Teil 1 -
Der lange steinige Weg
Am Anfang ...
ür diejenigen, die das Buch nicht kennen: Stadt der Heiligen
& Verrückten ist ein Geschichtenzyklus, der in der Stadt Ambra spielt, wo
menschliche Siedler die Ureinwohner genannt die »Grauhüte« oder »Pilzbewohner«
in den Untergrund vertrieben haben. Seither kam es in der Geschichte der Stadt
immer wieder zu unheimlichen Heimsuchungen durch die Grauhüte, die alle auf einen
finsteren und undurchsichtigen Plan hindeuten. Beeinflusst wurde diese Geschichte unter
anderen von Malern, Musikern, Historikern und Priestern, deren exzentrische Spinnereien
auch unserer Welt nicht fremd sind. Auf einer anderen Ebene stellt Stadt der Heiligen
& Verrückten ein Artefakt dar zuerst einmal das Buch selbst, und dann
auch noch in dem Sinne, dass einige der Geschichten Faksimiles sind, die in gleicher Form
in Ambra veröffentlicht wurden.
Die erste Novelle »Dradin verliebt« habe ich 1993 geschrieben, als
mich das Pfeiffersche Drüsenfieber mehrere Monate lang in einen Zustand leicht erhöhter
Temperatur und Erschöpfung versetzte. Kaum ein Jahr zuvor hatte ich den Clarion
Autorenworkshop an der Michigan University besucht. Bei Clarion habe ich über das, was
ich schreiben will, mindestens ebensoviel gelernt wie über das, was ich keinesfalls
schreiben will, und das fand seinen Ausdruck in der Geschichte »Wie man das Fleisch
verlässt«, in der ich versucht habe, viele der etablierten »Regeln« des Workshops
über Struktur, Charakterisierung und Plot absichtlich zu missachten.
»Wie man das Fleisch verlässt« war eine Proto-Ambra Geschichte, in
der ich erstmals den Mott-Fluss und den Albumuth-Boulevard erwähnte. Ich wusste, dies war
ein Neuanfang für mich, aber ich wusste auch, dass die Geschichte äußerst fragil und
passiv war. Ich wollte in diese neue Richtung weiterarbeiten, aber mit einem
kraftvolleren, einem aktiveren Stil. »Dradin verliebt« ist aus diesem Wunsch heraus
entstanden.
Eines Nachts erwachte ich mit dem Bild der Stadt Ambra im Kopf. Ich bin
zum Computer gelaufen und habe die ersten Paar Seiten von »Dradin verliebt« geschrieben.
Dradin, erst jüngst aus dem Dschungel zurückgekehrt, steht mitten in einer
Menschenmenge, blickt nach oben und verliebt sich in die geheimnisvolle Frau, die er durch
ein Fenster sieht. Diese Seiten musste ich kaum überarbeiten. Die Stadt existierte zur
Gänze in mir. Ich erinnere mich an ein Gefühl vollkommener Freude, als mir klar wurde,
dass ich einen Zugang zu einem geheimnisvollen und einzigartigen Ort gefunden hatte.
Damals wusste ich noch nicht, dass auf »Dradin« noch viele andere Geschichten über
Ambra folgen würden, aber der Gedanke lag nahe, dass mir ähnliche Geschichten ebenso
leicht aus der Feder fließen würden wie diese paar Seiten.
Falls ich das dachte, wurde ich bald eines Besseren belehrt. Der Rest
der Geschichte fiel mir ganz und gar nicht leicht. Ich habe sie mehrere Monate lang immer
wieder überarbeitet. In einer frühen Fassung gab es am Ende überhaupt keine Frau, und
der Zwerg Dvorak ermordete Dradin in einer dreckigen Seitengasse. In einer späteren
Fassung erzählte Dvorak Dradin die Wahrheit über die Frau, nahm sein ganzes Geld und
ließ ihn am Friedhof zurück, wo sich der ganze Wahnsinn des Festivals um ihn herum
abspielte. Aber keines dieser Enden stellte mich zufrieden. Sie fühlten sich statisch an,
formlos. Sie geschahen zu früh.
Damals habe ich Arc dX von Steve Erickson gelesen
was bei meinem ständigen leichten Fieber zu einem recht surrealen Erlebnis wurde.
»Dradin verliebt« unterscheidet sich grundlegend von Ericksons Buch, aber die Art und
Weise, wie Erickson den Rahmen dessen, was in der Literatur möglich ist, immer weiter
aufbrach, zeigte mir, dass ich mit »Dradin« ebenfalls weiter und tiefer gehen musste.
(Von Erickson habe ich auch den netten Kniff gestohlen, widersprüchliche grammatikalische
Zeiten und Augenblicke in einer Szene zu verwenden, in der Dradin von seiner Kindheit und
den vereitelten Ambitionen seiner Mutter träumt.) Ich dachte darüber nach, was Dradins
Vernarrtheit für Implikationen hat, und mir wurde endlich klar, dass ich die Geschichte
zu früh beendet hatte. Damals habe ich auch die Gormenghast-Trilogie von Mervyn Peake
gelesen, und so habe ich die Kampfszene zwischen Dradin und Dvorak als kleine Hommage
gestaltet. (Die Geschichte selbst sehe ich als meinen Tribut an die englische
Schriftstellerin Angela Carter es ist keine Nachahmung, sondern ich nähere mich
derselben Thematik aus dem Blickwinkel eines Mannes an und komme daher notwendigerweise zu
anderen Schlüssen, was die Objektifizierung der Frau betrifft.)
Irgendwann 1993 habe ich dann »Dradin verliebt« zuende geschrieben.
Ich gab sie meiner jetzigen Frau Ann (Kennedy) zum Lesen und war sehr erleichtert, als sie
ihr gefiel, ebenso wie einigen der anderen Probelesern. Einige wenige, wie Cliff Burns,
selbst ein exzellenter Schriftsteller und bis zu diesem Zeitpunkt ein guter Freund, wurden
von der neuen Üppigkeit der Prosa überrumpelt und waren der Meinung, ich hätte mich
bedauernswerter Weise in eine falsche Richtung entwickelt. Allerdings hat Cliff mir einige
großartige Verbesserungsvorschläge gemacht, die ich in der letzten Szene verwendet habe.
Nachdem ich diese kleinen Verbesserungen eingearbeitet hatte, war es an
der Zeit, »Dradin« loszuschicken, zur Veröffentlichung. Wie ich bald herausfinden
durfte, sind Kurzgeschichten bei weitem einfacher zu verkaufen als eine längere Novelle.
In den Jahren 1993/94 hatte ich Dutzende von Kurzgeschichten an eine Vielzahl
professioneller und halbprofessioneller Publikationen verkauft. Ich hatte erwartet, dass
»Dradin verliebt« der Text sein würde, der mir endlich zum Durchbruch verhelfen und es
mir in Zukunft erleichtern würde, meine Kurzgeschichten unterzubringen. Stattdessen
stellte die Novelle den Beginn eines sechs Jahre andauernden Zeitraumes dar, in dem ich
nur mit sehr viel Mühe überhaupt etwas verkaufen konnte.
Dradin in der Schwebe
Ich schickte »Dradin« an das ASIMOV'S SF MAGAZINE
und bekam von Gardner Dozois der mir schon mehr als einen Gefallen getan hat, weil
er nicht nur »Mahout«, eine Geschichte in der zweiten Person, sondern auch noch »The Bone Carvers Tale«,
nicht einmal eine Genre-Story, gekauft hatte eine sehr freundliche Ablehnung.
Aufgrund der Länge der Geschichte war es schwer für ihn, einen so eigentümlichen Text
anzukaufen. (Als ich ihm später einen äußerst niedergeschlagenen Brief schickte, in dem
ich meine erbärmliche Angst über die Zukunft meiner Karriere äußerte, schickte er mir
noch eine freundliche Notiz: Ich solle weiter am Ball bleiben.)
Wenn ich mich recht erinnere, habe ich »Dradin« an ein halbes Dutzend
anderer Magazine geschickt und jedes Mal eine höfliche Ablehnung erhalten. Nach ein paar
Ablehnungen, die in dieser Zeit vor dem Internet oft mehrere Monate auf sich warten
ließen, verlor ich den Mut. Ich verschickte die Novelle immer seltener, beschäftigte
mich als Mitherausgeber mit der Anthologie Leviathan, schrieb den Großteil eines
Buches, das später zu Veniss Underground werden sollte, und allmählich wurde
mir klar, dass »Dradin« nicht zu meinem ersten großen Erfolg werden würde.
Im Jahr 1995 gewann ich dann die Florida Individual Artist
Fellowship für herausragende Leistungen im schriftstellerischen Bereich
ironischerweise für eine realistische Geschichte mit dem Titel »Black Duke Blues.« Das
Preisgeld betrug 5000 Dollar, und zum ersten Mal kam mir den Gedanke, meine Geschichte im
Eigenverlag zu veröffentlichen. 1989 hatte ich meine erste Geschichtensammlung - Das
Froschbuch - selbst verlegt, und eigentlich hatte ich wenig Lust, diese Erfahrung zu
wiederholen, aber ich las »Dradin« noch einmal durch und gelangte zu der Überzeugung,
dass es die beste Geschichte war, die ich bisher geschrieben hatte.
Dann trat Ann auf den Plan und schlug vor, »Dradin« als das erste Buch
ihres neugegründeten Verlages Buzzcity Press zu veröffentlichen. Seit Jahren gab sie
schon ihr preisgekröntes Magazin für surreale Literatur und Kunst, THE SILVER
WEB, heraus; das Magazin hat meine Geschichten veröffentlicht, lange bevor
wir zum ersten Mal miteinander ausgingen. Sie hatte schon eine ganze Weile vor, sich auch
ins Buchmetier zu wagen, und mit »Dradin« könnte sie dieses Experiment mit etwas
Vertrautem durchführen. Einen Teil des Preisgeldes könnten wir zur Finanzierung des
Projektes verwenden und damit den möglichen Verlust für Ann begrenzen, sollte die Sache
vollständig schief laufen.
Wir diskutierten es für ein oder zwei Wochen, wogen Pro und Kontra
gegeneinander ab, und schließlich entschied ich mich, die Sache durchzuziehen. Ann
beauftragte Michael Shores, einen Maler, der für ihr Magazin gearbeitet hatte, für jeden
Abschnitt der Novelle eine Collage zu gestalten. Ich entwarf - mit Anns Hilfe - ein Layout
für den Druck, und Duane Bray, ein alter Freund aus der High School, der fast alle Cover
für meinen Verlag Ministry of Whimsy gestaltet hat und jetzt für die größte
Designfirma der Welt arbeitet, gab uns Ratschläge zur Umschlaggestaltung.
»Dradin verliebt« erschien und erntete großartige Kritiken. Am Anfang
kam dringend nötige Unterstützung von der Zeitschrift TANGENT und Dave
Trusdale. THE NEW YORK REVIEW OF
SF, INTERZONE und einige andere Magazine schrieben sehr freundliche Dinge
darüber. Die einzige »negative« Kritik schrieb Darrell Schweitzer in ABORIGINAL
SF, der beanstandete, dass solcherlei Literatur nur geringe Resonanz finden und daher nur
in winzigen Verlagen eine Heimstatt haben könne. Für mich gab es keinerlei Anzeichen,
dass das Gegenteil der Fall sein könnte, also konnte ich ihm nicht widersprechen.
Die Verkaufszahlen waren solide, aber nicht spektakulär. Wir verkauften
etwa fünfhundert der achthundert gedruckten Exemplare (inzwischen sind sie alle
ausverkauft, und manche Buchhändler verkaufen sie zu 120 bis 150 Dollar das Stück), und
das Buch kam in die letzte Runde des Theodore Sturgeon Memorial Award. Auch in
einigen Artikeln über die beste Genreliteratur des Jahres wurde es erwähnt. Schließlich
erschienen sogar serbische und griechische Übersetzungen. Alles in allem hatten Ann und
ich uns kein besseres Resultat erhoffen können.
Nach Dradin: Seltsame Geschehnisse
Nachdem ich »Dradin« beendet hatte, schrieb ich drei oder vier Jahre lang keine
weiteren Geschichten über Ambra. Teilweise lag das daran, dass eine Vielzahl anderer
Projekte mich beschäftigt hielt, aber ein Mitgrund war sicher, dass der geringe
Enthusiasmus, auf den ich seitens der Magazine gestoßen war, meinen eigenen Enthusiasmus
für Ambra ein wenig gedämpft hatte, auch wenn ich das gerne leugnen würde. Im Geiste
befürchtete ich immer noch, dass eine Arbeit, die ich für wirklich gelungen und gut
hielt, abgelehnt werden könnte. (Eine seltsame Phase der Unsicherheit ist scheinbar
typisch für die Karriere eines jeden Schriftstellers, während der man jeden negative
Kommentar über die eigene Arbeit in sich hineinfrisst und gleichzeitig eine standhafte
Arroganz bewahren muss, was den Wert der betreffenden Arbeit angeht.)
Nun verlieh mir der Erfolg, den »Dradin« in Buchform erfuhr, eine
Menge Selbstvertrauen. Vor, während und nach der ununterbrochenen Beschäftigung, die mir
die Publicity für Stepan Chapmans Buch The Troika 1997 abverlangte (und der
Zusammenstellung von Leviathan 2 in 1998), schrieb ich drei Geschichten in (für
mich) schneller Abfolge: »Die Verwandlung des Martin See«, »Hoegbottons Führer zur
Frühgeschichte der Stadt Ambra« und »Der seltsame Fall von X«. (Ich schrieb ebenfalls
eine sehr kurze Geschichte mit dem Titel »Exponat H«,
ein Vorläufer der »Frühgeschichte«.)
Die Erfahrung, die ich beim Schreiben dieser drei langen Kurzgeschichten
oder Novellen machte, war der von Dradin nicht völlig unähnlich, stellte mich aber auch
vor neue Probleme. Bei allen dreien hatte ich eine blitzartige Inspiration, schrieb ich
Anfangsszenen, die fast keiner Revision bedurften. Allerdings floss mir der Rest bei
»Martin See« und »Der seltsame Fall von X« ebenso mühelos in die Feder. Die ersten
Entwürfe waren innerhalb kürzester Zeit zu Papier gebracht, und es gab im gesamten
Arbeitsverlauf keine bedeutsamen Änderungen, was die eigentliche Handlung oder die
Figuren betrifft. Die »Frühgeschichte« erforderte viele Stunden Recherche über
byzantinische Geschichte und brauchte deshalb mehr Zeit, fiel mir aber ebenfalls
ausgesprochen leicht.
Möglicherweise fiel es mir deswegen so leicht, »Der seltsame Fall von
X«[1] zu schreiben, weil ich die Geschichte nie veröffentlichen
wollte. Die Idee hatte ich von einer Illustration, die Eric Schaller mir schickte und auf
der die Pilzbewohner aus »Dradin« als Zeichentrickfiguren à la Disney abgebildet waren.
Ohne dieses Bild, das er auf einen Briefumschlag gekritzelt hatte, gäbe es die Geschichte
nicht und ohne das Bild wäre möglicherweise nie etwas aus Erics späteren und
umfassenderen Illustrationen für Stadt der Heiligen & Verrückten geworden.
»Der seltsame Fall von X« habe ich geschrieben, weil ich einige
Probleme behandeln wollte, die beim Schreiben der Ambra-Geschichten auftraten. Zum einen
war ich noch nie so lange am Stück »inspiriert« gewesen, wie es mir beim Schreiben der
Ambra-Geschichten geschehen ist meine Hand schrieb Dinge, mit denen der Kopf nichts
zu tun hatte. Das hat mich erschreckt, weil ich mich bald beim Nachgrübeln erwischt habe,
was denn geschieht, wenn der Hahn plötzlich abgedreht wird und ich immer noch keine
Ahnung habe, was da durch mich gesprochen hat.
Ich habe mich auch weiterhin mit der Frage auseinander gesetzt, was denn
dem Schriftsteller am ehesten zugute kommt: das Schreiben als Teil eines gut
ausbalancierten und gesellschaftlich aktiven Lebens oder als ein Eremit in einer alten
Strandhütte zu schreiben. Kurz gesagt, ich habe mit der Obsession selbst gekämpft, wie
sie sich eben im Schreiben äußerte.
Diese Geschichte zu schreiben hatte zudem den heilsamen Effekt, dass
Ambra nicht mehr nur in meiner eigenen Phantasie verortet war. Auch wenn es nur ein
geistiger Trick war, schien doch jede Geschichte, die ich danach über Ambra schrieb, von
meinem eigenen Denken klar getrennt. Irgendwo dort draußen existierte Ambra, und ich war
nur Empfänger von »Nachrichten« von diesem Ort. Aus irgendeinem Grund empfand ich das
als befreiend und entspannend, und somit hatte ich wieder Spaß am Erschaffen der
Geschichten über Ambra. Trotzdem, an Verlage wollte ich sie immer noch nicht schicken.
Als ich dann die Geschichte an meine ersten Leser die auch meine
Freunde waren verschickte, riefen sie mich an und fragten, ob ich es mir auch gut
gehe. Nicht nur hatten sie »X« mit mir gleichgesetzt, nein, die Geschichte war auch noch
kraftvoll genug, das Denken meiner Freunde zu beeinflussen. Als sich diese Reaktionen
häuften, gelangte ich zu der Feststellung, dass die Geschichte mehr war als bloß
Selbsterkundung ich könnte sie durchaus veröffentlichen.
Auch für »Die Frühgeschichte von Ambra« hegte ich persönlich
geringe oder wohl eher pragmatische Erwartungen. Inspiriert wurde sie zum Teil von
Vladimir Nabokovs Fahles Feuer, zum Teil von den wundervollen Büchern über die
byzantinische Geschichte, die John Julius Norwich geschrieben hat. »Die Frühgeschichte
von Ambra« fasst, für die Veröffentlichung in einen erfundenen Reiseführer, über
vierhundert Jahre der Geschichte Ambras zusammen. Autor ist ein griesgrämiger Historiker,
der in Form von Fußnoten sarkastische Kommentare anfügt. Ganz offenbar war ich an einer
Karriere als Schriftsteller nicht interessiert.
Ich habe die Geschichte nie an irgendein Magazin geschickt mir
war klar, dass kein Verleger an einer dreißigtausend Worte langen Geschichte mit mehr als
einhundert Fußnoten interessiert ist, die sich dazu als eine historische Schrift tarnt.
(Obwohl ich sie an einen Wettbewerb für Kurzromane einschickte, ohne Erfolg.)
Die ersten Leser haben oft nicht gewusst, was sie davon halten sollen.
Zugegeben, etwa die Hälfte fand Gefallen daran. Aber ein häufiger Kommentar der übrigen
lautete: »Das ist doch keine Geschichte.« Eine andere Reaktion und die hat mich
wirklich geärgert lautete in etwa so: »Jeff, du hast da einen großartigen
Hintergrund für eine Geschichte. Jetzt kennst du die ganze Geschichte von Ambra und
kannst wirkliche Geschichten über die Stille und die anderen Ereignisse schreiben, kannst
das ausarbeiten, was du hier nur umrissen hast.« Darauf meine Antwort: Nein, das ist
die Geschichte; dieser Abriss ist die Geschichte. Ich hatte kein Interesse daran,
diese Ereignisse auszuarbeiten. Einige Leute haben mir sogar den Ratschlag gegeben,
»Frühgeschichte« nicht an Verlage und Magazine zu schicken, denn »das ist keine
Geschichte«. War ich ebenfalls dieser Meinung? Eigentlich nicht. Ich habe keine
Erklärung dafür, dass ich die Hälfte der Ratschläge, die ich für »Frühgeschichte«
erhalten habe, in den Wind schlug, außer der, dass sie mit dem eigentlichen Text
anscheinend nichts zu tun hatten.
Schließlich schickte ich »Frühgeschichte« an Jeffrey Thomas, der
regelmäßig die undankbare Rolle meines ersten Lesers übernimmt, und er fragte mich, ob
er diese Geschichte im Rahmen seiner Necropolitan Press als Heftchen in einer Auflage von
300 Stück drucken dürfe. Ich nahm sein großzügiges Angebot an. Damals schien es mir
die beste Möglichkeit zu sein. (Tatsächlich war es das Beste, was mir passieren konnte
denn während »Martin See« und »Der seltsame Fall von X« bei ihrem ersten
Erscheinen weitgehend unbemerkt blieben, erntete »Frühgeschichte« Lob von Größen wie
Norman Spinrad in ASIMOV'S SF MAGAZINE und
Brian Stableford, der es in VECTOR als eines der besten Bücher des Jahres
bezeichnete.)[2]
»Der seltsame Fall von X« brachte ich in Stephen Jones
Anthologie White of the Moon unter. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diese
Erzählung an niemand anderen geschickt habe, aber »Die Verwandlung des Martin See« ging
an FANTASY & SCIENCE FICTION, DARK
TERRORS, STARLIGHT und einige andere, bevor Wayne Edwards
die Geschichte für seine Anthologie Palace Corbie annahm.
Warum Verleger »Der seltsame Fall von X« oder die »Frühgeschichte«
ablehnten, war mir klar, aber dass »Martin See« zu seltsam oder nicht gut genug sein
sollte, um veröffentlicht zu werden (in einer professionellen und vor allem bezahlten
Form veröffentlicht zu werden, so dankbar ich auch für Palace Corbie war),
konnte ich nicht ganz glauben. Ich hatte einfach zu hart daran gearbeitet. So einfach mir
auch Plot und Protagonisten zugefallen waren, so besessen hatte ich an der Novelle
gearbeitet und Schicht um Schicht über die Grundstruktur aufgetragen. Ich habe Wochen
dafür gebraucht, allein die Farbgebung in den einzelnen Szenen aufeinander abzustimmen.
Ich habe zahllose Bilder von Ernst und Chagall und Dali studiert, dazu mehrere Bücher
über Kunstkritik. In Martin See habe ich auch viel von mir selbst als ein junger Mann in
seinen frühen Zwanzigern eingearbeitet, und für das Atelier habe ich mich Erinnerungen
an das Atelier meiner Mutter verwendet. Ich habe Szenen aus Ian McEwans Buch The
Innocent nur eines von vielen studiert und zerlegt, um herauszufinden,
wie man Gewalt überzeugend darstellt. Bedeutet das denn automatisch, dass das Endergebnis
gelungen ist? Natürlich nicht, aber mir war klar, dass ich meine Technik mit dieser
Geschichte ungemein verbessert hatte. Mir war auch klar, dass es wohl sehr lange dauern
würde, bis ich wieder etwas mit einer so »konventionellen« Struktur verfassen würde.
Wie bei »Dradin« war ich auch hier überzeugt, dass ich etwas
Besonderes geschrieben hatte, das wegen seiner Länge oder vielleicht aufgrund einer
besonderen Einstellung oder eines Vorurteils seitens der Zeitschriftenredakteure oder
wegen anderer unglücklicher Umstände unbemerkt und ungeschätzt geblieben war.
Inzwischen hatte ich mich allerdings daran gewöhnt. Es war nun Teil meines Lebens als
Schriftstellers geworden. Ich konnte entweder etwas anderes schreiben, oder an meine
Fähigkeiten glauben.
Es war eine schwierige Entscheidung und vor allem eine, die ich
wieder und wieder treffen muss. Wie bereits erwähnt, muss man sich die eigenen Mängel
und Schwächen eingestehen und an ihnen arbeiten. Einfach zu sagen: »diese Leute
verstehen es ganz einfach nicht die Geschichte ist gut«, nur um später
herauszufinden, na ja, eigentlich hatten diese Leute nicht Unrecht, das war keine Option.
Ich las die Ambra-Novellen erneut, hielt sie aber immer noch für gut. Was nicht heißen
soll, dass ich keine Verwerfungslinien in ihnen finden konnte in jeder Geschichte
gibt es eine oder zwei davon , sondern dass ich wirklich an diese Geschichten
glaubte. Und ich glaubte auch daran, dass Ambra ein interessanter und faszinierender Ort
war.
Das Buch von Ambra wird sichtbar
Nachdem ich nun vier Novellen hatte (auch wenn »Der seltsame Fall von X« technisch
gesehen nur eine lange Kurzgeschichte ist), dachte ich mir, das wäre genug für einen
Sammelband. Vielleicht würde ich mit einem Buch, in dem das Ambra-Material gesammelt war,
eher einen Nerv treffen als mit den einzelnen Geschichten, insbesondere weil ich mich nun
anderen Torwächtern zu stellen hatte: Verlagslektoren, und nicht mehr
Zeitschriftenredakteuren.
Ich schickte Anfragen an Agenten und Verlage. Zu viele hielten das Buch
für eine Sammlung von Kurzgeschichten, aber ich sah darin einen Mosaikroman (oder, wie es
manche nannten, ein »Arrangement«; Hauptfiguren einer Geschichte tauchen als
Nebenfiguren in einer anderen wieder auf usw.). Eine Kurzgeschichtensammlung von einem
unbekannten Autor? Das war nicht genug für einen großen Verlag ich würde einen
Roman brauchen. Aber das war doch ein Roman, schimpfte ich. Nur eben kein konventioneller.
Meine beste Gelegenheit zur Veröffentlichung kam 1999, als sich John
Oakes von Four Walls Eight Windows das Buch (das damals nur Das Buch von Ambra
hieß) ansah. Er rief mich an, um mir mitzuteilen, dass ihm der Stil sehr gut gefiele,
aber die Geschichten nicht kommerziell genug seien und er nichts mit vier Novellen
anfangen konnte einen Roman sollte ich ihm schicken. (Damals schickte meine
Agentin, eine überaus freundliche Frau aus England, die üblicherweise Kinderbücher
betreut, eine vergleichsweise geschliffene Fassung meines Science-Fiction Romans Veniss
Underground an alle möglichen Verlage, also schickten wir ihm das. Er biss nicht an,
sandte mir aber eine äußerst freundliche Ablehnung zurück.) Bald hatte ich alle großen
Verlage durch, die möglicherweise Interesse an einem Buch zeigen könnten, das aus vier
ineinander greifenden Novellen besteht. Dann stieß ich auf die Invisible Cities Press,
denen das Buch gefiel und die mit der Idee spielten, eine ihrer Ausgaben ganz der Stadt
Ambra zu widmen. Eine Zusammenarbeit schien immer wahrscheinlicher, aber dann bekam ich
eine E-Mail von meiner Ansprechpartnerin im Verlag. Sie fragte mich, ob ich einverstanden
wäre, die Geschichten umzuschreiben und sie in Paris um 1900 spielen zu lassen. Wenn ich
dabei auch die Pilzbewohner loswerden könnte, wäre das fabelhaft. Ich antwortete ihr mit
einem zornigen E-Mail eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen ich das auch
später noch für angemessen hielt und beendete unsere Zusammenarbeit.
Einige Monate lang überlegte sich Alan M. Clark von IFD Publishing, ob
er das Buch veröffentlichen wollte, aber dann spielten meine Paranoia (das geistige
Zurückzucken, das ich so gut kannte; eine Auseinandersetzung darüber ob ich mein Werk
ändern würde, damit es zu den vorgeschlagenen Illustrationen für das Buch passte),
schlechtes Timing und mein Unwillen, alle Illustrationen von einem einzigen Künstler
anfertigen zu lassen zusammen und vereitelten das Projekt aber von da an hatte es
einen Namen: Stadt der Heiligen & Verrückten.
Stadt der Heiligen & Verrückten war ganz offensichtlich verflucht
vom Schicksal dazu verdammt, ohne Steuermann und ohne Verlag dahinzutreiben, bis es ein
unüberwindliches Hindernis rammen und sinken würde.
Der seltsame Fall von »S«
Just als es schien, das würde Buch nie einen Verlag finden, tauchte Dr. S. auf, der
damals in Schweden lebte und einen Verlag namens Imaginary World Press leitete, und er
begann sich für Stadt der Heiligen & Verrückten zu interessieren. Ich hatte
wieder einen Verleger. Noch besser, Dr. S. bat Michael Moorcock, eine Einleitung zu
schreiben. Unglaublicherweise las Moorcock die Geschichten, sie gefielen ihm und er
schrieb diese Einleitung tatsächlich. (Zumindest dafür bin ich Dr. S. außerordentlich
dankbar: durch ihn habe ich Bekanntschaft mit Michael Moorcock geschlossen, dessen
Großzügigkeit und Freundlichkeit mir als Schriftsteller, als Herausgeber und nicht
zuletzt für meine Karriere unschätzbar wertvoll waren.)
Kurz darauf, im August 2000, glaube ich, erhielt ich eine unglaubliche
Neuigkeit. In einem Akt der Verzweiflung hatte ich »Martin See« aus Palace Corbie
photokopiert und an die Preisrichter des World Fantasy Award geschickt. Dass sie
die Geschichte tatsächlich lesen würden, daran hatte ich nicht einmal eine Sekunde lang
gedacht, aber plötzlich stand sie dort mitten unter den Finalisten für die beste
Novelle! Ich war so erschocken wie in meinem Leben noch nicht - zumindest so lange, bis
ich erfuhr, dass »Martin See« tatsächlich gewonnen hatte, zusammen mit einer Novelle
von Lauren Winter. Ich glaube, mir ist buchstäblich die Kinnlade heruntergefallen. Zum
ersten Mal in meiner Karriere, so empfand ich, hatte ich, auf eine mysteriöse Art und
Weise, die Bestätigung erhalten, von der ich nie gewusst hatte, wie notwendig sie mir
war. Nun hatte ich sie erhalten und sie erfüllte mich mit neuer Kraft und
Zielstrebigkeit.
Außerdem fiel der Preis geradezu ideal mit der geplanten
Veröffentlichung des Buches zusammen. Einer Veröffentlichung, die unverzüglich hatte
bevorstehen sollen aber wieder änderte sich alles. Zuerst einmal sollten die vier
Novellen separat veröffentlich werden, dann als ein Sammelband. Dr. S. heuerte einen
Videospieldesigner an, der als kleinen Bonus ein Ambra-Videospiel programmieren sollte.
Von dem Mann erhielt ich eine E-Mail und dann kein einziges Wort mehr. Irgendwann einmal
sollte ich »Martin See« für eine CD-Aufnahme vorlesen. Keiner dieser Pläne wurde
verwirklicht und ich fragte Dr. S. immer wieder, warum wir uns nicht darauf
konzentrierten, das Buch einfach zu veröffentlichen, statt immer wieder Energie auf
solche Spielereien zu verschwenden.
Aber es sollte noch schlimmer kommen. Die ganze Zeit während dieses
Katz-und-Maus-Spiels hatte ich Vorausbestellungen von meinen Freunden, meiner Familie und
meinen Arbeitskollegen gesammelt. Das Geld überwies ich dann an Dr. S. Es war eine Menge
Geld. Ich hatte gedacht, wenn ich alle diese Bestellungen sammle, dann kümmert sich
Imaginary World Press ganz besonders um Stadt der Heiligen & Verrückten.
Mehrere Monate vergingen. Die Veröffentlichung lag immer noch in weiter
Ferne. Schließlich gestand Dr. S. ein, dass Imaginary World Press in finanziellen
Schwierigkeiten war und dass er mein Buch zusammen mit einigen anderen an einen Laden
namens Prime Books, von der ich noch nie gehört hatte, weitergeben würde. Das Geld von
den Vorbestellungen würde Dr. S. an Sean Wallace, den Leiter von Prime Books schicken und
es Prime damit ermöglichen, diesen Bestellungen nachzukommen, ohne Verluste zu machen.
Im März 2001 begann eine ausgedehnte E-Mail-Korrespondenz zwischen Sean
und mir. Irgendwann zwischen März und Mai stellte sich heraus, dass Dr. S. Sean niemals
etwas von den Vorbestellungen erzählt, geschweige denn ihm Geld geschickt hatte. Auf
Anfragen an Dr. S. bekam ich nur E-Mails mit Entschuldigen und leeren Versprechungen.
Anscheinend musste Prime Books nun, wenn sie mein Buch veröffentlichen wollten, das Geld
von den Vorbestellungen ersetzen.
Dann bekam ich ganz andere Art E-Mails von Dr. S., jetzt angeblich auf
Flitterwochen in der Schweiz. In diesen E-Mails schrieb er mir, dass er das Geld von den
Vorausbestellungen nicht zurückerstatten konnte, weil er alles ausgegeben hatte
angeblich lange bevor er seine Flitterwochen gebucht hatte. Trotzdem wurmte mich das. Was
er in den E-Mails schrieb und dann noch der Ort, von dem er diese E-Mails schrieb ...
Wahrheit hin oder her, es dauerte sehr lange, bis Prime auch nur die
Hälfte des Geldes bekam, es dauerte sehr, sehr lange, und in meinem Umgang mit Dr. S.
fühlte ich mich wie der Zeitungsjunge, der in Better Off Dead John Cusack wieder
und wieder nachstellt. Schließlich machte ich einen Deal mit Dr. S. ich
verzichtete darauf, den Rest des Geldes zu verlangen, und dafür gab es für Sean nur
einen kleinen Verlust, was die Vorbestellungen betraf.
In der Zwischenzeit bekam ich über Cosmos Books, das John Betancourt
gehört und ebenfalls von Sean geleitet wird, einen Vertrag für eine großformatige
Paperbackausgabe. Den akzeptierte ich und wir begannen damit, an dem Buch zu arbeiten.
Unglücklicherweise konnten wir wegen der Situation mit Dr. S. die gebundene Ausgabe nicht
vor dem Taschenbuch herausbringen aber in meinem Kopf hatte auch der Funke einer
Idee Gestalt angenommen, der das Ganze noch etwas verzögern sollte.
Also, trotz der Unlogik, eine Paperbackausgabe vor der gebundenen
Ausgabe zu veröffentlichen, erschien die erste Ausgabe von Stadt der Heiligen &
Verrückten als großformatige Paperbackausgabe im Verlag Cosmos Books und enthielt
alle vier Novellen. Es wurde mit bemerkenswert viel Lob empfangen, schaffte es auf die
Empfehlungsliste des LOCUS MAGAZINE und bekam in einer Reihe
prominenter Magazine gute Kritiken. China Miéville, der noch auf der Erfolgswelle von Perdido
Street Station ritt, schrieb mir als einer von vielen ein paar lobende Worte für das
Cover. Das Buch erhielt Unterstützung von Nick Gevers, Michael Levy und Brian Stableford.
Endlich konnte ich mich entspannen.
Die Cosmos-Ausgabe Edition von Stadt der Heiligen & Verrückten
war allerdings nur der Beginn der Geschichte dieses Buches. Lange mörderische Monate der
Vorbereitung standen uns noch bevor, während denen teilweise meine eigenen
unrealistischen Erwartungen und teilweise die eingeschränkten Möglichkeiten eines
Verlages die Schuld trugen, der seine Bücher im noch nicht ganz ausgereiften »Print on
Demand«-Verfahren druckte.
Weiter im Teil 2: Blut,
Schweiß und Erlösung  |

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