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ALIEN CONTACT

Vladimir Sorokin

Der himmelblaue Speck

1999

Science Fiction > Alien Contact | Buch-Tips
Da wählt ein Autor die hochmoderne Form des Briefromans und läßt einen lüsternen Schwulen mit Anzüglichkeiten gespickte Sehnsuchtsbezeugungen an seinen Freund in der Ferne verfassen. Ohne Zweifel ein toller Start. Zumal die chinesischen Wörter und Ausdrücke, die etwa ein Zehntel des Textes ausmachen, gleich hinten im Anhang nachschlagbar sind. Unmittelbar vor dem Anhang mit den Neologismen, die ein weiteres Zehntel ausmachen.

Und darum geht's zunächst: Im chinesisch dominierten Rußland des Jahres 2068 wurden sieben Klassiker der russischen und sowjetischen Literatur geklont. Da der bislang erreichte Übereinstimmungsgrad der Klone mit den Originalen und überhaupt mit gesunden Menschen noch Steigerungsmöglichkeiten offenläßt, sind die von Dostojewski-2, Pasternak-1 etc. erzeugten Texte inhaltlich recht bizarr. Stilistisch jedoch hat Sorokin in den Kostproben, die der Briefeschreiber seinem Freund übermittelt, die Ikonen der russischen Literatur gut getroffen, und das ist es natürlich, was den Witz ausmacht.

Die Literatur ist den Militärs, unter deren Obhut das Projekt steht, freilich völlig wurscht. Es geht vielmehr um den Speck. Der himmelblaue Speck ist eine Substanz mit geheimnisvollen Eigenschaften, die sich während des Schaffensprozesses in den Klonen anreichert und die später mit einer Zeitmaschine ins Moskau des Jahres 1954 einer Alternativwelt geschickt wird. Stalin lebt, Hitler lebt. Sie und manch anderer der Mächtigen jener Zeit werden reichlich privat vorgeführt. Und so absurd die Verhältnisse in der Alternativwelt auch sind, drängt sich dem Leser doch wiederholt die Frage auf, ob die Realität nicht genauso absurd war.

Sorokin wollte um jeden Preis provozieren, und zumindest in Rußland ist es ihm auch gelungen. Kritiker drohten mit Staatsanwalt oder Irrenanstalt, aber die Leser halten den 1999 erschienenen Roman noch immer in den Top Ten der meistgekauften Bücher. Seien Sie gewarnt: Der himmelblaue Speck ist ein drastischer Roman mit viel nicht unbedingt appetitlichem Sex und einer ordentlichen Prise Gewalt, und keine der handelnden Personen kommt besonders gut weg. Er ist - Pelewin einmal ausgenommen - sicherlich anders als alles, was Sie sonst so lesen. Und er wird nach dem zähen Einstieg richtig amüsant und sei volljährigen Lesern daher empfohlen. Wärmstens.

Ivo Gloss

Vladimir Sorokin
(Moskau: AdMarginem, 1999)
Der himmelblaue Speck, deutsch von Dorothea Trottenberg (Köln: DuMont, 2000) Bestellen
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28.08.10 • 02.09.10