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Hans-Peter Neumann

Die große illustrierte Bibliographie der Science Fiction in der DDR

Originalausgabe • 2002

Science Fiction > Alien Contact | Buch-Tips

Ein Standard-Werk, das Maßstäbe setzt

Diese Bibliographie paßt so gar nicht in unsere Zeit, eine Epoche schnellebiger und wenig verläßlicher Informationshäppchen zweifelhafter Konsistenz, bei denen es weniger auf Wahrheit und Gehalt, sondern auf ökonomische Verwertbarkeit ankommt - wofür ja auch unter Bibliographien Beispiele zu finden sind. Akribie, Korrektheit, Qualität sind gewiß keine Eigenschaften des heutigen Zeitgeistes, aber gerade sie findet man in Hans-Peter Neumanns Bibliographie in einem fast schon erschreckend hohem Maße verwirklicht. Diese Bibliographie setzt Maßstäbe. Sie ist methodisch durchdacht, sie erschöpft ihr Sachgebiet so komplett, wie dies überhaupt menschenmöglich ist, und sie bietet eine ungeheuere Fülle von Details, beispielsweise Abbildungen aller Titelbild-Varianten. Wer sich wirklich über die DDR-SF-informieren will, wird hier in überreichem Maße fündig. Wer sich wissenschaftlich mit DDR-SF befassen will, findet hier eine überaus solide Basis. Ähnlich erschöpfend sind allenfalls die Werke von Klassikern bibliographisch aufgearbeitet. Von der ersten bis zur letzten Seite merkt man diesem Standardwerk die Liebe des Verfassers für seinen Gegenstand und für das Detail an.

Normalerweise ist die Science Fiction - zumindest in Deutschland - ein recht stiefmütterlich behandeltes Feld, das mit wenigen Ausnahmen von amateurhaften Bibliographen beackert wird. Der eine verzichtet von vornherein auf Vollständigkeit, der andere beschränkt sich auf ein paar notdürftige Angaben zu den Werken, bei dem dritten sind die Abgrenzungskriterien völlig unklar, SF, Märchen, Geistergeschichten und Fantasy werden in einen Topf geworfen, der vierte hat einfach einige Listen und ältere Bibliographien kompiliert, so daß der geplagte Sammler vielleicht jahrelang nach diversen U-Booten - Büchern, die nie erschienen sind - fahndet, der fünfte erfindet für russische Originaltitel eine eigenwillige Privat-Transkription, die unfreiwillig den Unterhaltungswert der Bibliographie erhöht, der sechste verwurstelt sich, wenn es um die Angabe der Seitenzahl geht, und manchesmal bemüht sich ein Möchtegern-Bibliograph redlich, alle möglichen Patzer gleichzeitig zu begehen.

Doch Hans-Peter Neumann hält sich, obwohl auch er ein »Freizeit-Bibliograph« ist, an alle Regeln wissenschaftlicher Bibliographik - und er setzt mit seiner Akribie selbst für diese Maßstäbe. Grundlage für jede ernstzunehmende Bibliographie ist die »Autopsie«: Neumann hat jedes erfaßte Werk, jeden Roman, jeden Sammelband, jedes Heft, in der Hand gehalten und zwar in allen Ausgaben. Er hat sich durch Zeitschriften und Magazine - von der ABC-ZEITUNG über die deutschsprachige Ausgabe von BULGARISCHER HORIZONT und DER NEUERER bis zur ZEITSCHRIFT FÜR SLAWISTIK - sowie durch die Tageszeitungen (mit Ausnahme der Regionalzeitungen) gewühlt und selbst diverse Betriebszeitungen kurzzeitig aus ihrem postsozialistischen Dornröschenschlaf geweckt. Allein in diesen Recherchen steckt eine jahrelange, intensive Mühe, die kein professioneller Literaturwissenschaftler auf sich nehmen würde - es sei denn, er kann willfährige Studenten in einem hochdotierten mehrjährigen Forschungsprojekt zu Publikationsformen und Alltags-Penetration von Trivialliteratur daran setzen.

Vorbildlich ist auch Neumanns theoretisch-methodischer Zugang, die saubere und nachvollziehbare Weise, in der er das Feld der Science Fiction von verwandten Formen der Literatur (phantastische Reisen, Fantasy, unheimliche Phantastik, phantastische Satiren, prähistorische Romane, populärwissenschaftliche Zukunftsprognostik etc.) abgrenzt. Doch auch bei den klaren und plausiblen Kriterien, die Neumann von den Herausgebern des Jahrbuchs GOLEM übernommen hat, bleibt stets - schon allein wegen individuell unterschiedlicher Rezeptionsweisen - ein unscharfer Saum von Grenzfällen bestehen. Neumann stellt sich diesem Problem, indem er Grenzfälle einerseits mit aufnimmt und andererseits als solche kennzeichnet, so daß sich der Nutzer der Bibliographie gegebenenfalls selbst ein Urteil bilden kann. Sehr nützlich ist in diesem Zusammenhang auch die immerhin fünfseitige Sammlung von verbreiteten bibliographischen Irrtümern zur SF in der DDR: U-Boote im engeren Sinne (fälschlicherweise in andere Bibliographien aufgenommene Titel, die definitiv nicht zur SF zählen) und nicht oder unter anderem Titel erschienene Werke aus Verlagsankündigungen in den ersten Nachwende-Jahren.

Hans-Peter Neumann läßt fast nichts aus, was in der DDR und vor dieser in der sowjetischen Besatzungszone an SF erschien, nicht die verbreiteteren Amateurpublikationen und nicht die SF-Dramatik (Theater, Hörspiel, Filmszenarien). Lediglich SF-Bildgeschichten und SF-Lyrik, ein weites Feld mit so gut wie undefinierbaren Rändern, bleiben ausgeblendet. Im einzelnen erfaßt Neumann die SF der DDR-Autoren, inklusive der in der alten Bundesrepublik erschienenen und der nach 1990 publizierten, die in der DDR veröffentlichte SF ausländischer und älterer deutscher Autoren, sowie die Sekundärliteratur zur SF, des weiteren fremdsprachige SF-Veröffentlichungen von DDR-Verlagen und - quasi spiegelbildlich dazu - deutschsprachige SF-Publikationen von Verlagen des sozialistischen Auslandes wie etwa die SF-Sonderhefte der Zeitschriften SOWJETLITERATUR und RUMÄNISCHE RUNDSCHAU oder die hervorragenden deutschen SF-Bücher des Artia-Verlages Prag. Zu jedem Werk werden dabei sämtliche Auflagen und ihre Ausstattungsvarianten einzeln nachgewiesen und, wo immer diese recherchierbar waren, Auflagenhöhen genannt. Selbst der SF in sorbischen Sprache ist ein eigenes Kapitel gewidmet.

Zahlreiche Listen und Übersichten zu SF in Buchreihen und Buchclubausgaben, in Heftreihen, Zeitschriften und Tageszeitungen und ein chronologisches Verzeichnis zur SF in der DDR, sowie Personen- und Titelregister ergänzen den Band.

Selbstverständlich war Hans-Peter Neumann bei diesem wirklich monumentalen Werk auf vielseitige Unterstützung angewiesen. Einen guten Ausgangspunkt bildeten zweifelsohne die Bibliographien Olaf Spittels in den Lichtjahr-Anthologien, doch Neumann geht um Lichtjahre über diese hinaus. Dabei konnte er sich auf zahlreiche SF-Autoren und SF-Freunde stützen, die Informationen und Hinweise beigesteuert haben. Und nicht zuletzt hat er in Ivo Gloss und Erik Simon versierte Mitarbeiter gefunden, die seine extrem hohen Qualitätsstandards teilten. Ein großes Lob gebührt an dieser Stelle auch dem Shayol-Verlag, der sich in das Abenteuer stürzte, ungeachtet aller kommerziellen Risiken einen derart anspruchsvollen Tausendseiter zu publizieren.

Natürlich ist auch die beste Bibliographie nie absolut vollständig und fehlerfrei. Beim stundenlangen Blättern und dem Abgleich mit unserer eigenen Bibliothek sind mir jedoch keine Ungereimtheiten oder gar Fehlstellen aufgefallen - außer Lücken in den eigenen Bücherreihen. Aber nobody is perfect und eben auch keine Bibliographie. Insofern ist es begrüßenswert, daß Hans-Peter Neumann Ergänzungen und Berichtigungen sammelt und auf der Internetseite www.deutsche-sf.de veröffentlicht. Geplant ist ebenfalls ein Supplementband mit Ergebnissen einer systematischen Durchsicht von Regionalzeitungen und ausländischen Periodika. Weiterhin will H.-P. Neumann gemeinsam mit Wolfgang Both und Klaus Scheffler eine kommentierte Bibliographie aller in der DDR erschienenen Fanzines noch in diesem Jahr als ANDROMEDA-Magazin des SFCD herausbringen. Es tut sich also einiges, die eingeschworene Gemeinde der SF-Fans ist weiter aktiv, recherchiert in viele Richtungen und veröffentlich originelle und interessante Publikationen (wie diejenige zum ersten deutschen SF-Fan Herbert Häußler). Selbst einige Autoren von DDR-SF sind noch fleißig am Werk und finden in Klein- und Kleinstverlagen wie Shayol neue Publikationsmöglichkeiten.

Genau wie Neumanns Bibliographie belegen all diese Aktivitäten, daß die DDR-SF zwar - wie Erik Simon im Vorwort schreibt - ein »abgeschlossenes Sammelgebiet«, aber keineswegs tot ist.

Karlheinz SteinmüllerALIEN CONTACT

9006_Neumann_B150px.jpg (5430 Byte)
• Ausgezeichnet mit dem Kurd Laßwitz Sonderpreis 2003 Kurd Laßwitz Preis
Originalausgabe
Hans-Peter Neumann, Die große illustrierte Bibliographie der Science Fiction in der DDR
(Berlin: Shayol, 2002) Bestellen
Titelbild von Mario Franke, Hardcover, 1064 Seiten
Siehe auch
Eine vergleichende Untersuchung zweier Bibliographien zur DDR-Science Fiction
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