| ALIEN
CONTACT: Willkommen zurück, darf man dich begrüßen. Nach
einigen Jahren kehrst du mit dem neuen Programm des Festa Verlags als Herausgeber zurück.
Vielleicht kannst du kurz deinen bisherigen Werdegang skizzieren? Michael
Nagula: Du lieber Himmel, ich wusste gar nicht, dass ich weg gewesen war. Ich
arbeite seit meiner Jugend kontinuierlich auf dem phantastischen Sektor, da gabs
eigentlich nie Auszeiten. Vielleicht haben sich die Arbeitsbereiche gelegentlich
verschoben ...
Wie alles anfing? Nun, in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre, mit
unzähligen Artikeln zum Thema Science
Fiction, die ich vorwiegend für Moewig und Heyne schrieb. Es kamen SF-Romane für die
Reihe Terra Astra hinzu, auch einige Horrorromane unter Pseudonym und zeitgleich
meine ersten Übersetzungen. Dazu gesellten sich dann einige Anthologien, die ich im
Auftrag des deutschen SF-Veterans Walter Spiegl für Ullstein herausgab... nicht nur SF,
auch Krimis ... ja, und Anfang der Achtzigerjahre fächerte meine Tätigkeit dann
aus. Übersetzungen für Bastei und Moewig folgten, später für Luchterhand, noch später
für Haffmanns, Droemer Knaur und inzwischen vorwiegend für Blanvalet und Dino-Panini.
Meine nächsten Anthologien kamen bei Heyne und im Sphinx-Verlag heraus.
Fenster ins Licht enthielt 1983 DDR-SF, und No Future. Die Lust am Untergang
aus dem selben Jahr, zusammen mit Manfred Riepe herausgegeben, der sich inzwischen als
Filmjournalist einen Namen gemacht hat, brachte auch Geschichten von Dürrenmatt und Georg
Heym. Als Klassiker hat sich inzwischen Atomic Avenue etabliert, eine Sammlung
mit Storys und Artikeln zum Thema Cyberpunk. Und weil ich dann den Eindruck hatte, jetzt
alles zum Thema SF gesagt zu haben, verschlug es mich in Comic-Gefilde, was schließlich
dazu führte, dass ich sechs Jahre lang bei Condor-Interpart die Superhelden-Comics von Spider-Man
über X-Men bis Conan der Barbar zusammenstellte und übersetzte.
Aber 1996 ritt mich dann der Teufel. Ich wollte selber wieder schreiben,
und zwar SF-Romane. Also wandte ich mich an die Chefredakteure von Ren Dhark und Perry Rhodan. Und wies der
Zufall wollte, kannten sie mich noch und gaben mir eine Chance. Mit den Leuten von Ren
Dhark kam ich leider nicht so gut klar, aber seit ein paar Jahren bin ich jetzt fest
bei Perry Rhodan dabei.
Ich machte weiterhin Übersetzungen, von Romanen und Comics
besonders stolz bin ich auf zwei Bücher von Philip K. Dick, Marsianischer Zeitsturz
und Eine andere Welt, die Sascha Mamczak vor einiger Zeit bei Heyne brachte, und
auf meine Star Wars-Comic-Übersetzungen für Dino, die jetzt seit 1999 mit
anhaltendem Erfolg erscheinen und unverminderter Freude an der Arbeit entstehen. Ich
arbeitete auch weiter als Herausgeber, zunächst für Weltbild, wo ich die Perry
Rhodan Planetenromane betreute und für Marion Zimmer Bradleys Darkover-Sammler-Edition
und Wolfgang Hohlbeins Der Hexer herangezogen wurde. Bei Droemer Knaur gab ich
vorletztes Jahr die Drachen-Anthologie Feueratem heraus, mit 25 neuen
Erzählungen, darunter von Andreas
Eschbach, Kai Meyer, Tanja
Kinkel, dem leider jüngst verstorbenen Hans Bemmann und vielen anderen mehr
darunter auch einigen prominenten Amerikanern, ebenfalls mit Originalen; sie waren gern
bereit, eine Erzählung für den deutschen Markt zu schreiben!
Na, und dann kam ich mit Frank Festa ins Gespräch. Wir
beschnupperten uns eine Weile, freundeten uns an, und dabei stellte sich heraus, dass wir
gleiche Vorstellungen über die Machart guter Romane hatten. Beste Voraussetzungen dafür,
gemeinsam eine SF-Taschenbuchreihe zu starten.
AC: Im Luchterhand Verlag hast du dich in erster Linie auf qualitativ
hochstehende Kurzgeschichtensammlungen von Autoren wie Ian Watson, George Effinger oder
Connie Willis konzentriert. War das Absicht oder Zufall?
Nagula: Heute ist Luchterhand ja ein ganz anderer Verlag und hat
nichts mehr mit dem Verlag aus den Achtzigerjahren zu tun. Und mein damaliger Lektor dort,
Wieland Eschenhagen, hatte Soziologie studiert und war besonders an den gesellschaftlichen
Kommentaren interessiert, die SF leisten kann. Das passte hervorragend mit meiner
Auffassung von Science Fiction zusammen ...
Ich schlug ihm also mehrere Originalanthologien vor, und er gab mir
ziemlich freie Hand. So entstanden die Zusammenstellungen von Philip K. Dick, Christopher
Priest und George Alec Effinger, vor allem aber meine zweite Sammlung mit SF-Storys von
DDR-Autoren, Siebenquant oder Der Stern des Glücks. Das muss man sich mal
vorstellen! Die Mauer stand noch, und ich durfte die damalige SF-Prominenz des Ostens in
einer westdeutschen Anthologie vereinen, größtenteils mit Storys, die man auch
»drüben« noch nicht kannte. Tja, und gemeinsam mit dem von mir hoch geschätzten Karl
Michael Armer, selber ein begnadeter Storyautor, stellte ich dann noch eine Sammlung
erotischer SF zusammen.
Aber ich war schließlich vor allem Übersetzer und lebte von dieser
Tätigkeit. Das Herausgeben von Anthologien ernährt nämlich nicht seinen Mann. Also
wurde ich auch als Übersetzer eingesetzt. Und darauf beruht jetzt vielleicht dein Irrtum,
denn Ian Watsons Storysammlung wurde von René Oth zusammengestellt, nicht von mir, ich
habe sie nur übersetzt. René gab auch die Sammlung von Connie Willis heraus mit
der ich gar nichts zu tun hatte. Wir waren rückblickend eigentlich ein gutes Team, Karl
Michael Armer, René Oth und ich, freizügig und sehr entspannt von Wieland Eschenhagen
geführt.
Das hat Spaß gemacht. Eine schöne Zeit ...
AC: Science Fiction hat ja in den letzten Jahren in Deutschland ein
Schattendasein geführt. Dann kamen die ersten zarten Keime mit Argument, dem Berliner
Shayol Verlag oder dem im BoD-Verfahren aufgelegten NOVA-Magazin. Siehst du
die Zeit reif für eine neue Taschenbuchreihe? Welche Erwartungen knüpfst du an den
Markt?
Nagula: Ich habe vor allem beobachtet, wie die Science Fiction bei uns
in den letzten Jahren immer mehr den Bach runterging. Heyne schrumpfte auf ein Mindestmaß
zusammen, Goldmann stellte völlig ein nur Bastei konnte sich einigermaßen
behaupten. Und damit ging einher, dass nur noch Klone von Klonen erschienen, nämlich der
siebzigste Band dieses Fernseh-Tie-Ins, der zwanzigste jenes Videospiels ...
Schließlich hatte sich alles auf Military SF und neue Space Operas eingeschossen. Weit
und breit gab es nichts anderes mehr zu lesen. Kein Wunder, dass das Interesse an SF auf
breiter Front nachließ!
Die zarten Pflänzchen habe ich allerdings sehr begrüßt. Shayol bringt
ja leider kaum englischsprachige SF, vielleicht ändert sich das noch. Und NOVA
mit Verlaub: Aber Book-on-Demand-Titel erscheinen doch eigentlich unter Ausschluss
der Öffentlichkeit, oder? Die Romane bei Argument gefielen mir sehr gut. Sie waren sehr
kenntnisreich ausgewählt, obwohl ich den Eindruck hatte, dass sie eher eine
Bestandaufnahme der englischsprachigen SF brachten, statt nach vorn zu blicken und den
deutschen Lesern all die guten Autoren vorzustellen, die von den etablierten Verlagen
rechts und links liegen gelassen werden.
Genau das erwarte ich nämlich von einer zeitgemäßen neuen
SF-Buchreihe. Sie darf sich nicht verstecken. Heyne und Bastei sind da, natürlich. Sie
waren Vorreiter, klar. Aber sie veröffentlichen nach Kriterien, die man nicht teilen
muss. Eine neue SF-Reihe muss sich als ebenbürtiger Mitbewerber um die Leser verstehen.
Und genauso versteht sich Festa SF. Unser Programm ist noch klein, aber mindestens
ebenbürtig!
AC: So eine neue Reihe zu gründen ist ja eine sehr gewagte Sache.
Gerade bei einem kleinen Verlag muss da von Anfang an auch die finanzielle Seite stimmen.
Behindert das einen Herausgeber nicht bei der Auswahl der Titel?
Nagula: Behindern? Nein. Aber das muss man natürlich im Blick
behalten und zwar auf jeder Stufe der Planung. Nicht zuletzt deshalb habe ich Frank
vorgeschlagen, die Reihe Festa SF zu nennen. Davon war er anfangs gar nicht begeistert,
aber es rückt das SF-Programm einfach näher an die anderen Titel seines Verlags, mit
denen er ja großen Erfolg hat. Da kann es nur helfen, wenn er quasi mit seinem Namen
dafür bürgt. Bei Festa SF ist klar, dass wir mit bewährten Methoden ein neues Feld
beackern!
Und was die Auswahl der Titel angeht, so haben wir ziemlich gleiche
Vorstellungen. In der Praxis sieht das so aus, dass ich mich umsehe, was zur Zeit und
demnächst so alles erscheint, die interessanten Titel sichte und dann Frank anrufe oder
maile: »Du, der Autor ist der Hammer! Der Roman muss auf unsere
Liste!« Wenn ich ihm dann einiges darüber erzählt habe und er sich selbst ein Bild
gemacht hat, sind wir uns immer sehr schnell einig. Aber manchmal geschieht es auch anders
herum: Simmons zum Beispiel, das war sein Vorschlag, und ich war sofort Feuer und Flamme!
Und auf Sawyer kamen wir unabhängig voneinander ... Das bestätigt nur unseren
gemeinsamen Geschmack.
Wenn du jetzt nach kommerziellen Zwängen bei der Auswahl fragst, so
bestehen die doch immer. Natürlich muss sich der Titel verkaufen, schon damit wir
weitermachen können. Aber das ist nichts Neues. Egal bei welchem Verlag, das Buch muss
gefallen. Ich empfinde es deshalb nicht als Zwang, sondern als Selbstverständlichkeit,
dass der Autor und der Roman, den ich vorschlage, nicht irgendein Exot ist, den ich ein
paar deutschen Freaks nahe bringen will, sondern etwas, wovon ich mir großen Erfolg
verspreche.
Zum Glück interessieren mich experimentelle Romane nicht so sehr. Ich
finde, gutes Erzählen ist die größte Kunst. Und deshalb ist der kommerzielle
Gesichtspunkt für mich selbstverständlich.
AC: Bei der Auswahl der Titel findet sich ein breites Spektrum.
Vielleicht gehen wir die ersten Titel einmal durch. Dan Simmons Novellensammlung erschien
in den USA auch zuerst in einem Kleinverlag. War das ausschlaggebend für die Vergabe der
Rechte an euch? Bestand kein Interesse von seinen Stammverlagen in Deutschland
Heyne auf der phantastischen Seite, Goldmann bei den Krimis?
Nagula: Als wir gesagt hatten: »Simmons, ja, den wollen wir
machen!«, da gingen wir den üblichen Weg für Verlage. Wir mailten den amerikanischen
Agenten an und reichten ein Angebot ein und warteten ab. Nun, ehrlich gesagt, saßen wir
eine Zeit lang ziemlich auf glühenden Kohlen ... Aber dann traf der unterschriebene
Vertrag bei uns ein, und unser erster Band war gesichert.
Ich denke, Goldmann/Blanvalet war von vornherein nicht so sehr an dem
Buch interessiert, weil es sich um eine Storysammlung handelt, die erfahrungsgemäß nicht
so gut laufen. Und dann noch SF. Damit haben sie ja seit einigen Jahren
Berührungsängste. Und Heyne ... nun, ich vermute, dass der Titel im Trubel der
Umstrukturierung, des Verkaufs und abermaligen Verkaufs des Verlags, einfach in
Vergessenheit geriet.
Wir waren zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort: das Geheimnis des
Erfolgs!
AC: Wie lief die Zusammenarbeit mit Dan Simmons von deiner Seite aus?
Nagula: Frank kennt ihn ja von früher, er hat einmal eine
Horror-Sammlung von ihm gebracht, die übrigens demnächst nachgedruckt werden wird, und
deshalb persönlich mit ihm korrespondiert. Aber ich habe nur ein, zwei Mails mit ihm
gewechselt. Mehr war nicht nötig. Das Geschäftliche lief über seine Agentur.

Michael Nagula, Orson Scott Card und Frank Festa
AC: Mit Enders Schatten von Orson Scott Card
veröffentlicht Ihr den ersten Band einer sehr populären und wahrscheinlich seit Jahren
einer der besten SF-Serien. Wollt Ihr auch den zugrundeliegenden Roman Enders
Game seit Jahren bei Bastei vergriffen neu auflegen? Was fasziniert
dich an diesem inzwischen auf sieben oder acht Romane alt und neu
angewachsenen Universum?
Nagula: Vor vielen Jahren habe ich Orsons Kurzgeschichte »Hatrack
River« für Heyne übersetzt und war damals sehr beeindruckt von seiner Sprache. Und
danach hatte ich Das Große Spiel gelesen, wie Enders Game auf
Deutsch heißt, und war begeistert gewesen. Der Autor war mir also schon ein Begriff, als
ich mit der Recherche nach geeigneten Romanen für Festa SF begann.
Die ersten vier Bände sind ja vor Jahr und Tag bei Bastei erschienen.
Schon damals faszinierte mich ihre große Themenvielfalt, und wie viel mehr jetzt erst die
neuen Romane, die sogar einen sprachlich noch gereiften Autoren zeigen: Computerspiele,
Militärstrategie, Fragen des Heranwachsens und des Klonens werden ganz
selbstverständlich miteinander verwoben. Und es gibt wohl kaum einen SF-Autor, der den
Leser so leicht in die Haut seiner Protagonisten schlüpfen lässt. Deshalb hätte ich nie
vermutet, dass die deutschen Verlage die Fortsetzung der Enders-Serie einfach links liegen
lassen würden.
Immerhin startete Orson die Ender-Saga 1999 praktisch neu! Der erste
Band des jetzigen Vierteilers, Enders Schatten, spielt bekanntlich zur gleichen
Zeit wie Enders Game und erzählt noch einmal die Ereignisse des Romans,
aber diesmal aus der Perspektive von Enders Stellvertreter Bean, der als Straßenkind in
Rotterdam aufwächst. Die nächsten Bände schließen zeitlich nahtlos an und schildern
die weiteren Ereignisse auf der Erde, was ein gewaltiger Vorteil gegenüber dem ersten
Vierteiler ist, der nach dem ersten Band einen Zeitsprung von 3000 Jahren aufweist. Im Mai
2005 wird Orson übrigens den letzten Band des Schatten-Vierteilers veröffentlichen, zu
dem in den USA auch ein Hörbuch erscheint, und wir werden uns bemühen, auch die
folgenden Bände so schnell wie möglich zu bringen.
Dass Enders Game und Enders Schatten von
Wolfgang Petersen verfilmt werden sollen, und zwar schon nächstes Jahr, erfuhren wir
übrigens erst, als wir uns die Rechte an dem Roman bereits gesichert hatten. Ein
zusätzliches Schmankerl, sozusagen. Und was einen Nachdruck von Enders Game
anbelangt, so habe ich gerade erfahren, dass Sascha Mamczak bei Heyne ihn noch einmal
bringen wird in der Reihe Meisterwerke der SF-Literatur sicher eine gute
Wahl. Wir hätten ihn ohnehin, wenn überhaupt, erst im Anschluss an den neuen Vierteiler
gebracht. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt auf diese Ausgabe ...
AC: Nancy Kress ist ja eine der am höchsten dekorierten weiblichen SF
Autoren. Mit Ihrem Probability-Zyklus kehrt sie zur Space Opera zurück. Strebst
du eine Mischung aus klassischen SF-Themen modern aufbereitet und neuen Strömungen im
Bereich der Science Fiction an? Welche Zielgruppe suchst du mit den von dir ausgesuchten
Werken?
Nagula: Auch wenn es seltsam klingen mag: Ich bin ganz ohne Kalkül
auf Nancy Kress und ihren Probability-Zyklus gestoßen. Ich war auf der Suche
nach spannenden, gehaltvollen Romanen und habe natürlich auch über diese Autorin
recherchiert. Aber dass wir uns dann für ihre Trilogie entschieden haben, liegt einzig
und allein daran, dass ihre Bücher ganz für sich genommen einfach erstklassig sind.
Ich hätte auch jeden anderen Autoren in Erwägung gezogen, wenn sein
Werk überzeugt. Aber natürlich ist es schon von Vorteil, wenn der Name in Deutschland
ein wenig bekannter ist. Ich glaube, mit Nancy Kress haben wir einen echten Glücksgriff
gemacht, denn jeder ihrer Romane zeigt, dass sie ein absoluter Profi ist, und der Verlauf
ihrer Karriere lässt keinen Zweifel, dass sie eine Richtung verfolgt, in der sich
Eigenständigkeit in der Handlungswahl mit Spannung und Faszination in der Ausarbeitung
verbindet. Von ihr kann man wirklich noch sehr viel erwarten.
Dass wir uns für sie entschieden haben, ist aber nicht auf eine
bestimmte Zielgruppe gemünzt. Das ist bei keinem unserer Titel der Fall. Wir möchten
unserem deutschen Publikum einfach die am besten erzählten Romane mit den
faszinierendsten Ideen präsentieren. Das ist unser oberstes Ziel!
AC: Mit dem Roman von John Barnes geht ihr ja mehr in die klassische
Richtung. Was fasziniert dich so sehr an dem Buch? Möchtest du weitere Romane von ihm
veröffentlichen?
Nagula: John Barnes hat ja schon mehrere Romane auf Deutsch
veröffentlicht, aber meiner Meinung nach ehrlich! ist Der Himmel so
weit und schwarz sein absolutes Meisterwerk. Der Auffassung war ich schon, bevor ich
auf der Homepage seines literarischen Agenten feststellte, dass der Roman als Bestseller
gehandelt wird. Sicher, er spielt im gleichen Universum wie einige Romane, die bei Heyne
erschienen sind, aber deren Handlung ist auf der Erde angesiedelt und unser Buch auf dem
Mars. Es wird also kein Problem sein, den Roman für sich zu genießen. Und ein Genuss
wird es sein, denn die Geschichte der Prospektorin, die dem Computerherrscher von der Erde
Paroli bietet, ist wirklich vom Feinsten!
Ich glaube, die letzten auf Deutsch erschienenen Romane des Autors haben
ihm einen Bärendienst erwiesen. Sie sind bei Bastei-Lübbe herausgekommen, und es ist mir
ein Rätsel, weshalb man ausgerechnet die beiden allerersten Romane von Barnes
veröffentlichte, praktisch seine Jugendsünden. Zum Glück wird jeder aufmerksame Leser
wissen, dass seine sehr spannenden und erfolgreichen Heyne-Bücher später entstanden
sind. Und unser »Der Himmel so weit und schwarz«, das im März erscheint, ist sein
allerneuestes Werk, meiner Meinung nach wirklich das bisherige Highlight seiner Karriere.
Was weitere Romane von Barnes anbelangt, so bleibt abzuwarten, was er
schreibt. Grundsätzlich würde ich ihn gern weiter veröffentlichen. Schauen wir mal, was
da kommt.
AC: Im Mittelpunkt steht bei euch ja wohl die Herausgabe von Robert
Sawyers Gesamtwerk. Warum glaubst d, haben sich deutsche Verlage bislang nur sehr
sporadisch an seine Romane herangetraut?
Nagula: Sehr sporadisch ist hübsch gesagt. Ein einziges seiner bisher
sechzehn Bücher ist auf Deutsch erschienen, der Nebula-Preisträger Die dritte
Simulation. Er war einer der letzten SF-Titel, die bei Goldmann/Blanvalet
herauskamen, bevor man dort für dieses Genre die Schotten dicht machte.
Schon ziemlich zu Beginn meiner Recherche stellte ich fest, dass Sawyer
ein absolutes Muss ist! Frank war auch schon auf diesen Autor gestoßen und bestätigte
meinen Eindruck. Sawyer ist ein Autor in der Tradition von Isaac Asimov, der auf
wissenschaftliche Zusammenhänge zurückgreift und daraus fesselnde und unterhaltsame
Handlungen entwickelt. Das hat er inzwischen zur wahren Meisterschaft getrieben. Ich
finde, es ist kein Wunder, dass er mit dem ersten Band seiner Neanderthal-Parallax-Trilogie,
die wir im Februar vorgelegt haben, den Hugo Award gewann, den wichtigsten US-Leserpreis!
Seine Charaktere sind glaubhaft, seine wissenschaftlichen Prämissen sowieso, und es geht
ihm stets um das Leben der Menschen, ihr Empfinden, ihr Leiden und Streben ... wie
bei der besten Science Fiction!
Dafür, dass keiner der etablierten SF-Verlage ihn bisher auf Deutsch
brachte, gibt es wohl einen einfachen Grund. Mit Ausnahme seiner aktuellen Trilogie sind
alle seine Romane Einzelwerke, die für sich bestehen und sich auch eigenständig
verkaufen müssen. Das ist nicht gern gesehen in Zeiten, da ein Buch nur dann zum Erfolg
geführt wird, wenn es den Auftakt zu einer Serie bildet.
AC: Wie sehen die weiteren Planungen aus? Auf welche Autoren können
sich die Leser freuen?
Nagula: Nun, auf jeden Fall geht es mit Card, Sawyer und Kress weiter;
da steht ja der jeweils zweite Band an. Aber was weitere Autoren darüber hinaus
anbelangt, vielleicht zwischengestreut mit Einzeltiteln ... tja, so sehr ich darauf
antworten möchte, ich kann es nicht. Und zwar aus zwei Gründen. Zum Einen darf ich nicht
verraten, wen wir auf unserer Wunschliste haben, denn diesen Roman oder Autor könnte man
uns dann in letzter Minute wegschnappen. Zum anderen haben wir uns noch nicht auf das
nächste Werk eines neuen Autors geeinigt, denn die Liste der Anwärter ist inzwischen
schon recht lang.
Du kannst aber sicher sein, dass es wieder ein Titel sein wird, der
unseren Vorgaben entspricht: anspruchsvolles Erzählen und intelligente Ideen, verbunden
zu einer spannenden Handlung. Das ist unsere Maxime für die gesamte Reihe, von der wir
nicht ablassen werden.
AC: Welche Resonanz erwartest du dir selbst von Fans und Lesern?
Nagula: Erwarten kann ich nichts. Ich kann nur hoffen, dass die Leser
unseren Geschmack teilen und unser Engagement zu schätzen wissen. Wir möchten ihnen
einfach hervorragende Romane präsentieren, darunter auch solche, die von den
eingeführten Verlagen nicht gebracht werden, weil ihr Programm durch Serien anderer Art
blockiert ist. Wir scheuen uns nicht vor Einzelwerken. Wir scheuen uns auch nicht vor
unbekannten Namen. Mein größter Wunsch ist einfach, dass der Leser unsere Arbeit zu
schätzen weiß und Festa SF für ihn zu einem Markenzeichen für vielseitige, spannende
und unterhaltsame Science Fiction wird.
© 2005 Thomas Harbach und Michael Nagula |

Michael Nagula |