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| ALIEN CONTACT 68 |
von Siegfried Lokatis
| Science Fiction > Alien Contact |
| Dass so manche Science-Fiction-Geschichte in der DDR verschlüsselte Systemkritik übte, ist schon lange kein Geheimnis mehr und erhöht nicht selten den Reiz bei der Lektüre dieser Texte. Höhe- und Schlusspunkt dieser Entwicklung ist der Roman Der Traummeister von Angela & Karlheinz Steinmüller, der gerade im Shayol Verlag neu aufgelegt wurde. Aus diesem Anlass haben wir den Berliner Publizisten Siegfried Lokatis um einen Beitrag über Zensor und Literatur - insbesondere SF - in der DDR gebeten. | |
| »Träume sind
Stadteigentum«, klärt der pfiffige Turio den neuberufenen Traummeister auf. Da kann man
nicht einfach »drauflosträumen«. Als Angela und Karlheinz
Steinmüller im Jahr 1984 mit der Arbeit an ihrem Roman Der Traummeister
begannen, hatten sie bereits einige Erfahrungen mit der DDR-Kulturpolitik gemacht. Aus dem
Verlag hieß es auch bald, es komme darauf an, dass der Traummeister »die richtigen
Träume« aussende ... Sie wussten, worauf sie sich einließen. »Ohne Zensur ist die Macht weg«, hatte Leonid Breshnew den tschechischen Reformer Alexander Dubcek vor dem »Prager Frühling« gewarnt. Und hatte er etwa nicht Recht damit? Im Königreich Frankreich wurde die Zensur 1788 abgeschafft, im Deutschen Bund lockerte Metternich 1847 die Zügel, und in der DDR war es im Januar 1989 soweit. Die Folgen sind bekannt. Die Abschaffung der Belletristikzensur war zunächst ein Verdienst Christoph Heins, der die staatliche Druckgenehmigungspraxis auf dem X. Schriftstellerkongress 1987 angeprangert hatte unterstützt vom Präsidenten des Schriftstellerverbandes Hermann Kant und dem »Buchminister« Klaus Höpcke, der die Rolle des Oberzensors gründlich satt hatte. Er ließ die Rede Christoph Heins in Ost und West verbreiten, um Kurt Hager im Politbüro zur Reform zu zwingen, zu einer »Vereinfachung des Druckgenehmigungsverfahrens«. Fortan verzichtete Höpckes Hauptverwaltung Verlage/Buchwesen im Kulturministerium in der Regel auf die Vorlage von Manuskript und Gutachten, und für die Druckerlaubnis genügte die Befürwortung des Verlages. Volker Braun bezeichnete die Reform als »ein exemplarisches Modell für Umverteilung von Macht, als ein neues Modell von Machtausübung in dem Sinne, dass der Staat seine Gegenmacht organisiert« und als »sozialistische Demokratie in Aktion«. Nach außen hin, über den Kreis der eingeweihten Verleger hinaus, wurde jedoch wenig davon publik, da Kurt Hager auf Diskretion bestand. Schließlich konnte man nicht gut eine Zensur abschaffen, die offiziell überhaupt nicht existierte. Die Druckgenehmigungspraxis wurde ohnehin von Jahr zu Jahr liberaler gehandhabt, doch gab es immer noch eine ganze Reihe von Titeln, die auf dem Schreibtisch Hagers gestrandet und jahrelang blockiert waren, etwa Monika Marons Flugasche, die umstrittensten Bücher Stefan Heyms Der Tag x und Collin, aber auch George Orwell, Ernst Jünger und Friedrich Nietzsche. All das wurde jetzt möglich, nur reichte die Zeit meist nicht mehr, um die errungene Freiheit auf dem Buchmarkt der DDR sichtbar zu machen. Auch Der Traummeister, der - so ein Kritiker - »erste und letzte Fantasy-Roman der DDR«, schien von der Lockerung der Zensur zu profitieren. Das Buch erzählt von einer Stadt auf einem vom Mangel geplagten Planeten, in der die Menschen das Träumen verlernt haben und in der, im Auftrag des Magistrats, einer für alle zu träumen beginnt ein grandioses und unschwer zu entschlüsselndes Bild für die zentral gesteuerte Kulturpolitik der DDR und für die Zensur: Im Magistrat, »eingesperrt in geistiger Versteinerung«, erhofft man sich Träume zur Verbesserung der Produktivität und zur Steigerung der Wehrmoral und oktroyiert dem Traummeister zu diesem Zweck eine »Richtschnur des lotrechten Träumens«, einen »vom Rat zu bestätigenden Traumplan«. Der Traummeister wird sogar auf den Bitterfelder Weg geschickt, um die Produktion kennen zu lernen. »Die Wände haben Kakerlakenohren«; die von einem ekligen Albino mit dem Spitznamen Kakerlak geleitete Stasi der Planetenstadt arbeitet nach dem Motto: »Alles sehen, alles hören und schweigen.« Der Text enthält u.a. Zitate Wolf Biermanns (»Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.«), ja, die Erzählung gipfelt darin, dass die mit dem Traummeister liierte Heldin des Buches wie Biermann ausgebürgert wird, die Tore der Stadtmauer sind für sie verrammelt. Der Traummeister jedoch emanzipiert sich von den Vorgaben des Stadtrates und treibt die Bevölkerung mit seinen Träumen zur Revolution: »Ihr müsst selbst träumen lernen, alle« eine später von der Kritik bestaunte Antizipation der realen Entwicklung samt Rundem Tisch und Öffnung der Stasiakten. Das 1984 begonnene Manuskript wurde im August 1988 dem Verlag »Das Neue Berlin« übergeben und erhielt im August 1989 problemlos die Druckgenehmigung ausgestellt. Eine Zensur fand also tatsächlich nicht mehr statt. Als Der Traummeister Mitte 1990 erschien, interessierte sich niemand mehr für Romane aus der DDR, und die Steinmüllers verwendeten ihre bis hoch an die Decke getürmten Bücher als Wärmedämmung ihrer Altbauwohnung. Inzwischen werden ihre Werke neu aufgelegt und mit ihnen auch der Traummeister. Seltsamerweise hat er an Aktualität kaum eingebüßt.
Leicht erweiterte Fassung des in der BERLINER ZEITUNG, |
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