»Immer neue
Blitze zucken aus dem dreibeinigen Marsvehikel. Rund um mich herum gehen weitere Häuser
in Flammen auf. Die Bewohner fliehen in Panik. Jetzt bewegt sich das riesige Ding in meine
Richtung. Höchste Zeit, dass ich hier wegkomme.« Die aufgeregte Stimme des
Rundfunkreporters brach ab. Stattdessen kam Unterhaltungsmusik aus dem kleinen
Lautsprecher.
Ich genehmigte mir einen langen Zug aus meiner Bierflasche und rückte
auf dem Küchenstuhl in eine bequemere Position. Während ich hinter vorgehaltener Hand
rülpste, studierte ich noch einmal den Radio-Programmteil unseres örtlichen
Käseblatts. Für den 30. Oktober 1938 war ein Hörspiel der CBS nach dem Roman Krieg
der Welten von H. G. Wells für das Abendprogramm angekündigt. Ich hatte das Buch
irgendwann einmal aus der Bücherei von Medford geliehen, und seitdem beschäftigte es
wiederholt meine Phantasie. Oft schon hatte ich mir ausgemalt, wie es wäre, wenn solche
Marsungeheuer tatsächlich auf der Erde landen würden. Heute Abend saß ich in der Küche
unseres Farmhauses, mitten in New Jersey, und lauschte gespannt der Übertragung.
Der Autor des Hörspiels, ein gewisser Orson Welles, hatte die
Geschichte erheblich überarbeitet. Ich war mir noch nicht so sicher, ob ich die
Änderungen gut finden sollte. Meine Vorstellung vom Krieg der Welten sah etwas
anders aus als diese seltsame Reportageform. Ich konnte meine Einschätzung mit niemandem
besprechen, denn meine Frau Rebecca saß mit Grandma und unseren beiden Söhnen in der
Wohnstube, wo sie sich eine Comedy-Sendung auf einem anderen Radiokanal anhörten.
Wir hatten die Farm vor einigen Jahren von meinem Vater geerbt. Sie
ermöglichte uns hier, im Herzen von New Jersey, ein gutes Auskommen mit fünfundzwanzig
Milchkühen und einer prächtigen Haselnussplantage von fast zehn Morgen, die wir mit
Hingabe pflegten und deren beständige Ernteerfolge uns mit Stolz erfüllten.
Die Jungs marschierten jeden Morgen außer sonntags die
zwei Meilen nach Medford Lakes zur Schule, wobei sie unseren Nachbarn, den Jacksons, die
auf halbem Wege ihre Farm hatten, eine Kanne Milch vorbeibrachten. Die Jacksons hatten
keine Kühe, sondern Schweine, und wenn der Wind ungünstig, von Süden kam, stank es
erbärmlich. Im Tauschgeschäft erhielten unsere Nachbarn jeden Tag die Milch und wir
zweimal im Jahr ein halbes Schwein.
Die Musik wurde durch eine neue fiktive Hiobsbotschaft unterbrochen. Ich
musste lächeln. Orson Welles hatte den Landeort des marsianischen Stoßtrupps vom
englischen Woking zu uns nach New Jersey verlegt. Augenzeugen berichteten gerade, dass das
Marsvehikel eine Farm zerstört habe.
Nun, wir lebten genau hier im ländlichen New Jersey, aber ich hatte
nicht das Gefühl, Opfer einer marsianischen Invasion geworden zu sein. Die schlechten
Nachrichten spitzten sich zu. Die Stimme des Reporters, der angeblich vor Ort war, wurde
immer panischer. Im Stillen zollte ich diesem Mr. Welles Respekt, denn er hatte aus
den Ideen des Buches eine wirklich spannende Reportage gemacht.
Plötzlich wurde die Küchentür aufgerissen. Meine ganze Familie
stürmte herein. Schwiegermutters Augenlider zuckten unablässig. Ein deutliches Zeichen,
dass sie sehr aufgeregt war. Ehe ich mich versah, hatte ich zwei sich ängstlich an mich
drängende Kinder auf dem Schoß. Meine Frau platzte heraus: »Hast du auch schon CBS
gehört?«
Ich runzelte die Stirn. Selbstverständlich hörte ich die ganze Zeit
CBS. Bevor ich fragen konnte, was die ganze Aufregung sollte, fuhr meine Frau fort:
»Hier sind Marsianer gelandet, die mit einem Hitzestrahl auf alles
schießen, was sich bewegt. Viele Häuser und Farmen wurden schon abgefackelt. Wir müssen
sofort unsere Sachen zusammenpacken und sehen, dass wir wegkommen. Die Nationalgarde wird
frühestens in drei Stunden eintreffen.« Hektisch strich sie sich eine graublonde
Haarsträhne, die sich einen Weg an ihrem schwarzen Haarband vorbei gebahnt hatte, aus dem
Gesicht.
Ich konnte nicht anders ich prustete vor Lachen los. Meine liebe
Familie war ihren eigenen Unarten zum Opfer gefallen. Statt sich ein Programm von Anfang
bis Ende anzuhören, hatten sie, wie gewöhnlich, zwischen den Sendern hin- und
hergeschaltet und waren dabei Orson Welles vermeintlicher Livereportage einer
Invasion vom Mars auf den Leim gegangen.
Behutsam schob ich die Kinder von den Knien. »Meine Lieben, es ist nur
ein Hörspiel!«, versuchte ich sie zu beruhigen. »Es heißt Krieg der Welten
und ist als Musiksendung aufgemacht, die laufend von Katastrophenmeldungen unterbrochen
wird. Schaut doch aus dem Fenster! Seht ihr irgendwelche marsianischen Monster mit
Hitzestrahlen rumspazieren?«
Meine Familie blickte mich immer noch äußerst skeptisch an. Seufzend
hob ich die Schultern und drehte mich um. Irgendwo neben unserem guten alten Kohleherd
hatte ich die Zeitung hingelegt. Zur Untermauerung meiner Aussage schlug ich demonstrativ
die entsprechende Seite auf und legte sie neben dem Radioempfänger auf den Tisch.
»Da könnt ihr es selbst lesen. Unter dem Datum vom 30. Oktober 1938: Krieg
der Welten, nach einem Buch von H. G. Wells.«
»Das ist doch nicht die Möglichkeit! Uns so aufs Kreuz zu legen!«,
entfuhr es Großmutter. Sie gab natürlich dem Radiosender die Schuld.
»Granny, der Radiosender kann doch nichts dafür, dass ihr permanent
zwischen den Programmen hin- und herschaltet und dann nur die Hälfte mitbekommt. Ihr
wolltet euch eine Comedysendung anhören. Deswegen habe ich mich doch mit meinem
zusammengeflickten Radio in die Küche verzogen.«
Beruhigend legte ich meinen Arm um die alte Frau. »Kommt, lasst uns die
Story gemeinsam zu Ende hören, sie ist echt spannend.«
Mit einem Seufzer unterbrach ich die Stromversorgung meines
selbstgebastelten Radios, und das Knistern des kleinen Lautsprechers verstummte. Dann
gingen wir zusammen in die Stube. Der Klang des dortigen Radioempfängers war wesentlich
besser als mein Provisorium in der Küche. Gerade hörten wir vom Untergang New Yorks, als
es an der Tür klingelte.
Das war nun wirklich außergewöhnlich. Wer kam um diese Zeit im Dunkeln
zu uns auf die Farm? Einerseits verärgert, weil ich nicht weiter zuhören konnte,
andererseits neugierig, wer sich hierher getraut hatte, erhob ich mich und ging zur
Haustür.
Durch das Fliegengitter der ersten Tür konnte ich die aufgeregten
Gesichter der Familie Jackson erkennen. Ich ahnte schon, was sie zu dieser späten Stunde
zu uns trieb.
»Habt ihr kein Radio an?«, bekam ich von Vater Jackson statt einer
Begrüßung zu hören. »Wir werden angegriffen ... von Marsmonstern. Hier ganz in der
Nähe müssen sie gelandet sein!«
Auch die Jacksons ließen sich erst nach Vorlage der Zeitung beruhigen.
Meine Frau lud sie zu einem Glas Wein ein. Zwischendurch bekam ich mit einem Ohr mit, dass
das Hörspiel unterbrochen wurde, um die Zuhörer darauf hinzuweisen, dass es sich um eine
erfundene Geschichte handelte. Doch die Reaktion der Jacksons ließ mich daran zweifeln,
dass diese Entwarnung rechtzeitig kam.
Keine halbe Stunde später war das Thema »Krieg der Welten« vergessen.
Meine Frau, Großmutter und die Nachbarn plauderten über den vergangenen Sommer, der
keiner gewesen war, das Baby der Simsons und sonstigen Klatsch. Am liebsten hätte ich
mich wieder in die Küche zurückgezogen, um das Hörspiel in Ruhe zu Ende zu hören. Den
kleinen Radioempfänger hätte ich mit etwas Glück bestimmt wieder in Gang bekommen, doch
das wäre den Jacksons gegenüber unhöflich gewesen.Was solls? Jetzt
war die Sendung sowieso fast vorbei. Genüsslich ließ ich meinem zweiten Bier ein drittes
folgen. Wie hieß noch gleich der Leitspruch meines verstorbenen Vaters? So jung kommen
wir nie mehr zusammen! Versonnen ließ ich meine Gedanken zurückgleiten. Mein alter Herr
hatte diese Farm regelrecht aus dem Boden gestampft. Als er vor sechs Jahren gestorben
war, hatte ich den Hof übernommen. Seitdem war viel geschehen. Wir hatten neue Stallungen
gebaut, die Viehwirtschaft machte uns von Ernten unabhängiger, ich hatte Meilen von
Zäunen gezogen. Doch ich merkte auch, wie meine Kraft langsam, aber sicher nachließ.
Jeden Morgen fühlte ich mich müder als am Tag zuvor, dabei war ich vergangene Woche
gerade einmal 35 Jahre alt geworden. Die Schwielen an meinen Händen sprachen von harter
Arbeit. Jahrelang hatten meine Frau und ich kaum eine Nacht länger als sechs Stunden
geschlafen oder gar einen gemeinsamen Urlaub verbracht. Jede freie Minute ging in die
Farm. Irgendwann sollte es einmal reichen, um ein wenig kürzer treten zu können. Doch
bis dahin war es noch ein weiter Weg.
Als ich meinen Namen hörte, kehrten meine Gedanken zurück an unseren
Tisch. Schwiegermutter erzählte gerade wieder die peinliche Anekdote, wie ich seinerzeit
erfolglos versucht hatte, einen vom Seil gerissenen Eimer aus dem Brunnen zu holen.
Nach weiteren zwei Stunden verabschiedeten sich die Jacksons. Es war
noch ein wirklich netter Abend geworden. Im Radio berichteten mittlerweile alle Sender
über den Aufruhr, den das Hörspiel verursacht hatte. In den Großstädten sei es zu
panikartigen Menschenaufläufen gekommen.
»Gut, dass wir hier in New Jersey wohnen«, kommentierte ich die
Berichte amüsiert, als ich mit meiner Frau zu Bett ging. »Hier gibt es nicht genug
Einwohner, um überhaupt einen einzigen Menschenauflauf zusammenzubekommen.«
Wohlig streckte ich meine Füße unter die Bettdecke. Der Alkohol
bewirkte eine angenehme Schwere in meinen Gliedern. Schon halb im Schlaf gab ich meiner
Frau einen Gutenachtkuss auf die Wange und drehte mich auf die Seite.
Durch die zugezogenen Vorhänge schimmerte grünliches Licht. Mit einem
Grunzen zog ich die Bettdecke über die Schultern. Dann wurde mir bewusst, dass unsere
Schlafzimmervorhänge rot waren. Wieso schimmerte es dann grün?
Schlagartig war ich wieder wach!
Noch während ich die Beine aus dem Bett schwang, zog ich den
Vorhang zurück. Tatsächlich, grelles grünes Licht schimmerte hinter unserer Scheune!
»Liebling ...« Meine Frau wandte sich zu mir um. Als sie
ebenfalls das Licht bemerkte, versteifte sie sich.
»Was ist das?«, wollte sie von mir wissen. Uns beiden kam das Licht
seltsam vor. Wahrscheinlich gab es eine natürliche Ursache, doch durch das Hörspiel
dachten wir beide sofort an Marsmenschen. Wir schauten uns an und lachten unvermittelt
los. Ich liebte die kleinen Fältchen, die um ihre Augen entstanden, wenn sie lachte.
»Schön, dass du das Gleiche denkst wie ich«, kommentierte ich unseren
Heiterkeitsausbruch.
»Was, meinst du, ist es wirklich?«, fragte sie mich und setzte sich im
Bett auf.
»Keine Ahnung. Entweder sind es die lieben Nachbarn, die sich auf dem
Weg nach Hause einen Streich für uns ausgedacht haben. Vielleicht ist es auch eine der
Radiostationen, die den einfältigen Farmern in New Jersey jetzt eine tatsächliche
Marsianerinvasion vorgaukeln will, um morgen eine neue Story zu haben, oder ...«,
ich machte eine vielsagende Pause, »es sind tatsächlich Marsianer, die dich entführen
wollen.« Dabei verdrehte ich die Augen und tat so, als ob ich mich auf sie stürzen
wollte.
»Blödmann!« Ihr Schubs warf mich fast aus dem Bett. Unsere
Blicke kreuzten sich für einen kurzen Moment. Wieder mussten wir lachen. Der heutige
Abend war wirklich herrlich gewesen. Die Sorgen und Lasten der vergangenen Wochen waren
von mir abgefallen, wie der Schnee von meinem alten Wintermantel. Im Moment hätte ich die
ganze Welt umarmen können.
Ich blickte erneut aus dem Fenster. Mit ernster Stimme fuhr ich fort:
»Ich werde sicherheitshalber einmal nachschauen, was hinter unserer Scheune ist. Bleib
ruhig im Bett, mein Schatz.«
Ich griff nach meiner Kleidung. »Ich bin gleich wieder da. Solange ich
nicht weiß, was es ist, kann ich sowieso nicht schlafen.«
Meine Frau nickte. Nach acht Jahren Ehe kannte sie mich gut genug, um zu
wissen, wann eine Widerrede sinnlos war. Ich war einfach zu neugierig, wer uns dort einen
Streich spielte, um jetzt ein Auge schließen zu können.
Schnell streifte ich eine warme Jacke und meine Stiefel über, bevor ich
hinausging. Ende Oktober waren die Nächte in New Jersey schon empfindlich kalt. Ich hatte
keine Lust, mir eine Erkältung einzufangen.
Hinter der Scheune erkannte ich, dass das Leuchten rund eine Meile
entfernt sein musste. In der Nacht konnte man Entfernungen sehr schlecht schätzen.
Ich entschloss mich kurzerhand, mit meinem Fahrrad den Feldweg Richtung
Süden zu nehmen und dem Licht entgegenzufahren. Dank des grünen Leuchtens brauchte ich
nicht einmal die Petroleumlampe in der Scheune anzuzünden, ich fand mein Fahrrad auch so
und machte mich auf den Weg.
Während ich mechanisch in die Pedale trat, kam mir wieder das Hörspiel
in den Sinn. Wen hatte die Radiosendung zu diesem Lichtspektakel animiert? Sollte einer
der Nachbarn einen tollen Streich mit mir vorhaben, oder war es tatsächlich ein
Radiosender? Ich war gespannt, was ich finden würde ...
Das Leuchten verblasste unvermittelt. Verärgert stieg ich vom Rad. Den
Ursprung des Lichts hatte ich kurz zuvor auf unserer südlichsten Weide lokalisiert,
vielleicht eine Achtelmeile vom Feldweg entfernt. Die Gegend hier war leicht hügelig, so
konnte ich leider nichts mehr erkennen. Mir gelang es, das Fahrrad auf den wackligen
Ständer zu stellen, und ich stieg, nur begleitet vom Licht einer sternklaren Nacht, durch
das knöchelhohe Gras auf die nächste Anhöhe.
Der Anblick, der sich von dort bot, ließ meinen Atem stocken. In der
Senke vor mir stand ein riesiges grünes Ding. Es hatte die Form von zwei aufeinander
gestülpten Suppentellern und die Abmessungen eines kleinen Hauses.
Mir fehlten die Worte. Eben noch hatte ich mich über die Aufregung, die
Orson Welles Hörspiel ausgelöst hatte, lustig gemacht, und nun stand ich
tatsächlich vor einem eigenartig geformten Objekt, das wohl ein Raumschiff sein sollte.
So ein haushohes Ding konnten meine Nachbarn unmöglich aufgestellt haben, demnach kam nur
noch ein Radiosender in Betracht. Wahrscheinlich wollten sie die Reaktion der angeblich so
einfältigen Farmer New Jerseys testen. Der Gedanke, morgen im Radio als Dorfdepp
präsentiert zu werden, machte mich ärgerlich.
Fast automatisch trat ich an das seltsame Gebilde heran. Meine Hand
glitt forschend über die makellose, grün schimmernde Außenhaut. War es Metall oder
lackiertes Holz? Ich konnte es nicht sagen. Die Radioleute hatten sich viel Mühe gegeben,
das musste ich, wenn auch widerwillig, anerkennen.
Langsam ging ich um die Konstruktion herum, konnte aber nichts
feststellen, was auf eine Luke, ein Fenster oder zumindest auf eine Schweißnaht
hingedeutet hätte. Die Oberfläche war makellos. Ein leiser Zweifel wuchs in mir, ob es
sich tatsächlich um das Werk von Radioreportern handelte oder ob das Ding vielleicht doch
nicht von dieser Welt war. Eine innere Stimme gebot mir, vorsichtig zu sein, selbst auf
die Gefahr hin, mich dafür im Radio lächerlich zu machen.
Als ich das seltsame Objekt fast umrundet hatte, stockte mein Schritt.
Hier war ein mannshohes kreisrundes Loch und eine kleine Rampe, die vom Tellerrand zum
Boden reichte.
Ich überlegte, ob ich umkehren und Hilfe holen sollte, doch meine
Neugier war übermächtig. Und was wäre, wenn das Ding in der Zwischenzeit verschwinden
würde? Dann stünde ich wirklich wie ein Idiot da, und das wollte ich auf keinen Fall.
Zumindest musste ich irgendein Teil aus dem seltsamen Gebilde mitnehmen, um einen Beweis
zu haben.
Entschlossen schritt ich die Rampe hinauf. Oben gelangte ich in einen
leeren, ebenfalls grünen Raum. Die Wände selbst schienen leicht in diesem Grünton zu
leuchten.
Ich forschte nach Spalten oder Fugen. Irgendwo musste doch eine Tür
oder eine Luke sein, die mich weiter ins Innere des Gebildes ließ. Ich tastete die Wände
ab. Sie mussten sehr dünn sein, denn sie bogen sich unter meinem Druck.
Plötzlich räusperte sich jemand hinter mir. Ich bin den Reportern
doch in die Falle gegangen, schoss es mir durch den Kopf. Ärgerlich drehte ich mich
um. Aber vor mir stand kein Reporter mit einem Mikrofon, sondern ein kleiner Mann
nein, es war mehr eine Kindergestalt mit einem viel zu großen, eiförmigen Kopf und
schwarzen, handtellergroßen Augen.
»Was soll ich denn nun mir dir machen?«, fragte mich das Geschöpf mit
einer angenehmen tiefen Stimme.
»Ich, äh ... ich dachte, ... ich wollte nur mal ...!«, stammelte
ich, geschockt vom Anblick des fremdartigen Wesens. Da bemerkte ich, wie es kurz sein
linkes Ärmchen hob.
Es wurde dunkel um mich.
*
»Und an mehr können Sie sich nicht erinnern?«, fragte mich die rothaarige Frau.
»Leider nein«, beendete ich meinen Bericht. Vor ungefähr einer halben
Stunde war ich in einem Krankenbett aufgewacht, das in einem Felsgewölbe stand. Der
einzige Zugang zu dieser Grotte war eine hölzerne Tür, die momentan offen stand. Durch
die Türöffnung fiel angenehmes gelbliches Licht. Die Rothaarige saß auf meinem Bett und
hielt seltsamerweise noch immer die Spritze in der Hand, mit der sie mir zu Beginn meines
Berichtes eine Injektion gegeben hatte. Sie hatte sich als Frau Dr. Stone vom
medizinischen Dienst New Jersey vorgestellt. Ich konnte meinen Blick kaum von der Ärztin
lösen, denn bei ihr passte eigentlich nichts zusammen. Ihre dunkle Hautfarbe stand im
krassen Gegensatz zu den feuerroten Haaren. Dazu kamen hellblaue Augen, die überhaupt
nicht zu den asiatisch geformten Gesichtszügen gehören konnten.
Ihrer Erklärung nach hatte man mich aus einem zurückgelassenen
Transporter geborgen, und es sei sehr wichtig, dass ich erzählte, woran ich mich als
Letztes erinnern könne. Damit wollte sie feststellen, ob ich Nachwirkungen von der
Betäubung zurückbehalten hätte.
»Wo bin ich jetzt eigentlich?«, fragte ich die Frau, die einen Kittel
trug, wie ich ihn von meinem Hausarzt kannte.
»Auf jeden Fall in Sicherheit«, erklärte Dr. Stone. »Wir sind hier
rund 50 Meter unter der Erde. Hier können uns die Lords nicht aufspüren.«
»Die Lords?«, hakte ich nach. »Sind das diese Kindergestalten?«
»Ja«, antwortete die Frau einsilbig. »Ich muss Ihnen leider
mitteilen, das Sie fünf Jahre in den Händen der Lords waren. Mittlerweile hat sich die
Welt, die Sie kennen, von Grund auf geändert.«
Ich verstand jetzt gar nichts mehr. »Wie kann ich fünf Jahre in den
Händen der Lords gewesen sein? Ich habe das Gefühl, dass mein Gedächtnis einwandfrei
funktioniert. Warum kann ich mich dann an nichts mehr erinnern?«, wollte ich wissen.
»Sie haben am Vorabend der Invasion eins der ersten Lordschiffe bei
einem Erkundungsflug überrascht«, erklärte Dr. Stone. »Nach Ihrer Gefangennahme
wussten die Lords nichts Besseres mit ihnen anzufangen, als Ihre Lebensfunktionen auf
nahezu null zu reduzieren und Sie ... ähm ... einzulagern.«
Dr. Stone steckte endlich eine Kappe auf die Nadel der Spritze und legte
sie aufs Bett. Dann fuhr sie fort: »Die Lords kommen natürlich nicht vom Mars. Sie
kommen von einem interstellaren Aussiedlerschiff, das vor zehn Jahren auf dem Mond
notlanden musste. Damals schon wollten sie die Erde anfliegen, wagten es jedoch nicht, da
sie sich vor den zahlenmäßig überlegenen, aggressiven Menschen fürchteten.
Schließlich handelte es sich um ein Siedlungsraumschiff und nicht um einen bewaffneten
Kreuzer. So beobachteten sie die Erde, lernten unsere Sprachen und sammelten
Informationen. Als sie das Chaos bemerkten, das Orson Welles 1938 mit seinem Hörspiel
anrichtete, entschlossen sie sich spontan, das Durcheinander zu nutzen. Sie warfen
schreckliche Bomben auf die großen Küstenstädte wie New York und Los Angeles, die nach
Untersuchungen unserer Fachleute atomare Urgewalten freisetzten. Innerhalb weniger Stunden
lagen unsere Großstädte in Schutt und Asche. Nachdem sie in den Vereinigten Staaten
jeglichen Widerstand gebrochen hatten, jagten sie auch die kanadische Armee in die
Wälder. Aber sie waren nur einige Tausend Siedler mit entsprechender Ausrüstung, deshalb
konnten sich viele Menschen unentdeckt in den Untergrund begeben. Immer wieder überfallen
wir die Lords, rauben ihre Lager aus und bemächtigen uns ihrer Technologie.«
Diese Informationsflut überwältigte mich. Die Lords kamen von den
Sternen? Sie hatten die USA unterworfen? Das alles konnte ich mir nicht vorstellen.
»Und was ist mit Europa? Was ist mit Asien und Afrika?«, wollte ich
wissen.
»Europa hat samt dem Rest der Welt den Schwanz eingekniffen!«,
antwortete Dr. Stone mit verächtlichem Tonfall. »Nachdem die Lords zum Beweis ihrer
Macht einige Bomben auf Grönland geworfen hatten, verzichtete England genauso wie die
übrige Welt auf jegliche Intervention. Stellen Sie sich vor: Hitler versuchte sogar,
Kontakte mit den Lords zu knüpfen, um sie als Verbündete für seinen Krieg gegen
Russland zu gewinnen ...!«
»Aber, meine Frau ... Was ist mit meiner Familie, meiner
Farm ...?«
»Es tut mir Leid ...«, antwortete Dr. Stone jetzt mit sanfter
Stimme. »Die Lords haben einen Tag nach ihrer Landung in New Jersey alles im Umkreis von
zwanzig Meilen dem Erdboden gleichgemacht. Wir konnten nichts weiter über Ihre Familie in
Erfahrung bringen. Wahrscheinlich sind sie alle umgekommen.«
Eine unbändige Wut stieg in mir hoch. Man musste diese Mörder dorthin
zurückjagen, wo sie hergekommen waren. Ich ballte meine rechte Hand zur Faust.
»Was kann ich tun, um Ihnen zu helfen?«, fragte ich Dr. Stone.
»Zuerst einmal gar nichts!«, erklärte sie lächelnd. »Sie haben
genug versäumt und viel Neues zu verarbeiten. Ich schlage vor, ich zeige Ihnen jetzt
unsere neue Welt, hier unter den grünen Wiesen von New Jersey. Dann können Sie sich
selbst ein Bild machen.« Einladend wies sie mit ihrer rechten Hand auf den Ausgang.
Ich erhob mich, immer noch verwirrt von den vielen Informationen, die
ich gerade erhalten hatte. Der Schock, dass meine Familie tot sein sollte, saß mir in den
Gliedern. Solange ich aber keine Gewissheit über ihr Schicksal hatte, musste ich weiter
nach ihnen forschen.
Dr. Stone führte mich durch einen Stollen. Grob behauene Steine und
metallene Stützpfosten wechselten sich ab. Dann folgten wieder gerade Metallflächen.
Bündel von Kabeln und Rohren verliefen offen unter der Decke. Von einigen
Versorgungsleitungen tropfte Kondenswasser. Alle paar Schritt erhellte eine elektrische
Lampe den Gang.
»Es ist alles noch etwas provisorisch«, entschuldigte sich Dr. Stone,
die meinen skeptischen Blick bemerkte. »Wir sind im Aufbau begriffen. Momentan haben wir
keine Zeit, uns um eine sorgfältige Leitungsverlegung zu kümmern.«
Der Gang endete nach einer Weile in einem Verteiler, dort wiesen grüne
Schilder Wege durch den Untergrund. Bislang waren wir keiner Menschenseele begegnet. Die
Ärztin deutete auf das Schild Energieversorgung und wandte sich nach links. Ich
beeilte mich, ihr zu folgen.
Auch hier hingen lose Kabelstränge in den Gang. Aus der Ferne hörte
ich das Stampfen von gewaltigen Maschinen.
»Ich dachte, ich zeige Ihnen als Erstes unsere Energieversorgung. Auf
die sind wir besonders stolz!«
Das Stampfen wurde lauter. Ich wunderte mich ein wenig, schließlich
waren die Geräusche mit Vibrationen verbunden, die mit Sicherheit auch an der
Erdoberfläche festzustellen waren.
»Ist es nicht zu gefährlich, derartig laute Maschinen zu betreiben?«,
fasste ich meine Überlegungen in Worte.
Dr. Stone verharrte abrupt in der Bewegung. Für einen Moment wirkte sie
wie eine Statue. Dann wandte sie sich mir zu. »Sie sind ein guter Beobachter«, stellte
sie anerkennend fest. »Doch über uns liegen nur ungenutzte Grasflächen. Deshalb haben
wir ja diese Gegend für unseren Stützpunkt ausgewählt.« Ohne eine Antwort abzuwarten,
ging sie weiter.
Ich war beunruhigt. Falls die Lords wirklich so gefährlich waren, wie
Dr. Stone behauptete, wäre es reiner Selbstmord, so große Maschinen zu betreiben.
Wir erreichten das Ende des Ganges. Die rothaarige Frau öffnete eine
schwere Eisentür. Der Lärm wurde unerträglich. Ein Felsendom tat sich vor uns auf. Ich
blickte über das Geländer eines Metallgitterstegs, der an der Hallenwand zu kleben
schien. Unter mir fiel die Halle ins Bodenlose ab. In der Mitte ragte ein gewaltiger
Maschinenturm auf, die Quelle des Lärms. »Eine Dampfturbine!«, brüllte mir Dr. Stone
ins Ohr. »Wir haben die Erdwärme angezapft, um Grundwasser zu erhitzen. Den Dampf leiten
wir durch diese Turbine und erzeugen Elektrizität. So sind wir von fossilen Brennstoffen
unabhängig.«
Ich nickte, obwohl ich, ehrlich gesagt, kaum etwas verstanden hatte. Auf
der anderen Seite der Halle befand sich wieder eine schwere Eisentür. Dr. Stone öffnete
sie und entließ uns aus dem Lärm. Immer noch hatte ich keine Menschenseele gesehen. Wer
mochte nur diese Anlage warten?
»Himmel, ist das Ding laut!«, brüllte ich gegen den anhaltenden
Geräuschpegel an.
»Aber es versorgt uns und drei weitere unterirdische Basen mit Strom.
Wir haben in den vergangenen fünf Jahren viel aufgebaut.«
Ich stutzte. Es gab anscheinend mehrere unterirdische Basen. Und all das
hatten diese Leute versteckt vor den Augen der Lords geschaffen? Sicher, ich war nur ein
einfacher Farmer, doch ich wusste, was es für eine Arbeit machte, nur einen einzigen
Graben auszuheben. Unterirdische Komplexe wie diese ließen sich nur mit schwerem
Bergbaugerät herstellen, doch die hätten die Lords bemerken müssen! Ich schöpfte neue
Hoffnung für meine Familie. Falls die Lords wirklich so lausige Überwachungsvorkehrungen
betrieben, hätte es auch für die Landbevölkerung eine Überlebenschance geben sollen.
Schließlich hatten wir einen großen Vorteil: Die Vereinigten Staaten von Amerika waren
ein weites, leeres Land. Diese ungeheure Fläche schien von den Lords nicht so einfach
kontrolliert werden zu können.
Der Gang führte uns in einen weiteren Verteiler, in dessen Mitte eine
Wendeltreppe in die Höhe stieg. Ich wusste nicht, wie viele Stufen wir gelaufen waren.
Immer wieder musste ich mich ducken, um unter Rohren, Kabelbäumen und durchhängenden
Leitungen durchzukommen. Dr. Stone schien jede Leitung zu kennen, mit unfehlbarer
Sicherheit glitt sie die Stufen hinauf. Ich staunte über ihre Kondition, denn mein Herz
schlug wie verrückt. Jede Menge Schweißtropfen liefen mir das Gesicht herunter, doch von
meiner Führerin vernahm ich nicht einmal ein leises Keuchen oder angestrengtes Atmen.
Die Kabelbäume hingen in großen Schlaufen von der Treppe herab. Ich
wunderte mich über die seltsame Materialverschwendung, die hier betrieben wurde. Warum
hatten sie diese Leitungen nicht gleich korrekt verlegt? Dann hätten sie hier einen
Bruchteil an Material verarbeitet und zudem unzählige Hindernisse vermieden.
»Wohin gehen wir überhaupt?«, fragte ich die Frau. Dabei griff ich
nach einem Kabel, um mich daran festzuhalten. Dr. Stone blieb einen Moment stehen. Dann
drehte sie sich zu mir um. Sie schien wirklich kein bisschen außer Atem gekommen zu sein.
»Wir sind auf dem Weg zur Kantine«, erklärte sie. »Ich gehe davon
aus, dass Sie sehr hungrig sind. Schließlich haben Sie seit fünf Jahren nichts
gegessen!« In Gedanken stimmte ich Dr. Stone zu. In meinem Magen tobte wirklich ein
wildes Hungergefühl. Sie wandte sich erneut zum Gehen.
Ich zog ein wenig am Kabel, um mich daran auf die nächste Treppenstufe
zu hangeln. Über uns knackte es. Das Kabel gab nach und sauste von oben durch den Schacht
auf uns nieder. Reflexartig hob ich die Arme schützend vor das Gesicht.
Dr. Stone reagierte nicht. Der Kabelstrang schlug ihr vor die Brust und
riss sie nieder.
Im selben Augenblick stürzte sie gegen mich. Ich wollte sie auffangen
und fasste mit beiden Händen nach ihren Schultern.
Sie sah mich an! Zum ersten Mal sah ich ihr direkt in die Augen. Es
waren kalte Augen ohne jede Wärme. Noch etwas irritierte mich: Diese Frau war leicht,
leicht wie ein Sofakissen und doch so hart wie die Motorhaube meines Fords.
Entsetzt ließ ich sie fallen. Ohne ihre Körperhaltung zu verändern,
stürzte sie eine Windung der Wendeltreppe hinab, bis sich ihr Kopf in den
Geländersprossen verfing.
Ich war völlig schockiert. Dr. Stone konnte alles Mögliche sein, aber
bestimmt kein Mensch. Solche Augen hatte niemand so seltsam fühlte sich keine Frau
an, und dann dieses Federgewicht!
Raus das war mein einziger Gedanke. Wie von Höllenhunden
gehetzt, rannte ich weiter die Wendeltreppe hinauf. Wie ein Pumpenschwengel dröhnte mein
Herz in der Brust. Nach einigen Windungen sah ich das Schild »Kantine«, doch genau
dorthin hatte sie mich ja bringen wollen. Nach Luft ringend blieb ich einen Moment stehen,
dann stieg ich weiter hinauf, immer der Treppe nach. Es musste einen Ausgang aus diesem
Schachtsystem geben. Draußen konnte ich vielleicht diesem Alptraum entkommen.
Nach unzähligen Stufen endete der Schacht vor einer glatten, grünlich
schimmernden Wand. Die Fläche erinnerte mich an das Sternenschiff. Panisch warf ich mich
gegen die Wand. Irgendwie musste ich doch weiterkommen!
Das Material war sehr schwach. Bereits nach meiner ersten Attacke bog es
sich durch. Dann trat ich gezielt gegen eine Stelle. Mit jedem Fußtritt beulte sie sich
weiter ein. Risse taten sich auf.
Die Metalltreppe dröhnte von einer Vielzahl von Füßen. Dr. Stone
hatte wohl irgendwie Verstärkung angefordert. Der Lärm und die drohende Gefahr
steigerten meine Bemühungen, die Wand zu durchbrechen.
Die Risse wurden breiter. Erste helle Sonnenstrahlen überdeckten das
Kunstlicht der Schachtlampen.
Dann war ich durch! Mit aller Kraft zwängte ich mich durch den Spalt,
den ich in die Wand getreten hatte. Die Sonne blendete mich. Ich konnte die Umgebung nur
schemenhaft ausmachen.
Endlich bekamen die Konturen Gestalt. Rund um mich herum sah ich
Dutzende von Lords an futuristischen Pulten. Ein Fahrzeug ohne Räder schwebte links an
mir vorbei. Es war offen wie eine Kutsche. Niemand schien es steuern zu müssen. Darin
saßen vier Lords, die sich mit dem Gesicht zueinander angeregt unterhielten. Ein paar der
Fremden hielten in ihrer Arbeit inne und schauten mich aus tiefschwarzen Augen an.
Hinter mir wurde das Poltern lauter. Dann tauchte Dr. Stone mit zwei
Lords aus dem Spalt in der Wand auf.
Meine Flucht war zu Ende. Wo sollte ich noch hin? So weit das Auge
reichte, waren überall Lords. Ich war nach wie vor Gefangener der Wesen aus dem
Sternenschiff. Alles, was mir die rothaarige Frau erzählt hatte, war gelogen.
Mit hängenden Schultern drehte ich mich zu meinen Peinigern um.
»Was sollte das Theater?«, frage ich Dr. Stone, die mir am nächsten
stand. »Sie hätten mich doch einfach in Ihrem Kerker lassen können, wenn Sie mich schon
nicht töten wollten. Wozu die ganzen Lügen?«
Dr. Stone antwortete nicht. Reglos stand sie vor mir und schien mit
ihren kalten Augen durch mich hindurchzusehen. Was war das bloß für ein seltsames Wesen,
das aussah wie eine Frau?
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen. Der Lord neben Dr. Stone
übernahm es, meine Fragen zu beantworten.
»Es waren nicht alles Lügen!«, versuchte er mich zu beschwichtigen.
»Diese Umgebung, genauso wie diesen Androiden«, dabei deutete er auf Dr. Stone, »haben
wir extra für Sie geschaffen, damit Sie einen leichteren Start in unsere Welt finden. Sie
glauben gar nicht, wie mühselig es war, anhand der alten Bild- und Tonaufzeichnungen Ihre
Sprache und Umgangsformen zu erlernen.
Unsere Vorfahren sind seinerzeit tatsächlich auf dem Mond gestrandet.
Ihre Lebenserhaltungssysteme standen kurz vor dem Zusammenbruch, und der einzige Ort, an
den sie sich retten konnten, war die Erde. Doch die Erde war voller Menschen und
gefährlicher Waffen. In einer offenen Konfrontation hätten wir aufgrund unserer
schlechten militärischen Ausrüstung gegen die Menschheit verloren.
Aus diesem Grunde beobachteten sie die Erde nur und warteten auf ihre
Chance. Der erstaunliche Aufruhr, den das Hörspiel von Orson Welles verursachte, wurde
analysiert. In der Romanhandlung wurden die Marsianer nicht von den Menschen, sondern von
den Viren der Erde besiegt. Das war die Anregung, die unsere Vorfahren gebraucht hatten.«
Ich bekam eine Ahnung, was der Lord damit meinte. Der Außerirdische
fuhr fort: »Die aggressivsten Krankheitserreger der Erde sind Grippeviren. Die
medizinische Abteilung des gestrandeten Schiffes war in der Lage, diese Viren noch sehr
viel gefährlicher zu machen. Innerhalb weniger Wochen rafften die freigesetzten Erreger
einen Großteil der Menschheit dahin, und Ihre irdische Zivilisation brach zusammen. Die
wenigen verbliebenen resistenten Individuen wurden gezielt gejagt und beseitigt.«
Der Lord sprach immer in der Vergangenheitsform. Misstrauisch hakte ich
nach: »Wieso reden Sie immer von Ihren Vorfahren?«
»Ganz einfach«, der Lord trat neben mich. »Das alles ist vor knapp
200 Erdjahren passiert. Damals wurden Sie beim Betreten eines unserer Beiboote überrascht
und schockgefroren. Anschließend haben unsere Vorfahren Sie in einer Art Naturkundemuseum
ausgestellt, bis ich auf die Idee kam, Sie wiederzubeleben. Das letzte lebende Exemplar
der eigentlich ausgestorbenen Spezies Mensch. Dass mir das so grandios gelungen ist,
darauf bin ich wirklich stolz.« Die Augen des kleinen Wesens schienen zu leuchten. »Und
als Nächstes suche ich mir ein Dinosaurierei ...«
© Bodo Kroll 2004 Erstveröffentlichung |
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