epilog.de Shayol Verlag Alien Contact UFO Phantastische Buchhandlung Suche Dialog
ALIEN CONTACT
ALIEN CONTACT 57 Inhalt Archiv

Christian Fischer

DON'T MAKE ME COME DOWN THERE

Science Fiction > Alien Contact | Stories
Ich stand zwischen den Sicherheitsleuten und blickte in die Linse der Kamera. Der Irisscan dauerte eine Sekunde.
   »Danke, Sir.« Der Soldat war alt, edles Gesicht, sehr viel Würde in Ausdruck und Bewegung. Er hatte keine Angst, darüber war er seit Jahren hinaus. Ich ließ mir meine Papiere vom ihm zurückgeben und trat in die Halle der Gepäckausgabe. Die Förderbänder blieben leer; in Passagierflugzeugen waren keine Gepäckstücke mehr zugelassen. Zolltische waren jetzt Sitzgelegenheiten für MI5 und MI6, die mich durchwinkten. Die Vorhalle lag im Neonlicht, und von der Denke hing ein großes Transparent, das Heathrow so zeigte, wie es früher ausgesehen hatte, damals, bevor alles Glas durch Stahlbeton ersetzt worden war.
   Als ich in das schwarze Taxi vor der Halle einstieg, sah ich rechts vom Taxistand ein weiteres Mahnmal, einen Eingang zur Untergrundbahn, zugemauert.
   »Zum Anwaltshotel.«, sagte ich müde.
   »Chelsea oder Inner City?«
   »Inner City.«
   Der Fahrer war Untertan, seinem König in Treue ergeben. Die Haare stramm nach hinten, der Anzug bester Tweed, dazu der Union Jack als Armbinde und als Fahne im Rückfenster. Etwas stimmte mit seiner Haut nicht, schwarze Stellen und rote Ekzeme bedeckten sie wie Schlammspritzer. Ich konnte die Symptome nicht zuordnen, der IRC hatte anscheinend mit einem neuen Mittel experimentiert. Wohl ein Fehlschlag; der Mann lebte noch.

Ich dachte an die Tage zuvor auf den Azoren.
   Alle Inseln, jeder Berg, jede Stadt dort sind jetzt Rollfeld, Flughafen. Keine Maschine aus Amerika fliegt weiter als bis zu diesen Inseln und keine aus Europa darf weiter nach Westen. Auch dort hängen Plakate. Es waren sehr schöne Inseln gewesen.
   Ein Kind winkte meinem Taxi zu, und der Fahrer winkte zurück. Ich wünschte, es wäre möglich gewesen, London ans Ende meiner Reise zu setzen, aber das war es nicht. Nur einen Tag Aufenthalt, und 24 Stunden waren zu kurz, um anzukommen, aber viel zu lang, um nicht unter dem Anblick der Stadt zu leiden. Ich sah die Regent Street nur flüchtig; ich hatte versucht, nicht hinzusehen. Wie nach einem Erdbeben.
   London hatte dieses Jahr einen schönen Herbst. Es war warm in den Straßen, und die Luft, die ich durch die Atemmaske zog, war schmackhaft und klar. Der Nebel des letzten Attentats hatte sich verzogen. Ich wusste nicht genau, wo die Explosion stattgefunden hatte, wahrscheinlich hatte der IRC wieder versucht, das unterirdische Kraftwerk zu zerstören, das in den Eingeweiden der Untergrundbahn am Kings Cross die Stadt mit Strom versorgte. Dabei sah Kings Cross sowieso schon wie die Mondoberfläche aus. Der IRISH REPUBLICAN CRUSADE versuchte seit fünf Jahren, das Atomkraftwerk zu sabotieren. Ohne Erfolg. Was niemanden daran gehindert hatte, die Regent Street auszulöschen.
   »Wir sind da, Sir.«
   »Danke«, sagte ich, zahlte und stieg aus.
   »Gott schütze den König«, sagte der Taxifahrer zum Abschied und meinte es wirklich so.
   »Ja«, erwiderte ich.

Nach dem Sonntagsattentat hatte König William Nordirland besetzen und abriegeln lassen. Irland wurde noch am gleichen Tag besiegt, an dem die Regierung in Dublin die Kriegserklärung unterschrieb. Nach guten einhundert Jahren in Freiheit war Irland wieder Teil des Empires. Das Königreich hatte gejubelt. Natürlich brachte es gar nichts. Aber der König hatte kein Ohr für die AI-Anwälte gehabt; Ober- und Unterhaus schrien so laut nach Blutrache, dass er es nicht ignorieren konnte. Oder wollte. Der Ehre des Empires wurde genüge getan. Nachdem endlich die Attentate des WorldJihad aufgehört hatten, füllte der IRC die Lücke. Ein fließender Übergang. Ein gelungener Witz.

Luther-ist-schuld-Buttons verkaufen sich in Irland momentan großartig.

Es gab auch Buttons mit Mohammed ist schuld, Jesus ist schuld oder Moses ist schuld. Der Renner unter Atheisten war jedoch Abraham ist schuld, aber außer in Kuba und Neuseeland würde es niemand wagen, den zu tragen; man traf zu viele Gläubige, die mit Zitaten und Messer antworteten.

Ich saß am offenen Fenster des Hotels. Die Oxford Street war ruhig. Nur wenige Autos waren für den Innersten Kreis zugelassen, und diese Regelung machte alles, was innerhalb der Circle Line lag, zum Vorort. Je weniger Menschen, desto weniger Tote. Der Himmel war noch immer klar. Zwei Helikopter kreisten über Picadilly. Als ich in Camden Town aufwuchs, war alles anders gewesen. Erinnerte sich noch jemand daran? Als man nicht jeden Tag dreimal kontrolliert wurde. Ich fasse es nicht, wenn ich etwas aus dieser Zeit im Fernsehen sehe. Mit jedem Jahr, das ich älter werde, wächst mein Hass. Obwohl ich Anwalt der Menschheit bin. Ich sollte nicht hassen. Wenigstens ich.
   Mein Seufzen hallte von der anderen Straßenseite zurück, als ich die Ampulle aus dem Aktenkoffer nahm. »Ich zaubere euch was«, sagte ich und öffnete sie.

Viele flüchteten anfangs nach Australien, doch die Regierung in Canberra hatte immer viel zu viel Wert darauf gelegt, mit den Vereinigten Staaten in den Krieg zu ziehen, als dass sie die Armee des WorldJihad nicht bedacht hätte. Indonesische Krieger vergifteten die Trinkwasservorräte von Sydney, Perth und fünf weiteren Großstädten. Es starben nur zirka 5.000 Einwohner am Gift; aber es waren die 3 Millionen, die in den Großstädten verdursteten, die das Land zerbrechen ließen. Nur Tasmanien versank nicht im Chaos. Heute ist es überbevölkert und Hobart Regierungssitz. Die Insel wird vom Rest der Welt in Ruhe gelassen, niemand interessiert sich mehr für uns. Die Verkündung der Republik und die Trennung vom Commonwealth wurden einfach nicht beachtet.
   Auf dem Kontinent herrschten Zustände, die dem Film sehr nahe kamen, den mir der Außenminister in seiner Villa gezeigt hatte, »Mad Max«, nur dass der Krieg dort um Trinkwasser geführt wurde. Die Stadtbewohner zogen marodierend aus, um in den Sammelbecken der Farmer und Dörfer Wasser zu finden.
   Minister Thompson hatte schrecklich laut über diesen Film gelacht. Er rauchte selbstgezogenes Gras, schwenkte sein Weinglas, und sein angeschwollener Bauch wackelte, als gäbe es keine Sorgen.
   »Wohin wirst du fliegen?«, fragte er mich nach dem Abspann, als wir zurück in die Küche gingen.
   »Honolulu.«
   Er lachte. Minister Thompson lachte gerne. »Da war es mal sehr schön. Ein Paradies. Dann?«
   »Reno, Philadelphia ...«
   »Kommst du auch nach London?«
   Ich nickte.

AI stand noch immer für Amnesty International, aber die Organisation war eine andere. AI war der Nachfolger der Vereinten Nationen, seitdem sich Rotes Kreuz und Roter Halbmond angeschlossen hatten – mit solchen Symbolen war es schwer geworden zu helfen. Die Selbstauflösung der UNO vor sechs Jahren war nur eine Geste gewesen, sie hatte zu diesem Zeitpunkt nur noch aus neun Mitglieder bestanden. Dabei war sie nie selbst Ziel eines Attentats geworden, das UNO-Gebäude war eines der wenigen New Yorker Häuser aus dem vorigen Jahrhundert, das noch immer unbeschädigt stand. Die UNO war einfach verschwunden, wie eine Düne, die über Nacht verweht wurde.
   AI überlebte, weil die Organisation unabhängig war, weil sie zu keinem Staat gehörte, weil sie nichts anderes unternahm, als zu helfen und Botengänge für Regierungschefs und Anführer der Gruppen, Organisationen und Staaten zu absolvieren. Und weil wir Anwälte unser Opfer brachten.
   Das Geld, das Gold und die Bodenschätze, mit denen wir bezahlt wurden, flossen in die Hilfe für Opfer, ob in Dallas oder in Riad. AI-Anwälte waren die Einzigen, die sich auf der ganzen Welt einigermaßen frei bewegen konnten. Von CNN-Al-Jazeera wurden wir zum ersten Mal Anwälte der Menschheit genannt.

Hawaii war das pazifische Gegenstück zu den Azoren. Alles, was den Ozean von der einen zur anderen Seite überqueren wollte, wurde hier umgeladen. Die Rollfeld-Inseln waren von Mauern umgeben und wurden aus der Luft versorgt. Man wurde hier durchleuchtet, zwölf verschiedenen Bioanalysekontrollen unterzogen, und man hatte mindestens einmal einen fremden Finger in seinem After. Ich sah den FBI-Beamten an, dass sie mich dafür hassten, dass sie meinen Koffer nicht untersuchen durften, doch ich hatte für diese Reise den Unantastbar-Status. In meinen digitalen Papieren stand, dass ich mit dem Impfstoff für Pocken unterwegs war und ihn an Außenstellen der AI in der ganzen Welt verteilte. Dort, in der VIP-Lounge vom Maui International Airport, nahm ich die erste Ampulle aus dem Koffer und öffnete sie.

Es fiel mir überraschenderweise nicht schwer, London hinter mir zu lassen. Es wäre noch einfacher gewesen, wenn ich nicht das Geschenk für Thompsons Tochter hätte überbringen müssen.
   Laura war nicht so schockiert gewesen, wie ich befürchtet hatte. Sie sah mir ins Gesicht und ließ sich nichts anmerken. Sie hatte mich sogar erkannt, behauptete sie. Am Telefon klang sie noch, als würde mein Besuch sie erschrecken, jetzt bat sie mich herein und lächelte dabei.
   »Kann ich dir was anbieten? Kaffee? Tee?«
   »Kaffee wäre schön.«
   »Gut.« Sie verschwand in der Küche, und ich setzte mich auf die Couch.
   »Was hat dir mein Vater mitgegeben?«, rief sie.
   »Ich weiß es nicht, aber ich denke, es ist das Armband deiner Mutter.«
   »Ja, wahrscheinlich.« Sie brachte zwei Becher Kaffee und setzte sich mir gegenüber.
   »Wie geht es dir?«, fragte ich.
   »Weiß nicht.« Sie zuckte mit den Schultern. »Gut, oder?«
   »Du siehst zumindest so aus.«
   »Danke.« Wir tranken.
   »Ist es das wert?«, fragte sie dann plötzlich mit einer Stimme, die mich an meine Mutter erinnerte.
   »Was?«, fragte ich zurück, obwohl ich wusste, was sie meinte.
   »Das mit deinem Gesicht.«
   »Ich denke schon.«
   »Jeder versucht zu überleben, gesund zu bleiben, nur ihr verstümmelt euch selbst.« Ich wollte es ihr erklären, aber sie kannte die Gründe, jeder kannte sie.
   »Wo schläfst du heute?«, fragte sie.
   »Im Anwaltshotel.«
   »Du kannst bei mir bleiben, wenn du möchtest.«

Aus zwanzigtausend Metern Entfernung war die Erdoberfläche eine andere.
   Neben Verhaltensregeln für den Entführungs- oder Attentatsfall (»Versuchen sie, wenn nötig, auch unter Einsatz ihres Lebens, alles, um Terroristen zu überwältigen ...«) gab es einen kleinen Bildband mit Luftaufnahmen, ausgewählte Fotos der Länder, die man überflog. Im Bordradio lief Bossa Nova. Ich hatte die Kopfhörer auf und sah hinab.
   DAS GELOBTE LAND ZION, offiziell Großisrael. Abgeschottet. In Hobart kursierten Informationen, dass im Norden Jordaniens, in Gaza und in den Bergen des Sinai Konzentrationslager existierten, in denen Palästinenser auf die gleiche Art beseitigt werden sollten wie Juden im Dritten Reich. Die Legende ging, dass, wenn es keine Palästinenser mehr gab, sich die Zionistische Armee auf das Gebiet des Gelobten, von Gott gegebenen Landes zurückziehen würde.
   Ich entdeckte den Atombombenkrater von Elat. Eine Kofferbombe hatte die Urlaubsstadt weggepustet wie der Wolf die Strohhütte. Zwei Tage später hatten orthodoxe Rabbiner mit Hilfe der rechten Parteien die Macht ergriffen und unter dem Jubel der Bevölkerung der arabischen Welt den Krieg erklärt. Und gewonnen. Damals war ich elf Jahre alt gewesen. Ich sah den dritten Ground Zero im Fernsehen. In den letzten Jahren hatte ich ihn viermal besucht.

In Paris und Berlin war alles wie immer gewesen.
   Der Krieg gegen die Basken kam angeblich gut voran, was der Premierminister in der Neuen Bastille auch sehr leicht behaupten könnte, war die Besetzung Barcelonas ja nicht sein Problem. In Deutschland hatte sich die vierte Regierung in diesem Jahr gebildet. Das Land war ausgedörrt. Nachdem auch der letzte Ausländer rausgeschmissen worden war oder zu seinen Glaubensbrüdern ging und in den Kampf zog, blieb die überalterte, kinderarme deutsche Gesellschaft zurück und verdarb wie Fallobst.
   Dann die Reise nach Split, die einzige Etappe, die ich nicht mit dem Flugzeug absolvierte. Serben und Bosnier schossen alles ab, was in ihren Luftraum flog, und die Generäle marodierten im ganzen Südosten Europas. Die KIRGIS holte mich in Venedig ab, wo ich tags zuvor aus Rom angekommen war, und die Mannschaft hieß mich willkommen. Ich saß die meiste Zeit am Bug und sah aufs Meer. Es war schön gewesen, friedlich, fast so wie der Sonnenuntergang in zwanzigtausend Metern Höhe.
   Der Landeanflug auf die israelische Ausweichhauptstadt, die Festung Sharm el Shaik, begann. Ich stellte meine Rückenlehne aufrecht.

Die Schiiten waren seit einigen Wochen wieder auf dem Vormarsch, erzählte mir der Mann an der Bar. Der neue Ajatollah feierte seine ersten Erfolge. Nachdem sie sogar Teile des Iran verloren hatten, stießen sie jetzt direkt nach Islamabad und Kabul vor, da der indische Premier das gesamte Kaschmirgebiet besetzen ließ und die Pakistanis vollauf mit der Flut indischer Soldaten beschäftigt waren. Demnächst würde einer der beiden wohl die Bombe zünden.
   Der Barmann war jung. Er musste irgendeine Behinderung haben, sonst hätte man ihn eingezogen. Dunkle Haare, dunkle Augen, ein freundliches Lächeln. Der Flughafen von Sharm el Shaik war eine Burg wie jeder Flughafen, aber in dieser Bar, mit Blick auf das Rote Meer, konnte man das fast vergessen.
   »Wohin soll’s gehen, Sir?«
   »Mekka.«
   Der junge Israeli ging ohne ein weiteres Wort zu einem anderen Gast, und er kam auch nicht mehr zurück, Anwalt hin oder her.

»Du bereust es?«
   »Jetzt nicht mehr. Seit drei Wochen nicht mehr. Seitdem ich weiß, warum ich es getan habe.«
   Laura legte ihre Hand auf mein Gesicht, auf die Narben und Risse. Sie ließ ihre Finger über die zerschnittenen Ohren gleiten und küsste meine wunde Stirn.
   »Es blutet«, sagte sie. Ein Tropfen war an ihren Lippen hängen geblieben.
   »Das passiert von Zeit zu Zeit. Die Viren bekämpfen die Heilung in Schüben.«
   »Was wäre, wenn du dich verletzt, wenn du wirklich krank würdest?«
   »Ich habe das Gegenmittel. Ich brauche es bloß zu nehmen, und mein Körper kann sich wieder selbst heilen.«
   Sie küsste mich noch einmal.
   »Es ist schrecklich«, sagte sie.
   »Ja.«

AI-Anwälte hatten keine Gesichter. Die Anwälte der Menschheit waren selbst keine Menschen mehr. Deswegen wurden wir akzeptiert. Wir hatten keine klare Physiognomie, nichts, was auf die Zugehörigkeit zu einem Kulturkreis, einer Religion oder einem Kontinent schließen ließ. Wir beherrschten zwölf Sprachen, trugen schwarze Umhänge und kannten die Gesten und Rituale der Freundlichkeit für sechzig Kulturen. Keine Provokation, sondern Anpassung. Kein Erkennen. Und die offenen Wunden als Zeichen unseres Glaubens an die Menschlichkeit. Diese offenen Wunden waren es, die uns den Respekt, das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit verschafften.

Das Königshaus von Saudi-Arabien versteckte sich noch immer im Exil in Helsinki und wartete darauf, dass irgendein Anschlag ihr Leben beendete, während in ihren Palästen in Riad und Mekka der blinde, greise Osama bin Laden, der größte Prophet nach Mohammed, saß und glaubte, den WorldJihad zu kontrollieren. Die Macht hatten andere. Sein symbolischer Wert hingegen war ungebrochen und der einzige Grund dafür, dass es noch einen WorldJihad gab. Auch wenn die Vereinigten Staaten weiterhin behaupteten, sie hätten den echten bin Laden schon lange zur Strecke gebracht.
   Ich war vor diesem Teil der Reise gewarnt worden. Man wusste nie genau, wo amerikanische Bomber das nächste Mal auftauchen würden, aber dass Mekka ein Ziel war, wusste jeder. Ein Anwalt in Sharm meinte, es könnte jeden Tag so weit sein.
   Der Flug war sehr unangenehm. Es gab keine Verbindung zwischen Großisrael und Arabien, also hatte AI eine kleine, alte Maschine organisiert, die von einem Computer in Riad aus gesteuert wurde. Es gab nur einen Sitz, der ganz hinten in der Maschine war, in einem Raum von zwei mal zwei Metern. Kein Essen, kein Trinken, keine Toilette. Dieser Sicherheitswahn war manchmal schrecklich nervtötend.
   Ich war sehr erstaunt, als ich vor dem Flughafen in Mekka das zwanzig Jahre alte Plakat sah. Diese Dinger hatten damals auf der ganzen Welt gehangen. Man fand nie heraus, wer dahinter steckte, welcher alte Kauz die Aktion bezahlt hatte. Man wusste nur, dass es aus einem Comic stammte. Auf einer ansonsten leeren Fläche stand ein Satz, der mit GOTT, GOD, ALLAH, BUDDHA, JESUS usw., unterschrieben war, je nach dem, wo das Plakat hing.
   DON’T MAKE ME COME DOWN THERE
   stand darüber in Rot geschrieben.

Zwingt mich nicht, zu Euch runterzukommen!

Ich nahm mir die Freiheit, hier zwei Ampullen zu öffnen.
   Mekka war überfüllt mit Pilgern. Die Kalaschnikow geschultert, haben sie sich durchgekämpft, um ihre Pilgerfahrt zu absolvieren. Es war ein großartiges Ereignis, so wunderbar und ergreifend, dass ich fast sicher war, jeden Moment die B3-Bomber zu hören.
   Mekka war von Attentaten verschont geblieben, genauso wie Rom. Der Papst hatte für mich geweint, als ich vor einer Woche im Vatikan war, und jetzt schien es, als würden Mekka und seine Pilger das gleiche tun. Die Pilger kamen von überall, besonders viele aus Afrika, für einige Wochen auf der Flucht aus dem Herz der Dunkelheit zum Licht des schwarzen Steins, bevor sie ins Chaos zurückkehren würden. Ein glücklicher Zufall, würde ich doch nur in Mandela City, Ex-Johannesburg, Afrika betreten.
   Ich schloss mich den Pilgern an und wurde in ihrer Mitte aufgenommen. Manche dankten mir für das, was ich tat.

Der neue Burenkrieg in Südafrika ging schlecht voran, erklärte mir Pater Van Outen vor ein paar Wochen in Kuba. Wir würden nur noch Kapstadt und Sun City halten.
   Er untertrieb. Die Weißen flüchteten schneller, als die südafrikanische Armee ihnen nachrennen konnte. Die White-Power-Attentate in Mandela City waren verpufft wie Sylvesterknaller. Einige Anwälte gingen davon aus, dass Südafrika als erstes Land des Kontinents wieder Stabilität erreichen könnte, da an seinen Nordgrenzen die Staaten zerfallen sind und sich die Stämme und Warlords gegenseitig abschlachten. Ich gehöre nicht zu dieser Gruppe von Anwälten. Wenn die Weißen ins Meer geschmissen wurden, wäre das Land, genauso wie der Rest Afrikas, wieder ein leerer Fleck auf den Landkarten.

Ich blutete heftig auf dem Flug nach Peking. Schon in Bombay tropfte ich auf die Teppiche im Hotel, doch jetzt lief ich fast aus. Ich war müde und erschöpft, der Blutverlust war für mich schwer zu verkraften. Die Stewardess reichte mir feuchte Tücher, doch es hörte nicht auf. Kurz vor der Landung beschloss ich, dass es nicht ohne Verband gehen würde. In China war der Wahnsinn nicht so schlimm wie im Rest der Welt, man legte hier nicht so viel Wert darauf, meine Wunden zu sehen. Seit der Vereinigung war die Partei friedlich geworden. Man hatte Taiwan annektiert und nichts war passiert. Die USA waren viel zu sehr mit Dallas und New York 3 beschäftigt, als dass es sie auch nur im Geringsten interessiert hätte. Peking nutzte die Gelegenheit, um die Islamisten aus der Xinkiang-Region zu vertreiben. Drei Wochen nach dem Massaker sprengten sich zehn malaiische WorldJihad-Anhänger in der Verbotenen Stadt in die Luft, und die Taiwanesen attackierten zufällig am gleichen Tag den Mao-Turm in Shanghai. Seitdem gab es keine Nachrichten mehr aus Taiwan. AI durfte dort nicht einreisen. eine sehr seltene Regelung. Davon abgesehen herrschte in China Ruhe. Fast ein Eden.

Der mittlerweile über hundertjährige Maximo Leader Fidel Castro hatte mir gesagt, dass er ein glücklicher Mann ist. Eine Stunde zuvor hatte er über CNN-Al-Jazeera den totalen Asylbewerberstopp bekräftigt; niemand, kein amerikanischer Flüchtling, durfte die Insel betreten, das Land reizte seine Ernährungskapazitäten voll aus. Bei dieser Gelegenheit betonte er nochmals die Neutralität und Friedfertigkeit Kubas.
   Als er nach der Pressekonferenz seinen Rollstuhl zum Fenster schieben ließ und auf sein von aller Welt beneidetes Land sah, öffnete ich nur für ihn eine Ampulle und blies ihm die Viren in den Nacken. Ein glücklicher Mann. Das ging mir nicht aus dem Kopf. Der Chinese, der mir seine Töchter anbot, sah auch glücklich aus. Mein Verband war durchnässt.

Die Nachrichten in dieser Nacht waren uninteressant. Nach der Unabhängigkeitserklärung Quebecs hat sich der Rest Kanadas wieder dem Vereinigten Königreich zugeordnet und wurde prompt mit einem Attentat der IRC empfangen.
   Die Pocken waren in Südamerika weiter auf dem Vormarsch. Wieder hatte das Kalikartell eine Großstadt infiziert. San Salvador war verlassen. Man sprach von einer Million Toten seit Beginn der Bio-Kriege. Mindestens zehn Millionen Südamerikaner schienen drogenabhängig zu sein, weitere zehn Millionen arbeiteten im Dienst der Kalibosse, ansonsten Anarchie. Obwohl der WorldJihad offiziell nicht in Südamerika vertreten war, gab es Gerüchte von Attentaten in Caracas und Bogota. Ich glaube es. Es gefällt Osama, die Moral auf seiner Seite zu wissen.
   Ich lag auf meinem Bett im Anwaltshotel von Peking, ließ den Fernseher laufen und blätterte durch die verbliebenen Flugtickets. In zwei Wochen würde ich wieder zurück in Tasmanien sein. Ich konnte es kaum erwarten.

»Ich verstehe es nicht genau. Es wurde mir auch nicht erklärt.«
   »Aber du bist der Bote.«
   »Dein Vater hat mich Prometheus genannt«, sagte ich.
   »Und es funktioniert?«
   »Es sollte funktionieren. An GOTT wurde zehn Jahre gearbeitet, die Hälfte aller AI-Einnahmen gingen in dieses Projekt. Also sollte es wirklich funktionieren.«
   »GOTT ist ein Virus?«
   »Hochgradig ansteckend. Tiere können es auf Menschen übertragen. Es nistet sich im Hirn ein, und nach einer Inkubationszeit von sechs Monaten bricht es aus.«
   »Niemand wird mehr hassen?«
   »Nein, so funktioniert es nicht. Niemand wird mehr töten. Die natürliche Hemmschwelle wird vervielfacht. Es passiert noch sehr viel mehr, GOTT greift tief in die Elektrochemie des Gehirns ein, ich habe Diagramme gesehen, Bilder, Grafiken, Gehirnproben, Verhaltensmuster. Ich verstehe es nicht, aber es wird dafür sorgen, dass das alles aufhört.«
   »Und dann?«
   Ich lächelte.
   »Dann werde ich mein Gesicht zurückbekommen.«

Der Papst hatte mich gemocht. »Gott sei mit dir!«, hatte er gesagt, als die Audienz beendet war. Ich hätte fast gelacht – ich als der erste Mensch, der den Petersdom mit schallendem Gelächter erfüllte.

© Christian Fischer 2003 • Erstveröffentlichung


Suche
Dialog
Service

Anzeige


Suche
Dialog
Service

Anzeige


Suche
Dialog
Service

Anzeige


Suche
Dialog
Service

Anzeige


Suche
Dialog
Service

Anzeige

Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text ist, wie alle Texte in epilog.de, durch das Urheberrecht geschützt. Die unautorisierte Reproduktion, auch in Online- und Offlinemedien, ist verboten und wird straf- und zivilrechtlich verfolgt.
ALIEN CONTACT 57 Inhalt Archiv
Home Suche Dialog Service Ende Amazon.de
© copyright 1990-2006 by SHAYOL.NET e.V. • Alle Rechte vorbehalten
eMail: dialog@epilog.de
21.05.06 • 10.06.06