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Horst-Dieter Radke

licentia poetica

Science Fiction > Alien Contact | Stories
Er war jetzt an der Reihe.
   Professor Thysson, sein Förderer und Mäzen, hatte ihn gerade nach vorne gerufen: »Und nun gebe ich dass Wort an den Mann, der uns unsere Vergangenheit zurückgegeben hat, Herrn Doktor Liemann, bitte schön.« Thysson räumte das Rednerpult.
   Im lärmenden Applaus ließen sich auch einige andere Geräusche wahrnehmen: Räuspern, kurzes Lachen, geflüsterte Bemerkungen. Und dann stand er vorne, still und unbewegt, und wartete, dass es ruhiger wurde. Seine kleine Gestalt fiel normalerweise nicht auf, der Bauchansatz – mehr zu ahnen als zu sehen – führte regelmäßig zu Fehleinschätzungen. Er war nicht bequem und untrainiert. Bei langen, anstrengenden Fußmärschen war er einer der ausdauerndsten, und in den zahlreichen kritischen Situationen auf seinen diversen Expeditionen bewies er Mut, Tapferkeit und Umsicht. Manch einer aus seiner Mannschaft verdankte ihm sein Leben. Hier, im Smoking, das Whiskyglas in der Hand (das aber nur Wasser enthielt), nahm ihm das keiner ab. Als es endlich ruhig geworden war, sprach er mit seiner eindringlichen, nicht lauten, aber deutlich zu verstehenden Stimme:
   »Heute ist viel geredet worden, und ich möchte Sie nicht mit noch einem langen Vortrag langweilen. Sie haben im Laufe des Nachmittags bereits die Gelegenheit erhalten, in einem Holographievortrag Details und Ergebnisse meiner Expedition zu erfahren. Den ausführlichen Bericht werden sie demnächst in ihren Bibliolyzer laden können – wozu also dazu noch viele Worte machen?«
   Etwas Gemurmel zeigte an, dass Widerspruch im Saal vorhanden war. Liemann wischte ihn mit einer Handbewegung fort.
   »Wichtiger ist mir, den eigentlichen Helden, den Verursacher meiner Suche und damit meines Erfolges herauszustellen. Ich bin stolz, Ihnen heute als Ehrengast Carel Homero vorstellen zu können.«
   Dabei wies er mit der Hand auf einen rechts von ihm sitzenden alten Mann, dessen grauen Haare voll und lang in den Nacken fielen. Die faltige Haut spannte sich über den Wangenknochen, und mit keiner Miene zeigte er Überraschung oder sonst eine Regung auf diese Vorstellung.
   »Carel Homeros Buch – In den Gärten von Terra – vor fast siebzig Jahren, im Jahre 1127 ndL erschienen, ist mir seit meiner Jugend Antrieb für meine Suche nach unserer Geschichte und Vergangenheit gewesen.«
   Jemand lachte höhnisch auf.
   »Ja, ich weiß. Es ist ein Roman und er ist umstritten. Er widerspricht jeder wissenschaftlichen Begründung und Beweisführung. Unsere Geschichte, soweit dokumentiert, weist eher in eine andere Richtung. Und doch – ich spürte bereits damals, dass diese Erzählung mehr war als nur die Fiktion eines Literaten. Mit zwölf Jahren war mir klar, das ich Terra suchen und finden, und dass ich die Beweise mitbringen würde, dass sich menschliches Leben von dort aus in das Weltall ausgebreitet hat.«
   Er trank einen Schluck Wasser, sah stolz in die Runde und lies seinen Blick dann auf Carel Homero ruhen.
   »Sie haben dafür Sorge getragen, dass ich heute hier stehen darf und dass an anderen Stellen Wissenschaftler das umfangreiche Material auswerten, das wir mitgebracht haben; dass weitere Expeditionen nach Terra vorbereitet werden, dass endlich absehbar ist, wann unsere Kinder die richtigen Daten unserer Geschichte präsentiert bekommen. Wenn Sie mögen, dann sagen Sie uns doch auch ein paar Worte darüber, wie sie sich fühlen, nachdem ihre Geschichte Wirklichkeit geworden ist.«
   Jetzt war Erstaunen in dem alten Gesicht zu sehen – und auch eine Spur Unwillen. Er schwieg noch eine Weile, ehe er sprach.
   »Ein paar Worte?« Er musste sich räuspern. »Ich bin tatsächlich nicht darauf vorbereitet. Aber gut. Nun, die meisten werden mich nicht kennen. Vielleicht meinen Roman – meine Jugendsünde, wie ich ihn schon seit langem nenne. Es ist auch mein einziger Roman geblieben. Ich habe danach mit dem Schreiben aufgehört, hatte eigentlich auch vorher keine Ambitionen dazu. Mehr als vierzig Jahre habe ich als Physiker am Raumtechnischen Institut gearbeitet und bin nun seit gut zwanzig Jahren pensioniert. Was wollen sie eigentlich genau von mir hören?«
   In der letzten Frage klang so etwas wie Verzweiflung mit.
   »Woher wussten sie von Terra?«, fragte seine Tischnachbarin ohne Umschweife.
   »Gar nichts wusste ich! Überhaupt nichts!« Die Antwort klang überraschend aggressiv. »Es war eine Wette! In einer Studentenkneipe in einer total versoffenen Runde lange nach Mitternacht entstanden. Wer bringt mit einer Lüge am meisten in Bewegung? Es war ein Zeitraum von zehn Jahren angesetzt, und ich hatte diese Wette damals verloren.«
   Im Saal herrschte absolute Stille.
   »Ich habe mir als Mittel den Roman gewählt, eine Geschichte ausgedacht, mit einem Helden, den es nie gegeben hat, in einer Welt, von der ich nichts wusste und weiß und die mir, wenn überhaupt, nur schwach als uralter Mythos bekannt war. Ich wollte mit dieser Lügengeschichte beweisen, dass man nur aus der Phantasie heraus eine Bewegung in Gang setzen kann, und ich rechnete eher mit einer ordensstiftenden Vereinigung, etwa die Gründung eines Ordens der Kinder von Terra oder so ähnlich. Dass jedoch gar nichts passierte, abgesehen davon, dass der Science-Fiction-Roman erfolgreich wurde, hat mich eher enttäuscht. Jetzt weiß ich natürlich, dass ich die Wette gewonnen habe. Dass jemand tatsächlich auf die Idee kommt, diesem aus einer Wette geborenen Hirngespinst nachzujagen, hatte damals niemand erwartet. Schade! Inzwischen sind alle aus der damaligen Wettrunde tot. Ich kann meine Wette nicht mehr einlösen.«
   Carel Homero schwieg und trank einen Schluck Wein. Dann wandte er sich Liemann zu:
   »Ich weiß nicht, Doktor Liemann, was sie gefunden und entdeckt haben; mein Terra kann es nicht sein, das hat nur in meinem Kopf existiert und keinen realen Anhaltspunkt gehabt.«
   Liemann hatte sich gesetzt, er sah blass aus. Als sich alle Augen wieder auf ihn richteten, stand er auf, räusperte sich kurz und sagte dann hastig:
   »Aber alles ist da! Ich habe genug Informationen und Material mitgebracht, um das zu belegen, und andere werden es wiederfinden und weiter prüfen können. Ich weiß nicht, wie es sein kann, dass ich nach einer Lüge gesucht und die Wahrheit gefunden habe. Aber Terra existiert zweifellos, und menschliche Kultur hat es dort auch gegeben.«
   Er sah die Zuhörer im Saal verzweifelt, fast schon bittend an. Eine Weile blieb alles still. Dann warf Professor Thysson wütend seine Serviette auf den Tisch und stand auf. Sein kalter Blick traf Liemann. Er wandte sich um und ging. Über den anschließenden Tumult ist ausführlich in der Presse berichtet worden.

© 2005 Horst-Dieter Radke


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28.08.10 • 02.09.10