Der kühne
Kala
Es ist schon lange, sehr lange her.
Menschen gab es noch nicht. An ganz andern Stellen als heutzutage
standen die Berge, wogten die Flüsse und Meere, und selbst die liebe Sonne ging noch
leichtsinniger mit ihren Strahlen um. Aber allmählich dachte sie doch daran, sich etwas
häuslicher einzurichten.
Nach Osten öffnet sich die Mündung des mächtigen Stromes zu weiter,
uferloser Bucht. Dort glüht der Himmel im Frührot, und bunte Streifen glitzern zwischen
den dunklen Wogen. Am flachen, sumpfigen Ufer des Stromes beugen sich das Schilf und die
hohen Gräser leicht unter kühlem Windhauch. Droben auf den angrenzenden Hügeln rauscht
es in den breiten Wipfeln der Bäume. Buchen und Ahorn steigen dicht gedrängt hinter der
Wiese an der Böschung empor. Darüber ragen hier und da die zackigen Äste einer
Rieseneiche hervor, oder eine schlanke Pinie drängt sich in die Verschlingung des
Laubwalds.
Aus den hohen Farnkräutern am Waldesrand hebt sich ein großer,
schmaler, gelb und braun gesprenkelter Kopf. Ist es ein Vogel, eine Schlange, eine riesige
Eidechse? Jetzt erscheint ein langer nackter Hals, und der Hals wächst immer weiter und
weiter aus den Kräutern hervor, schon glaubt man, ein ungeheurer Vogel werde sich
aufschwingen. Aber statt der Flügel kommen zwei kräftige Vorderfüße zum Vorschein, mit
denen das Tier in der Luft hin und her fuchtelt. Es sperrt das gewaltige schnabelartige
Maul weit auf und gähnt und gähnt
Dann verschwindet es wieder zwischen den hoch wuchernden Blättern. Dort
streckt es den mächtigen Krokodilschwanz nebst seinen vier Beinen und dem langen
Straußenhals möglichst nahe am Boden aus, wobei der untere Teil seines Rückens wie ein
massiger Berg in die Höhe ragt. Seine Kinnladen reiben sich rasselnd aneinander, denn es
hält ein Selbstgespräch.
»Kalt, kalt, kalt!« So brummte der Iguanodon bei sich. »Die Welt wird
immer schlechter. Ich muß noch mit dem Frühstück warten. Denn wenn ich den Hals
ausstrecke, so friere ich. Kalt, kalt, kalt! Das ist so eine moderne Erfindung. In meiner
Jugend, ich glaube, da gabs das gar nicht. Diese kalten Morgen sind gegen die
Grundsätze der ältesten Drachengeschlechter. Was könnte man dagegen tun? Lächerlich,
daß mir das Denken so schwer fällt! Mir, der ich Guck mich nicht so dumm
an, elendes Kerbtier!«
Damit bohrte der Iguanodon wütend seinen langen Stacheldaumen mitten
durch den Leib eines großen Skorpions, der eben aus seiner Höhle kroch. Der Skorpion
sagte weiter nichts, denn es blieb ihm keine Zeit dazu übrig. Aber der Iguanodon knurrte
weiter.
»Ja, ich wills euch zeigen, daß ich das klügste Geschöpf bin!
Ich bin mir das schuldig. Ich gehe auf zwei Beinen, ich fresse kein Fleisch, ich bin kein
dummes Wasservieh, ich bin kein roher Raubdrache, ich bin kein flattriges Lufttier, ich
bin eine feine Riesen-Echse ich bin mein Ideal! Warum sollte ich nicht denken
können? Ich werde denken! Kalt, kalt, kalt! Was läßt sich dagegen tun? Wenn man so
etwas hätte, wie dieses Moos, das man immer um seinen Hals tragen könnte, dann würde
man nicht frieren. Ha! Ich glaube, jetzt denke ich, und zwar gut. Denn wenn ich den Hals
in das Moos stecke, so ist es warm. Wenn ich aber frühstücken will, so muß ich ihn
herausziehen. Das ist eben das Problem, das ist die Kältefrage. Wer die lösen könnte?
Wahrscheinlich niemand, wenn ich es nicht kann. Denn ich bin der Iguanodon, ich bin das
höchst entwickelte Lebewesen der Erde.«
Über dem Iguanodon, zwischen den Ästen der alten Buche, klang es wie
ein leises Kichern. Ein Blatt schwebte herab und kitzelte den Iguanodon an seinem Auge.
»Was gibt es da oben? Das ist auch wieder eine neue Mode, davon steht
nichts im alten Gesetz der Echsen, daß es Bäume geben dürfte, die ihre Blätter
abwerfen.«
Der Iguanodon blickte in die Höhe. Ein breiter Zweig bewegte sich und
ließ ein paar reife Bucheckern herabfallen, die seine Nase trafen. Da tönte wieder das
leise Kichern und ein feines Stimmchen erklang:
»Homchen heiß ich,
Emsen beiß ich,
Mehr als alle Echsen weiß ich.«
Rasend vor Wut fuhr der Iguanodon mit seinem langen Halse in die Höhe, hinein in die
Blätter der Buche, wo ein zierliches Geschöpf eilends und gewandt über die Äste
hüpfte und von Baum zu Baum springend den Hügel hinaufflüchtete. Von der Ferne klang es
noch:
»Pelzchen trag ich,
Krällchen schlag ich,
Mehr als alle Echsen wag ich.«
Als der Iguanodon mit seinem Kopfe über die Kräuter des Waldrands hinausgefahren war,
merkte er, daß die Sonne mit ihrer großen, glühenden Scheibe am Himmel stand und er
nicht mehr am Halse fror. Da watschelte er auf seinen beiden riesigen Hinterbeinen in die
feuchte Wiese hinein um zu frühstücken. Inzwischen war Homchen weiter hinauf auf die
Waldberge gelangt, wo die Laubbäume aufhörten und die dunklen Nadelhölzer ihre harzigen
Äste ausstreckten.
Es war ein lustiges Tierchen, nicht größer als ein dreijähriges
Menschenkind. Kala nannte sich seine Sippe, und sie rühmte sich, die fortgeschrittensten
Kletterbeuteltiere der Zeit darzustellen. Homchens Fell war mit dichten, weichen Haaren
bedeckt, auf der Rückenseite bräunlichrot wie der Stamm der Fichte, unten gelblichweiß
wie die Flechten am Baum. Aus dem großen Kopfe blitzten zwei kluge schwarze Augen, und um
sie herum bildete das Fell einen weißen Ring, wodurch sie noch größer erschienen.
Darunter saß ein schwarzes Stumpfnäschen, und in dem runden Mäulchen blitzten scharfe,
weiße Zähnchen. An den Seiten des Kopfes bewegten sich kleine, hellbuschige Ohren und
hinten am Rücken ein ganz kurzes Schwänzchen. Arme und Beine trugen Greiffüße mit
richtigen Daumen, und an allen fünf Zehen saßen lange, krallenartige Nägel.
Homchen sprang behend am Stamme einer hohen Fichte empor, deren Wipfel
über eine Felswand hinausragte. Dort oben breitete sich eine buschige Fläche aus, und
zwischen den Steinen wußte es eine Stelle, wo die großen schwarzen Ameisen wohnten, die
so gut schmecken wie keine andre Art, denn sie haben so eine gewisse pikante Säure.
Eben war Homchen auf die Felsen hinüber gesprungen, da rasselte es
hinter ihm in den Baumwipfeln, und ein großes Tier, drei bis viermal so lang wie Homchen,
flatterte aus den Bäumen heraus und stürzte sich auf Homchen zu, indem es den
Wolfsrachen mit seinen fürchterlichen Zähnen weit aufsperrte. Aber Homchen hatte schon
am Geräusch des Fluges die drohende Gefahr erkannt und war schnell zwischen das dichte,
niedere Gebüsch geschlüpft, wohin ihm das große Tier mit seinen breiten Flughäuten
nicht sofort folgen konnte. Dort suchte der junge Kala nach einem bergenden Versteck. Er
zwängte sich zwischen zwei Steine und wandte nur den Kopf nach seinem Verfolger.
Ja, es war der Hohlschwanz, der böse Hohlschwanz. Er saß auf einem
Felsstück, das nahe bei Homchens Schlupfwinkel über das niedere Buschwerk hervorragte,
und schlug mit seinem großen Krokodilschwanz wild in der Luft umher. Die Flughäute an
den langen Vorderbeinen hatte er zusammengelegt und mit den Krallen wühlte er vor sich im
Gebüsch, um es auszureißen. Dabei schrie er wütend:
»Wo steckst du? Ich weiß, daß du da bist. Diesmal sollst du mir nicht
entgehen, frecher Beutler! Was hast du hier zu suchen im Sonnenschein?«
Homchen sah bald, daß es hier nicht sicher war. Wenn der Hohlschwanz
weiter das Strauchwerk forträumte, so mußte es bemerkt werden. Dann konnte er es mit
seinen langen Armen leicht aus dem Versteck holen. Die Gefahr war groß. Aber Homchen war
mutig und klug. Es wußte wohl, daß ihm nur die List helfen konnte.
»Hier bin ich«, rief Homchen ohne sich zu zeigen. »Was willst du von
mir, dummer Hohlschwanz? Komm doch her! Deine Knochen sind ja so dünn, daß sie unter
meinen Zähnen zerbrechen wie Nußschalen. Du hast nur Luft darin, du Windbeutel!«
»Jawohl, Luft hab ich drin«, schrie der Hohlschwanz, »darum
kann ich fliegen. Darum werd ich euch alle fressen, ihr frechen Beutler, wie ich
deinen Großvater und deine Vettern gefressen habe. Du denkst, weil ihr in den hohlen
Bäumen des Waldes wohnt, da könnten euch meine erhabenen Verwandten, die Beherrscher des
Meeres und des Landes, die mächtigen Riesenechsen nicht erreichen? Ihr könntet euch
etwas herausnehmen? Ich kann fliegen, ich habe lange Greifarme, ich will in eure
Schlupfwinkel dringen, ich werde euch ausrotten! Euch zuerst, naseweise Kala! Ich hole den
Fisch aus dem Meer, die neumodischen Flieger hol ich aus der Luft. Und Schuppen
hab ich auf der Haut!«
»Wir fürchten euch nicht!« rief Homchen wieder. »Kannst ja mit
deinen breiten Flughäuten nicht zwischen den Baumästen hindurch! Wir bauen nicht so ins
Freie. Mit euch ists überhaupt aus, ihr Rieseneidechsen, ihr Drachenbrut das
sag ich euch.
Homchen heiß ich,
Emsen beiß ich,
Mehr als alle Echsen weiß ich!«
»Hoho! Was willst du wohl mehr wissen als ich?«
»Soll ich dirs sagen? Wenn du mir versprichst, daß du mir nichts
tust «
»Versprechen? Was ist das? Wenn ich dich fange, fress ich dich,
und vorher schüttle ich dich so lange an den Ohren, bis du mir alles gesagt hast.«
»O nicht doch! Ich fürchte mich ja so sehr, lieber Hohlschwanz. Alles
kann ich dir nicht sagen.«
»Warum nicht?«
»Das von der roten Schlange «
»Was weißt du von der roten Schlange? Wo wohnt sie?«
»Das weiß ich nicht. Da mußt du die Zierschnäbel fragen. Aber sie
hat auch zu uns gesprochen.«
»Das glaub ich nicht. Zu uns hat sie gesprochen. Vor tausend,
tausend Jahren, wie man das mächtigste Tier werden kann. Und das sind wir.«
Homchen lachte wie eben Beuteltierchen lachen.
»Aber uns«, rief es, »hat sie gesagt, wie man noch mächtiger werden
kann als alle Drachen «
»Was?« brüllte der Hohlschwanz. »Mächtiger als ich? Vielleicht gar
mächtiger als die Großechse? Das hat sie gesagt? Wie denn? Willst du mirs wohl
gestehen? Das haben euch die Zierschnäbel vorgeredet!«
»Ihr Echsen sollt es nicht wissen.«
»Aber ich will es wissen, und wenn ich die rote Schlange selbst fressen
sollte!«
Homchen schauerte zusammen. Was war der Hohlschwanz für ein
abscheuliches Tier! Die rote Schlange fressen! Homchen verstummte, denn es war traurig,
daß man so etwas sagen konnte.
Selbst die Käfer, die sich neugierig in der Nähe sammelten, erhoben
ein unwilliges Gebrumm und viele flogen davon.
»Nun? Willst du reden?« schrie der Hohlschwanz.
»Ich kann doch nicht so schreien«, antwortete Homchen. »Ich muß dir
näher kommen. Aber erst mußt du den Kopf weiter herabbeugen und deine schönen Flügel
ausbreiten; denn es darf uns niemand hören.«
Der Hohlschwanz streckte den langen Hals aus und legte die Arme mit den
breiten Flughäuten flach auf den Boden. Inzwischen schlüpfte Homchen ganz leise und
geschwind unter den Büschen heran, und mit dem kühnen, weiten Sprung, der es von Wipfel
zu Wipfel trug, sprang es von der Seite auf den Kopf des Raubtiers und schlug mit aller
Kraft seine Krallen in die beiden Augen. Da wurde der Hohlschwanz sinnlos vor Schmerz,
aber weil er nichts sehen konnte und halb betäubt war, wagte er Kopf und Flügel nicht zu
bewegen, sondern schlug nur in blinder Wut mit dem eignen langen Schwanze nach seinem
Kopfe. Doch Homchen war schon herabgesprungen und krallte sich von unten, wo keine
Schuppen saßen, an den Hohlschwanz und biß mit den scharfen Zähnen die Adern und Sehnen
des Schwanzes durch. Und nun lag der Hohlschwanz ohnmächtig da und verblutete sich.
Und ein Summen der Käfer ging durch die Lichtung und zog sich weiter
und weiter klingend durch die Luft, oben über die Bergheide und drunten zum Walde.
Homchen kletterte stolz im Schutze des Strauchwerkes zwischen den Felsen
umher und tat sich an den Ameisen gütlich, denn es war hungrig geworden.
Von der Heide her aber kam ein junger Hohlschwanz, und als er den alten
machtlos daliegen sah, stürzte er sich auf ihn, zerriß ihn mit seinen Zähnen und fraß
ihn halb auf.
Der alte war zwar sein eigener Vater, aber das verschlug dem jungen
nichts. Er kannte ihn gar nicht. |

 
|