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| ALIEN CONTACT 52 |
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| Ein Teil von
Poes Werk wird oft als der Anfangspunkt der Science Fiction, wie wir sie kennen,
beschrieben. Thomas Disch sagt es ganz direkt: »Poe ist die Quelle« [Disch, S. 34]. Brian Aldiss, der Mary
Shelleys Frankenstein für »die Quelle« hält, verfolgt nichtsdestotrotz die
Vorstellung, dass Poe der »Vater der Science Fiction« sei, bis zu einer anonymen
Buchbesprechung aus dem Jahre 1905 zurück. »Diese Idee geistert seitdem umher«, bemerkt
Aldiss etwas verdrießlich, »wie ein lebender Leichnam.« Aldiss ist der Meinung, das
»Poes beste Geschichten keine Science Fiction sind, noch gehören seine
Science-Fiction-Geschichten zu seinen besten ... Er ist weit davon entfernt, der Vater der
Science Fiction zu sein. Vielmehr hat dieses Genie jeden seiner Versuche vermurkst, die
Themen der Science Fiction direkt anzugehen.« [Aldiss, S. 58-59, 63]. Aldiss stellt in
Poes Werk eine grundsätzliche Unfähigkeit, sich auszudrücken, fest. Diese Unfähigkeit
ist künstlerisch lähmender als Poes Unreife und seine Tendenz zum Schund, die von
anderen Kritikern zuweilen als schwerwiegendste Mängel ausgemacht werden. Disch entschuldigt Poes Unreife und »Schundhaftigkeit« mit der Erklärung, die SF insgesamt habe sehr oft in denselben Gewässern gefischt. Außerdem versichert er, dass Poe, trotz all seiner Fehlleistungen, ein gewisses Etwas hat - eine Art machtvolle Einbildungskraft, die den Leser direkt anspricht. Er schreibt über die »wahrhaft beschissene« Geschichte »In schlimmer Klemme - Die Sense der Zeit« (die in Poes Sammlung »How to Write a Blackwood Article« von 1838 enthalten ist), in der sich schwerfälliger Humor und lustlose Verrücktheiten mit einem für moderne Gemüter widerlichen Rassismus vereinigen. Die Handlungsträgerin, Psyche Zenobia, steigt den Turm einer gotischen Kathedrale hinauf. Oben angekommen, stellt sie sich auf ihren schwarzen Diener (und benutzt ihn damit gegen seinen Willen als Schemel), um durch eine ansonsten unerreichbare Öffnung zu blicken und die Aussicht zu genießen. Sie lässt sich über die wunderbare Landschaft vor ihren Augen aus, bis sie von »etwas sehr Kaltem erschreckt wurde, das einen sanften Druck auf meinen Nacken übte« [Poe, König Pest S. 305]. Dieses Etwas nagelt sie in ihrer Position fest und macht es ihr unmöglich, den Kopf zurückzuziehen.
Disch, der ansonsten voll des Lobes für Poe ist, bezeichnet diese Geschichte als »idiotisch«. Ein verständliches Urteil. Und dennoch, fährt Disch fort, nennt der Kritiker Daniel Hoffmann ausgerechnet diese Geschichte als eine von »Poes vielsagendsten Arbeiten« - zum Teil, weil sie die unterschwellige Logik von Poes gelungeneren Geschichten in grober Form sichtbar macht, aber vor allem, »weil das Bild einer Person, die vom Minutenzeiger einer großen Uhr geköpft wird, in die Alpträume eindrang, die Hoffmann als Teenager hatte und so zum Objekt einer persönlichen Besessenheit wurde« [Disch, S. 49]. Disch stellt fest, dass viele von Poes gotischen Themen über eine exakte, unterbewusste Richtigkeit verfügen, die nicht nur seine anhaltende Popularität erklären, sondern auch seinen außergewöhnlichen Einfluss auf die Entwicklung der Science Fiction. Die Poe-Geschichte, die mich am meisten verfolgt hat, ist zugleich diejenige, die von all seinen phantastischen Geschichten den offensichtlichsten Bezug zur Science Fiction hat: In »Das unvergleichliche Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall« (1835) reist der Held in einem selbst konstruierten Ballon zum Mond. Es erscheint mir ausgesprochen merkwürdig, dass diese Geschichte weitestgehend ignoriert wurde, während die anderen Erzählungen Poes einen umfangreichen Fundus aus kritischen Arbeiten und Exegesen um sich versammelt haben. Kaum ein akademischer Kritiker verweist auf sie, und Disch und Aldiss nennen sie mehr oder weniger im Vorbeigehen. Während andere Geschichten Poes, die die SF beeinflusst haben, gelesen und analysiert werden, ist »Hans Pfaall« zu absurd, um ernst genommen zu werden. Kritiker und Liebhaber der Proto-SF bevorzugen es, sich über andere Poe-Geschichten auszulassen. In »Die Unterredung zwischen Eiros und Charmion« (1839) resümieren zwei Geister indirekt die Zerstörung der Erde durch einen Kometen; in »Die Tatsachen im Falle Valdemar« (1845) wird ein Kranker zum Zeitpunkt des Todeseintritts hypnotisiert und läuft fortan als eine Art untoter Zombie umher; »Mellonta Tauta« (1849) spielt im Jahre 2848 und schildert eine Ballonreise über den Atlantik, um satirisch Aussagen über die USA von 1000 Jahren vor dieser Zeit zu treffen; Und Poes berühmtestes literarisches Werk, sein Kurzroman Arthur Gordon Pym (1838), beginnt als recht konventionelles Seefahrer-Abenteuer (obwohl es sich um ein ausgesprochen blutrünstiges Abenteuer handelt, das in einem ungewöhnlich quälenden Stil verfasst ist), um sich gegen Ende in etwas weit Seltsameres zu verwandeln, als der Erzähler am Südpol auf bizarre Länder und Kulturen stößt. Wenn es also - wie ich meine - unbestreitbar ist, dass es sich bei Poe um einen der Gründerväter der SF handelt, dann ist es besonders überraschend, dass »Hans Pfaall« nicht zu seinen besonders geschätzten Werken gehört. »Hans Pfaall« ist, viel mehr als alle oben genannten Texte, im Kern SF. Zwar weisen alle Proto-SF-Elemente auf, doch letztlich erscheinen sie mir eher spiritualistisch, eher als Horror, Satire und (auf eine wunderbare Art) einfach verrückt (und zwar in dieser Reihenfolge). Bei keinem scheint dagegen der SF-Aspekt zentral zu sein. Die Gefahr besteht, dass eine Geschichte aus Gründen, die sich nicht direkt auf einen bewussten Diskurs zurückführen lassen, im Unterbewusstsein eines Kritikers haust - Daniel Hoffmanns oben beschriebene Erfahrungen bestätigen diese Annahme. Ich für meinen Teil möchte natürlich jenseits meiner persönlichen Ansichten verständlich machen, warum »Hans Pfaall« ein vernachlässigtes Meisterwerk der SF ist. Ich glaube allerdings, dass ich dazu in der Lage bin: »Hans Pfaall« ist eine brillante, quasi-wissenschaftliche Erzählung über eine Reise zum Mond. Sie hat einen berechtigteren Anspruch, Elternteil der SF zu sein als (zum Beispiel) Mary Shelleys Frankenstein, der nur siebzehn Jahre zuvor erschien. Shelleys Monster schien sich mir eher im modernen Schauerroman und Horror niederzuschlagen als in der SF als solcher. Dagegen findet sich im Kern von Poes Geschichte »die Reise zum Mond«, die ja der große Traum der frühen SF ist. Als diese Reise schließlich wirklich stattfand, wurde sie zum zentralen Ereignis des zwanzigsten Jahrhunderts. Es war der Augenblick, in dem die SF sich zum ersten Mal wirklich mit dem realen Leben verband. Raketen, Reisen in den Weltraum und fremdartiges außerirdisches Leben - all das kommt in primitiver Form bei Poe vor. Zum ersten Mal werden diese drei Dinge in der Literatur zusammengebracht - und sie machen mit Sicherheit weit eher den Kern der SF aus als aus Leichenhausresten zusammengeflickte Gruselgestalten. »Die beispiellosen Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall« besteht aus drei Teilen. Eine kurze, vierseitige Eröffnung beschreibt die »hochphilosophische Aufregung« in der niederländischen Stadt Rotterdam, die durch das Auftauchen eines Ballons aus schmutzigem Zeitungspapier ausgelöst wird, der von einer ausgesprochen seltsamen Gestalt gesteuert wird:
Die folgenden dreißig Seiten enthalten eine detaillierte Schilderung seiner Reise zum Mond. Er bringt einen »luftdichten, doch elastischen Kautschucksack« [Poe, S. 160] um seinen Korb herum an, darüber hinaus hat er sich mit »M. Grimms höchst sinnreichem Apparate zu Atmungszwecken« [Poe, S. 149] ausgerüstet. Aber Poe weigert sich zu glauben, dass der Raum zwischen Erde und Mond ein Vakuum sein kann.
Unter dieser kosmologischen Prämisse - und mit einer Ballonkabine, die mit diesem unwahrscheinlich verdünnten mysteriösen Gas gefüllt ist -, gelingt es Pfaall, höher und höher zu steigen. Am neunzehnten Tag seiner Reise findet er sich der Mondoberfläche entgegenstürzend wieder. Er muss all seinen Ballast über Bord werfen, letztlich sogar den Korb selbst.
Doch hier bricht Pfaalls Erzählung plötzlich mit dem Versprechen ab, weitere interessante Enthüllungen zu machen, wenn die Bürger von Rotterdam bereit sind, ihn »für das Verbrechen, dessen ich mich bei meiner Abreise von Rotterdam schuldig machte, indem ich meine Gläubiger aus dem öffentlichen Leben entfernte« [Poe, S. 188], nicht zu belangen. In einem Schlussteil von gut einer Seite berichtet Poe von der Sprachlosigkeit und Bewunderung der Einwohner von Rotterdam, um dann den Wahrheitsgehalt des Berichts sogleich zu untergraben, indem er mehrere anerkannte Tatsachen aufzählt: Zum einen »werde ein komischer kleiner Zwerg und Possenreißer, dem einmal früher für irgendeinen Streich beide Ohren dicht am Kopf abgeschnitten worden seien, seit mehreren Tagen in der Nachbarstadt Brügge vermißt«. Außerdem »seien die Zeitungen, mit denen der kleine Ballon über und über beklebt war, holländische Blätter und könnten daher nicht auf dem Monde gemacht sein.« Pfaall selbst schließlich, »den trunkensüchtigen Schelm, und die drei Faulenzer, seine Gläubiger betitelt«, habe man »grad vor zwei oder drei Tagen noch in einer Vorstadtkneipe gesehen« [Poe, S.189-190]. Poes Lust an solchen Narreteien ist ein Aspekt seiner Genialität, dem heutige Kritiker mit wenig Sympathie begegnen. Der schwerfällige Streich am Ende von »Hans Pfaall« hat vielleicht mehr als irgendetwas anderes dazu beigetragen, die Geschichte in den Vorstellungen heutiger Kritiker untergehen zu lassen. Poe hat einige dieser Narrengeschichten geschrieben, und »Hans Pfaall« ist selbst teilweise eine Antwort auf eine berühmte »Mond-Zeitungsente« von Richard Adams Locke, die im Jahre 1835 in der New Yorker SUN erschienen war. Darin berichtete Locke, dass ein neues Teleskop »am Kap der guten Hoffnung« mit 42.000facher Vergrößerungskraft Objekte auf der Mondoberfläche gezeigt hätte - unter anderem Felder rötlicher Blumen, bisonähnliche Kreaturen mit spezialisierten Augenlidern und (das Aufsehenerregendste): pelzige, geflügelte, menschenähnliche Bewohner. Die heutige Kritikerlandschaft kann dem Streich als literarischer Form nur wenig abgewinnen. Wenn der Kritiker sich erst einmal von der Angst gelöst hat, »hereinzufallen«, und wenn erst einmal festgestellt worden ist, dass Streiche lustig sein sollen, dann bleibt nicht mehr viel zu sagen, abgesehen von mühsamen Erklärungen des Witzes - und ein Witz, der erklärt wird, ist nicht mehr lustig. Harold Beaver legt die verschiedenen Narreteien der Geschichte dar: Er bemerkt, dass Hans Pfaall am 1. April von Rotterdam losfliegt, dass sein Ballon die Form »einer Narrenkappe« hat, dass alle wichtigen Bürger lächerliche Namen haben (Professor Rummelbumm, Superbus von Wijcheknie) und so weiter. Tatsächlich fliegt Pfaall zum Mond, indem er das Prinzip der Leichtigkeit anwendet, und metaphorisch gesprochen ist »Leichtigkeit« das, worauf Poe mit seinen Witzen und Wortspielen abzielt. Seine Narretei verkehrt das, was wir für normal halten, ins Gegenteil und stellt die logische Welt auf den Kopf. »Drehe das Wort Phaal um«, bemerkt Beaver (womit er sich auf eine von Poes Varianten des Namens »Pfaall« bezieht), »und du hörst nichts anderes als »laugh« [engl.: »Lachen«, Anm. d. Ü. - Beaver, S. 339]. Aber Poe erzielt mit seinen »scherzhaften« Schreibstrategien mehr als nur ein paar Lacher. Er benutzt bestimmte Konventionen des Aprilscherzes und spielt sie gegen die Regeln der wissenschaftlichen Forschung aus, und zwar genau zu dem Zweck, die dialektische Beziehung zwischen spielerischer Leichtigkeit und »wissenschaftlicher« Ernsthaftigkeit zu erforschen. Genau diese Dialektik liefert auch die ästhetische Untermauerung der SF: Das Zusammenspiel von Imaginativem und Wissenschaftlichem. Poes Kunstfertigkeit besteht in der Ausbalancierung dieser beiden Elemente. Uns wird eine Erzählung über eine Reise zum Mond vorgesetzt: Es ist ganz offensichtlich »plausibler«, dass es sich um einen Streich, um eine phantastische Geschichte handelt, als dass Pfaall tatsächlich auf diese Art zum Mond gereist ist. In der »wirklichen« Welt sind solche Reisen unmöglich. Aber wenn Poe seine Erzählung zwischen der »realen« Welt des Hollands der 1830er Jahre einerseits und der Weltraum-Ballonreise zum Mond andererseits aufteilt, erscheint die wirkliche Welt phantastisch, während die Ballonreise durch den Raum mit pseudowissenschaftlicher Präzision abgehandelt wird. Rotterdam, eine Stadt, die wirklich existiert, ist voll von Leuten mit Namen wie »Rummelbumm« und »Wijcheknie«, von ohrlosen Zwergen und Ballons aus Zeitungspapier. Wenn Poe das real Existierende beschreibt, nimmt er eine schelmisch-satirische Haltung ein: Pfaall beklagt, seine Zeit bekäme »die Wirkungen der Freiheit zu spüren, der langen radikalen Reden und des ganzen Zeugs«, was ihn als Blasebalgflicker ruiniert hätte, denn: »War ein Feuer anzufachen, so reichte dazu einfach eine Zeitung« [Poe, S. 131]. Diese Aussage deutet auf eine Art selbstbezogene Satire Poes hin, der selbst bei einer Zeitung arbeitete - genauso wie der »zur Gänze aus schmutzigen Zeitungen verfertigte« [Poe, S.126] Ballon, in dem der Zwerg/Mondling zu Beginn der Geschichte herabsinkt. Zeitungen, so wird impliziert, füllen die Köpfe der Menschen mit lächerlichen Ideen wie »Freiheit« und »Radikalismus«, Ideen, die der konservative Poe umfassend missbilligte. Während Zeitungen wie der Southern Literary Messenger und die New Yorker Sun ihn einerseits bezahlten und ein Ventil für seine Phantasie boten, ließen sie andererseits ihre leichtgläubigen Leser metaphorisch vom festen Erdboden abheben und in luftige, verrückte Spekulationen abdriften. Aber Poes Geniestreich ist es, Lächerliches und Satire auf die »wirkliche« Welt zu beschränken. Die unglaubwürdige Ballonreise wird in gewissenhafter Genauigkeit festgehalten, wodurch die ganze Erzählung aus dem Sumpf der historisch spezifischen Satire der 1830er gehoben wird und ins Reich der bewusstseinserweiternden SF eintritt. Obwohl die Idee, mit einem Ballon zum Mond zu fliegen (nach den heutigen Vorstellungen) eine absolute Unmöglichkeit darstellt und auch für die Physik der 1830er ausgesprochen unwahrscheinlich erscheinen musste, wird dieser Teil von Poes Erzählung doch mit größerem Ernst und ansprechender vorgetragen als der Rest. Darin findet sich die größere literarische Pointe. Der Erzähler bietet uns zahlreiche pseudowissenschaftliche Beobachtungen an, er unterzieht die Vögel und Katzen, die er mitgebracht hat, diversen Experimenten und würzt seinen Bericht mit verschiedenen, präzise wirkenden Zahlen. Am 7. April erklärt er, dass der Ballon eine Höhe von »7254 Meilen über dem Meeresspiegel« erreicht habe - eine beeindruckende Höhe, aber nur ein winziger Bruchteil der »231.920 Meilen« oder der »59,9643 Äquatorialradien der Erde« [Poe, S.145], die er als zurückzulegende Entfernung berechnet hat. Wenn Mary Shelley die phantastischen Elemente in Frankenstein beschreibt, dann bedient sie sich eines angespannten, gotisch-erhabenen Tonfalls; wenn Poe die phantastischen Elemente seiner Geschichte schildert, tut er das so sachlich wie nur möglich. Genau das ist eine Kernstrategie der SF. Romane, die in der »wirklichen Welt« spielen, können sich einen avantgardistischen, experimentellen Stil leisten: Joyces Ulysses behandelt ein ganz und gar gewöhnliches Thema und ist stilistisch zugleich absolut außergewöhnlich. SF dagegen, die auf die eine oder andere Art auf einer phantastischen Welt basiert, wird zumeist im realistisch-evidenten Stil vorgetragen. Sie sammelt Details und Fakten und bemüht sich um einen ausgewogen-neutralen Tonfall. Kim Stanley Robinsons Mars-Trilogie ist thematisch gesehen absolut außergewöhnlich, in Stil und Ausarbeitung ist sie hingegen bewusst alltäglich. Eine bizarre Welt, die in einem bizarren, experimentellen Stil geschildert wird, wäre für die meisten Leser wohl eine Bizarrheit zu viel. Um auf mein Anfangsargument zurückzukommen: Poes unterschwelliges Konzept besitzt auch eine poetische Richtigkeit. Aus irgendeinem Grund fühlt sich die Idee, in einem Ballon zum Mond zu fliegen, richtig an. Vielleicht liegt es daran, dass der Mond selbst - der seit den Tagen von Lucian von Samosata eine machtvolle Verlockung für die Imaginationen der SF ist - so ballonartig aussieht. Wir wissen, dass er ein massiver Felsbrocken ist, der uns mit entsetzlicher Geschwindigkeit umkreist; aber wir fühlen, dass er etwas Leichtes, Luftiges, Driftendes ist. Der kürzlich erschienene Spielberg-Kubrick-Film AI spielt mit dieser uralten Idee: In einer Szene steigt ein schimmernder Mond (der zugleich das Dreamworks-Logo ist und als solches aus dem Film ET stammt) über einem Hügel auf, nur um sich dann als hell leuchtender Ballon zu erweisen. Wenn der Mond »dort oben« treiben kann, dann können wir es doch sicher auch? Vielleicht erhält Poes imaginatives Konzept nach 1969 ja eine neue Bedeutung für ihre Leser. Das Apollo-Programm hat uns gezeigt, dass es nicht etwa Leichtigkeit ist, die sich zum Erreichen der Mondoberfläche nutzbar machen lässt. Vielmehr wurde eine Maschine von enormem Gewicht benötigt. Die Saturn V ist bis heute eine der größten Maschinen, die jemals gebaut wurden, um Menschen zu bewegen. Ballonfahrten erinnern uns an ein vergangenes, freundlicheres und friedlicheres Zeitalter. Es ist anzunehmen, dass solche Nostalgie Poes Konzept seine Anmut verleiht. Das trifft mit Sicherheit auf ein Werk wie Bob Shaws Die Heißluft-Astronauten (1986) zu, bei dem es sich um ein klassisches Beispiel für Retro-SF handelt. In Shaws Geschichte (die offensichtlich in Poes Schuld steht) reisen primitive Völker durch den gemeinsamen, stundenglasförmigen Atmosphärenmantel zweier naher Planeten - in Ballons. Sie bewegen sich in Gefährten von Welt zu Welt, die Shaw malerisch als »hölzerne Raumschiffe« beschreibt. Diese Nostalgie wird dadurch kompliziert, dass das Apollo-Programm selbst immer mehr zur »Vergangenheit« wird, zu einem nostalgischen Traum von dem, was früher einmal war. In den ersten paar Jahrzehnten des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird niemand zum Mond fliegen; das haben unsere Vorväter getan. Wir schicken stattdessen erbsengroße Sonden, die mit Computerchips vollgestopft sind. Poes Prämisse erscheint mir auch nicht inhärent unwissenschaftlich. Wenn man die Existenz von Vakuum zwischen Erde und Mond einräumt, dann müsste der Ballon mit etwas anderem als einem »Bestandteil von Stickstoff« gefüllt sein - aber jeder SF-Autor, jede SF-Autorin, der oder die sein oder ihr Geld wert ist, sollte dazu in der Lage sein, irgendeine Art von Raum zu postulieren, die »leichter« ist als Vakuum. Man könnte sich beispielsweise einen Ballon vorstellen, der mit einer Raumzeit gefüllt ist, aus der die brodelnde subatomare Aktivität entfernt wurde, die sich unterhalb der Planck-Skala entfalten soll, und der auf diese Weise durch das energetische Vakuum aufsteigen könnte. Wir können »Hans Pfaall« also auf zwei Arten lesen, entweder als Narretei und als recht grobe Satire auf zeitgenössische Journalisten, voller schwerfälliger Witze, oder als Proto-SF-Text, der auf einer poetisch-imaginativen Ebene funktioniert. Viele SF-Texte funktionieren sowohl für sich genommen als auch als satirischer oder anders gearteter Kommentar auf die Zeiten, die sie hervorgebracht haben. Der Wüstenplanet lässt sich einerseits als geschlossenes Bild eines fernen Planeten mit einer fremden Kultur lesen und andererseits als ein Kommentar zur Drogenkultur der 1960er. Der Film Planet der Affen funktioniert ebenso gut als phantastische Geschichte, die ganz und gar abseits gewöhnlicher Erfahrungswelten liegt, wie auch als spöttischer Zerrspiegel der USA der 1970er. Poes Text fällt in die gleiche Kategorie: Ungewöhnlich ist er nur insofern, dass die wenigen Kritiker, die ihn zur Kenntnis genommen haben, ihn nur als Narretei und Satire verstanden haben und nicht als SF. Aber in den suggestivsten Passagen findet der Text wirklich zu sich selbst, insbesondere am abrupten Ende. Abrupte Enden haben es mir seit jeher angetan. Das ausführliche Verknüpfen loser Enden und eine rückversichernde endgültige Auflösung erscheinen mir als ästhetische Geschwulste; ich bevorzuge eine gewisse brüske Plötzlichkeit. Die Plötzlichkeit ist bei »Hans Pfaall« teilweise zufällig. Poe hatte ursprünglich beabsichtigt, ein Werk von Romanlänge zu verfassen, in dem die fremdartige Kultur der Mondbewohner beschrieben werden sollte. Aber Zeit oder Geduld gingen ihm aus, und so schloss er seine Geschichte mit dem Versprechen, dass er viel über das Klima des Mondes zu erzählen hätte, ebenso wie über die Leute, die ihn bewohnten (»Von ihrem eigentümlichen Körperbau; von ihrer Häßlichkeit; von ihrem Mangel an Ohren - also nutzlosen Anhängseln in einer so eigenartig modifizierten Atmosphäre; von ihrer folglichen Unkenntnis der Redegabe; von ihrem Sprachersatz - einer schier einzigen Methode gegenseitiger Verständigung« [Poe, S. 187]). Er erwähnt eine seltsame Verbindung zwischen jeder Person auf dem Mond und einem Leben auf der Erde und macht Andeutungen von »jenen finsteren und schaudervollen Geheimnissen«, denen er auf der dunklen Seite begegnet sei, in Gegenden, die »noch niemals bisher dem forschenden Auge menschlicher Teleskope zugewandt waren und, durch Gottes Barmherzigkeit, auch niemals sein werden« [Poe, S. 187]. Der Schatten ist eine furchteinflößendere Größe als ein photorealistisches Monster, ganz egal, wie gewitzt Letzteres erschaffen sein mag. Poe deutet etwas über Außerirdische an, die in einer Atmosphäre leben, die zu dünn für Schallwellenübertragung ist, es bleibt allerdings unklar, ob es sich bei der »schier einzigen Methode gegenseitiger Verständigung« um Handzeichen, Telepathie oder etwas anderes handelt. »All dies, und mehr - viel mehr - wollt ich mit Freuden berichten«, verspricht uns der Erzähler, doch es folgen keine weiteren Einzelheiten. Nachdem er die Vorstellungskraft des Lesers auf seiner Geschichte aus heißer Luft und Papier emporgehoben hat, lädt Poe ihn ein, das Gedankenspiel allein fortzusetzen: Und genau darum sollte es in der Science Fiction ja eigentlich gehen. Das englische Original dieses Textes finden Sie unter: © 2002 Adam Roberts mit freundlicher Genehmigung des Autors
(thanks, Adam!) |
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