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ALIEN CONTACT
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Boris Babura

Der Rosenzüchter

Science Fiction > Alien Contact | Stories
Der Traum, den Malik träumte, nahm eine dramatische Wendung, als die Alarmsirene ertönte, und im gleichen Moment riss es ihn aus dem Schlaf. Reflexartig sprang er aus dem Bett. Begleitet vom konstant schrillen Geräusch und einem daraus resultierenden Gefühl der Panik, das seine übliche Morgenmattheit zur Gänze verdrängte, durchquerte er mit wenigen Schritten seinen für einen Rosenzüchter typischen, nur mit dem Nötigsten eingerichteten Wohnraum. Das Bett, ein Tisch, ein Sessel, ein Multifunktionsbildschirm, der ihm verriet, dass es erst fünf Uhr morgens war, und ein Kleiderschrank fanden darin Platz. Malik riss seinen orangefarbenen Arbeitsanzug vom Haken, der neben Letzterem befestigt war, und zog ihn eilig an. Im Laufschritt verließ er das Zimmer, um die nervtötende Sirene so schnell wie möglich vom Kontrollzimmer aus zu deaktivieren. Es machte einen schlechten Eindruck, nicht unverzüglich auf eine Anomalie zu reagieren.
   Durch einen schmalen Korridor erreichte Malik das grell beleuchtete, fensterlose Kontrollzimmer. Es war mit einem Stuhl, ein paar Monitoren und der Steuerkonsole, vor der ein altes, abgegriffenes Mikrofon befestigt war, ausgestattet. An der gegenüberliegenden Tür, die in den Produktionsbereich führte, hing ein Plakat, das ein lächelndes Mädchen zeigte. Es schien ein sehr aufgewecktes und glückliches Kind im Alter von schätzungsweise zehn Jahren zu sein. Sein linkes Auge war geschlossen, was den Eindruck erweckte, dass es dem Betrachter zuzwinkerte. Über dem Kopf stand in großen Buchstaben: »Danke!«. Darunter, ein wenig kleiner: »Lust auf Fleisch?«. Außerdem war das Logo der Firma, in deren Fabrik Malik wohnte und arbeitete, auf dem mittlerweile lädierten Plakat abgedruckt. Oft, wenn er nichts zu tun hatte, ertappte sich der Rosenzüchter dabei, wie er lethargisch auf das Bild starrte, während er mit seinen Gedanken ganz woanders war. Er fragte sich manchmal, warum es, trotz seiner Unbeweglichkeit, so oft Ziel seiner Blicke war. An diesem Morgen schenkte er dem Plakat nicht mehr Aufmerksamkeit als der kahlen Wand. Sein Interesse galt allein der Steuerkonsole. Ein Knopfdruck und eine hastige Überprüfung der Monitore genügten, um die Sirene abzustellen und die Anomalie zu lokalisieren. D-1 I8 I3 war der Übeltäter. Das war keine Überraschung, denn diese Nummer war in letzter Zeit des öfteren auf dem Monitor erschienen. Doch darunter erblickte Malik eine Meldung, die ihn stutzig machte und seiner inneren Unruhe, die ihn während der letzten Tage begleitet hatte, noch eins draufsetzte: »Nahrungsaufnahmeverweigerung« stand da in blinkenden Buchstaben geschrieben. An sich nichts Außergewöhnliches, denn es handelte sich um die fast einzige Art der Anomalie, die die Rosenzüchter, im Gegensatz zu den anfangs häufig auftretenden und überaus ärgerlichen Haut- und Magenrissen, bis heute plagte. Er hatte diese Meldung jedoch noch nie außerhalb der Fütterungszeiten erhalten.
   Also begab sich Malik eiligen Schrittes in den hinteren Bereich der Produktionshalle, in dem der Übeltäter mit der Tätowierung D-1 I8 I3 befestigt war. Mit nur knapp hundertfünfzig Kilogramm war er für sein Alter alles andere als ein Prachtexemplar. Nicht sehr produktiv. Und hässlich. Aber das hatten sie alle gemein, ob fett oder untergewichtig, ob schmackhaft oder ungenießbar. Liebevoll wurden sie »Fleischrosen« getauft. Natürlich gab es auch einen Fachbegriff, der jedoch so gut wie nie benutzt wurde. Nicht einmal Malik, der sozusagen ein Experte war, war er geläufig.
   Die Anatomie der Fleischrosen kannte er hingegen ziemlich gut. Es gab den Primärteil und den Sekundärteil. Der Sekundärteil bestand aus einem ovalen Hautbeutel, der ungefähr so groß war wie die Futtersäcke, die er wöchentlich geliefert bekam. Den meisten Platz darin beanspruchte der Magen, außerdem waren da noch Lungen, Herz, ein erdnussgroßes Gehirn und noch ein paar weitere, nicht nennenswerte Teile. Der Darm sollte noch erwähnt werden, er zog sich jedoch durch die gesamte Rose und traf am unteren Ende auf den Abfuhrschlauch. Der Sekundärteil wurde oben und unten von Metallringen fixiert, die durch Metallstangen mit dem Außengerüst, das die Fleischrose umgab, verbunden waren und so das ganze Gebilde in der Luft hielten. Der obere Ring umschloss den Schaft der senkrecht in die Höhe stehenden Speiseröhre, die aussah wie ein mit Haut überzogener Wasserschlauch. Wäre das harte, metallene Futterrohr nicht von oben tief in die Öffnung der Speiseröhre eingeführt, würde sie schlaff herabhängen. Das Rohr war mit neun anderen verbunden, die alle die gleiche Funktion hatten und ihrerseits andere Rosen versorgten. Sie führten zu den Gruppenverteilern und weiter zur zentralen Mischbatterie, die Malik Tag für Tag mit Nahrung befüllte. Natürlich alles maschinell. Direkt unter dem oberen Metallring, auf dem Hautbeutel, befand sich eine weitere Öffnung, die der Atmung diente. Sie hatte ungefähr den Umfang des Griffes eines elektrischen Schraubenziehers. Durch den unteren und größeren Metallring drangen starke Muskelstränge, die den Primärteil in der Luft hielten. Er war mit dicker, lederner Haut ausgekleidet, die den gleichen braunen Farbton wie Maliks Arbeitsstiefel hatte. Auch dieser Teil war im Prinzip ein Sack, jedoch zur Erntezeit massiger und größer als ein Mensch. Zwei nebeneinander liegende Wölbungen waren zu erkennen, denn darin lagen die gewaltigen Fleischbälle, die erst die Existenz der Rosen rechtfertigten.
   Nachdem eine Fleischrose ungefähr ein Dreivierteljahr genährt worden war, hatte der Primärkörper genügend Größe und Gewicht, um geerntet zu werden. Als Erstes musste die Atmungsöffnung versiegelt werden. Die umgebende Haut war elastisch und konnte leicht zusammengezogen werden. Nun ließ sich eine Metallklammer durch die zwei so entstandenen Lappen treiben. Nach spätestens zwei Minuten stoppten die letzten Atmungsversuche und Zuckungen, und der Primärkörper konnte abgezwickt werden. Danach musste nur noch die Haut des Sackes eingeschnitten und abgezogen werden, was mit jeder neuen Zuchtgeneration einfacher wurde. Die nun freiliegenden Fleischbälle wurden mühelos herausgelöst und in die untere Kühlebene gebracht, wo sie zur Abholung bereitlagen. Der gesamte Sekundärkörper und alle weiteren Reste konnten jetzt entsorgt werden. Wobei das Abziehen der Speiseröhre vom Futterrohr nicht immer unproblematisch verlief, denn oft war sie mit dem Metall verwachsen und musste mühsam abgeschabt werden. Nachdem die Reste in die Wiederverwertungsanlage gebracht worden waren, wo sie zu Futter verarbeitet wurden, konnte eine neue Fleischrose in das Gestell gehängt werden. Vor Beginn der Ernährung waren Primärkörper und Sekundärkörper fast gleich groß, wobei Zweiterer seine Größe bis zur Erntezeit beibehielt. Es wurde stetig probiert, diesen Teil der Rose zu verkleinern und den Primärkörper zu vergrößern. So wurden Magen, Lungen und Herz immer kleiner und leistungsfähiger. Der Sekundärkörper war bei den ersten Generationen der Fleischrosen fast doppelt so groß wie heute gewesen, und die ertragreichsten Primärkörper brachten zur Erntezeit gerade mal zweihundertfünfzig Kilo auf die Waage. Dank hervorragender Rosenzüchter und auch Wissenschaftler brachten sie es nun auf über vierhundert Kilo. Wenn die Entwicklung normal verlief.
   Der Anblick, der sich Malik bot, war jedoch alles andere als normal. Ihm war schon länger klar gewesen, dass D-1 I8 I3 die Vierhundertermarke nicht erreichen würde, dass wahrscheinlich keine der Rosen, die er gegenwärtig züchtete, prächtig wachsen würde. Die Tage, an denen er nicht mit »Nahrungsaufnahmeverweigerungen« zu kämpfen hatte, waren selten geworden. Mit der ganzen Generation stimmte etwas nicht. Es traten in letzter Zeit viel zu viel Anomalien auf. Und seit heute holten sie ihn sogar schon aus dem Bett.
    
   Es konnte nicht an seinen Zuchtmethoden liegen, dass es so viele Probleme gab. Malik hielt sich sehr genau an die Vorschriften. Malik war ein guter Rosenzüchter. Auch wenn ihm noch nicht die Ehre zuteil geworden war, dass eines seiner Exemplare aufgrund seiner prächtigen Verfassung zu Forschungszwecken lebendig abtransportiert wurde. Erst einmal, vor ziemlich genau vier Jahren, wurde eine ganze Rose entfernt. Der Grund dafür lag aber nicht an einem besonderen Zuchterfolg. Damals arbeiteten sie noch zu zweit in der Fabrik, Malik und sein Meister. Üblicherweise war eine Nahrungsaufnahmeverweigerung darauf zurückzuführen, dass sich ein paar Muskelstränge um die Speiseröhre verkrampften. Ein Elektroschock schaffte üblicherweise Abhilfe. Doch plötzlich funktionierte diese Methode nicht mehr. Sein Meister war verzweifelt, denn die Anzahl der Anomalien stieg plötzlich rapide an, ähnlich wie dieser Tage. Dennoch weigerte er sich, sofort einen Spezialisten der Firma kommen zu lassen, und traktierte die Rosen mit starken Elektroschocks. Als ihre Vorgesetzten schließlich auf die Probleme aufmerksam wurden, hatten sein Meister und er sich schon mit dem Virus, der die Rosen befallen hatte, infiziert. Sie waren tatsächlich erkrankt. Eine Infektion in diesem Ausmaß war bis dato noch nicht vorgekommen. Die Nahrungsaufnahmeverweigerung war auf eine simple Entzündung der Speiseröhre zurückzuführen. Dieser Vorfall hatte fatale Folgen. Die Fabrik wurde mitsamt den zwei Arbeitern unter Quarantäne gestellt und die Ernte bis auf ein Exemplar vernichtet. Als sie wieder einigermaßen gesund waren, wurde sein Meister fristlos entlassen. Menschliches Versagen hätte zum Ernteausfall geführt, lautete die offizielle Erklärung. Intern war jedoch sehr wohl bekannt, dass alle Vorschriften peinlich genau eingehalten worden waren. Dem Jüngeren hingegen kam der Vorfall nicht ungelegen. Die Fabrik war dafür konzipiert, von einem einzigen Züchter betrieben zu werden. Sein Meister war jedoch schon etwas älter gewesen, also wurde ihm vorschriftsmäßig ein Lehrling als Nachfolger zur Seite gestellt. Außerdem hatte er Malik nie besonders freundlich behandelt und nicht mit Vorwürfen und Beleidigungen gespart. Vielleicht auch, weil er seine Anstellung durch seinen Lehrling bedroht sah. Der Meister hatte des öfteren die Befürchtung geäußert, frühzeitig entlassen zu werden. Es war dann eine Erleichterung für Malik gewesen, allein in der Fabrik zu arbeiten. Er vermisste seinen ehemaligen Vorgesetzten nicht und hörte nie wieder etwas von ihm. Er tat ihm nicht einmal leid, obwohl er wusste, dass es für den alten Mann schwer sein würde, wieder Fuß zu fassen. Seine Karriere als Rosenzüchter war auf jeden Fall vorüber.
   Malik hatte natürlich schon in Erwägung gezogen, dass es sich diesmal wieder um einen Virus handeln könnte. Also hatte er schon vor vier Tagen einen Spezialisten in die Fabrik gebeten. Es hätte wenig Sinn gehabt, diese Häufung von Nahrungsaufnahmeverweigerungen nicht zu melden, dachte er. Seit dem Vorfall vor vier Jahren wurde ohnehin verstärkt Aufmerksamkeit auf seinen Betrieb gerichtet. Der Firmenangestellte teilte Malik nach halbherziger Untersuchung schließlich mit, dass es sich eindeutig nicht um einen Virus handelte. Die Rosen schienen gesund zu sein. Also wurde ihm empfohlen, die Elektroschockbehandlung zu verstärken und die Mischung der Nahrungszusätze abzustimmen. Der Spezialist gab ihm eine genaue Beschreibung, welche Komponenten er wie zusammensetzen sollte. Es schien sich dabei hauptsächlich um Hormone zu handeln, mutmaßte Malik. Die nächsten Tage verliefen dann auch tatsächlich ein wenig ruhiger, und er hoffte, dass die Anzahl der Anomalien kontinuierlich zurückgehen würde. Bis heute Morgen. Denn offensichtlich hatte er es jetzt mit einer noch nie da gewesenen Form der Nahrungsaufnahmeverweigerung zu tun, zumindest hatte er noch nie etwas Vergleichbares gehört oder gesehen. Der Sekundärteil von D-1 I8 I3 war auf einer Seite von einer dickflüssigen Substanz überzogen, die aus der Atmungsöffnung austrat. Es handelte sich dabei eindeutig um die letzte Futterration, die er am Tag zuvor verabreicht hatte. Die hätte natürlich längst durch den Hochleistungsmagen verdaut sein müssen, und dass sie durch die Atmungsöffnung austrat, war eigentlich unmöglich. D-1 I8 I3 bewies ihm das Gegenteil. Maliks erster rationaler Gedanke war, dass der Spezialist etwas übersehen haben musste und dass es nicht seine Schuld war. Ihm wurde jedoch auch bewusst, dass seine Anstellung in jedem Fall in ernsthafter Gefahr war. Unter diesen Umständen entlassen zu werden hieß zwangsläufig, auf der sozialen Leiter abzusteigen. Er würde nie wieder den Beruf des Rosenzüchters ausüben können. Schnell war ihm klar, dass er das Problem selbst lösen musste, ohne viel Aufsehen zu erregen.
   Malik kam unmittelbar in den Sinn, den Elektroschocker anzuwenden. Er war das bewährteste Werkzeug eines Rosenzüchters. Die Sinnhaftigkeit stellte er jedoch sofort in Frage. Er wusste eigentlich nicht einmal genau, warum ein Stromstoß eine Nahrungsaufnahmeverweigerung beendete. Er hatte gehört, dass dadurch sämtliche Muskeln kurzzeitig unter extremer Anspannung standen und sich danach zwangsweise entspannten. Es gab jedoch auch eine andere Version, die mehr als absurd schien. Demnach würden die Fleischrosen bewusst die Nahrung verweigern, und der Elektroschock wäre eine Bestrafung, eine Züchtigung, auf die sie zu reagieren gelernt hatten. Für einen Züchter eine lächerliche Behauptung. Das Gehirn einer Rose war gerade mal leistungsfähig genug, um die Verdauung und die Sauerstoffversorgung zu regulieren. Es hatte kein Schmerzempfinden, geschweige denn ein Bewusstsein. Das war erwiesen. Trotzdem gab es Kritiker, die sich auf unseriöse Untersuchungen stützten. Es war unrecht, die humanste Fleischversorgung der Menschheitsgeschichte zu denunzieren. Was hätten diese Leute wohl gesagt, wenn sie zu der Zeit gelebt hätten, als noch auf die grausamste Weise Tiere geschlachtet wurden? Diese Erklärung war also nicht relevant, für keinen Rosenzüchter. Doch wenn die erste zutraf, hatte es dann Sinn, die Behandlung anzuwenden? Er wusste es nicht.
   Und als er so dastand und krampfhaft überlegte, welche Schritte angebracht wären, kam ihm etwas in den Sinn, das ihn schlagartig aus seiner momentanen Regungslosigkeit riss. Denn die Nahrung wurde durch die Atmungsöffnung ausgestoßen, und der Gedanke schien ihm nicht abwegig, dass es zu einer Verstopfung kommen könnte. Dann würde D-1 I8 I3 eingehen. Das durfte unter keinen Umständen passieren. Hektisch rollte er den Wasserschlauch aus und kletterte auf das Eisengerüst, bis er dem Sekundärteil nahe genug war. Nun vernahm er die langsame, rhythmische Atmung und ein leises Gurgeln. In regelmäßigen Abständen bildeten sich große Blasen in der Öffnung und rannen in einem dickflüssigen Teppich aus unverdauter Nahrung herab, bis sie zerplatzten. Einerseits widerte ihn der Anblick an, andererseits war er zutiefst erleichtert. Die Atemwege lagen offensichtlich frei. Trotzdem begann er unverzüglich die Rose mit einem starken Wasserstrahl abzuspülen, hielt jedoch nach kurzer Zeit inne. Nicht weit unter der Atmungsöffnung entdeckte er etwas, das wie eine Hautfalte aussah. An dieser Stelle sollte jedoch glatte, elastische Sekundärkörperhaut sein. In der Annahme, oder besser in der Hoffnung, dass es sich um eine Verunreinigung handelte, richtete er den Wasserstrahl darauf. Im gleichen Moment zuckte der Körper zusammen, als hätte Malik sein Lieblings-Züchterwerkzeug verwendet. Noch nie hatte er eine solche Reaktion auf einen Wasserstrahl erlebt. Reflexartig stellte er ihn wieder ab und erkannte sogleich, dass er nicht die gewünschte Wirkung erzielt hatte. Die Falte war noch da. Er beugte sich hinunter, um diese kleine, dunkle Linie genauer zu untersuchen. Mit dem Zeigefinger der linken Hand strich er sanft über den horizontalen Schlitz. Die Haut fühlte sich merkwürdig dünn an. Darunter lag eine Wölbung. Rosenzüchter hatten mit Ekzemen aller Art zu tun. Meist war die Beseitigung nicht schwer. Sie wurden nicht als Anomalien bezeichnet und auch nicht registriert. Er hätte nicht angenommen, dass das Ekzem etwas mit dem unnatürlichen Verhalten der Rose zu tun hatte. Bis sich die Falte langsam auftat und ihm etwas offenbarte, von dem er glaubte, es noch nie zuvor gesehen zu haben.
   »Sie sind zur Zeit nicht der einzige Züchter, der dringend einen Spezialisten benötigt. Im Moment haben wir enorm viele Anfragen. Ich muss Sie leider auf nächste Woche vertrösten.« Malik hasste dieses aufgesetzt freundliche Telefonpersonal. Egal, wie unhöflich mit ihnen umgesprungen wurde, ihre Stimmlage veränderte sich nie. Es schien oft so, als wäre der Gesprächspartner eine Maschine. So hatte er seine Stimme schon um einige Dezibel gehoben, um seiner Forderung mehr Nachdruck zu verleihen, während die weibliche Stimme, die er durch den kratzigen Lautsprecher des Kontrollzimmers hörte, immer und immer wieder die gleiche Antwort wiederholte. Er entschloss sich, die Art seines Problems näher zu erläutern. An sich hatte er nicht vorgehabt, am Telefon genauer auf den Vorfall einzugehen, doch ihm blieb keine Wahl. Mit hörbar erregter, zittriger Stimme fuhr er fort: »Sie verstehen nicht. Es geht nicht um eine normale Anomalie. Eine meiner Rosen hat ein Auge. Sind sie sich nun der Dringlichkeit meiner Anfrage bewusst?« Die Antwort folgte prompt: »Es hat keinen Zweck, mich genauer über die Art ihres Anliegens zu informieren. Ihre Anfrage ist registriert und wird so schnell wie möglich, nämlich wenn sie an der Reihe ist, wahrgenommen. Sie sind zur Zeit nicht der einzige Züchter, der...« Durch einen Knopfdruck beendete Malik den Monolog. Den Rest kannte er bereits. Ratlos saß er, den Kopf in die Hände gestützt, vor dem Mikrofon. Unfassbar, dass sie nicht auf seine Forderung einging. Und unfassbar, dass ausgerechnet ihm das alles passierte. Er warf dem Plakat an der Tür einen Blick zu. Das Mädchen darauf schien ebenfalls unbeeindruckt von den Vorfällen zu sein. Hübsch war es. Ein schönes Auge hatte es. Ganz im Gegensatz zu D-1 I8 I3. Es hatte ein hässliches, unmenschliches Auge. Wimpern waren nicht vorhanden, und es schien entzündet und tränte. Fast so, als würde es weinen. Obwohl es vielleicht doch gewisse Ähnlichkeiten gab.
   In diesem Moment ertönte eine Melodie über den Lautsprecher. Er wurde angerufen. Es handelte sich um einen firmeninternen Kanal, das verriet der Monitor hinter dem Mikrofon. Er wusste ja, dass sie reagieren würden. So etwas konnte nicht ignoriert werden. »Hier spricht L-525 I8. Spreche ich mit M-175 I4?«, dröhnte es durch das Zimmer. Es war der Spezialist, der vor einigen Tagen in der Fabrik gewesen war. »Ja, mit dem sprechen Sie. Bin ich froh, dass Sie sich melden. Haben Sie mit Ihrer Kollegin gesprochen?« Natürlich stand die Telefonbedienstete in der Firmenhierarchie weit unter einem Spezialisten wie L-525 I8, doch nannten sich alle gegenseitig »Kollegin« oder »Kollege«. Das war so Tradition. »Welche Kollegin? Keine Ahnung, wovon Sie reden. Ich rufe an, weil ich gerade über eine mir unerklärliche Meldung informiert wurde. Erklären Sie mir bitte, Herr Kollege Rosenzüchter, wie eine Ihrer Rosen um 5 Uhr früh, also vor Beginn der Fütterungszeiten, die Nahrungsaufnahme verweigern konnte?«– »Gut, dass Sie mich das fragen«, antwortete Malik eifrig, »Sie müssen unverzüglich meine Fabrik aufsuchen! Haben Sie heute noch Zeit? Es ist wirklich wichtig!« Der Spezialist änderte schlagartig die Tonlage. Er schien verärgert zu sein. »Hören Sie mal zu«, sagte er in barschem Ton, »ich muss überhaupt nichts. Ich habe im Moment genug um die Ohren. Ich finde euren lächerlichen Ehrgeiz ja lobenswert, und ich finde es auch wirklich toll, dass ihr Fleißaufgaben machen wollt. Und süß finde ich es beinahe, dass ihr voller Stolz glaubt, ihr wärt dafür verantwortlich, dass die Rosen mittlerweile über vierhundert Kilo auf die Waage bringen. Aber ich sage Ihnen eines: Halten Sie sich an die Vorschriften, und zwar genauestens. Und wenn Sie schon glauben, dass Sie Ihre Kinder, oder wie auch immer Sie sie nennen, zusätzlich vollstopfen müssen, dann tun Sie es während der regulären Arbeitszeit, verstanden? Wir denken sowieso an Personalabbau, also verhalten Sie sich verflucht noch mal unauffällig. Guten Tag!« Ein Klicken und eine Meldung am Monitor verrieten Malik, dass der Kontakt unterbrochen war. Er brauchte einen kurzen Moment, um sich von diesen kränkenden Anschuldigungen zu erholen. Fleischrosen mit Kindern zu vergleichen, das war unzulässig, unmoralisch und schlichtweg falsch. Und das aus dem Munde eines Spezialisten. Deren Arbeit wurde sowieso immer schon überschätzt. Die Fleischrosen waren auf ihre Züchter angewiesen. Ohne sie ging gar nichts.
   Malik erkannte, dass seine Anstellung trotzdem in ernsthafter Gefahr war. Irgendwann während der nächsten Woche würde ein Spezialist aufgrund seiner Anfrage in der Fabrik auftauchen und D-1 I8 I3 mit großer Wahrscheinlichkeit untersuchen. Eine noch nie da gewesene Mutation würde die Entscheidung, ob er vom Personalabbau betroffen sein würde oder nicht, leicht machen. Ein hervorragender Kündigungsgrund, dachte Malik. Wenn er in der Fabrik bleiben wollte, musste er etwas unternehmen. Das verfluchte Auge konnte seine ganze Existenz zerstören. Er warf dem Poster wieder einen Blick zu, stand auf und riss es von der Tür. Kurzerhand fasste er den Entschluss, die Anomalie wie eine Atmungsöffnung zu versiegeln. Also einfach ein Metallzäpfchen durch das obere und das untere Lid zu treiben. Er verwarf die Idee jedoch wieder. Es wäre eine stümperhafte Tarnung gewesen, nicht unauffälliger als das Auge selbst. Das Beste würde sein, es herauszunehmen und die Lider zu verschweißen. Dann konnte es oberflächlich kaum von einem entfernten Ekzem unterschieden werden. Vielleicht würde dann auch niemand erfahren, dass D-1 I8 I3 die Nahrung wieder ausgestoßen hatte. Vielleicht würde sein Alltag ohne Folgen weitergehen. Es gab Hoffnung.
   Das Auge blickte wild und unkoordiniert umher. Die Anwesenheit Maliks schien keinen Einfluss darauf zu haben, es schien ihn nicht zu bemerken. Er zögerte, denn er hatte Bedenken. Ein Auge zu entfernen, das hatte mit Ernten wenig zu tun. Es erinnerte eher an die Zeit, als noch Tierfleisch gegessen wurde. Malik wusste jedoch, dass ein Vergleich zwischen Fleischrosen und Tieren nicht zulässig war. Zweitere waren, trotz ihrer Minderwertigkeit, fühlende Lebewesen gewesen. Die Gewissheit tröstete ihn, dass die Rose trotz des Auges kein Bewusstsein haben konnte und auch den Schmerz, den die Prozedur einem Tier bereitet hätte, nicht fühlen konnte. Im nächsten Moment ärgerte er sich, dass er über solch unnötige Dinge nachdachte. Damals, als noch Tierschlachtung praktiziert wurde, da hätten sich die Leute über so etwas Gedanken machen sollen. Malik hatte generell kaum Verständnis für die damalige Ernährungsweise. Das Fleisch musste furchtbar geschmeckt haben. Sicherlich kein Vergleich zum zarten, süßlichen Geschmack einer Rose. Tiere waren keine idealen Lieferanten gewesen. Es wurde zwar probiert, sie zu modifizieren und die Produktion günstiger zu machen, doch konnten keine fundamentalen Änderungen erzielt werden. Irgendwann waren dann sämtliche Zuchttiere träge geworden und ohne ersichtlichen Grund gestorben, als wollten sie die Welt aus freien Stücken verlassen. Es wurde keine Ursache und auch keine Lösung gefunden, und nach kurzer Zeit waren auch sämtliche frei lebenden Tiere vom Aussterben bedroht. Der alte Meister, der dieses Kapitel der Menschheitsgeschichte noch miterlebt hatte, hatte Malik erzählt, dass er damals zur Gänze auf den Fleischverzehr verzichtet und sich einer Gruppe von Menschen angeschlossen hatte, die ihre Zeit damit verbrachte, sich an öffentlichen Orten zu versammeln und gemeinsam zu marschieren. Sie hatten sich so gegen den Verzehr der noch frei lebenden Tiere eingesetzt. Es musste ein lächerlicher Haufen gewesen sein. Doch Malik hatte dem Meister seine Meinung darüber nie mitgeteilt. Dieser schien stolz darauf gewesen zu sein, obwohl er deswegen zwei Jahre im Gefängnis verbracht hatte. Nach dem »fleischlosen Jahr«, das von Krawallen, Insektenplagen und Umweltkatastrophen geprägt war, stellte die Firma, für die Malik arbeitete, der Öffentlichkeit die erste Fleischrose vor. »Eine unvergleichliche genetische Kreation« betitelten sie die Medien damals. Sein Meister hatte Glück gehabt und wurde mit Hilfe seines Bewährungshelfers einer der ersten Züchter. Er erzählte oft, um wie viel anstrengender der Beruf damals gewesen war. Hautrisse und andere lästige Anomalien waren an der Tagesordnung. Keiner von ihnen hatte damals das tun müssen, wozu er jetzt gezwungen war, dachte Malik und fasste erneut Mut.
   Die Entfernung des Auges war mit einigen Komplikationen verbunden. Sein Plan war, einfach mit dem Messer, das für Ekzeme gedacht war, unter das obere Lid zu dringen und den Sehnerv durchzutrennen. Doch als sein Werkzeug das entzündete Auge berührte, zuckte der gesamte Körper zurück, mit einer Wucht, wie er sie noch nie erlebt hatte. Es bedurfte dreier starker Elektroschocks, um eine einigermaßen ruhige Arbeitssituation herzustellen. Er musste das obere Lid schließlich komplett abtrennen, bevor er den weichen, glitschigen Ball in einen kleinen Plastiksack befördern konnte, den er, ähnlich wie die entstandene Wunde, versiegelte. Malik betrachtete sein Werk und stellte fest, dass er gute Arbeit geleistet hatte. Die Narbe würde keine Aufmerksamkeit erregen. Mit dem Plastiksack in der Hand suchte er nun die Küche/Bad/Toilette-Kombination auf, um das Auge im Kühlschrank zu verstauen. Er hielt es für klüger, es nicht gleich zu entsorgen. Es konnte ihm vielleicht noch nützen. Die Chancen waren gering, er war also einigermaßen beruhigt, doch konnte es passieren, dass sein Schwindel entdeckt wurde. Dann hatte er zumindest etwas in der Hand. Eine leere Fleischbällchendose schien ihm der ideale Behälter zu sein.
   Der restliche Tag verlief außergewöhnlich ereignislos. Keine einzige Anomalie wurde gemeldet. Die Fleischrose, die ihm an diesem Tag solches Kopfzerbrechen bereitet hatte, verhielt sich unauffällig und verdaute vorbildlich. Das Problem schien gelöst. Am Abend genehmigte er sich ein paar schmackhafte Fleischbällchen und schlief vor dem laufenden Multifunktionsbildschirm ein.
   Erneut riss es Malik gegen fünf Uhr früh aus dem Schlaf. Mit Erleichterung stellte er fest, dass nicht die Alarmsirene dafür verantwortlich war. Lediglich die Musik des Vorspanns einer Fernsehserie war zu vernehmen. Er hatte einen furchtbaren Alptraum gehabt. Das Mädchen auf dem Plakat, das er am Tag zuvor von der Tür gerissen hatte, hatte vor ihm gestanden. Sie hatte ihn angelächelt und nur ein Auge geöffnet. Das andere war mit einem kleinen Metallzäpfchen versiegelt gewesen. In einer Hand hatte sie das Gerät gehabt, mit dem er die Atmungsöffnungen der Rosen verschloss. Sie hatte es ihm hingehalten, und er war aus dem Zimmer gerannt. Dann war er bei D-1 I8 I3 gewesen. Malik hatte tatsächlich eine Stimme aus dem Inneren des Sekundärkörpers gehört und daher sein Ohr knapp unter dem wild umherblickenden Auge an die Haut gedrückt. Er hatte Lachen gehört. Dann war etwas Glitschiges in seine Ohrmuschel gefahren. Er war zurückgezuckt und hatte erkannt, dass es sich um eine Zunge handelte. Unter dem Auge war plötzlich ein Mund entstanden. In diesem Moment war er aufgewacht. An mehr konnte er sich nicht erinnern, und er war froh darüber.
   Malik fühlte sich nicht wohl. Er schwitzte und war müde, dennoch empfand er wenig Lust, wieder einzuschlafen. Fahles Licht drang durch das einzige Fenster in seinem Zimmer. Zum Glück war der Bildschirm aktiviert, dachte er, so war er nicht allein mit seinen Gedanken. Eher aus Gleichgültigkeit folgte er eine Weile dem Programm. Dann ertönte die Alarmsirene. Sie hatte den gleichen Effekt auf den Rosenzüchter wie am Tag zuvor. Er konnte nicht fassen, dass es sich wiederholte. Entweder D-1 I8 I3 funktionierte wieder nicht richtig und übergab sich erneut, oder eine andere Rose tat es ihr gleich.
   Im Kontrollzimmer stellte er fest, dass keine seiner beiden Überlegungen zutraf. Zwar betraf der Alarm D-1 I8 I3, doch dieses Mal handelte es sich nicht um eine »Nahrungsaufnahmeverweigerung«. Laut Computer war sie eingegangen. Eine frühzeitig zu erntende Rose stellte an sich schon eine Katastrophe dar, doch das Schlimmste war, dass keine Ursache angegeben werden konnte. Somit gab es einigen Erklärungsbedarf.
   Die Meldung bestätigte sich, als sich Malik mit eigenen Augen ein Bild machte. Der Sekundärteil hing ungewöhnlich schlaff zwischen den Ringen und beschrieb keine rhythmischen Bewegungen mehr. Aus der versiegelten Wunde trat eine schmale, eingetrocknete Blutspur. Malik hingegen rannen feuchte Tränen über die Wangen.
   Er kehrte in das Kontrollzimmer zurück und ließ sich in den Sessel fallen. Auf dem Boden sah er das zerknitterte Plakat. Es lag so, dass er nur den aufrechten Daumen des Mädchens sehen konnte. In diesem Augenblick fasste Malik abermals Mut und dachte sich einen riskanten, doch durchaus schlauen Plan aus, wie er diese Katastrophe heil und konsequenzlos überstehen konnte. Der Spezialist würde erst nächste Woche hier auftauchen. Malik würde diese Zeit nutzen, um eine nicht registrierte, fast ausgewachsene Fleischrose zu besorgen. Für einen Züchter wie ihn konnte das nicht allzu schwer sein. Dann konnte er die leblose Rose mühelos ersetzen. Der Computer habe eine Fehlfunktion oder Ähnliches, würde er behaupten. Daher die Meldungen außerhalb der Arbeitszeiten, die nichts mit den tatsächlichen Ereignissen zu tun hatten. Dieser Plan konnte Malik seiner Ansicht nach aus der Affäre ziehen. Er machte sich sofort an die Arbeit. Als Erstes entsorgte er D-1 I8 I3 in der Wiederverwertungsanlage. Das Gestell machte er für eine neue Rose bereit. Dann kontaktierte er seinen ehemaligen Meister. Er konnte ihm vermutlich helfen, Verbindung zum Rosenschwarzmarkt aufzunehmen. Der Meister war vom Anruf hörbar überrascht. Nachdem Malik ihm einen kleinen Geldbetrag versprochen hatte, vereinbarten sie einen Treffpunkt. Er machte sich danach unverzüglich auf den Weg. Die Fabrik würde einen Tag lang ohne ihn auskommen müssen.
   Gegen Abend kehrte Malik in die Fabrik zurück. Ohne Fleischrose, mit wenig Hoffnung. Der Meister hatte ihn ausgelacht und fortgeschickt, als er ihn gefragt hatte, ob er wüsste, wo eine solche unregistriert erworben werden konnte. Der restliche Tag war ebenso erfolglos verlaufen. Es war bei weitem nicht so einfach, wie er anfangs gedacht hatte. Es brauchte eine Menge Kontakte und Geld. Malik musste sich etwas einfallen lassen. Er ließ sich wieder in den Sessel des Kontrollzimmers fallen. Der Form halber überprüfte er, ob es während des Tages Probleme gegeben hatte. Die Sirene war nicht aktiviert, also konnte nichts Auffälliges passiert sein. Das Protokoll behauptete jedoch etwas anderes. Dort stand, dass es während der ersten Fütterung an diesem Tag zu einer Verweigerung gekommen war. Der Computer musste tatsächlich eine Fehlfunktion haben, denn die Rosen waren heute nicht mit Nahrung versorgt worden. Er war ja nicht hier gewesen. Dann, als er das Plakat an der Tür hängen sah und nicht am Boden liegend, wurde ihm klar, dass jemand hier gewesen sein musste. Maliks Kopf wurde heiß. Sie schienen doch jemanden geschickt haben. Er verließ das Kontrollzimmer, um seinen Wohnraum aufzusuchen. Dort würde er zuerst nachsehen, ob der ungebetene Gast noch in der Fabrik war.
   Auf Maliks Bett saßen zwei Gestalten. Ein älterer Mann im Anzug und ein jüngerer in einem orangefarbenen Arbeitsgewand. Der eine war ihm bekannt, es war der Spezialist L-525 I8, der andere war offensichtlich ein Züchter. »Guten Tag, Kollege M-175 I4. Wir warten schon länger auf Sie. Darf ich vorstellen, Kollege M-9 I2 II6. Er ist seit heute der Züchter dieser Fabrik. Ihm gefällt sein neues Zimmer.« Der Spezialist grinste. Fassungslos stand Malik im kahlen Zimmer. Seine persönlichen Sachen waren bereits entfernt worden, und mit ihnen seine Hoffnung, sein Leben normal weiterführen zu können. In dieser Situation schien es ihm das Beste, die Vorfälle wahrheitsgetreu zu schildern. Eine andere, plausible Erklärung würde ihm nun sowieso nicht einfallen. »Ich kann alles erklären«, begann Malik und wurde sogleich unterbrochen. »Sie müssen mir überhaupt nichts erklären. Was auch immer hier vorgefallen ist oder was auch immer Sie getan haben, fällt nicht in meinen Zuständigkeitsbereich. Ich bin nur hergekommen, um das frühzeitige Eingehen einer Rose zu untersuchen. Sie haben anscheinend keine Ahnung, was das die Firma kostet. Noch dazu musste ich meinen ganzen Terminplan ändern. Damit nicht genug, waren Sie nicht einmal anwesend, als ich hier eintraf. Eine solche Dreistigkeit hätte ich nicht erwartet. Die Rose haben Sie zudem ohne Genehmigung entfernt. Was geht eigentlich in Ihnen vor? Dachten Sie wirklich, wir würden nichts davon bemerken?« Er legte eine kurze Pause ein, die Malik nutzen wollte, um die Erlebnisse zu schildern. »Hören Sie mir bitte zu«, begann er. »Nein, Sie Wahnsinniger, Sie hören mir zu!«, schrie L-525 I8, wobei er sich vorbeugte und die Zähne zusammenbiss. »Das ist noch Ihr kleinstes Problem, dass Sie keine Rosen mehr züchten dürfen. Damit sich unser junger Kollege hier möglichst schnell wohl fühlen kann, haben wir Ihre persönlichen Besitztümer bereits entfernt. Natürlich auch die Lebensmittel«. Malik spürte die Feuchtigkeit der Schweißperlen auf seiner Stirn, die sich infolge einer beunruhigenden Vorahnung gebildet hatten. »Und nachdem ich für Sie die Rosen gefüttert und Ihren Kühlschrank ausgeräumt hatte, dachte ich, dass Sie es mir nicht verübeln könnten, wenn ich mir ein paar Fleischbällchen genehmigen würde.« Mit diesen Worten holte er eine kleine Dose hervor. »Sie haben es gefunden?« Nun konnte sich Malik seine Erklärungen sparen. Es würde sich alles aufklären. »Ja. Doch es befindet sich nicht mehr in der Dose. Es ist in einem unserer Labors und wurde bereits analysiert«, antwortete er. »Also wissen Sie schon, woher es kommt?«, fragte Malik und sah den Spezialisten erwartungsvoll an. »Wir hofften, dass Sie es uns verraten würden.« – »Es ist das Auge von D-1 I8 I3! Darum ist sie ja eingegangen!« Auf diese Aussage hin sah ihn der Spezialist lange und eindringlich an. Dann begann er zu lachen. Der junge Züchter neben ihm schien keine Ahnung zu haben, was vor sich ging. Er saß regungslos da, nur die Bewegung seiner Augen verriet seine Verwirrung. Sein Sitznachbar fuhr fort: »Das ist wohl das Dümmste, das ich jemals gehört habe. N-95 I8 5, Sie können.« In dem Moment, als Malik erkannte, dass sie nicht nur zu dritt in der Fabrik waren, spürte er eine Berührung am Nacken, der ein schmerzhafter und lähmender Stromstoß folgte.
   Der Spezialist erhob sich vom Bett und näherte sich dem Körper, der zusammengekrümmt und bebend am Boden lag. Der Sicherheitsbeamte N-95 I8 5 war gerade dabei, dem Rosenzüchter die Hände hinter dem Rücken zu fixieren. Es war nun einigermaßen ungefährlich, dem Wahnsinnigen näher zu kommen. Der Spezialist wollte es sich nicht nehmen lassen, seine Geringschätzung noch einmal kundzutun. Er beugte sich zu ihm hinunter. M-175 I4 war noch so beeindruckt vom Stromstoß, dass er den Spezialisten gar nicht zu bemerken schien. Dennoch erzählte jener dem Rosenzüchter, dass er ihm am liebsten eigenhändig die Augen entfernen würde und dass die Staatsgewalt schon herauskriegen würde, was er alles mit seinem Opfer angestellt hatte und wo es war, falls es überhaupt noch lebte. Er nannte ihn einen Mörder, denn die Analyse hatte ergeben, dass es sich um ein menschliches Auge handelte. Der Rosenzüchter lag weiterhin zitternd am Boden. Scheinbar teilnahmslos und unfähig, sich mitzuteilen.

© Boris Babura 2004 • Erstveröffentlichung


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21.05.06 • 10.06.06