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ALIEN CONTACT
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Ekkehard Redlin

ASTRALO

Science Fiction > Alien Contact | Stories
Nahm der Weg denn kein Ende? Wie lange schon wanderte er das Tal entlang, vorbei an Bäumen, Hecken und Blumenwiesen? Gewiss, so hatte er sich die Landschaft seiner Kinderjahre vorgestellt, aber ohne Abwechslung wurde sie ermüdend.
   Da vernahm er Stimmen. »Aleus, hierher!« Hinter einem Baum trat eine weiß gekleidete Gestalt hervor. »Bist du endlich gekommen! Wir warten auf dich.« Der Fremde, er hatte ihn nie gesehen, führte ihn über einen grob gepflasterten Platz zu einem Haus mit rotem Dach. Wo kam das plötzlich her? Soeben standen da doch Bäume! Kopfschüttelnd ging er weiter.
   »Woher kennst du mich, wer bist du?«
   »In der fünften Dimension gibt es wenig, was man nicht weiß. Setz dich her, du wirst alles erfahren.«
   Hinter der Tür wurde gerufen. »Ist er da? Bring ihn herein, hier ist Platz!«
   Unwillkürlich wich er zurück. Vor ihm öffnete sich eine Säulenhalle ohne Dach, in ein Licht getaucht, das die Augen blendete. Durch die Säulen hindurch blickte er auf ein Ufer, an dem zwei bewimpelte Barken schaukelten. Aus einem daneben liegenden, mit Steinquadern beladenen Lastkahn zerrten Männer im Lendenschurz einen Granitblock auf ein Schlittengestell. Ihr taktmäßiger Gesang hallte über das Wasser, es roch nach Schweiß und Knoblauch.
   »Hier entsteht Achetaton«, sagte der Unbekannte, »Echnatons neue Hauptstadt. Der Name bedeutet ›Die Aton gefällige Stadt‹.«
   »Wurde später aber in El Amarna umbenannt!«, rief eine Stimme.
   »Verwirrt ihn nicht, er ist noch neu hier.«
   Alois blickte sich um. Männer im Lendenschurz und Frauen in schulterfreien Hemden hockten auf flachen Schemeln, Trinkschalen in den Händen. Erstaunt nahm er wahr, dass auch er mit einem Schurz bekleidet war. Ein geflochtener Gürtel hielt ihn zusammen.
   »Setz dich doch. Sina bringt dir ein Bier.«
   Aus der Tempelpforte trat ein Mädchen mit großen, mandelförmigen Augen. Sie lächelte ihn an, als hätte sie ihn seit je gekannt, jaals wäre sie mit ihm vertraut gewesen. Ihre schwarz glänzenden, zu feinen Strängen geflochtenen Haare umrahmten ein edel geformtes Gesicht mit einem Lippenpaar, das einem über Wellen schwebenden Vogel glich. Wie benommen starrte er sie an. Sich andeutungsweise verneigend, setzte sie, einen zarten Duft verbreitend, einen Tonkrug mit einem Trinkhalm nieder. Er schaute ihr nach. An der Tür wandte sie sich um und blickte zurück, bis sich beider Augen begegneten.
   Er hob den Tonkrug an. Tatsächlich, es roch nach Bier.
   »Das ewige Leben ist nichts anderes als ein immerwährendes Festmahl, zu dem alle Götter, Sterne und Menschen geladen sind – so steht es in den Heiligen Schriften, und so halten wir es auch hier. Wir Ägypter liebten es in allen Epochen, zu lachen, zu trinken und zu singen.«
   Der Unbekannte saugte an seinem Getränk, die anderen folgten seinem Beispiel. Alois nickte unsicher und nahm das Röhrchen in den Mund. Pfui Teufel, war das Gebräu sauer! Kannten sie hier keinen Hopfen? Fast hätte er den Schluck wieder ausgespien. Er bezwang sich jedoch. Offensichtlich meinten sie es gut. Aber wie kamen sie in dieser Welt zu Bier?
   »Es mundet dir nicht? Stell dir vor, es schmecke so wie das Getränk, an das du gewöhnt bist. Erstaunt es dich, dass es hier so etwas gibt? Früher sagten wir dazu Gaukelei, Blendwerk, Sinnestäuschung; heute heißt man es wirtunell. Es ist fast alles möglich, was dir Freude macht. Du kannst alle Sinne befriedigen, den Gesichtssinn, das Gehör, den Tastsinn, den Geruch, den Geschmack, alle Gefühle auskosten, auch Zärtlichkeit, sogar die Liebe. Nur eins ist dir verwehrt: Du kannst dich nicht fortpflanzen.«
   Wozu auch?, dachte Alois. Er hatte ohnehin nicht die Absicht.
   Der Fremde lächelte ihm zu. »Ich also bin Nerchumetip, der Einfachheit halber Nerchu genannt, eine Anpassung an die neuen Moden, ja auch hier, im Reich der Astralos. Und Sina ist eine Tochter von Nofretete, der Gemahlin des Pharaos Echnaton. Ihr Name bedeutet ›Die Schöne ist gekommen‹. Man sieht es ihr an, dass sie die Tochter ist.«
   Sein weißes Gewand, von einem Gürtel zusammengehalten, klaffte an der Seite. Er trug geflochtene Sandalen, ein schwarzes Amulett, das wie ein Käfer aussah, und einen goldenen Armreif. Die kräftige Nase über den vollen Lippen, seine dichten Brauen, die ausdrucksvollen Augen und seine Sprechweise verrieten, dass er ein Mann mit Einfluss war – vielmehr gewesen sein musste. Ein Astralo? Was unter Astralos zu verstehen war, konnte sich Alois beinahe denken. Vermutlich war er auch einer.
   »Seit fünftausend Jahren«, sagte Nerchu, »weile ich im Reiche des Osiris. Ich sah Pharaonen zum Gott gekrönt werden, sah sie regieren, ihre Grabstätten errichten, dahinwelken, sich zum Sterben zurückziehen und zum ewigen Leben wieder erheben. Als Tempelschreiber des Ritualpriesters wurde ich in die Geheimnisse der Hieroglyphen eingeweiht. Ich entziffere dir alle Inschriften an Säulen, Grab- und Tempelwänden, auf allen Papyrusrollen, die die Zeiten überdauert haben.«
   Benommen nahm Alois einen Schluck. So erbärmlich schmeckte das Getränk eigentlich nicht. Die anderen am Tisch, auch Frauen, rückten zu ihm heran. Ihre Neugier wirkte nicht aufdringlich, sondern sympathisch. War Sina unter ihnen? Ihre Gegenwart hätte ihn zuversichtlich gestimmt. Nein, er erblickte sie nicht.
   »Astralos?«, sagte er. »Fünfte Dimension? Fünftausend Jahre, fünf-tau-send Jah-re#! Und dann Pharaonen und eine Bierrunde! Du siehst mich erstaunt.«
   »Was hattest du denn erwartet, wenn du die Frage gestattest?«
   »Ich weiß nicht. Ich glaubte mich auf dem Wege zu Gott.«
   »Zu Gottvaterow?«, rief eine spöttische Stimme.
   Hinter den Säulen stieg ein Lied empor:
   »Gott ist tot, Gott ist tot,
   Allah liegt im Sterben.
   Satan lacht,
   freut sich schon,
   gibt es was zu erben.«
   Alois wurde kalt. Regierte hier der Antichrist?
   »Die Schandmäuler«, sagte Nerchu. »Eine von den neuen Moden. In meiner Zeit undenkbar. Man hätte ihnen die Nase abgeschnitten und sie in unwirtliche Landstriche verbannt. Sie kennen nichts Heiliges, in ihren Herzen gähnt das Nichts, Blähungen der neuen Zeitläufte. Beachte sie nicht, sie sind es nicht wert. – Du willst zu Gott? Ein Ziel, der höchsten Anerkennung teilhaftig. Das sollst du mir näher erklären. Zu welchem Gott?«
   Alois sah ihn ratlos an. »Zu Gott, dem Schöpfer des# Himmels und der Erden. Der die Welt und den Menschen erschaffen hat.«
   Nerchu nickte verneinend. »Es gibt viele, auf die das zutrifft. Ich nenne dir Amun, der im Verborgenen waltet; ich nenne dir Re, das göttliche Licht, Ptah, den Schutzherrn der Handwerker. Seth, den Hüter der Blitze und zugleich Herrn der Wüste, ich nenne dir Anubis, den Hundeköpfigen, den Falkengott Horus, Thoth mit dem Ibiskopf, den Gott der Schreiber ...«
   »Genug, genug!«, rief Alois. »Ich kann dir nicht folgen. Du überprasselst mich mit deinem Götterhimmel. Lass mir das Wort. Du bist Priester, du wirst mich ...«
   »Verzeih mir«, sagte Nerchu. »Wenn ich mich an die Götter meines Landes erinnere, gerate ich in Begeisterung. Du hast Recht. Erzähle uns, was dich bewegt hat, nach dem Weg zu Gott zu suchen. Doch ein Priester bin ich nicht. Ein Priester ist im Lebenshaus in die heiligen Schriften eingeweiht worden, das bin ich nicht. Als Tempelschreiber bekam ich von mancherlei Kunde, die letzten Dinge blieben mir verborgen.«
   »Ich glaube, du wirst mich dennoch verstehen. Ich möchte dir von dem Kindheitserlebnis erzählen, das mich zu Gott führte.«
   Die Umsitzenden schoben sich an den Erzähler heran, bis sie ihn umringten. »Sprich langsam und deutlich«, sagte einer, »ich bin schon ein bisschen lahm auf den Ohren. Wahre Geschichten sind Schmieröl für die Seele.«
   »Ist schon recht«, sagte Alois,»ich will es versuchen.« Er nahm einen Schluck, um die Kehle anzufeuchten. Das Bier schmeckte eigentlich ganz passabel. »Es war an der Zeit, ich hatte mich auf den Pfarrer verlassen. Ehe ich den endgültigen Schritt tat, wollte ich ihn fragen. Es kam nicht mehr dazu.«
   Sie hingen an seinen Lippen. »Wonach wolltest du ihn fragen?«
   »Nach dem Wege zu Gott.«
   Bedeutungsvolle Blicke. »Hier hat noch niemand nach Gott gefragt.«
   Nerchu kam ihm zu Hilfe. »Dann wird es Zeit. Lass dich nicht verwirren, Aleus.«
   Er fühlte sich unbehaglich. Im Himmelreich war er sicherlich nicht, dort hätte man ihn mit Hosianna begrüßt. Musste er hier Missionsarbeit leisten? Am besten, er begann mit seiner Jugend. »Ich heiße Alois Niedergstettner, und ich denke, ich erzähle euch jetzt, was ich vom Leben nach dem Tode erwartet hatte. Ihr müsst ein wenig Geduld aufbringen, es ist eine kleine Geschichte, meine Geschichte.«
   »Wie gern!«, sagte eine warm schwingende Stimme. War das nicht Sina? Wirklich, sie hatte sich ihm an die Seite gesetzt. »Du kannst Geschichten erzählen? Dafür liebe ich dich.« Sie warf ihm einen aufmunternden Blick zu.
   »Ich war zehn Jahre alt«, begann Alois, von ihrer Gegenwart beschwingt, »da starb meine Tante. Sie stand mir näher als meine Mutter. Sie war eine starke Person. Mit wem sie auch sprach, worüber sie sprach, sie gab den Ton an. Sie hatte ein starkes, manchmal auch hartes Urteil und war deshalb gefürchtet, wegen ihrer Redlichkeit aber auch geachtet. Sie liebte den Streit und war gewohnt, Recht zu behalten. Zu mir aber war sie freundlich, immer liebevoll, immer geduldig und fürsorglich, niemals ungehalten; nie hörte ich von ihr ein hartes Wort. Wenn ich konnte, ging ich zu ihr. Sie verstand es, mich zu trösten, wenn mir Unrecht geschehen war. Nun hatte ich sie verloren.
   Auf dem Berg, der unser Dorf überragte, lag der Friedhof. Hoch oben stand die Friedhofskapelle, umgeben von Grabstätten. Nach allen Seiten führten Wege hinab, von allen Seiten kamen ...«
   »Sprich nicht weiter!« Sina fasste ihn am Arm. »Wir sehen es ja!«
   Alois blickte auf. Er stand, in einen dunklen Anzug gezwängt, auf dem Platz vor der Bergkapelle. Ihr schiefergedecktes Türmchen ragte in den Himmel, Lämmerwölkchen zogen dahin. Sein Blick wanderte über Grabsteine, Lebensbaumhecken und Kieswege hinweg in die Ferne zu graubraunen Felsen, die von Bergwiesen umrahmt wurden. In der Tiefe schlängelte sich das Flüsschen hindurch zum Sägewerk, aus der Feme grüßten schneegekrönte Gipfel.
   Alois versagte die Stimme. Ungläubig schaute er auf das, was sich vor seinen Blicken vollzog. Wie war das möglich?
   Vier schwarz gekleidete Männer trugen einen Sarg aus der Kapelle heraus, begleitet von Orgeltönen. »So nimm denn meine Hände und führe mich.« Ein Geistlicher sprach das Gebet, segnete den Sarg und machte das Kreuzzeichen. Dann schoben die Träger den Sarg in einen großen, dunkelblauen Wagen, die Türen schlossen sich, und wie von Engeln getragen schwebte der Wagen lautlos hinab ins Tal.
   Alois schluckte. Unzählige Male hatte er es erlebt, genau so waren die Feiern verlaufen. Und der in der Kapelle die kleine Orgel spielte, war das nicht er selber?
   Seine Zuhörer blickten ihn erwartungsvoll an, er räusperte sich die Kehle frei. »Da wusste ich, dass ich die Tante nie wieder sehen würde. Ich fing an zu schluchzen, dass ich am ganzen Körper bebte, und konnte nicht wieder aufhören. Der Pfarrer trat auf mich zu und strich mir tröstend über den Kopf. ›Wo ist die Tante jetzt?‹, fragte ich. – ›Du musst nicht um sie weinen‹, sagte er. ›Sie ist auf dem Wege zu Gott.‹ – Das drang mir ins Herz. Bei Gott hatte sie es gut, das wusste ich. Ich hörte auf zu weinen.«
   Nerchu nickte ihm zu. Sein Gesicht trug einen andächtigen Ausdruck.
   »Später wurde ich Organist in unserer Gemeinde. Ich begleitete mit meiner Orgel alle Feiern in unserer Kirche. Ich spielte zur Messe, zu Ostern und zu Pfingsten, zu Weihnachten, zum Erntedankfest, zu Maria Heimsuchung, Fronleichnam und zu allen Familienfeiern: Hochzeit, Kindtaufe, Firmelung, Kommunion. Bei Beerdigungen aber spielte ich in der kleinen Kapelle unseres Bergfriedhofs. Und immer, wenn der Pfarrer den Dahingeschiedenen gesegnet hatte und der Totenwagen zu Tal geschwebt war, überkam mich eine große Ruhe. Ich wusste, er war auf dem Wege zu Gott.«
   Die Zuhörer saßen reglos, wie gebannt.
   Da erhob sich aus der zweiten Reihe eine Frau mit schweren Hüften.
   »Jessasmariandjosef!«, rief sie. »Ist dös die Möglichkeit!« Sie trat vor ihn hin und musterte ihn. »Bist wirklich der Loisl-Bub? Wie du von der Tanten derzählt hast, hob i mir denkt, der kennt sich aus, woher weiß der dös? Und jetzt mein i, du bist mir tatsächlich hinterherkommen, damit wir zsammenfinden. Jessas, ist dös a Freid!«
   »Tante Theres, du?«
   »Jo freili, die bin i immer noch. Jetzt bleim mir zsamm, da feit sich nix! Aber die Tante lassen mir heraußen. I bin koa Tanten mehr, i bin die Theres. Doch für mich bist und bleibst der Loisl.«
   Alois nickte stumm. Welch ein Wunder durch Gottes Fügung! Jetzt war er sich dessen gewiss, über kurz oder lang heimzufinden – zu Gott.
   »Gang ma woanders hin. Hier kann man net reden.« Theres ließ sich schwerfällig auf einer Bank nieder. Wo kam die nun wieder her? Alois blickte sich um. Er stand in einem Gastraum mit Bauernmöbeln, an den Wänden hingen Bilder von Hirschen, die ihren Atem in eine frostige Landschaft bliesen, und Schießscheiben mit runden Holzpflöcken. Theres winkte, ein beleibter Mann mit buschigem Schnauzbart und Lederschürze trat auf ihn zu. »Setzens Eahna doch. Was darf’ s denn sein? A Bier, wann’st magst?«
   Theres nickte, sie nahmen Platz an einer runden Tischplatte. Wo war Sina geblieben? Er blickte sich um, fand sie aber nicht mehr.
   »Nu sag amol, zu Gott willst?« Theres wiegte den Kopf. »Was willst denn dorten? Dei Sünden herbeten? Auf den Knien rutschen und um Vergebung flehen? Die Heiligen zur Brotzeit einladen? Sei froh, wannst nix mehr davon hörst.«
   »Ich kenn dich nicht wieder, Theres, das ist ja Gotteslästerung!«
   »Hier brauchst koan Gott mehr. I sog dir, i hob eam gsucht, all die Zeit lang. Vielleicht in der siemten Dimenschon, hobn’s mir gsagt. Aber dorten wollt i net hie, wer woaß, was dort auf mich wartet. Frogn wollt i ihn nach meim verpfuschten Leben. Moanst, der hot sich blicken lossen? Koa Spur net! I woar scho ganz deppert. Endlich bin i dahinter kommen: Den gibt’s net, den hat’s nimmer geben!«
   »Ich vertraue auf das Wort des Pfarrers«, sagte Alois. »Ein Gottesdiener kann nicht irren.«
   »Der Hinterfotzer!«, rief Theres. »Der denkt doch nur daran, wie er die Friedhofsgebühren eintreibt. Frog doch den Nerchu mit seinen vielen Göttern. Nerchu, wo san’s blieben, dei Götter? Host amol oan gsehn?«
   »Wir kennen dich doch, Theresia«, sagte Nerchu. »Du bist mit großen Erwartungen gekommen und meinst nun, getäuscht worden zu sein. In Wirklichkeit war dein Glaube nicht stark genug. Das darfst du aber anderen nicht zum Vorwurf machen.«
   »Hast du Gott gesehen?«, flüsterte Alois.
   »Kein Mensch kann einen Gott wahrnehmen«, sagte Nerchu. »Selbst wenn er es will. Für uns Menschen sind die Götter unsichtbar, sonst wären es keine Götter. Deshalb macht sich der Mensch von ihnen ein Bild, damit er sie verehren kann. Du bist auf dem richtigen Weg, Aleus, lass dich nicht davon abbringen. Wer nach Gott sucht, hat ein Ziel, und wer ein Ziel hat, lebt in der Hoffnung.«
   »Hast du denn deinen Gott gefunden?«
   »Ägypten hatte viele Götter«, sagte Nerchu. »Sie gaben den Pharaonen die Kraft für ihr Lebenswerk.«
   »Und wo sans blieben, dei Götter?«
   »Ägyptens große Kultur hat Jahrtausende überdauert. Sie war das Werk der Götter. Aber dann kamen die Griechen und halfen uns gegen die Perser. Zum Dank für die Rettung durften sie sich in Ägypten ansiedeln und Niederlassungen und Städte gründen. Das brachte das Ende.«
   »Was denn, eure Götter haben sich verdrängen lassen?«
   Nerchu seufzte. »Es war das Geld. Wir hatten keins, wir brauchten keins, denn über allem stand der Pharao, der Gottessohn. Er verkörperte die kosmische Harmonie. Sein Kanzler und seine Beamten hielten die Ordnung im Lande aufrecht. Sie regelten die Arbeit, vor allem die Bewässerung der Felder und die Pflege der Kanäle. Die tägliche Arbeit galt als eine der höchsten Tugenden. Mit Hilfe seiner Würdenträger und Beamten sorgte der Pharao für Gerechtigkeit. Er gab der Bevölkerung Brot und Früchte, Kleidung und Sandalen. In seinem Namen achteten die Beamten auf die Einhaltung der heiligen Gesetze, belohnten die Fleißigen und straften die Säumigen. Sie holten Baumeister und Steinmetzen heran, sie bildeten Schreiber, Seeleute und Krieger aus. Was brauchten wir da Geld? Die ägyptische Kultur zeichnete sich wie keine andere durch eine ausgeprägte Freude daran aus, allen Seiten des Lebens durch fröhliche Feste zu huldigen. Dieses Glück war die Frucht einer zielstrebig geleiteten, streng gegliederten Gesellschaft. Der Pharao verbürgte das Glück des Volkes.
   »Nun red net drum herum!«, rief Theres. »Er war ein Diktator!«
   »Der Pharao verkündete den Willen der Götter. Dieser war das Gesetz, dem wir gehorchten, dem alle untertan waren, auch der Pharao. Das Geld aber, das die Griechen mitgebracht hatten, breitete sich aus wie ein lähmendes Gift. Es zersetzte die alten Bindungen und Verantwortungen. Das Glück des Landes galt nichts mehr, es ging nur noch um das Wohlergehen des Einzelnen, des Tüchtigsten, des Stärksten. Und das waren immer die Rücksichtslosesten! Die Götter zogen sich zurück, da sich die Menschen von ihnen abgewandt hatten. Die göttliche Kultur verfiel, Ägyptens Stärke schwand.« Nerchu starrte vor sich hin. »Dieses ruhmreiche Land ist zu einem Vergnügungspark für vermögende Ausländer verkommen. Verständnislos starren sie auf Tempel und Grabstätten, deren Inschriften ihnen unverständlich sind, reiten auf einem Kamel und sehen auf die Bettler hinab, die am Wegesrand kauern. Unter den Pharaonen kannten wir keine Bettler. Das Geld hat Ägypten zugrunde gerichtet. Jetzt haben wir keine Götter mehr!«
   »Freili hoben wir anen, an neuen, an übermächtigen. Host es ja selber gsagt. Er regiert die Welt und die Seelen.« Theres blickte die Männer an. »Ihr glaubt mir nicht? Schaut amol dorten!« Sie deutete auf eine leere Wand.
   Der kahle Fleck wurde durchsichtig, weitete sich zu einem riesigen Fenster. Alois blickte auf Türme, die bis über die Wolken ragten, schlanke und wuchtige, reich gegliedert oder in edler Strenge, einzeln stehend oder durch geschwungene Stege verbunden. Er sah Kuppeln, auf denen das Sonnenlicht glänzte, Paläste, auf deren Dächern Gärten wuchsen.
   »Wie schön«, sagte er. »Wo stehen diese Gotteshäuser?«
   »Du findst sie in der ganzen Welt: In London, Frankfurt, Tokio, New York, Sydney, Singapur, Buenos Aires, Neu-Dehli, Auckland, Madrid; überall, wo Geschäfte gemacht werden.«
   »Hier wird Gott verehrt? Glückliche Gemeinden.«
   »Moanst, dös san Gotteshäuser?« Theres lachte. »Dös san die Kathedralen des Mammons, die Banken, die Börsen, Versicherungen, Handelshäuser, dös ganze Glump. Dem Mammon ghören die höchsten, die schönsten und die reichsten Gebäude der Welt. Dorten wird gebetet, und dorten wird auch geopfert. Menschenopfer, mei Liaba! Dort studieren die Hohen Priester, bevor sie auf die Menschen losglassen werden. Der Mammon hat sie in den Klauen, er regiert, er kommandiert, vor ihm liegen alle auf den Knien, denn dort ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit.«
   »In Ewigkeit, amen«, sagte Alois.
   »Himmiherrgottsakra!«, rief Theres. »Spinnerter Teifi, du spinnerter! Host denn nix begriffen, du Lackl? Dös ist dei Gott, dem bist hinterher!«
   Alois sprang auf. Sie hatten sich gegen ihn verschworen, die Ketzerin Theresia und der Ägypter mit seinem Götzenkult. Ein feines Gespann! Sie wollten ihn Gott abspenstig machen, wollten ihm seinen Glauben rauben. Das hielt er nicht aus. »Ich brauche Luft!« Er sprang zur Tür und stürzte hinaus.
   Wie von Blindheit getroffen, blieb er stehen, auf allen Seiten von waberndem Nebel umhüllt. Das war es, genauso war ihm zumute! Gott zu suchen, war er ausgezogen, und was hatte er gefunden? Gotteslästerung auch im Jenseits! So verloren hatte er sich noch nie gefühlt. In der dritten Dimension hätte er gewusst, wohin er sich wenden konnte, um geistlichen Beistand zu finden; hier in der fünften war er allein, ausgestoßen, ein Verfemter.
   »Warum bist du davon gelaufen? Ich hätte dir doch beigestanden.«
   Er fuhr herum. Eine Lichtgestalt näherte sich ihm, eine Schönheit mit königlicher Kopfhaltung. Warme dunkle Augen, der Mund eine schwingende Wölbung, erhaben wie ein Götterbild. Hatte er sie nicht schon einmal gesehen?
   »Kennst du micht nicht mehr? Ich bin Sina, ich brachte dir das Bier.«
   »Echnatons Tochter?«
   »Oh, du irrst. Ich bin die Tochter von Nofretete. Echnaton, der Pharao, ist ihr Gemahl, aber nicht mein Vater.«
   Verständnislos schüttelte er den Kopf. »Ich verstehe nicht.«
   »Der Pharao hatte einen gut aussehenden jungen Mann als Sandalenträger, einen klugen, ehrgeizigen Burschen. Auf ihre Bitte gab er ihn meiner Mutter als Leibdiener. Nach ihrer Niederkunft wurde er zu einer Streitwageneinheit an der Landesgrenze versetzt, von wo er nicht mehr zurückkehrte, so dass ich als eine Tochter des Pharaos galt.«
   »Die Schöne ist gekommen«, sagte er wie verzaubert. Seine Missstimmung bröckelte. »Wie bin ich froh, dass ich dich wiedersehe. Die anderen wollen mich meinem Gott entfremden, mir meinen Glauben nehmen.«
   Sie berührte seine Wange, Wohlbehagen durchflutete ihn. »Müssen wir hier im Nebel stehen? Gehen wir doch an die Sonne, die Echnaton so liebte.«
   Ein lautloser Wind blies die Schwaden hinweg; sie standen Arm in Arm in hellem Sonnenlicht an Bord einer Barke, die am Ufer eines Flusses vertäut war. »Erkennst du den Tempel? Dort auf der Bank hast du gesessen.«
   Vom Ufer aus winkte jemand. Tatsächlich, Nerchu und Theres. Sina setzte sich ihm gegenüber. »Möchtest du sie begrüßen?«
   Ein Kälteschauer durchzuckte ihn, abwehrend hob er die Hände. »Sie sind mir unheimlich geworden.«
   Sie wies auf das gegenüberliegende Ufer. Kahle Felsen, keine Vegetation, kein Anzeichen menschlichen Lebens. »In dieser Einöde errichtete Echnaton, der Gemahl meiner Mutter, seine neue Hauptstadt. In Theben regierte die Priesterkaste und redete ihm in seine Angelegenheiten hinein. Da er sie nicht aus Theben vertreiben konnte, brauchte er eine neue Stadt mit neuen Vertrauten und auch mit neuen Göttern, ohne die scheußlichen, Angst einflößenden Tierköpfe. Er wählte zum obersten Gott die Kraft, der die Menschen das Leben verdankten, die jeden Tag am Himmel heraufstieg, allen sichtbar, von allen begrüßt und allen zugänglich, nicht mehr in dunklen Tempelhöhlen versteckt als Geheimnis für Auserwählte. Er berief neue Würdenträger, nicht aus den höchsten Beamtenfamilien, nein, er fand sie bei den unteren Rängen, ja beim einfachen Volk. Sie waren ihm ergeben und keineswegs dümmer oder ungeschickter.«
   Er achtete nicht auf die Worte, lauschte nur ihrer Stimme. Sie weckte ungekannte Empfindungen in ihm, er fühlte sich verjüngt, sein Rücken streckte sich, in seine Gelenke kehrte die Spannkraft zurück.
   »Nach langem Grübeln und Forschen stießen Echnaton und Nofretete auf die Frage, ob es überhaupt Götter gäbe. Darüber zu sprechen war ein tödliches Wagnis, und niemand durfte davon wissen. Deshalb zogen sie sich auf das Boot zurück, wo es keine Zeugen gab. Den letzten Anstoß erhielt Echnaton, als er sich in einer geheimen Tempelkammer in Theben beim Gott Amun Rat holen wollte. Alle Pharaonen zuvor hatten bestätigt, dass sie hier mit dem Gott gesprochen und Antwort erhalten hätten. Echnaton aber erhielt keine Antwort. Die Kammer blieb dunkel und tot, kein Gott war zu spüren! Da fragten sie sich, ob die Götter nicht von Menschen erfunden worden waren, um über Menschen Macht auszuüben. Gott, so lautete ihre Erkenntnis, ist ein Gedankenbild, eine menschliche Vorstellung, keine Wirklichkeit. Wo niemand an ihn glaubt, dort gibt es ihn nicht. Nur, solange du ihn im Herzen ...«
   Sie unterbrach sich. »Hörst du mir überhaupt zu? Du siehst mir immer auf den Mund, niemals in die Augen.«
   Er erwachte wie aus einem Traum. »Ich ...«, sagte er. »Doch, gewiss, du hast von Gott gesprochen, nein, von der Liebe.«
   »Aleus«, sagte sie mit einem verzeihenden Lächeln, »was ich sage, ist wichtig für dich. Ich weiß nicht viel von deinem Gott, aber eins ist gewiss: Es ist ein Mann. Ist dir nie der Gedanke gekommen, dass Gott eine Frau sein kann? Ja, sein muss?«
   Sprachlos starrte er sie an. Hatte sie etwa Recht? Glaubensstifter und Propheten, die Kirchenväter, die Kreuzritter, die Inquisitionsrichter – es waren alles Männer gewesen, Priester, Bischöfe, Kardinäle und Päpste ebenso. Frauen wurden nur als Mutter und Duldnerin erwähnt. Aber konnte er sich einen weiblichen Gott vorstellen?
   »Vor der Erschaffung von Land und Meer, ehe das Licht aus der Dunkelheit emporstieg, gab es nur ein einziges Wesen: Die Himmelgöttin Nut. Am Anfang existierte nichts außer der göttlichen Mutter. – So lehrten unsere Weisen.«
   Er wusste nichts zu antworten.
   »Du sagst, du bist auf dem Wege zu Gott – und hast ihn nicht gefunden. Wenn du nun einen falschen Weg eingeschlagen hast? Sind dir die Frauen so gleichgültig, hältst du sie für so bedeutungslos, dass du sie missachtest?«
   Wie sie vor ihm saß, selbstbewusst, anmutig, eine unbezwingliche Schönheit, ein Engel des Herrn – nein, eine Göttin!
   Eine Fessel zersprang, seine Brust weitete sich. »Sina!«, rief er. »Ich weiß nicht, wie mir geschieht, als ob ich mich in die Unendlichkeit ausdehnen sollte.«
   »Sollst du nicht.« Sie ergriff seine Hand. »Bleib lieber hier. Nerchus Götter sind tot, es hat sie nie gegeben. Wir können sie vergessen. Theresias Mammon besteht nur in der dritten Dimension, die fünfte ist ihm versperrt; hier im Astraloreich herrschen Freiheit und Gleichheit für alle. Deine Suche nach Gott hat nur in der dritten einen Sinn, wenn überhaupt; hier ist sie vergeblich. Gib sie auf, komm mit mir. Ich suche auch.«
   Er blickte sie fragend an. »Du auch?«
   »Seit langem sehne ich mich nach einer Seele, der ich mich zugehörig fühle, die zu mir hält, die mir ihr Herz aufschließt und der ich mein Herz in die Hände legen kann. Endlich, glaube ich, habe ich sie gefunden.«
   Übermut packte ihn. »Die Pharaonen sind verschollen, die Streitwagenabteilung wurde vor zweitausend Jahren aufgelöst. Meinst du, ich sollte dein Leibdiener werden?«
   Ihre Augen gaben ihm Antwort.

Ekkehard Redlin © 2002 • Erstveröffentlichung
Grafik: Franz Miklis © 2002

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06.09.10 • 08.09.10