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Jeff Vandermeer

Stadt der Heiligen & Verrückten

City of Saints & Madmen • 2002

Science Fiction > Alien Contact | Buch-Tips
Ein arbeitsloser Pilger betritt Ambra, die Stadt der Heiligen und Verrückten. Der Blick durch ein Fenster zeigt ihm die Frau, die er zu lieben beschließt, und ein tätowierter Zwerg bietet ihm Vermittlerdienste an. Die Bemühungen des in Leidenschaft entbrannten Pilgers führen ihn zu einem onanierenden lebenden Heiligen und ins irrsinnige Treiben auf dem Fest des Süßwasserkalmars, das für ihn zur lebensbedrohlichen Falle wird. Die geheimnisvollen Grauhüte haben ihn als Opfer ausgewählt ...
   In einem Gestöber lakonischer Fußnoten zu seinem Essay über die »Frühgeschichte Ambras« bringt der Historiker Duncan Shriek seine Geringschätzung für die Leser von Reiseliteratur zum Ausdruck. Gleichzeitig erfahren wir die wichtigsten Eckdaten der Geschichte der Stadt – von den frühen Tagen, in denen Manzikert I. mit seiner Piratenflotte an den Ufern des Fluss Mott anlegte und die einheimischen Grauhüte abschlachten ließ, bis in die Gegenwart, in der die Pilze und Flechten, die die Rückkehr der Unterweltbewohner ankündigen, in jedem Winkel erblühen ...
   Martin Sees Verwandlung von einem zweitklassigen Maler in den eindrucksvollsten Künstler Ambras ist den Kunsthistorikern bis heute ein Rätsel. Auch die Expertin Janice Shriek hat keine Ahnung, dass Sees düsteres künstlerisches Erwachen die Folge mörderischer Ereignisse ist. Die Stadt ist vom Bürgerkrieg zwischen den Verehren und den Verächtern des jüngst verstorbenen Opernkomponisten Voss Bender gespalten – doch erst, als Martin See auf eine kostümierte Verschwörergruppe trifft, wird ihm die Rolle klar, die der große Musiker für ihn persönlich spielt ...
   Im Voss-Bender-Gedächtnis-Sanatorium sitzt ein Geistesgestörter ein, der die Stadt Ambra für eine Ausgeburt seiner Phantasie hält. Als er verschwindet, findet man in seiner Zelle ein krudes Sammelsurium von Texten und Notizen – Kurzgeschichten bekannter ambrischer Autoren, Briefe, ein pseudowissenschaftliches Pamphlet über den Süßwasser-Königskalmar. Zwischen den Zeilen wachsen die Flechten und Pilze, die das Kommen der Grauhüte ankündigen ...

... und an diesem Punkt ist man erst auf halbem Weg durch die Stadt der Heiligen & Verrückten. Es bedarf einer gewissen Arroganz, ein Buch zu schreiben, dass sich Seite für Seite immer deutlicher ums Schreiben selbst dreht. VanderMeers Geschichten und Fragmente ziehen enger werdende Kreise um die Frage, welche dunklen Veränderungen ein Mensch im Bann der eigenen Phantasie durchläuft – wie man dazu kommt, etwas Erstaunliches, Monströses, Geistesgestörtes zu erschaffen, wie man die Kontrolle darüber verliert – falls man sie jemals hatte. Denn keine Quelle ist verlässlich in Ambra, keine Urheberschaft eindeutig. Innerhalb des Buchs erhalten wir immer wieder widersprüchliche Informationen zur Autorschaft: die Eröffnungsnovelle »Dradin, verliebt« wird das eine Mal als Autobiographie eines Irren angeführt, ein anderes Mal wird es dem ebenfalls verrückten Mr. X zugeschrieben, der als VanderMeers verzweifeltes Alter Ego auftritt. Duncan Shrieks historische Abhandlung über Ambra scheint authentisch, doch im Glossar am Ende des Buches erfahren wir, dass sie von einem Witz des Romanautors Sirin inspiriert wurde. Über die Süßwasserkalmare, die den ambrischen Bürgern Nahrung liefern und die möglicherweise mit den unheimlichen Grauhüten im Bunde stehen, lesen wir am meisten in einem Pamphlet, das von der wissenschaftlichen Gesellschaft von Ambra abgelehnt wird und das in keiner Weise den Regeln der Wissenschaftlichkeit folgt.
   VanderMeer schreibt gegen jede Gewissheit an. Hier gibt es keine Fakten, nur Versionen. Stadt der Heiligen & Verrückten ist, obwohl erzählend, kein Bericht, obwohl bilderreich, keine Abbildung. Eher ähnelt das Buch einer provisorischen Landkarte: eine Ansammlung von Routen und Wegmarken, die erst in Verbindung mit der Reiseroute wirklich Bedeutung gewinnen. Es handelt sich um breit interpretierbare Zeichen, und immer wieder muss man sich entscheiden, welchen man glauben schenken will, welche man verwirft. Bei aller inneren Widersprüchlichkeit und Fragmentierung ist VanderMeers »Reiseführer« dennoch ein bis in die Einzelheiten durchkonstruiertes Werk, das man in mehr als eine Richtung liest: unwillkürlich blättert man vor, und vor allem zurück.
   Viele der Novellen und Kurzgeschichten können zwar als makabre phantastische Geschichten bestens für sich stehen, ihre Wirkung entfalten sie aber erst im Gesamtwerk, in dem wir verfolgen, wie die Sporen der Grauhüte Ambra langsam zurückerobern. Es herrscht eine modrige Grundstimmung bunten Verfalls, eine oft humorvolle, manchmal andächtige Freude an den schillernden Farben von Liebe, Tod und Fäulnis. Und bei all dem zeigt VanderMeer sich keineswegs als Zyniker – nur als einer, dem der unvermeidliche Zynismus seines Schreibens bewusst ist. Das geht soweit, dass er sich in der Geschichte »Wie man das Fleisch verlässt« über die Instrumentalisierung von Persönlichkeiten für sein Schreiben Gedanken macht – über die kreative Ausbeutung ihrer Oberflächenerscheinung und die Schuld, die man durch diesen »kreativen Diebstahl« von Menschenmaterial auf sich lädt. Einiges davon ist schwer zu schlucken. Einiges hinterlässt ein angenehmes Brennen im Hals. Einiges stört. Nicht alles funktioniert, aber nichts ist überflüssig.
   Wie so viele »postmoderne« Phantastikautoren und -autorinnen ist VanderMeer fasziniert von Industrialisierung und Frühmoderne – von geschwollener Wissenschaftlichkeit, von der Degenerationsangst, vom frisch entdeckten Schrecken der Bakteriologie, von der blutigen Geschichte der Zivilisation. Nicht zuletzt die einmalige Typographie des Buches, die der Originalausgabe absolut kongenial nachempfunden ist, vermittelt diese Faszination – von den verzierten Deckblättern wissenschaftlicher Broschüren mit endlosen Titeln über tintenklecksende Schreibmaschinenschrift bis zu Schmuckleisten, die der verschlungenen Naturästhetik des Jugendstils neue, unheimliche Seiten abgewinnen. In diesem Buch steht kein Text, kein Bild und kein Gestaltungselement für sich. Alles ist lesbar, alles lässt sich zueinander in Bezug setzen – das gilt sogar für mehrere Seiten fiktiver (und ausgesprochen lustiger) wissenschaftlicher Literaturverweise.
   Jeder Autor muss wenigstens ein Quäntchen Arroganz besitzen. Aber nur selten ist sie zu so wunderbar monströsen Zwecken und mit einem so reichhaltigen Ergebnis zum Einsatz gebracht worden.

• Jakob Schmidt • ALIEN CONTACT


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Originalausgabe
Jeff Vandermeer, City of Saints & Madmen
(Prime Books, 2002) Bestellen
Erweiterte britische Ausgabe
Jeff Vandermeer, City of Saints & Madmen
(London: Tor/Pan Macmillian, 2004) Bestellen
Deutsche Erstausgabe
Jeff Vandermeer, Stadt der Heiligen & Verrückten
(Stuttgart: Klett-Cotta, 2005) Bestellen
Deutsch von Erik Simon, Titelbild: Scott Eagle, HC, 460 Seiten
Siehe auch
VanderMeers Geheimnisse: Eine Einführung
Was Sie über Stadt der Heiligen & Verrückten schon immer einmal nicht wissen wollten ... • Teil 1
Was Sie über Stadt der Heiligen & Verrückten schon immer einmal nicht wissen wollten ... • Teil 2
Das schönste Feuerwerk der Welt - Ein Interview mit Jeff VanderMeer
Jeff VanderMeer, »Exponat H« [Story]
Jeff VanderMeer, »Die Geschichte vom Knochenschnitzer« [Story]
Jeff Vandermeer: Stadt der Heiligen & Verrückten [Rezension]
Homepage von Jeff VanderMeer
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