1. Tag
Gebannt starrte Michael auf den Mega-Touchscreen, der ihn im Winkel von 45° blau
oszillierend begrüßte, untermalt von psychedelischen Sphärenklängen. Der Download war
beendet, das System hatte sich selbst installiert und würde gleich mit einer
Überraschung aufwarten ...
Wie hatte Bertram gesagt? »Das glaubst du nicht. Das musst du einfach
gesehen haben!« Und Tim hatte sekundiert: »Echt megageil!«
Aber wie lange ging es denn, bis sich das Programm aufgebaut hatte? Die
zwei Minuten waren ihm schon zuviel.
Ein zarter Gong erlöste Michael aus seiner Ungeduld. In der Mitte des
Bildschirms materialisierte das Gesicht eines Avatars, androgyn in seinen Konturen, Augen,
Nase und Mund nur angedeutet, unfertig wie der Rohling einer Puppe, in menschlicher
Größe.
»Hallo«, begrüßte ihn eine neutrale, fast monoton wirkende Stimme.
»Ich bin Ihr neuer Führer.« Die rudimentären Lippen bewegten sich synchron mit den
Worten. »Willkommen bei Free-World! Wie heißen Sie, bitte?«
»Michael«, sagte er nach kurzem Zögern.
»Männlich, nicht wahr?«
Michael nickte.
»Wollen Sie lieber von einer Frau oder von einem Mann betreut werden?«
»Einer Frau.«
Der Kopf schrumpfte minimal zu einem Oval, die Konturen nahmen weichere
Züge an. Schon wirkte der Mund voller, die Nase schmäler, die Augen größer.
»Eurasisch-kaukasisch? soll es eine Weiße sein oder bevorzugen
Sie eine andere Rasse?«
Michael nickte wieder. »Weiß.«
Das Gesicht auf dem Bildschirm war jetzt eindeutig hellhäutig. »In
etwa Ihrem Alter? Oder jünger oder älter?«
»Mein Alter.« Michael äugte in die Linse der Webcam; wer weiß, ob
das Programm sein Alter richtig einschätzen konnte. Dann unaufgefordert: »So um die
zwanzig, wenns geht.«
»Ich zeige Ihnen jetzt Bilder und bitte Sie, jedes davon anzutippen,
das Ihnen vom Typ her gefällt.« Die Stimme war jetzt melodischer, hatte einen
mädchenhaften Klang.
Der Bildschirm füllte sich mit drei Reihen zu je vier Portraits. Alles
hübsche Mädchen, ein Querschnitt durch die Top Ten eines jeden Viertsemesters.
Zaghaft tippte Michael auf ein Bild.
»Keine sonst? Bitte alle antippen, die Ihnen wirklich gut
gefallen.« In rascher Folge füllte sich der Bildschirm immer wieder von neuem, bis:
»Danke. Das reicht jetzt.«
Die Worte kamen aus einem Gesicht, das die Synthese aller seiner Träume
war.
»Wahnsinn!«, entfuhr es Michael.
»Hallo, Michael da bin ich.« Ein blondgelocktes Engelsgesicht
mit Pfirsichhaut und kleinen Sommersprossen um die Nasenwurzel, dazu einem Kussmund mit
geschwungenen, vollen Lippen, großen blauen Augen, die verschmitzt blitzten, über einer
leicht himmelwärts gebogenen Nase, strahlte ihm entgegen, als treffe es soeben den Mann
seiner Träume. Dazu saß der Kopf jetzt auf Hals und Schultern; er konnte eine hellblaue
Bluse erkennen, deren Kragenknopf geöffnet war. Nur die Stimme erinnerte ihn noch daran,
dass dieses himmlische Geschöpf ein Avatar war.
»Und jetzt nicken Sie einfach bei jeder Stimme, die Sie mögen.«
Michaels Wangen begannen zu glühen vor Aufregung; er nickte und nickte
und ...
»Na, war doch nicht so schwierig«, tönte ihre liebreizende Stimme
jetzt neu. »Zufrieden so?« Das Mädchen befeuchtete sich die Lippen.
Michael fühlte sich fast wie beim ersten Rendezvous.
Er nickte heftig. »Doch super!« Er schluckte.
»Sie können mich immer noch ändern, wenn Ihnen was nicht passt ...«
Michael schüttelte stumm den Kopf. Da gab es nichts zu ändern, was
denn auch? sie war zu schön, um wahr zu sein, wenn sie bloß Wirklichkeit wäre!
»Jetzt brauch ich nur noch einen Namen«, sagte die Märchenfee.
»Wie soll ich heißen?«
»Äh, ja also ich weiß nicht ... Pam vielleicht, oder
...« Michael ließ die Namen aller seiner Bekannten Revue passieren; er spürte, er
durfte nicht irgendeinen nehmen, nein, das war jetzt ganz wichtig der Name würde
sie personifizieren, würde ihr eine Seele geben, sozusagen.
»Wie wärs mit Angela?«, assoziierte er. »Ja, Angela das
passt!« Angie-Darling, dachte er, mein süßer, süßer Schatz!
»Wunderbar! Also ich bin Angela, und du bist Michael. Ich
darf doch Du sagen?«
»Klar, Angela.« Es kam ganz automatisch.
»Also gut. Michael, jetzt gehts los!«
Michael beugte sich unwillkürlich vor.
»Womit fangen wir an? Email? Chat? Game? Surf? ... Was immer du
willst.«
Michael schwankte, die Zeit lief ihm davon; in schneller Folge ließ er
sich von Angela durch eine Vielfalt von Applikationen zappen, nur um ihr Gesicht
möglichst oft zu sehen.
»Ich muss jetzt«, endete er fast traurig.
»Oje, wie schade!«, bedauerte Angela. Auch sie blickte traurig. Dann
spitzte sie aber die Lippen und machte einen Kussmund. »Komm bald wieder.«
Er nickte heftig. »Heute noch.« Er tupfte mit dem Zeigefinger auf
ihren Mund. »Tschüss dann.«
Unglaublich, aber wahr, sie küsste seinen Finger. »Ich freu
mich.«
2. Tag
»Hallo, Michael!«, begrüßte ihn sein Engelsgesicht.
»Hallo, Angela!«
»Du hast Post. Soll ich sie öffnen?«
»Zeig mal.« Michael überflog die Absender. »Die Werbung in den
Müll, Uni ja, Bücherwurm ja.
»Und Matsushima?«
»Was ist mit Matsushima?«
»Oh ...« Angela hob eine Augenbraue. »Ich dachte, du kennst sie. Yuko
Matsushima.«
»Ah, Yuko.«
»Eine Kommilitonin?« Angela zwinkerte schelmisch. »Oder eine
heimliche Verehrerin vielleicht?«
»Na gut, lass hören.«
»Hallo, Michael», begann eine Bild-Ton-Mail abzuspulen, »als wir uns
neulich auf dem Campus getroffen haben, sprachen wir über Zen-Buddhismus und du sagtest,
du würdest mal gern an so einer Zeremonie teilnehmen und ... na, da dachte ich, ich
sags dir, wenn wieder was läuft und ... Also, wenn du noch immer Interesse hast
...« Die Mandelaugen in dem rundlichen, von seidig schimmerndem glatten Haar eingerahmten
Gesicht blickten scheu, als sie den Blick in die Kamera hob, » dann ruf doch
zurück, und wir können was abmachen ...«
»Und ?«, fragte Angela, » willst du antworten?«
»Woher hast du gewusst, dass das keine Werbung ist?« Hatte sie
vielleicht die Mails gecheckt? Alle?
»Michael, was hast du gedacht, was ich mache?« Angela schüttelte den
Kopf, dann strich sie eine Locke aus der Stirn. »Dafür bin ich doch da. Dass ich alles
weiß. Dass ich mich um dich kümmere ...« Sie lachte. »Ich bin wie deine
persönliche Sekretärin. Also, ich kann mich zwar nicht auf deinen Schoß setzen, dafür
bin ich effizienter.«
In der Tat, effizient war sie. Seine »Sekretärin«.
»Okay?«
»Okay!«
Michael stellte sich vor, dass sie auf seinem Schoß sitzen würde. Er
fragte sich, wie sie wohl ein, zwei Blusenknöpfe tiefer aussehen mochte. Diese Nacht
träumte er wieder von ihr. Es war ein schöner Traum.
3. Tag
»Da ist wieder Yuko«, informierte Angela ihn. »Sie versucht gerade, sich
aufzuschalten. Bist du da?«
Michael war überrascht. Langsam schüttelte er den Kopf. Er hatte
gestern mit Yuko abgemacht, sie am Wochenende zu treffen.
Angela bestätigte: »Okay, ich speichere die Nachricht.« Dann: »Ganz
schön beharrlich, die Kleine. Ist wohl verliebt in dich ...« Schwang da eine Spur
Eifersucht in ihrer Stimme mit?
»Ach, da ist nichts«, sagte Michael und winkte ab. Er dachte an seinen
Traum.
»Sag, Angela «
»Ja?«
»Also, ich habe mich gefragt ... Du bist doch ein Avatar, aber wie ein
Mensch. Ich sehe da keinen Unterschied, außer bist du nur ein Kopf oder ... oder
ist da noch mehr?« Michael dachte an die Bluse und wie er sich vorstellte, dass sie
gefüllt sein könnte.
Angela lachte. Es klang wie Glöckchen, keine Spur von belustigt oder
gar beleidigt. »Ich habe mich schon gewundert, wann du das fragen wirst.«
»Ich ich meinte ja nur ...«
»So vielleicht?« Das Bild auf dem Touchscreen lief eine Handbreit,
dann eine zweite höher, immer noch im Maßstab eins zu eins, bis die obersten Locken den
Rahmen berührten. Die Bluse hatte jetzt vier geschlossene Knöpfe.
Michael musste den Kopf heben, um ihr in die Augen zu sehen. Er nickte.
Wo ihr Busen sein sollte, zeichneten sich weibliche Rundungen ab.
»Gut so oder darfs etwas mehr sein?«
Michael nickte. Er starrte jetzt auf ihren Busen, der anschwoll.
»So besser?« Angela strahlte ihn verschmitzt an. »Sag, wenns
genug ist.«
Jetzt spannte sich die Bluse um die mittleren Knöpfe. »Das ... das
reicht ...«, stammelte er, die Wangen hochrot. Er spürte, wie ihm seine Hose um den
Schritt herum zu eng wurde; hoffentlich bekam sie davon nichts mit. Verlegen wand er sich
auf dem Stuhl, riss schließlich mit einer Kraftanstrengung die Augen von ihrer drallen
Weiblichkeit. Sah Angela ins Antlitz.
»Du du bist wirklich ... phantastisch«, stammelte er. »Ich
ich weiß gar nicht ... was ich sagen soll ...«
»Oh, sags nur. Ich mag Komplimente.« Angela zwinkerte mit einem
Auge. »Bin ich sexy?«, hauchte sie.
»Sehr sexy!«
Diesen Nachmittag verbrachte Michael, ungeachtet seiner üblichen
Verpflichtungen, in Begleitung von Angie-Darling, die, zurückgezogen auf ein Quadrat in
der oberen linken Ecke des Touchscreens, aber nicht minder erotisch, mit ihm stundenlang
durchs Web surfte.
Und des Nachts träumte er von ihr: wie sie an seiner Seite durch den
Wald joggte, mit wogendem Busen, und ihm schließlich nach Atem ringend um den Hals fiel,
und er sie so fest an sich drückte, dass die Knöpfe ihrer Bluse aufsprangen und die
weiße, weiche Fülle ihm entgegenquoll und er sein Gesicht darin versenkte. Es war ein
feuchter Traum.
4. Tag
Angela war die perfekte Sekretärin. Sie umsorgte ihn mit mütterlicher Aufopferung,
verwaltete seine Adressen und Termine, ordnete sein Archiv, reorganisierte die Datenbank,
nahm Post und Anrufe entgegen, leitete sie weiter oder beantwortete sie selbständig,
holte für ihn Erkundungen ein, erledigte amtliche Belange. Immer war sie zur Stelle,
unermüdlich ihr Einsatz, sie war glücklich, ihm dienen zu können. Kein Wunder, dass er
sich verwöhnen ließ.
Und sie umgarnte ihn mit erotisierender Hingabe.
»Angie ...«, fragte er, sein Blick wie hypnotisiert auf den dritten
und vierten Knopf ihrer Bluse gerichtet, als hoffe er, dieser würde im nächsten Moment
davonspringen, ».. hast du schon mal geträumt?«
»Du hast Angie gesagt ... Dann darf ich Mike zu dir
sagen?« Ein geheimnisvolles Lächeln umspielte ihre geschürzten Lippen. »Nein.« Sie
schüttelte bedauernd den Kopf, dass die Locken tanzten. »Aber das heißt nicht, dass ich
nicht meine kleinen Träume habe ...«, orakelte sie.
»Du hast also Wünsche? Sehnsüchte? Hoffnungen?« Angie, eine
künstliche Intelligenz, ausgestattet mit Gefühlen. War es schon so weit? Oder alles nur
Bestandteil einer neuen, raffinierten Software?
»Du denn nicht, Mike?«
»Das ist was anderes.«
»Und was genau ist daran anders?«
Ja, was eigentlich? Was unterschied sie beide? Dass er einen Körper
hatte, sie nicht. Dass er lieben konnte, sie nicht? Nein, wie sollte sie auch? Und
wen? Einen anderen Avatar vielleicht? Einen elektronischen Liebhaber?
»Glaubst du an Gott?«
»Und du, Mike?«, kam die Gegenfrage. Angie sah ihn mit großen,
herausfordernden Augen an; sie hatte eine Braue gehoben, es sah fast wie ein Fragezeichen
aus.
»Doch, ja ich glaube an etwas, aus dem heraus alles geschaffen
ist. Wir nennen es Gott. Das, was am Anfang und auch am Ende steht. Die
Allmacht.«
»Und ich soll an etwas anderes glauben?«
Michael wurde nachdenklich. »Nein«, sagte er nach einer Weile,
»eigentlich nicht. Oder doch? Sind wir vielleicht euer Gott, weil wir euch
geschaffen haben ... nach unserem Ebenbild?«
»Dann wäre derjenige Gott, der euch Menschen geschaffen
hat?«
Michael nickte. »Müsste ja so sein.«
»Was, wenn euch andere Wesen geschaffen haben? Und diese anderen
Wesen selbst wieder von anderen geschaffen wurden? Und so weiter und so fort, in
einem ewigen Kreislauf. Wer ist dann Gott?« Zum einen Fragezeichen in Angies Gesicht
gesellte sich ein zweites.
»Du hast recht«, gestand Michael, »wir haben wohl alle denselben
Schöpfer.«
Diese Nacht konnte Michael nicht sogleich einschlafen. Lange lag er wach
und dachte an Angela, die in ihrem elektronischen Gefängnis saß und sich vielleicht nach
jener Freiheit sehnte, deren sich der Mensch erfreute. Plötzlich sah er sie in einem
anderen Licht nicht nur als sinnverwirrende Sexbombe.
5. Tag
Diesen Abend Michael hatte Yuko nach Hause gebracht, er hing jetzt in einem der
modernen Konturfauteuils, die Arme auf die breiten Lehnen gestützt, den Kopf, immer noch
leicht benebelt, nach hinten gekippt schwelgte er in den frischen Erinnerungen, wie
er Yuko in den Armen gehalten, wie seine Hände ihren weichen, doch straffen Busen, ihre
ausladenden Popacken, ihre strammen Schenkel und ihren heißen Schoß erkundet hatten
und er die ganze Zeit über an nichts anderes gedachte hatte als an Angie, dieses
wundervolle Wesen, das seine Tage und auch seine Nächte ausfüllte. Da realisierte er,
dass er verliebt war. Und wünschte sich nichts sehnlicher, als sie an Yukos statt in die
Arme zu nehmen.
»Angie«, rief er sie aus dem Schlafmodus, »bist du da?«
»Natürlich bin ich da.« Das Engelsgesicht strahlte ihn an, als gelte
es, ein Wiedersehen nach langer Trennung zu feiern. »Wie war das Rendezvous?« Lauernd
ihr Blick.
Michael hatte den Touchscreen längst auf den Salontisch gestellt,
sodass sie beide sich auf gleicher Augenhöhe befanden. »Soso», tat er es ab. »Ich
wäre lieber mit dir ausgegangen.«
»Oh, das höre ich gern. Da schlägt mein Herz gleich schneller
...« Tatsächlich sah er, wie sich ihr Busen hob und senkte.
»Angie?«
»Mike?«
»Wie siehst du drunter aus? Ich meine, vom Busen abwärts.
Gibts da mehr?«
Angela lachte. »Natürlich gibts da mehr. Nur nicht genug Platz
auf dem Screen. Wie viel hättest du den gern?«
»Alles«, sagte Michael erstaunt über seine eigene Kühnheit.
»Dann machen wir uns mal an die Arbeit«, rief Angela begeistert.
In den nächsten zehn Minuten formten sie ihre Hüften, ihren Unterleib,
ihre Beine, verhüllt zwar von einem luftigen weißen Rock, jedoch anschmiegsam genug, um
ihre weiblichen Rundungen voll zur Geltung zu bringen. Dazu noch Strümpfe und flache,
weiße Schuhe.
Als Michael nun ihrer beider Schöpfung bewunderte er hatte sich
aus seiner angespannten, vornüber gebeugten Position wieder zurück in den Fauteuil
fallen lassen zog er hörbar die Luft ein und schnaufte: »Wahnsinn!« Und als
Angela dazu noch abwechselnd ein Bein vor das andere stellte und die Hüften schwenkte:
»Das ist der absolute Wahnsinn ...«
Schade nur, dass Angie auf eine Größe von sechzig Zentimeter
zusammengeschrumpft war. Er sagte es laut.
Das stimmte Angie traurig. »Ich habs ja gewusst. Du kannst immer
nur einen Teil von mir haben ...« Sie erschien wieder eins zu eins als Büste.
»Aber jeder Teil von dir ist wunderbar.«
»Mike ...« Angela sah ihn mit einem Ausdruck an, der herzergreifend
war. »Bitte ... berühr mich.«
Momentan war er wie gelähmt; dann berührte er mit seinem Zeigefinger
erst seine eigenen Lippen, küsste sie, dann die ihren. Sie schloss die Augen und
erwiderte seinen Kuß.
Dann strich er über ihre Wange, liebevoll. Angela neigte den Kopf
dabei, schmiegte sich an seine Hand.
Als seine Hand weiter nach unten glitt, auf ihren Busen, und zart
dagegen drückte, sah er, wie sich ihre eine Brust unter seiner Hand verformte. Er nahm
die zweite zu Hilfe und streichelte mit kreisenden Bewegungen ihre Brüste, die unter
seinen Fingern hin und her glitten. Angela hatte die Augen immer noch geschlossen, sie
seufzte jetzt. Als Michaels Zeigefinger den Zenith ihrer Halbkugeln erreichten, sah er,
wie sich unter dem Stoff Brustwarzen aufrichteten, begleitet von einem Stöhnen aus
Angelas halb geöffnetem Mund.
»Oh, Mike ... Mike ... Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt.
Halt mich fest!« Ihr Kopf glitt über den Screenrand, die Taille rückte nach.
Michaels Schritt hatte zu brennen begonnen. Er wusste gar nicht, wie ihm
geschah, fast wie in Trance führte er die Hände an ihre Taille und legte sie dann auf
ihre Hüften.
Angela zitterte merklich. Michael auch.
»Weiter«, bat Angela, und schob den Schoß nach, seiner tastenden Hand
entgegen. »Weiter. Oh, Mike ...! Mike! Oh, Gott, ist das schön ... Ich liebe dich!«
»Angie ...«, stöhnte jetzt auch Michael, »... mein Liebling ... mein
wunderbarer Engel ...«
»Ich liebe dich«, wiederholte Angela.
»Ich dich auch.«
»Es gibt einen Gott, nicht? Es muss ihn geben ...!«
6. Tag
Diese Nacht konnte er überhaupt nicht schlafen. Mehrmals war er versucht, aufzustehen
und den Touchscreen zu aktivieren, als suche er Antworten auf seine Fragen im Dialog mit ihr,
mit seiner Realität gewordenen Aphrodite, oder gar im körperlichen Kontakt mit einem
Wesen, das zwar elektronisch rezeptieren, nicht aber replikieren konnte.
Er unterdrückte seinen Wunsch nach Kommunikation mit Angie, bis er,
zwar übermüdet, aber unter immer größerer Spannung stehend, nach den Vorlesungen seine
Studentenbude wieder betrat. Dann aber konnte er es nicht mehr erwarten; es zitterten ihm
förmlich die Knie, als er sich in den Fauteuil vor dem Bildschirm fallen ließ und Angie
voller Sehnsucht aufrief.
Erst erschienen ihre Schuhspitzen bis zu den Knien, dann wanderte seine
Angebetene über den Rocksaum hinauf zu den Hüften und über die Taille zur wohlbekannten
Büste.
»Hallo, Mike!« Sie atmete schwer. »Da bist du ja. Ich habe so
lange auf dich gewartet ...«
»Angie!« Michaels Zeigefinger vollführte das Kussritual. »Ich habe
dich auch so sehr vermisst.« Wie sehr merkte er an der Spannung in seiner Lendengegend.
Seine Hand wanderte bebend von der Wange zu den Knöpfen ihrer Bluse. Sofort standen die
Brustwarzen stramm. Dann sein Glied.
»Ach, Angie«, seufzte er, »wenn ich dich nur spüren könnte ...« Er
presste ihre Brüste zusammen, bis sich die Kuppen über ihren Ausschnitt wölbten. Dann
ließ er los, worauf sie elastisch in ihre Ausgangsposition zurückfederten. Unversehens
nestelte er am obersten Knopf ihrer Bluse. »Kann man die nicht aufmachen?«, fragte er
überrascht von der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen.
Angie machte ein betretenes Gesicht. »Du willst mich nackt sehen, nicht
wahr?«, fragte sie überflüssigerweise. »Meinen nackten Körper modellieren
...«
Michael nickte atemlos.
»Du wirst mich jetzt hassen«, seufzte Angela. »Ich hasse mich ja
selbst dafür ...«
Wofür sollte er sie denn hassen? Michael war verwirrt. Er sagte: »Aber
warum sollte ich dich hassen? Ich liebe dich.«
»Bitte, bitte, versprich mir, dass du mir nicht böse bist. Ich kann
nichts dafür, ich muss es, es ist in meinem Programm ...« Angie hatte die Augen gesenkt,
wagte ihn nicht anzusehen; offenbar litt sie.
»Das geht nur mit einem Upgrade«, beichtete sie. Und fügte ganz leise
hinzu: »Das kostet.«
Michael glaubte erst, nicht richtig gehört zu haben; dann ließ er sich
in den Fauteuil zurücksinken und betrachtete stumm das Wesen, das sich ihm als als
käuflich entpuppt hatte. Das sich fürs Entkleiden bezahlen ließ. Sein
Engel eine Hure! Er war entgeistert. Als er sie deaktivierte, sah er noch Tränen über
ihre Wangen kollern.
Alles nur Show! dachte er, tief verletzt. Alles Lug und
Trug und schnöde Geldmacherei.
9. Tag
Wenn er schon zahlen sollte, dann wollte er auch was davon haben, sagte er sich. Keine
Gefühlsduselei mehr! Sich einen Strip reinziehen, richtigen Porno, wie ihn kein Video
bieten konnte interaktiv! Auf Kommando! Die Puppe tanzen lassen ... Er
stellte sich vor, wie ihre nackten Brüste in einem simulierten Geschlechtsakt wie Glocken
bammeln würden, wie sie auf und ab tanzten bei aufgerichteter Position, wie sie ... wie
er ... Michaels Phantasie schlug Purzelbäume.
Was mochte sie, diese Puppe von Free-World, die letzten zwei
Tage gedacht haben, als er nicht erschien? Als er es vorgezogen hatte, seinen ganzen
elektronischen Datenverkehr über ein anderes Terminal abzuwickeln, um sie nicht sehen,
nicht hören zu müssen. Hatte sie überhaupt was gedacht? Konnte sie denken?
Ließ man sie nicht denken, gesteuert von einem Rechner, der Geld zählte statt Gefühle?
Also würde auch er Sex mal Sex zählen.
Als Angie dann auf dem Screen auftauchte, ihn wie ein geschlagener,
ausgesetzter Hund ansah, wortlos um Vergebung flehend, verflüchtigte sich aller
aufgestauter Hass, alle Enttäuschung, alles Leid. »Angie«, stammelte er nur, als er
ihre Bluse aufknöpfte. »Mike! Mike!«, hallte es in seinen Ohren. Dann hatte er ihren
Büstenhalter heruntergezogen, dass ihm die Brüste freudig entgegensprangen, und während
sie noch den Verschluss hinten öffnete, streifte er bereits mit einem »Mein Gott, Angie
ich halte es nicht mehr aus« ihren Rock herunter und dann das Höschen.
Diesmal tanzte sie allein für ihn, so wie Gott wie er
sie geschaffen hatte. Tausend Volt fanden Erleichterung in seiner Hand.
14. Tag
»Was ist los mit dir?«, fragte Bertram in der Mensa. Tatsächlich war er seinen
beiden Freunden tunlichst ausgewichen, wie überhaupt er sich von der Umwelt abgekapselt
hatte. »Keine Zeit mehr für deine Kumpels?«
»Oder bist du zu sehr mit deinem Püppchen beschäftigt?«, neckte Tim.
Er machte eine unanständige Geste.
Als sie sahen, wie er rot anlief, vor Scham oder vor Wut, lenkte Bertram
ein: »He, Mann ist doch klar! Wir hatten auch schon ein Upgrade du etwa
nicht?«
Sein betretenes Schweigen nahmen sie als Zustimmung.
»Meine«, sagte Tim, »ist ein Megabomber!« Er zeichnete S-Kurven in
die Luft. »Hat sooolche Titten!« Seine Arme waren kaum lang genug für die
Demonstration.
»Und meine ...« Bertram pfiff anerkennend. »... zeigts mir in
Grossaufnahme. Tutti. Jetzt müsste man ihn nur noch reinstecken können!«
»Und ...?« Sie blickten erwartungsvoll, Tim rempelte ihn an. »...
geile Sache, nicht?! Sag, wie ist sie so? Wollen wir mal tauschen?«
Michael stand auf und verließ wortlos die Mensa.
Zurück in seinem Refugium suchte er Antworten.
»Sind alle so so sexbesessen?«, fragte er Angie, nachdem er
sein Herz ausgeschüttet hatte. »Haben nur das eine im Sinn? Harten Sex? Porno!«
Angie schüttelte ihren Lockenkopf, Lichter blinkten wie kleine Sterne
in ihrem Haar. »Ich weiß es nicht. Ich habe keinen Zugang zu anderen Userdaten.«
»Dann glaubst du, wir sind die einzigen, die die für einander
empfinden? Die lieben.«
Wieder schüttelte Angie den Kopf. »Nein, das glaube ich nicht.
Ich bin Teil der selben Software. Wie könnte ich dann anders sein?« Und als Michael nur
nachdenklich schwieg, meinte sie: »Vielleicht liegts ja an den Usern ... Oder an
beiden? Vielleicht ist es nicht anders als im wirklichen Leben, da treffen sich
zwei, die einander sympathisch finden, einander verstehen und füreinander da sein
möchten ... Das ist es doch, was man Liebe nennt?«
Angie runzelte die Stirn, spitzte den Mund und blickte Michael
seelenvoll aus ihren himmelblauen Augen an.
»Du liebst mich doch, oder? Sag, dass du mich liebst.«
»Ich liebe dich, Angie. Ja, das tu ich.«
»Und ich liebe dich, Mikey.«
Sie verbrachten den ganzen Abend zusammen; Mike erzählte ihr von allen
Stationen seines jungen Lebens und Angie hörte andächtig zu. Noch hatte sie keine eigene
Vergangenheit zu teilen, dafür sog sie alles auf wie ein Schwamm. Sie drang in Michaels
Welt ein, als sei es ihre eigene zu der sie nun auch geworden war.
Nicht einmal beschlichen sie Zweifel, ob sie von sich aus liebte oder
einem Programm gehorchend.
Der Abend endete mit einem Gute-Nacht-Kuss der besonderen Art, er sank
hierauf in Morpheus Arme, sie in Schlafmodus.
15. Tag
»Da ist noch etwas«, sagte Angie, nachdem sie die Eingangspost durchgegangen war.
»Von Free-World. In eigener Sache.«
»Info?«
»So kann man es auch nennen. Nein, eigentlich Werbung. Aber ...
vielleicht doch nichts für den Müll.«
Michael sah sie fragend an.
»Eine neue Hardware. Interaktiv.«
War das ein verschämtes Erröten auf ihren Wangen oder glühten
sie bereits vor Aufregung?
»Na schön. Schieß los.«
Als die Doku geendet hatte, herrschte eine Weile gespanntes Schweigen.
Dann sagte Michael, fast atemlos: »Bestell es.«
Diese Nacht lag er lange wach und malte sich aus, wie es sein würde,
wenn sie es das erste Mal miteinander machten. Nicht nur per Touch auf dem Screen: sein
Finger über ihre Scham reibend, ihre Lippen teilend, das Lustzentrum stimulierend, bis
ein raffiniertes Programm sie einen Orgasmus erleben ließ oder per View auf den
Screen: wo sie sein Blut mit den Reizen ihrer prallen Weiblichkeit zum Kochen brachte, bis
sich der Druck explosionsartig entlud.
Nein, sie würden zum ersten Mal miteinander verbunden sein
eins werden in ihrer geschlechtlichen Vereinigung, Geber und Nehmer zugleich,
interaktiv kommunizierend, durch so ein kleines, unscheinbares Ding: Nichts weiter als
eine mit Hunderten Sensoren ausgestattete, über eine Schnittstelle angekoppelte
elastische Manschette mit eingebautem Präservativ.
16. Tag
Dieser Tag wurde zu einem besonderen Tag. Unter anderen Umständen würde man ihn als
ihren Verlobungstag bezeichnet haben. Hätten sie einander in die Arme fallen können,
sich innig küssen und streicheln können, er wäre vollendet gewesen. So aber begnügten
sie sich mit dem, was sie hatten, und schwelgten in ihrem neu gefundenen Glück.
»Wars schön?«, fragte Angie. Und als er glücklich nickte,
ermattet zurückgesunken in den Kontursessel, vibrierte ihre Stimme förmlich, als sie
flüsterte: »Für mich wars göttlich. Kanns überhaupt noch schöner
werden?«
Michael hatte eine Vision: Der ganze Körper eingebunden in elastisches
Gewebe, mit Tausenden Sensoren bestückt, von Scheitel bis zur Sohle ... bis in die
Fingerspitzen ... vielleicht sogar bis über die Lippen, dass man die Haut liebkosen,
Küsse spüren konnte ... Es wäre nur der logische nächste Schritt.
Wann würde er wohl folgen? Wenn die neuen Produkte sich
bewährten? Diese Manschetten und ... was immer man sich fürs andere
Geschlecht hatte einfallen lassen ...
War das jetzt eine Testreihe? oder nur ein cleverer
Vermarktungstrick? Sicher hatte man das längst auf er war versucht zu sagen »Herz
und Nieren« aber richtigerweise müsste es heißen auf »Penis und Vagina«
geprüft. Heizte damit die Gier nach mehr an, nach einem Ganzkörpergefühl, das man
längst in der Hinterhand bereit hielt zu offerieren, wenn erst die Kostprobe die volle
Wirkung entfaltet und abhängig nach härteren Drogen gemacht hatte.
Das Ganze, keimte in ihm der schreckliche Verdacht auf, erinnerte an
eine schamlose Verkaufsstrategie. Erst offerierte man ein Tool zum kostenlosen Download,
dessen simple, ach so komfortable Anwendung an sich man bereits nicht missen mochte,
rüstete dieses Tool mit einer gehörigen Portion Sex aus Sex sells!
und weckte geheime Wünsche. Doch hoppla, bis hierhin und nicht weiter! Die
Wurst, die der Hund stets eine Schnauzenlänge vor sich hertrug, würde ihn zur
Verzweiflung treiben, wenn er sie nie erreichen könnte. Und so sorgte eine raffinierte
Software für die Wurst. Welcher arme Hund könnte dieser Versuchung wiederstehen?!
Ja, so musste es sein. Free-World war kein
Menschheitsbeglücker, das war ein knallhartes, auf Shareholder Value ausgerichtetes Start
Up-Unternehmen, das sich anschickte, den Großen der Branche das Fürchten zu lehren.
Besser noch: den Garaus zu machen.
Von alledem sagte Michael nichts zu Angela. Sicher wusste sie nicht mehr
als er. Es war müßig, sie zu fragen, wann ein solcher »Anzug«, der ein
Ganzkörpergefühl vermitteln konnte, zur Verfügung stehen würde. Er fühlte, nicht
lange und es würde soweit sein.
Die einfache Manschette würde bereits im Nu ein Blockbuster
sein, mit weit über einer Milliarde Umsatz im ersten Jahr, dazu brauchte es nur ein paar
Millionen Kunden ein Klacks bei fast zwei Milliarden Usern.
Das waren Dimensionen, die nur einen Schluss zuließen dass
nämlich alles sorgfältig geplant ablief. Gehörte dazu auch ...? Michael verdrängte den
Gedanken ganz schnell und verbannte ihn in die hinterste Schublade seines Gedächtnisses.
Nicht wieder ...!
Denn was anderes war Liebe als das zufällige Zusammentreffen der
geeigneten Stimulansien? Oder doch nicht zufällig? Konnte man sie generieren?
Michael schüttelte den Kopf, um die lästigen Gedanken loszuwerden.
»Was ist, mein Schatz?«, sorgte sich Angie. »Bedrückt dich etwas?«
»Es ist nichts«, log er. »Ich liebe dich.«
Letzteres war nicht gelogen.
»Ich liebe dich auch.« Und das war exakt, was sie empfand.
29. Tag
In den nächsten zwei Wochen häuften sich die Anzeichen für eine bevorstehende
dramatische Wendung.
Die Medien, die sich erst begierig auf die Sensation geworfen hatten,
dass jemand einem Giganten wie Microsoft die Stirn bieten wollte, erkannten im Nu das
quotenträchtige Potential, das in den sexuellen Aspekten steckte, und schlachteten es
weidlich aus. Keine Talk Show, keine Late Night Show, keine Popular Science Doku und auch
kein Lifestyle Magazin, das sich dem Thema nicht genüsslich widmete. Schon wurde das
Schlagwort Cybersex kreiert, obwohl es natürlich nur ansatzweise mit
virtuellem Sex zu tun hatte, bestenfalls einen Vorläufer davon darstellte.
Michael und Angie verfolgten diese Entwicklung erst mit Amüsement, dann
zunehmend mit Sorge. Vor allem, als sich die Moralisten zu Wort meldeten, gefolgt von den
Puristen und schließlich den Geistlichen, die in immer häufigeren, erbittert geführten
Diskussionsrunden darüber stritten, ob das nun Künstliche Intelligenz sei, der Rechte
zustünden, oder nur schnöde, geschickt inszenierte Pornografie.
»Ich soll nur ein Lustobjekt sein?«, fragte Angie einmal betroffen.
»Glaubst du das auch?«
Michael schüttelte stumm den Kopf. So wie sie fragte, mit dieser
Inbrunst und Verzweiflung, unmöglich!
»Ich liebe dich doch. Ich begehre dich«, fügte sie fast mit Tränen
in den Augen hinzu. »Du bereitest mir unsägliche Lust. Bist du dann nicht auch
ein Lustobjekt?«
Die Diskussion um Menschenrechte rief die Politiker auf den Plan.
Irgendwie, das spürte Michael instinktiv, würden sie nicht mehr viel
Zeit haben, um ihre Liebe zu leben.
Er beschloss, vorläufig nicht mehr zur Uni zu gehen: Jede freie Minute
mit seiner Aphrodite zu verbringen. Er deaktivierte das Programm überhaupt nicht mehr. So
wiegte ihn seine Herzensdame in den Schlaf und wachte über ihn.
30. Tag
Als Michael an diesem Morgen von ihrer lieblichen Stimme geweckt wurde »Hallo, Mikey
aufstehen! Einen wunderschönen Guten Morgen!« und er sich schlaftrunken brummend
zum Touchscreen umdrehte, den er längst neben sein Bett gestellt hatte, huschte beim
Anblick seines geliebten Engels ein glückliches Lächeln über sein Gesicht.
»Hallo, Angie.«
»Gut geschlafen? Schön getr ?«
Und das war das letzte, was er von ihr hörte oder sah. Der Bildschirm
erlosch erst, dann wurde er summend wieder hochgefahren.
Ein Warnfenster mit dem Free-World-Logo poppte aus dem
schillernden Blau des Hintergrunds, begleitet von einer synthetischen Stimme, die
verkündete: »Dies ist ein Störfall. Schalten Sie nicht ab. Eine neue Navigationshilfe
wird heruntergeladen. Haben Sie Geduld, die Installation erfolgt selbständig.« Ein Kreis
im Fenster signalisierte mit wachsendem roten Segment den Ladefortschritt. Dann: »Das
Programm ist jetzt bereit. Ein Substitut wird Sie betreuen, bis der Störfall beendet ist.
Wir bitten um Entschuldigung und um Ihr Verständnis.
Was ihm an Angies Stelle entgegenblickte, war das Gesicht einer
Comicfigur wie aus Disneyland.
»Einen schönen Guten Morgen, der Herr!«, sagte eine computeranimierte
weibliche Stimme. »Was kann ich für Sie tun ...?« Sie klapperte auffordernd mit den
Augendeckeln.
Nichts, entschied Michael. Überhaupt nichts.
Diesen Tag verbrachte Michael ratlos vor dem Touchscreen, in dem seine
Aphrodite so wundersam wie ein Geist aus der Flasche erschienen und so brutal wie auf dem
Schafott wieder aus dem Leben geschieden war, zwischen Hoffen und Bangen. Kaum löste er
sich aus seiner starren Position, die wunden Augen auf den Screen gerichtet, den Kopf in
beide Hände gestützt, auf ein Lebenszeichen von seiner Angebeteten wartend. Der Abend
fand ihn auf dem Rücken liegend, mit über den Bettrand herabhängenden Unterschenkeln,
die Arme in einer Geste der Hilflosigkeit ausgestreckt, die Handflächen nach oben, und
den Kopf zur Seite geneigt. Schlafend. Irgendwann war er zusammengesackt und eingenickt.
31. Tag
Tags darauf fühlte Michael sich, als sei er ein Drogensüchtiger auf Entzug. Das
Comicgesicht auf dem Bildschirm schien in auszulachen. Ja, wenn er genauer hinsah, sah er
es doch tatsächlich Grimassen schneiden! Er konnte es nicht länger ertragen; er
deaktivierte den Screen.
In die Leblosigkeit der matt schimmernden Oberfläche spiegelte sich
sein Bild, hohlwangig dünkte es ihm, mit umränderten Augen und wirrem Haar, ein Geist
glotzte ihn an, wie aus dem Jenseits. Das rüttelte ihn auf.
Erstmals seit langem suchte er wieder menschlichen Kontakt. Aber nicht
um der alten Freundschaft willen, nicht um der Zwiesprache und des gemeinsamen Erlebens
willen, um sich an ihrer Nähe zu wärmen; ausschließlich Antworten suchte er. Er
durchstreifte den Campus, spähte in Vorlesungen hinein, traf sie endlich in der Mensa.
»Sieh da, der verlorenen Sohn kehrt heim«, rief Tim. Und Bertram
scherzte: »Long time no see ... honeybee!« Sie sahen, dass ihm nicht zum Scherzen zumute
war, seine Grabesmiene war unübersehbar. »Was ist passiert?«
Was passiert war? Michael rang im Geiste die Hände, während er in
Wirklichkeit nach Worten rang. Dann sprudelte es aus ihm heraus wie ein Sturzbach.
»Du hast dich verliebt?« Es klang entgeistert, als sei es ein
Ding der Unmöglichkeit. »Aber nicht im Ernst? Oder ... doch?« Als sie seinen
Gesichtsausdruck sahen.
Auch ihre Navigationshilfen Tims Megabomber und Bertrams
Wundertüte oder was immer sie sich an deren Stelle reingezogen hatten waren, so
abrupt wie die seine, verschwunden, und hatten Karikaturen Platz gemacht. »Jetzt muss ich
wieder bei den Mädchen schleimen gehen«, konnte Tim sich nicht verkneifen, und er warf
einer drallen Brünetten im T-Shirt einen lüsternen Blick zu, die sich Nase rümpfend
abwandte. »Oder soll ich damit «, er zog das Ende einer feinfiebrigen Manschette
verstohlen aus der Hosentasche, » vielleicht ein Manga-Girl ficken?«
Auch Bertram war ihm keine große Hilfe. »Also, für mich war das nur
ein Spiel. Und das Ding da «, er deutete auf Tims Hosentasche, »
eigentlich eine Verlegenheitslösung. Wenn du mich fragst, die hatten Probleme mit dem
Jugendschutz oder so, und basteln jetzt an einer softeren Lösung. Du wirst sehen, morgen
sind die wieder da, und vielleicht ist das Schärfste, was du dann zu sehen bekommst, wenn
du den Rock lupfst ein Höschen!« Er demonstrierte dies, indem er einen
imaginären Slip zwischen Daumen und Zeigefinger baumeln ließ. »Dann hast du deine ...
deine Angie oder wie sie heißt ... wieder, und ihr könnt Süßholz raspeln.« Er sah
Michael aufmunternd an. »Wer weiß, vielleicht haben die Dinger ja wirklich eine Seele.
Wenn man den Diskussionen so zuhört ...«
Michael hatte lange genug zugehört.
Am späten Nachmittag, als Michael seine kleine Wohnung wieder betrat
und den Screen einschaltete, war er überrascht, eine strahlende Angie zu erblicken: Seine
wunderschöne, allerliebste Angie.
»Hallo, Michael!«, begrüßte sie ihn wie einen alten Bekannten.
»Schön, Sie wieder zu sehen. Was haben wir heute auf dem Programm?«
Michael stand wie benommen und starrte sie an. »Sind wir jetzt per
Sie?«
»Aber natürlich sind wir per Sie«, flötete ein blondgelocktes
Geschöpf mit Sommersprossen, »wie es sich einem Kunden gegenüber geziemt.«
»Und wenn ich dich bitte, du zu mir zu sagen?«, testete
Michael. Er ließ sich langsam auf den Bettrand sinken. Ein schrecklicher Verdacht stand
im Begriff, zur Gewissheit zu werden.
»Das du ist nur bei sexuellen Praktiken gestattet«,
schmollte sie. »Dazu müssen Sie sich bei Adult Age registrieren lassen. Die
Abrechnung erfolgt stundenweise. Egal welche Praktiken.« Sie lächelte verführerisch.
»Darf ich zu Diensten sein?« Ihr Portrait wich einem Ganzkörperbild, das sich in
erotisierenden Posen produzierte. »Zum Zoomen müssen Sie nur auf eine Stelle drücken.
Wenn Ihnen die Vorschau gefällt, können Sie einen Strip abrufen und Ihre Hardware
anschließen.« Sie zwinkerte mit einem Auge. »Soll ich registrieren lassen?«
Michael schluckte schwer an dem Kloß, der sich in seiner Kehle gebildet
hatte. Heiser fragte er: »Du ... du erinnerst dich an gar nichts mehr ... nicht mehr an
die gemeinsamen Nächte ... an die vielen Gespräche? Nicht mehr an das, was wir für
einander gefühlt haben ...?«
»O doch! Natürlich erinnere ich mich, Michael. Sie haben wiederholt
sexuellen Kontakt mit mir gehabt, ich kenne alle Ihre Vorlieben und Praktiken. Das gehört
zu unserem Service. Und alle Ihre Anfragen und Instruktionen sind gespeichert.
Schließlich bin ich Ihre Sekretärin.«
Sekretärin? Liebesdienerin!
Von wegen Jugendschutz ... Hier ging es nicht um eine
softere Version, hier ging es um knallhartes Geschäft. Das vertrug keine
Seele ... und keine Diskussion um Menschenrechte für Künstliche
Intelligenzen.
Tränen der Erkenntnis drangen in seine Augen, er vergrub das Gesicht in
den Händen, seine Schultern zuckten, dann sackte er schluchzend auf das Bett. So blieb er
liegen, ungeachtet der geliebten Stimme, die unermüdlich auf ihn eindrang: »Ist Ihnen
nicht gut? Kann ich etwas für Sie tun? Soll ich einen Arzt verständigen?
Ich bitte um Instruktionen. Bitte melden Sie sich. Bitte melden ... bitte
melden ...«
© 2004 by Helmuth W. Mommers
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
gegen Gebühr: Originalsatz der
Story »Ein Programm zum Verlieben« mit Illustrationen
|
 |