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ALIEN CONTACT
ALIEN CONTACT 62 Inhalt Archiv

George R. R. Martin

Manna vom Himmel

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o Teil 1 -->

Mit der lautlosen und würdevollen Grazie eines jagenden Tigers durchstreifte die s’uthlamesische Armada in den Außenbezirken des Sonnensystems die samtene Dunkelheit des Alls auf Abfangkurs zur Arche.
   Haviland Tuf saß vor seiner Hauptkonsole und beobachtete mit kleinen, vorsichtigen Kopfbewegungen die Reihen der Bildschirme und Computermonitore. Die Flotte, die auf ihn zusteuerte, wirkte von Minute zu Minute imposanter. Seine Instrumente erfassten ungefähr vierzehn große Schiffe und mehrere Schwärme kleinerer Jagdflieger. Neun silberweiße Kugeln bildeten die Flügel der Formation und starrten vor fremdartiger Waffentechnik. Vier lange schwarze Schlachtschiffe an den Flanken des Keils dienten als Geleitschutz, ihre dunklen Hüllen knisterten vor Energie. Das Flaggschiff im Zentrum war eine riesige untertassenförmige Festung mit einem Durchmesser von sechs Kilometern von einem Rand zum anderen, wie Tufs Sensoren feststellten. Ein größeres Raumschiff hatte Tuf noch nie erblickt, von dem Tag vor mehr als zehn Jahren einmal abgesehen, als er die herrenlose Arche fand. Jäger umschwärmten die Untertasse wie wütende Stechmücken.
   Tufs langes, bleiches, haarloses Gesicht blieb ruhig und unergründlich, aber in seinem Schoß gab Dax ein leises unbehagliches Geräusch von sich, als Tuf die Fingerspitzen zusammenpresste.
   Ein Blinklicht vermeldete einen Anruf.
   Haviland Tuf blinzelte, streckte ruhig und bedächtig den Arm aus und nahm den Ruf entgegen.
   Er hatte erwartet, dass auf dem Bildschirm ein Gesicht erschien, aber er wurde enttäuscht. Die Züge des Anrufers wurden von einem Visier aus schwarzem Plastahl verborgen, das zum Helm eines spiegelnd glänzenden Kampfanzuges gehörte. Eine stilisierte Abbildung des Globus von S’uthlam zierte die vorspringende Wulst an der Stirn. Hinter dem Visier glühten Breitbandsensoren wie zwei rote Augen. Sie erinnerten Haviland Tuf an einen ziemlich unangenehmen Menschen, den er einst gekannt hatte.
   »Es wäre doch nicht nötig gewesen, sich meinetwegen derart formell zu kleiden«, sagte Tuf einfach. »Und obwohl ich zugeben muss, dass die Größe der Ehrengarde, die Sie mir entgegengesandt haben, meiner Eitelkeit schon ein wenig schmeichelt, wäre eine wesentlich kleinere und weniger beeindruckende Schwadron mehr als ausreichend gewesen. Die gegenwärtige Formation ist derart groß und imposant, dass einem fast der Atem stockt. Ein weniger vertrauensvoller Mann als ich es bin, könnte sich veranlasst sehen, ihren Zweck misszuverstehen und dahinter einen Einschüchterungsversuch vermuten.«
   »Hier spricht Wald Ober, Kommandant der Planetaren Verteidigungsflottille von S’uthlam, siebtes Geschwader«, antwortete die grimmige Maske auf dem Bildschirm mit tiefer, verzerrter Stimme.
   »Siebtes Geschwader«, wiederholte Tuf. »Tatsächlich. Dies lässt vermuten, dass es noch mindestens sechs weitere ähnlich furchteinflößende Geschwader gibt. Es sieht so aus, als hätte man die s’uthlamesischen Streitkräfte seit meinem letzten Besuch ein wenig aufgerüstet.«
   Wald Ober interessierte das nicht. »Ergeben Sie sich auf der Stelle, oder Sie werden zerstört«, sagte er ohne Umschweife.
   Tuf blinzelte. »Ich fürchte, hier liegt ein schreckliches Missverständnis vor.«
   »Zwischen der Kybernetischen Republik S’uthlam und der sogenannten Allianz von Vandeen, Jazbo, Henry’s Welt, Skyrmir, Roggandor und der Azurnen Dreiheit wurde der Kriegszustand ausgerufen. Sie befinden sich in einer verbotenen Zone. Ergeben Sie sich, oder Sie werden zerstört.«
   »Sie missverstehen mich, Sir«, sagte Tuf. »Ich bin neutral in dieser unglücklichen Konfrontation, von der ich bis eben nichts gewusst habe. Ich gehöre keiner von beiden Seiten an und repräsentiere ausschließlich mich selbst, einen ökologischen Ingenieur mit den wohlwollendsten Absichten. Bitte lassen Sie sich von der Größe meines Schiffes nicht beunruhigen. Die geschätzten Spinnerets und Cybertechs des Hafens von S’uthlam können meine vorangegangenen Besuche auf Ihrem äußerst interessanten Planenten in der kleinen Zeitspanne von fünf Standardjahren doch nicht völlig vergessen haben. Ich bin Haviland ...«
   »Wir wissen, wer Sie sind, Tuf«, sagte Wald Ober. »Wir haben die Arche sofort erkannt, als Sie abgebremst haben. Die Allianz besitzt keine dreißig Kilometer langen Schlachtschiffe, dem Leben sei Dank. Ich habe Sonderbefehl vom Hohen Rat, auf Ihre Ankunft zu warten.«
   »Tatsächlich«, sagte Haviland Tuf.
   »Warum, denken Sie, kreist das Geschwader Sie ein?« fragte Ober.
   »Als herzliche Willkommensgeste, hatte ich gehofft«, sagte Tuf. »Als freundliche Eskorte mit Ehrerweisungen, Salutschüssen und Geschenkkörben voller praller, frischer Gewürzpilze. Ich muss feststellen, dass diese Vermutung leider falsch war.«
   »Dies ist meine dritte und letzte Warnung, Tuf. Wir werden in weniger als fünf Standardminuten in Reichweite sein. Ergeben Sie sich jetzt, oder Sie werden zerstört.«
   »Sir«, sagte Tuf. »Bevor Sie einen furchtbaren Fehler begehen, konsultieren Sie bitte Ihre Vorgesetzten. Ich bin mir sicher, dass hier ein bedauernswerter Kommunikationsfehler vorliegt.«
   »Sie wurden in Abwesenheit für schuldig befunden, ein Krimineller, ein Ketzer und ein Feind des Volkes von S’uthlam zu sein.«
   »Ich verstehe nicht«, protestierte Tuf.
   »Vor zehn Jahren sind Sie der Flotte entkommen, Tuf. Denken Sie nicht einmal daran, es noch einmal zu versuchen. Die s’uthlamesische Technologie steht nicht still. Unsere neuen Waffen werden die veralteten Schutzschilde, die Sie da haben, in Stücke schießen, das verspreche ich Ihnen. Unsere führenden Historiker haben Ihr schwerfälliges ÖPK-Relikt eingehend erforscht. Ich habe die Simulationen selbst überwacht. Es ist alles für Ihren Empfang vorbereitet.«
   »Ich möchte nicht undankbar erscheinen, aber es war völlig unnötig, sich solche Mühe zu geben«, sagte Tuf. Er schielte auf die Bildschirmreihen entlang der Konsolen an beiden Seiten des langen, schmalen Raumes und studierte die Phalanx der s’uthlamesischen Kriegsschiffe, die sich schnell um die Arche schloss. »Wenn diese unbegründete Feindseligkeit ihren Ursprung in den Geldern hat, die ich dem Hafen von S’uthlam noch schulde, so seien Sie versichert, dass ich in der Lage bin, meine Schuld umgehend zu begleichen.«
   »Zwei Minuten«, sagte Wald Ober.
   »Außerdem bin ich durchaus bereit, Ihnen meine Dienste zu einem äußerst günstigen Preis anzubieten, sollte S’uthlam weitere ökologische Hilfe benötigen.«
   »Wir haben genug von Ihren Diensten. Eine Minute.«
   »Es sieht so aus, als bliebe mir nur noch eine einzige Möglichkeit«, sagte Haviland Tuf.
   »Sie ergeben sich also?«, fragte der Kommandant misstrauisch.
   »Das nicht gerade«, antwortete Haviland Tuf. Er streckte den Arm aus, strich mit seinen langen Fingern über eine Reihe holografischer Tasten und fuhr die uralten Schutzschilde der Arche hoch.
   Wald Obers Gesicht war hinter seiner Maske verborgen, aber es gelang ihm, ein verächtliches Schnauben von sich zu geben. »Imperiale Schilde der vierten Generation, dreifache Redundanz, Frequenzüberlappung, alle Schildphasen vom Schiffscomputer koordiniert. Panzerung aus Hartlegierung auf der Hülle. Ich sagte Ihnen doch, das wir unsere Hausaufgaben gemacht haben.«
   »Ihr Wissensdurst ist bemerkenswert«, sagte Tuf.
   »Die nächste sarkastische Bemerkung aus Ihrem Mund könnte Ihre letzte sein, Händler, also sollten Sie sich genau überlegen, was Sie sagen. Wir wissen genau, was Sie zu bieten haben, und wir wissen bis in die vierzehnte Stelle nach dem Komma, welche Schäden ein ÖPK-Saatgutschiff überstehen kann. Wir sind in der Lage, Ihnen mehr zu verpassen, als Sie verkraften können.« Er drehte den Kopf. »Feuerbereit«, bellte er in Richtung seiner unsichtbaren Untergebenen. Als sich sein dunkel behelmtes Gesicht wieder Tuf zuwandte, fügte Ober hinzu: »Wir wollen die Arche, und Sie können uns nicht daran hindern, sie zu bekommen. Dreißig Sekunden.«
   »Da bin ich anderer Meinung«, sagte Tuf ruhig.
   »Sie werden auf mein Kommando feuern«, sagte Ober. »Wenn Sie es wünschen, werde ich Ihnen die letzten Sekunden Ihres Lebens vorzählen. Zwanzig. Neunzehn. Achtzehn ...«
   »Ich habe selten ein derart energisches Zählen gehört«, sagte Tuf. »Bitte lassen Sie sich durch meine ein wenig beunruhigenden Informationen nicht stören.«
   »... Vierzehn. Dreizehn. Zwölf.«
   Tuf faltete die Hände über dem Bauch.
   »Elf. Zehn. Neun.« Ober schaute nervös zur Seite, dann wieder auf den Bildschirm.
   »Neun«, bemerkte Tuf. »Eine schöne Zahl. Sie wird für gewöhnlich von der Acht gefolgt, dann von der Sieben.«
   »Sechs«, sagte Ober. Er zögerte. »Fünf.«
   Tuf wartete gelassen.
   »Vier. Drei.« Er stoppte. »Was für beunruhigende Informationen?«, brüllte er in den Bildschirm.
   »Sir«, sagte Tuf, »wenn Sie schon brüllen müssen, dann lassen Sie mir bitte etwas Zeit, die Lautstärke an meiner Kommunikationseinheit entsprechend anzupassen.« Er hob einen Finger. »Die beunruhigende Information ist, dass der bloße Akt, die Schutzschilde der Arche zu zerstören, was ohne Zweifel ein Leichtes für Sie wäre, ein kleines thermonukleares Gerät aktivieren wird, welches ich vor kurzem in der Zellbibliothek des Schiffes versteckt habe und das auf der Stelle das gesamte Zellmaterial zerstören wird, das die Arche so einzigartig, unschätzbar und äußerst begehrenswert macht.«
   Lange blieb es still. Die karmesinrot glühenden Sensoren hinter Wald Obers dunklem Visier schienen zu schmelzen, als er Tufs blanke Gesichtszüge auf dem Schirm anstarrte. »Sie bluffen«, sagte der Kommandant schließlich.
   »In der Tat«, sagte Tuf. »Sie haben mich ertappt. Wie naiv von mir zu denken, dass ich einen Mann von Ihrem Scharfsinn mit einer derart dummen und kindischen List täuschen könnte. Und jetzt, so fürchte ich, werden Sie das Feuer auf mich eröffnen, meine armseligen Schutzschilde pulverisieren und meine Lüge offenbaren. Gestatten Sie mir nur einen Moment, mich von meinen Katzen zu verabschieden.« Er faltete die Hände sorgfältig über seinem voluminösen Bauch und wartete auf die Antwort des Kommandanten. Seine Instrumente zeigten ihm, dass die s’uthlamesische Flotte nunmehr in Reichweite war.
   »Genau das werde ich tun, Sie verdammte Missgeburt!«, fluchte Wald Ober.
   »Ich warte in tiefster Ergebenheit«, sagte Tuf unbeweglich.
   »Sie haben zwanzig Sekunden«, antwortete Ober.
   »Ich fürchte, meine Neuigkeiten haben Sie etwas verwirrt. Wir waren vorhin bei drei angekommen. Trotzdem werde ich schamlos von Ihrem Fehler profitieren und jede mir verbleibende Sekunde nutzen.«
   Über die Bildschirme starrten sie einander lange an. Dax schnurrte in Tufs Schoß. Haviland Tuf streichelte sein langes, schwarzes Fell. Dax schnurrte umso lauter und knetete Tufs Knie mit den Krallen.
   »Ach, zur Hölle damit«, sagte Wald Ober. Er deutete auf den Bildschirm. »Für den Moment haben Sie uns vielleicht ausgetrickst, aber ich warne Sie, Tuf. Denken Sie nicht mal daran, fliehen zu wollen. Ob tot oder nicht, Ihre Zellbibliothek wird am Ende uns gehören. Und wenn ich die Wahl hätte, würde ich Sie lieber tot sehen.«
   »Ich kann Sie gut verstehen«, sagte Haviland Tuf, »obwohl ich natürlich lieber am Leben bliebe. Außerdem habe ich noch eine Schuld gegenüber dem Hafen von S’uthlam zu begleichen und könnte schon aus diesem Grund nicht einfach verschwinden, wie Sie befürchten. Also akzeptieren Sie bitte meine Versicherung, dass Sie jederzeit die Möglichkeit haben werden, mein Gesicht zu betrachten und ich Ihre furchterregende Maske, während wir in dieser ärgerlichen Sackgasse festsitzen.«
   Wald Ober bekam keine Gelegenheit, ihm zu antworten. Seine Kampfmaske verschwand plötzlich vom Bildschirm und wurde durch die hässlichen Gesichtszüge einer Frau ersetzt – ein breiter, schiefer Mund, eine Nase, die mehr als einmal gebrochen war, derbe, ledrige Haut mit dem tiefblauen Schimmer, der von der ständigen harten radioaktiven Strahlung und dem jahrzehntelangen Konsum von Antikarzinogenen herrührte, hell leuchtende Augen in einem Nest aus feinen Falten, all das umrahmt von einer üppigen Korona aus dickem, grauen Haar. »So viel zum Thema stark bleiben«, sagte sie. »Sie haben gewonnen, Tuf. Ober, Sie sind jetzt eine Ehrengarde. Formieren Sie sich neu und eskortieren Sie ihn ins Netz, verdammt noch mal.«
   »Wie aufmerksam«, sagte Haviland Tuf. »Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass ich nunmehr in der Lage bin, meine restlichen Schulden für die Instandsetzung der Arche an den Hafen von S’uthlam zu begleichen.«
   »Ich hoffe, Sie haben auch etwas Katzenfutter dabei«, sagte Tolly Mune trocken. »Die sogenannte Fünf-Jahres-Ration, die Sie mir dagelassen hatten, ist vor fast zwei Jahren zu Ende gegangen.« Sie seufzte. »Ich vermute, dass Sie nicht mit dem Gedanken spielen, sich zur Ruhe zu setzen und uns die Arche zu verkaufen.«
   »In der Tat nicht«, sagte Tuf.
   »Das habe ich mir schon gedacht. In Ordnung, Tuf, machen Sie ein Bier auf, ich kommen zu Ihnen, sobald Sie das Netz erreicht haben.«
   »Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber ich muss zugeben, dass ich im Moment nicht in der Stimmung bin, einen solch außergewöhnlichen Gast, wie Sie es sind, zu unterhalten. Kommandant Ober hatte mich jüngst darüber in Kenntnis gesetzt, dass ich ein Krimineller und Ketzer sei. Eine kuriose Vorstellung, da ich weder ein Bürger von S’uthlam noch ein Anhänger ihrer vorherrschenden Religion bin, aber trotzdem nicht weniger beunruhigend. Ich bin voller Furcht und Angst.«
   »Ach, das«, sagte sie. »Das ist nur eine Formalität ohne jeden Inhalt.«
   »Tatsächlich«, sagte Tuf.
   »Verdammt noch mal, Tuf, wenn wir Ihr Schiff stehlen wollen, dann brauchen wir doch zumindest einen guten legalen Vorwand, nicht wahr? Wir sind eine gottverdammte Regierung. Wir haben das Recht, Dinge zu stehlen, die wir haben wollen, solange wir dem Ganzen einen schönen, glänzenden legalen Anstrich verpassen.«
   »Auf meinen Reisen habe ich selten einen Politiker gesehen, der so offen redet, wie Sie es tun, das muss ich zugeben. Diese Erkenntnis ist höchst erfrischend. Trotzdem muss ich aufgrund meiner Erfahrungen fragen, welche Sicherheiten Sie mir geben können, dass Sie nicht weiterhin versuchen werden, die Arche an sich zu bringen.«
   »Wer, ich?«, sagte Tolly Mune. »Wie könnte ich denn so etwas nur tun wollen? Machen Sie sich keine Sorgen, ich komme allein.« Sie lächelte. »Das heißt, fast allein. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich eine Katze mitbringe, oder?«
   »Natürlich nicht«, sagte Tuf. »Es freut mich zu hören, dass die Katzen, die ich in Ihrer Obhut gelassen habe, während meiner Abwesenheit gut gediehen sind. Ich erwarte Ihre Ankunft, Hafenmeisterin Mune.«
   »Für Sie Oberste Ratsherrin Mune, Tuf«, sagte sie mürrisch, bevor sie die Verbindung trennte.

Man konnte wirklich nicht behaupten, dass Haviland Tuf besonders leichtsinnig gewesen wäre; er bezog Position zwölf Kilometer vor dem Ende einer der großen Andockspeichen der Orbitalgemeinschaft, die als der Hafen von S’uthlam bekannt war, und ließ wärend der ganzen Zeit, die er wartete, die Schilde aktiviert. Tolly Mune kam im kleinen Raumschiff, das er ihr bei seinem letzten Besuch vor fünf Jahren geschenkt hatte.
   Tuf öffnete für sie die Schilde und die große Kuppel des Landedecks. Die Instrumente der Arche zeigten sehr viele Lebensformen auf ihrem Schiff, von denen nur eine menschlich war; die restlichen zeigten feline Parameter. Tuf machte sich auf den Weg zu ihr; er fuhr einen dreirädrigen Karren mit Ballonrädern und war in einen tiefgrünen Anzug aus Pannesamt gekleidet, der in der Mitte von einem Gürtel gehalten wurde. Auf dem Kopf trug er eine verschossene grüne Schirmmütze mit dem goldenen Theta des Ökologischen Pionier-Korps. Dax ruhte als träge, schwarze Fellkugel auf Tufs breiten Knien.
   Als sich die Luftschleuse öffnete, fuhr Tuf mit aller zur Verfügung stehenden Geschwindigkeit über den Schrottplatz aus abgewrackten Raumschiffen, die er über die Jahre zusammengesammelt hatte, direkt auf die Stelle zu, wo Tolly Mune, ehemalige Hafenmeisterin von S’uthlam, soeben von der Rampe ihres Schiffes sprang.
   Eine Katze ging an ihrer Seite.
   Dax war sofort auf den Beinen, sein dunkles Fell war gesträubt, als ob man seinen riesigen, buschigen Schwanz in eine Steckdose gesteckt hätte. Die sonst für ihn so typische Lethargie war plötzlich verschwunden; er sprang von Tufs Schoß auf die Motorhaube des Karren, legte die Ohren an und fauchte.
   »Was soll das, Dax?«, sagte Tolly Mune. »Begrüßt man so einen gottverdammten Verwandten?« Sie grinste und kniete nieder, um das riesige Tier zu streicheln.
   »Ich hatte entweder Undankbarkeit oder Zweifel erwartet«, sagte Haviland Tuf.
   »Oh, denen geht es gut«, sagte sie. »Ebenso all ihren gottverdammten Nachkommen. Mehrere Generationen übrigens. Ich hätte es mir denken können, als Sie mir ein Pärchen dagelassen haben. Ein fruchtbares Männchen und ein Weibchen. Ich habe ... «, sie zögerte und zählte dann schnell an den Fingern ab, einmal, dann noch einmal. »... mal sehen, sechzehn, glaube ich. Ja. Und zwei trächtige.« Sie zeigte mit dem Daumen auf das Raumschiff hinter ihr. »Mein Schiff hat sich in ein riesiges Katzenhaus verwandelt. Die meisten scheren sich um die Schwerkraft genauso wenig, wie ich es tue. Geboren und aufgewachsen in der Schwerelosigkeit. Ich werde nie verstehen, wie sie in einem Moment so graziös sein können und im nächsten so unglaublich tollpatschig.«
   »Die feline Rasse ist voller Gegensätze«, sagte Tuf.
   »Das ist Blackjack.« Sie nahm ihn auf den Arm und erhob sich. »Verdammt, ist der schwer! In der Schwerelosigkeit bemerkt man es gar nicht.«
   Dax starrte die andere Katze an und fauchte.
   Blackjack, gegen Tolly Munes alten, stinkenden Skinthin geschmiegt, schaute mit hochmütigem Desinteresse hinunter auf den großen schwarzen Kater.
   Haviland Tuf war zweieinhalb Meter hoch und entsprechend breit und Dax war im Vergleich zu anderen Katzen genau so groß, wie Tuf es im Vergleich zu anderen Menschen war.
   Blackjack war größer.
   Sein Fell war lang und seidig, mit rauchgrauen Spitzen und silberheller Unterwolle. Auch seine Augen waren silbergrau, unendlich tiefe Löcher, gelassen und irgendwie unheimlich. Er war das schönste Tier, das je im sich ausdehnenden Universum gelebt hatte, und er wusste es. Er benahm sich wie ein Prinz, geboren in königlichem Purpur.
   Tolly Mune glitt ungeschickt auf den Sitz neben Tuf. »Er ist auch telepathisch veranlagt«, sagte sie unbekümmert, »so wie Ihrer.«
   »Tatsächlich«, sagte Haviland Tuf. Dax saß steif und erregt in seinem Schoß. Er fauchte wieder.
   »Mit Jack habe ich die anderen Katzen gerettet«, sagte Tolly Mune. Ihr hässliches Gesicht bekam einen tadelnden Ausdruck. »Sie sagten, dass Sie mir Katzenfutter für fünf Jahre dalassen würden.«
   »Für zwei Katzen, Madam«, sagte Tuf. »Es ist offensichtlich, das sechzehn Katzen mehr verbrauchen als Zweifel und Undankbarkeit allein.«
   Dax rückte näher, fletschte die Zähne und sträubte das Fell.
   »Ich bekam Probleme, als das Zeug zur Neige ging. In Anbetracht unserer Nahrungsknappheit musste ich erklären, wieso ich Kalorien an Ungeziefer verschwendete.«
   »Vielleicht hätten Sie Schritte zur Limitierung Ihrer Katzenpopulation in Betracht ziehen sollen«, sagte Tuf. »Eine derartige Strategie hätte zweifelsohne ergiebigere Resultate hervorgebracht. Ihr Heim als Mikrokosmos an sich hätte so als erzieherische und vorbildliche Veranschaulichung der s’uthlamesischen Probleme und deren Lösung dienen können.«
   »Sterilisation?«, sagte Tolly Mune. »Das ist lebensfeindlich, Tuf. Punktum. Ich hatte eine bessere Idee. Ich beschrieb Dax gewissen Freunden – Biotechnikern, Cybertechnikern, wissen Sie – und die machten mir einen eigenen Gefährten aus den Zellen von Undankbarkeit.«
   »Wie passend«, bemerkte Tuf.
   Sie lächelte. »Blackjack ist fast zwei Jahre alt. Er ist so nützlich gewesen, dass ich eine Nahrungsmittelgenehmigung für die anderen erhalten habe. Und er war auch meiner politischen Karriere unendlich dienlich.«
   »Da habe ich keinen Zweifel«, sagte Tuf. »Ich bemerke, dass er mit der Schwerkraft keine Probleme zu haben scheint.«
   »Blackjack doch nicht. Man braucht mich heutzutage häufiger unten, als mir lieb ist, und Jack begleitet mich. Überallhin.«
   Dax fauchte wieder und gab ein tiefes, grummelndes Geräusch von sich. Er stürzte auf Blackjack zu, drehte sich dann plötzlich um und strafte den größeren Kater mit Verachtung.
   »Sie sollten ihn lieber zurückhalten, Tuf«, sagte Tolly Mune.
   »Katzen zeigen von Zeit zu Zeit den biologischen Drang zu kämpfen, um die Rangfolge zu klären«, sagte Tuf. »Dies trifft vor allem auf Kater zu. Dax hat vor langer Zeit bereits zweifelsohne unter Zuhilfenahme seiner verbesserten telepathischen Fähigkeiten seine Überlegenheit über Chaos und meine anderen Katzen erkämpft und behauptet. Anscheinend fühlt er sich jetzt in dieser Position bedroht. Darüber müssen Sie sich keine ernsthaften Gedanken machen, Oberste Ratsherrin Mune.«
   »Ich mache mir Sorgen um Dax«, sagte sie, als der schwarze Kater näher geschlichen kam. Blackjack auf ihrem Schoß sah mit unendlicher Langeweile auf seinen Rivalen hinab.
   »Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht«, sagte Tuf.
   »Auch Blackjack hat diese verbesserten telepathischen Fähigkeiten«, sagte Tolly Mune. »Und noch ein paar andere, äh, Vorteile. In speziellen Hüllen verborgene implantierte Krallen aus Hartlegierung, scharf wie Rasierklingen. Ein subkutanes Netz natürlich gewachsener Plastahlmaschen, das ihm größere Widerstandsfähigkeit gegen Verletzungen verleiht. Genetisch beschleunigte Reflexe, die ihn doppelt so schnell und gewand wie eine normale Katze machen. Eine sehr hohe Schmerzgrenze. Ich möchte wirklich nicht zu deutlich werden, aber wenn er gereizt wird, zerteilt Blackjack Dax in lauter kleine Fellfetzen.«
   Haviland Tuf blinzelte und schob den Steuerknüppel zu Tolly Mune hinüber. »Vielleicht sollten Sie besser fahren.« Er griff seinen wütenden schwarzen Kater am Nackenfell und setzte ihn sich in den Schoß, wo er ihn wirklich sehr fest hielt.
   »Fahren Sie geradeaus weiter«, sagte er und zeigte mit einem langen, bleichen Finger die Richtung an.

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Deutsche Erstveröffentlichung
Originaltitel: »Manna from Heaven«
© 2004 by George R. R. Martin. Alle Rechte vorbehalten.
Mit freundlicher Genehmigung seines Agenten Werner Fuchs
Übersetzung © 2004 Berit Neumann
Erstveröffentlichung in ANALOG, Dezember 1985
Die Übersetzung folgt der Buchausgabe in Tuf Voyaging (London: Victor Gollancz, 1988)
Mit herzlichem Dank an George R. R. Martin & Werner Fuchs
Grafik © 2002 Manfred Lafrentz

Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text ist, wie alle Texte in epilog.de, durch das Urheberrecht geschützt. Die unautorisierte Reproduktion, auch in Online- und Offlinemedien, ist verboten und wird straf- und zivilrechtlich verfolgt.
Siehe auch
Legenden - Interview mit George R. R. Martin
»Brot und Fische« • Story von George R. R. Martin
»Die Zweite Speisung« • Story von George R. R. Martin
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21.05.06 • 10.06.06