Er war jetzt an
der Reihe.
Professor Thysson, sein Förderer und Mäzen, hatte ihn gerade nach
vorne gerufen: »Und nun gebe ich dass Wort an den Mann, der uns unsere Vergangenheit
zurückgegeben hat, Herrn Doktor Liemann, bitte schön.« Thysson räumte das Rednerpult.
Im lärmenden Applaus ließen sich auch einige andere Geräusche
wahrnehmen: Räuspern, kurzes Lachen, geflüsterte Bemerkungen. Und dann stand er vorne,
still und unbewegt, und wartete, dass es ruhiger wurde. Seine kleine Gestalt fiel
normalerweise nicht auf, der Bauchansatz mehr zu ahnen als zu sehen führte
regelmäßig zu Fehleinschätzungen. Er war nicht bequem und untrainiert. Bei langen,
anstrengenden Fußmärschen war er einer der ausdauerndsten, und in den zahlreichen
kritischen Situationen auf seinen diversen Expeditionen bewies er Mut, Tapferkeit und
Umsicht. Manch einer aus seiner Mannschaft verdankte ihm sein Leben. Hier, im Smoking, das
Whiskyglas in der Hand (das aber nur Wasser enthielt), nahm ihm das keiner ab. Als es
endlich ruhig geworden war, sprach er mit seiner eindringlichen, nicht lauten, aber
deutlich zu verstehenden Stimme:
»Heute ist viel geredet worden, und ich möchte Sie nicht mit noch
einem langen Vortrag langweilen. Sie haben im Laufe des Nachmittags bereits die
Gelegenheit erhalten, in einem Holographievortrag Details und Ergebnisse meiner Expedition
zu erfahren. Den ausführlichen Bericht werden sie demnächst in ihren Bibliolyzer laden
können wozu also dazu noch viele Worte machen?«
Etwas Gemurmel zeigte an, dass Widerspruch im Saal vorhanden war.
Liemann wischte ihn mit einer Handbewegung fort.
»Wichtiger ist mir, den eigentlichen Helden, den Verursacher meiner
Suche und damit meines Erfolges herauszustellen. Ich bin stolz, Ihnen heute als Ehrengast
Carel Homero vorstellen zu können.«
Dabei wies er mit der Hand auf einen rechts von ihm sitzenden alten
Mann, dessen grauen Haare voll und lang in den Nacken fielen. Die faltige Haut spannte
sich über den Wangenknochen, und mit keiner Miene zeigte er Überraschung oder sonst eine
Regung auf diese Vorstellung.
»Carel Homeros Buch In den Gärten von Terra vor
fast siebzig Jahren, im Jahre 1127 ndL erschienen, ist mir seit meiner Jugend Antrieb für
meine Suche nach unserer Geschichte und Vergangenheit gewesen.«
Jemand lachte höhnisch auf.
»Ja, ich weiß. Es ist ein Roman und er ist umstritten. Er widerspricht
jeder wissenschaftlichen Begründung und Beweisführung. Unsere Geschichte, soweit
dokumentiert, weist eher in eine andere Richtung. Und doch ich spürte bereits
damals, dass diese Erzählung mehr war als nur die Fiktion eines Literaten. Mit zwölf
Jahren war mir klar, das ich Terra suchen und finden, und dass ich die Beweise mitbringen
würde, dass sich menschliches Leben von dort aus in das Weltall ausgebreitet hat.«
Er trank einen Schluck Wasser, sah stolz in die Runde und lies seinen
Blick dann auf Carel Homero ruhen.
»Sie haben dafür Sorge getragen, dass ich heute hier stehen darf und
dass an anderen Stellen Wissenschaftler das umfangreiche Material auswerten, das wir
mitgebracht haben; dass weitere Expeditionen nach Terra vorbereitet werden, dass endlich
absehbar ist, wann unsere Kinder die richtigen Daten unserer Geschichte präsentiert
bekommen. Wenn Sie mögen, dann sagen Sie uns doch auch ein paar Worte darüber, wie sie
sich fühlen, nachdem ihre Geschichte Wirklichkeit geworden ist.«
Jetzt war Erstaunen in dem alten Gesicht zu sehen und auch eine
Spur Unwillen. Er schwieg noch eine Weile, ehe er sprach.
»Ein paar Worte?« Er musste sich räuspern. »Ich bin tatsächlich
nicht darauf vorbereitet. Aber gut. Nun, die meisten werden mich nicht kennen. Vielleicht
meinen Roman meine Jugendsünde, wie ich ihn schon seit langem nenne. Es ist auch
mein einziger Roman geblieben. Ich habe danach mit dem Schreiben aufgehört, hatte
eigentlich auch vorher keine Ambitionen dazu. Mehr als vierzig Jahre habe ich als Physiker
am Raumtechnischen Institut gearbeitet und bin nun seit gut zwanzig Jahren pensioniert.
Was wollen sie eigentlich genau von mir hören?«
In der letzten Frage klang so etwas wie Verzweiflung mit.
»Woher wussten sie von Terra?«, fragte seine Tischnachbarin ohne
Umschweife.
»Gar nichts wusste ich! Überhaupt nichts!« Die Antwort klang
überraschend aggressiv. »Es war eine Wette! In einer Studentenkneipe in einer total
versoffenen Runde lange nach Mitternacht entstanden. Wer bringt mit einer Lüge am meisten
in Bewegung? Es war ein Zeitraum von zehn Jahren angesetzt, und ich hatte diese Wette
damals verloren.«
Im Saal herrschte absolute Stille.
»Ich habe mir als Mittel den Roman gewählt, eine Geschichte
ausgedacht, mit einem Helden, den es nie gegeben hat, in einer Welt, von der ich nichts
wusste und weiß und die mir, wenn überhaupt, nur schwach als uralter Mythos bekannt war.
Ich wollte mit dieser Lügengeschichte beweisen, dass man nur aus der Phantasie heraus
eine Bewegung in Gang setzen kann, und ich rechnete eher mit einer ordensstiftenden
Vereinigung, etwa die Gründung eines Ordens der Kinder von Terra oder so ähnlich. Dass
jedoch gar nichts passierte, abgesehen davon, dass der Science-Fiction-Roman erfolgreich
wurde, hat mich eher enttäuscht. Jetzt weiß ich natürlich, dass ich die Wette gewonnen
habe. Dass jemand tatsächlich auf die Idee kommt, diesem aus einer Wette geborenen
Hirngespinst nachzujagen, hatte damals niemand erwartet. Schade! Inzwischen sind alle aus
der damaligen Wettrunde tot. Ich kann meine Wette nicht mehr einlösen.«
Carel Homero schwieg und trank einen Schluck Wein. Dann wandte er sich
Liemann zu:
»Ich weiß nicht, Doktor Liemann, was sie gefunden und entdeckt haben;
mein Terra kann es nicht sein, das hat nur in meinem Kopf existiert und keinen realen
Anhaltspunkt gehabt.«
Liemann hatte sich gesetzt, er sah blass aus. Als sich alle Augen wieder
auf ihn richteten, stand er auf, räusperte sich kurz und sagte dann hastig:
»Aber alles ist da! Ich habe genug Informationen und Material
mitgebracht, um das zu belegen, und andere werden es wiederfinden und weiter prüfen
können. Ich weiß nicht, wie es sein kann, dass ich nach einer Lüge gesucht und die
Wahrheit gefunden habe. Aber Terra existiert zweifellos, und menschliche Kultur hat es
dort auch gegeben.«
Er sah die Zuhörer im Saal verzweifelt, fast schon bittend an. Eine
Weile blieb alles still. Dann warf Professor Thysson wütend seine Serviette auf den Tisch
und stand auf. Sein kalter Blick traf Liemann. Er wandte sich um und ging. Über den
anschließenden Tumult ist ausführlich in der Presse berichtet worden.©
2005 Horst-Dieter Radke |
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