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ALIEN CONTACT
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Kelly Link

Nelke, Lilie, Lilie, Rose

Science Fiction > Alien Contact | Stories
Für ihre Erzählung »Travels with the Snow Queen« wurde Kelly Link 1997 mit dem James Tiptree Jr. Award ausgezeichnet, für »The Specialist’s Hat« 1999 mit dem World Fantasy Award. Ihre Geschichten zeichnen sich durch eine höchst eigenwillige, fast surrealistische Atmosphäre aus und sind keinem Genre klar zuzuordnen. »Nelke, Lilie, Lilie, Rose« ist der erste Text von Kelly Link, der in deutscher Sprache erscheint.
Liebe Mia (wenn das dein Name ist),
   sicher bist du ziemlich erstaunt, von mir zu hören. Ich bin es übrigens wirklich, obwohl ich zugeben muss, dass mir nicht nur dein Name ständig entfällt - Laura? Susi? Ottilie? -, sondern dass ich auch meinen anscheinend vergessen habe. Ich habe vor, immer wieder verschiedene Kombinationen auszuprobieren: Joey liebt Lola, Willi liebt Suki, Heinrich liebt dich, Liebes, Gabriele? Zuckermäulchen, Liebling. Kommen dir davon irgendwelche bekannt vor?
   Letzte Woche dachte ich andauernd, irgendetwas würde geschehen, das war so eine Art kribbeliges Gefühl. Etwas würde passieren. Ich habe meinen Unterricht durchgezogen, bin nach Hause und zu Bett gegangen, die ganze Woche harrte ich der Sache, die da kommen würde, und dann, am Freitag, bin ich gestorben.
   Eines der Dinge, die mir entfallen sind, ist das Wie, oder vielleicht eher das Warum. Wie mit den Namen. Ich erinnere mich, dass wir in einem Haus auf einem Hügel in einer kleinen gemütlichen Stadt neun Jahre lang zusammenwohnten, dass wir keine Kinder hatten - außer dem einen Mal, na ja, fast - und dass deine Kochkünste sehr zu wünschen übrig ließen, o mein Liebling - Corinna? Cordula? -, die meinen ebenso, und dass wir außer Haus gegessen haben, so oft wir es uns leisten konnten. Ich unterrichtete an einer guten Universität- Princeton? Berlin? Notre Dame? Ich war ein guter Lehrer, und die Studenten mochten mich. Aber ich kann mich nicht an den Namen der Straße erinnern, wo wir wohnten, oder an den Autor des letzten Buches, das ich gelesen habe, oder an deinen Nachnamen, der ja auch meiner war, oder wie ich starb. Das ist schon verrückt - Sara? -, aber die einzigen beiden Namen, bei denen ich mir sicher bin, dass es sie gab, sind Luli Bellows, das Mädchen, das mich in der 4. Klasse verprügelte, und der Name deiner Katze. Den Namen deiner Katze werde ich aber jetzt noch nicht auf Papier verewigen.
   Wir hatten vor, das Baby Beatrix zu nennen. Das ist mir gerade wieder eingefallen. Wir wollten ihm den Namen deiner Tante geben - die, die mich nicht leiden kann. Nicht leiden konnte. Ist sie denn zu meiner Beerdigung gekommen?
   Ich bin seit drei Tagen hier, und ich tue so, als ob ich auf Urlaub wäre, wie jener Urlaub auf der Insel in diesem Land - Santorini? Großbritannien? Die mit all den Klippen. Die mit dem Hotel, das nur Etagenbetten anzubieten hatte und kleine rosafarbene Quadrate als Klopapier, wie Taschentücher. Im Fenster lagen Muscheln, nicht wahr?, so durchsichtig wie Flaschenglas. Roch es nach Bleichmittel? Es war eine sehr nette Insel. Keine Bäume. Du hast gesagt, wenn du sterben solltest, würde der Himmel hoffentlich so einer Insel gleichen. Und jetzt bin ich tot und finde mich hier wieder.
   Dies hier ist auch eine Insel, glaube ich. Es gibt einen Strand, und unten am Strand steht ein Briefkasten, in den ich diesen Brief werfen werde. Vom Strand und dem Briefkasten abgesehen, gibt es dieses Gebäude, in dem ich sitze und Briefe schreibe. Es scheint ein wirklich wunderbares Ferienhotel zu sein, ohne Gäste, ohne Empfangspersonal, ohne Gastgeber, ohne Animateur, ohne Page. Es gibt nur mich. Und einen Fernseher, sehr altmodisch, im Foyer. Ich habe lange versucht, die Antenne auszurichten, jedoch nie ein Bild hereinbekommen. Nur Rauschen. Ich stellte mir Bilder und Leute in dem Rauschen vor. Ich hatte den Eindruck, sie winkten mir zu.
   Mein Zimmer befindet sich im zweiten Stock. Mit Blick aufs Meer. Alle Zimmer hier haben Meerblick. In meinem Zimmer steht ein Schreibtisch, und in einer Schublade liegt ein großzügig bemessener Vorrat einfaches, wachsiges, weißes Papier und Umschläge. Leda? Maria? Gertrud?
   Ich habe mich noch nicht außer Sichtweite des Hotels getraut - Lotte? -, weil ich Angst habe, dass es möglicherweise nicht mehr da ist, wenn ich zurückkehre.
   Alles Gute,
   du weißt wer.
Der Tote liegt im Hotelbett auf dem Rücken, mit den Händen streicht er ruhelos und neugierig über seinen Körper, als gehöre ihm dieser gar nicht. Eine Hand umfasst seine Hoden, die andere zieht einmal fest an seinem erigierten Penis. Seine Fersen bohren sich in die Matratze, und seine Augen sind offen, wie auch sein Mund. Er versucht, einen Namen auszusprechen.
   Draußen scheint der Himmel viel zu nahe zu sein, mit der Konsistenz eines grauen Stoffs, der nur widerwillig Licht durchlässt. Der Tote hat festgestellt, dass es nie heller oder dunkler wird, aber manchmal fängt die Luft an, schwerer zu werden, und dann fällt etwas vom Himmel, faustgroße Klumpen weißlich-grauen, teigigen Materials. Es fällt so lange, bis der Strand völlig damit bedeckt ist, und dann löst es sich sofort wieder auf. Der Tote war draußen, als der Himmel das erste Mal herunterkam. Jetzt wartet er immer drinnen, bis der Strand wieder frei ist. Manchmal sieht er fern, obwohl der Empfang schlecht ist. Das Meer kommt den Strand herauf und fließt wieder zurück, bei Flut saugt es spielerisch am Briefkasten. Das Wasser ist dem Toten nicht ganz geheuer. Es riecht nicht nach Salz - so, wie Meer riechen sollte. Cara? Jasmin? Es riecht wie nasse Polster, verbranntes Fell.

Liebe Maja? Juno? Ianthe?
   In meinem Zimmer steht ein Bett mit dünnen, schlaffen Laken, und an der Wand hängt das Gemälde eines Anfängers - eine Frau, die unter einem Baum sitzt. Sie hat ansehnliche Brüste, aber einen merkwürdigen Ausdruck im Gesicht, jedenfalls für eine Frau auf einem Bild in einem Hotelzimmer, auch wenn es ein Hotel wie dieses ist. Sie sieht mürrisch aus.
   Ich habe ein Bad mit fließend heißem und kaltem Wasser, Handtüchern und einem Spiegel. Ich habe lange in den Spiegel geschaut, aber ich kam mir nicht bekannt vor. Es ist das erste Mal, dass ich mir längere Zeit einen Toten ansehe. Ich habe braunes Haar, das sich an den Schläfen allmählich lichtet, braune Augen, und gute Zähne - weiß, gleichmäßig und nicht zu groß. Ich habe eine kleine rote Stelle an der Schulter - Celeste? -, wo du mich gebissen hast, als wir uns das letzte Mal liebten. Hast du irgendwie gespürt, dass es das letzte Mal sein würde? Du wirktest traurig, und wütend, wenn ich mich nicht täusche. Ich erinnere mich jetzt an deinen Gesichtsausdruck, Elisa? Du hast mich fast zornig angestarrt, ohne zu blinzeln, und als du kamst, hast du meinen Namen gesagt, und obwohl ich mich nicht an meinen Namen erinnern kann, weiß ich noch, dass du ihn aussprachst, als würdest du mich hassen. Wir hatten uns lange nicht mehr geliebt.
   Ich schätze meine Größe auf ein Meter achtzig, und obwohl ich mich sehen lassen kann, habe ich einen ängstlichen, etwas zu maskenhaften Gesichtsausdruck. Das könnte an den derzeitigen Umständen liegen.
   Ich habe mich gefragt, ob ich etwa Rüdiger oder Timotheus oder Claus heiße. Als wir mal Urlaub machten, gab es ein ähnliches Durcheinander wegen Namen, das weiß ich noch, aber es waren nicht unsere. Wir bemühten uns, uns einen Namen für sie auszudenken, ich meine für Beatrix. Piroschka, Sibylle? Wir haben sie alle mit langen Treibholzstöcken in den Sand geschrieben, um sie uns auf uns wirken zu lassen. Wir haben mit den einfachen Namen angefangen, mit Jana und Susanne und Laura. Wir probierten es mit praktischen Namen wie Petra und Margarete und Hortense, und dann wurden wir überschwänglich. Wir wirbelten unsere Stöcke durch den Sand und schufen ganze Familien kleiner, quengelnder Mädchen namens Gudrun, Jadwiga, Jakobea, Zenobia, Zdenka. Wie wär’s mit Luli?, wollte ich wissen. Ich kannte mal ein Mädchen namens Luli. Dein Haar lag ganz verdreht und verknotet um dein Gesicht, steif vom vielen Salz. Du hattest unzählige Sommersprossen. Du musstest so sehr lachen, dass du dich auf deinen Stock gestützt hast, um nicht umzufallen. Du sagtest, das klinge wie ein Name, den ich mir gerade ausgedacht hätte.
   Alles Liebe,
   du weißt wer.


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Der Tote tut so, als sei er wirklich hier, an diesem Ort. Er versucht, sich normal und den Umständen entsprechend zu verhalten. So oft es eben geht. Er bemüht sich, ein guter Tourist zu sein.
   Ihm ist es noch nicht gelungen, auf dem Bett einzuschlafen, obwohl er das Gemälde zur Wand gedreht hat. Er ist sich nicht sicher, dass das Bett ein Bett ist. Wenn er die Augen schließt, fühlt es sich nicht wie ein Bett an. Er schläft auf dem Boden, der eher ein Boden zu sein scheint als das Bett ein Bett. Er liegt ohne Decke auf dem Boden und tut so, als sei er nicht tot. Er tut so, als läge er mit seiner Frau im Bett und würde träumen. Er denkt sich einen schönen Traum aus, über eine Party, bei der er die Namen aller Anwesenden vergessen hat. Er betastet sich. Dann steht er auf und sieht, dass sich das weiße Material, das vom Himmel gefallen ist, auf dem Strand in Auflösung befindet. Kleine Klumpen türmen sich wie Schaum um den Briefkasten herum auf.

Liebe Elsbeth? Dorothea? Friederike?
   Es wird schlimmer. Ich bin mir sicher, es würde besser laufen, wenn mir nur dein Name einfallen würde.
   Ich habe dir geschrieben, dass ich mich auf einer Insel befinde, aber ganz so sicher bin ich mir dessen nicht mehr. Langsam zweifle ich sogar an meinem Bett und dem Hotel. Auch mit dem Meer und dem Himmel bin ich nicht völlig zufrieden. Die Dinge, die ich mit Gewissheit benennen kann - ich bin mir nicht sicher, dass es sich wirklich um diese Dinge handelt, verstehst du, Malve? Ich bin mir auch nicht sicher, dass ich noch atme. Wenn ich daran denke, tue ich’s. Ich denke nur daran, weil es hier sonst zu leise ist. Wusstest du, Aloysia?, dass oben in den Bergen - den Berkshires? - die Luft zu dünn wird, so dass dann auch echte Menschen, lebendige Menschen vergessen zu atmen? Es gibt dafür ein Wort, wenn sie es vergessen. Gerade ist es mir entfallen.
   Aber wenn nun das Bett kein Bett ist und der Strand kein Strand, was sind sie dann? Wenn ich mir den Horizont anschaue, scheint er fast eckig zu sein. Wenn ich mich aufs Bett lege, habe ich den Eindruck, als verschwänden die Ecken in der Ferne, wie der Horizont.
   Dann gibt es da noch das Problem mit der Post. Gestern habe ich den Brief in einen einfachen Umschlag gelegt und den Umschlag unadressiert in den Briefkasten geworfen. Heute Morgen war der Brief verschwunden, und als ich eine Hand in den Briefkasten gesteckt habe und dann den ganzen Arm, waren die Wände feucht und klebrig. Ich habe mir die Rückseite angesehen und eine offene Klappe entdeckt. Wenn die Flut hereinkommt, geht die Post aufs Meer hinaus. Also habe ich wirklich keine Ahnung, ob du - Pamela? -, oder, ehrlich gesagt, ob irgendjemand diesen Brief lesen wird.
   Ich habe versucht, den Briefkasten ein Stück den Strand hinaufzuzerren. Die Wellen haben mich angezischt und angespuckt, eine hat meinen Fuß überspült, kalt und pelzig und schwarz, und ich habe es aufgegeben. Ich werde dem örtlichen Postdienst wohl einfach vertrauen müssen.
   Ich hoffe, du erhältst diesen Brief bald,
   du weißt wer.

Der Tote macht einen Spaziergang den Strand entlang. Das Meer bleibt auf Distanz, aber das Hotel hält sich immer in seiner Nähe. Er stellt fest, dass sich die Wasserlinie zurückzieht, sobald er auf sie zugeht, was angenehm ist. Er möchte sich die Schuhe nicht nass machen. Wenn er direkt aufs Meer hinausginge, würde es sich dann vor ihm teilen wie bei dem Kerl in der Bibel? Onan?
   Er trägt seinen zweitbesten Anzug, den er oft bei Bewerbungsgesprächen und Hochzeiten angezogen hat. Er denkt sich, dass es entweder der Anzug ist, in dem er gestorben ist oder in dem seine Frau ihn hat bestatten lassen. Er trägt ihn, seit er aufgewacht ist und sich auf dieser Insel wiedergefunden hat, zerzaust und verschwitzt, die Kleidung zerknittert, als würde er sie schon sehr lange anhaben. Anzug und Schuhe zieht er nur im Hotelzimmer aus. Sobald er hinausgeht, zieht er sie wieder an. Er macht einen Spaziergang den Strand entlang. Sein Hosenschlitz steht offen.
   Die kleinen Wellen greifen klatschend nach dem Toten. Unter der Wasseroberfläche kann er Zähne ausmachen, in den schwarzen Glaswänden der größeren Wellen, den Wellen weiter draußen auf dem Meer. Er geht ein gutes Stück, bleibt öfter stehen, um eine Pause einzulegen. Er ermüdet schnell. Er hält sich in der Nähe der Dünen. Er zieht die Schultern hoch und lässt den Kopf hängen. Als der Himmel die Farbe ändert, kehrt er um. Das Hotel ist direkt hinter ihm. Es scheint ihn überhaupt nicht zu überraschen, es dort vorzufinden. Während er unterwegs war, konnte er die ganze Zeit das Gefühl nicht loswerden, dass hinter der nächsten Düne jemand auf ihn wartet. Er hofft, dass es vielleicht seine Frau ist. Andererseits, wenn es seine Frau wäre, wäre sie auch tot, und wenn sie tot wäre, könnte er sich an ihren Namen erinnern.

Liebe Matilda? Iris? Alisa?
   Ich stelle mir vor, wie meine Briefe zu dir hinaussegeln, über die bissigen Wellen hinweg, wie kleine weiße Bötchen. Liebe Leserin - Berit? Flora? -, du würdest sicher gerne wissen, warum ich mir so sicher bin, dass ich tot bin, obwohl ich noch immer hier herumlaufe und atme (wenn ich daran denke). Ich glaube, dass dich diese Briefe erreichen, zerknickt, durchnässt, aber noch immer lesbar. Würden sie dich auf normalem Wege erreichen, würdest du sowieso nicht glauben, dass sie von mir stammen.
   Heute ist mir ein Name eingefallen, Elvis Presley. Das war ein Sänger, nicht wahr? Blaue Schuhe, breiter Kussmund, schlüpfrige Stimme? Tot, stimmt’s? So wie ich. Marilyn Monroe auch, ein weißer Rock, der sich wie ein Segel aufbläht, Gandhi, Goethe, Luli Bellows (weißt du noch?), die nebenan wohnte, als wir beide elf waren. Sie hatte das ganze Schuljahr hindurch Migräne und war deswegen ständig schlecht gelaunt. Niemand mochte sie, damals, als wir noch nicht wussten, dass sie krank war. Als wir es dann wussten, mochten wir sie noch immer nicht. Sie hat mir mal das Nasenbein gebrochen, weil ich ihr die Perücke heruntergerissen habe, was die Anderen mir nicht zugetraut hatten. Sie haben ihr einen Gehirntumor entfernt, der so groß war wie ein Hühnerei, aber sie ist trotzdem gestorben.
   Als ich ihr die Perücke herunterriss, hat sie nicht geweint. Aus ihrer Kopfhaut ragten kleine harte Haarstoppel, und ihr Gesicht war so geschwollen, dass es aussah, als wäre sie von Bienen gestochen worden. Sie wirkte so fremdartig. Sie drohte mir, dass sie nach ihrem Tod wiederkommen und mich quälen würde. Als sie dann gestorben ist, blieb in meiner Vorstellung nicht nur ihr Gesicht zurück, sondern ganze Trauben fetter, fahler, haarloser Geister, die hinter Bäumen lauerten, aufgedunsen, wie Wespennester summend. Mit meinen Freunden spielte ich ein ebenso gruseliges wie lustiges Spiel: Wir tauften die Geister Lulis, und wir dachten uns Tricks aus, um uns vor ihnen zu schützen. Eine bestimmte Art zu gehen, sich nur von weißem Essen zu ernähren - Marshmallows, zu Kugeln zusammengerolltes Weißbrot, einfacher weißer Reis. Als wir von den Lulis genug hatten, brachten wir sie alle um, indem wir ihr Grab mit Toastbrot und den Resten gepuderter Donuts schmückten - unsere Mütter hatten sich schließlich geweigert, uns mehr davon zu besorgen.
   Hast du mein Grab geschmückt, Felizitas? Gratia? Hast du mich etwa schon vergessen? Hast du bereits eine neue Katze, einen neuen Liebhaber? Oder trägst du noch meinetwegen Trauer? Himmel, ich sehne mich so sehr nach dir, Elke? Lili? Lili? Rosa? Ich denke, das ist das Gegenteil von Nekrophilie - ein Toter, der nach einem letzten Fick mit seiner Frau giert. Aber du bist nicht hier, und wenn du hier wärst, würdest du dann mit mir schlafen wollen?
   Ich schreibe dir die Briefe mit der rechten Hand und mache das andere mit der linken; mit der Hand mache ich das, seit ich vierzehn bin, damals blieb mir nichts anderes übrig. Ich meine, mich zu erinnern, dass das mit vierzehn die einzige Möglichkeit war. Ich denke an dich, wie ich dich berühre, wie du mich berührst, und ich sehe dich nackt, und du starrst mich verärgert an, und ich bin kurz davor, deinen Namen hinauszuschreien, und dann kommt es mir, auf meinen Lippen der Name einer Toten oder irgendein Phantasiename.
   Stört dich das, Linda? Doris? Penthesilea? Willst du wissen, was das Schlimmste ist? Noch vor einer Minute habe ich in das Kissen gestoßen, mich darauf gewunden und so getan, als lägst du da unter mir, Sophia? Verdammt, es war wunderbar, ganz so, als lebte ich noch, und als ich kam, hauchte ich »Beatrix«. Und ich musste daran denken, wie ich dich nach der Fehlgeburt vom Krankenhaus abgeholt habe.
   Es gab so viel zu sagen. Natürlich waren wir uns beide nicht sicher, ob wir ein Baby wollten. Ein Teil von mir war sogar erleichtert, dass ich noch nicht lernen musste, wie man Vater wird, aber es gab doch eine Menge Dinge, die ich damals hätte sagen sollen. Es gibt so viele Dinge, die ich dir hätte sagen sollen.
   Du weißt wer.


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Der Tote begibt sich auf eine Wanderung ins Innere der Insel. Irgendwann nach seinem ersten Ausflug hat sich das Hotel wieder leise an den ursprünglichen Standort zurückbewegt. Der Tote befand sich in seinem Zimmer und blickte in den Spiegel, mit forschendem Gesichtsausdruck lehnte er sich an die kühlen Fliesen. Dieses Fleisch ist tot. Es dürfte sich nicht erheben können. Es erhebt sich. Inzwischen ist das Hotel wieder neben dem Briefkasten angekommen; als er hingeht, um hineinzuschauen, findet er ihn leer vor.
   Die Inselmitte ist felsig, leblos. Hier gibt es keine Bäume, stellt der Tote erleichtert fest. Er muss nicht weit gehen - weniger als drei Kilometer, schätzt er -, bis er die Küste auf der anderen Seite der Insel erreicht. Vor ihm erhebt sich ein flacher weiter Himmel und versinkt hinter dem Horizont. Als der Tote sich umdreht, kann er sein Hotel ausmachen - es sieht verloren und seit längerem unbewohnt aus. Aber wenn er die Augen fast schließt, verschwimmen die Schatten auf der hinteren Veranda, werden zu einer Gruppe von Menschen; alle erwidern sie seinen Blick. Seine Hände behält er in den Hosentaschen, er onaniert gerade. Schließlich nimmt er die Hände aus den Hosentaschen. Der dunklen Veranda wendet er den Rücken zu und schlendert den Strand entlang.
   Er verschwindet hinter einer Sanddüne und läuft den langen Abhang eines Hügels hinunter. Er möchte das Hotel umrunden und sich nach Möglichkeit heranpirschen, obwohl es nicht leicht ist, sich an etwas heranzupirschen, dass sich dauernd an einen heranpirscht. Er schlendert eine ganze Weile lang weiter und findet dann etwas, einen Kreis aus glasigen Steinen, ein gutes Stück den Strand hinauf. Innerhalb des Kreises hat sich Treibholz gesammelt, verkohlt, schwarz. Der Boden um die Feuerstelle herum ist festgetrampelt, als hätten dort Menschen gestanden und gewartet, als wären sie dort hin und her gegangen. Auf einem Spieß über der Feuerstelle hängen noch Reste von Fleisch und Fell, von der ungefähren Größe einer Katze. Der Tote sieht sich das nicht zu genau an.
   Er umrundet die Feuerstelle und entdeckt Spuren - die Spuren der Leute, die eine Katze gegrillt haben und dann davongegangen sind. Die Spuren sind nicht zu übersehen, sie führen in eine ganz bestimmte Richtung. Sie sind alle gemeinsam davongegangen, in wildem Durcheinander die Düne hinaufgerannt, barfuß und schwer. Ihre Fußballen haben sich tief in den Sand gegraben, während ihre Fersen ihn kaum berührten. Die Fußabdrücke führen zum Hotel zurück. Er folgt ihnen und entdeckt seine eigene Spur, die zum Feuer hinunterführt. Die Menge ist weiter oben entlanggegangen, parallel zu seiner Fährte und dem Ufer, ohne dass er sie gesehen hätte. Ihre Gangart wurde vorsichtiger, er sieht vor seinem inneren Auge, wie sie leise weiterschlendern.
   Seine Fußabdrücke enden hier. Dort steht der Briefkasten, und hier hat er sich vom Hotel abgewandt. Das Hotel selbst hat keine Spuren hinterlassen. Die andern Fußspuren führen zum Hotel, zum derzeitigen Standort des Hotels, ein ganzes Stück weiter weg. Als der Tote ins Hotel zurückkehrt, ist der Foyerboden mit Sandkörnern bedeckt, und der Fernseher läuft. Der Empfang ist etwas besser. Aber er findet niemanden, obwohl er in jedem Zimmer nachsieht. Als er auf der hinteren Veranda steht und landeinwärts blickt, glaubt er, eine Gruppe von Menschen zu sehen, die ihm zuwinkt, unten an der Küste in großer Entfernung. Dann kommt der Himmel wieder herunter.

Liebe Araminta? Kiki?
   Lolita? Klingt noch immer nicht richtig, nicht wahr? Sophie? Ludmilla? Winfrieda?
   Ich hatte schon wieder den gleichen traumlosen Traum von der Fakultätsparty. Sie war da, aber dieses Mal warst du diejenige, die sie erkannte, und ich bemühte mich, ihren Namen zu erraten, ihre Identität. War sie die große Blondine mit dem tollen Hintern oder die kleine Blondine mit den kurzen Haaren, die den Mund nie ganz schloss? Es sah aus, als lächelte sie die ganze Zeit, nicht wahr? Und sie sah so aus, als wüsste sie etwas, das ich wissen wollte, aber das galt auch für dich. Merkwürdig, nicht war? Ich habe dir nie erzählt, wer sie war, und jetzt fällt es mir auch nicht mehr ein. Du wusstest es sowieso schon die ganze Zeit, auch wenn du dir dessen nicht bewusst warst. Ich bin mir ziemlich sicher, dass du mich nach der kleinen Blonden gefragt hast, als du mich dann gefragt hast.
   Ich muss immer wieder daran denken, wie du an dem Abend aussahst, an dem wir uns zum ersten Mal liebten. Ich hatte dich an der Türschwelle des Hauses deiner Mutter innig geküsst, und dann, bevor du im Haus verschwinden konntest, hast du dich umgedreht und mich angeschaut. Niemand hatte mich jemals so angesehen. Du brauchtest überhaupt nichts zu sagen. Ich wartete, bis deine Mutter unten alle Lichter ausgeschaltet hatte, und kletterte dann über den Zaun, den Baum hinterm Haus hinauf und zum Fenster hinein. Du hast dich weit zum Fenster hinausgelehnt und mir beim Klettern zugeschaut, und dann hast du dein Hemd ausgezogen, damit ich deine Brüste sehen konnte. Ich bin fast vom Baum gefallen! Dann hast du deine Jeans ausgezogen, und auf deinem Slip war ein Wochentag aufgestickt, Holda?, und dann hast du auch deinen Slip ausgezogen. Du hattest deine Haare gelb gebleicht, mit roten Strähnen, aber dein Schamhaar war schwarz und weich, als ich es berührte.
   Wie legten uns auf dein Bett, und als ich in dich eindrang, hast du mich wieder so angeschaut. Nicht missbilligend, aber fast so, als hättest du etwas anderes erwartet oder als hättest du dir vorgenommen, etwas auf jeden Fall richtig zu machen. Und dann hast du gelächelt, einen Seufzer ausgestoßen und dich unter mir gewunden. Du hast dich in einer fließenden Bewegung hochgestemmt, als würdest du dich jeden Moment vom Bett in die Luft erheben, und dabei hast du mich hochgehoben, als würde ich gar nichts wiegen, und fast hätte ich dich da zum ersten Mal geschwängert. Wir hatten es beide nicht so mit der Verhütung, nicht wahr, Eliane? Rosmarie? Und dann hörte ich deine Mutter draußen im Hof rufen, direkt unter der Ulme, die ich gerade hochgeklettert war: "Baum? Baum?"
   Ich bekam einen Schreck, sicher hatte sie mich gesehen, als ich zu dir hinaufkletterte. Als ich aus dem Fenster blickte, fielen mir als Erstes ihre runden Brüste auf, die sich unter ihrem Nachthemd im Mondschein nach oben schoben, voller als deine und fast ebenso verheißungsvoll. Das war ziemlich sonderbar, als mir bewusst wurde, dass ich zu den Menschen gehörte, die sich Hals über Kopf in jemanden verlieben konnten, wirklich, inniglich, für immer, das war mir bereits klar - und trotzdem starrte ich auf die Titten dieser älteren Frau. Die Titten deiner Mutter. Das war die zweite Sache, die ich erkannte. Die dritte Sache war, dass sie gar nicht zu mir hinaufschaute. "Baum?", rief sie ein letztes Mal laut, und sie klang ziemlich sauer.
   Na gut, ich glaubte also, sie sei verrückt. Die letzte Sache, die ich nicht auf die Reihe bekam, war die Sache mit den Namen. Das habe ich erst nach und nach kapiert. Ich bin mir nach wie vor unsicher, was genau ich nicht hinbekam - Alita? Juliuschka? Katalina? -, aber wenigstens gebe ich mir Mühe. Schließlich bin ich immer noch da, nicht wahr?
   Wenn du es nur auch wärst,
   du weißt wer.


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Irgendwann später geht der Tote zum Briefkasten hinunter. Das Wasser ist heute besonders unwasserhaft. Es glänzt samten, wie Haar. Fast meint er, in den Wellen Gestalten zu erkennen. Es hat noch immer Angst vor ihm, aber es hasst, hasst, hasst ihn auch. Es hat ihn nie gemocht, niemals. »Katz und Maus, geh nach Haus«, ruft der Tote dem Wasser verächtlich nach. Als er zum Hotel zurückkehrt, sind die Lulis da. Sie sehen im Foyer fern. Sie sind viel größer, als er sie in Erinnerung hat.

Liebe Cindy, Cynthia, Clementine,
   ich habe Gesellschaft bekommen. Ich weiß nicht, ob ich in ihrem Haus zu Gast bin - ob es ihnen gehört -, oder ob ich sie mitgebracht habe. Es sind Leute, genauer gesagt, eine Person, die ich mal kannte, als ich ein Kind war. Ich glaube, sie beobachten mich schon länger, aber sie sind scheu. Sie reden nicht viel.
   Es ist nicht einfach, sich vorzustellen, wenn man seinen Namen vergessen hat. Als ich sie entdeckte, war ich überrascht. Ich habe mich auf den Foyerboden gesetzt. Meine Beine trugen mich nicht mehr. Ein starkes Gefühl wallte in mir auf, so stark, dass ich es nicht benennen konnte. Es könnte Trauer gewesen sein. Es könnte Erleichterung gewesen sein. Ich glaube, ich habe sie einfach wiedererkannt. Sie kamen näher und blieben im Kreis um mich herum stehen, blickten auf mich herab. »Ich kenne euch«, sagte ich. »Ihr seid Lulis.«
   Sie nickten. Einige lächelten. Sie sind so blass, so fett! Wenn sie leise lächeln, verschwinden ihre Augen hinter den Falten. Aber sie haben winzige weiche Füße, wie Kinder. »Du bist der Tote«, sagte eine von ihnen. Ihre Stimme war leise und weich. Dann unterhielten wir uns. Die Hälfte dessen, was sie erzählten, klang völlig verrückt. Sie wissen nicht, wie ich hierher gekommen bin. Sie erinnern sich nicht an Luli Bellows. Sie erinnern sich nicht an ihren Tod. Zuerst hatten sie Angst vor mir, aber sie waren auch sehr neugierig.
   Sie wollten meinen Namen wissen. Da ich keinen habe, versuchten sie einen zu finden, der zu mir passt. Ein Vorschlag lautete Walter, doch er wurde abgelehnt. Walter passte nicht zu mir. Sam, Manfred und Robert. Einige fanden Gefallen an Alfons, aber Alfons rief keine Reaktion in mir hervor. »Baum«, sagte eine der Lulis.
   Baum mochte mich nie besonders gut leiden. Ich sehe noch deine Mutter vor mir, wie sie unter den grünen Blättern stand und sich die Äste zu ihr hinabbeugten. Die Blätter schleppten am Boden wie ein langer Rock. Ach, was für ein Baum das war! Der schönste Baum, den ich je gesehen hatte, wie in einem Traum. Auf halber Höhe saß eine fette schwarze Katze mit langen weißen Barthaaren und einer eleganten, glänzenden Brust und starrte mich wütend an. Du hast mich vom Fenster weggezogen. Du hattest dir ein kurzes Hemd übergestreift und standst am Fenster. »Ich hole ihn«, hast du der Frau unter dem Baum zugerufen. »Geh wieder schlafen, Mama. Komm, Baum, na, komm, komm."
   Baum spazierte über den Ast zum Fenster, denselben breiten Ast entlang, der mich zu dir geführt hatte. Du - Ariadne? Theodora? -, hobst ihn vom Fensterbrett und schlossest das Fenster. Als du ihn auf dem Bett absetztest, machte er es sich am unteren Ende gemütlich und schnurrte. Aber als ich mitten in der Nacht aufwachte, aus einem Traum, in dem ich gerade ertrank, hockte er auf meinem Gesicht, sein Bauch seidig und schwer über meinem Mund.
   Ich fand Baum schon immer einen albernen Namen für eine Katze. Als er alt wurde und immer öfter draußen im Garten schlief, sah er noch immer nicht wie ein Baum aus. Er sah wie eine Katze aus. Er lief mir vors Auto, ich hab ihn gesehen, du hast doch gesehen, dass ich ihn gesehen habe, mir war klar, das würde das Fass zum Überlaufen bringen - die Fehlgeburt, dein Mann schläft mit einer seiner Studentinnen, und dann überfährt er deinen Kater - ich verriss das Steuer, ich versuchte, ihm auszuweichen. Aber ich habe ihn wohl erwischt. Das wollte ich nicht, Liebling, Liebes, Pia? Paula? Petula?
   Du weißt wer.


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Der Tote sieht zusammen mit den Lulis fern. Seifenopern. Die Lulis wissen, wie man die Antenne verbiegen muss, damit der Empfang einigermaßen gut ist, obwohl es für den Ton nicht reicht. Eine von ihnen steht neben dem Fernseher, um die Antenne in der richtigen Höhe zu halten. Die Seifenoper ist sonderbar altmodisch, die Kleider darin könnten von seinen Großeltern stammen, denkt sich der Tote. Die Frauen tragen Cloche-Hüte, ihre Augenlider sind stark geschminkt.
   Es gibt eine Hochzeit zu sehen. Und auch ein Begräbnis, obwohl dem zuschauenden Toten nicht klar ist, wer der Tote ist. Dann gehen die Beteiligten einen Strand entlang. Die Frau trägt einen schwarz-weiß gestreiften Badeanzug, der sie züchtig bedeckt, vom Hals bis zum Oberschenkel. Der Hosenschlitz des Mannes steht offen. Sie halten sich nicht an den Händen. Es folgt ein Rumoren von Kommentaren von Seiten der Lulis. »Zu dunkel«, sagt eine über die Frau. »Noch am Leben«, sagt eine andere.
   »Zu dünn«, sagt eine und deutet auf den Mann. »Sollte mehr essen. Sonst pustet ihn der Wind weg.«
   »Aufs Meer hinaus.«
   »Zu Baum hinaus.« Die Lulis sehen den Toten an. Der Tote geht auf sein Zimmer. Er sperrt sich ein. Sein Penis ragt auf, steif wie ein Baum. Er zieht ihn quer durch das Zimmer, zum Bett hin. Der Mann ist tot, aber sein Körper weiß das noch nicht. Sein Körper ist der Meinung, er sei noch am Leben. Er spricht die Namen, die ihm einfallen, laut aus - schöne Namen, alberne Namen, schrullige Namen. Die Lulis schleichen den Gang entlang. Sie stehen vor der Tür und hören sich die Namensliste an.

Liebe Bobbi? Billie?
   Ich wünschte, du würdest mal antworten.
   Du weißt wer.


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Als sich der Himmel verfärbt, gehen die Lulis nach draußen. Der Tote beobachtet, wie sie das Zeug vom Strand einsammeln. Sie essen es gewissenhaft auf, kauen es zu einer Paste, um es dann zu schlucken. Und dann noch mehr davon einzusammeln. Der Tote geht hinaus. Er hebt etwas von dem Zeug auf. Engelkuchen? Manna? Er schnuppert daran. Es riecht nach Blumen: wie Nelken, Lilien, wie Lilien, wie Rosen. Er steckt etwas davon in den Mund. Es schmeckt nach gar nichts. Der Tote versetzt dem Briefkasten einen Tritt.

Liebe Diana? Palomina? Rapunzel?
   Gibt es nicht ein Märchen, in dem ein kleiner Mann etwas erraten muss? Den Namen einer Frau? Ich habe mir Geschichten über meinen Tod ausgedacht. In einer Variante steige ich zur U-Bahn hinunter, dann kommt ein starker Wind auf, und die mobile Skulptur am Eingang, die sich im Wind dreht, wird hochgerissen und fällt auf mich drauf. In einer anderen Variante fliegen du und ich in ein anderes Land - Kanada vielleicht? -, das Flugzeug ist voll, und du sitzt eine Reihe vor mir. Es gibt einen Knacks!, und das Flugzeug bricht entzwei, wie ein geknickter Strohhalm. Deine Hälfte schwebt nach oben weg, meine fällt nach unten. Du drehst dich um und siehst mich an. Ich reiße die Arme hoch. Weingläser und Zeitungen und lange Kleidungsfetzen fallen aufwärts. Der Himmel entzündet sich. Vielleicht habe ich mich ja auch nur zu weit auf die Gleise vorgewagt, vor einen fahrenden Zug. Oder ich bin Fahrrad gefahren, und jemand hat die Autotür geöffnet. Oder ich war auf einem Boot, und es ist gesunken.
   Eines weiß ich. Ich war auf dem Weg irgendwohin. Das ist die Geschichte, die mir am besten gefällt. Wir haben uns geliebt, du und ich, und danach bist du aufgestanden, neben dem Bett stehen geblieben und hast mich angeschaut. Ich dachte, du hättest mir verziehen, dass unser Leben jetzt weitergehen könnte, so wie bisher. Bonnita?, sagtest du. Gloria? Patrizia? Juthe? Rosemarie? Laura? Laura? Henriette? Joy? Nora? Rowena? Anthea?
   Ich stand ebenfalls auf, zog mich an und verließ das Zimmer. Du folgtest mir. Marlitt? Genoveva? Karla? Katka? Sylvana? Marina? Linde? Theresa? Du sagtest die Namen rasch hintereinander auf, einen nach dem anderen, wie Stiche. Ich mied deinen Blick, schnappte mir meine Autoschlüssel und verließ das Haus. Deine Lippen bewegten sich noch immer, aber ich konnte nichts mehr hören.
   Baum stand plötzlich vor dem anfahrenden Auto, und als ich ihn sah, riss ich das Steuer herum. Aber ich fuhr bereits zu schnell, war schon zur Hälfte aus der Einfahrt heraus. Ich habe ihn am Briefkasten festgenagelt, und dann rammte das Auto den Flieder. Weiße Blüten regneten herab. Du stießest einen Schrei aus. Was danach geschah, ist mir entfallen.
   Ich weiß nicht, ob ich so gestorben bin. Vielleicht bin ich mehr als einmal gestorben, aber letztendlich war es dann so weit. Ich glaube nicht, dass das hier eine Insel ist. Ich glaube, ich bin ein Toter, der in eine Kiste gepfercht wurde. Wenn ich ganz still bin, kann ich fast das Kratzen der anderen Toten an den Wänden ihrer Kisten hören.
   Aber vielleicht bin ich ja auch ein Geist. Vielleicht sind die Wellen, die so pelzig aussehen, wirklich Pelz, und vielleicht ist das Wasser, das mich anzischt und anspuckt, in Wirklichkeit eine Katze, und die Katze ist auch ein Geist.
   Vielleicht bin ich hier, um etwas zu lernen, um Buße zu tun. Die Lulis haben mir vergeben. Vielleicht vergibst du mir ja auch noch. Sollte sich das Meer jemals meiner Hand nähern, sollte es mich anschnurren, werde ich wissen, dass du mir vergeben hast.
   Vielleicht bin ich aber auch nur ein Tourist und stecke auf dieser Insel mit den Lulis fest, bis es Zeit ist, nach Hause zu gehen, oder bis du mich von hier abholen kommst - Priska? Irene? Dolores? -, und daher hoffe ich, dass du diesen Brief bekommst.
   Du weißt wer.

Deutsche Erstveröffentlichung • Originaltitel: »Carnation, Lily, Lily, Rose«
© 2004 by Kelly Link • Mit freundlicher Genehmigung der Autorin
Erstveröffentlichung 1998 in Fence • Die Übersetzung folgt der Buchausgabe in Stranger Things Happen (Brooklyn: Small Beer Press, 2001)
Deutsch von Kai Bosse (mit Dank an www.7brg.de) • Übersetzung © 2004 by Kai Bosse & Shayol Verlag

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21.05.06 • 02.09.10