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The phantastic Worlds of Science Fiction Story

Helmuth W. Mommers

Stimme des Gewissens

Science Fiction > Kurd Laßwitz Preis > Stories & Romane

gegen Gebühr: Originalsatz der Story »Stimme des Gewissens« mit Illustrationen

Heute ist ein besonderer Tag.
   Er ist so besonders, dass sogar meine genetischen Eltern angereist kommen, um ihn mitzuerleben. Nicht, weil es mein Geburtstag ist, den feiern wir schon lange nicht mehr, sondern weil ich heute volljährig werde: es ist mein Achtzehnter.
   Heute werde ich als freier Mensch in die Welt entlassen.
   Heute werde ich abgenabelt.
   Grund genug für eine letzte Zwiesprache mit Amy und Joey, meinen Weggefährten. Und für eine Rückbesinnung.

An meine Geburt kann ich mich natürlich nicht erinnern; ich wurde in vitro gezeugt und ex utero herangezüchtet. Als es soweit war, dass ich das Licht der Welt erblicken sollte, genügte ein elektrisches Signal, um dies meinen medizinischen Betreuern anzuzeigen. Der Rest war Routine.
   Einige Tage später, so erzählte man mir, sei ich meinen Erzeugern übergeben worden. Auch daran habe ich, natürlich, keine Erinnerung. Aber es gibt ein Foto davon; stolz wurde es immer wieder vorgezeigt, als dokumentiere es eine besondere Leistung. Jedenfalls strahlten beide Elternteile übers ganze Gesicht. Wie damals, als sie, nach über einem Jahr Wartezeit, den neuen Skydiver von GM erhielten – oder endlich die Schlüssel zum Eigenheim. Ich glaube, es war einer jener glücklichen Momente in ihrem Leben.
   Meine frühesten Erinnerungen waren an Robbie, der sich um alles kümmerte, auch um mich, und mit mir spielte, als ich noch ganz klein war, und natürlich an Wuff, den mechanischen Hund, der dafür sorgte, dass ich genügend Bewegung hatte. Wir drei, ein Mensch und zwei Automaten, waren das Trio Infernale im Block. Nicht jeder hatte das Glück, solche Spielgefährten zu haben. Manche mussten sich mit ihren Eltern begnügen.
   Das erste einschneidende Erlebnis hatte ich mich Vier. Da bekam ich Amy.
   Amy ist mein Gewissen.
   Es tat gar nicht weh; ich war nur eine Zeitlang benommen von der Op, und es dauerte ein paar Tage, bis das Ziehen in meinem Nacken verschwunden war. Dort sitzt der Biochip. Im Gehirn selbst, also dort, wo Amy wohnt, fühlt man keinen Schmerz. Außer, wenn Amy traurig ist. Dann ist es meine Schuld.
   Natürlich will ich nicht, dass Amy traurig ist.
   Wenn ich also im Begriff stehe, anderen Kindern einen Streich zu spielen, oder ihnen ihr Spielzeug wegzunehmen, ermahnt mich jetzt Amy, nicht mehr Robbie.
   »Timmy«, würde sie mit ihrer lautlosen Stimme tadeln, »findest du das richtig? Möchtest du, dass man dir das antut?« Und auf mein anfängliches Bocken hin: »Was, wenn man dir deinen Gamemaster wegnimmt?«
   Ich würde mir vorstellen, wie das wäre, und fände es wirklich nicht toll. »Aber ist doch nur geborgt«, würde ich einen zweiten Versuch unternehmen. Laut, damit es der andere Junge auch hören könnte. Und weil ich es so gewöhnt bin: Viele Leute sprechen ganz offen mit ihrem Gewissen. – Wenn sie eines wie Amy haben. Anders meine Eltern, die führen Selbstgespräche, wenn sie schon nicht miteinander reden, was selten genug ist.
   »Dann bitte ihn darum.« Es klang selbst wie eine Bitte; Amy forderte nie, noch befahl sie.
   Wenn ich jetzt trotzdem meinen Willen durchsetzte, würde sie traurig sein. Und das würde mich traurig machen.
   Robbie würde die ganze Zeit über still dastehen, in seinem chromglänzenden Gehäuse, und einfach nur abwarten. Wuff dagegen würde mit seinem synthetischen Schwanz wedeln und auffordernd kläffen. Wenn ich dann – zur Einsicht gekommen – ihrem Bitten nachgäbe, würde mich ein wohliges Gefühl durchfluten, besser als ein Streicheln meiner Mutter, besser als Eiscreme im Sommer, besser sogar als eine Freifahrt im Magic Park. Es käme von innen her, von Amy aus, und würde sich von ihr über meinen ganzen Körper verbreiten, bis in die Finger- und Zehenspitzen. Es würde sagen ›Das hast du aber gut gemacht! Das war cool. Tim, du bist der King!‹ Wie wenn ich gerade den Rekord eingstellt hätte: Neuer First Player ist TIMMY. Klingeling, ringring, dadada, paff-päng-bumm!
   Die anderen Jungs und Mädels würden es vielleicht nicht hören können, aber an meinem Gesichtsausdruck und an meinem stolz geschwellten Brustkorb merken. Und das gemeinsame Spiel würde so fröhlich fortgesetzt werden, wie es begonnen hatte.
   Nein, nein – Amy war schwer in Ordnung!
   Auch bestrafte sie mich nie.
   Anders als damals Carl, das ist mein ›Vater‹, als er mich beim Lügen ertappte. Eine Kurzschlusshandlung, sicher war ihm nur die Hand ausgerutscht. Sogleich entschuldigte er sich bei mir. Die Wut brannte nicht weniger als die Ohrfeige und schlug unvermittelt in Rachegelüste um. Wäre Amy nicht gewesen, die mir mein eigenes Verschulden vor Augen hielt, ich hätte ihn angezeigt; das Familiengericht kannte kein Pardon für jede Art von Gewalt. So aber fühlte ich mich mies. Schluchzend bekannte ich die Wahrheit. Und entschuldigte mich.
   Amy war sehr glücklich darüber.
   Wir alle weinten und umarmten einander und lachten schließlich wie eine einzige glückliche Familie – wieder einer jener seltenen Augenblicke, in denen man die Verbundenheit, die Zugehörigkeit körperlich spürt, auch wenn Amy keine richtigen Arme hatte.
   Damals dachte ich noch, eines Tages würden ihr welche wachsen.

Mit Sieben erlebte ich die nächste Zäsur. Ich bekam Joey.
   Joey ist mein Tutor.
   Damals nannte er sich noch ›Lehrer‹.
   Keine Op diesmal; er wurde einfach nur aufgeschaltet. Trotzdem war es ein feierlicher Anlass. Ich bekam die neuen bunten Always Clean-Synthecs, die ich mir schon immer gewünscht hatte, mit den vielen Taschen für all die kleinen lebensnotwendigen Dinge, die ein Junge so mit sich herumschleppt, neue hyper Multifunktions-Schuhe, die mit den ausfahrbaren Kufen und Rollen und Stoppeln und Gleitpolstern, dazu eine Riesentüte voll Leckereien mit auf den Schulweg. Nur Robbie und Wuff musste ich zurücklassen.
   An diesem ersten Tag fand ich viele neue Freunde.
   Keine Feinde, dafür sorgte Amy. Und ihresgleichen.
   Schule war Klasse. Wenn wir uns nicht gerade durch das ABC oder Einmaleins, oder später durch Logistik und Mengenlehre quälten, waren Leibesübungen dran oder Mannschaftssport. Das mit dem Quälen stimmt natürlich nicht, ist nur so ein Spruch. Joey soufflierte bei Bedarf. Und wenn wir was nicht auf Anhieb kapierten, so bei Erdkunde in der freien Natur, oder bei Biologie im Zoo oder im Aquapark, wies er mir stets den Weg zur Erkenntnis.
   »Siehst du den Affen dort?«, hatte er einmal gefragt. Und auf mein Nicken hin gesagt: »Davon stammen wir alle ab.«
   »Wie das?«, hatte ich staunend protestiert. »Der hat doch lauter Haare. Igittigitt! – Und grunzt statt redet. Außerdem hat er einen Schwanz und läuft auf allen Vieren.«
   Geduldig hatte Joey mir erklärt, wie meine Vorfahren sich vor langer, langer Zeit aufgerichtet und wie sie im Laufe der Jahrhunderttausende die Haare verloren und die Sprache gefunden hatten.
   »Wird das auch mit Wuff passieren?«, hatte ich damals halb ängstlich, halb hoffnungsvoll gefragt.
   »Nein, nein, Wuff ist kein richtiger Hund. Wuff ist ein Spielzeug, ein Spielgefährte
   Im Zoo bekam ich dann richtige Hunde zu sehen. Waren nicht so sauber und fröhlich wie Wuff.
   »Und was sind das?«
   »Das sind Tiere. – Das sind Lebewesen wie wir Menschen, nur sehen sie anders aus und können nicht denken
   »Dann haben sie keine Amy – und auch keinen wie dich?«
   Joey erklärte mir, dass sie die nicht bräuchten; sie hätten richtige Eltern, ein Mutter- und ein Vatertier, das sie zeuge und gebäre und aufziehe und sie behüte, bis sie erwachsen seien, um in die freie Wildbahn entlassen zu werden.
   »Habe ich keine richtigen Eltern?«, hatte meine kindliche Frage gelautet.
   »Natürlich hast du richtige Eltern. Aber sie können sich nicht die ganze Zeit um dich kümmern, dafür gibt es die Onkel Doktoren, die netten Schwestern, die Schulleitung – und natürlich Robbie und Wuff, ja und Amy und mich auch.«
   Ich hinterfragte das nicht weiter, ich hatte es nicht eilig. Joey wäre immer da, um mir eine Antwort zu geben. Tag und Nacht. Bis zu meinem Achtzehnten.

Mit Zwölf hatte das Pauken ein Ende. Wurde auch Zeit.
   Wir bekamen den ›Nürnberger Trichter‹, so benannt nach einer deutschen (Sie wissen schon, das Alte Mitteleuropa) Legende: Man bohrte ein Loch in den Schädel, setzte einen Trichter an und füllte frischfröhlich das konzentrierte Wissen ins Gehirn. Der Autor musste über eine prophetische Gabe verfügt haben – heute nennt man es Download.
   Wieder eine Operation. Diesmal würde der alte Biochip gegen einen neuen, leistungsfähigeren ausgewechselt werden, außerdem würde ein zusätzliches Highspeed-Interface unter das Schädeldach implantiert und mit den verschiedenen Hirnregionen vernetzt werden. Dazu würden ein knappes Dutzend Löcher (sic!) in den kahlrasierten Schädel gebohrt (heute natürlich lasergebrannt) werden, um über Buchsen den direkten Zugang zu erlauben. Damit man stöpseln konnte.
   Ich muss gestehen, ich hatte ziemlich Schiss davor. Nein, nicht wegen der Op. – Ich hatte Angst, Amy und Joey würden irgendwie ... na, weg sein oder nicht mehr dieselben ... und das hätte mich zu diesem Zeitpunkt mehr getroffen als ... ja, warum sollte ich es nicht zugeben? ... als meine Erzeuger bei einem Unfall zu verlieren. So ist das eben.
   Kaum gedacht, warnte mich Amy in ihrer fürsorglichen Art und gemahnte mich an das 4. Gebot: ›Du sollst Vater und Mutter ehren.‹ Aber deswegen muss ich sie nicht lieben.
   Amy liebe ich. Wenn ich vor dem Einschlafen im Bett liege, stelle ich mir vor, wie sie plötzlich Fleisch wird. Dann nimmt sie die Gestalt an von LaMyra, das ist der Wonneproppen aus der Interaktiv (für Erwachsene)-Serie St. Petersburger Weiße Nächte; natürlich mit dem lieblichen Gesicht von Ulla, meiner Klassenkameradin zur Zeit. Ulla, ohne eine Faser am Leib.
   Diesmal kam keine Reaktion von Amy. Also war es wohl kein ›unkeuscher‹ Gedanke. Obwohl ich jedes Mal ein eigenartiges Ziehen in meiner Lendengegend verspürte.
   Joey erklärte es mir. Das sei ganz normal, das sei Ausdruck der beginnenden Pubertät. Aha, dachte ich, ich entwickle mich zum Mann, zum ›Vatertier‹, und sehe in Amy ein ›Muttertier‹. Ich dachte an die Affen und woher wir alle stammten ...
   Es ging natürlich alles gut, was sonst. Als ich nach einer Woche das Spital verließ und nach Hause gebracht wurde, warfen sich Elizabeth und Carl einen bedeutungsvollen Blick zu; sie saßen gerade bei Bier und Chips vor der Hologlotze und zogen sich eine Interaktiv-Show rein. Sie hingen am Draht, also reichte es nicht für mehr. Ich ließ sie machen. Ich hatte ja Amy wieder, und Joey, und den schwanzwedelnden, an mir hochspringenden Wuff – und sogar der Blechmann freute sich über das Wiedersehen.
   Bald würde auch ich stöpseln.

Das neue Schuljahr begann mit einem Umzug ins obere Stockwerk. Dort gab es keine Sessel mehr, dafür Liegen, gepolsterte und gefederte sogar. Klar mussten wir sie sofort ausprobieren, oft zu zweit. Das Gejohle war ohrenbetäubend.
   Ich warf Ulla einen verstohlenen Blick zu; sie aber hatte Augen nur für einen anderen. Außerdem sah sie jetzt – ohne ihre langen gelockten Haare – viel knabenhafter aus. Ihr Schädel war über und über mit bunten Kringeln bemalt, man konnte gar keine Buchsen sehen.
   Eigentlich war sie gar nicht hübsch genug für Amy. Ich hakte sie ab.
   Zum Unterricht kam ein neuer Betreuer. Und der Direktor. Ich spürte sofort, jetzt wurde es ernst. Vorbei das Spielen, vorbei aber auch das Büffeln. Wir traten, sozusagen, in eine neue Welt, die der Erwachsenen, und wechselten die Kost: Fast Food fürs Gehirn, wie wir es mit einer Mischung von Wohlgefallen und Verachtung nannten: die Wissensvermittlung mit der Riesenkelle.
   Der Auftritt des Direktors erinnerte mich an SimMaster Zorro beim Betreten der Cyperbühne, verfehlte aber nicht seine Wirkung.
   Wir alle machten uns sogleich mit den Monitoren, den Kabeln, den Stöpseln und nochmals mit den Liegen vertraut, einer half dem anderen unter viel Geraune, unterdrücktem Lachen, witzelnd vor Aufregung, wenn man zu große Mühe mit dem Spiegel über dem Screen bekundete – ist ja alles seitenverkehrt darin – und schließlich checkte unser Betreuer alle durch wie der Flugbegleiter in einem Jet. Und verabschiedete uns mit einem »Bitte anschnallen und das Reden einstellen. Ich wünsche eine gute Reise«.
   Ich zitterte ein wenig, die Aufregung über das Erste Mal hielt auch mich in ihrem Bann; doch da war ja Amy, die ich unsichtbar und schweigend an meiner Seite wusste. Und Joey, der beruhigend in meinem Kopf flüsterte, es werde alles gut und tue auch nicht weh, bis auf den Brummschädel, den ich hernach haben würde, aber nicht für lange, und dann gäbe es wieder Fun und Action für mich.
   Also schloss ich die Augen und zählte mit beim Countdown.
   Bei GO! verlor ich das Bewusstsein.
   Der Download hatte begonnen.

Tags darauf sprach ich Spanisch – die zweite Weltsprache. Natürlich noch nicht perfekt, ich hatte Mühe, meine Stimmbänder zu kontrollieren. Und die Zunge. Ich wusste wie, hatte aber keine Übung. Das ist, wie wenn man auf einem Drahtseil balanciert, mit Stange und geeignetem Schuhwerk, aber Angst hat runterzufallen. Immerhin kannte ich den gesamten Wortschatz, die üblichen Redewendungen und, wichtiger noch, das Regelwerk und die Grammatik.
   »!Hola, bon dia!« (das war umgangssprachlich), begrüßten wir einander am nächsten Tag. »Cómo estás?« Oder neckend: »Que guapa!« Und anzüglich: »Eh, chica, vamos a joder?« Worauf die Mädels mit gespielter Verachtung ein »!Machista!« spieen und den zwei gestreckten Fingern ihrer Hand ein »!Cabrón!« folgen ließen, was für einen Vertreter der männlichen Gattung soviel wie ›Gehörnter‹ bedeutete und damit das schlimmste Schimpfwort.
   Im Gebrauch des Erlernten unterschieden wir uns nicht von den Sprachschülern früherer Zeiten: Die saftigsten Ausdrücke schmecken am besten.
   Amy, die wusste, dass es nicht ernst gemeint war, hüllte sich in hörbares Schweigen. Irgendwie hatte ich das komische Gefühl, sie kicherte.
   Zwei Downloads die Woche, abhängig natürlich vom Umfang des Lehrstoffes, waren das Maximum, das man einem Menschen zumuten konnte; die Tage dazwischen wurden fürs Praktikum genutzt, den Sonntag ausgenommen. Dieser war für Spiel und Fun reserviert.
   Mit Vierzehn hatten wir ein derartiges Pensum absolviert, dass man uns, zumindest was die Wissensfülle betrifft und im Vergleich zu unseren Altvorderen, als kleine Universalgenies bezeichnen konnte, wenn uns auch Inspiration und Kombinationsgabe eines Einstein fehlten. Vor allem in den Naturwissenschaften waren wir auf dem letzten Stand; nur in den Geisteswissenschaften haperte es ein wenig. Physik, Chemie, Kybernetik – alles ein Klacks, wenn da nicht die Mathematik wäre, die nicht nur aus Formeln und Tabellen besteht. Einfacher schon Geologie, Biologie, Genetik – und erst recht fremde Sprachen. Dafür: Einerlei, wie viel man in uns einspeiste, wir wurden keine Schopenhauers. Und kannten wir auch die Techniken, befähigte uns das nicht zum Malen, Musizieren, Dichten. Talent schien angeboren und nicht vermittelbar. Noch nicht.
   »Wofür das alles im Kopf behalten?«, fragte ich einmal Joey, »wenn man es genauso gut abrufen könnte – von dir oder von der Datenbank ...«
   »Weil man dir alles wegnehmen kann – Hab und Gut, das letzte Hemd, auch den Online-Zugang – nicht aber das, was du im Kopf hast – Wissen, Erfahrung, Erinnerungen. Das ...«, sagte er eindringlich, »... ist dein größter Schatz.«
   Aber wie steht’s dann mit dir und Amy?, lag mir auf der Zunge. Wenn man mir euch eines Tages wegnimmt ... Ich hatte mir angewöhnt, laut mit Amy und Joey zu kommunizieren, oft genug vokalisierte ich sogar ihre Antworten; Amys mit sanfter hoher Stimme, Joeys mit strengem Bariton. Es war, als begleiteten sie mich Seite an Seite, in einer Gestalt und mit einer Stimme, wie sie meiner Vorstellung entsprachen. Es hätte mich nicht überrascht, wenn sie eines schönen Tages neben mir materialisiert wären.
   Meine Erzeuger hingegen ertappte ich immer wieder bei Selbstgesprächen. Wahrscheinlich hatten sie eine gespaltene oder multiple Persönlichkeit. Aber eben, meine Welt ist nicht die der Erwachsenen.
   Wie sie überhaupt immer mehr auseinander drifteten, meine und ihre Welten.
   Ich sah sie jetzt nur noch ein paar Mal im Jahr, zu Weihnachten oder während der großen Schulferien. Sie seien ja so beschäftigt, argumentierten sie, als sie mich ins Internat steckten, und ewig hätten sie auch nicht zu leben; immerhin hätten sie sich erst mit Sechzig für mich entschieden, da gelte es, die Zeit zu nutzen, solange man noch rüstig sei und am Leben Spaß haben könne!
   Ich gönnte ihnen den Spaß.
   Spaß haben wollte ich selber.
   Aber Internat bedeutete: Endgültig von Wuff Abschied nehmen, meinem treuen Hund. Robbie war längst gegen eine neue Kücheneinrichtung eingetauscht worden.

Meine Vorstellung von Amy wandelte sich mit fortschreitender Pubertät: Jetzt, mit Vierzehn, nahm sie immer weiblichere Formen an; ihr Gesicht, zuvor noch mädchenhaft, sinnlicher; ihre Stimme rauchiger. Wenn sie in meiner Fantasie die Lider senkte und die vollen Lippen öffnete, stellte ich mir vor, ich würde meine Arme um ihre Taille schlingen, sie an mich drücken und innig küssen. Regelmäßig bekam ich dann einen Steifen.
   Amy protestierte nicht.
   Sie – mein Gewissen – meldete sich erst bei anderer Gelegenheit.
   Es war, als ich einmal während des Unterrichts – wir hatten Praktikum – austreten musste. Schon als ich den Toilettenraum betrat, empfing mich ein Stöhnen wie von einem Verletzten. Dazu sah ich unter der Kabinentür einen Schuhabsatz hervorlugen, der in eigenartig verdrehter Position zuckte, als habe sein Besitzer einen Anfall. Unschlüssig, ob ich kehrtmachen und Hilfe holen oder erst nachsehen sollte, verlor ich kostbare Sekunden. Die Tür war verschlossen, also spähte ich bäuchlings ins Innere.
   Tatsache, drinnen lag ein Student, aus einer der höheren Klassen; er war von der Toilettemuschel heruntergerutscht, er hechelte mit verdrehten Augen, seine Gliedmassen zuckten unkontrolliert. Schon wollte ich um Hilfe schreien, da sah ich das Ding auf seinem Kopf.
   Er hing am Draht. Voll zugestöpselt. Sky-high. Das Ding musste auf Maximum gestellt sein, denn sein Träger stand unter unglaublicher Spannung, er vibrierte förmlich. Und dann entlud sich die Spannung in einem Aufschrei – und ich sah, wie sich in seinem Schritt etwas selbständig machte und die Hose verfärbte.
   Rasch zog ich den Kopf zurück; ich atmete schwer. Ich war starr vor Schreck – oder vor Erregung? Ich war noch ›Jungfrau‹ (warum eigentlich heißt das so?) und hatte noch nicht einmal einen feuchten Traum gehabt, Amy behüte!
   Später dann, in der Freizeit auf dem Schulhof, siegte meine Neugierde über die Scheu. Ich erfuhr, dass die meisten anderen schon gestöpselt hatten – also nicht das Übliche, die jugendfreien Shows und so, nein, so richtig gestöpselt, mit tragbaren Playern, illegalen Chips, Joystick und Akkus am Gürtel. »Aber ist das nicht gefährlich?«, echote ich die Warnungen der Erwachsenen. »Es soll Chips geben, die süchtig machen!«
   »Iwo! – doch nicht das bisschen Sex und Crime!«
   »Wie Crime?« Ich dachte an die Erwachsenen, die mir vereinzelt begegnet waren, denen offenkundig ein ›Wärter‹ im Nacken saß, der sie hinderte, weitere Straftaten zu begehen. Mit dem stritten sie oft, wie unbelehrbar und unverbesserlich, gefolgt von einem Wutausbruch. Dann wälzten sie sich am Boden, Schaum vor dem Mund. Ich machte stets einen großen Bogen um diese bedauernswerten Geschöpfe, als hätten sie eine ansteckende Krankheit.
   Stand ich im Begriff, infiziert zu werden?
   »Na, ist doch nicht wirklich ...«, kam die Entgegnung.
   »Aber so gut wie!«, fand ein anderer.
   »Besser als wirklich«, ein dritter. »Obergeil. Kannste jemanden zerschnetzeln und bekommst keinen ›Wärter‹ verpasst.« Die Vorstellung, seine Aggressionen ungestraft ausleben zu können, stand ihm leuchtend ins Gesicht geschrieben. Es machte mir Angst.
   »Und Sex?«, fragte ich zaghaft.
   »Ah ...!«, tönte der Verharmloser, »... das ist was anderes. Ist doch natürlich, die Affen machen’s auch!« Er demonstrierte es mit ruckendem Becken; die anderen kicherten und grölten.
   Die Röte stieg mir ins Gesicht. Ich dachte an Amy und ...
   Aber es ließ mir keine Ruhe mehr, bis ich einen Dealer gefunden und es selbst ausprobiert hatte. Ende der Unschuld.
   »Du sollst keine Unkeuschheit treiben«, mahnte Amy, nachdem es passiert war. »Was du gemacht hast, war schlecht. Du hast potentielles Leben vergeudet.« Und sie erklärte mir, was daraus in einem Labor alles hätte entstehen können. Schlimmer noch, ich selbst sei so entstanden. Würde ich wollen, in der Wäsche zu landen, statt zu leben?
   Ich fühlte mich hernach richtig minderwertig.
   Ich versprach, es nie wieder zu tun. Und wenn, dann nicht vergeuden. Lieber es machen wie die Affen.
   Ach, wenn Amy doch real wäre!

Von Vierzehn bis Achtzehn sind es vier lange Jahre. Klar, dass meine erste große Liebe (von der überirdischen zu Amy abgesehen) nicht so lange warten konnte.
   Vielleicht würde es ja eines Tages erlaubt sein, triebhemmende Mittel direkt ins Gehirn zu injizieren, oder zumindest, die zuständige Region so zu stimulieren, dass körpereigene dämpfende Substanzen ausgeschüttet würden. Sozusagen präventiv. Nur eine Frage der Gesetze. Dann könnte Amy, bevor ich noch ein schlechtes Gewissen haben müsste, vorsorglich eingreifen – wie ein Schutzengel.
   Bei dieser Überlegung angelangt, fragte ich mich ernsthaft, was es mit diesem Glücksgefühl auf sich hatte, das ich jedes Mal empfand, wenn Amy mich auf den rechten Pfad zurückgeholt hatte. Ging das von mir aus, oder kam es von außerhalb? – das heißt, wurde es in mir ausgelöst? Was veranlasste mein Gehirn, Endorphine auszuschütten? War es mein eigenes Gewissen (jeder Mensch hat doch eines, sagt man), das mich über den Ausdruck von Reue, Wiedergutmachung oder Einsicht glücklich sein ließ? Oder war es Amy, mein aufgeschaltetes Gewissen?
   Und was war die Ursache für meine gelegentliche Traurigkeit? Etwa Naloxin in den vorgeschalteten Synapsen? Serotomin?
   Ich hätte Joey fragen können, aber tat es nicht. Wollte ich es überhaupt wissen?
   Meine erste große Liebe in natura war Bonnie. Sie entsprach so ungefähr dem, wie ich mir Amy ausgemalt hatte: Sexy eben. Vielleicht erwählte ich sie gerade deswegen, vielleicht sollte sie Amy nur stellvertreten.
   Meinen beschämenden ›Ausrutscher« mit Vierzehn vor Augen, war ich viel zu lange keusch geblieben, um einen klaren Kopf zu behalten. Also dachte ich mit dem Unterleib. Und ich dachte ziemlich lang und angestrengt.
   »Jetzt lass schon gut sein«, kam Bonnies indignierter Kommentar. »Was, wenn ich schwanger werde?« Es sollte ein Witz sein, denn sie schluckte gleich darauf die Pille-für-Danach.
   »Ich habe nichts gegen ein Baby«, sagte ich – und dachte an Amys Warnung, Leben nicht zu vergeuden.
   »Spinnst du?«, entgeisterte sich Bonnie. »Und vielleicht soll ich es auch noch austragen ...!« Sie sprang auf und lief ins Badezimmer.
   Ich wartete auf eine Reaktion von Amy, aber es kam keine.
   Das war’s dann. Bei den anderen wusste ich es besser.
   Kurz vor dem Achtzehnten bekam ich meinen Doktorhut. Es war mein erster und würde nicht mein letzter sein. ›Vater‹ und ›Mutter‹ waren mächtig stolz auf mich, sie verfolgten über Holovision die Zeremonie von einer Kreuzfahrt aus; ihre Lichtpunkte strahlten übers ganze Gesicht, sie selbst hatten als zu früh Geborene eine solche Chance nicht gehabt. Und Joey freute sich nicht weniger. Er klopfte mir sinnbildlich auf die Schulter, fast spürte ich seine Hand, und nannte mich ›mein Sohn‹.
   »Das hast du toll gemacht, mein Sohn«, sagte er. »Ich bin ja so stolz auf dich. Ach, Tim, was werde ich machen ohne dich ...?« War Joey es oder war es der Anlass, es rührte mich fast zu Tränen. Tapfer verkniff ich sie mir.
   Bei Amy hätte ich wahrscheinlich losgeheult.
   Ich tat’s dann auch, als es soweit war.

Im Beisein meiner Erzeuger und eines juristischen Beistands nehme ich aus der Hand des Behördenvertreters die feierlich überreichte Urkunde entgegen, die bestätigt, dass ich volljährig, wohl beleumundet – also nicht vorbestraft –, eigenverantwortlich und ungebunden als freier Bürger dieses Staatenbundes in die Welt treten darf.
   Noch ehe ich realisiere, dass die Zeit des Abschieds von Joey und Amy gekommen ist, hat der Amthalter die Enter-Taste gedrückt und damit die Verbindung gekappt.
   »Sie sind jetzt allein auf sich gestellt«, sagt er. »Gratuliere!« Und schüttelt mir die Hand.
   »Willkommen in der Freiheit!«, sagt der Notar.
   »Joey?«, frage ich laut.
   Aber Joey antwortet nicht.
   »Amy?«
   Schweigen.
   »Amy!«
   Ich spüre eine Hand auf meiner Schulter, schwer wie eine Riesenlast liegt sie da.
   »Du musst jetzt ohne Amy auskommen«, höre ich eine Stimme wie aus weiter Ferne.
   Die Erkenntnis lässt meine Augen tränen. Ich habe plötzlich Atemnot.
   »Ist nicht so schlimm ... Wirst dich bald daran gewöhnen ... Hast dein eigenes Gewissen ...« Versuche der Besänftigung.
   Mein eigenes Gewissen, geformt während vierzehn Jahren täglicher Anleitung, fürsorglicher Betreuung, mütterlichen Ratschlags.
   Jemand sagt, das seien die üblichen Entzugserscheinungen; ich nehme es nur unterbewusst wahr, werde mich später daran erinnern.
   Jetzt zählt nur der Verlust. Ich schluchze. Im nächsten Moment unkontrolliert. Als habe man mir das Herz aus dem Leib gerissen, mich ausgequetscht und auf den Müll geworfen.
   »Sieh, wo du bleibst. Mit deinem eigenen Gewissen.«
   Geleitet von hilfreichen Händen stolpere ich mehr als ich gehe hinaus ins Freie, in die sogenannte Freiheit, die mir plötzlich so leer und sinnlos vorkommt.
   Ich fühle mich gar nicht frei. Ich fühle mich abgenabelt. Ausgesetzt. Verlassen.
   Ich reiße mich los und renne geradeaus, immer nur geradeaus. Habe kein Ziel. Nur weg.
   Ich pralle heftig gegen ein Hindernis; es ist ein schwerer, nachgiebiger Körper; das Trägheitsmoment lässt mich gemeinsam mit dem Hindernis zu Boden stürzen und über den harten Gehsteig schlittern.
   Als ich mich benommen aufrappele, sehe ich das Opfer meiner blinden Hatz. Eine ältere Frau, die Mühe hat, auf die Beine zu kommen. Sie blutet aus einer Wunde am Kopf und stöhnt; der Inhalt ihrer Handtasche liegt über den Gehsteig verstreut.
   »Entschuldigen Sie ... bitte entschuldigen Sie»«, stammle ich. »Es tut mir ja so leid!« Und helfe ihr auf die Beine. Sie greift sich an die Stirn und blickt entsetzt auf ihre blutige Hand. Sie stöhnt.
   Ich habe ein fürchterlich schlechtes Gewissen.
   »Tim«, höre ich mich sagen, »so geht das nicht. Du kannst nicht einfach drauflos rennen und die ganze Welt um dich herum vergessen! Du musst Rücksicht nehmen ...«
   »Ja, Amy«, antworte ich.
   »Alles in Ordnung? Sind Sie verletzt? Können Sie gehen?«, frage ich atemlos die Dame. Sie macht einige zaghafte Schritte und nickt; ich sammle ihre Einkäufe ein, reiche ihr die Tasche.
   »Nicht so schlimm. Geht schon wieder.« Die Fremde lächelt jetzt gütig; eine altersfleckige Hand erhebt sich an meine Wange und tätschelt sie. »Die Augen auf, junger Mann. Das Leben ist lang und die Welt ist schön.«
   Ein letztes gehauchtes »Entschuldigung« auf den Lippen sehe ich ihr nach, als sie winkend ihres Weges geht.
   Ja, Rücksicht ist die erste Bürgerpflicht, ermahne ich mich.
   »So ist’s gut, Timmy.«
   Ich spüre ein warmes Glücksgefühl. Ich glaube, es kommt von innen her – aus mir heraus. Es ist die Einsicht, die glücklich macht.
   Oder ist es Amy?
   Ich weiß nicht wie, aber sie ist noch da, als habe sie sich eingenistet – ich kann mit ihr Zwiesprache halten. Ist das vielleicht der Grund, warum so viele Erwachsene Selbstgespräche führen?
   Hauptsache, ich bin nicht allein.

Jahre sind seither vergangen. Ich habe meine Professur gemacht, summa cum laude versteht sich, auch ohne Tutor im Kopf, dafür mit direktem Zugriff auf die Staatliche Datenbank.
   Ich lehre an der Universität, habe einen sicheren Job, ein gutes Auskommen. Meine Frau kommt aus der dritten Welt, sie ist Asiatin, da zählt die Familie noch was. Und unsere zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen – so hatten wir es geplant – sind natürlich geboren.
   Ken ist Zwei, Yoko ist fast Vier. Sie ist schon ganz zappelig, sie kann es kaum erwarten, bis sie ihr Gewissen kriegt. Hat ihm schon einen Namen gegeben: Gabriel. »Ich bekomme«, sagt sie, »einen großen Bruder«.
   Wie recht sie hat.
   Heute nenne ich Amy meine ›Große Schwester‹. Letztes Jahr haben wir elektronischen Nachwuchs bekommen: Herb, Dein Freund und Helfer – er vertritt die Exekutive. Und Dorothé, zuständig für Information und Kommunikation.
   Es zirkulieren Gerüchte, wonach – je nach Konfession – nächstens ein religiöser Beistand aufgeschaltet werden soll ... ›Jesus Christus‹ oder ›Mohammed‹ oder so ...
   Nun, jedes neue Mitglied ist eine Bereicherung, kein Verlust.
   Wir alle sind eine große glückliche Familie.

© 2004 by Helmuth W. Mommers
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

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Erstveröffentlichung in
C'T - MAGAZIN FÜR COMPUTERTECHNIK 15/2004
(Hannover: Heise Verlag, 2004) Bestellen
Siehe auch
Helmuth W. Mommers: »Personal Android« [Story]
Helmuth W. Mommers: »Ein Programm zum Verlieben« [Story]
Die Rückkehr des Zeitreisenden - Interview mit Helmuth W. Mommers
Homepage von Helmuth W. Mommers
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06.09.10 • 08.09.10