»Wir streben an, die Erde und danach das übrige Universum mit Gottes
Hilfe in eine einzige Sakristei zu verwandeln.«
(Papst Pius XIV.)
»... und wieder blickt die gesamte römisch-katholische Christenheit voller
Hoffnung zum Himmel empor in inbrünstiger Erwartung der frohen Botschaft, dass ein neuer
Papst gewählt worden sei. Und wie so oft in diesen bangen Tagen, seit unser Heiliger
Vater Benedikt XVII. zum Allmächtigen gerufen wurde, dem Schöpfer des Universums, der
Dreifaltigkeit von Gottvater, seinem Sohn Jesus Christus und dem Heiligen Geist, und seit
sich die 179 Vertreter des Kardinalkollegiums zum Konklave hier im Vatikan versammelt
haben ... ja, zum 28. Male ist unser Herz erfüllt von Sorge, nur schwarzer Rauch, nicht
weißer werde aufsteigen. Zehntausende Gläubige hier auf dem Petersplatz Hunderte
Millionen auf dem weiten Erdenrund und zahllose Milliarden Seelen, menschliche und
nichtmenschliche, unter fernen Sternen verfolgen subjektiv in diesem Augenblick die
vielleicht bedeutendste Wahl in der bald dreitausendjährigen Kirchengeschichte. Und sie
alle beten darum, das Kollegium möge erleuchtet werden, auf dass es sich jetzt für einen
neuen Oberhirten entscheide ...«
Die letzten Worte gingen in einem allgemeinen Raunen unter, das der
Reporter mit einem hysterischen »Ich sehe Rauch! Ich sehe ...« zu übertönen
suchte, unmittelbar gefolgt von einem Laut der Enttäuschung, der mit denWorten
»... schwarzen Rauch!« endete. Er schluckte hörbar. Dann:
»Ja, meine lieben Zuschauer und Zuhörer ... wieder ist ein Tag
vergangen, der uns alle auf eine harte Probe gestellt hat. Doch wir dürfen nicht
verzagen, wir müssen auf Gottes Vorsehung vertrauen. Er wird die Kardinäle zu einer
weisen Entscheidung führen. Morgen sehen wir weiter, einmal am Vormittag, einmal am
Nachmittag und wenn nicht morgen, dann übermorgen oder an einem anderen Tag.« An
dieser Stelle wichen die Sorgenfalten des Reporters breiter Zuversicht. »Wir von UNN sind
stets dabei, immer mit den neuesten Nachrichten, Bildern und Hintergrundberichten. Bleiben
Sie auf Empfang. Für diejenigen, die bisher verhindert waren, folgt eine kurze
Zusammenfassung der Ereignisse seit dem Hinscheiden unseres Heiligen Vaters, und gleich im
Anschluss um 20 Uhr 15 eine Diskussionsrunde zum Thema: Hat Gott eine Gestalt?
Ihre Meinung ist gefragt! Damit übergebe ich an Cossita OLeary
und verbleibe bis zum nächsten Mal, Merkurius Mannheimer, Ihr UNN-Reporter.«
*
14. Oktober 2866. Papst Benedikt XVII., mit bürgerlichem Namen Fernão Alvares da
Silvas, geboren 2687 in einer Favela von São Paulo, USSA, war nach kurzem, aber heftigem
Leiden an einem Gehirntumor verschieden, den selbst die fortschrittlichste Nanomedizin
nicht wirksam bekämpfen konnte. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Sterblichen stand ein
Transfer seiner Persönlichkeit auf ein elektronisches Medium außer Frage; seine
leibliche Hülle hätte ihn dagegen dank klontechnischer Organ-Substitute noch ein
Jahrhundert länger überdauern lassen. So folgte er demütig dem Ruf seines Herrn.
Die Nachricht von seinem Ableben eilte per päpstlichem Kurierdienst in
die entferntesten Winkel menschlicher Besiedelung - wie auch missionierter Welten. Alle
Kardinäle, wahlberechtigt oder nicht, waren aufgerufen, sich unverzüglich, soweit nicht
durch Krankheit verhindert und zufolge in absentia, auf Terra einzufinden, um an
neun aufeinander folgenden Tagen die Trauerfeierlichkeiten für seiner Heiligkeit
Seelenruhe abzuhalten und anschließend seiner Beisetzung in der Basilika beizuwohnen.
Währenddessen würde man im Vatikanstaat geeignete Unterkünfte im Domus Sanctae
Marthae für die Kardinäle zur Verfügung stellen, mit besonderem Augenmerk auf die
Bedürfnisse außerirdischer Vertreter des Kollegiums. Gleichzeitig sollte der Schauplatz
der Wahl, die Sixtinische Kapelle, mit entsprechenden Überlebensapparaturen ausgestattet
und vom Sector General Hospital ein Ärzteteam bereitgestellt werden.
Die Frist von 15 Tagen war noch nicht verstrichen, da hatten sich alle
181 wahlberechtigten Kardinäle eingefunden bis auf zwei, deren körperliche
Verfassung einen Transfer per Stargate nicht zuließ; hinzu kamen 23 weitere Kardinäle,
deren dementia senilis eine Stimmabgabe ausschloss. Ihnen fiel die vornehme
Aufgabe zu, durch intensives Gebet und Fürbitten zum Heiligen Geist die nötige
Erleuchtung ihrer wahlberechtigten Brüder zu erflehen.
Inzwischen lag der Pontifex der Universalen Heiligen Römischen Kirche
zur andächtigen Verehrung aufgebahrt in der Vatikanischen Basilika; Abertausende
Gläubige pilgerten täglich an seinem konservierten Leichnam vorbei, um sich
anschließend bei der multimedialen Show im Holotrakt Leben und Wirken seiner Heiligkeit
noch einmal wie leibhaftig vor Augen zu führen.
Und in der Tat hatte Pontifex Maximus Benedikt XVII. wie kein anderer
die Apostolische Kirche reformiert. Um dies zu verdeutlichen, sei ein Rückblick erlaubt:
Noch zu Zeiten seines Vorgängers, Papst Pius XIV., als die Menschheit
bereits ins angrenzende Universum aufgebrochen war, Kolonien gegründet und fremde
Zivilisationen zu missionieren begonnen hatte, im Geiste einer universalen Lehre
einer universalen Kirche, waren die einzig verfügbaren Fortbewegungsmittel
Raumschiffe, welche die gewaltigen Entfernungen mit einer Kombination von konventionellem
Antrieb und Hyperraumsprüngen überbrückten. Diese Raumschiffe wurden von Robotern
geführt ergo waren die ersten Botschafter der Menschheit Roboter: sowohl die
Diplomaten wie auch die Missionare, dienstbare Geister sozusagen. Androiden, nach dem
Angesicht des Menschen. Und Gottes.
Wenn auch die fernen Bastionen der Allein Seligmachenden Lehre Christi
die Ernennung von Purpurträgern in der kirchlichen Hierarchie unter den Siedlern,
Adaptierten, Hominiden und Fremdwesen erforderlich machte, an einer Papstwahl konnten
diese Kardinäle per Kodex des kanonischen Rechts nicht teilnehmen. Niemals wären sie
beizeiten im Vatikan oder an einem anderen beliebigen Ort eingetroffen, um die streng
geheime Wahl durchzuführen. Was per se eine Abstimmung über Hyperraumfunk ausschloss.
Somit schien auch das Problem gelöst, eines Tages könne ein Alien zur Kandidatur stehen.
Bis ja, bis die Sternentore entwickelt wurden.
Für die Wahl des Nachfolgers von Pius XIV. auf dem Stuhl Petri kam
diese Technologie zu spät. Es blieb Papst Benedikt XVII. vorbehalten, in seiner neuen
Apostolischen Konstitution Universis Dominici Gregis Anno Domini 2780 eine
revolutionäre Entscheidung zu treffen, die den universalen Charakter der Kirche
widerspiegelt. Kraft seines Amtes, wonach es den Päpsten zusteht, unter Anpassung an die
Änderung der Zeiten die Art und Weise zu bestimmen, wie die Ernennung der Person
vonstatten gehen soll, die bestellt wird, die Nachfolge des heiligen Petrus auf dem
Bischöflichen Stuhl in Rom anzutreten, beschloss er, das Kardinalskollegium solle sich
fortan aus Purpurträgern aller Welten, aller Rassen und aller Daseinsformen
zusammensetzen. Nichts verkörpere die Universalität der Kirche trefflicher.
Seit Jahrhunderten schon bekleideten Frauen Priesterämter und
empfingen die höchsten Weihen, als Bischöfinnen und nicht zuletzt als Kardinälinnen.
Siedler auf anderen Welten, sogenannte Adaptierte, den fremden Bedingungen physisch
angepasst, verloren deswegen nichts von ihrer Menschlichkeit. Fremde Wesen jedoch,
sogenannte Aliens, missioniert, getauft und in die Herde der Schäflein eingereiht,
standen ihnen in nichts nach. Waren sie nicht alle Kinder Gottes?
Blieb die Frage der Künstlichen Intelligenzen. Schon im 22. Jahrhundert
waren ihnen Menschenrechte zuerkannt worden, aber die Römisch-Katholische Kirche hatte
sich schwer getan, ihnen eine Seele zuzusprechen. Erst Dezennien später, mit ihrem
Einsatz zunächst als Messdiener, dann als Prediger und Missionare, sollten sie die Gnade
göttlicher Beseeltheit erhalten. Fortan wirkten sie in den unwirtlichsten Regionen des
Universums als Botschafter der Einen Universalen Lehre Christi.
Waren doch auch sie Geschöpfe Gottes ... Was unterschied sie schon von
Cyborgs, künstlichen Geschöpfen, denen die Persönlichkeitsmuster Verstorbener
aufgeprägt worden waren deren Seele Gott ipso facto noch nicht zu sich gerufen
hatte?
So war es das historische Verdienst seiner Heiligkeit Papst Benedikt
XVII., sie alle Mensch oder Nicht-Mensch, organische oder mechanische Intelligenzen
als potenzielle Kandidaten für die Wahl des Oberhirten aufzustellen.
Kein Wunder, dass sich die erhabenen Geister daran schieden und
schlichtere Gemüter darob erhitzten. Unerhört, empfand die Volksseele, wenn ein Alien
zum neuen Papst gekürt würde. Nicht auszudenken, wenn gar ein Roboter. Schlimm genug,
wenn zum ersten Mal eine Päpstin die Tiara trüge.
Solcherart war die Volksmeinung allerorten, wo Menschen siedelten, im
krassen Unterschied zu jenen Sternenreichen, die im Glauben daran, dass der Sohn Gottes
nur die Gestalt von Jesus Christus angenommen hatte, um symbolisch für alle Wesenheiten
die Gnade der Vergebung zu erflehen, zum Katholizismus konvertiert waren. Wer wollte es
ihnen verargen, wenn sie Gott Vater, seinen Sohn und den Heiligen Geist für sich
vereinnahmten?
Aber Emotionen, politisches oder wirtschaftliches Kalkül, medialer
Druck, persönliche Vorlieben oder Abneigungen hatten in der altehrwürdigen Institution
der Konklave keinen Platz. Einzig Gott vor Augen zu haben und nur auf das Heil der Seelen
bedacht zu sein, war jedem der wählenden Kardinäle stets oberstes Gebot, wenn es galt,
seine Wahl zu treffen.
Wie schwierig sich dieses Unterfangen gestaltete, bekundete zum 28. Mal
in Folge der schwarze Rauch, der sich, von feuchtem Stroh entfacht, aus einem Schornstein
gen Himmel kräuselte.
Das Beten wurde flehentlicher drinnen wie draußen.
*
»Sie können jetzt Ihre Fragen an unsere Expertenrunde richten«, verkündete der
Moderator jovial. »Alle unsere Kommunikationsnetze sind voll besetzt und integriert,
warten nur auf Ihren Call.« Er strahlte in freudiger Erwartung. »Und los gehts
wer ist der Erste?«
FRAGER: »Was passiert, wenn nach den nächsten zwei Wahlgängen immer
noch kein Papst gewählt ist?«
EXPERTE: »Dann findet eine Grundsatzdiskussion unter den Kardinälen
statt. Man entscheidet über das weitere Vorgehen bei der Wahl. Zum Beispiel, ob weiterhin
eine Zweidrittelmehrheit nötig ist oder nur eine einfache.«
FRAGER: »Was, wenn es ein Unentschieden gibt?«
EXPERTE: »Das ist nicht möglich. Die Zahl der anwesenden
wahlberechtigten Kardinäle ist 179. Stimmenthaltungen sind nicht gestattet.«
FRAGER: »Dann ist es möglich, dass unsere Kardinäle überstimmt
werden?«
MODERATOR: »Wie meinen Sie das?«
FRAGER: »Na, dass sich die anderen zusammentun und den Aufstand proben!
Die sind doch in der Überzahl.«
MODERATOR: »Nochmals zum besseren Verständnis: 89 Männern stehen 32
Frauen, 54 Fremdwesen und 4 Roboter als Kandidaten gegenüber. Macht insgesamt 179.«
EXPERTE: »Also, das Wort Aufstand ist wohl fehl am Platze.
Und zusammentun käme der Simonie gleich einer Absprache. Auf dieses
Verbrechen steht seit Alters her die Exkommunikation.«
FRAGER: »Was, wenn ein Kardinal stirbt ich meine, während der
Wahl? Oder wenn er krank wird?«
EXPERTE: »Ein Todesfall ist völlig unwahrscheinlich. Und Kranke
dürfen wählen. Derzeit sind drei Kardinäle sogenannte Infirmarii auf der
Krankenstation. Natürlich separiert. Ein Wahlhelfer sammelt die Stimmen ein ...«
MODERATOR: »Ich habe hier eine Frage, die immer wieder gestellt wird:
Verspricht sich die Kirche größeren Zulauf bei den Nicht-Hominiden, wenn ein Alien zum
Papst gekürt wird?«
EXPERTE: »Politisches Kalkül darf bei der Wahl keine Rolle spielen.«
FRAGER: »Nachfrage: Aber ist es nicht auch Politik, fremde Wesen zu
missionieren?«
EXPERTE: »Das ist richtig so. Zur höheren Ehre Gottes. Aus keinem
anderen Grund.«
FRAGER: »Nochmals eine Nachfrage: Wie steht es dann mit der blutigen
Bekehrung der Eingeborenen von Xenidom? Da haben Zehntausende ...«
MODERATOR: »Wir wollen an dieser Stelle nicht wieder dieses
unrühmliche Kapitel aufschlagen, das bereits zur Genüge ... außerdem liegt der Vorfall
weit über zweihundert Jahre zurück ... Wir wollen uns auf die Papstwahl konzentrieren,
wenn ich bitten darf!«
FRAGER: »Warum erfahren wir keine Abstimmungsergebnisse?«
EXPERTE: »Das ist ganz einfach. Es ist eine geheime Wahl. Das Prozedere
ist Folgendes:
Nach öffentlicher Auszählung der Stimmzettel werden diese an einer
Schnur aufgereiht, die Enden der Schnur werden verknotet, sodann wird das Bündel in einer
Schatulle aufbewahrt. Sobald das Wahlergebnis definitiv feststeht und beglaubigt ist,
werden alle Stimmzettel aller Wahlgänge verbrannt. Es ist dies eine über tausendjährige
Tradition.«
FRAGER: »Wie soll ein Fisch einen Stimmzettel ausfüllen? Ich kann mir
schwer vorstellen ...«
EXPERTE: »Die Wasserwesen von Aquarius verfügen über sonare
Kommunikationsmethoden. Spezielle Einrichtungen erlauben die Umsetzung in Schriftzeichen
... und das anschließende zweimalige Falten des Stimmzettels sowie das Einwerfen in die
Urne erfolgen über Servosteuerungen. Hier eine kleine Dokumentation.«
An dieser Stelle entfaltete sich vor den Augen der Zuschauer ein
Holowürfel, der einen wassergefüllten Überlebenstank zeigte, in dem ein
fischähnliches, buntschillerndes Wesen schwamm, nicht weniger skurril in seiner
Ausformung als die Geschöpfe irdischer Gewässer. Das Wesen sah in die Kamera und schien
zu sprechen; sein Fischmaul bewegte sich im Rhythmus mit den Kiemen.
MODERATOR: »Sie sehen hier den Botschafter von Aquarius, seine
Exzellenz Wua-hu-ua, während einer Sitzung der Universal Worlds Organization. Er spricht
gerade zur Versammlung mittels seines Trompetenkranzes, der Mund dient nur der konstanten
Nahrungsaufnahme ...«
FRAGER: »Wie stehts mit Aufzeichnungen? Mit den Ergebnissen der
einzelnen Wahlrunden?«
EXPERTE: »Letztere werden in einem versiegelten Umschlag dem neuen
Papst übergeben. Andere Unterlagen existieren nicht. Notizen sind verboten,
jegliche Aufzeichnung ist untersagt. Keinerlei Hilfsmittel oder technische Geräte zu
diesem Zwecke sind erlaubt.«
MODERATOR: »Dazu müssen Sie wissen, dass die Sixtinische Kapelle von
der Außenwelt hermetisch abgeschirmt ist. Sie ist gegen jede Art von Lauschangriff
geschützt. Nach innen und nach außen. Völlig incommunicado.«
FRAGER: »Was ist mit den äh Robotern? Den
Androiden? Ich meine, mit RO-2314 Kardinal Jean-Paul Baptiste und den
anderen dreien? Die brauchen keine Notizen, um sich alles zu merken. Nennen Sie das incom
... incomado? Die merken sich doch alles!«
EXPERTE: »Lieber Freund, Sie unterschätzen die Weisheit und
Aufrichtigkeit der Römisch-Katholischen Kirche. Natürlich haben diese Kandidaten ein
entsprechendes Programm geladen, das die Daten über die Ergebnisse jeweils zeitverzögert
löscht. Auch unter uns Menschen gibt es Gedächtniskünstler, ganz zu schweigen
von Fremdwesen. Sie alle sind gehalten, diese Informationen tunlichst aus Ihrem
Gedächtnis zu verbannen. Beantwortet das Ihre Frage?«
FRAGER: »Ja, also ich bin mir nicht so sicher. Wenn ich es recht
bedenke ... ein Roboter ... Ist ja alles schön und gut, wenn die Dinger überall
dort eingesetzt werden, wo wir Menschen nicht so richtig rankönnen oder es zu gefährlich
ist, da sind sie recht nützlich ... aber als Papst? Brauchen wir das wirklich?«
MODERATOR: »Diese Dinger, wie Sie sie nennen, haben
Menschenrechte seit ewigen Zeiten! Und eine Seele! Ich bitte doch um die
gebotene Zurückhaltung, wenn schon nicht Ehrerbietung. Vielleicht wird eines Tages einer
von ihnen unser Oberhirte ...«
FRAGER: »Gott behüte!«
MODERATOR: »Zur nächsten Frage. Ja, wie könnte es auch anders
sein, es ist die Frage, die uns alle seit Wochen beschäftigt: Wer sind die Favoriten?
Hier die letzten Ergebnisse unserer Umfrage ...«
Wieder erschienen Holowürfel, drei an der Zahl, in denen sich die
Spitzenkandidaten präsentierten Ausschnitte aus früheren Aufnahmen. Über den
Köpfen rotierten in allen drei Würfeln rasende Zahlenkolonnen mit dem jeweils neuesten
Stand der Auszählung.
Kardinal Lucius DiMaggio lag klar vorn. Als hätte er zum Zeitpunkt der
Aufnahme, die immerhin einige Jährchen zurücklag, geahnt, dass sein Konterfei dereinst
vor einem zig Milliarden zählenden Publikum anlässlich der nächsten Papstwahl
ausgestrahlt würde, glühte sein rundes Gesicht mit dem Ausdruck weiser Erkenntnis und
tiefer Demut, als habe er soeben Gott geschaut. Dazu hatte er wie stets den Kopf in die
Nackenfalten gelegt, sodass er zum Himmel aufzublicken schien; sein silberner Haarkranz
leuchtete im Scheinwerferlicht wie ein Heiligenschein. Er hatte die Hände nicht vor der
Brust in die Falten seiner Ärmel gesteckt, sondern hielt sie leicht geöffnet zur Seite
gestreckt, als empfange er göttlichen Segen oder heiße alle Schäflein aller
Welten willkommen.
Was für ein Mann! Ein würdiger Vertreter Petri auf Erden und im weiten
Sternenrund.
Daneben verblassten die beiden anderen Kardinäle förmlich. Der
Zweitplatzierte war ein würdevoller, ernst blickender Gottesmann, der den Zenith seiner
Laufbahn bereits überschritten zu haben schien, der Drittplatzierte ein adaptierter
Hominide von einer jener superschweren Welten, auf denen man nicht davon sprach,
wie groß einer gewachsen sei, sondern wie breit. Doch halt! Die Projektion
verblasste und wurde für Sekundenbruchteile überblendet von einem echsenartigen Wesen in
purpurnem Ornat, Kardinal RarrArr-SstissIss (was soviel hieß wie Rarr,
der das dritte Auge hat) von Dinoptia, dem vierten Planeten der Sonne Altair. Er
repräsentierte die bevölkerungsreichste Fremdrasse.
Das Bild im Holowürfel fluktuierte, dass es in den Augen schmerzte.
Hier bahnte sich offenkundig ein Kampf um den dritten Platz an.
Abgeschlagen auf den weiteren Rängen unter den ersten zehn schien noch
ein weiteres Fremdwesen auf, ein menschenähnlicher, vierarmiger Zerberaner sowie eine
ehemalige Miss Galaxy, welche sich von Schwester Lucia zur Mutter Theresa gewandelt und
die Dessous gegen die Ordenstracht getauscht hatte. Immer noch galt sie unter Hominiden
als zugkräftiger Werbeträger.
»Vergessen Sie bitte nicht, das ist eine reine Publikumsbefragung. Sie
ist in keiner Weise repräsentativ für die Meinung des Klerus. Eher schon
ähem eine Popularitätsliste ...«, beeilte sich der Moderator hinzuzufügen.
Demonstrativ ließ er das Minibild der weiblichen Kandidatin etwas länger stehen. »So,
sind inzwischen weitere Fragen eingetroffen?« Er konsultierte einen Bildschirm.
»Ah, zur Abwechslung eine Dame ich gehe doch richtig in der
Annahme ...?« Plötzliche Zweifel schienen ihm zu kommen. Letzerdings war das
Geschlecht nicht immer auf Anhieb ersichtlich, zu sehr hatte die Emanzipation die
Unterschiede verwischt.
»Sie liegen ganz richtig«, lautete die spitze Antwort. »Eine Frau,
eine Sie, wenns recht ist. Wie die Jungfrau von Orleans. Weiblich,
auch wenns nicht offensichtlich ist...«
»Ja, ja natürlich«, sagte er indigniert ob seines
Fauxpas. »Ihre Frage?«
»Warum sprechen Sie immer von Kardinäle und von
Papst? Warum nicht von Kardinälinnen und Päpstin?
Und warum tun Sie alle so, als habe es nie die Päpstin Johanna gegeben?!«
MODERATOR: »Aber meine Dame das ist doch eine reine Legende.
Finsterstes Mittelalter!«
FRAGERIN: »Eben darum!«, entgegnete sie triumphierenden Blickes.
EXPERTE: »Die sogenannte Päpstin Johanna ist eine Erfindung
böswilliger Reformer. Sie ist durch nichts, aber auch gar nichts dokumentiert.«
FRAGERIN: »Sie sagen es finsterstes Mittelalter. Alles unter den
Tisch gekehrt. Ausradiert. Die Akten vernichtet.«
MODERATOR: »Ich bitte Sie, das sind doch Unterstellungen ...«
FRAGERIN: »Und wie stehts dann mit der
Sesselüberprüfung?«
MODERATOR: »Sesselüberprüfung?« Ein hilfloser Blick
Richtung Experte.
EXPERTE: »Die sella stercararia. Ein Stuhl mit einem Loch in
der Sitzplatte, auf den der Erwählte sich zu setzen hatte zwecks Überprüfung des
Geschlechts
Diese Maßnahme wurde aber bereits Mitte des vorigen Jahrtausends
abgeschafft.«
FRAGERIN: »Also hatten wir schon einmal eine Päpstin! Ich sagte
ja ...«
MODERATOR: »Kehren wir doch zur gegenwärtigen Papstwahl zurück!« Ein
Blick auf den Monitor. »Ja, da haben wir was Interessantes. Können wir den
Anrufer in die Leitung bekommen?«
»Hallo.« Ein Multifunktionsroboter aus nacktem Stahl, ohne
Synthoverkleidung, materialisierte im Projektionsfeld.
MODERATOR: »Hallo, hier UNN. Markus Mannheimer. Ihre Frage?«
FRAGER: »Warum ist kein Roboter unter den ersten zehn?«
MODERATOR: »Warum meinen Sie, sollte es einer sein?«
FRAGER: »Wir sind zahlenmäßig die zweitgrößte Minderheit. Wenn man
die sogenannten intelligenten Werkzeuge hinzuzählt, bei weitem in der Überzahl.«
MODERATOR: »Was sagen unsere Experten dazu?«
EXPERTE: »Nun, also darüber kann man streiten. Ob intelligente
Werkzeuge, im weitesten Sinne also Künstliche Intelligenzen, per ipso eine Seele haben,
ist unter Theologen kontrovers. Die Heilige Römisch-Katholische Kirche jedenfalls zieht
hier eine deutliche Grenze. Es ist wie der Unterschied zwischen vernunftbegabten Wesen und
verhaltensgesteuerten Tieren. Aber davon abgesehen, was zählt, ist nicht die
Quantität, sondern die Qualität ...«
FRAGER: »Wollen Sie sagen, dass wir Roboter minderwertig sind?« Das
stählerne, mit Sensoren bespickte Gesicht ließ keinen Ausdruck der
Gefühlsregung zu; dafür war die Stimme seltsam moduliert und klang eindeutig
beleidigt.
EXPERTE: »Natürlich nicht! Entschuldigen Sie, wenn ich Ihre Gefühle
verletzt haben sollte ... Ich meinte nur ... Was zählt, sind die inneren Werte, nicht die
äußeren nicht die Menge der Gläubigen einer Gattung, sondern ...«
MODERATOR: »Die inneren Werte unserer mechanischen Mitbürger sind
unbestritten«, sprang dieser dem strauchelnden Experten zu Hilfe. »Sie haben
Großartiges geleistet. Und sind die Treuesten im Glauben. Denken wir nur an
Bonifax ...«
»... der nicht umsonst heilig gesprochen wurde«, fing sich der
Experte. »Sanctus Bonifacius starb im Aufstand der versklavten Automaten auf Mechanistria
den Märtyrertod. Er ließ sich lieber brainwashen und verschrotten, als dem Glauben
abzuschwören, der ihn in seinem Befreiungskampf leitete.«
FRAGER: »Jean-Paul Baptiste ist kein Geringerer!«
MODERATOR: »Das ist mein Stichwort. Für alle unsere
mechanischen und elektronischen Glaubensbrüder hier ein kurzes Portrait dieses
charismatischen Predigers.«
Im Holowürfel erschien ein Mann mit wehendem Haar und wallendem Bart,
die eine Hand ausgestreckt, die andere die Bibel haltend, in Erscheinung und Postur an das
Bild gemahnend, das sich die Maler der Antike von Moses mit den Gesetzestafeln auf dem
Berge Sinai gemacht hatten.
Konstruiert noch während des Pontifikats von Pius XIV., war er mit den
frühen Erkundungsschiffen über zwei Jahrhunderte lang von Planet zu Planet gezogen, um
das Wort Gottes zu verbreiten. Er galt als der bedeutendste Prediger seit Abraham a Santa
Clara, wenn nicht seit Jesus Christus selbst. In Anerkennung seiner Verdienste war er von
Papst Benedikt XVII. erst zum Bischof, dann zum Kardinal ernannt worden.
MODERATOR: »Und damit wieder zurück zu unseren
Publikumsfragen ...«
*
»Hier ist UNN, Merkurius Mannheimer. Wir schreiben heute den 1. November im Jahr des
Herrn 2866, und der Himmel über der Heiligen Stadt erstrahlt in königlichem Blau ohne
das kleinste Wölkchen. Hoffentlich ist das ein gutes Omen.
Die Entscheidung scheint in der Luft zu liegen; diese knistert förmlich
vor Spannung. Das müssen sich auch Tausende Gläubige hier auf dem Petersplatz gedacht
haben, denn statt über Nacht zu ihren Lieben heimzukehren, haben die meisten ausgeharrt
viele im Gebet versunken oder andächtig singend , um keinesfalls den großen
Augenblick zu versäumen, da uns ein neuer Papst erkoren ist.
Nachdem auch der 29. und 30. Wahlgang erfolglos verlaufen sind, dürfen
wir nun hoffen, dass sich das Kardinalskollegium für eine neue Abstimmungsmodalität
entschieden hat jene der einfachen Mehrheit. Dies zu beschließen steht zwar
grundsätzlich nach 30 Wahlgängen in seinem Ermessen, sicher können wir natürlich nicht
sein, dass zu diesem nun ja, drastischen Mittel gegriffen wird.
Aber andere Zeiten erfordern andere Methoden, stehen wir doch an einem
Wendepunkt der Kirchengeschichte, wo erstmals ein Nicht-Mensch zur Wahl ansteht das
heißt, da muss ich mich korrigieren: auch ein weibliches Exemplar der
Menschheit. Die verehrten Damen mögen mir verzeihen!
Wie ist der weitere Ablauf?
Gesetzt den Fall, unser aller Gebete werden erhört, steigt in etwa
einer Stunde weißer Rauch aus dem Kamin. Das bedeutet natürlich, dass ein neuer Papst
gewählt worden ist, und dass dieser die Wahl angenommen hat. Hierauf wird der Erwählte
gefragt, wie er sich in Zukunft zu nennen gedenkt. Nach der Huldigung der Kardinäle und
einem Dankgebet verkündet der erste Kardinaldiakon dem wartenden Volk mit den Worten habemus
papam wir haben einen Papst den Namen des neugewählten Papstes. Sodann
erscheint dieser auf der Loggia des Petersdomes und erteilt den Apostolischen Segen urbi
et orbi et universi.
Was so viel heißt wie Für die Stadt und für die Welt und für
das Universum«.
»Ja, meine sehr verehrten Zuschauer und Zuhörer, hier im weiten
Erdenrund oder in der fernen Milchstraße, der Augenblick der Entscheidung naht, ich sehe
es an der Uhrzeit eigentlich müsste die Wahl bereits erfolgt sein. Wenn, ja wenn
wir einen neuen Papst haben oder eine Päpstin oder wie immer das Geschlecht
... bei Fremdwesen weiß man ja nie so genau ... Sehe ich da Rauch aufsteigen?
Oder ist es nur eine optische Täuschung eine Fata M ...
Ja, ja! Es ist Rauch weißer Rauch. Ich sehe es ganz
deutlich, es ist weißer Rauch! Wir haben einen neuen Papst! Päpstin! Was immer ...!
Entschuldigen Sie, ich muss jetzt schreien, um die Menge zu übertönen.
Sie ist außer Rand und Band. Die Erleichterung macht sich explosionsartig Luft. Der Jubel
ist grenzenlos ...
Und jetzt erscheint jemand auf der Loggia. Ist das der neue Papst?
Nein, natürlich nicht, das ist der Kardinaldekan. Gleich wird er uns verkünden,
wer gewonnen äh, gewählt worden ist!
Das Tosen in der Menge klingt ab. Ehrfürchtige Stille breitet sich
über den riesigen Platz. Ich muss jetzt leiser sprechen, ich hoffe, Sie verstehen
mich drehen Sie einfach die Lautstärke etwas auf. Ich flüstere fast. Ist das gut
so?
Also, jetzt können Sie es gleich selber hören. Der Kardinaldekan tritt
vor, flankiert von zwei Zeugen, entrollt ein Schreiben und verkündet:
»Habemus papam!«
Und wieder tosender Beifall. Die Christenheit steht Kopf. Was für ein
Spektakel! Äh, Schauspiel. Sie müssen jetzt wieder leiser drehen, sonst platzen
Ihnen die Trommelfelle oder was immer ...
Sehen Sie nur, da ist eine Bewegung hinter den Kardinälen. Gleich wird
unser neuer Papst auf den Balkon treten. Welche Lichtgestalt werden wir schauen? Glitzert
da nicht etwas wie ein Wassertank? Oder wie Schuppen ... oder ist es eine Glatze ... ich
kann es nicht erkennen. Wo, zum Teufel, ist das Fernglas?
Die Menge erstarrt. Und in die gespannte Stille hinein verkündet der
Kardinaldekan den selbst gewählten Namen des neuen Oberhirten:
»Johannes Paul der Dritte«.
Wer wird es sein? Keine Frau, das ist sicher! Doch halt, liegt das nicht
auf der Hand? Oder sollte ich mich wirklich täuschen?
Ja, ja welch genialer Kompromiss! Welch weise Entscheidung!
Nichts könnte den universalen Charakter der Heiligen Apostolischen Kirche besser
verdeutlichen als diese Wahl. Heißt es nicht, der Papst sei unfehlbar? Aber irren ist
doch menschlich ... Hat nicht Gott, der Schöpfer, uns Menschen und alle anderen
Wesenheiten erschaffen mit der Gabe, sein Werk der Schöpfung fortzusetzen? Wer also
könnte besser geeignet sein, uns die nächsten Jahrhunderte auf seinen unergründlichen
Pfaden zu geleiten ...
... wenn nicht Jean-Paul Baptiste!
Aber aber ... das ist nicht ... Oder doch? Will er ein Zeichen
setzen? Das von universaler Gleichheit und Brüderlichkeit? Unabhängig von der
Erscheinungsform ...?
Sehen Sie nur, er hat sogar seine menschliche Verkleidung abgelegt!«
Auszug aus den Annalen der Kirchengeschichte, A. D. 3900
Papst Johannes Paul III., mit bürgerlichen Namen Jean-Paul Baptiste, Fabrikations-Nummer
2X-550502-Z aus der Serie RO-2314, hergestellt 2577 von Universal Robotics auf Luna, wurde
am 1.11.2866 zum Papst gewählt. Sein Pontifikat währte bis zum 8.8.3042, als er einem
Systemcrash erlag. Es zählte zum längsten und segensreichsten, gelang es ihm doch wie
keinem zweiten, fremde Religionen zu integrieren. Ihm ist die Neue Apostolische
Konstitution zu verdanken, wonach im Turnus ein Hominide, ein Roboter und ein Alien das
Amt des Obersten Hirten der Universalen Katholischen Kirche zu bekleiden habe. Er wurde
von Papst RraKkorra Innozenz I. im Jahre 3128 heilig gesprochen.
Helmuth W. Mommers © 2004
Erstveröffentlichung
- Diese Erzählung entstand bereits im Jahr 2004.
|
 |