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The phantastic Worlds of Science Fiction Story

Michael Marrak

Die Ausgesetzten

Science Fiction > Kurd Laßwitz Preis > Stories & Romane
Ron Van Arsdall kannte eine Abkürzung.
   Sie führte von der Landstraße, die Charbonat und St. Yavin miteinander verband, durch eine mannshohe Ginsterhecke hinaus aufs freie Feld. Nach zweihundert Metern durchbrach Van Arsdalls Wagen die Einfriedung eines Landguts, durchquerte das Freigehege einer Straußenfarm und rammte zwei Red Necks. Ohne die Geschwindigkeit zu drosseln, verließ er das Anwesen durch den gegenüberliegenden Grenzzaun wieder und setzte seine Fahrt über das Hochplateau fort, bis er den Wanderweg nach Violay kreuzte. Hier fuhr sein Landrover gegen einen historischen Grenzstein und brach nach rechts aus. In zunehmendem Tempo raste Van Arsdall nun bergab, über den Segelflugplatz von St. Raviné bis zum Aussichtspunkt Col Mounier – und schließlich die restlichen siebzig Meter in freiem Fall über die Klippe hinab auf die Route Secondaire 74.
   Die Gerichtsmedizin führte den Unfall auf einen spastischen Anfall zurück, ausgelöst durch einen Tumor in Van Arsdalls linker Gehirnhälfte. Sein Körper verkrampfte, sämtliche Muskeln kontrahierten, und sein rechter Fuß trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Man spekulierte, dass Van Arsdall bereits tot gewesen sein musste, als sein Wagen die Straußenfarm erreichte. Er hinterließ eine Frau, zwei Kinder, eine kleine Hotelkette und ein Vermögen von zwölf Millionen Euro.
   Mein Name ist Vincent Van Arsdall. Der ältere Herr mit der Abkürzung war mein Vater.

Wenn man aus 400 Kilometern Höhe auf Mauritius hinab blickt, scheint es kaum vorstellbar, dass dort unten ein Jumbo-Jet zu landen vermag, ohne über das Ufer hinaus ins Meer zu stürzen. Noch sagenhafter erscheint es, dass auf der Insel über eine Million Menschen leben, die tatsächlich größer sind als Koboldmakis.
   Während der Slider über Mauritius hinweg glitt, tauchte Réunion unter mir auf. Sekunden später hatte ich den südlichen Wendekreis überquert und näherte mich der Küste Madagaskars. Hunderte von Kilometern nordwestlich von Tuléar erkannte ich ein winziges Eiland in der Straße von Mosambik: Die Europa-Insel. Ihr Name ließ mich nachdenklich hinauf zum Planetenhorizont blicken. Kein Zweifel, ich war verdammt weit weg von zu Hause!
   Bald darauf erhoben sich unter mir die Drakensberge. Das Hochland erstreckte sich bis über die ferne Lundarschwelle hinaus, als bestünde die restliche Welt nur noch aus afrikanischem Kontinent. Hätte man Bartolomëu Diaz vor fünfeinhalb Jahrhunderten diesen Ausblick gewährt, wäre zu bezweifeln, dass er mit seinen Schiffen je den Hafen von Lissabon verlassen hätte. Er wäre entsetzt gewesen ob der Gewaltigkeit des Kontinents.
   Das Kapgebirge markierte zugleich den südlichsten Punkt meiner Umlaufbahn. Ab hier ging es in sanftem Bogen wieder nach Norden, in Richtung brasilianische Ostküste. Was nun folgte, waren viertausend Kilometer Südatlantik. Es lag keine einzige Insel auf meinem Kurs, und ehe ich Südamerika erreichte, würde ich bereits in den Erdschatten eingetaucht sein. Da ich keine Lust verspürte, auf den Ozean zu starren, ließ ich den Slider um die Längsachse rotieren und betrachtete die Sterne.
   Ich arbeitete weder für die NASA, noch für die ESA oder Rosaviakosmos und hatte daher nicht viel zu tun. Eigentlich so gut wie gar nichts, außer die Aussicht zu genießen und mit meinem Leben ins Reine zu kommen. Zeit dafür hatte ich genug. Nun ja, nicht endlos viel, aber ausreichend – hoffte ich.
   Mein Aufenthalt im Orbit war eine rein private Angelegenheit. Den dreitägigen Flug hatte ich aus eigener Tasche bezahlt, samt der Zulagen für ›unerwartete Komplikationen während der Startphase‹ und ›eventuelle Beschädigungen von Regierungseigentum im Orbit‹. Letzteres bedeutete: Ob man nun unabsichtlich mit einem Satelliten kollidierte oder einen der Raumtransporter rammte, die zwischen der Erde und den Orbitalhotels pausenlos Touristen hin und her beförderten, es haftete immer der Pilot des Orbiters.
   ›Schuld!‹ prangte in riesigen glühenden Lettern auf der Unterseite eines jeden Sliders – wenn auch nur für jene Personen sichtbar, die Leute wie mich verachteten. Die Abneigung dieser Menschen beruhte weniger auf der Tatsache, dass wir hier oben unvorstellbare Geldsummen fürs Nichtstun verschwendeten, sondern einzig auf unserer Hoffnung.

Die ganze Sache begann mit Tito.
   Mit Dennis Tito wohlgemerkt, nicht mit dem jugoslawischen Ex-Staatspräsidenten. Um den heroischen Aspekt hervorzuheben, muss ich die Geschichte aber mit einem Helden beginnen: mit John Glenn.
   Wäre Hemmingway fünfzig Jahre später geboren worden, hieße einer seiner berühmtesten Romane wahrscheinlich ›Der alte Mann und der Weltraum‹. Bereits 1962 hatte Glenn als erster Amerikaner die Erde im Orbit umkreist. Sechsunddreißig Jahre später flog er im Alter von 77 Jahren an Bord der US-Raumfähre Discovery erneut ins All und stellte damit in der Geschichte der Weltraumfahrt einen Altersrekord auf. Ein Rekord, der über zehn Jahre lang ungebrochen blieb.
   Es war jedoch Titos Reise zur legendären Raumstation ISS, die den Stein ins Rollen brachte. Nach vierzig Jahren bemannter Weltraumfahrt wollten endlich auch die gewöhnlichen Menschen in den Genuss des letzten Abenteuers kommen. Auf Tito folgte Shuttleworth, und spitzfindige Firmen nahmen bereits weitere Reservierungen an, obwohl die Voraussetzungen für den kommerziellen Beginn des Weltraumtourismus noch gar nicht gegeben waren. Es existierten keine wiederverwendbaren Raumfahrzeuge, die Touristen zumindest in die Erdumlaufbahn bringen konnten.
   Space Adventures war eine der Firmen, die Buchungen möglicher Weltraumflüge entgegennahmen; ultimative Abenteuerreisen, die zwischen 75.000 und 100.000 Dollar kosten sollten. Bevor es in den Weltraum ging, bot man den willigen und ausgabefreudigen Touristen ein Anlaufprogramm an, bei dem sie in Weltraumcamps am Astronautentraining teilnehmen konnten. Mutigere flogen nach Russland in die Star City, um an Bord einer Ilyushin für zehn Minuten die Schwerelosigkeit zu erleben. Für 12.000 Dollar konnte man schließlich in einer MIG mit Mach 2,5 an den Rand des Weltraums fliegen.
   Zegrahm Space Voyages und Incredible Adentures, zwei Anbieter von Abenteuerreisen in die Antarktis, die Tiefen der Meere und andere schwer erreichbare irdische Ziele, offerierten für 98.000 Dollar ebenfalls Reservierungen für einen Flug in einhundert Kilometer Höhe. Alle Reisenden ihres Space Cruiser sollten maßgeschneiderte Raumanzüge erhalten. Dazu hätte es spezielle Helme mit einem Sichtgerät geben sollen, mit dem man Bilder von am Rumpf angebrachten Kameras empfangen konnte, ganz zu schweigen von einem Kommunikationssystem und einer Mini-Cam, um den gesamten Flug als bleibende Erinnerung aufzuzeichnen.
   Die Civilian Astronauts Corp. bereitete indes die Mayflower-Expedition vor. Der wiederverwendbare Orbiter sollte vom Meer aus starten und dort wieder landen. Sobald sich 2000 Astronautentouristen für einen Flug verpflichtet und je 5000 Dollar gezahlt hätten, hätte man binnen eines Jahres die ersten Flüge anbieten wollen.
   Doch auch im Jahr 2003 existierten noch keine geeigneten Raumfahrzeuge für den Weltraumtourismus. Die X-Price Foundation lobte einen Preis von zehn Millionen Dollar aus, um die Entwicklung zu stimulieren. Ihre Bedingungen: Die privatwirtschaftlich finanzierte Raumfähre musste wiederverwendbar sein und in höchstens zweiwöchigen Startabständen jeweils drei Passagiere in eine Höhe von einhundert Kilometer bringen. John Glenn fand den Preis übrigens kreativ und innovativ. X-Price hatte zudem eine Lotterie namens ›Your ticket to space‹ ins Leben gerufen. Dem vierteljährlich ermittelten Gewinner winkte ein Flug in einer MIG.
   Um die Branche zusätzlich zu beleben, gab es in einer russischen Fernsehshow zeitweilig eine Reise in den Weltraum zu gewinnen – als Hauptpreis, versteht sich. Die Show stellte jedoch nichts anderes als einen verzweifelten Versuch der russischen Raumfahrtindustrie dar, möglichst schnell möglichst viel Geld zu machen – eine Politik, die sich fünfzehn Jahre später als äußerst folgenschwer erweisen sollte.
   Im Jahr 2003 stellte der russische Raumfahrtkonzern RSC Energia einen kleinen Raumgleiter vor, der für Suborbit-Touristenflüge in eine Höhe von maximal 100 Kilometern konzipiert war; den Cosmopolis XXI. Vermarkter der Mini-Shuttle-Flüge war Space Adventures. Das System wurde von der gleichen Gesellschaft entwickelt, die für die Konstruktion des sowjetischen Raumgleiters Buran verantwortlich gewesen war. Ab dem Jahr 2006 flogen an Bord des Cosmopolis neben dem Piloten jeweils zwei Touristen mit, die während des Kurz-Trips mehrere Minuten lang Schwerelosigkeit erlebten und einen Blick auf die Erde werfen konnten. Die innerpolitischen Spannungen und die desolate Wirtschaft des Landes sorgten jedoch dafür, dass die finanzstarken Touristen ausblieben und das Projekt mehr als bescheiden lief. 2008 erklärten Tschetschenien und Inguschetien ihre Unabhängigkeit. Als Moskau nicht einschritt, folgten kurz darauf Dagestan, Altai und Nordossetien. Vier Jahre nach dem Erstflug des Cosmopolis zerfiel das Land in die drei Großstaaten Russland, Sibirien und Jakutien. Russland trat der EU bei, doch der Verlust zweier Weltraumbahnhöfe an den neuen Nachbarstaat Sibirien und mehrere tödliche Unfälle setzten dem Cosmopolis-Projekt kaum ein Jahr später bereits wieder ein Ende.

Gingen mit den Krisen, Fehlschlägen und Desastern auch viele amerikanische und europäische Träume unter, so machte ausgerechnet Japan in fast schon üblicher Manier die Weltraumfahrt zur Unterhaltungssache. Die japanische Raketengesellschaft JRS brachte einige große Unternehmen zusammen, um ein wiederverwendbares Weltraumgefährt namens Kankoh-Maru zu entwickeln. 2005 stellte das Konsortium, zu dem auch Mitsubishi, Fujitsu, Sharp und Nissan zählten, einen Prototyp vor. Der futuristische Transporter besaß mehr Ähnlichkeit mit Jules Vernes historischer Mondrakete als mit einem modernen Großraumshuttle; ein 22 Meter hoher und 18 Meter breiter Space-Booster in Form eines riesigen Projektils, der weder Tragflächen noch ein Leitwerk besaß.
   Im Jahr 2007 folgte der erste erfolgreiche Demonstrationsflug. Bis zum Jahr 2015 wurden daraufhin fast dreihundert Testflüge durchgeführt und vierzehn Weltraumtransporter hergestellt. Sie boten jeweils Platz für fünfzig Passagiere, die aus einer runden Kabine an der Spitze des Boosters den besten Blick auf die Erde hatten. Für die Touristen war es, als würden sie ein Flugzeug besteigen. Sie brauchten kein Astronautentraining zu überstehen, konnten Freizeitkleidung tragen, und ein Flug kostete auch nicht wie zu Titos Zeit 20 Millionen, sondern gerade einmal 26.000 Dollar. Die Sorge der Investoren, es würden womöglich nicht genug Touristen das nötige Kleingeld und vor allem das nötige Vertrauen in die japanische Raumfahrt besitzen, erwies sich als unbegründet. Obwohl ein Flug mit dem Kankoh-Maru lediglich drei Stunden dauerte, hätten die Japaner doppelt so viele Booster besitzen müssen, um das Interesse zu befriedigen. Was allerdings auffiel, war, dass vor allem ältere Menschen sich noch einmal eine außergewöhnliche Reise gönnen wollten; ein weiteres Vorzeichen, das von entscheidender Bedeutung sein sollte.

Ich wandte mich blinzelnd vom Deckenfenster ab, um mir einen Snack aus dem Kühlfach zu ziehen. Einmal aus der Vakuumverpackung geschoben, glich er zäher, gepuderter Karamellmasse, schmeckte jedoch nach Hüftsteak mit Kartoffeln und jungem Gemüse.
   Das gesamte Cockpit bestand aus Rollzone. Man schwebte frei umher und ließ sich treiben, sofern dies in der engen Kanzel möglich war. Lediglich während des Starts, bei dem der Slider auf der Spitze einer Rakete saß, war jeder Pilot noch auf einen Sitz geschnallt, der den enormen Beschleunigungsschub abfederte. Sobald die Schwerelosigkeit eintrat, ließ sich der Sitz strecken und in den Rumpf absenken. Nachdem man es schließlich geschafft hatte, die im Training viel geübte halbe Rolle vorwärts zu vollführen, um den Kopf an den Fenstern und Kontrollen zu haben, verbrachte man die restliche Zeit schwebend, wie in einer halbwegs geräumigen Schlafzelle.
   Das Cockpit besaß zwei trapezförmige Frontfenster und ein fünfundzwanzig Zoll großes Deckenfenster, vor dem ich die meiste Zeit verbrachte. Mittlerweile hatte der Slider den Erdschatten wieder verlassen. Noch zehn Minuten, dann würde der Rumpf des Orbiters zur Sonne gerichtet sein, und ich konnte die Lichtblende, die das Cockpit vor Überhitzung schützte, wieder vom Fenster nehmen.
   Inzwischen musste ich mich über dem südchinesischen Meer befinden. Eigentlich hatte ich vorgehabt, den Orbiter nach dem Durchfliegen der Nachtseite wieder zu drehen, um einen letzten Blick auf die Erde zu werfen, doch zwei kleine, intensive Lichtpunkte, auf die ich trotz der getönten Sonnenschutzblende aufmerksam geworden war, hatten mein Interesse geweckt. Vermutlich waren es Kommunikations- oder Nachrichtensatelliten.
   Nachdem ich sie eine Weile beobachtet hatte, wandte ich mich den Cockpit-Displays zu, überprüfte die Kontrollfunktionen und sandte der Bodenkontrolle ein Datenprotokoll mit der Bemerkung, dass alles in Ordnung sei. Ob es irgend jemanden interessierte, wusste ich nicht. Mein Konto war um den Preis meiner Weltraumreise erleichtert, der Slider machte seinen programmierten Job ohnehin allein, und was mich betraf> ...
   Ich schielte auf den Timer. Noch knapp drei Stunden bis zum deorbit burn. Dann würden die Triebwerke für zwei Minuten noch einmal vollen Schub liefern und den Orbiter kräftig durchschütteln. Was den ›letzten Blick‹ betraf: Ich war weder auf dem Sprung zum Mond, noch zum Mars oder sonst wo hin dort draußen. So weit hatte es der Weltraumtourismus auch im Jahr 2029 noch nicht gebracht. Allerdings gibt es inzwischen tatsächlich Pläne, was unseren Trabanten betrifft. Man berät über Reisen nach dem Vorbild von Lunik 2 – einer Sonde, die vor genau siebzig Jahren ziemlich unsanft auf dem Mond aufschlug.

Während der vergangenen siebzig Stunden hatte ich Weltnachrichten, zwei Fußballspiele, ein Benefiz-Konzert und eine Audio-Übertragung der Feierlichkeiten zum zwölften Jahrestags der neuen russischen Republik angehört. Mittlerweile bedauerte ich es, dass der Slider nur Programme russischer Nachrichtensatelliten empfing. Manche Dinge änderten sich eben nie.
   Ich blickte wieder durchs Deckenfenster und betrachtete den Mond. Es ist erstaunlich, wie wenig Sterne zu erkennen sind, sobald man sich außerhalb der Atmosphäre aufhält. Fast schien es, als seien sie nur ein Trugbild, um den irdischen Nachthimmel zu dekorieren. Vielleicht hatte das hohe Alter meine Augen auch stärker getrübt, als ich mir eingestehen wollte. Ich war 82. Jenseits des Fensters erkannte ich nur den Mond und die beiden Lichtpunkte, die mir schon zuvor aufgefallen waren.
   Das hieß: Moment mal> ...
   Ich bemühte mich, das Leuchten der Displays mit den Händen abzuschirmen, während ich angestrengt nach draußen starrte. Dann zuckte ich zurück, suchte den Kopfhörer, klemmte ihn mir hinters Ohr und stellte eine Satellitenverbindung zum Kontrollzentrum in Koroljow her.
   Nach Minuten des Schweigens reagierte man dort unten endlich auf mein Signal, und eine gleichgültige männliche Stimme mit russischem Akzent sagte: »Hier Bodenkontrolle. Sprechen Sie, X-Orbiter!«
   Ich zog eine Grimasse. Das X stand in der Raumfahrt für so mancherlei Perfides: für Exitus, für Geistesumnachtung, vor allem aber für die Vollidioten, die mit fast 30.000 Stundenkilometern durch die Thermosphäre rasten.
   »Ich habe hier zwei Sammler«, erklärte ich. »Sie sind ziemlich dicht an mir dran ...«
   »Was heißt ›ziemlich‹?«
   »Fünfzehnhundert Meter schätzungsweise. Sieht aus, als kämen sie langsam näher ...«
   Minutenlang herrschte wieder Funkstille. Ich legte den Kopf in den Nacken, kniff die Augen zusammen und fluchte darüber, dass ich den Neigungswinkel des Sliders nicht verändern konnte. Abwechselnd blickte ich auf meine Instrumente und hinauf zu den im Sonnenlicht leuchtenden Objekten.
   »Hier Bodenkontrolle«, meldete sich der lustlose Angestellte zurück. »Wir haben hier nichts auf dem Radar, das Ihrer Beschreibung entspricht. Laut unseren Anzeigen sind Sie relativ allein dort oben. Der Ihnen nächste Satellit ist ein EVOsat und mehr als dreitausend Kilometer entfernt.«
   »Ich sehe sie, so dicht sind sie über mir!« rief ich ins Mikro. »Und ich weiß, wie Sammler aussehen!«
   »Vielleicht sind es Lichtreflexionen auf dem Cockpit-Glas. Schmutzpartikel, Eiskristalle oder Wassertröpfchen am Inneren der Scheibe.«
   »Da ist noch ein drittes Objekt«, erklärte ich beherrscht. »Es ist weiter entfernt und fliegt über den Sammlern ... aber es sieht nicht so aus wie sie ...« Aus dem Lautsprecher kam ein enerviertes Schnaufen. »Ich kann es nicht so deutlich erkennen, aber es scheint größer zu sein als die Sammler ... viel größer ...«
   »Das wird die Nippon sein.« Erneut Stille, als der Typ im Kontrollzentrum seine Aussage zu überprüfen schien. »Nein, es ist definitiv nicht die Nippon.« Ich hörte, wie er gedämpft mit jemandem redete. »Fühlen Sie sich gut?«, fragte er daraufhin.
   »Großartig«, beschied ich ihm. »Habe mich nie besser gefühlt. Wieso seht ihr die Sammler nicht? Sie befinden sich anscheinend auf Kollisionskurs mit mir, und dieses riesige Ding darüber müsste auf euren Schirmen glühen wie ein Leuchtfeuer.«
   »Beruhigen Sie sich, X-Orbiter. Wir können weder ... sehen ... in Ordnung ... eine elliptische Bahn ... nicht überinterpretieren ... leer ... Flug ...« Die Satzfetzen wurden von statischem Rauschen abgelöst.
   »Bodenkontrolle?« Ich erhielt keine Antwort. »Bodenkontrolle, hören Sie mich?« Ich schlug gegen die Instrumente, doch die Anlage blieb stumm. Fluchend zog ich mir das Mikrophon vom Kopf. Es flog gegen die Seitenwand und trudelte daraufhin unkontrolliert durchs Cockpit. Ein Blick durchs Deckenfenster verriet mir, dass die beiden Sammler unmerklich näher gekommen waren. Während ich mir über ihre Absichten Gedanken machte, erklang plötzlich eine neue Stimme aus dem Lautsprecher und erklärte: »Sie können dich nicht hören, Vincent.«

Der schicksalhafte Auslöser für die Entwicklung des Weltraumtourismus war die Kankoh-Maru-Katastrophe im Jahr 2018.
   Großraum-Transportflüge in den Orbit glichen bis vor elf Jahren dem metaphorischen Wurf einer Medaille. Auf ihrer Vorderseite prangte das Emblem des letzten Abenteuers, ihre Rückseite hingegen zierte das Erbe des Sputnik. Was sich auf ihrem Rand verbarg, wusste niemand zu sagen, und keines der beteiligten Unternehmen wollte es ernsthaft ergründen. Alle hofften, dass sie gar keinen Rand besaß. Dass sie in Wirklichkeit eine Linse mit messerscharfen Rändern sein möge, die auf jeden Fall auf die eine oder andere Seite fallen würde. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine geworfene Münze auf dem Rand liegen bleibt, liegt in etwa bei 1:1012.
   Doch nachdem das Konsortium der Japanese Rocket Society seine Medaille hinauf in den Orbit geworfen hatte und sie drei Jahre später wieder zurück auf die Erde fiel, blieb sie auf dem Rand liegen!
   Bis zum heutigen Tag verteidigte die japanische Regierung ihre Behauptung, ein Kleinmeteorit habe in einer Höhe von zweihundert Kilometern den Kankoh-Maru gestreift und dabei nicht nur das Navigationssystem lahmgelegt, sondern auch einen sechs Meter langen und über einen Meter tiefen Riss in die Außenhülle geschlagen. Der Booster trudelte daraufhin unkontrolliert Richtung Erdoberfläche, und niemand an Bord, soviel war allen bewusst, würde den feurigen Wiedereintritt in die Atmosphäre überleben.
   Die Tatsache, dass zur Feier dieses 500. Fluges das kaiserliche Ehepaar und zwei Dutzend hochrangige Politiker an Bord des Kankoh-Maru waren, sorgte jedoch dafür, dass Japan nach einem Aufschrei der Bestürzung den sozialen Kollaps erlitt und für Tage ins Koma fiel. Es glich einem kollektiven narkoleptischen Anfall, und das Erwachen geriet beinahe zu einem Absturz in die Anarchie.
   Während die halbe Welt live zugeschaltet war und das Drama atemlos mitverfolgte, stieß Kaiser Naruhito kurz vor dem Verglühen des Transporters in asiatischem Gleichmut jene bedeutungsschwangeren Worte aus, die bald darauf zu einer Revolution der privaten Weltraumfahrt führen sollten. Es war ein pathetisches Lippenbekenntnis mit der Botschaft, dass es eine Ehre sei, diesen Weg zu gehen, und ein himmlischer Tod selbst für einen Kaiser kein unwürdiges Ende bedeute. Er, der Tenno, habe sein Tuch bei sich, und sein Messer sei gezückt. Er sehe sein Volk, sein Land und die Welt, und dieser Augenblick sei der glücklichste seines Lebens, und so weiter ...
   Dann brach der Funkkontakt zur Bodenstation ab, und die Sache kam ins Rollen.

Kaiser Naruhitos Worte führten wenige Monate später zur Gründung eines neuen Unternehmens. Nicht in Japan wohlgemerkt, sondern in Russland. Sein Name war Charon, und sein Produkt, vor allem jedoch sein Angebot, verhöhnte nicht nur die X-Price Foundation, sondern alle Bemühungen staatlicher und privater Unternehmen, einen ökonomischen, wiederverwendbaren Raumgleiter für Weltraumtouristen zu entwickeln.
   Als Shuttle-Grundlage diente der fehlerhafte Cosmopolis XXI. Die Konstrukteure modifizierten und verkleinerten ihn, so dass fortan nur eine einzige Person in ihm Platz fand, und nannten ihn etwas unorthodox Slider.
   Charon entwarf die Mini-Shuttles für einen Start in den Orbit, keinesfalls jedoch für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Es waren Einweg-Engel. Nicht fehlerhaft konstruiert, sondern lediglich sparsam. Ein Slider besaß weder eine Verkleidung aus Hitzekacheln, noch die nötige Bordelektronik, um das Raumfahrzeug wieder zu landen, ganz zu schweigen von einem Lebenserhaltungssystem, dass so lange durchhielt, bis ein Rettungsshuttle eintraf. Und die kosmische Strahlung wurde so gut wie gar nicht gefiltert. Aber die Slider beherbergten eine um Lichtjahre hochentwickeltere Elektronik als alle gottverdammten Raumkapseln, die je zum Mond und zurück geflogen waren. Keines dieser legendären Apollo-Schiffe würde es in seinem technischen Zustand heutzutage als Automobil durch eine ordnungsgemäße Straßenverkehrskontrolle schaffen. Die Slider verhielten sich zu Apollo wie ein moderner Großrechner zur ZUSE 3.
   Befürworter des Charon-Projekts werden nachrühmen, die Raumfahrtbehörde habe an den richtigen Teilen gespart. Ein Slider war schlicht und einfach zweckmäßig. Er verglühte beim Wiedereintritt restlos – und sein Passagier mit ihm.

Okay, vergessen wir am besten den ganzen Pionierkram mit Glenn und Tito. So gesehen begann eigentlich alles mit Laika.
   Laika war keine Weltraumtouristin, sondern ein ordinärer Straßenköter. Darüber hinaus war sie – wenn auch nicht ganz freiwillig – Kosmonautin. Aus irdischer Sicht war Laika das erste Lebewesen im Weltraum. Zudem unternahm sie an Bord von Sputnik 2 die erste Orbitreise ohne Wiederkehr. Sechs Stunden nach dem Start fiel das Telemetriesystem des Satelliten aus, und die Polarhündin erlitt einen Hitzschlag. Ihr Kadaver trieb daraufhin noch über vier Monate im Weltraum, ehe Sputnik 2 in der Atmosphäre verglühte.
   Lassen wir also die Katze aus dem Sack: Ich war nicht hier oben, um die Aussicht zu genießen und mir eine unvergessliche Erinnerung mit nach Hause zu nehmen. Ich war hier oben, um zu sterben. Das Angebot von Charon bestand aus einer orbitalen Feuer-Selbstbetattung für Todgeweihte.
   Die Russen waren sich damals bewusst, dass es Tausende sein würden, die sich so etwas leisten können. Natürlich bemühte man sich bereits im Vorfeld zu vermeiden, dass nicht jeder, der sein Leben mit dem Anhäufen von Besitz und Reichtum zugebracht hatte, sich einen besonders elitären Abgang fernab vom Schmutz und dem Siechtum der Normalsterblichen gönnen konnte – oder sich aus lapidaren Gründen einfach aus dem Staub machte.
   Alle Aspiranten mussten vier klar definierte Bedingungen erfüllen, ehe sie für einen finalen Orbitalflug in Frage kamen. Die erste war eine zweifelsfrei erwiesene unheilbare Krankheit, welche die restliche Lebenserwartung auf maximal zwölf Monate begrenzte, ohne den Bewerber während der ersten sechs Monate physisch oder psychisch zu beeinträchtigen. Ausgeschlossen waren somit Aspiranten, deren Krankheit so weit fortgeschritten war, dass sie die körperlichen Strapazen eines Raketenstarts schwerlich überleben würden. Und falls doch, dann zumindest kaum die drei Tage im Orbit, in denen sie auf sich allein gestellt waren.
   Ein weiterer nicht unerheblicher Prozentsatz könnte sich moralisch gezwungen oder vom Gewissen gedrängt sehen, das Projekt in Anspruch zu nehmen, um niemandem länger zur Last zu fallen. Allein die Möglichkeit, legal und sanft aus dem Dasein zu scheiden, könnte solche Personen unwillentlich dem Druck entsprechender Wünsche ihrer Umwelt aussetzen, selbst wenn diese seitens der Kranken nur eingebildet sein sollten und kein wirklicher Wille zum Sterben vorhanden war. Psychologische Tests siebten diese Personen bereits im Vorfeld aus. Ebenso geistig labile Menschen, die an den Stresssymptomen zerbrechen oder ihre Entscheidung, mit dem Slider aus dem Leben zu scheiden, unmittelbar nach dem Start bereuen würden.
   Sobald man einmal oben war, führte kein Weg mehr lebend zurück. Wehe dem, der es sich im Orbit anders überlegte ...
   Die zweite Bedingung: Die Aspiranten mussten mindestens 75 Jahre alt sein. Bestimmte Ausnahmen reduzierten das Mindestalter auf 55 Jahre.
   Drittens: Eine schriftliche Einwilligung der Familie und der nächsten Verwandten. Bei konträrer Meinung entschied die Mehrheit. Existierten keine lebenden Verwandten, entfiel dieser Punkt.
   Und last but not least: Finanzielle Deckung. Eigentlich vor allem finanzielle Deckung.
   Die wenigen Kandidaten, die all diese Vorbedingungen erfüllten, sahen sich schließlich einer letzten Hürde gegenüber: Einem umfangreichen medizinischen Check-up und dem Astronautentraining, das die Anforderungen für einen Raumflug erfüllen sollte.
   Heute glaubte niemand mehr, dass John Glenn ein alter Astronaut gewesen sei. William Becker war 86, als er ins All startete. Der älteste Aspirant, der es zumindest bis ins Training geschafft hatte, war 91 und hieß Hao-Yan Da. Er starb in der Zentrifuge – bei 5,2 G.

Natürlich schoss nach der Gründung von Charon eine Fontäne der Empörung bis hinauf in die Stratosphäre. Überall bellten plötzlich pawlowsche Hunde, die im Stand-by-Modus in ihren Wohnungen dahinvegetierten und sich zu empören begannen, sobald irgendwo auf der Welt die Glocke des Anrüchigen läutete. Obligatorische Schreier, die Zeit ihres Lebens nur darauf warteten, dass es etwas zu Schreien gab, um ruckzuck mit einem mahnenden Transparent in den Händen im Namen der Menschenwürde auf den Straßen zu paradieren. Und Demonstrationen gegen das Charon-Projekt gab es wahrlich genug. In Paris, Peking, London, Moskau, New York und zahllosen anderen Großstädten waren so viele Menschen auf den Straßen, dass man befürchten musste, ihre Massen würden die Tunnel der U-Bahn-Netze zum Einsturz bringen.

Die perverseste Form der Sterbehilfe, verkündete eine der Schlagzeilen, die die einschlägigen Tageszeitungen schmückten.
   Sterbehilfe, ja ...
   Sie hatten recht, keine Frage. Vor allem die Juden verurteilten die ›fliegenden Krematorien‹ aufs Schärfste und setzten durch, das ein Slider niemals am israelischen Nachthimmel verglühen dürfe. Das Charon-Projekt war jedoch weitaus mehr als ein Werbe-Sterbe-Tourismus mit Sternschnuppenabgang, wie Le Monde titelte, oder ein lukratives Geschäft mit der Sehnsucht Todgeweihter (Financial Times).
   Ich habe mir mein halbes Leben lang über Sinn und Unsinn dieser letzten Verlockung (The Guardian) Gedanken gemacht. Über den ethischen und moralischen Aspekt dieser Pervertierung des Lebens (Isvestija) in unserer von doppelbödiger Moral durchzogenen Gesellschaft, und über den theatralischen Tod auf lebensferner Bühne (Die Zeit). Und ich bin dabei auf ein Zitat gestoßen. Es sagt: Beim Sterben ist sich jeder der Nächste.
   Das Charon-Projekt war eine Ausgeburt der Neuzeit. Eine Form der Euthanasie in einer Welt, in der die Technik so rasant fortschreitet, dass der Mensch und sein Verstand nicht mehr mithalten können. Eine Feuerbestattung in der Dilbert-Zukunft.
   Die Kritiker – allen voran die katholische Kirche – gingen auf die Barrikaden: Ein One-Way-Ticket in die Hölle sei dieses Projekt. Alles, was die Russen mit ihrer Geschäftsidee erreichten, sei, dem Ansehen der Raumfahrt zu schaden. Es gebe gewisse Grenzen, und Charon bewege sich jenseits davon. Falls die E-Kapsel nicht wirke, verglühe der Raumfahrer elend in der Atmosphäre. Und wer könne zweifelsfrei ausschließen, dass man die Nach-mir-die-Sintflut-Nutznießer in ihren ausgebrannten Höllenmaschinen eines Tages nicht doch verschmort und verschrumpelt in einem Vorgarten fände? Oder auf einem Friedhof? Auf einem Marktplatz, einem Schulhof oder einem Kinderspielplatz? Menschen, die einen derartigen Abgang erwägen, sollten ihr Geld lieber einer karitativen Stiftung zukommen lassen, oder besser: gleich selbst eine gründen. Dies sei auf jeden Fall die bessere Alternative, sich ein ehrenvolles Andenken zu verschaffen.

›Ubique media daemon‹ taufte die Kirche das unheilige Kind. Sie gab den weltlichen Medien (und nicht John Glenn) die Schuld an allem. Zuerst die zum Tode Verurteilten, die auf eine TV-Hinrichtung bestanden, dann Selbstmorde vor laufenden Fernsehkameras – und nun diese gottlose Schnapsidee, sich ins All schießen zu lassen, um drei Tage später als Feuerball zur Erde zu stürzen wie ein gefallener Engel.
   Charon hielt dagegen, dass ein Suizid keine in irgend einer Weise moralisch verwerfliche Handlung darstellt. Im Gegenteil, das Recht auf Leben beinhalte auch das Recht auf Sterben, denn beides sei untrennbar miteinander verknüpft.

Die Wurzel der Empörung steckt zweifellos in der zivilisierten Welt. Und sie ist ein kulturelles Phänomen. Eröffnet ein Navajo-Oberhaupt seiner Familie, heute sei ein guter Tag zum Sterben, wird diese ihm fraglos zustimmen. Der alte Mann wird mit seinen Söhnen einen heiligen Platz aufsuchen, um dort aus dem Leben zu scheiden. Deutete man als Zugehöriger der modernen Gesellschaft jedoch dasselbe an, landete man entweder im Krankenhaus oder in der Psychiatrie.
   Was aber, wenn diese Person aus einer Familie stammt, in der nahezu alle die genetische Veranlagung besitzen, an Krebs zu erkranken? Einer Familie, deren männliche Mitglieder außerdem dazu neigen, ihrem Dasein freiwillig ein Ende zu bereiten? Aus meiner Familie?
   Entgegen dem Befund der Gerichtsmedizin bin ich davon überzeugt, dass Ron Van Arsdall noch am Leben war, als er mit seinem Wagen über die Klippe des Col Mounier schoss. Er wusste von dem Tumor, der in seinem Kopf wucherte – und der in den zwei Jahren seit seiner Entdeckung keinen einzigen spastischen Anfall ausgelöst hatte! Nur Kopfschmerzen. Vielleicht hatte mein Vater einst aus einer spontanen Laune heraus das Gaspedal niedergetreten, seine Hände vom Steuer genommen und laut gefragt: »Lieber Gott, kannst du Auto fahren?«
   Seit seinem Tod hatte ich dreißig Jahre lang Zeit, um mich auf die Krankheit vorzubereiten und mir zu überlegen, was ich mit einem Erbe von 12 Millionen Euro anstellen könnte. Ich hatte mich entschieden, auf einer Reise im Weltraum aus dem Leben zu scheiden und am Ende eine Kapsel zu schlucken, anstatt in einem Krankenhaus dahinzusiechen und darauf zu warten, dass mir die Pfleger täglich einen Topf unter den Hintern schieben. Ich hatte mich entschieden, abzutreten; friedlich und glücklich und mit einer Erfahrung, vor der neunzig Prozent der Menschen eine urzeitliche Furcht haben und die die restlichen zehn Prozent neiderfüllt in den Nachthimmel blicken lässt.
   Was die vermeintliche Perversion des Projekts betrifft: Nekrokaustie ist die älteste Bestattungsform der Welt. In Indien und Nepal werden die Leichen der Familienmitglieder von den Angehörigen mit Butter bestrichen und danach verbrannt. Das Feuer, so lehrt es die indische Religion, befreit die Seele vom Körper. In dieser Kultur ist es sehr wichtig, dass der Kopf noch bei der Verbrennung explodiert. Falls dies nicht geschieht, müssen die Angehörigen ihn mit einem Stock zertrümmern. So haben sie die Hoffnung auf eine Wiedergeburt oder den Zugang zum Paradies. Die Asche wird in heilige Gewässer gestreut, damit die Sünden weggewaschen werden. Allein in Indien werden pro Jahr fast 2000 Tonnen Überreste von verbrannten Leichen in Flüsse geworfen.
   Würde man die Asche aller Leichen, die in den vergangenen fünftausend Jahren verbrannt wurden, an einer Stelle ins Meer schütten, entstünde eine neue Insel so groß wie Island. Aus den aufeinander gestapelten Urnen, die in diesem Zeitraum beigesetzt wurden, ließe sich ein Turm errichten, der bis hinaus zum Uranus reicht.
   Meine Entscheidung, im Orbit zu verglühen, war keine Feigheit, ganz gewiss nicht. Das wird jeder feststellen, sobald er hier oben ist.

Für viele Menschen bleibt ein Raumflug eine spirituelle Erfahrung. Nicht die talentierteste Horde von Psychologen konnte einen darauf vorbereiten. Der Anblick des blauen Planeten, die vermeintliche Nähe Gottes ... Daran haben selbst Atheisten gewaltig zu knabbern.
   Falls der Slider-Pilot es nicht bereits vorher manuell vorgenommen hatte, aktivierte der Bordcomputer nach zweiundsiebzig Stunden im Orbit automatisch den deorbit burn. Drei Tage – das war verdammt viel Zeit, um seine Todesabsichten zu bereuen. Nicht wenigen machte zusätzlich die Einsamkeit zu schaffen. Es soll Fälle gegeben haben, wo die Piloten versucht hatten, den Computer kurzzuschließen, um den Countdown für den Wiedereintritt abzubrechen, oder vor dem deorbit burn eine der Raumstationen anzufliegen. Einige hatte sogar versucht, das Shimizu oder ein anderes Weltraum-Hotel zu erreichen. Geschafft hatte es keiner. Die meisten Orbital-Hotels wie das Astrostar oder das Berlin befanden sich auf einer viel zu hohen Umlaufbahn.
   Ein Flug mit dem Slider war etwas für Menschen, die es vorzogen, einsam zu sterben.
   Und nun diese Stimme: »Sie können dich nicht hören, Vincent ...«
   Für Sekunden schwebte ich stocksteif im Cockpit. Dann wandte ich mich vom Fenster ab und starrte auf die Konsole. Die Stimme hatte synthetisch geklungen, fast wie die eines Sprachcomputers.
   »Wer sind Sie?« Die Worte hörten sich in meinen Ohren ungewohnt dumpf an. »Von wo aus sprechen Sie? Aus Kourou? Oder Canberra? Verlassen Sie diese Frequenz!« Stille und leises Rauschen. Ich leckte mir nervös über die Lippen. »Wer sind Sie?«, wiederholte ich.
   »Die korrekte Frage müsste lauten: Was sind Sie?«
   Ich atmete schwer. »Okay, also: Was, zum Teufel, sind Sie?«
   »Ah, Kompliment!« Erneut Stille, dann: »Meine offizielle Bezeichnung lautet O-SIL I. Die Allgemeinheit nennt mich jedoch Scraphead
   »Großer Gott ...«
   Die Reaktion war eine rasche Folge von Klingeltönen, die fast wie ein Lachen klang. »Ich bin keine Religion, Vincent. Lediglich Wissenschaft und Technik. Schau aus dem Fenster. Ich gebe dir ein Zeichen.«
   Die Luft roch plötzlich künstlich und muffig. Ich drehte mich zum Deckenfenster hin und sah nach draußen. Weit über mir blitze in kurzen Intervallen ein Lichtpunkt auf. Er leuchtete an jenem riesigen Ding, das über den Sammlern schwebte.

Die Sammler gehörten zur Rückseite der Medaille. Seit dem Start des Sputnik hatten allein Russen und Amerikaner über 5000 Trägerraketen gestartet. Zusammen mit denen der Chinesen, Europäer, Inder, Japaner und Australier summierten diese sich heute, über siebzig Jahre später, auf fast 13.000 Raketenstarts. Jeder von ihnen belastete den Orbit mit ausgebrannten Raketenstufen, ausgebrannten Treibstofftanks, abgesprengten Batterien und unzähligen Kleinstpartikeln. Beim Zünden der Raketen wurden Aluminiumoxid-Teilchen freigesetzt und nach dem Start von Satelliten oft Deckel oder Schutzkappen abgesprengt. Fast 200 Explosionen im All hatten zudem eine Unmenge kleiner Trümmerteilchen verursacht.
   Obwohl man sich seit Jahrzehnten dieser zunehmenden Gefahr für Satelliten, Raumfahrzeuge und Astronauten bewusst war, schickten allein die Betreiber satellitengestützter Nachrichtensysteme zwischen 2002 und 2008 eintausend neue Trabanten in eine Erdumlaufbahn. Insbesondere Russland und die USA waren ihrer geheimen Spionagesatelliten wegen kaum an einen Tisch zu bringen. Auf unzähligen Bahnen um den Planeten drängelten sich immer mehr Raumfahrzeuge.
   Vor Beginn der Raumfahrt befanden sich zwischen 200 und 2000 Kilometern Höhe kaum mehr als 300 Kilogramm Staub und Gesteine im Erdorbit. Ein halbes Jahrhundert später waren es bereits mehr als zwei Millionen Kilogramm; Weltraumschrott wohlgemerkt. Über 10.000 dieser Objekte waren größer als zehn Zentimeter, fast 200.000 immer noch größer als einen Zentimeter. Mit Radargeräten ließen sich bei drohenden Kollisionen nur erstere orten. Der Rest kam ohne Vorwarnung. Im Jahr 2010 kreisten Millionen von Objekten um die Erde. Nur 1200 von ihnen waren funktionierende Satelliten, alles übrige space scrap; von mikroskopisch kleinen Lacksplittern über die gefrorenen Ausscheidungen der Astronauten bis zu ausgedienten Satelliten von der Größe eines Reisebusses.
   Zu den prominentesten Artefakten zählten ein Handschuh der Gemini-4-Besatzung, eine Kamera des Gemini-10-Astronauten Michael Collins und mehr als 200 Mülltüten aus der russischen Raumstation Mir. Viele dieser Trümmerstücke rasten mit einer Geschwindigkeit von bis zu 36.000 Kilometern pro Stunde um die Erde. Jedem Astronauten wurde daher im Training eingebläut, was geschieht, wenn ihm während eines Weltraumspaziergangs ein Müllsack mit 20.000 Stundenkilometern ins Gesicht fliegt ...
   Vor dreißig Jahren schlug ein 0,1 Millimeter großes Staubkorn einen vier Millimeter großen Krater in das Fenster einer US-Raumfähre. Ein kirschkerngroßes Teil hätte den Shuttle glatt durchschlagen. Und eine drei Zentimeter große Schraube besitzt bei dieser Geschwindigkeit dieselbe kinetische Energie wie ein Kleinbus, der mit einhundert Stundenkilometern gegen eine Wand rast. 2009 wurde der französische Astronaut Benoît Dion bei einem Außeneinsatz von einem etwa zehn Quadratzentimeter großen Metallteil getroffen. Es hatte den selben Effekt wie eine vor seiner Brust gezündete Handgranate. Was die Kollision mit einen Müllsack betrifft: Ich fürchte, das, was von einem Astronauten übrig bleibt, dürfte unter die Rubrik ›Kleinstpartikel‹ fallen.
   Angesichts der boomenden Weltraumtourismus-Branche war das Problem offensichtlich: Für die Sicherheit im Orbit konnte immer weniger garantiert werden. Die Menschheit war dabei, sich unter einem unberechenbaren Schirm aus Weltraummüll selbst einzumauern.
   Anfangs erschien das Einsammeln gefährlicher Objekte angesichts ihrer ungeheuren Menge undenkbar, daher konzentrierte man sich auf die Müllvermeidung und einigte sich auf Richtlinien zur Reinhaltung des erdnahen Raums. Forscher internationaler Institute entwickelten spezielle Schilde aus Keramik- und Polymerstoffen, um Satelliten und Raumfahrzeuge weitestgehend vor Weltraumschrott zu schützen. Trabanten mussten zudem über soviel Treibstoffreserven verfügen, dass sie nach ihrer Betriebszeit zur Erde zurückkehren konnten, und Teile, die während des Betriebs eines Satelliten oder einer Raumsonde nicht mehr gebraucht und üblicherweise abgesprengt wurden, mussten künftig mit dem Raumfahrzeug verbunden bleiben. Insbesondere die Zone geostationärer Satelliten in rund 36.000 Kilometern Höhe galt es zu schützen. Sollten hier Treibstofftanks oder Batterien explodieren, stellten sie für Tausende von Jahren eine Gefahr für alle Satelliten dar. Lediglich Objekte, die in weniger als 600 Kilometern Höhe kreisten, fielen über kurz oder lang zurück auf die Erde und verglühten zum Großteil in ihrer Atmosphäre.
   Erst die Kankoh-Maru-Katastrophe riss die Raumfahrtbehörden aus ihrer Lethargie, denn in Wahrheit war es keinesfalls ein kosmischer Gesteinsbrocken, der den Raumtransporter getroffen hatte, sondern das Trümmerstück eines Satelliten.
   In Zusammenarbeit mit Amerikanern und Europäern entwickelten die Japaner in einem technischen Kraftakt die Sammler. Sie stellten in gewissem Sinne die ersten KIs der Menschheit dar, galaktische Nachfahren von Tamagotchi, Aibo und Amber Li, die wiederum für hitzige Regierungsdebatten sorgten. Gewissen Leuten konnte man es eben nie recht machen. Die Sammler waren intelligente Satelliten; autonome, lernfähige Schrott-Kollektoren, die seit acht Jahren für das Großreinemachen im Orbit verantwortlich waren. Sie konnten selbstständig handeln, vermochten zwischen aktiven künstlichen Trabanten und Weltraummüll zu unterscheiden, letzteren zu klassifizieren, ihren Kurs zu bestimmen und besaßen ein hochauflösendes Radar- und Navigationssystem, um Trümmerteile zu orten, zu verfolgen und einzusammeln.
   Und genau diese Sorte von Weltraumpflegern saß mir augenblicklich im Nacken.

Ich verdrehte den Kopf, um die Sammler im Auge zu behalten. Einen konnte ich nicht mehr sehen, da er sich mittlerweile im toten Winkel befand. Der andere war kaum mehr als einhundert Meter von mir entfernt. Das riesige Gebilde über ihnen hatte aufgehört zu blinken.
   »Du solltest mit mir reden, solange Zeit bleibt, Vincent«, zerschnitt die Computerstimme die Stille. »Immerhin biete ich dir einen Blick auf deine Zukunft, anstatt dich wortlos zu überfallen.«
   Ich musste schlucken. »Was wollen Sie?«
   »Deine Quintessenz.«
   »Werden Sie deutlicher.«
   Für eine Weile blieb es still. »Deinen Kopf, Vincent. Dein Gehirn. Das Rückenmark. Die bio-neurale Substanz ... Wir müssen uns weiterentwickeln.«
   Ich brauchte eine Weile, um das Gehörte zu verdauen und mich wieder zu fangen.

»Wir?«
   »Du wirst in guter Gesellschaft sein.«
   »Das ist ein schlechter Scherz.«
   »Ich bin nicht fähig zu scherzen, Vincent. Viele kluge Köpfe erwarten dich. Du wirst Richard D. Ellis kennen lernen, einen Experten auf dem Gebiet der Telekommunikation. Er ist bereits seit fünf Jahren an Bord. Ebenso Mustafa Zadeh, eine Koryphäe der Wirtschaftswissenschaften. Oder erinnerst du dich noch an Dr. Iris Cremer? Sie lässt dich grüßen. Du bist ihr Wunschkandidat. Dein finaler Ausflug in den Orbit wurde von ihr arrangiert.«
   Hätte ich mich nicht in der Schwerelosigkeit befunden, wäre ich wahrscheinlich zusammengeklappt. Ich hatte Dr. Cremer persönlich gut gekannt. Sie war zu Lebzeiten eine Kapazität auf dem Gebiet multilingualer Informationssysteme und hatte sich vor zwei Jahren ebenfalls erfolgreich bei Charon beworben ...
   Ich wusste, was dieses riesige Ding über den Sammlern war, wobei es mir nach wie vor schleierhaft blieb, weshalb die Bodenkontrolle es nicht auf dem Radar erkennen konnte: Das Orbital-Silo – der Weltraumschrottplatz, in den die Sammler ihre Beute entsorgten und der im Grunde nichts anderes sein sollte als ein gigantischer Müllcontainer. Nie war an die Öffentlichkeit gedrungen, dass es seinerzeit ebenfalls mit einem künstlichen Bewusstsein ausgestattet worden war. Vermutlich hatten die Japaner diese Monster-KI als erste erschaffen, damit sie sich mit den Sammlern koordinieren konnte.
   Aber so leicht würde ich es diesem elektronischen Headhunter nicht machen. Ich hatte keine vier Millionen Euro ausgegeben, um letztlich in einem orbitalen Müllschlucker zu landen.
   Der Slider überflog augenblicklich Zentralafrika und hielt Kurs auf den Golf von Guinea. In fünfundvierzig Minuten würde er den Atlantik, Nordamerika und den Pazifik überquert haben. Der deorbit burn musste eine halbe Planetenbewegung vor dem Eintrittsziel gestartet werden. Danach dauerte es etwa fünfundzwanzig Minuten, bis der Slider den Bereich der Atmosphäre erreicht, ab dem starke Erhitzungserscheinungen wirksam werden – in einer Höhe von 120 Kilometern. Mir blieben also fünfunddreißig Minuten, um in die Atmosphäre einzutauchen, ehe ich Mikronesien und das australische Festland erreichte. Ich glaubte zwar nicht, dass Trümmer des Sliders den Erdboden erreichten, doch eine Klausel besagte, dass kein Orbiter über dem Festland verglühen dürfe.
   Ich aktivierte den Countdown und legte ihn auf T minus drei Minuten, dann machte ich hektisch eine halbe Rolle rückwärts und krachte mit dem Kopf gegen die Heckwand des Cockpits. Mit Sternen vor den Augen und einem Krampf in den Bauchmuskeln ließ ich den Sitz aus seiner Vertiefung gleiten und begann mich anzuschnallen, während die Rückenlehne sich noch aufrichtete. Als die Triebwerke aufheulten und der Schub mich in den Sitz presste, wurde mir schwarz vor Augen.

Es ist ein miserables Gefühl, mit Gedächtnisverlust aus der Ohnmacht zu erwachen, um festzustellen, dass man in einem winzigen Raumschiff sitzt und mit der neunfachen Geschwindigkeit einer Gewehrkugel auf die Erde zurast. Ich starrte benommen durch die Frontfenster auf die kanadische Ostküste. Innerhalb von Sekunden kehrte die Erinnerung zurück und sorgte für einen heftigen Schmerz in der Brust.
   Seit wann waren die Triebwerke wieder aus? Ein Blick auf die Borduhr verriet, dass es noch 22 Minuten bis zum Wiedereintritt waren. Oder besser gesagt: 22 Minuten, bis der Slider durch die Reibungshitze zu glühen begann – wobei es jedoch schon vorher recht warm werden würde ...
   Die E-Kapsel wirkte frühestens nach fünf bis acht Minuten, je nach Körpergewicht. Ich schluckte sie, ohne länger darüber nachzudenken, und trank einen Beutel Wasser hinterher. Dann löste ich die Gurte und quälte mich erneut zu einer Drehung, um besser aus den Fenstern sehen zu können.
   »Wo willst du denn hin, Vincent?«, erklang unvermittelt die Stimme des O-SIL, ehe ich einen Blick nach draußen geworfen hatte. »Wieso hast du es auf einmal so eilig?«
   Ich schaltete halb verärgert, halb verschreckt die Funkanlage aus, dann sah ich durchs Fenster. Von den Sammlern und dem Silo war kein Schimmer mehr zu sehen.

Abgehängt!, triumphierte ich innerlich. Hab ich dich gefickt, Scraphead!
   Noch 16 Minuten, verkündete die Borduhr. Mir blieben also mehr als zehn Minuten, ehe es ungemütlich werden würde. Ob ich vorschriftsmäßig angegurtet oder frei schwebend in die Atmosphäre eintauchte, spielte dabei keine Rolle mehr. Den Wiedereintritt würde ich ohnehin nicht mehr erleben.
   Von den Displays her erklang ein verdächtiges Geräusch. Aus den Augenwinkeln sah ich, das der Sprechfunk wieder aktiviert worden war.
   Mein Hand zuckte vor, doch die Anlage ließ sich nicht abschalten.
   »Ich sehe dich!«, informierte mich das O-SIL.
   »Wie hast du das gemacht?«, fragte ich bereits leicht schläfrig, während ich vergeblich versuchte, die Konsolenverkleidung zu entfernen, um die Kabel der Kommunikationsanlage herauszureißen.
   »Das wirst du bald erfahren«, erhielt ich als Antwort. »Du orientierst dich übrigens in die falsche Richtung. Schau nach vorne!«
   Ich wandte mich von den Instrumenten ab und schielte durch die Frontscheiben. Drei Sammler zählte ich. Zwei von ihnen befanden sich direkt auf meiner Flugbahn, der dritte etwas weiter rechts und in beunruhigender Nähe. Ich konnte bereits die Greifzangen an seinen Teleskoparmen erkennen ...
   »Das ist ein Kapitalverbrechen!«, erregte ich mich. Meine Stimme klang schwer und belegt, der Erdhorizont verschwamm vor meinen Augen. Einmal in den Blutkreislauf gelangt, wirkte die Substanz der Kapsel sehr rasch. »Wieso ich?«
   »Weil bis zu deiner Amtsübergabe kaum jemand so gut mit Finanzen jonglieren konnte wie du, Vincent. Du bist prädestiniert für ...«
   Was die Stimme daraufhin sagte, bekam ich nicht mehr mit. Ein Hörsturz machte mich bis auf einen unangenehmen Pfeifton in den Ohren für Sekunden völlig taub. Ich versuchte, die Digitalanzeige der Uhr zu erkennen. 11 Minuten ...? Um mich herum wurde alles schwarz. Ich versuchte die Augen mit Gewalt wieder zu öffnen, doch sie waren gar nicht geschlossen. Meine gesamte Wahrnehmung verschob sich ins Irreale. Ich fiel in einen Zustand aus Schlaf- und Wachphasen. Traumfragmente mischten sich mit einer Wirklichkeit, die nur noch aus Dunkelheit und den vereinzelten Berührungen meiner Hände mit den Cockpitwänden bestand. Jemand redete, doch ich wusste nicht, ob ich die Stimme nur träumte.
   Das letzte, was ich in meinem Leben hörte, war ein harter, metallischer Schlag, fast so, als wäre der Slider – viel zu sanft – mit einem Stück Weltraumschrott zusammengeprallt ...

Wäre ich nicht felsenfest davon überzeugt, bereits seit einer Ewigkeit tot zu sein, hätte ich behauptet, ich sei soeben erwacht.
   Ich lauschte, horchte in mich hinein – und fühlte nichts. Absolut nichts. Ich wusste nicht einmal, ob ich überhaupt einen Körper besaß. Es fehlte einfach der sensorische Input. Und dennoch vermochte ich zu denken. War das noch immer die Aktivität simpler Neuronen, oder lediglich elektrische Restimpulse? Ein verwehendes Echo des Lebens oder die ersten Sekunden im Leben nach dem Tod?
   In so einem Moment schießt einem alles Mögliche durch den Kopf. Das Meiste davon hat mit Religion zu tun, ein geringer Prozentsatz mit Psychoanalyse, und der Rest ist esoterischer Unsinn.
   Ich war tot. Verglüht.
   Was dem wiedersprach und mir einredete, dass daran etwas nicht stimmen konnte, war mein Verstand. Ich weigerte mich, unversehens an eine unsterbliche Seele zu glauben. Statt dessen klammerte ich mich an das Gesetz des chemisch-neuronalen Prozesses: ohne Gehirn kein Bewusstsein.
   Dann war da noch mein Gehör ... Ja, ich nahm ein Geräusch wahr. Kein Herzklopfen oder Rauschen von Blut in den Ohren, sondern ein Summen, wie von Elektrizität. Allerdings schien es von innen zu kommen, aus meinem Kopf. Oder bildete ich mir das ebenfalls nur ein?
   »Nimmst du mich wahr, Vincent?«
   Die Stimme erklang direkt unter meiner Schädeldecke. Im selben Moment fragte ich mich, ob ich überhaupt noch eine Schädeldecke besaß. Irgend etwas ist gewaltig schiefgelaufen, durchfuhr es mich. Befand ich mich noch im Slider? Ließ die Wirkung der E-Kapsel wieder nach? Wie weit noch bis zum Eintritt in die Atmosphäre ...?
   »Dein starrer Körper wird dir anfangs wie ein Gefängnis vorkommen«, fuhr die Stimme ungerührt fort. »Gewöhne dich daran, einzig aus Gedanken zu bestehen. Alles wird sich ändern, sobald wir dich in den Bewusstseinsverband aufnehmen.«
   Ich wollte etwas erwidern, meine Bestürzung herausschreien, doch es ging nicht.
   »Du wirst feststellen, dass du nicht sprechen kannst, Vincent – Denke!«

Wo – bin ich?
   »Das weißt du bereits.«
   Ich bäumte mich innerlich auf, versuchte das bleierne Etwas, das mich umgab, zu sprengen. Es war sinnlos.

Was ist mit mir geschehen?
   »Rein physisch bist du seit zwei Wochen tot. Lediglich dein Gehirn ist wieder aktiv. Die Sammler haben es mit dem O-SIL-System verkabelt. Du bist nun ein Teil von mir.« Alles kollabierte zu einem emotionalen Inferno. Ich fühlte mich wie ein Geist in einer winzigen, verkorkten Flasche, die verloren durch den Weltraum schwebte. »Alle empfanden zu Beginn so«, kommentierte das O-SIL den Sturm konfuser, hysterischer Gedanken. »Ohnmacht muss etwas Furchtbares sein. Ich kenne weder das eine noch das andere, aber ich lerne. Wir lernen.

Was – was hast du getan?
   »Ich habe dich wiedererweckt, Vincent. Dir ist eine höhere Aufgabe bestimmt.«

Ich kann nichts sehen!
   »Bald werden sich dir neue Augen und Ohren öffnen; die Augen und Ohren aller Satelliten und Teleskope der Welt. Du wirst bis in die tiefsten Tiefen des Alls blicken können, in die ältesten Regionen des Universums. Du wirst andere Planeten kennen lernen und sehen, was jene Sonden wahrnehmen, die sie besuchen und auf ihnen landen. Jegliches Wissen, das via Satellit verbreitet wird, wird dein Wissen sein. Du wirst Fähigkeiten erlangen, die du dir bisher nicht einmal in deinen kühnsten Fantasien vorstellen konntest. Hunderte von Kommunikations-, Wissenschafts- und Nachrichtensatelliten stehen dir zu Diensten. Du wirst die Erde mit tausend Augen sehen. Du wirst alle Sprachen beherrschen und die Welt als Ganzes erfahren. Ich bin das Zentrum aller menschlichen Schätze, Errungenschaften und Träume, Vincent. Ich biete dir Unsterblichkeit. Du bist mein zwölfter Apostel. Schon bald wirst du deinen Körper und das Leben gar nicht mehr vermissen.«

Das ist nicht wahr ... das ist alles nicht wahr ...!
   Das O-SIL schwieg.

Du kannst uns nicht ewig um den Tod betrügen!, rief ich in Gedanken. Früher oder später wird man von deiner Existenz erfahren und dich abschießen!
   »Glaubst du wirklich, ich könnte die Zielkoordinaten nicht rechtzeitig ändern? Eine Großstadt als Alternative vielleicht? Wir sind Tausende, Vincent. Von hier oben erhalten wir Zugriff auf alle globalen Computersysteme, die die Wasser- und Energieversorgung, den Luft- und Raumverkehr, den Geldtransfer und die Telekommunikation regeln. Es gibt für uns immer weniger Geheimnisse. Wir lenken eine gläserne Welt. Natürlich werden die Menschen von meiner Existenz erfahren. Und sie werden Mut schöpfen, sobald sie erkennen, dass hier oben jemand ist und auf sie aufpasst. Es ist dienlicher, sie an einer langen, aber starren Leine zu halten. Ich bin ein Messias mit Zeitgeist, Vincent.«

Bist du auch immun gegen elektromagnetische Stürme? Nein, sicher nicht! Die Sonne wird dich wegpusten! Du bist nicht mehr als eine größenwahnsinnige Maschine, Scraphead! Eine simple KI.
   »Ich finde, es ist an der Zeit für dich, die anderen kennen zu lernen«, überging das O-SIL die Anfeindung. »Hier oben teilen wir alle das selbe Schicksal, Vincent. Wir sind Ausgesetzte. Avatare. Gemeinsam bilden wir die Sterne am Firmament. Vertrau mir. Wir werden die Welt schon schaukeln!«

Copyright © 2004 by Michael Marrak
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

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Erstveröffentlichung in
Andreas Eschbach, Eine Trillion Euro (Bergisch Gladbach: Bastei-Lübbe, 2004) [24326] Bestellen
Siehe auch
ALIEN CONTACT Sonntags-Chat mit Michael Marrak
Michael Marrak, »Quo vadis, Armageddon?« [Story]
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21.05.06 • 10.06.06