtung auf. Anders als sonst befestigte ich das schwere
Ausgleichsgewicht aber nicht am Tubus. Lasar philosophierte unterdessen über Lebenskeime
und darüber, wie alles um uns herum seinen Anfang genommen hatte. Er tat dies ohne zu
wissen, dass sein eigenes Ende bevorstand. Seine letzten Worte lauteten in etwa: »Die
Wissenschaft hat Gott von seinem Thron gestoßen.«
Vielleicht rächte Gott sich in dieser Sekunde für die Blasphemie,
ließ er mich doch Lasars Hinterkopf mit dem Ausgleichsgewicht des Teleskops zertrümmern.
Durch das Loch in der Schädeldecke warf ich einen Blick auf eines der boshaftesten
Gehirne der Menschheit. Grau, etwas blutig, verletzlich. Ein Anblick, der mich völlig
kalt ließ bis Lasar den Kopf drehte und mich noch einmal ansah. Das jähe
Entsetzen ließ meinen Körper taub, meine Knie weich werden. Das Ausgleichsgewicht glitt
mir aus der Hand, schlug mit einem Glockenschlag auf den Boden auf. Er starrte mich aus
glasig werdenden Augen an, während Blut aus seinen Ohren hervorbrach, und flüsterte
sterbend: »Ich habe dir die Sterne erklärt.«
Es waren seine letzten Worte. Dann hob sich seine Brust zum letzten Mal
und ich kotzte auf meine nackten Füße.
Lasar hatte seinen Tempel auf der verkleinerte Nachbildung einer alten
Mayapyramide errichten lassen. Irgendwann hatte er mich mit hinunter genommen, mir die
vielen Geheimgänge und leeren Kammern gezeigt, in denen er Wein und Wertpapiere lagerte
und hinter verschlossenen Türen noch ganz andere Geheimnisse harrten. Alles hatte er aber
auch mir nicht offenbart. Wichtig für mich war nicht, was sich in den vielen Räumen noch
verbarg, sondern dass es niemandem außer mir möglich sein würde, die Pyramide zu
betreten.
Den Schlüssel dafür trug nur er bei sich. Seine Netzhaut und seine
Stimme. Beides besaß ich selbst auch. Das Sicherheitssystem war viel zu simpel, um zu
bemerken, dass es getäuscht wurde. Mit einer identischen Kopie der einzig befugten Person
hatten seine Konstrukteure nicht gerechnet. Die Felstür öffnete sich, und ich zog Lasars
Körper mit mir, schleifte ihn immer tiefer nach unten bis in die Gänge, in denen es
keine Beleuchtung mehr gab.
Dort wollte ich ihn begraben und vergessen.
Aber auf das, was ich ganz unten am Fuß der Pyramide in einem Erdloch
fand, war ich nicht vorbereitet.
»Eine beeindruckende Geschichte. So viele schöne Einfälle. Sie sind in der Tat ein
äußerst kreativer Mann.« Die Hände im Schoß gefaltet, betrachtet mich Mehndorf und
nickt dann anerkennend.
»Ich kann es Ihnen beweisen.«
»Wir haben Lasars Anwesen nur wenige Tage nach Assantes Umsturz
durchsucht. Sie wissen selbst, wie das läuft. Noch vor uns waren die Rebellen da, haben
geplündert und alles, was sie nicht bewegen konnten, zertrümmert oder in Stücke
geschossen. Ihre nette kleine Pyramide haben wir auch untersucht. Das Ding ist Plunder,
großer, teurer, geschmackloser Plunder.«
Ich grinse ihn an. »Sie haben den Eingang nicht gefunden und sich damit
begnügt, alles auf Hohlräume zu scannen, nicht wahr?«
Er hebt spöttisch die Brauen. »Es gab keine.«
»Oh doch, die Systeme in der Pyramide täuschen nur jedem gängigen
Scanner vor, sie wäre massiv.«
Flackert da etwas wie ein leiser Zweifel in seinen Augen auf? Er
schweigt.
»Wenn ich Ihnen Lasars Grab zeige, kann ich Ihnen beweisen, dass ich es
nicht bin.«
»Sie versuchen Zeit zu schinden, das ist alles.«
»Und Sie wollen Informationen von mir, die ich Ihnen nicht geben kann.
Ich kann mir vorstellen, was Sie mit mir tun werden, um alles aus mir herauszuholen. Das
würde ich mir gern ersparen. Ich habe bereits Monate damit verbracht, vor einer Rache
wegzurennen, die Lasar verdient hat und nicht ich. Wenn ich Ihnen zeige, wie man in die
Pyramide kommt, dann haben Sie die Möglichkeit, seine Archive zu durchsuchen. Da finden
Sie Ihre Informationen.«
Mehndorf beugt sich vor. »Wenn es einen einzigen Beweis gäbe, dass an
Ihrer Behauptung etwas dran ist ... Aber den sehe ich nicht.«
»Doch, es gibt einen. Schauen Sie sich mein CT an. Es gibt einen Tumor
in meinem ventromedialen Temporallappen. Er verursacht eine leichte Blutung. Ihre Experten
sollen ihn genauer untersuchen. Sie werden einen verkapselten, mit Flüssigkeit gefüllten
Kanal vom Hippocampus durch den Temporallappen und den Tumor bis durch den Schädel
finden. Das ist der Interfacezugang für den Transferparasiten gewesen.«
Nachdenklicher als jemals zuvor starrt er mich an.
Ganz langsam nur, fast unmerklich schüttelt er schließlich den Kopf.
»Warten Sie«, keuche ich, denn ich weiß, was nun kommt. »Nein«,
brülle ich, doch ich kann es nicht mehr abwenden.
Den Rest nehme ich unendlich verlangsamt wahr.
Wie er den Arm ausstreckt, sich dabei von mir abwendet. Wie sein Finger
immer langsamer wird und sich auf die Taste senkt. Wie sein Kopf sich in einer zur
Ewigkeit erstarrten Sekunde wieder mir zuwendet und er den endgültigen Satz ausspricht.
»Schlafen Sie wohl, Benjamin Lasar.«
Die Stille und Dunkelheit verschlingen mich, noch bevor ich ein letztes
Mal schreien kann.
Lasar und ich schwimmen in der Bucht. Im warmen opalfarbenen Wasser umkreisen uns
Schwärme grüner, roter und blauer Fische. Lumineszierende Fische, die Lasars Genetiker
nur der Ästhetik wegen erschaffen haben. Nachts kann man die Schwärme vom Tempel aus im
schwarzen Wasser der Bucht dabei beobachten, wie sie einander durchdringen und Strukturen
bilden, die Polarlichtern unter der Meeresoberfläche gleichen.
Wieder einmal durchtauchen wir diesen lebenden Vorhang aus Farben, und
Lasar deutet nach vorn auf eine der riesigen Meeresschildkröten, die eigentlich längst
ausgestorben sind. Er hat sie klonen lassen. Erst jetzt bemerke ich den Schwarm aus roten
Fischen, der uns folgt.
Warum tun sie das? Sonst ignorieren sie uns. Liegt es an der roten Spur,
die wir durchs Wasser ziehen? Das Blut aus der aufklaffenden Wunde in Lasars Schädel
vereinigt sich mit dem Meer, durchdringt es und lockt die Fische an.
Er lächelt.
»Ich habe dir die Sterne erklärt«, flüstert er, und ich kann es
deutlich hören, obwohl wir doch tief unter Wasser sind.
Ich öffne die Augen, stöhne gequält auf, schütze mein Gesicht instinktiv mit beiden
Händen vor der gleißenden Helligkeit, presse die Lider wieder fest aufeinander. Um mich
herum ist es heiß, entsetzlich heiß. Gelindert wird die Hitze nur von der angenehmen
Kühle an meinen Beinen, die stärker und schwächer wird. Genau wie das Rauschen in
meinen Ohren. Für eine Weile glaube ich, dem Blut in meinem Schädel zu lauschen. Doch
das Geräusch ist viel zu unrhythmisch, um von meinem Herzschlag zu stammen. Wieder greift
die Kälte nach meinen Beinen und Füßen, und ich bin dankbar dafür, doch fühle ich
auch, wie sie an mir zieht, und das macht mir Angst.
Eigentlich will ich es nicht, doch die Neugierde treibt mich an, meine
Lider zu öffnen.
Erst ist es nur eine Komposition aus Farbschlieren, die ich wahrnehme.
Oben hellblau, unten dunkelblau. Dann klärt sich das Bild, wird schärfer und dringt zu
meinem Gehirn durch.
Der Ozean erstreckt sich still und unbeeindruckt von meiner Anwesenheit
unter einem strahlendblauen Himmel. Doch das dunkle Grau am Horizont kündigt an, dass
sich dort etwas zusammenbraut. Der Sturm der Veränderungen hat mich schon vom ersten Tag
meines Lebens an mit sich gerissen. Als ich meine Tage mit Lasar im Tempel und hier in der
Bucht verbrachte, hatte ich mich nur im Auge des Hurrikans befunden.
Meine Finger krallen sich in den Sand. Erst jetzt erinnere ich mich,
dass die meisten gebrochen waren. Davon ist jetzt nichts mehr zu spüren. Alle bewegen
sich.
Mit meinen sich schärfenden Sinnen erwacht auch mein Instinkt wieder.
Die Härchen in meinem Nacken richten sich auf. Jemand ist hinter mir und ich fahre herum.
Dabei schmerzt mein Hals ein wenig, aber bei weitem nicht mehr so, wie er es oben auf dem
Dach getan hat.
Mehndorf hockt im Sand und betrachtet mich durch seine verspiegelten
Gläser. Gute hundert Meter von uns entfernt steht der Helikopter. Zwei Uniformierte
warten daneben. Beide tragen automatische Waffen. Als sie bemerken, dass ich aufzustehen
versuche, setzen sie sich in Bewegung. Er bedeutet ihnen mit einer knappen Geste, zu
bleiben, wo sie sind, während ich mich mühsam aufrappele.
»Zehn Tage im Rekonvaleszenztank können Wunder bewirken. Einen Teil
davon haben Sie Ihrer eigenen Technologie zu verdanken.«
Nicht meiner Technologie, will ich entgegnen, stelle dann aber zu meiner
eigenen Überraschung fest: »Sie haben mich nicht krepieren lassen.«
Auch er erhebt sich, baut sich vor mir auf. Er dürfte gute zehn
Zentimeter größer sein als ich. Gleichmütig hebt er die Schultern, streift den Sand von
seinen Händen. »Was nicht ist ...«, erklärt er leise, ohne mich dabei anzusehen,
und macht sich auf den Weg. »Kommen Sie mit, es wird zu heiß am Strand.« Er überzeugt
sich nicht einmal davon, dass ich ihm auch folge.
Andere Alternativen habe ich schließlich nicht.
Der Aufstieg zur Pyramide ist mühsam. Die Luft ist heiß und trocken,
zieht mir den Schweiß aus den Poren. Die frisch geheilten Knochen schmerzen unter der
erwachenden Erinnerung an die Verletzungen. Mehr als einmal fehlt mir die Luft um
weiterzugehen. Doch er stützt mich nicht, hilft mir kein einziges Mal. Wenn mich die
Erschöpfung zwingt, stehen zu bleiben, wartet er schweigend oder nimmt einen Schluck aus
einer Wasserflasche. Mir bietet er keinen an, obwohl auch mich Durst quält.
Die beiden Soldaten folgen uns in angemessenem Abstand.
Ich entsinne mich, dass der Aufstieg eigentlich gerade mal eine
Viertelstunde dauert. Doch heute benötige ich eine ganze Stunde, bevor wir die graue
Pyramide auf dem höchsten Gipfel der Insel erreichen. Auf ihr thront noch immer der
Tempel, wie eine kleine weiße Akropolis. Allerdings fehlt jetzt ein Teil des Daches. Auch
die Einschusslöcher sind neu. Zerbeulte Bierdosen und leere Patronenhülsen bedecken den
Boden.
Einige von Lasars Leibwächtern haben der Verlockung, es sich in
Abwesenheit ihres Herren auf dem Anwesen gut gehen zu lassen, anscheinend nicht
widerstehen können und sich zu lange Zeit gelassen mit ihrer Flucht. Die Rebellen haben
der Justiz unnötige Kosten erspart. Die verkohlten Leichen der Bodyguards hat man einfach
auf den Marmorstufen des Tempels liegen lassen dort, wo man ihnen die brennenden
Autoreifen um den Hals gelegt hatte.
Der entsetzliche Anblick ihrer zu Klumpen verschmorten Körper lässt
mich die Treppe schneller hinaufrennen.
»Und wo ist er nun, ihr geheimnisvoller Zugang?«
Ich muss mich orientieren. Sie haben den Tempel noch weit mehr
verwüstet als man es von draußen erkennen konnte. Die Möbel sind zerschmettert,
Granateinschläge haben die Säulen im hinteren Bereich herausgesprengt. »Drücken Sie
die Daumen, dass das System noch arbeitet«, erwidere ich.
Er schmunzelt. »Ich verstehe.«
In einem Augenblick jähen Entsetzens muss ich einsehen, dass das
Granatfeuer auch die Säule mit den verborgenen Schaltelementen weggerissen hat. Doch dann
wird mir klar, dass es die Säule gleich daneben ist, und die steht noch.
Mit einem breiter werdenden Lächeln beobachtet er, wie ich meine Hand
über den weißen Marmor gleiten lasse. Dabei sehe ich zum ersten Mal, dass sie noch immer
geschwollen ist und ein riesiger lilafarbener Bluterguss den Handrücken bedeckt.
Da ist sie, die winzige Wölbung, in die ich meinen Finger senke. Im
nächsten Moment gleitet das gesamte Marmorsegment nach hinten und verschwindet im Inneren
der Säule. Dafür dringt blaues Licht in meine Augen. »Gott reicht Adam einen Finger«,
sage ich, so wie Lasar es immer getan hat. Das System erkennt sowohl seine Netzhaut als
auch seine Stimme.
Mehndorf springt zur Seite als der Boden unter ihm nachgibt, sich
tortenförmige Segmente in den Boden herabsenken und gegeneinander versetzt zum Stillstand
kommen, bis sich eine Wendeltreppe gebildet hat. Überrascht glotzt er mich an. Diesmal
ist es an mir zu grinsen.
»Einen Scheißdreck verstehen Sie.«
So weit gekommen zu sein, lässt mich meine Erschöpfung vergessen. Mit
schneller werdenden Schritten steige ich nach unten, folge dem abfallenden Gang, biege an
den Kreuzungen so schnell ab, dass mich Mehndorf auffordert, langsamer zu gehen. Meine
Kräfte wachsen jedoch von Minute zu Minute, als würde mein schneller schlagendes Herz
die Genesung beschleunigen. Einmal höre ich die beiden Soldaten laut nach uns rufen. Er
hält mich an der Schulter fest, wartet, bis die beiden Männer aufgeschlossen haben.
»Wie tief ist dieses Ding?«, erkundigt sich einer auf Spanisch.
»Tief genug, um böse Erinnerungen darin zu verschließen«, entgegne
ich.
Auf den letzten fünfzig Metern Schacht, die tief in den Felsen der
Insel hineingeschnitten worden waren, müssen wir die Taschenlampen benutzen. Es riecht
ein wenig nach Meer, nach Muscheln und Fisch. Ganz am Ende liegt ein halb vermoderter
Teppich, der eigentlich oben aus dem Tempel stammt. Ich reiße ihn hoch, werfe ihn so
kraftvoll zur Seite, dass die Soldaten ihm ausweichen müssen. Das Loch darunter liegt nun
frei. Für seine beiden Begleiter muss es aussehen, als würde ich ihn angreifen, als ich
Mehndorf die Taschenlampe entreiße. Beide richten erschreckt die Waffen auf mich, doch er
drückt mit einer schnellen Bewegung beide Läufe wieder nach unten.
Ich gleite auf dem Hosenboden über den Rand hinunter in das Loch, lande
auf meinen Füßen und mitten in dem süßlichen Gestank, der die kleine Höhle
erfüllt wie ein fauliger zäher Brei, der meine Atemwege hinabfließt.
»Ich hielt das für ein gutes Versteck«, rufe ich nach oben. »Außer
mir konnte niemand hierherkommen. Sie haben es ja auch nicht geschafft.«
»Wo ist er?«
Der Lichtschein aus den Strahlern der beiden Soldaten hat für den
Anfang ausgereicht. Doch nun schalte ich die Lampe meines Begleiters ein.
»Ich weiß nicht, was mich mehr überrascht hat. Die Tatsache, ein
genetisches Duplikat eines menschlichen Ungeheuers zu sein.« Ich lasse den Lichtkegel zum
aufgeblähten Leichnam Lasars wandern. Oben höre ich einen der Soldaten aufstöhnen.
Mehndorf schnalzt mit der Zunge.
»Oder die Tatsache, dass Lasar, der echte Lasar, zu dem Zeitpunkt, als
ich meinen Lasar tötete, bereits einige Zeit tot war.«
Noch einmal lasse ich den Lichtkegel weiterwandern. Dieses Mal zu einem
Skelett. Es ist genauso groß wie die andere Leiche, nur ist der Verwesungsvorgang hier
bereits abgeschlossen.
»Was zum ...«, höre ich Mehndorf murmeln.
Ich lasse ihn in seiner Überraschung zurück, als ich das Licht der
Taschenlampe lösche, tauche hinab ins Dunkel, ertaste den Schädel des ursprünglichen
Original-Lasars, erfühle den kleinen Zylinder und die Spritze zwischen seinen Kiefern und
nehme sie rasch an mich.
»Was tun Sie da?«, brüllt Mehndorf plötzlich gar nicht mehr so ruhig
herunter. Der Lichtkegel tastet nach mir, erfasst mich in dem Moment, in dem ich mir die
Injektion in den Arm stoße. Schmerzhaft tief hinein ins Muskelgewebe. Ein Stöhnen
entringt sich mir und ich spüre, wie Mehndorfs muskulöser Körper neben mir landet, nach
mir greift, meine Arme zu packen versucht. Doch längst habe ich den Auslöser an dem
Zylinder gedrückt, werfe das Ding in die Luft.
Vier Augenpaare folgen seinem Flug. Dann platzt er an beiden Enden auf,
und eine Wolke glitzernder Tröpfchen breitet sich zwischen uns aus. Die beiden Soldaten,
auf deren Höhe die Granate ihren Inhalt versprüht hat, haben nur wenige Sekunden Zeit,
um krächzende Schreie auszustoßen, während das Neurotoxin ihre Nervenbahnen zerstört
und dabei eine Symphonie apokalyptischer Schmerzen in ihren Gehirnen aufführt. Beide
stürzen hinunter ins Loch direkt auf Mehndorf, der von ihren noch zuckenden
Leibern begraben wird.
Ich bleibe liegen, kann nur hoffen, dass das Gegenmittel mich vor der
Wirkung des Toxins bewahrt. Aber das ist mehr Hoffnung, als ich noch vor wenigen Minuten
hatte. Wohl deswegen breitet sich tiefer Frieden in mir aus. Nur ein schwacher Lichtschein
dringt unter den Leichen hervor. Aber Stille und Dunkelheit beunruhigen mich nicht, auch
nicht all die Toten um mich herum.
Der Schmerz bleibt aus. Das Gegenmittel erfüllt seinen Zweck, sonst
wäre ich schon lange tot, würde zumindest Höllenqualen leiden, während sich meine
Synapsen zersetzen. Ich habe überlebt, ich habe es geschafft, will die Lampe einschalten,
will mich auf den Weg in die Freiheit machen.
Erst jetzt spüre ich, wie sich jemand auf mich zu bewegt.
Im nächsten Augenblick werde ich gepackt, in die Höhe gewuchtet.
Eine Hand hält meinen Arm mühelos fest, als ich die Taschenlampe
hochreißen will. Den Lichtstrahl kann ich noch einschalten. Sein Gesicht ist direkt vor
meinem, und ich schmecke seinen süßlichen Atem. Die winzig kleinen Pupillen in der Iris
mit dem Metallring starren mich an. Wie ein Mensch sieht er nicht mehr aus, aber da ist
etwas, das ich wiederzuerkennen glaube, jetzt, im grellen weißen Licht.
»Wenn man verhaftet wird, führt man die Idioten hierher und löst die
Falle aus. Ein netter kleiner Notausgang, nicht wahr?«
Das Neurotoxin hat ihn nicht umgebracht. Wird das auch nicht mehr tun,
denn nach etwa zwei Minuten an der Luft verliert es seine Wirkung.
Er schleudert mich von sich. Im nächsten Moment richtet sich der Strahl
seiner Lampe auf mich, huscht von dort zum aufgeblähten Leichnam des Lasars, den ich
getötet habe, und dann hinüber zu den Knochen des ersten Lasar. »Sonderbar«, stellt er
fest, hält den Strahler so nach oben, dass er sein Gesicht beleuchtet. »Was für eine
reizende Gespenstergeschichte! Wir sind von Geistern umgeben.« Er tritt auf mich zu,
blickt auf mich herunter. »Mit so einer Entwicklung hatte ich nicht gerechnet. Ist schon
erstaunlich, oder? Lass mich raten, du hättest genau dasselbe versucht wie die beiden vor
dir, wenn du noch genug Zeit dazu gehabt hättest. Aber der Umsturz war schon da, du
konntest nur noch um dein Leben rennen.«
Ich schüttele den Kopf, begreife nicht, warum er lebt. »Woher wussten
Sie, dass ich genau dieses Neurotoxin benutzen würde? Nur Lasar wusste von dessen
Exis...« Ich reiße die Augen auf, erkenne endlich die Wahrheit. »Oh, mein Gott.«
Rückwärts presse ich mich gegen die Wand. Nur weg von ihm, weg von dieser
Albtraumgestalt, diesem Dämon, der viel raffinierter ist, als ich jemals geglaubt habe.
Er lacht so heiser, dass es wie das Fauchen der Königskobra klingt, die
ich einmal in einem Labor beobachtet hatte, als sie einen meiner Genetiker angriff. Meine
oder Lasars Erinnerung, was spielt das schon für eine Rolle? »Jetzt hast du es kapiert,
oder? Das Neurotoxin an Stellen deponieren, an die dich eventuell irgendwelche
Untersuchungskommissionen führen. Eine Chance zur Flucht für Notfälle. Du hast diese
grandiose Idee nicht deiner Kreativität zu verdanken ...«, er tippt sich an die
Stirn. »Sondern meiner. Ich habe das Gift bereits vor Jahren eingesetzt und mich deshalb
selbst dagegen immunisieren lassen.«
Atemlos begreife ich, wenn auch viel zu spät, was hier wirklich vor
sich geht. »Sie sind er.«
Mehndorf beugt sich zu mir herab, stößt ein albernes »Buh« hervor,
das mich trotz seiner Absurdität zusammenfahren lässt. Widmet sich dann beiden Soldaten,
die er mit dem Fuß auf den Rücken dreht, um sich durch einen Blick in ihre gebrochenen
Augen davon zu überzeugen, dass sie uns nicht mehr zuhören. »Ich habe meine Flucht mit
der Erschaffung von Nummer Eins da hinten ...« er deutet beiläufig auf das
Skelett hinter sich »...schon vor fast zwei Jahren eingeleitet. Als ich Wind davon
bekam, dass Assante auch an China, Korea und Russland verkauft, war mir klar, dass seine
und meine Tage gezählt waren. Ich hatte keine Lust, den Rest meines Lebens auf der Flucht
zu verbringen. Also wollte ich dafür sorgen, dass Lasar seiner gerechten Strafe
zugeführt würde. Nachdem Nummer Eins sämtliche meiner Erinnerungen erhalten hatte,
schloss ich den Transfer ab und löschte sein Gedächtnis im Hinblick auf die
Transferprozedur und meine Person.«
Ich verstehe nur allzu gut, was das bedeutet. »Er hat wirklich
geglaubt, er wäre Lasar.«
Sein Gesichtsausdruck ist schockierend fröhlich, als er erklärt: »Es
war perfekt. Genau zu diesem Zeitpunkt nahm ich in einer sehr kostspieligen Prozedur die
Identität von Lasars wichtigstem Gegner an. John Mehndorf lauerte nur darauf, dass das
Assante-Regime zusammenbrach. Er war längst von den Amerikanern darauf angesetzt, Lasar
aufzuspüren, sobald die Rebellen die Macht übernahmen. Aber Mehndorf fühlte sich in
seinem eigenen Land viel zu sicher. Auf die Idee, dass ich ihn dort ausschalten und an
seiner statt nun mich selbst möglichst medienwirksam aufspüren und töten würde, war er
nicht gekommen. Ich ließ mir sein Gesicht verpassen, Implantate in den Beinen machten
mich acht Zentimeter größer, künstliche Muskeln und ein Combat-Coprozessor in meiner
Hirnrinde sorgen dafür, dass ich vom Original nicht zu unterscheiden bin.«
»Aber wenn Nummer Eins glaubte, Lasar zu sein, und auch wusste, dass
man ihn jagen würde, warum hat er dann nicht selber beschlossen zu fliehen?«
Lasar schmunzelt. »Das hat er doch. Und er kam genau auf dieselbe Idee
wie ich, schuf sich ein Duplikat, das ihn allerdings, wie wir gerade festgestellt haben,
durchschaute und tötete. Dieser neuen Kopie wiederum verdankst wohl du deine Existenz.
Aber auch dein Schöpfer hat die Gefährlichkeit seines Duplikates erneut unterschätzt.«
Er schüttelt lachend den Kopf. »Und ich habe mich verdammt noch mal gewundert, wo mein
Doppelgänger steckt, als ich das Haus mit einem Kommando stürmte, um ihn zu verhaften.
Klar hab ich in die Pyramide geschaut, aber natürlich nicht hier unten. Ich war sicher,
er wäre bereits geflohen. Stimmt ja auch irgendwie, nur war es bereits seine zweite
Kopie, der ich nun hinterherjagte.« Tadelnd hebt er den Finger. »Komm, begrüß deinen
Ururgroßvater.« Mit einer Bewegung, die ich nicht einmal kommen sehe, packt er meine
Schultern und stemmt mich hoch, als wäre ich ein kleiner Junge.
»Zeit für dich, dein gerechtes Ende durch eine Kugel aus der Waffe von
John Mehndorf zu finden. Nach all diesen üblen Menschenrechtsverletzungen wird dir wohl
niemand eine Träne nachweinen, oder?«
Nur eine Hand reicht ihm, um mich in der Luft zu halten, mit der anderen
drückt er den Lauf einer Pistole gegen mein Herz.
»Das wird aussehen wie eine Exekution, nicht als wäre ich geflohen.«
»Glaubst du ernsthaft, irgendjemanden würde es interessieren, ob alles
mit rechten Dingen zugegangen ist, als Lasar sich durch eine erneute Flucht den Behörden
entziehen wollte? Immerhin hast du zwei tapfere Befreier ihres Landes heimtückisch mit
einem Neurotoxin ermordet. Ich musste mich doch verteidigen. Die da draußen interessiert
nur, dass el bastardo, el satan, seine graue Eminenz Benjamin Lasar endlich tot ist.«
»Aber ich bin es nicht.«
»Du hast sein Gesicht, du hast seine DNA, du hast sogar seine
Erinnerungen. Du bist Lasar, zumindest für all die, die es glauben sollen.« In der
Sekunde, bevor er abdrückt, presst er die Waffe so fest gegen meine Rippen, als wolle er
das Metall direkt in mein Herz stoßen.
Endlich flackert Mündungsfeuer auf, und ein ohrenbetäubender Knall
lässt meine Trommelfelle fast bersten. Etwas reißt mich nach vorn, doch ich lande weich,
und der erwartete Schmerz bleibt aus. Tut es nicht weh, wenn das Projektil mein Herz
durchbohrt?
Zunächst glaube ich, mit dem Mund voran in eine Pfütze gefallen zu
sein. Bis ich Blut schmecke. Ich rolle mich entsetzt zur Seite, taste nach der Lampe,
richte sie auf den Körper vor mir. Lasar in Gestalt von John Mehndorf liegt am Boden. Auf
der Suche nach dem Einschussloch taste ich meinen Körper ab, entdecke das Blut auf meiner
Brust. Sehr viel Blut, aber nicht meines oder irgendwie schon meines, aber nicht
aus meinem Körper. Dort wo der Mund von John Mehndorf alias Benjamin Lasar gewesen war,
klafft nun ein riesiger Krater. Würgend starre ich auf die dicken, an meinem T-Shirt
hängenden Gewebefetzen. Reste seiner Zunge. Als ich auch zwei Zähne entdecke, die noch
immer am Stoff kleben, muss ich mich übergeben. Die Kugel hat ihn von oben, von der
Öffnung des Loches her erwischt.
Dort hat Lasars Mörder abgedrückt.
»Hallo«, höre ich mich rufen, wage mich dann direkt unter die
Öffnung und ziehe mich schließlich über den Rand hinauf. Der Schütze hatte es nicht
auf mich abgesehen. Oder vielleicht doch? Wollte er Mehndorf töten oder Lasar? Wird er
wissen, dass ich nicht Lasar bin? Er muss alles mit angehört haben.
Der Gang liegt fast völlig im Dunkeln, doch ich höre, wie er sich
bewegt, und ich sehe ihn auch. In der Dunkelheit wartet ein Schatten, noch finsterer als
die Schwärze um ihn herum. Als ich das Licht einschalte, bin ich darauf vorbereitet,
erneut in das Gesicht Benjamin Lasars zu blicken.
Doch der ist nicht mehr da. Liegt endgültig unten in dem Loch, das
schon immer als sein Grab vorgesehen war.
Die Alte schweigt, starrt mich nur an, wie sie es immer getan hat. In
ihrem Mundwinkel liegt wieder einer der abgekauten Zigarrenstümpfe. In der Hand hält sie
diesmal aber keinen Rosenkranz, sondern eine großkalibrige Pistole. Nur für einen Moment
wage ich zu bezweifeln, dass sie die Waffe mit ihren dünnen Ärmchen abgefeuert haben
kann. Doch ich weiß zu gut, wie zäh sie wirklich ist. So stark wie alle Frauen, die dazu
verurteilt wurden, in Benjamin Lasars Labors als Gebärmaschinen dahinzuvegetieren.
»Wirst du mich auch töten?«, frage ich sie, und ich glaube, dass sie
darüber nachdenkt.
»Falls ja, möchte ich dir trotzdem danken ...« Es fällt mir
schwer, dieses Wort auszusprechen.
»Mutter.«
Die Aussicht vom Tempel aus hinunter auf den Ozean ist noch immer grandios. Alle Lasars
hatten sie geliebt. Jeder einzelne. Es ist mehr als passend, dass drei von ihnen hier ihre
letzte Ruhestätte gefunden haben.
»Was denkst du, wie alt ich bin?«, fragt mich die Alte mit ihrem
krächzenden spanischen Akzent und blickt mir dabei in die Augen, damit ich ihr Gesicht
begutachten kann.
»Du bist etwa vierzig Jahre alt, schätze ich.«
»Siebenunddreißig«, erwidert sie. »Du hast zumindest durchschaut,
dass ich nur wie eine alte Frau aussehe. Zwölf Geburten haben mein Fleisch schlaff werden
lassen.« Sie lacht auf. »Ich bin hässlich und verbraucht, aber kerngesund.« Dass sie
so gut Englisch spricht, habe ich nicht erwartet, aber sie ist eben nicht nur die alte
Greisin, die ich in ihr sah. »Mein Gewebetyp war ideal für Lasars DNA. Keinerlei
Inkompatibilitäten, wie sie sonst häufig beim Klonen auftreten. Ich habe alle drei
Duplikate aus mir herausgepresst. Jedes einzelne.«
»Wieso hast du dich nicht dagegen gewehrt?«
»Ich habe Lasars ersten Ableger inständig gebeten, es mir zu ersparen,
habe ihm sogar verraten, dass er bereits eine Kopie ist, was er nicht wusste und mir auch
nicht glauben wollte. Natürlich hat er mich gezwungen, so wie es auch der echte Lasar
getan hatte. Lasars erstes Duplikat ließ von mir seinen Nachfolger auf die Welt bringen.
Und das Spiel begann von vorn, denn dieser Sprössling schnappte bei der Transferprozedur
etwas auf und wusste plötzlich, was mit ihm geschehen sollte. Er tötete seinen
Vorläufer unmittelbar nach der Prozedur, um dann dasselbe zu versuchen. Sich durch eine
Kopie zu ersetzen. Und auch diesmal weigerte ich mich, warnte ihn davor, was geschehen
würde.«
»Und?«
»Er hat Mina auf die Insel geholt. Sie ist mein einziges echtes Kind,
alle anderen waren nur Föten, die ich eine Zeit lang in mir getragen habe.«
»Also hat er dir gedroht, sie umzubringen?«
Sie winkt ab. »Dann brachte ich dich auf die Welt. Und glaub mir, ich
wollte, dass ihr beide sterbt dieses Mal. Er fühlte sich sicher, weil er ein
Unterprogramm entwickelt hatte, dass deinen Zugriff auf neuere Erinnerungen unterband.
Aber das hat ihn auch nicht gerettet. Hast du dich nicht gewundert, in der Unterkunft
meiner Tochter, eines einfachen Mädchens aus dem Ghetto, einen Computer vorzufinden? Ich
habe das Ding dort abgestellt. Du solltest selbst herausfinden, was du bist und warum du
existierst.«
Ich erinnere mich an die Nacht, in der ich erkennen musste, welche Rolle
ich in Lasars Spiel übernehmen sollte. Einmal mehr erinnere ich mich auch an Minas
glänzende Haut im Mondlicht.
»Wo ist sie?«, will ich wissen.
Die Alte zieht an der Zigarre. »Die Rebellen haben sie mitgenommen.«
Sie blickt mich an. »Der echte Lasar besaß Einfluss, er hätte sie zurückholen
können.«
»Er ist tot.«
»Ja.« Sie schaut hinaus aufs Meer. »Sie war sehr verliebt in dich.«
»Du weißt, wo sie ist?«
»Da wo sie alle sind. In den Bordellen der Rebellenführer. Weißt du,
es hat sich nicht viel verändert nach der Revolution. Nur die Arschlöcher sind neu. Ist
jedes Mal dasselbe.« Sie legt ihre knochige Hand, über die sich fleckige Haut spannt wie
altes Pergament, auf meine. »Jemand müsste sie freikaufen jemand, der viel Geld
hat.«
»Ich habe keinen Zugriff auf Lasars Konten und auch sonst nichts von
Wert.«
Meine Hand tätschelnd entgegnet sie: »Aber jemand wie du kann sehr
schnell zu Geld kommen. Du trägst viel Wissen in dir und viele gute Ideen.«
»Dafür würdest du sogar einen bastardo wie mich am Leben lassen,
nicht wahr?«
Es ist das erste Mal, dass sie mich anlächelt, solange wir uns kennen.
»Du bist eine ausgesprochen kluge Frau, viel schlauer, als man auf den
ersten Blick meint. Hast dich gut getarnt.«
»Ich war Medizinstudentin, als die Schwadron mich in die Gebärstation
verschleppte.« Sie hebt die Schultern. »Irgendwie hatte ich ja auch eine medizinische
Karriere im Sinn gehabt. Und ich habe sie bekommen.«
»Wir sind beide um unser Leben betrogen worden. Du hast deines nie
bekommen, und mir hat man ein falsches angedreht.«
Wir betrachten lange schweigend den Horizont.
Irgendwann ergreife ich ihre Hand und drücke sie. »Du sagst, du
verstehst ein wenig von Medizin?«
Sie schaut mich überrascht an. »Ich habe an Leichen
herumgeschnitten.«
»Hast du dir jemals gewünscht, an Lasar herumzuschneiden?«
Sie lacht auf. »Mindestens einmal an jedem verdammten Tag.«
»Dann ist das ein besonderer Tag für dich.« Ich weiß, was als
Nächstes zu tun ist, und stehe endlich auf. »Dein Wunsch wird noch heute in Erfüllung
gehen.«
Die Klingen liegen glühend im offenen Feuer. Längst bin ich betrunken von dem
billigen Fusel, den sie aus irgendeinem Versteck der Bodyguards hervorgeholt hat. Von
Lasars Bar ist nach der Plünderung durch die Rebellen nichts mehr übrig geblieben. Doch
das seltsame Gebräu erfüllt seinen Zweck genauso gut wie ein edler Whiskey. Dennoch
mache ich mir keine Illusionen. Eine Narkose kann es nicht ersetzen.
»Es ist Zeit«, nuschele ich undeutlich und muss kichern.
Die Alte sucht meinen Blick, ergreift mein Kinn. »Du bist sicher, dass
du das willst?«
Es fällt mir schwer, einen klaren Gedanken zu fassen, aber ich habe
meine Entscheidung gefällt.
»Als Erstes muss ich Lasars Gesicht loswerden. Erst dann kann ich
einige seiner Technologien an Konkurrenzunternehmen verkaufen.«
»Ich bin keine Schönheitschirurgin, und mit diesen Instrumenten kann
man keine kosmetische Operation durchführen.«
Meine Zunge liegt mir im Mund wie ein träges Reptil auf einem kalten
Stein. Die Worte kommen zunächst nur als Lallen heraus, worüber ich albern auflache.
Erst im zweiten Anlauf gelingt es mir, deutlich zu sprechen. »Sorg nur dafür, dass man
es nicht mehr erkennen kann. Schneid es in Streifen wie ein Filet, mach meinetwegen
unkenntlichen Brei draus. Pass nur auf, dass du keine wichtigen Muskeln oder Nerven
erwischst, damit man es wiederherstellen kann. Möchte nicht, dass meine Oberlippe
demnächst unter meinem Kinn baumelt.« Ich kichere glucksend.
»Wirst du Mina freikaufen?«
Vorsichtig nehme ich eines der glühenden Messer am Holzgriff aus dem
Feuer. Zischend verdampft Wasser, als ich die Klinge in den Eimer direkt daneben tauche,
um sie danach an meine Mutter weiterzureichen.
»Ich schulde dir etwas. Natürlich werde ich es tun.«
»Es wird sehr wehtun.«
Ich lächele und bin für einen Augenblick ganz klar, trotz des Fusels,
der mir die Sinne vernebelt. »Ja, das wird es. So hat es doch auch begonnen, nicht wahr?
Ich habe geschrieen, und du und Mina, ihr habt neben dem Becken über mich gewacht. Das
sind unsere Familienerinnerungen, siehst du das nicht auch so? Fang jetzt an.«
Ich lächele auch noch, als sich die immer noch warme Klinge zum ersten
Mal in das Fleisch von Lasars Gesicht bohrt.
Was bedeuten all die Schmerzen denn noch?
Schließlich werde ich bald frei sein.
© 2005 by Thorsten Küper
Lektorat: Hannes Riffel
Entnommen aus: Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Die Legende von Eden und andere
Visionen (Berlin: Shayol, 2005) |

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