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| ALIEN CONTACT 48 |
| Science Fiction > Alien Contact |
| Kurd Laßwitz
(1848-1910), der »Vater der deutschen Science Fiction«, wurde vor allem durch seinen
utopischen Roman Auf zwei Planeten (1897) bekannt. Doch der zu Lebzeiten sehr
populäre Autor setzte sich nicht nur mit Visionen der Zukunft, sondern auch mit der
Entwicklungsgeschichte des Lebens auseinander. So spricht er in seinem Aufsatz
»Selbstbiographische Studien. Prolegomena zur Einleitung in den Versuch jeder
Selbstbiographie« (1887) davon, auch »jene Familie der Säugetiere zu entdecken, die zu
meinen speziellen Stammesgenossen durch Auslese und Zuchtwahl sich zu entwickeln die Ehre
hatte.« Als Beginn der Selbstbiographie schlägt er vor: »Die erste Kunde meines
Geschlechts erhebt sich dort, wo in den Tiefen des Urmeeres der laurentinischen Periode
eine behäbige Amöbe auf den Gedanken kam, sich zu halbieren. Die dickere Hälfte wurde
mein Urahn.« Im Jahre 1902 veröffentlichte Laßwitz im Leipziger Verlag Diederichs die Märchensammlung Nie und Immer, in der zwei Texte mit prähistorischen Motiven enthalten sind. Weniger bekannt ist die Erzählung »Die Frau vom Feldbach«, in der ein junger Mann einen Schädel aus der Pfahlbauzeit rekonstruiert und ihm unbewußt die Züge seiner Angebeteten verleiht, bis ihm die Plastik in einer Vision wieder lebendig wird. Wesentlich tiefer in die Vergangenheit dringt Laßwitz mit der längeren Erzählung Homchen - Ein Tiermärchen aus der oberen Kreide vor. Der Untertitel ist wörtlich zu nehmen. Es handelt sich tatsächlich um ein Märchen, das im ausgehenden Zeitalter der Dinosaurier spielt, zumal die Tiere wie im Märchen miteinander reden können. »Homchen« - die Verniedlichungsform von homo - ist ein früher Vorfahr des Menschen, der in der Kreidezeit lebt: »Es war ein lustiges Tierchen, nicht größer als ein dreijähriges Menschenkind. Kala nannte sich seine Sippe, und sie rühmte sich, die fortgeschrittensten Kletterbeuteltiere der Zeit darzustellen.« Homchen ist ein Außenseiter in der Sippe der »Kala« - worin sich unschwer die Anfangsbuchstaben des Verfassernamens erkennen lassen -, nicht nur weil es »ein Fellchen mit auf die Welt gebracht hat«, also nicht so hilflos wie die anderen Beuteltiere geboren wurde, sondern weil es wagt, den Schutz der sicheren Nacht zu verlassen und auch am Tage seine Possen zu treiben. Weil Homchen einen Hohlschwanz (einen Flugsaurier) getötet hat, sinnen die mächtigen, arroganten Echsen auf Rache. Deshalb verstoßen die Beutler es aus der Sippe, worauf Homchen auf die Suche nach der »roten Schlange« geht. Damit zieht es sich den Zorn der Zierschnäbel zu, einer warmblütigen Saurierspezies, die Priester der roten Schlange sind. Bei dieser Wesenheit handelt es sich um ein göttliches Prinzip, das mit der Sonne, den Sternen, dem Feuer und dem Blut bzw. der Warmblütigkeit assoziiert ist. Nach einer abenteuerlichen Reise, bei der Homchen auch die Pionierleistung einer Flußüberquerung auf einem Baumstamm vollbringt, erreicht es schließlich den Wohnsitz der roten Schlange, einen Vulkan. Mit einem Stein tötet es eine Schlange und wird damit zum Erfinder der Waffe. Durch vulkanische Gase betäubt sieht es sich selbst in einer Vision als Fossil in einem Museum und schaut die Zukunft seiner Rasse. Auf dem Rückweg trifft es wieder auf seine Sippe, die seinem ketzerischen Frevel sehr skeptisch gegenübersteht. Es kommt zur Trennung zwischen den Beuteltieren, die in den warmen Süden wandern, und den Säuge- bzw. Plazentatieren, die mit Homchen zurück in den Wald gehen. Inzwischen hat es auch gelernt, mit dem Feuer umzugehen, wodurch es das Echsengeschlecht in arge Bedrängnis bringt. Als die Echsen schließlich durch eine große Sintflut ausgelöscht werden, ist die Welt bereit für den Anbruch des Zeitalters der Säugetiere. Trotz der märchenhaften Ausschmückungen, die es auf den ersten Blick wie ein harmloses Kinderbuch erscheinen lassen, ist Homchen eine tiefgründige Abhandlung über die menschliche Evolution. Besonderes Interesse verdient der Beuteligel, ein enger Vertrauter Homchens, der immer wieder philosophische Betrachtungen über die Zukunft der Säugetiere einfließen läßt und dessen Sprache in Duktus und Vokabular nicht zufällig an Friedrich Nietzsche erinnert: »Das Denken [...] ist die Hauptsache, das Denkorgan entwickeln. Aber wie? [...] ihr Beuteltiere müßt über euch hinauswachsen, ihr müßt etwas Höheres werden - mit einem Worte: Ihr müßt den Überbeutler züchten!« Doch die Philosophie des Beuteligels erweist sich als die eines radikalen Demokraten, weil er ganz auf der Seite der Schwachen steht. Er agitiert gegen die starken Drachen und für die kleinen Säuger, die die Möglichkeit besitzen, das Denken weiterzuentwickeln. Damit setzt er sich in Widerspruch zur Philosophie Nietzsches, der stets das Recht des von Natur aus Starken verteidigt hat. In diesem Sinne werden die Säuger nie stark sein können, weil ihre Überlegenheit letztlich nur auf dem Gebrauch des Gehirns beruht, also auf der Fähigkeit, mit List und Geschick zu handeln. Damit wären sie Vertreter dessen, was Nietzsche als »Ressentiment« bezeichnet - wenn die Schwachen sich gemeinsam gegen die Starken verschwören und dadurch eine nur scheinbare Überlegenheit über die Starken gewinnen. In der Diskussion repräsentieren der Beuteligel und der Taguan (ein Flughörnchen) zwei Möglichkeiten, Problemen aus dem Weg zu gehen, die jedoch beide in evolutionäre Sackgassen führen: Der Beuteligel steht für das Einigeln und den Winterschlaf, während der Taguan, ein Bewunderer des erst kürzlich aufgetauchten Fliegers (der Urvogel Archaeopteryx) für das Wegfliegen plädiert. Beide Methoden sind durchaus effektive Strategien, um Gefahren zu vermeiden, doch der Beuteligel erkennt, daß sich auf diesem Wege das Denken nicht weiterentwickeln läßt: »Wir dürfen den Schwierigkeiten nicht ausweichen, wir müssen sie bekämpfen, wir müssen uns ihnen gewachsen zeigen. Denn sonst wird es nichts mit dem Denken.« Homchen repräsentiert diesen dritten Weg, indem es sich nicht auf trügerische Sicherheiten verläßt, sondern sich mutig den Problemen stellt und sie durch intellektuelle Überlegenheit zu lösen versucht. Während sich der Beuteligel auf flammende Reden im Freundeskreis beschränkt, ist Homchen ein Mensch bzw. Tier der Tat. Praktisch erweist er sich als radikaler Anarchist, noch nicht als »Übermensch« im Sinne Nietzsches, aber zumindest als »Überbeutler«, auch wenn er durch sein Wesen Nietzsches Philosophie der Stärke ad absurdum führt. Homchen erreicht seine Erfolge nicht durch körperliche Überlegenheit, sondern durch Klugheit und List. Den Hohlschwanz besiegt er, indem er ihn unter dem Vorwand, ihm etwas zuflüstern zu wollen, dazu bringt, sich zu ihm herabzubeugen. Darauf kratzt Homchen ihm die Augen aus und zerbeißt ihm die Sehnen, bis ein anderer Hohlschwanz seinen wehrlosen Artgenossen frißt. Nach Laßwitz' eigener Aussage ist Homchen »ein gutes Symbol für den allgemeinen Gedanken der Verdrängung einer Weltherrschaft durch eine minder rohe«. In Auseinandersetzung mit der Philosophie Friedrich Nietzsches hat er eine Figur geschaffen, die in Übereinstimmung mit der Darwinschen Evolutionstheorie den Werdegang des Menschen verkörpert.
Neben dem philosophischen und evolutionstheoretischen Hintergrund finden sich in Laßwitz' Märchen deutliche Bezüge zur zeitgenössischen Tagespolitik. Homchen ist auch als engagiertes Pamphlet für die Demokratie zu verstehen, mit dem scharfe Kritik an den Verhältnissen im deutschen Kaiserreich geübt wird. Die Säugetiere lassen sich als die Proletarier des Kreidezeitalters interpretieren, einfache kleine Leute, die sich mühsam durchs Leben schlagen. Die Echsen dagegen repräsentieren die Klasse der arroganten Aristokraten, habgierigen Kapitalisten und schwergerüsteten Militaristen, allen voran die Großechse (= Megalosaurus) als Kaiser. (Daß Laßwitz diese Rolle nicht mit dem geeigneter erscheinenden Tyrannosaurus rex besetzte, liegt schlicht daran, daß diese Dinosaurierspezies erst 1905, also drei Jahre nach der Erstveröffentlichung von Homchen, durch Henry F. Osborn beschrieben wurde.) Die Figur des Iguanodon, ein selbstgefälliger, aber harmloser Redenschwinger, läßt sich entsprechend als Karikatur auf den Reichskanzler deuten, während die arroganten Zierschnäbel (= Compsognathus) als Priester und die singenden Flieger (= Archaeopteryx) als Künstler, die sich aus allem heraushalten, auftreten. Laßwitz' politische Utopie läuft darauf hinaus, daß die scheinbar so mächtigen Dinosaurier, die ihre Herrschaft nur mit ihrer langen Tradition legitimieren können, ohne noch tatsächliche Macht zu besitzen, von den unscheinbaren Säugetieren, die ihnen gerade wegen ihrer Kleinheit in Wendigkeit und Geschick überlegen sind, besiegt werden. Um das Jahr 1900 erschien eine ganze Reihe bedeutender Werke der prähistorischen Literatur wie H. G. Wells' »Ugh-lomi. Eine Geschichte aus der Steinzeit« (»A Story of the Stone Age«, 1897), Jack Londons Vor Adams Zeiten (Before Adam, 1906) oder J.-H. Rosny Aînés Am Anfang war das Feuer (La Guerre du Feu, 1909). Doch Laßwitz' phantastisches Tiermärchen unterscheidet sich in Thema und Tonfall erheblich von diesen sehr realistisch erzählten Abenteuergeschichten. Allenfalls in der Evolutionsphilosophie lassen sich Vergleiche zu Wells und London ziehen. Auch mit David Friedrich Weinlands Rulaman (1878), der das Genre der Prähistorik in Deutschland begründete, hat Homchen wenig gemeinsam. Eine mögliche Inspiration könnte dagegen Victor Scheffels Gedicht »Der Ichthyosaurus« (1868) gewesen sein, in dem die berühmten Zeilen vorkommen:
Interessante Parallelen zu Homchen weisen der Zeichentrickfilm In einem Land vor unserer Zeit (The Land Before Time, USA 1988) und vor allem der computeranimierte Film Dinosaurier (Dinosaur, USA 2000) aus den Walt Disney Studios auf. Auch dort können die Tiere sprechen, die Kleinen müssen sich gegen die Großen durchsetzen, und im Disney-Film treten sogar Lemuren auf. Obwohl in diesen Fällen kaum ein direkter Einfluß nachweisbar sein dürfte, zeigt sich, daß der kühne Kala auch dem heutigen Leser noch einiges mitzuteilen hat. |
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