Marcel Dupont
hätte eigentlich sein Altenteil genießen können, doch was so ein richtiger Weinbauer
war, der konnte auch mit 84 Jahren nicht von seinem Lebensinhalt lassen. Seinen
Lieblingsweinhang hatte er nicht an seinen Sohn abgeben. Wie seit Jahrzehnten tuckerte er
jeden zweiten Tag mit seinem altersschwachen Traktor den Hang hinauf, um nach dem Rechten
zu sehen.
Marcel ließ während der Fahrt seinen Blick über den Weinberg
schweifen. Wie ein hingeworfenes grünes Handtuch schmiegten sich die Weinstöcke an die
sanfte Steigung des Hanges. Fast den ganzen Tag brannte die Sonne auf die Pflanzen, die
begierig die Wärme aufnahmen, um sie als liebliche Süße an die Trauben weiterzugeben.
Der alte Weinbauer freute sich schon auf diesen Jahrgang. Er hatte das
gewisse Gefühl für seine Trauben. Und dieses Gefühl sagte ihm, dass es ein
außerordentlich guter Wein werden würde.
Der tatsächliche Marktwert war ihm egal, ihm ging es nur um die
Qualität. Sein Wein war in dieser Gegend seit Jahrzehnten der beste, und dieser
wunderbare Hang mit seinen liebevoll gepflegten Weinstöcken war der Garant für absoluten
Winzergenuss.
Marcel hatte nur vor zwei Sachen Angst. Zum einen war es ein mögliches
Unwetter, das seine Weinstöcke fortspülen könnte, zum anderen waren es die verdammten
Schnecken, die dieses Jahr schon einen großen Teil der Ernte seines Sohnes auf dem
Gewissen hatten.
Auch auf seinem Weinberg hatte das Ungeziefer Einzug gehalten. Die Sorge
um seine Reben vertiefte die Furchen im wettergegerbten Gesicht des alten Weinbauern.
Bereits letzte Woche hatte er einen nicht unerheblichen Befall festgestellt. Doch im
Gegensatz zu den anderen Winzern wollte er keine Spritzmittel einsetzen. Marcel schmeckte
den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sofort aus einem Wein heraus. Und sein Wein sollte
stets ein besonderer Wein sein.
Im Falle einer richtigen Schneckenplage würde er natürlich nicht um
die Giftmittel herumkommen, doch so lange es ging, wollte er darauf verzichten. Es war ihm
lieber, eine geringere Ernte von erlesener Qualität als einen Wein, der ihm persönlich
nicht mehr schmeckte, zu erhalten.
Marcels Blick wanderte wieder nach vorn, denn der Weg wurde hier steiler
und schmaler. Ab jetzt musste er sich auf die Steuerung seines Traktors konzentrieren. Die
ausgeschlagene Lenkung hatte viel zu viel Spiel, deshalb brauchte Marcel all sein
Fingerspitzengefühl, um die alte Maschine in den breitgefahrenen Furchen des Weges zu
halten.*
Skried Let Sru ließ sein Raumschiff, das die Menschen als fliegende Untertasse
klassifiziert hätten, noch einmal um den dritten Planeten einer kleinen gelben Sonne
kreisen. Nur knapp zehn Meter maß das Schiff, das in der Lage war, innerhalb von wenigen
Stunden quer durch die Galaxis zu rasen.
»Eine ideale Welt«, bestätigte Skried Let Usr den ersten Eindruck
seines Partners. Die beiden Scouts waren auf der Suche nach neuen Lebensräumen für ihr
Volk, das sich in den letzten Jahrhunderten explosionsartig im Weltraum verbreitet hatte.
Die Fernanalyse der gelben Sonne hatte Planeten für möglich gehalten. Eine Feinortung
stellte sie anschließend in vielversprechenden Umlaufbahnen fest.
Dann dieser Glücksfall von Planet, den die beiden Scouts gerade
umkreisten. Fast glich er der Ursprungswelt der beiden Skrieds, lediglich Teile der Fauna
störten. So hatte eine einheimische Art gerade damit begonnen, ihre Intelligenz zur
Vernichtung dieser wunderbaren Ökologie einzusetzen.
Diese Art, die sich selbst »Menschen« nannte, musste natürlich erst
beseitigt werden, dann konnten die Skrieds den Planeten besiedeln.
Vor der Besiedelung hatten die Scouts jedoch noch eine Menge zu
erledigen. Proben der Welt mussten entnommen und untersucht werden. Die Skrieds hatten
schon so manche schöne Welt abschreiben müssen, weil die Mikroben, Bakterien und Viren
ihnen das Leben zur Hölle gemacht hätten. Skried Let Usr tauchte in die Atmosphäre des
Planeten ein. Auf der dreidimensionalen Darstellung ihrer direkten Umgebung leuchtete
ihnen das Blau des Meeres entgegen, über das sie gerade flogen. In Flugrichtung lag eine
durchweg grüne Küstenlandschaft. Skried Let Usr deutete auf auf eine Stelle der
Holographie, die wenige Flugsekunden hinter der Küste lag. »Hier ist ein schöner
Landeplatz«, wies er den anderen Skried an. »Dort wollen wir mit unserer Probenentnahme
beginnen.« Skried Let Sru wandte sich dem hochintegrierten kompakten Schaltpult zu. Es
war das einzige Objekt in der ansonsten völlig kahlen Zentrale, die den Innenraum
der Untertasse ausmachte. Die Skrieds klebten mit ihren Saugnapffüßen direkt davor.
Skried Let Srus fünf Extremitäten, die gelenklos in jeweils zwei zangenartigen
Greifwerkzeugen endeten, huschten über das Pult.
Die Untertasse kippte aus der Flugbahn und setzte lautlos zur Landung
an.
*
Als Marcel das Ende des ausgefahrenen Weges erreichte, traute er seinen Augen kaum.
Mitten in seinem Weinberg lag eine zirka zehn Meter durchmessende silberne Scheibe. Und
das war noch nicht alles. Diese Scheibe hatte eine Schneise von mindestens 80 Metern
mitten durch seine Weinreben geschlagen. Weinstockreste waren an der Scheibe verhakt und
bildeten einen traurigen Rand aus verknicktem hängendem Grün. An der Stirnseite ragten
die noch stehenden Reben über die Scheibe. Marcel hatte von diesen jungen
rücksichtslosen Fliegern in seinem Bistro gelesen. Gemeinsam mit den anderen alten
Herren, die ihre Zeit dort verbrachten, wetterte er über die Gedankenlosigkeit, mit der
die junge Generation für ihre Sucht nach Spaß und Nervenkitzel die ihm bekannte Welt aus
den Fugen hob. Bungeejumping, Drachenfliegen von den wunderschönen Hängen seiner Heimat,
motorbetriebene Gleitfallschirme und jetzt auch noch fliegende Metallscheiben.
Nach einem gefährlichen Absturz sah dieses Flugteil nicht aus,
überlegte der Weinbauer. Dafür lag die Scheibe zu gerade. Außerdem war kein einziger
Kratzer auf dem silbernen Ding zu sehen. Also hatten diese Frechdachse seinen Weinberg nur
so nebenbei niedergemäht. Wutentbrannt sprang der alte Mann vom Trecker und hetzte, so
schnell es seine alten Knochen zuließen, zu dem Flugobjekt.
Er wollte diese Vandalen zur Rede stellen. Sie mussten ihm schon
einen sehr gute Begründung für ihre unsanfte Landung in seinem Weinberg liefern, wenn
sie seinem Donnerwetter entgehen wollten. An der Stirnseite, zwischen den angeknickten
Rebstöcken, sah er eine zirka 1,4 Meter durchmessende Umrandung. Dort dürfte der Eingang
sein, vermutete der erboste Weinbauer.
Mit der zur Faust geballten Hand hämmerte er gegen das silberne Metall.
*
Skried Let Usr war erstaunt. Normalerweise ergriffen halbwegs intelligente Ureinwohner
eines Planeten die Flucht, wenn sie auftauchten. Andere verehrten sie als Götter, nachdem
sie ihre schier unermessliche Macht unter Beweis gestellt hatten, doch dass man sie
Minuten nach der Landung derart angriff, war neu für sie.
Insbesondere, da sie wussten, über welch ein Waffenarsenal die Menschen
verfügten, war ein Angriff mit bloßen Fäusten schon fast ein Affront gegen die Skried.
»Was will dieses Wesen von uns?«, fragte Skried Let Usr seinen
Kameraden. »Als aggressiven Angriff kann man dieses Hämmern wohl kaum deuten.«
»Eventuell möchte er mit uns kommunizieren«, mutmaßte Skried Let
Sru. »Wir könnten doch den Ausstieg öffnen und den Bordrechner übersetzen lassen. Die
gerade durchgeführten Analysen haben keine gefährlichen Mikroorganismen angezeigt. Mal
sehen, wie der Erdling auf unseren Anblick reagiert.«
»Bestimmt ist er so geschockt, dass er sich ehrfurchtsvoll zu Boden
wirft«, antwortete Skried Let Usr.
Skried Let Sru betätigte ein Sensorfeld auf dem Pult. Das Schott
verschwand nach links in die Wandung des Schiffs. Als erstes schlugen Äste des grünen
Blattwerkes ins Schiff.
Dieser Bewohner des Planeten beugte seinen Körper, um durch die
Öffnung zu schauen. Für einen kurzen Moment blickte er sie erstaunt an. Der Erdling war
ein gutes Stück größer als die Skried und passte nicht in das Raumschiff. Dann ließ er
erneut einen Wortschwall los, wie sie ihn schon von draußen vernommen hatten. Der Rechner
übersetzte simultan: »Ihr Verbrecher, mir ist vollkommen egal, wer ihr seid und woher
ihr kommt, doch auch Ihr Pilzfußtypen habt nicht das Recht, meinen Weinberg derartig zu
schänden, jawohl, zu schänden. Ich werde euch haftbar machen für diesen Schaden. Wisst
ihr überhaupt ...?«
Skried Let Usr unterbrach die Simultanübersetzung. So etwas war ihnen
in all den Jahren noch nie passiert. Sie, die Skried, die beherrschende Spezies dieser
Galaxis, mussten sich von einem Ureinwohner beleidigen lassen!
Skried Let Usr betätigte den Schließmechanismus des Schotts. Es gab
ein knackendes Geräusch, als die Hydraulik die hereinragenden Weinstöcke zerquetschte.
Die abgetrennten Äste und Blätter fielen zu Boden. Die Flüssigkeit aus den platzenden
runden Früchten spritzte bis zu ihnen. Angewidert gab Skried Let Sru den Befehl an das
Schiff, den Eingangsbereich zu reinigen.
Skried Let Usr blickte zu seinem Begleiter: »Wir sollten jetzt
aufräumen.«
»Ja, auf jeden Fall«, bestätigte Skried Let Sru. »Lass uns diesen
wunderbaren Planeten von seinen irren Ureinwohnern säubern, damit er von den Skried
besiedelt werden kann.«
Skried Let Usr startete das Raumschiff. Ansatzlos hob das Fluggerät mit
mehrfacher Schallgeschwindigkeit ab. Das eingeklemmte Blattwerk wurde einige Meter
mitgerissen, bevor es der Fahrtwind zerstreute. Der Erdling, der sich wieder auf das
Raumschiff gestützt hatte, konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Vom plötzlichen
Start überrascht fiel er nach hinten in die noch intakten grünen Pflanzen.
Wenige Momente später befanden sich die Skried wieder in der gewohnten
Umlaufbahn. Der Bordrechner bereitete die Zellkernstrahlung vor, die alle
Primatenähnlichen dieses Planeten töten würde.
*
Sie hatte kein Gehirn! Das brauchte sie auch nicht. Sie war da, um sich satt zu fressen
und um sich zu vermehren. Durch die Erschütterungen und den Lichtwechsel hatte sich kurz
zuvor eine unbestimmte Gefahr angedeutet. Aus diesem Grunde hatte sie sich, dank ihrer
angeborenen Reflexe, in ihr Schneckenhaus zurückgezogen.
Dann gab es erneut einen gewaltigen Ruck. Sie hatte nicht bemerkt, dass
sie mehrere Meter durch die Luft geschleudert wurde. Doch auch das machte nichts!
Sie hatte wieder eine gerade Fläche unter sich. Aber hier gab es nichts
zu fressen. Deshalb beeilte sie sich, über diese ungenießbare Ebene wieder in den
hellen, grünen Bereich zu kommen, der Nahrung im Überfluss versprach.
Mit der ihr eigenen Behendigkeit kroch die Weinbergschnecke, die eben
noch auf einem der hereinragenden Äste gesessen hatte, auf einer feuchten Schleimspur
voran.
*
Die Scouts blickten mit Genugtuung auf den blauen Planeten. Der
Zellkernstrahlungsgenerator war aktiviert. In wenigen Minuten würden sie mit den
Strahlenschauern beginnen. Durch die Wahl ihrer Umlaufbahn würde jede Fläche dieses
Planeten in den Bereich der Antenne kommen und von humanoiden Wesen befreit werden.
Tiefblaue Warnleuchten erhellten das Multifunktionspult. Skried Let Usr
blickte irritiert auf die Anzeigen. »Gibt es Probleme mit der Zellkernstrahlung?«,
überlegte er kurz. Die Kalibrierung auf Primaten war sicherlich auch für einen
Hochleistungsrecher, wie es der ihre war, nicht einfach.
Immer mehr Leuchten gingen an. Aus der Triebwerkssektion erklang ein
tiefes Dröhnen. Die beiden Skrieds sahen sich überrascht an. Nie zuvor hatten sie ein
Geräusch aus der Antriebssektion vernommen!
»Vollständiger Steuerungsverlust!«, meldete der Bordrechner. Das Pult
zeigte wirre Werte. Die künstliche Schwerkraft innerhalb des Schiffes fiel aus. Die
Scheibe taumelte aus der Umlaufbahn. Wilde Triebwerksschübe kompensierten die Fahrt.
Skried Let Usr blieb dank seines Saugfußes am Pult stehen. Wild
hantierten seine Extremitäten mit den Eingabefeldern, doch diese nahmen seine Befehle nur
teilweise an.
Kurz gelang es ihm, die interne Schwerkraft wieder zu aktivieren, dann
brach die Energieversorgung vollständig zusammen. Die Schwerkraft der Erde griff nach der
silbernen Scheibe und zog sie unbarmherzig an sich.
*
Die Schnecke bemerkte die feinen Vibrationen, als das Raumschiff startete. Instinktiv
zog sie sich in ihr Schneckenhaus zurück, doch es nützte ihr nichts mehr. Elektrische
Ströme flossen durch den Schleim, den sie auf der Hauptplatine aufgetragen hatte, bis in
ihr tragbares Heim und töteten sie.
Ihr Saugfuß löste sich, als weitere Kurzschlüsse winzige Lichtbogen
erzeugten und das Schaltfeld zum Schmelzen brachte. Der verkohlte Rest einer
Weinbergschnecke schwebte in der Schwerelosigkeit durch das Innenleben des
Multifunktionspultes. Sie spürte nicht mehr die Erschütterungen, die nach der silbernen
Scheibe griffen, als sie die oberen Atmosphärenschichten der Erde erreichte.
Wenige Momente später verloren auch die Skrieds ihr Leben, als das
Meisterwerk einer fremden Technik über der Erde verglühte.
© Bodo Kroll 2004 Erstveröffentlichung |
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