Ein
Standard-Werk, das Maßstäbe setzt
Diese Bibliographie paßt so gar nicht in unsere Zeit, eine Epoche schnellebiger und
wenig verläßlicher Informationshäppchen zweifelhafter Konsistenz, bei denen es weniger
auf Wahrheit und Gehalt, sondern auf ökonomische Verwertbarkeit ankommt - wofür ja auch
unter Bibliographien Beispiele zu finden sind. Akribie, Korrektheit, Qualität sind gewiß
keine Eigenschaften des heutigen Zeitgeistes, aber gerade sie findet man in Hans-Peter
Neumanns Bibliographie in einem fast schon erschreckend hohem Maße verwirklicht. Diese
Bibliographie setzt Maßstäbe. Sie ist methodisch durchdacht, sie erschöpft ihr
Sachgebiet so komplett, wie dies überhaupt menschenmöglich ist, und sie bietet eine
ungeheuere Fülle von Details, beispielsweise Abbildungen aller Titelbild-Varianten. Wer
sich wirklich über die DDR-SF-informieren will, wird hier in überreichem Maße fündig.
Wer sich wissenschaftlich mit DDR-SF befassen will, findet hier eine überaus solide
Basis. Ähnlich erschöpfend sind allenfalls die Werke von Klassikern bibliographisch
aufgearbeitet. Von der ersten bis zur letzten Seite merkt man diesem Standardwerk die
Liebe des Verfassers für seinen Gegenstand und für das Detail an.
Normalerweise ist die Science Fiction
- zumindest in Deutschland - ein recht stiefmütterlich behandeltes Feld, das mit wenigen
Ausnahmen von amateurhaften Bibliographen beackert wird. Der eine verzichtet von
vornherein auf Vollständigkeit, der andere beschränkt sich auf ein paar notdürftige
Angaben zu den Werken, bei dem dritten sind die Abgrenzungskriterien völlig unklar, SF,
Märchen, Geistergeschichten und Fantasy
werden in einen Topf geworfen, der vierte hat einfach einige Listen und ältere
Bibliographien kompiliert, so daß der geplagte Sammler vielleicht jahrelang nach diversen
U-Booten - Büchern, die nie erschienen sind - fahndet, der fünfte erfindet für
russische Originaltitel eine eigenwillige Privat-Transkription, die unfreiwillig den
Unterhaltungswert der Bibliographie erhöht, der sechste verwurstelt sich, wenn es um die
Angabe der Seitenzahl geht, und manchesmal bemüht sich ein Möchtegern-Bibliograph
redlich, alle möglichen Patzer gleichzeitig zu begehen.
Doch Hans-Peter Neumann hält sich, obwohl auch er ein »Freizeit-Bibliograph« ist, an
alle Regeln wissenschaftlicher Bibliographik - und er setzt mit seiner Akribie selbst für
diese Maßstäbe. Grundlage für jede ernstzunehmende Bibliographie ist die »Autopsie«:
Neumann hat jedes erfaßte Werk, jeden Roman, jeden Sammelband, jedes Heft, in der Hand
gehalten und zwar in allen Ausgaben. Er hat sich durch Zeitschriften und Magazine - von
der ABC-ZEITUNG über die deutschsprachige Ausgabe von BULGARISCHER
HORIZONT und DER NEUERER bis zur ZEITSCHRIFT
FÜR SLAWISTIK - sowie durch die Tageszeitungen (mit
Ausnahme der Regionalzeitungen) gewühlt und selbst diverse Betriebszeitungen kurzzeitig
aus ihrem postsozialistischen Dornröschenschlaf geweckt. Allein in diesen Recherchen
steckt eine jahrelange, intensive Mühe, die kein professioneller Literaturwissenschaftler
auf sich nehmen würde - es sei denn, er kann willfährige Studenten in einem
hochdotierten mehrjährigen Forschungsprojekt zu Publikationsformen und
Alltags-Penetration von Trivialliteratur daran setzen.
Vorbildlich ist auch Neumanns theoretisch-methodischer Zugang, die saubere und
nachvollziehbare Weise, in der er das Feld der Science Fiction von verwandten Formen der
Literatur (phantastische Reisen, Fantasy, unheimliche Phantastik, phantastische Satiren,
prähistorische Romane, populärwissenschaftliche Zukunftsprognostik etc.) abgrenzt. Doch
auch bei den klaren und plausiblen Kriterien, die Neumann von den Herausgebern des
Jahrbuchs GOLEM übernommen hat, bleibt stets - schon allein wegen
individuell unterschiedlicher Rezeptionsweisen - ein unscharfer Saum von Grenzfällen
bestehen. Neumann stellt sich diesem Problem, indem er Grenzfälle einerseits mit aufnimmt
und andererseits als solche kennzeichnet, so daß sich der Nutzer der Bibliographie
gegebenenfalls selbst ein Urteil bilden kann. Sehr nützlich ist in diesem Zusammenhang
auch die immerhin fünfseitige Sammlung von verbreiteten bibliographischen Irrtümern zur
SF in der DDR: U-Boote im engeren Sinne (fälschlicherweise in andere Bibliographien
aufgenommene Titel, die definitiv nicht zur SF zählen) und nicht oder unter anderem Titel
erschienene Werke aus Verlagsankündigungen in den ersten Nachwende-Jahren.
Hans-Peter Neumann läßt fast nichts aus, was in der DDR und vor dieser in der
sowjetischen Besatzungszone an SF erschien, nicht die verbreiteteren Amateurpublikationen
und nicht die SF-Dramatik (Theater, Hörspiel, Filmszenarien). Lediglich
SF-Bildgeschichten und SF-Lyrik, ein weites Feld mit so gut wie undefinierbaren Rändern,
bleiben ausgeblendet. Im einzelnen erfaßt Neumann die SF der DDR-Autoren, inklusive der
in der alten Bundesrepublik erschienenen und der nach 1990 publizierten, die in der DDR
veröffentlichte SF ausländischer und älterer deutscher Autoren, sowie die
Sekundärliteratur zur SF, des weiteren fremdsprachige SF-Veröffentlichungen von
DDR-Verlagen und - quasi spiegelbildlich dazu - deutschsprachige SF-Publikationen von
Verlagen des sozialistischen Auslandes wie etwa die SF-Sonderhefte der Zeitschriften SOWJETLITERATUR
und RUMÄNISCHE RUNDSCHAU oder die hervorragenden deutschen
SF-Bücher des Artia-Verlages Prag. Zu jedem Werk werden dabei sämtliche Auflagen und
ihre Ausstattungsvarianten einzeln nachgewiesen und, wo immer diese recherchierbar waren,
Auflagenhöhen genannt. Selbst der SF in sorbischen Sprache ist ein eigenes Kapitel
gewidmet.
Zahlreiche Listen und Übersichten zu SF in Buchreihen und Buchclubausgaben, in
Heftreihen, Zeitschriften und Tageszeitungen und ein chronologisches Verzeichnis zur SF in
der DDR, sowie Personen- und Titelregister ergänzen den Band.
Selbstverständlich war Hans-Peter Neumann bei diesem wirklich monumentalen Werk auf
vielseitige Unterstützung angewiesen. Einen guten Ausgangspunkt bildeten zweifelsohne die
Bibliographien Olaf Spittels in den Lichtjahr-Anthologien, doch Neumann geht um
Lichtjahre über diese hinaus. Dabei konnte er sich auf zahlreiche SF-Autoren und
SF-Freunde stützen, die Informationen und Hinweise beigesteuert haben. Und nicht zuletzt
hat er in Ivo Gloss und Erik Simon
versierte Mitarbeiter gefunden, die seine extrem hohen Qualitätsstandards teilten. Ein
großes Lob gebührt an dieser Stelle auch dem Shayol-Verlag,
der sich in das Abenteuer stürzte, ungeachtet aller kommerziellen Risiken einen derart
anspruchsvollen Tausendseiter zu publizieren.
Natürlich ist auch die beste Bibliographie nie absolut vollständig und fehlerfrei.
Beim stundenlangen Blättern und dem Abgleich mit unserer eigenen Bibliothek sind mir
jedoch keine Ungereimtheiten oder gar Fehlstellen aufgefallen - außer Lücken in den
eigenen Bücherreihen. Aber nobody is perfect und eben auch keine Bibliographie. Insofern
ist es begrüßenswert, daß Hans-Peter Neumann Ergänzungen und Berichtigungen sammelt
und auf der Internetseite www.deutsche-sf.de veröffentlicht.
Geplant ist ebenfalls ein Supplementband mit Ergebnissen einer systematischen Durchsicht
von Regionalzeitungen und ausländischen Periodika. Weiterhin will H.-P. Neumann gemeinsam
mit Wolfgang Both und Klaus Scheffler eine kommentierte Bibliographie aller in der DDR
erschienenen Fanzines noch in diesem Jahr als ANDROMEDA-Magazin des SFCD
herausbringen. Es tut sich also einiges, die eingeschworene Gemeinde der SF-Fans ist
weiter aktiv, recherchiert in viele Richtungen und veröffentlich originelle und
interessante Publikationen (wie diejenige zum ersten deutschen SF-Fan Herbert Häußler).
Selbst einige Autoren von DDR-SF sind noch fleißig am Werk und finden in Klein- und
Kleinstverlagen wie Shayol neue Publikationsmöglichkeiten.
Genau wie Neumanns Bibliographie belegen all diese Aktivitäten, daß die DDR-SF zwar -
wie Erik Simon im Vorwort schreibt - ein »abgeschlossenes Sammelgebiet«, aber keineswegs
tot ist.
Karlheinz Steinmüller
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