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Die Rückkehr des Zeitreisenden

Interview mit Helmuth W. Mommers

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Helmuth W. Mommers (*1943) hat sich in den 60ern einen Namen als Illustrator, Übersetzer, Literaturagent, Herausgeber von neun Anthologien und, in Zusammenarbeit mit Ernst Vlcek, als Autor eines Romans und der Werkausgabe Traumwelten gemacht. Mit der Sammlung Sex, Love, Cyberspace und zahlreichen Erzählungen in CT, NOVA, PHANTASTISCH! und in Anthologien feiert er seit 2002 sein Comeback.
Hardy Kettlitz: Wie bist du zur Science Fiction gekommen?

Helmuth W. Mommers: Ich war ungefähr dreizehn Jahre alt, als ich Mitte der fünfziger Jahre zum ersten Mal mit der Science Fiction in Berührung kam, und zwar in Form der Groschenhefte wie JIM PARKERS ABENTEUER IM WELTRAUM und UTOPIA GROSSBAND, später dann mit UTOPIA MAGAZIN, GALAXIS und TERRA, und, nicht zu vergessen, mit Leihbüchern. Ich bin fast ein Urgestein der deutschen Science Fiction. Drei Jahre eher geboren, wäre ich als Leser von Anfang an dabei gewesen.

Kettlitz: Vom Leser zum Herausgeber ist es jedoch ein großer Sprung. In den sechziger Jahren warst du zum Beispiel für den Heyne Verlag als Herausgeber von Anthologien tätig. Welche Qualifikation hattest du dafür?

Mommers: Meine Qualifikation war zunächst, dass ich voller Begeisterung Science Fiction gelesen habe. Ich war als Schüler schlecht im Fach Englisch. Mein Lehrer hatte mich dazu verdonnert, während der Sommerferien in England einen Sprachkurs zu besuchen oder die Klasse zu wiederholen. Als ich zurückkam, war ich im Fach Englisch plötzlich der Beste. Da es auf Deutsch relativ wenig Science Fiction gab, schon gar keine Kurzgeschichten, habe ich angefangen, amerikanische Magazine zu lesen, ja zu verschlingen. Anfangs natürlich mit Unterstützung des Wörterbuchs.

Kettlitz: Woher hattest du diese Magazine?

Mommers: Die Wiener SF-Gruppe war damals sehr aktiv. Sie bestand aus jungen Leuten in etwa meinem Alter, und einige von ihnen hatten, als ich 1960/61 hinzustieß, bereits eine recht umfangreiche Bibliothek, teilweise mit alten Pulp-Magazinen und natürlich mit ASTOUNDING, AMAZING, GALAXY, IF, THE MAGAZINE OF FANTASY AND SCIENCE FICTION und weniger bekannte Reihen wie IMAGINATION, VENTURE, FANTASTIC UNIVERSE und viele mehr. Ende der Vierziger-, Anfang der fünfziger Jahre gab es in den USA zwanzig bis dreißig SF-Magazin-Reihen. Durch diesen großen Fundus habe ich mich richtiggehend durchgefressen. Da habe ich auch meine Vorliebe für Cordwainer Smith, Daniel F. Galouye, Robert Sheckley, Philip K. Dick oder A. E. van Vogt entdeckt und musste natürlich gleich alle Kurzgeschichten von denen ausgraben. Und plötzlich war ich einer der wenigen Spezialisten auf dem Gebiet.

Kettlitz: Und wie ging es dann weiter?

Mommers: Dank meiner guten Englischkenntnisse und des Kontakts zu Walter Ernsting durfte ich schon sehr früh Texte für den Moewig-Verlag übersetzen. Meine erste professionelle Übersetzung, ein Roman von Fredric Brown, habe ich 1962 beim Militär gemacht, in der Schreibstube, mit Wissen des Hauptmanns, der für sein Entgegenkommen einen Fachtext übersetzt haben wollte! Davor hatte ich bereits einige Erfahrungen in unserem Klubmagazin PIONEER gesammelt. Als Redakteur habe ich für PIONEER Texte ausgesucht, übersetzt, illustriert und eigene Geschichten geschrieben. Damals habe ich Ernst Vlcek kennen gelernt. Als dann der erste Sammelband mit Kurzgeschichten eines deutschen Autors im Heftformat erschien, Quarantäne von William Voltz, fanden wir, das könnten wir auch und schrieben gemeinsam ein Dutzend Kurzgeschichten, die 1964 in den Moewig-Reihen TERRA KLEINBAND und TERRA SONDERBAND veröffentlicht wurden.

Kettlitz: Hast du damals eine Berufsausbildung gemacht?

Mommers: Nein. Ich habe das Gymnasium ein paar Monate vor der Matura abgebrochen, weil ich während der Unterrichtsstunden statt zu lernen lieber Science Fiction gelesen und übersetzt habe. Was sollte also aus mir werden? Ich absolvierte erst mal das Militär, dann inskribierte ich an der Kunstakademie, mit Berufsziel Grafiker, wollte aber nicht sechs Wochen lang Blätter zeichnen. Also entschied ich mich, Übersetzer und Autor zu werden und eine literarische Agentur zu gründen. Zuerst gemeinsam mit Arnulf D. Krauß, später dann mit Kurt Luif, der nach meinem Weggang Perry Rhodan nach Japan verkaufte. Und plötzlich waren wir im Geschäft, als Autoren, Übersetzer und Literaturagenten. Das also waren meine Qualifikationen, nämlich zur richtigen Zeit mit den richtigen Kenntnissen und mit der richtigen Portion Enthusiasmus zur Stelle zu sein.

Kettlitz: Wen hat Deine Agentur vertreten?

Mommers: Wir haben hauptsächlich amerikanische Autoren auf dem deutschen Markt vertreten, vor allem für die Verlage Moewig, Pabel und Heyne. Einen Teil der Rechte bekamen wir von einer amerikanischen Agentur, die Autoren wie Robert Bloch, Robert Sheckley, Daniel F. Galouye und Cordwainer Smith vertrat – zufälligerweise mit einigen meiner Lieblingsautoren. Andere wie Isaac Asimov, Murray Leinster und Frederik Pohl hatte keinen Agenten, mit denen haben wir direkt verhandelt. Wir haben praktisch alles beschaffen können, notfalls in Kooperation mit anderen deutschen Literaturagenten.

Kettlitz: Du hast von 1965 bis 1969 gemeinsam mit Arnulf D. Krauß neun Anthologien für Heyne herausgegeben. Wie kam es dazu?

Mommers: Ich war auf Arbeitsbesuch in München bei Bernhard, dem Verlagsleiter von Heyne und Moewig, die damals noch zusammengehörten, und habe ihm die Idee für eine Paperbackanthologie mit Science-Fiction-Kriminalgeschichten unterbreitet. Da hat er mich Rolf Heyne vorgestellt, der war begeistert von der Idee, die beiden Genres Science Fiction und Kriminalliteratur zu vereinen und damit vielleicht ein größeres Leserpotenzial zu erreichen, und so habe ich grünes Licht bekommen. Das erste Buch war 10 Science Fiction Kriminal Stories als Band 11 in der Reihe Heyne Anthologie, und es folgten schnell weitere Bücher. Insgesamt sind es sechs SF- und drei Horror-Anthologien geworden, alle 1964-1966 entstanden.

Kettlitz: Warum haben diese Bücher keine eigenen Titel, sondern heißen 7 oder 8 oder 9 Science Fiction Stories?

Mommers: Das war in dieser Buchreihe so üblich, darauf hatte ich keinen Einfluss.

Kettlitz: Ihr steht auf den Büchern immer zu zweit als Herausgeber: Helmuth W. Mommers und Arnulf D. Krauß. Wer ist Herr Krauß?

Mommers: Ein Schulfreund von mir und ebenso wie ich ein Science-Fiction-Kenner und -Enthusiast. Gemeinsam kamen wir zur Wiener SF-Gruppe. Ich habe gern mit ihm zusammengearbeitet, er hat einen außerordentlich analytischen Verstand; kein Wunder, er hat in der Folge seinen Magister in Rechtswissenschaften gemacht. Noch heute beurteilt er meine Storys und ist nicht eben zimperlich dabei. Der Großteil der Arbeit blieb aber an mir hängen, speziell als Literaturagent; das lag auch daran, dass ich mich als einziger hauptberuflich mit der SF beschäftigt habe, während Arnulf Krauß Student war, Kurt Luif und Ernst Vlcek einem Broterwerb nachgingen.

Kettlitz: Wie habt ihr die Geschichten für die Anthologien ausgewählt?

Mommers: Indem wir uns auf Themen konzentrierten, SF-Kriminal- oder Weihnachtsstorys oder eine 3-bändige Ausgabe der besten zeitgenössischen SF-Autoren aus Amerika und England, die sogenannte »Anthologie der Berühmten«, erstmalig mit Autorenporträts. Das war zwar nicht neu, sogar auf Deutsch gab es bereits eine Themenanthologie, nämlich Greenbergs Die Roboter und wir, aber das war auch schon alles. Sonst erschienen nur Auswahlen aus GALAXY oder THE MAGAZINE OF FANTASY AND SCIENCE FICTION oder ausnahmsweise eine allgemeine Zusammenstellung eines amerikanischen Herausgebers. Sogar die legendäre Anthologie von Dr. Gotthard Günther Überwindung von Raum und Zeit bot nur einen Auszug, wenn auch mit Rosinen gespickt, aus dem SF-Schaffen der dreißiger und vierziger Jahre. Von dieser schon 1952 veröffentlichten »Ausnahme-Anthologie« aus deutscher Hand abgesehen, bin ich richtig stolz darauf, gemeinsam mit A. D. Krauß für uns verbuchen zu können, die ersten deutschen Science-Fiction-Anthologisten gewesen zu sein. Damals war uns das gar nicht bewusst. Es spielte auch keine Rolle.

Kettlitz: Die Idee, Kriminalgeschichten mit Science Fiction zu kombinieren, gab es aber bereits, nämlich in der Heftreihe UTOPIA KRIMINAL.

Mommers: Das stimmt, aber dort erschienen meist Thriller-, Horror- und Mystik-Romane, eher selten Kriminalfälle, die sich mit dem Verbrechen in der Welt der Zukunft und auch außerhalb der Erde befassten. Wir kannten einige echte SF-Kriminalgeschichten und haben sofort alle möglichen Magazine nach weiteren durchforstet. Der Heyne-Verlag hat uns voll vertraut und uns auch für die folgenden Anthologien alle Freiheiten gelassen, was mich rückblickend sehr erstaunt. Man hat uns sowohl die Auswahl, als auch Beschaffung der Rechte und Übersetzung überlassen, wir mussten nur liefern.
   Heute stelle ich schmunzelnd fest, dass uns viele Jahre später andere mit SF-Kriminalgeschichten gefolgt sind, so Isaac Asimov und auch H. J. Alpers, und selbst eine Anthologie mit Weihnachtsgeschichten tauchte irgendwann in Amerika auf. Wir waren aber weltweit die Ersten, und das in Good Old Germany!

Kettlitz: In den Anthologien sind vor allem angloamerikanische Autoren erschienen. Ihr habt selbst Geschichten geschrieben und hattet zu einer Menge deutscher Autoren Kontakt. Warum habt ihr nicht mehr deutsche Texte aufgenommen?

Mommers: Wir haben ein paar unserer eigenen Geschichten in die Bücher geschleust, allerdings insgesamt nur drei Texte. Auch Hubert Straßl, der später als Hugh Walker bekannt wurde, haben wir die Möglichkeit für seine erste Veröffentlichung gegeben, allerdings unter dem Pseudonym Hogarth Brown mit getürktem englischen Titel. Deutsche Autoren wurden außerhalb des Heftchenmarktes skeptisch angesehen. Hinzu kommt, eine professionelle deutsche Kurzgeschichtenszene war damals praktisch nicht vorhanden, und die Geschichten der Fans, die in Fanzines publiziert haben, waren von sehr bescheidener Qualität, kein Vergleich zu heute.

Kettlitz: Du warst damals sehr jung. Habt ihr die Science Fiction als revolutionäre literarische Entwicklung empfunden?

Mommers: Ja, natürlich! In die Zukunft schauen, extrapolieren, spekulieren. The future is ours, the whole universe! So dachten wir damals, in Zeiten der Technologiegläubigkeit. Alles ist möglich! Lasst uns darauf vorbereitet sein! Junge Leute blicken voraus, ältere Leute blicken zurück. Für mich als 22-jähriger war die Science Fiction eine Offenbarung, die große Leidenschaft. Hätte man mir meine geliebte Science Fiction verbieten wollen, ich wäre damals für sie auf die Barrikaden gestiegen!

Kettlitz: Mitte der sechziger Jahre hast du aber trotzdem schlagartig die Science Fiction aufgegeben. Was ist passiert?

Mommers: Ich versuche rückblickend Gründe dafür zu finden. Ich war damals sehr ehrgeizig und wollte die Welt in kürzester Zeit erobern. Ich hatte sehr schnell sehr großen Erfolg innerhalb der Verlagsszene, wollte aber noch viel weiter hinaus, bis ich gegen Widerstände gestoßen bin. Eigentlich war es eine Art Trotzreaktion, weil ich viel zu ungeduldig war. Hätte ich mir selbst ein paar Jahre mehr Zeit gegeben, hätte ich meine Ziele sicherlich erreicht. Vielleicht hätte ich sogar den Posten bekommen, den später Wolfgang Jeschke innehatte. Ich hatte ja nicht nur die bereits genannten Anthologien zusammengestellt, sondern auch den größten Teil der Kurzgeschichtensammlungen, die in den Terra-Reihen erschienen sind.
   Aber ich wollte mehr, nämlich, dass mir Moewig/Heyne das Ressort Kurzgeschichten, also das Lektorat, offiziell komplett übergibt. Das passte Schelwokat natürlich nicht, der wollte nichts abgeben und keinen Konkurrenten heranzüchten. Außerdem hatte ich den Schweizer Vertreter der größten amerikanischen Literaturagentur kennen gelernt; der verstand nichts von Science Fiction und war auch nicht sonderlich interessiert daran, weil das große Geld mit anderer Literatur zu machen war. Wir hatten vereinbart, dass meine Agentur den SF-Bereich für ihn übernimmt. Aber der Verlagsleiter war dagegen, ich wäre ihm wohl zu mächtig geworden ...

Kettlitz: Hast du zu dieser Zeit in München direkt im Verlag gearbeitet?

Mommers: Nein, ich habe in Wien gewohnt. Man hat mir zwar angeboten, dass ich nach München ziehen sollte, aber das wollte ich nicht. Alle meine Freunde und deren Bibliotheken waren in Wien. Ich hätte mich selbst amputiert.
   Um 1965 hatte ich dann noch die Idee, ein neues Kurzgeschichtenmagazin auf die Beine zu stellen, aber die konkreten Vorschläge wurden wiederum vom Verlag abgelehnt. Auch meine Idee zu einer Fantasy-Taschenbuchreihe wurde abgelehnt. Ich kam damit einfach ein paar Jahre zu früh. Ich war frustriert und habe aufgegeben.

Kettlitz: Bestand nicht die Möglichkeit, unabhängig von den etablierten Verlagen zu publizieren?

Mommers: Ich hatte den Traum, einen eigenen kleinen Verlag zu gründen. Eigentlich fehlte nur ein wenig – aus heutiger Sicht – Kapital, um einen Kleinverlag zu gründen. Es hat mich sehr geärgert, dass so wunderbare Romane wie More Than Human (dt. Die Ersten Ihrer Art) von Theodore Sturgeon, The Stars My Destination von Alfred Bester, The Status Civilization von Robert Sheckley oder The Big Time von Fritz Leiber nicht veröffentlicht werden konnten. Die Zeit war dafür noch nicht reif. Ich hatte bereits kalkuliert, ob man diese Bücher nicht in einer Auflage von 500 Exemplaren drucken könnte. Das Fandom war damals sehr groß, 500 Bücher hätte man wohl ohne weiteres verkaufen können. Nur leider hatte ich kein Geld. Ich wäre sicher der erste Kleinverleger auf dem Science-Fiction-Sektor geworden ...

Kettlitz: Du hast dann das Land verlassen?

Mommers: Ja, ich bin von Wien in die Schweiz ausgewandert, zu meiner Mutter, die dort lebte. Zuerst wollte ich von der Schweiz aus weiterarbeiten, aber die Schweizer Behörden hatten sehr strenge Ausländergesetze, die besagten, dass sich ein Ausländer nur dann in der Schweiz aufhalten darf, wenn er bei einer Schweizer Firma angestellt ist. Also musste ich mir einen Arbeitsplatz beschaffen und eine ganz andere Laufbahn einschlagen. Damit hatte ich mich auf etwas Neues konzentriert, auf eine kaufmännische Karriere, und alles andere rückte zwangsläufig in den Hintergrund. Ich hatte dann kaum mehr Zeit, mich mit Science Fiction zu beschäftigen. Ich sammelte zwar fleißig weiter, sogar bis Ende der achtziger Jahre, habe aber kaum noch gelesen. Meine Liebe zur Science Fiction ist zwar nie gestorben, aber sie lag Jahrzehnte lang in einem Dornröschenschlaf.

Kettlitz: Dann ist sie aber wieder erwacht.

Mommers: Ja, als ich kein neues Ziel mehr hatte. Ich hatte mich frühzeitig aus dem Geschäftsleben zurückgezogen, war nach Mallorca gezogen und hatte plötzlich viel Freizeit. Natürlich hatte ich Hobbys: Ich spielte Golf, ging ins Gym, sammelte Briefmarken, kümmerte mich um Haus und Garten und so weiter. Dann kam ich auf die Idee, wieder einmal eine Geschichte zu schreiben, kaufte mir einen Computer und los ging’s.

Kettlitz: Wie ging es genau los?

Mommers: Ich entdeckte im Internet, dass der Romanzyklus Das Galaktikum von Ernst Vlcek und mir, der seinerzeit bei Moewig in vier Teilen erschienen war, soeben vom Blitz-Verlag nachgedruckt wurde.

Kettlitz: Davon wusstest du gar nichts?

Mommers: Überhaupt nichts. Ich hatte auch den Kontakt zu meinen Wiener Freunden komplett abgebrochen, wir hatten rund 35 Jahre lang nichts voneinander gehört. Als ich die Ankündigung des Buches sah, erwachte wieder mein Interesse. Die Enttäuschung war groß, als ich entdeckte, dass mein Name auf dem Cover des Buches unterschlagen und auf der Rückseite nur als Vermerk erschien, noch dazu falsch geschrieben. Trotzdem war es eine Initialzündung für mich. Unmittelbar darauf, im Jahr 2000, erfuhr ich, dass Ernst Vlcek seinen sechzigsten Geburtstag feierte. Ich bin dann als »Überraschungsgast« aufgetaucht, und Ernst Vlcek fiel aus allen Wolken; er erkannte mich anfangs kaum. So habe ich meine alten Freunde wiedergetroffen, unter anderem auch Arnulf Krauß, und plötzlich entflammte das Interesse an der Science Fiction. Ende 2001 habe ich wieder angefangen, Geschichten zu schreiben. Als Folge erschienen zwei Bücher, zum einen Traumwelten mit allen 18 Storys, die ich in den sechziger Jahren gemeinsam mit Ernst Vlcek geschrieben habe, zum anderen der Band Sex, Love, Cyberspace mit neuen Texten. Beide Bücher sind beim Blitz-Verlag erschienen.

Kettlitz: Die Science Fiction hat sich während deiner »Abwesenheit« sehr weiterentwickelt. Wie hast du diese Veränderung empfunden? Hat es dich überrascht, dass es inzwischen eine sehr aktive Kleinverlagsszene gibt?

Mommers: Die Verlagsszene war mir überhaupt nicht mehr vertraut, und ich wusste gar nicht, dass es so viele Kleinverlage für phantastische Literatur gibt. Ich kannte die aktuellen Autoren nicht, genauso wenig die Reihen oder die Macher. Neu war für mich auch, dass die Bücher in der Zwischenzeit so furchtbar dick geworden waren und viele Serien und Zyklen existierten und die Fantasy dominierte. Ich fühlte mich als Zeitreisender. Es ist, als kehrst du nach Jahrzehnten zurück in deine Heimatstadt, sie kommt dir vertraut vor, obwohl du an allen Ecken und Enden was Neues siehst, und die Orte, die du früher besucht hast, die Kinos, die Cafés, die Billardsalons, sie sind nicht mehr. Da erkennst du, du bist ein Fremder. Du hast die Zeiten übersprungen. Du musst die Stadt neu entdecken.

Kettlitz: Du hast dich aber schnell in die derzeitige SF-Szene eingelebt und auch sehr viel neues Material geschrieben. Wie viele Geschichten sind das jetzt?

Mommers: Geschrieben habe ich in den knapp drei Jahren 31 Geschichten, wovon bis Ende 2004 exakt 23 veröffentlicht sein werden. Und die nächsten zwei, drei Publikationen stehen an. – Hört ihr, werte Verleger? Ich habe noch einige auf Lager ...

Kettlitz: Das sind mehr Geschichten, als du in den sechziger Jahren verfasst hast.

Mommers: Ja, ich hatte viele neue – also für mich neue – Ideen, und als ich Möglichkeiten zur Veröffentlichung sah, habe ich sie sofort genutzt.

Kettlitz: Wo sind die Geschichten erschienen?

Mommers: In der CT sind sechs Geschichten abgedruckt worden, in PHANTASTISCH! ist kürzlich die dritte Story erscheinen, in NOVA waren es ebenfalls drei, in ALIEN CONTACT kommt jetzt mit »Personal Android« die erste. Außerdem sind in mehrere Anthologien Texte von mir enthalten, und natürlich die Erzählungen in Sex, Love, Cyberspace.

Kettlitz: Du lebst derzeit auf Mallorca. Ist die geografische Entfernung zum deutschen Buchmarkt ein Handicap für dich?

Mommers: Ohne Computer und Internet wäre die Arbeit völlig unmöglich. Ohne das Internet hätte ich vermutlich nicht einmal zurück in die Science-Fiction-Szene gefunden. So ist es egal, wo ich wohne.

Kettlitz: Du warst einige Zeit Mitherausgeber des SF-Magazins NOVA. Wie kam der Kontakt zu Ronald M. Hahn und Michael K. Iwoleit, den anderen beiden Herausgebern, zustande?

Mommers: Über Uwe Luserke. Er hatte den Band Sex, Love, Cyberspace lektoriert. Er ist selbst ein Enthusiast und würde auch am liebsten ein SF-Magazin gründen; wir haben darüber ausführlich korrespondiert, allerdings gehen unsere Vorstellungen auseinander. Er wusste, dass sich auch andere mit solchen Gedanken trugen und hat den Kontakt vermittelt. Wir drei waren uns sehr schnell einig, denn wir wollten so ziemlich das gleiche, nämlich ein konventionelles SF-Story-Magazin nach amerikanischem Vorbild.

Kettlitz: In welchem Projektstadium war NOVA zu diesem Zeitpunkt?

Mommers: In noch gar keinem, es war erst nur eine Idee. Aber Ronald Hahn sah durch seinen Verlag Nr. 1 einige Möglichkeiten und hatte Erfahrungen mit Books on demand.

Kettlitz: Wie sah eure Zusammenarbeit konkret aus? Wer hat was gemacht?

Mommers: Wir drei haben gemeinsam das Konzept erarbeitet. Ronald Hahn war in der Folge für die Kurzgeschichten und Michael Iwoleit für die Essays und Sachtexte zuständig. Ich übernahm gezwungenermaßen – aus Eignung, nicht unbedingt aus Neigung – die Grafikredaktion und habe auch das Erscheinungsbild und die Umschlaggestaltung entworfen.

Kettlitz: Du stehst bis NOVA 4 als Mitherausgeber auf dem Umschlag, hast aber nur bei den ersten Ausgaben mitgearbeitet.

Mommers: In Tat und Wahrheit war ich nur für die Nummer 1 voll verantwortlich, und das auch nur, was die Illustrationen betrifft – und natürlich die Covergestaltung, die praktisch unverändert von meinem Entwurf übernommen wurde, und für die Auswahl der nächsten paar Titelbilder. Wir hatten Probleme mit Satz und Layout, gerieten immer wieder in Terminnot, hatten unterschiedliche Auffassungen über den organisatorischen Ablauf – kurz, wir wollten zwar alle das Beste für NOVA, nur zogen wir nicht synchron am Strick. So sind wir freundschaftlich auseinander gegangen. NOVA ist eine tolle Sache, ich wünsche dem Magazin das Allerbeste, ist schließlich auch mein Baby. – Es hat nachweislich den Markt für deutschsprachige Kurzgeschichten massiv belebt – und damit auch die Basis für meine Anthologien geschaffen.

Kettlitz: Wann entstand deine Idee, ein eigenes Projekt, nämlich die Anthologiereihe VISIONEN, auf die Beine zu stellen?

Mommers: Das war sogar mein ursprünglicher Gedanke. Dann fand ich aber die Idee, ein Magazin zu produzieren, noch viel verlockender. Allerdings macht mir jetzt die alleinige Herausgeberschaft und die Auswahl der Kurzgeschichten richtig Spaß, viel mehr als die Grafikredaktion; so habe ich Kontakt mit den Autoren, hier kann ich was bewegen. Übrigens gefiel mir der Titel »Visionen« immer schon sehr und ich hatte ihn, neben NOVA, auch für das Magazin vorgeschlagen. So kommt er jetzt für die Anthologiereihe zum Tragen, und da passt er doch bestens!

Kettlitz: VISIONEN ist jetzt also das Anthologieprojekt, das du dir schon immer vorgestellt hattest?

Mommers: In etwas anderer Form. Anfangs war mir noch nicht klar, wo die Bedürfnisse im deutschen Markt liegen. Es sollte einfach eine schöne Anthologie mit deutschsprachigen Autoren werden. Es gab da schon einige in der Kleinverlagsszene. Ich merkte, dass der Markt eigentlich etwas anderes braucht, und zwar eine Plattform für Kurzgeschichten von Profiautoren. Ich habe meiner Idee also eine neue Zielrichtung gegeben.

Kettlitz: Warum nur deutsche Autoren?

Mommers: Ich kenne die angloamerikanische Szene überhaupt nicht mehr. In den letzten beiden Jahren habe ich das Schaffen deutschsprachiger Kurzgeschichtenautoren der siebziger und achtziger Jahre gelesen und aufgearbeitet und mir ein Bild verschafft, wer was und in welcher Qualität verfasst hat. Ich will nur auf einem Gebiet etwas machen, in dem ich tatsächlich Bescheid weiß. Zudem kann man mit deutschsprachigen Autoren vorher über die Geschichten diskutieren, allenfalls auch Änderungswünsche anbringen, man kann inspirieren, motivieren, fördern. Bei bereits publizierten Geschichten, die nur noch übersetzt werden, kann man das nicht. Natürlich ist damit auch ein gewaltiger Arbeitsaufwand verbunden, etwas Neues auf die Beine zu stellen und nicht einfach nur aus einem riesigen Fundus die Rosinen herauszupicken. Dafür ist es kreativ.

Kettlitz: Du musstest aber die Kontakte zu Autoren erst wieder vollkommen neu aufbauen, oder konntest du alte Kontakte nutzen?

Mommers: Nutzen konnte ich nur wenige, aber immerhin hat mir mein Name, in Verbindung mit meiner Vergangenheit, viele Türen geöffnet. Ich habe mir eine Liste erarbeitet, die mehr als tausend Kurzgeschichten deutschsprachiger Autoren umfasst, die ich in der Zwischenzeit gelesen habe, darauf habe ich meine persönlichen Qualitätsmerkmale vermerkt. So habe ich sehr rasch herausgefunden, auf welche Autoren ich Wert lege, und sie, soweit ich an ihre Adressen herangekommen bin – das war zum Teil Detektivarbeit! – kontaktiert. Hinzu kommen natürlich noch einige, die in den letzten paar Jahren von sich Reden gemacht haben. Sehr stolz bin ich darauf, dass ich Autoren reaktivieren konnte, die schon längere Zeit nichts mehr geschrieben haben wie Karl Michael Armer, nach einer Pause von 11 Jahren, und Rainer Erler, der nach eigenen Aussagen mit dem Schreiben abgeschlossen hatte. Mein Dank geht aber auch an andere, wie Andreas Eschbach, der sich willig vor meinen Karren spannen ließ, und Erik Simon, der seine Story anderen Arbeiten vorzog, oder Michael Marrak, der die Arbeit an dem längst überfälligen Roman unterbrach, um die Story termingerecht abzuliefern.

Kettlitz: Entspricht die erste Ausgabe von VISIONEN jetzt deinen Vorstellungen? Bist du zufrieden?

Mommers: Ich wollte etwas qualitativ Hochwertiges zusammenstellen, das aber trotzdem sehr vielen Leuten beim Lesen Spaß macht. Ich lege großen Wert auf Unterhaltung, mir geht es nicht darum, einige Kritiker oder ein kleines elitäres Völkchen zu begeistern. Obwohl auch für die etwas dabei ist. Ich denke – ich hoffe –, das ist mir gelungen. Und so lange es meine Gesundheit zulässt, möchte ich noch viele Anthologien zusammenstellen. Mindestens neun weitere, bis zu meinem Siebzigsten. – Zufrieden bin ich nie. Hauptsache, die Leser sind’s.

Kettlitz: Welche Aktivitäten hast du in Zukunft über VISIONEN hinaus vor?

Mommers: Ich habe SPACE VIEW – DAS SCI-FI MAGAZIN – dafür gewinnen können, ab Frühjahr 2005 in jeder Ausgabe eine SF-Story zu bringen, eine Möglichkeit mehr für unsere deutschsprachigen Autoren, Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Damit wird das cineastische Programm dieser Zeitschrift, die übrigens an den meisten Kiosken ausliegt, zusätzlich zu Hermann Urbaneks Buchrezensionen um einen Literaturbeitrag bereichert. Ich habe die Redaktion übernommen und freue mich auf knackige, pointierte Storys. Näheres auf meiner Homepage unter »Projekte«.
   Tja, und weitere Aktivitäten? Wer weiß, welche Jugendträume ich noch aus der Versenkung hervorhole? Ich bin zwar Zeitreisender, aber nie aus der Zukunft zurückgekehrt ...

Kettlitz: Vielen Dank für das ausführliche Gespräch.

• Das Gespräch führte Hardy Kettlitz am 19. September 2004 in Leipzig.

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28.08.10 • 02.09.10