»Hoch
oben auf einem felsigen Vorgebirge saß ein Elektrischer Mönch auf einem gelangweilten
Pferd.«
Douglas Adams, Dirk Gently's Holistische Detektei
An jenem Tag, als Samuel und Koriander die Elektrische Jungfer mit dem Karren
wegbrachten, flog der erste Streitschweber über sie hinweg, der ein Hakenkreuz am
Heckleitwerk hatte.
Samuel, der den Karren schob, hatte gar nicht aufgesehen. Aber Koriander
glotzte dem patrouillierenden Schweber bitter nach.
»Hast du den Anstrich gesehen? Ich glaub', die Käfer fliegen
neuerdings auf Nazi-Standarten.«
Samuel tat es mit einem Schulterzucken ab. »Unsere Welt ist uralt und
siech«, murmelte er in einem fatalistischen Singsang. »Sie hat längst angefangen zu
stinken und lockt das Geschmeiß an. Und Schmeißfliegen sind nun mal bunt, ob sie nun aus
dem Weltraum kommen oder...«
»Du machst mir allmählich Angst.« Koriander schnaubte
verständnislos. »Seitdem wir der Jungfer gefolgt sind, bist du merkwürdig geworden.
Wenn das so weiter geht, sitzt du bald daumenlutschend in der Ecke.«
Koriander war von den beiden der weniger auffällig gekleidete. In
seinem abgetragenen Mantel klafften ein paar Löcher, und sein linker Schuh hatte einen
Riss quer durch die Sohle. Dazu trug er diese Saison eine fleckige Skimütze. Samuels
Kleidung war nicht besser. Anstelle einer Mütze lag jedoch eine polierte Radkappe auf
seinem Kopf, die mit einem Band unterm Kinn festgeknotet war, und vorne an seinem Gürtel
hing ein Blumentopf, der zur Hälfte mit ausgerupftem Gras gefüllt war.
Die beiden hatten am frühen Morgen die geschleifte Großstadt verlassen
und durchquerten nun einen Vorort, den es damals, als die Käferarmee aus dem All gekommen
waren, nicht so heftig erwischt hatte. Viele Ruinen waren noch behausbar.
Ihr Karren bestand aus einer kompletten Anhängerachse und einem
aufmontierten Kirchentürflügel, an dem zwei lange Stangen als Handgriffe festgenagelt
waren. Nachdem die Käfer alle Verbrennungsmotoren auf ihrer neuen Kolonialwelt verboten
hatten, stellte dieser Karren ein besseres Transportmittel dar.
Auf dem Karren lag ein Ding, das zweifellos an eine junge Frau
erinnerte. Es hatte weder Haut noch Haar, war zur Gänze aus Metall und Kunststoff und
klapperte infolge der Straßenunebenheiten. Das Ding regte sich nicht mehr, und jemand
hatte aus Anstand eine schmuddelige, knapp geratene Decke darüber geworfen.
»Ich war noch nie bei der neuen Anlage im Süden. Ist es noch weit?«,
wollte Koriander wissen. »Soll ich dich ablösen?«
Samuel blieb stehen, ließ einen der Handgriffe los und trat beiseite.
Die elektrische Jungfer war vor einer Woche erschienen. Eines nachts hatte sie sich
inmitten der Stadttrümmer einem der Lagerfeuer genähert, wo es gewöhnlich Menschen
hinzog, zahlreich wie die Motten. Viele meinten, ihr Auftreten habe sehr mystisch gewirkt.
Ihr silberner, stilisierter Leib sei infolge des flackernden Feuers wie von einem
lebhaften Glorienschein überzogen gewesen. Ihre mädchenhafte aber unerschütterliche
Stimme hatte sogleich jeden Anwesenden überwältigt.
»Ich bin gekommen, um euch von meiner Vision zu erzählen«, sagte sie.
»Wer bist du denn?«
»Nennt mich Johanna. Ich extrapoliere künftige Ereignisse aus dem
Strom von Zeit und Raum, und ich sage voraus, die Käfer werden durch euch und
euresgleichen von dieser Welt verjagt werden. Und ich werde euch anführen.«
Bei vielen glomm Hoffnung auf, aber einige, die das hörten, besannen
sich nüchtern darauf, dass Propheten und Heilsbringer nach altem Brauch einer Prüfung
etwa durch Kirche oder Psychiatrie unterzogen wurden, um ihren Anspruch
offiziell zu festigen oder um ihr wirres Gemüt zu entlarven. »Wie kann denn so was
möglich sein?«, lautete ihre Frage.
»Es ist möglich«, versicherte die Jungfer Johanna glaubhaft. »Mir
selbst wird in wenigen Tagen die Schwäche der Besatzer offenbart werden. Die Berechnungen
sind im Gange. Bald werde ich euch zeigen, wie ihr die Käfer bezwingen könnt.«
Johanna nahm eine Handvoll der Leute mit sich und zog weiter zur
nächsten Feuerstelle. Dort legten ihre Begleiter Zeugnis für sie ab, wodurch sich die
Inkubationszeit ihres Charismas erheblich verkürzte. Johanna ging von Feuerstelle zu
Feuerstelle und rekrutierte auf diese Weise eine ansehnliche kleine Truppe zusammen.
Als sie mit ihrem Tross eine der wenigen intakten Brücken in der
Ruinenstadt überqueren wollte, stieß sie auf eine Käferwache.
Der Außerirdische richtete sich bedrohlich zur vollen Größe von drei
Metern auf, präsentierte seine Lanze, tänzelte knackend mit seinen vier Gliederbeinen
und schabte seine Mandibeln aneinander. Das Gerät, das zwischen seinen Facettenaugen
klebte, übersetzte die Schabgeräusche: »Demonstrationen sind euch verboten. Die Menge
muss sich sofort auflösen.« Er wedelte, als gälte es, Mücken zu verscheuchen.
Johanna posierte unbeeindruckt vor dem Käfer. »Wir demonstrieren gar
nicht. Ich mache eine Tournee. Du hast vielleicht schon von mir gehört? Ich bin die
Elektrische Jungfer.« Johanna zeigte auf die Leute. »Das sind meine Roadies.«
»Ich verstehe«, erwiderte der Käfer. »Du sollst passieren, und deine
Handlanger auch... Dein Putz findet übrigens Gefallen in meinen Augen.«
Die gesamte Anhängerschaft war beeindruckt, denn Johanna hatte die
Verordnung der Besatzer mit Witz ausgelegt. Die Käfer gestatteten nämlich kulturelle
Aktivitäten nicht nur, sondern sie drängten die Menschen sogar dazu. Sie schienen
überhaupt ein vergnügliches, oberflächliches Interesse für viele Aspekte der
menschlichen Kultur zu haben und schmückten sich je nach vorherrschendem Trend
mit den Insignien vergangener Epochen. Die historischen Hintergründe schienen
ihnen allerdings völlig gleichgültig zu sein.
Johanna scharte in dieser Nacht mehr als hundert Leute um sich.
Früh am nächsten Morgen beobachteten die Menschen, wie die Jungfer
ihren Leib mit einem öligen Lappen reinigte, ihn von Staub und Straßendreck befreite,
bis er wieder silbern glänzte. Viele nahmen das zum Anlass, sich wieder mal zu waschen,
um einen Abglanz der strahlenden Jungfer auf dem eigenen sauberen Gesicht zu erheischen.
Nach Sonnenaufgang kreuzten wie üblich einige Frachtschweber auf und
warfen Nahrungspakete über ausgewiesene Zonen ab. Die Menschen waren daran gewöhnt und
machten sich diszipliniert wie die Ameisen über das Angebot her. Einige besonders Eifrige
unter Johannas Nachfolgern nahmen die Verpackung, lösten Stücke von Aluminiumfolie
heraus, strichen diese sorgfältig glatt und umwickelten damit ihre Arme, Unterschenkel
und verschiedene andere Körperpartien zum Zeichen der Verehrung ihrer Befreierin.
Nach dem Frühstück forderte Johanna die Menge auf, sich zum Aufbruch
zu rüsten. Sie wollte den ganzen Tag lang durch die Stadt ziehen und weitere Mitstreiter
für ihre Sache gewinnen.
In dieser allgemeinen Unruhe trat eine kleine Schar an sie heran.
»Woher bist du eigentlich gekommen, Johanna?«
»Ich kann mich nicht erinnern.«
»Aber wer hat dich auf den Namen 'Johanna' getauft?«
»Niemand hat mich getauft. Ich fand den Namen in meinem Speicher.«
Die Leute waren verwirrt, doch Johanna konnte ihnen behilflich sein.
»Ich sehe nun, dass ihr mich taufen werdet.«
Diese Neuigkeit sprach sich rasch herum, und begeistert machte sich die
schaulustige Menge auf den Weg zum nahegelegenen Fluss. Dort angelangt war man sich nicht
einig darin, wie der Täufling zu behandeln sei. Einige brachten vor, es sei womöglich
unpassend, einen Roboter wie Johanna mit Flusswasser zu taufen. Man solle es handhaben,
wie es etwa im Schiffsbau üblich war, und darum eine Flasche Schnaps behutsam auf ihrem
Metallschädel zerschlagen. Diese Anregung fand jedoch allgemein nur wenig Zuspruch
wer wollte schon seinen Fusel opfern? , und so griff man auf das herkömmliche
Ritual zurück.
Johanna machte ein paar Schritte in den Fluss hinein, und jemand goss
ihr stellvertretend für alle Versammelten eine Handvoll Wasser über den Kopf.
Und da geschah es.
Kleine Blitze zuckten wie der lebendige Geist über die haar- und
hautlosen Rundungen der Jungfer hinweg, und ein wunderbarer, flüchtiger Rauchschleier
schwebte kurz über ihrem Haupt. Es machte sich ein durchdringender, aufrüttelnder Geruch
von verschmortem Plastik breit, und man hörte es knacken und zischen wie von
Engelskriegerzungen.
Ein kühnes, gläubiges Raunen ging durch die Menge, als zöge ein
Hornissenschwarm in die Schlacht.
Johanna zuckte für einige Sekunden, dann stieg sie ans Ufer. Sie
schritt schnurstracks auf ein paar zusammengeschobene Autowracks zu und zog die erstbeste
eingedellte Radkappe unter dem Schrott hervor. Diese Kappe drückte sie mit bloßen
Roboterhänden in Form und setzte sie sich wie einen Helm auf den Kopf. Dann ging sie
wortlos davon, und alle liefen ihr erwartungsvoll nach. Ein paar von den Leuten, vor allem
die mit Aluminiumbandagen, stöberten wie die Schaben in den Autowracks nach Radkappen.
Nachdem der Zug die Reste eines Häuserblocks passiert hatte, blieb
Johanna stehen, bückte sich nach einigen Grashalmen und zog sie mit der Wurzel heraus.
Sie nahm etwas lockeren Boden auf und drückte diesen zusammen mit dem armseligen
Grasbüschel vorsichtig in jene übergroße Mulde hinein, die offenkundig ihren Bauchnabel
darstellen sollte.
Die Leute wussten nicht so recht, was sie davon halten sollten, aber
alle gingen davon aus, dass es schon seine Richtigkeit hatte.
Johanna ging weiter. Die Menge hatte den gleichen Weg.
Allmählich kam ein Disput zustande. Zwei Lager bildeten sich heraus.
Die eine Fraktion sie nannten sich später »Käferhelme« maß der Radkappe
Priorität zu und behauptete, Johanna wolle ihre wahre Gesinnung vor den Besatzern
verbergen und abschirmen, und sie wappne sich bereits zum bevorstehenden Kampf gegen die
Käfer. Die zweite Gruppe man spricht von ihnen als »Nabelschauer« rückte
die Grashalme in den Mittelpunkt und forderte, man solle es der Jungfer gleichtun, in sich
gehen, fruchtbar handeln und dafür sorgen, dass das Leben weiterhin sprieße.
Bevor es jedoch zur offenen Spaltung kam, nahm es mit der primären
Bewegung ein jähes Ende.
Johanna hatte eine der Abwurfzonen erreicht, und war dort auf ein
unberührtes Paket voller Salz gestoßen. Man muss wissen, die Käfer neigten mitunter
dazu, ihre eigenen Gewohnheiten und Bedürfnisse auf die Menschen zu übertragen, aber
kein Mensch konnte und wollte soviel Salz konsumieren, wie es von den Käfern angeboten
wurde. Daher hatte niemand das Paket genommen.
Die Jungfer riss die Verpackung auf, langte hinein, hob eine ordentliche
Handvoll Salz in die Höhe und ließ es durch die Finger rieseln. Dann forderte sie: »Es
ist an der Zeit, dass die Engländer unser Land verlassen!«
Und dann erstarrte Johanna zur Salzsäule, wenn man so will.
Manche bemühten sich auf jede erdenkliche Weise, ihr eine Regung zu
entlocken. Manche nahmen es still hin und grübelten über das Gleichnis von dem Salz und
von den Engländern. Jedenfalls verlor sich die Menge nach und nach in den folgenden
Tagen.
Eine Patrouille der Käfer kam schließlich vorbei. Sie fanden die
elektrische Jungfer, kamen aufgrund der Starre rasch dahinter, dass sie ein Roboter war,
klassifizierten sie als verbotene Technik und beauftragten zwei Eingeborene, die einen
primitiven Karren besaßen, das Objekt zur Müllverbrennungsanlage zu transportieren.
Samuel und Koriander ließen den Vorort hinter sich zurück. Im Süden war jetzt
deutlich eine blasse Qualmsäule zu erkennen. Dort lag die fremdartige
Müllverbrennungsanlage, die von den Käfern mit Hilfe menschlicher Sklaven gebaut worden
war. Vor allem moderne Maschinen wurden dorthin gebracht. Es schien den Kolonisatoren sehr
viel daran gelegen zu sein, dass eine gewisse technische Entwicklungsstufe in der Praxis
von den Eingeborenen nicht überschritten wurde. Die Dampfmaschine war erlaubt,
Explosionsmotoren waren verboten, mechanische Rechengeräte waren erlaubt, Computer waren
verboten und so weiter.
Koriander wandte sich nach langem Schweigen an Samuel. »Wie lange,
denkst du, wird es wohl dauern, bis die Menschen die Städte wieder aufgebaut haben?«
»Die Städte wiederaufbauen?« Samuel schüttelte sich. »Wozu den
diese Plackerei? So kurz vor dem Ende.«
»Aber die Jungfer hat doch angedeutet, dass die Käfer zu knacken
sind.«
»Du meinst also allen Ernstes, wir könnten sie vertreiben?«
Koriander nickte.
»Wie soll das gehen? Niemand kennt die Schwachstelle.« Samuel wies mit
beiden Händen auf die Jungfer, als müsste er die Zusammenhänge einem Schwachsinnigen
erläutern. »Der Geist hat sie verlassen, bevor sie es uns sagen durfte. Der
Unergründliche dort oben ist offensichtlich der Ansicht, dass es keinen Zweck mehr hat
mit uns und unserer Welt.«
Koriander blieb abrupt mit dem Karren stehen. »Du bist doch ein selten
dämlicher Spinner!«, rief er aufgebracht. »Natürlich hat der Geist sie verlassen, und
zwar bei der Taufe! Alles, was nach dem Kurzschluss kam, ist völlig idiotisch. Guck dich
doch mal an! Du trägst eine Radkappe auf dem Kopf, und ein Blumentopf baumelt an deinem
Bauch.«
»Das nimmst du zurück, du Ignorant!«, brüllte Samuel und hielt die
Radkappe mit einer Hand fest.
»Nie und nimmer.«
Beide starrten sich streitlustig an.
In diesem Moment passierten zwei Dinge zugleich. Zum einen näherte sich
von Norden her ein Streitschweber, verringerte die Flughöhe und drosselte das Tempo. Zum
anderen regte sich etwas unter der schäbigen Decke. Während der Schweber fünfzig Meter
vor ihnen auf der Straße aufsetzte, bäumte sich die elektrische Jungfer auf, raffte die
Decke zusammen und sprang von dem Karren.
Koriander setzte furchtsam den Karren ab. Beide, Samuel und Koriander,
hatten ihren Streit vergessen und rückten zusammen.
Ein Käfer stieg aus dem Streitschweber und krabbelte auf all seinen
Extremitäten heran. Er trug eine lächerliche Pickelhaube auf dem Kopf und an einer Kette
baumelte ein goldener Reichsadler.
»Die Berechnungen sind abgeschlossen«, verkündete die Jungfer. »Ich
kenne nun ihren schwachen Punkt.«
Sie packte einen der Handgriffe des Karrens und trennte ihn mit einem
ungeheuren Ruck von der Tür, die als Ladefläche diente. Mit der Rechten umklammerte sie
den hölzernen Stab und rammte ihn entschlossen auf den Straßenasphalt.
Der Käfer erreichte sie und bäumte sich tänzelnd auf. »Der
Sachverhalt wurde neu bewertet«, drang es grob aus dem Übersetzer zwischen seinen Augen.
»Der Roboter soll nicht zerstört werden. Er ist umgehend auszuhändigen. Seine Erbauer
wurden als Rebellen eingestuft. Alle Informationen, die zur Ergreifung der Rebellen
nützlich sind, werden aus den Datenspeichern des Roboters---«
Johanna ließ den Käfer nicht ausreden. Sie sprang leichtfüßig an ihn
heran und fegte mit dem Stab eines seiner hinteren Beine weg. Der Käfer fiel auch prompt
auf den Rücken wie in einem billigen Schwank. Auf seinem Panzer kugelte er hin und her,
ruderte mit allen Gliedern und zischte hilflos.
Johanna trat ein paar Schritte zurück und stampfte nochmals mit ihrem
Stab auf. »Höre, Pharao!«, forderte sie. »Lass mein... ziehen... Käferplage...
Maikäfer, flieg... linkes Bein, rechtes Bein, und dann kommt das Flügelein... Summ...
Brumm...« Das krause Stammeln brach endgültig ab. Abermals war die elektrische Jungfer
paralysiert.
Samuel und Koriander machten große Augen und rührten sich nicht, und
auch der Käfer hatte für einen Moment verwirrt mit dem Zappeln und Zischen ausgesetzt.
»Meine Schande ist grenzenlos«, dröhnte es ächzend aus dem
Übersetzer. »Niemals darf es sein, dass ein Sklave uns in die schmachvollste aller Lagen
bringt Ihr seid des Todes!«
Samuel und Koriander begriffen nur allmählich, dass der Außerirdische
bis auf weiteres außer Gefecht war, und daher flößten ihnen seine Androhungen Furcht
ein.
Der Käfer zeigte mit einem seiner Arme oder Beine die Straße entlang.
»Dort nähern sich Sklaven.«
Die beiden folgten der Geste und erblickten in der Ferne etwa ein
Dutzend Gestalten, die ihnen aus dem Süden entgegenkamen.
»Ein Wort von mir genügt, und die Sklaven werden mich aufrichten«,
prophezeite der Käfer düster, und Rachedurst troff aus seinen Worten. »Und dann werde
ich sie alle... und auch euch beide... vernichten!«
»Aber... aber das war doch sie!«, jammerte Samuel. »Wir
haben damit nichts zu tun!«
»Kein Zeuge der Schande soll am Leben bleiben!«, geiferte der Käfer.
»Und auch niemand, der an ihrem Bau beteiligt war!«
Koriander überlegte nicht lange und riss der Jungfer den Stab aus der
Hand, woraufhin sie vornüber auf die Straße stürzteKlaus Vor der Landwehr. Er näherte
sich lauernd dem Käfer, stieß mit dem Stab das Übersetzungsgerät von der Käferstirn
und trat den Apparat auf dem Asphalt entzwei. Kein Mensch würde den Käfer jetzt noch
verstehen können und umgekehrt. Dann eilte Koriander zur Jungfer und packte ihre
Beine. »Hilf mir doch!«, rief er Samuel zu. »Wir müssen uns und diesen Rebellen das
verdammte Ding vom Hals schaffen!«
Samuel nickte tapfer, und gemeinsam hoben sie den Roboter auf, während
der Käfer fürchterlich strampelte und zischte.
»Dort hinüber!« Koriander deutete mit einer barschen Kopfbewegung die
Richtung an.
Sie verließen die Straße, kämpften sich durch eine breite Wallhecke
und erreichten gleich darauf die Böschung eines Baches.
»Eins... zwei... drei... «, zählte Koriander. Dann schleuderten sie
den Roboter mitten ins Bachbett, wo er platschend ins tiefe Wasser einschlug und unter
aufgewirbeltem Schlamm verschwand.
Beide sahen nach diesem nassen Begräbnis nicht sehr glücklich aus, und
dennoch schienen sie ein wenig freier zu atmen.
»Sie war wohl niemals ganz wasserdicht«, sprach Samuel andächtig und
nahm die Radkappe vom Kopf.
»Ja«, pflichtete Koriander bei. »Aber sie war trotz allem von
Nutzen.«
Von der Straße schallte das Käferzischen in einem Crescendo herüber.
»Was wird aus Monsieur Pickelhaube?«, gab Samuel zu bedenken. »Ich
glaub' nicht, dass die Leute sich an dieses spuckende, um sich schlagende Biest
herantrauen.«
Koriander nickte. »Die werden erst gaffen und dann hübsch das Weite
suchen, um keinen Ärger zu kriegen... Und jedem, den sie treffen, werden sie davon
erzählen.«
Samuels Miene hellte sich endlich auf. »Du hast recht! Das wird sich
wie ein Lauffeuer ausbreiten! Aber irgendwann kommen andere Käfer und helfen ihm
auf die Beine, oder nicht?«
»Tja, sobald sie das getan haben, wird Pickelhaube bestimmt mit seinem
Streitschweber hinter uns her sein.«
Und so beschlossen sie kurzerhand, sich zu trennen, um über
Landstraßen, Feldwege oder querfeldein in die Stadt zurückzukehren, wo sie einen
Treffpunkt ausmachten.
Ehe sie aufbrachen, warf Samuel Radkappe und Blumentopf fort, und
Koriander zog seinen Mantel auf links. Das genügte, um sich unkenntlich zu machen, denn
für die Käfer sahen alle Menschen gleich aus.
Copyright © 2005 by Klaus Vor der Landwehr
Mit freundlicher Genehmigung des Autors |

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