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| Acht Geschwister werden an Bord eines gewaltigen Raumschiffs
geboren. Sie haben keine Eltern, sieht man von Spendern ab, die seit Jahrtausenden zu
Staub zerfallen sind; und von den Rammas und Guros hochentwickelte Androiden, die
für sie sorgen und sie auf ihre Aufgabe vorbereiten. Die Menschheit hat diese Kinder als
befruchtete Eizellen eingefroren und auf die Reise geschickt, um eine neue Welt zu
besiedeln. Beth, einer der Erstgeborenen, denen bald weitere Achtergruppen folgen,
erzählt die Geschichte dieses Menschheitsprojekts als seine eigene. Unter seinen
Geschwistern ist Beth der glühendste Anhänger der Erforschung des Weltraums. Auf der
Zielwelt Andymon angelangt, sehen die Siedler sich mit weit lebensfeindlicheren
Bedingungen konfrontiert, als sie erwartet haben. Und auch andere Konflikte brechen auf:
zwischen denen, die sich ganz dem Leben in der neuen Heimat widmen wollen, und Beth, der
schon bald ein neues Raumschiff zu den Sternen schicken möchte, um die Menschheit weiter
über die Galaxis zu verbreiten ... 1982 erstmals erschienen, ist Andymon der wagemutige Versuch der ostdeutschen Science-Fiction-Autoren Angela und Karlheinz Steinmüller, mit ihrem ersten Roman eine positive Utopie zu erschaffen. Als Erzähler sind sie dabei auf ganzer Linie erfolgreich: Die Figuren des Romans vermitteln spätestens ab dem ersten Drittel das Gefühl einer Menschheit, die ihre Geschicke endlich wirklich in die eigenen Hände nimmt. Bei allen Rückschlägen, die die Siedler erleiden, ist Andymon doch ein durch und durch optimistisches Buch. Mit seiner Thematik des Erwachsenwerdens und zunehmender Verantwortung liest es sich übrigens an vielen Stellen wie ein Jugendbuch was aber weder dem Lesevergnügen noch der Komplexität der Ideen einen Abbruch tut. Dabei waren die Rahmenbedingungen für das Unterfangen der Steinmüllers alles andere als günstig: Im Nachwort, dass die Autoren der Neuausgabe des Romans angefügt haben, schildern sie eindrücklich die Probleme, denen sich »utopische« Autoren gegenübersahen, die andere Zukunftsprognosen stellten als den baldigen Sieg des Sozialismus. Jede Utopie hatte sich aus einer ganz bestimmten Interpretation des Marxismus-Leninismus abzuleiten. Das phantastische Denken der Autoren mag unter diesen Einschränkungen gelitten haben, es entfaltete sich aber auch mit und in ihnen. Der Fortschrittsoptimismus, der oft so typisch für die realexistierenden Sozialismen war, durchzieht auch Andymon. An Bord des Raumschiffs, auf dem die erste Hälfte des Romans spielt, scheint die Synthese von Natur und Technologie gelungen zu sein: Die Kinder wachsen glücklich in einem riesigen Naturpark auf. Erst als sie selbst beginnen, mehr Verantwortung zu fordern, werden sie in die technischen Sektionen des Raumschiffs gelassen, über die die wohlmeinenden Androiden ihnen bald die Kontrolle übertragen. Die jungen Siedler sind jeder für sich im Hinblick auf ihr Projekt mit notwendigen Fähigkeiten und Eigenschaften ausgestattet worden, allen wurde durch Veranlagung und Erziehung ein Platz bestimmt, alle haben einen Beitrag zum Projekt Andymon zu leisten. In ihrem Nachwort erklären die Steinmüllers, ihnen sei daran gelegen gewesen, den disziplinatorischen, asketischen klassischen Utopien eine spielerischere, lebensfrohere und freiere mögliche Zukunft gegenüberzustellen. Dass ihnen das nur zum Teil gelingt, stellen sie an einigen Punkten des Romans selbst fest: Alle Siedlerkinder sind schließlich wie Funktionsrelais ins historische Projekt eingeplant, was die Hauptfigur Beth zuweilen ahnen lässt, unterm Strich ganz und gar unfrei zu sein. In vielen von Beths Introspektiven thematisiert Andymon auf diese Art ein typisches Dilemma freiheitlicher Utopien: Indem sie »bessere« Gesellschaftsformen beschreiben, fordern sie zugleich eine Zustimmung zu diesen und setzen die Entscheidungsfreiheit darüber, wie man Leben möchte, aus. Die meiste Zeit erfüllt Beth zufrieden seine Funktion bei der Besiedlung Andymons. Interessant wird die Figur jedoch an den Stellen, an denen sie dem widerwilligen Helden eines früheren Romans der utopischen SF ähnelt: Ursula Le Guins zweiflerischem Wissenschaftler Shevek aus Planet der Habenichtse von 1974. Dieses Grundproblem der Gesellschaftsutopie können die Steinmüllers nicht lösen. Manchmal erliegen sie allerdings etwas zu sehr der Wunsch, genau das zu versuchen an den Punkten des Romans, an denen sich erweist, dass der vorgezeichnete Weg letztlich doch von Anfang an der beste war, während andere Entwicklungen, zum Beispiel der Zusammenschluss einiger Siedler zu einem Kollektivbewusstsein, sich als Irrwege herausstellen. In diese eher »konservativen« Aspekte des Romans fügt sich die weitgehende Aufrechterhaltung klassischer Geschlechterstereotype ein. Dass Führungsfiguren Männer und emotionale Fürsorgerinnen Frauen sind, war auch Anfang der 80er schon ein Klischee noch dazu eines, das ob einer als gänzlich egalitär dargestellten Erziehung nicht besonders glaubwürdig erscheint (obwohl sich behaupten ließe, dass mit den Guros und Rammas durchaus typische männliche und weibliche Rollenvorbilder vorliegen). Positiv fällt dagegen auf, dass die Autoren mehr als nur einen Gedanken auf die Veränderung der Konzepte »Kindheit« und »Familie« verwendet haben. Ebenfalls beeindruckend ist, wie ausführlich die Steinmüllers bereits 1982 auf das Thema der virtuellen Realität eingehen obwohl der allzu klare Gegensatz zwischen VR als nützliches Bildungsmittel einerseits und als Mediendroge andererseits ein bisschen schematisch wirkt. An diesem und anderen Punkten hätte es nicht geschadet, hätten die Autoren die Ambivalenzen ihres Entwurfs stärker hervorgekehrt, anstatt sie fast nur im Inneren des Protagonisten Beth auszutragen. Das kann man ihnen aber schlecht zum Vorwurf machen, lebten und schrieben sie doch damals in einem gesellschaftlichen Klima, das gerade die Tilgung jeder Ambivalenz und jedes Zweifels einforderte. Vergleicht man Andymon mit Le Guins genanntem Roman oder mit Kim Stanley Robinsons Mars-Trilogie von Mitte der 90er, dann wird deutlich, in welche Breite gesellschaftspolitischer Debatten die Entstehung der beiden letzteren verankert war. Beide Autoren hatten die Freiheit, verschiedene Gesellschaftsmodelle zueinander in Bezug zu setzen und konnten sich dabei auf verschiedenste politische und akademische Diskussionszusammenhänge stützen. Bei Le Guin kommt dabei vor allen Dingen eine produktive Selbstkritik anarchistisch-utopischen Denkens heraus, bei Robinson ein fröhlicher, aber durchdachter Eklektizismus auf der Suche nach einer möglichst egalitären Organisation der Gesellschaft. Andymon beschränkt sich dagegen auf einen einzigen Gesellschaftsentwurf, der sich an keinem anderen Gegenüber als der Natur abarbeiten muss. Damit gleicht der Roman in vielen Punkten der Robinsonade, nur dass es hier eine kleine Menschheit ist, die sich ganz allein einen leeren Planeten unterwirft. Als gesellschaftspolitischer Entwurf kann Andymon mit den beiden anderen genannten Vertretern der utopischen SF aus diesem Grund nicht ganz mithalten. Dass die Autoren sich durchaus bewusst sind, dass ihr Roman nur einen winzigen Ausschnitt des utopischen Denkens anreißen kann, bringen sie im Nachwort dann auch zum Ausdruck. Dadurch wird Andymon nicht kleiner oder unwichtiger, denn letztlich misst sich die Güte einer Utopie weniger an der Perfektion der dargestellten Gesellschaft oder an der Lückenlosigkeit des theoretischen Konzepts, sondern an den phantastischen Gedanken und Diskussionen, die sie anzustoßen vermag. Juri Benjamin ALIEN CONTACT |
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![]() Erstausgabe 1982 |
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