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ALIEN CONTACT

Kim Stanley Robinson

Blauer Mars

Blue Mars • 1996

Science Fiction > Alien Contact | Buch-Tips
Ausgefallene Themen, spritzige Ideen und spannungsgeladene Plots stehen beim Leser normalerweise ganz weit oben. Vor lauter Ideenflut bleibt da schnell die Erzählkunst auf der Strecke. Man kann geteilter Meinung sein, ob die Mars-Trilogie Robinsons ebenso zu dieser Spielklasse oder zu jener der gediegenen Langeweiler gezählt werden kann. Nichtsdestotrotz bleiben nach der Lektüre Robinsons Stärken im Gedächtnis - neben der Einhaltung logischer Zusammenhänge und durchgehender Handlungsfäden fasziniert vor allem die Darstellung stimmiger, ausdrucksstarker Charaktere, sensibler Stimmungen und zauberhafter Momente.

Eine Inhaltsbeschreibung in Form einer Nacherzählung der Geschehnisse ist aufgrund der sich in Episoden verlierenden Romanstruktur kaum möglich. Das Terraforming des Mars ist im 22. Jahrhundert unwiderruflich in Gang gesetzt. Sauerstoffgehalt und Temperaturen lassen in vielen Gebieten des Mars ein Überleben ohne Schutzvorrichtungen zu. Ökotechniker haben eine Vielzahl an Lebensräumen und Biomen erstellt. Es gibt Tundren und Wüsten, aber auch Meere und beeindruckende Wälder, wahre Wolkenkratzerviertel, aus gentechnisch veränderten Mammutbäumen. Gleichzeitig mit der stürmischen Entwicklung der Natur findet eine nicht minder explosive politische Entwicklung im Gefolge des Abnabelungsprozesses von der Erde statt. Die Politiker des Mars stehen zwischen allen Stühlen: Die umweltzerstörte Erde möchte die Kontrolle behalten und ihren Bevölkerungsüberschuß auf den ökologisch empfindlichen Mars abladen, während Bürgerkriegsgefahr und Terrorismus drohen. Die Bildung der neuen Nation Mars verläuft auffallend nach dem Muster des Einwanderungslandes USA. Jede Art von Kultur wird ausgelebt. Steinzeit steht neben High-Tech, Afrika neben Amerika, alle politischen Richtungen sind gleichberechtigt. Mars gilt als zweite, unglaublich rasante Renaissance der Menschheit. Radikale Gruppen und kultureller Chauvinismus hintertreiben jedoch die Bildung einer den Kapitalismus ablösenden Weltordnung namens »Harmonie«. Reiseberichte und ausführliche Portraits von Landschaftsgestalt und Ökologie wechseln ab mit dem ewigen Hickhack diverser Interessengruppen - von den Befürwortern eines totalen Terraforming bis hin zu den »Roten«, die den Mars im Ursprungszustand belassen wollen. Die persönlichen Erfahrungen und Entwicklungen der Romanfiguren kontrastieren verwirrend mit wissenschaftlicher Informationsüberflutung. Angenehm hingegen, weil den Realismus des Werkes unterstreichend, ist das Fehlen eines Schwarzweiß-Schemas. Es gibt keine aufdringlichen Helden.

Die Entwicklung ist nicht nur auf den Mars beschränkt. Robinson fügt zu diesem Thema einige Kapitel um die Künstlerin Zo ein, die das gesamte Sonnensystem bereist. Besonders gelungen ist ihr Besuch des Merkur. Dessen einzige Stadt ist eine Art gigantischer Eisenbahnzug, der mit 3 km/h dem Terminator folgt, da nur auf der schmalen Grenzlinie zwischen Tag und Nacht erträgliche Temperaturen herrschen. Da erscheint das Terraforming der Venus lohnender: Spiegel halten das Sonnenlicht fern, so daß Treibhausgase aus der Atmosphäre ausfrieren. Wasser wird von Asteroiden herangeschafft und die Rotation des Planeten beschleunigt. Allerdings stellt sich spätestens hier die Frage, warum man mit diesen Wunderwerken der Technik die Probleme der Erde nicht in den Griff bekommt! Robinson argumentiert zwar korrekt, aber ab dem 11. Kapitel ziemlich selbstgefällig, daß halt manche politische Systeme Zufriedenheit und Wohlstand behindern.

Während der 1070seitigen Lektüre drängt sich immer wieder die Frage auf: Was passiert denn überhaupt in diesem Wälzer? Denn Robinson hat in einer merkwürdig trägen Weise das Tagebuch eines gedanklichen Umwälzungsprozesses geschrieben. Das ist bisweilen kaum mehr als das sich fast automatisch abspulende Tagesgeschehen. Der Leser ist jedoch spannenderweise immer mitten im Geschehen und lernt die charismatischen Führer der verschiedenen Parteien kennen. So verkriechen sich die Macher des Mars allzugerne in ihren privaten Ritzen oder müssen übervorsichtig agieren, damit sich niemand auf den Schlips getreten fühlt. Im Vordergrund stehen die »Ersten Hundert«, jene ersten Kolonisten des Mars, von denen durch Langlebigkeitsbehandlungen noch viele am Leben sind. Da der Mars noch jung und arm an Mythen ist, werden diese »ersten Hundert« als Angelpunkt, nahezu als Verkörperung der Seele des Planeten angesehen. Ihr Hauptziel ist es, die Vision des »Neuen Mars« trotz einschneidender Kompromisse am Leben zu erhalten, auch wenn die in ihren alten Kulturen verhafteten Erdlinge die Uhr rückwärts drehen wollen. Der Gegenpol Erde wird aber nicht immer eindimensional gezeichnet. Eine diplomatische Rundreise von Marsbotschaftern auf dem blauen Planeten illustriert die trotz Verheerungen des Menschen noch immer bestehende Schönheit und Vielfalt der Welt.

Viele Rezensionen stellen dem »positiven« Robinson den Stellvertreter des Öko-Pessimismus, John Brunner, gegenüber. Aber hat der nicht in seinem gar nicht so trübseligen Schockwellenreiter eine - allerdings wenig praktikable - Lösung der Weltkrise vorgeschlagen: Bringt einfach die wohlhabenden Millionen dieser Welt um, denn sie sind das Problem! Robinson verzichtet auf satirische Spitzen und bleibt eher vorsichtig. Seine Extrapolation der Gegenwart, vor allem in bezug auf technische Innovationen, hält sich im Bereich des heutzutage Denkbaren. In erster Linie möchte er als kraftvoller politischer Visionär mit ökologischem und realistischem Anstrich dastehen. Blauer Mars wirkt wie ein Theaterstück, in dem das Thema »Mars« in seiner Gänze abgehandelt werden soll. Das Buch kann über weite Strecken mit Genuß gelesen werden, und zwar da, wo es besinnlich ist, bei Szenerien, Personencharakterisierungen oder Darstellungen von Interessenkonflikten. Nur daß die missionarische Inbrunst gelegentlich den Gesamteindruck verdirbt. Ist es mehr als ein gut geschriebener Schinken über den Amerikanischen Traum, der auf Seite 744 unverblümt zum Ausdruck gebracht wird: »Mars, Heimat terraformenden Knowhows und der gesündesten, reichsten Zivilisation im Sonnensystem«?

• Michael Conrad • ALIEN CONTACT

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Kim Stanley Robinson
Blue Mars (HarperCollins, 1996)
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21.05.06 • 10.06.06