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| Obwohl sein großartiger phantastischer Roman The Famished Road (dt.
Die hungrige Straße) um das Geisterkind Azaro international bei Kritikern und
Lesepublikum gefeiert wurde, ist der nigerianische Schriftsteller Ben Okri bei uns immer
noch allzu unbekannt. Daher kann man es nur als sehr lobenswert und verdienstvoll
bezeichnen, dass in der kleinen edition Kappa nach einem Gedichtband und einer
Essaysammlung mit Der Unsichtbare der deutschen Leserschaft ein weiterer Roman
Okris vorgelegt wird. Die Handlung dieses kurzen Romans ist schnell skizziert: Der namenlose Held wird sich seiner Unsichtbarkeit bewusst und zieht los, um das Rätsel der Sichtbarkeit zu lösen. Auf seinen Reisen gerät er in eine höchst seltsame Stadt, in der er hofft, auf weitere Erkenntnisse zu stoßen. Auf der Suche nach des Rätsels Lösung erlebt er allerlei Wunder und unterzieht sich den merkwürdigsten Prüfungen. Die traum- und parabelhaften Geschehnisse in Der Unsichtbare lassen Raum für allerlei Interpretation. Man kann das Buch sicherlich auf mehreren Ebenen lesen. Die neutralste und einfachste ist vielleicht die der märchenhaften Traumgeschichte: Der Held tritt aus der Realität heraus und erlebt auf der Suche nach seinem persönlichen Glück und dem Sinn des Lebens allerlei phantastische Abenteuer. Die anspruchsvollere Ebene ist die politische. Der Unsichtbare ist schließlich nicht »einfach so« unsichtbar, sondern erkennt am Anfang des Romans bei der Lektüre von Geschichtsbüchern, »... zu seinem jugendlichen Erstaunen, dass es ihn und die Seinen nicht gab« (Seite 6). Ben Okri beschreibt damit eine Facette des Rassismus und der Ignoranz des Westens gegenüber Afrika. Afrikanische Geschichte und Kultur werden auch heute noch als bedeutungslos abgetan und scheinen in unserer Geschichtsschreibung keine Rolle zu spielen. Dass man damit die Realität verkennt und im Grunde afrikanische Menschen ihrer Identität zu berauben versucht, wird oft schlicht und ergreifend nicht verstanden. Der Unsichtbare ist kein leicht zugänglicher Text. Sehr allegorisch, parabelhaft und verspielt wird der Leser zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Roman gezwungen. Sehr hilfreich ist da mit Sicherheit das kenntnisreiche Nachwort des Übersetzers Helmuth A. Niederle. Nur ein Satz daraus wäre zu kritisieren: »Wenn also Ben Okri von einem Unsichtbaren erzählt ... dann sind, um die Tiefe und Zielrichtung des Textes zu verstehen, die gesellschaftlichen und die historischen Bedingungen der Geschichte zwischen Weiß und Schwarz mitzuberücksichtigen, soll die Lektüre aus dem Roman nicht eine Fantasy-Geschichte machen, duftig, leicht und angenehm zu lesen.« Niederle impliziert damit, dass »Der Unsichtbare« keine Fantasy-Geschichte sei, schließlich stecke mehr darin, als es in einer solchen der Fall sein könnte. Damit wird einer ganzen Gattung unterstellt, per se keinen Tiefgang haben zu können, was zwar auf einen Großteil zutrifft, aber nicht so sein muss. In jedem Fall gehören Okris Bücher zu den herausragenden Beispielen des phantastischen Genres und lassen sich all jenen ans Herz legen, die ungewöhnliche und tiefer gehende Leseerlebnisse suchen. |
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