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ALIEN CONTACT

Jeff VanderMeer

Was Sie über Stadt der Heiligen & Verrückten schon immer einmal nicht wissen wollten ...

Science Fiction > Alien Contact
Normalerweise schreibt ein Schriftsteller einen Roman oder einen Geschichte, findet einen Verlag oder nicht, sieht seine Werke gedruckt oder nicht. Sollte man meinen! Dass das alles auch weit komplizierter ablaufen kann, zeigt das folgende Beispiel: Jeff VanderMeers meisterhafter Mosaikroman City of Saints & Madmen hat bis zu seiner endgültigen Publikation mehr Stadien durchlaufen als vielleicht jeder andere Text.
   Diesen Herbst ist nun auch eine deutschsprachige Ausgabe erschienen,
Stadt der Heiligen & Verrückten, die zwar ebenso aufwendig gestaltet ist wie das Original, aber von den Vorarbeiten desselben profitieren konnte. Jeff VanderMeer hat sich die Enttäuschungen und glückseligen Augenblicke, die er während der langwierigen Arbeit an diesem Buch erlebt hat, von der Seele geschrieben.
Teil 2 -->
Vor wenigen Wochen habe ich die gebundene britische Ausgabe von Stadt der Heiligen und Verrückten, erschienen bei Pan Macmillan/Tor U.K., zugeschickt bekommen. Ab und zu nehme ich das Buch zur Hand, blättere darin, wie ich es schon zigmal getan habe, nur um sicher zu gehen, dass es auch wirklich ist.
   Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich mein Buch mit Geschichten über die erfundene Stadt Ambra einmal als Ausgabe eines großen Verlagshauses in Händen halten würde, noch dazu mit demselben eigenwilligen Cover, das wir für die US-Ausgabe verwendet haben. Nachdem die Texte geschrieben waren, war es so mühsam gewesen, so voller Sackgassen und Fehlstarts, bis sich ein Verleger fand und das Buch dann tatsächlich erschien, dass sich oft den Eindruck hatte, die Geschichten würden niemals in Druck gehen. Von der überwältigend guten Aufnahme bei Lesern und Kritikern, die ich schließlich erfahren durfte, hätte ich nie zu träumen gewagt. Nachdem die britische Ausgabe von Stadt der Heiligen und Verrückten am 2. April 2004 offiziell in Buchhandlungen erhältlich ist, halte ich das für die richtige Zeit, die Umstände die zur Veröffentlichung des Buches führten, in Bernstein festzuhalten.
   Zu den Lektionen, die ich aus dieser kleinen Episode meiner Karriere als Schriftsteller gelernt habe, gehören unter anderem drei Dinge: (1) Angesichts von Gleichgültigkeit ist es wichtig, eine Eselsgeduld zu bewahren; (2) angesichts von Inkompetenz (die eigene miteingeschlossen) ist es wichtig, eine Eselsgeduld zu bewahren; und (3) und vor allem, wenn man eigenen künstlerischen Träumen nachjagt, ist es wichtig, eine Eselsgeduld zu bewahren;. Aber der Hauptzweck dieses Rückblicks sind keine plumpen Lektionen. Der Hauptzweck besteht darin, ein Buch zu feiern, das eigentlich unter keinen Umständen existieren dürfte, ein Buch über diesen grausamen und wunderschönen phantastischen Ortnamens Ambra.

Teil 1 - Der lange steinige Weg

Am Anfang ...

Für diejenigen, die das Buch nicht kennen: Stadt der Heiligen & Verrückten ist ein Geschichtenzyklus, der in der Stadt Ambra spielt, wo menschliche Siedler die Ureinwohner – genannt die »Grauhüte« oder »Pilzbewohner« – in den Untergrund vertrieben haben. Seither kam es in der Geschichte der Stadt immer wieder zu unheimlichen Heimsuchungen durch die Grauhüte, die alle auf einen finsteren und undurchsichtigen Plan hindeuten. Beeinflusst wurde diese Geschichte unter anderen von Malern, Musikern, Historikern und Priestern, deren exzentrische Spinnereien auch unserer Welt nicht fremd sind. Auf einer anderen Ebene stellt Stadt der Heiligen & Verrückten ein Artefakt dar – zuerst einmal das Buch selbst, und dann auch noch in dem Sinne, dass einige der Geschichten Faksimiles sind, die in gleicher Form in Ambra veröffentlicht wurden.
   Die erste Novelle »Dradin verliebt« habe ich 1993 geschrieben, als mich das Pfeiffersche Drüsenfieber mehrere Monate lang in einen Zustand leicht erhöhter Temperatur und Erschöpfung versetzte. Kaum ein Jahr zuvor hatte ich den Clarion Autorenworkshop an der Michigan University besucht. Bei Clarion habe ich über das, was ich schreiben will, mindestens ebensoviel gelernt wie über das, was ich keinesfalls schreiben will, und das fand seinen Ausdruck in der Geschichte »Wie man das Fleisch verlässt«, in der ich versucht habe, viele der etablierten »Regeln« des Workshops über Struktur, Charakterisierung und Plot absichtlich zu missachten.
   »Wie man das Fleisch verlässt« war eine Proto-Ambra Geschichte, in der ich erstmals den Mott-Fluss und den Albumuth-Boulevard erwähnte. Ich wusste, dies war ein Neuanfang für mich, aber ich wusste auch, dass die Geschichte äußerst fragil und passiv war. Ich wollte in diese neue Richtung weiterarbeiten, aber mit einem kraftvolleren, einem aktiveren Stil. »Dradin verliebt« ist aus diesem Wunsch heraus entstanden.
   Eines Nachts erwachte ich mit dem Bild der Stadt Ambra im Kopf. Ich bin zum Computer gelaufen und habe die ersten Paar Seiten von »Dradin verliebt« geschrieben. Dradin, erst jüngst aus dem Dschungel zurückgekehrt, steht mitten in einer Menschenmenge, blickt nach oben und verliebt sich in die geheimnisvolle Frau, die er durch ein Fenster sieht. Diese Seiten musste ich kaum überarbeiten. Die Stadt existierte zur Gänze in mir. Ich erinnere mich an ein Gefühl vollkommener Freude, als mir klar wurde, dass ich einen Zugang zu einem geheimnisvollen und einzigartigen Ort gefunden hatte. Damals wusste ich noch nicht, dass auf »Dradin« noch viele andere Geschichten über Ambra folgen würden, aber der Gedanke lag nahe, dass mir ähnliche Geschichten ebenso leicht aus der Feder fließen würden wie diese paar Seiten.
   Falls ich das dachte, wurde ich bald eines Besseren belehrt. Der Rest der Geschichte fiel mir ganz und gar nicht leicht. Ich habe sie mehrere Monate lang immer wieder überarbeitet. In einer frühen Fassung gab es am Ende überhaupt keine Frau, und der Zwerg Dvorak ermordete Dradin in einer dreckigen Seitengasse. In einer späteren Fassung erzählte Dvorak Dradin die Wahrheit über die Frau, nahm sein ganzes Geld und ließ ihn am Friedhof zurück, wo sich der ganze Wahnsinn des Festivals um ihn herum abspielte. Aber keines dieser Enden stellte mich zufrieden. Sie fühlten sich statisch an, formlos. Sie geschahen zu früh.
   Damals habe ich Arc d’X von Steve Erickson gelesen – was bei meinem ständigen leichten Fieber zu einem recht surrealen Erlebnis wurde. »Dradin verliebt« unterscheidet sich grundlegend von Ericksons Buch, aber die Art und Weise, wie Erickson den Rahmen dessen, was in der Literatur möglich ist, immer weiter aufbrach, zeigte mir, dass ich mit »Dradin« ebenfalls weiter und tiefer gehen musste. (Von Erickson habe ich auch den netten Kniff gestohlen, widersprüchliche grammatikalische Zeiten und Augenblicke in einer Szene zu verwenden, in der Dradin von seiner Kindheit und den vereitelten Ambitionen seiner Mutter träumt.) Ich dachte darüber nach, was Dradins Vernarrtheit für Implikationen hat, und mir wurde endlich klar, dass ich die Geschichte zu früh beendet hatte. Damals habe ich auch die Gormenghast-Trilogie von Mervyn Peake gelesen, und so habe ich die Kampfszene zwischen Dradin und Dvorak als kleine Hommage gestaltet. (Die Geschichte selbst sehe ich als meinen Tribut an die englische Schriftstellerin Angela Carter – es ist keine Nachahmung, sondern ich nähere mich derselben Thematik aus dem Blickwinkel eines Mannes an und komme daher notwendigerweise zu anderen Schlüssen, was die Objektifizierung der Frau betrifft.)
   Irgendwann 1993 habe ich dann »Dradin verliebt« zuende geschrieben. Ich gab sie meiner jetzigen Frau Ann (Kennedy) zum Lesen und war sehr erleichtert, als sie ihr gefiel, ebenso wie einigen der anderen Probelesern. Einige wenige, wie Cliff Burns, selbst ein exzellenter Schriftsteller und bis zu diesem Zeitpunkt ein guter Freund, wurden von der neuen Üppigkeit der Prosa überrumpelt und waren der Meinung, ich hätte mich bedauernswerter Weise in eine falsche Richtung entwickelt. Allerdings hat Cliff mir einige großartige Verbesserungsvorschläge gemacht, die ich in der letzten Szene verwendet habe.
   Nachdem ich diese kleinen Verbesserungen eingearbeitet hatte, war es an der Zeit, »Dradin« loszuschicken, zur Veröffentlichung. Wie ich bald herausfinden durfte, sind Kurzgeschichten bei weitem einfacher zu verkaufen als eine längere Novelle. In den Jahren 1993/94 hatte ich Dutzende von Kurzgeschichten an eine Vielzahl professioneller und halbprofessioneller Publikationen verkauft. Ich hatte erwartet, dass »Dradin verliebt« der Text sein würde, der mir endlich zum Durchbruch verhelfen und es mir in Zukunft erleichtern würde, meine Kurzgeschichten unterzubringen. Stattdessen stellte die Novelle den Beginn eines sechs Jahre andauernden Zeitraumes dar, in dem ich nur mit sehr viel Mühe überhaupt etwas verkaufen konnte.

Dradin in der Schwebe

Ich schickte »Dradin« an das ASIMOV'S SF MAGAZINE und bekam von Gardner Dozois – der mir schon mehr als einen Gefallen getan hat, weil er nicht nur »Mahout«, eine Geschichte in der zweiten Person, sondern auch noch »The Bone Carver’s Tale«, nicht einmal eine Genre-Story, gekauft hatte – eine sehr freundliche Ablehnung. Aufgrund der Länge der Geschichte war es schwer für ihn, einen so eigentümlichen Text anzukaufen. (Als ich ihm später einen äußerst niedergeschlagenen Brief schickte, in dem ich meine erbärmliche Angst über die Zukunft meiner Karriere äußerte, schickte er mir noch eine freundliche Notiz: Ich solle weiter am Ball bleiben.)
   Wenn ich mich recht erinnere, habe ich »Dradin« an ein halbes Dutzend anderer Magazine geschickt und jedes Mal eine höfliche Ablehnung erhalten. Nach ein paar Ablehnungen, die in dieser Zeit vor dem Internet oft mehrere Monate auf sich warten ließen, verlor ich den Mut. Ich verschickte die Novelle immer seltener, beschäftigte mich als Mitherausgeber mit der Anthologie Leviathan, schrieb den Großteil eines Buches, das später zu Veniss Underground werden sollte, und allmählich wurde mir klar, dass »Dradin« nicht zu meinem ersten großen Erfolg werden würde.
   Im Jahr 1995 gewann ich dann die Florida Individual Artist Fellowship für herausragende Leistungen im schriftstellerischen Bereich – ironischerweise für eine realistische Geschichte mit dem Titel »Black Duke Blues.« Das Preisgeld betrug 5000 Dollar, und zum ersten Mal kam mir den Gedanke, meine Geschichte im Eigenverlag zu veröffentlichen. 1989 hatte ich meine erste Geschichtensammlung - Das Froschbuch - selbst verlegt, und eigentlich hatte ich wenig Lust, diese Erfahrung zu wiederholen, aber ich las »Dradin« noch einmal durch und gelangte zu der Überzeugung, dass es die beste Geschichte war, die ich bisher geschrieben hatte.
   Dann trat Ann auf den Plan und schlug vor, »Dradin« als das erste Buch ihres neugegründeten Verlages Buzzcity Press zu veröffentlichen. Seit Jahren gab sie schon ihr preisgekröntes Magazin für surreale Literatur und Kunst, THE SILVER WEB, heraus; das Magazin hat meine Geschichten veröffentlicht, lange bevor wir zum ersten Mal miteinander ausgingen. Sie hatte schon eine ganze Weile vor, sich auch ins Buchmetier zu wagen, und mit »Dradin« könnte sie dieses Experiment mit etwas Vertrautem durchführen. Einen Teil des Preisgeldes könnten wir zur Finanzierung des Projektes verwenden und damit den möglichen Verlust für Ann begrenzen, sollte die Sache vollständig schief laufen.
   Wir diskutierten es für ein oder zwei Wochen, wogen Pro und Kontra gegeneinander ab, und schließlich entschied ich mich, die Sache durchzuziehen. Ann beauftragte Michael Shores, einen Maler, der für ihr Magazin gearbeitet hatte, für jeden Abschnitt der Novelle eine Collage zu gestalten. Ich entwarf - mit Anns Hilfe - ein Layout für den Druck, und Duane Bray, ein alter Freund aus der High School, der fast alle Cover für meinen Verlag Ministry of Whimsy gestaltet hat und jetzt für die größte Designfirma der Welt arbeitet, gab uns Ratschläge zur Umschlaggestaltung.
   »Dradin verliebt« erschien und erntete großartige Kritiken. Am Anfang kam dringend nötige Unterstützung von der Zeitschrift TANGENT und Dave Trusdale. THE NEW YORK REVIEW OF SF, INTERZONE und einige andere Magazine schrieben sehr freundliche Dinge darüber. Die einzige »negative« Kritik schrieb Darrell Schweitzer in ABORIGINAL SF, der beanstandete, dass solcherlei Literatur nur geringe Resonanz finden und daher nur in winzigen Verlagen eine Heimstatt haben könne. Für mich gab es keinerlei Anzeichen, dass das Gegenteil der Fall sein könnte, also konnte ich ihm nicht widersprechen.
   Die Verkaufszahlen waren solide, aber nicht spektakulär. Wir verkauften etwa fünfhundert der achthundert gedruckten Exemplare (inzwischen sind sie alle ausverkauft, und manche Buchhändler verkaufen sie zu 120 bis 150 Dollar das Stück), und das Buch kam in die letzte Runde des Theodore Sturgeon Memorial Award. Auch in einigen Artikeln über die beste Genreliteratur des Jahres wurde es erwähnt. Schließlich erschienen sogar serbische und griechische Übersetzungen. Alles in allem hatten Ann und ich uns kein besseres Resultat erhoffen können.

Nach Dradin: Seltsame Geschehnisse

Nachdem ich »Dradin« beendet hatte, schrieb ich drei oder vier Jahre lang keine weiteren Geschichten über Ambra. Teilweise lag das daran, dass eine Vielzahl anderer Projekte mich beschäftigt hielt, aber ein Mitgrund war sicher, dass der geringe Enthusiasmus, auf den ich seitens der Magazine gestoßen war, meinen eigenen Enthusiasmus für Ambra ein wenig gedämpft hatte, auch wenn ich das gerne leugnen würde. Im Geiste befürchtete ich immer noch, dass eine Arbeit, die ich für wirklich gelungen und gut hielt, abgelehnt werden könnte. (Eine seltsame Phase der Unsicherheit ist scheinbar typisch für die Karriere eines jeden Schriftstellers, während der man jeden negative Kommentar über die eigene Arbeit in sich hineinfrisst und gleichzeitig eine standhafte Arroganz bewahren muss, was den Wert der betreffenden Arbeit angeht.)
   Nun verlieh mir der Erfolg, den »Dradin« in Buchform erfuhr, eine Menge Selbstvertrauen. Vor, während und nach der ununterbrochenen Beschäftigung, die mir die Publicity für Stepan Chapmans Buch The Troika 1997 abverlangte (und der Zusammenstellung von Leviathan 2 in 1998), schrieb ich drei Geschichten in (für mich) schneller Abfolge: »Die Verwandlung des Martin See«, »Hoegbottons Führer zur Frühgeschichte der Stadt Ambra« und »Der seltsame Fall von X«. (Ich schrieb ebenfalls eine sehr kurze Geschichte mit dem Titel »Exponat H«, ein Vorläufer der »Frühgeschichte«.)
   Die Erfahrung, die ich beim Schreiben dieser drei langen Kurzgeschichten oder Novellen machte, war der von Dradin nicht völlig unähnlich, stellte mich aber auch vor neue Probleme. Bei allen dreien hatte ich eine blitzartige Inspiration, schrieb ich Anfangsszenen, die fast keiner Revision bedurften. Allerdings floss mir der Rest bei »Martin See« und »Der seltsame Fall von X« ebenso mühelos in die Feder. Die ersten Entwürfe waren innerhalb kürzester Zeit zu Papier gebracht, und es gab im gesamten Arbeitsverlauf keine bedeutsamen Änderungen, was die eigentliche Handlung oder die Figuren betrifft. Die »Frühgeschichte« erforderte viele Stunden Recherche über byzantinische Geschichte und brauchte deshalb mehr Zeit, fiel mir aber ebenfalls ausgesprochen leicht.
   Möglicherweise fiel es mir deswegen so leicht, »Der seltsame Fall von X«[1] zu schreiben, weil ich die Geschichte nie veröffentlichen wollte. Die Idee hatte ich von einer Illustration, die Eric Schaller mir schickte und auf der die Pilzbewohner aus »Dradin« als Zeichentrickfiguren à la Disney abgebildet waren. Ohne dieses Bild, das er auf einen Briefumschlag gekritzelt hatte, gäbe es die Geschichte nicht – und ohne das Bild wäre möglicherweise nie etwas aus Erics späteren und umfassenderen Illustrationen für Stadt der Heiligen & Verrückten geworden.
   »Der seltsame Fall von X« habe ich geschrieben, weil ich einige Probleme behandeln wollte, die beim Schreiben der Ambra-Geschichten auftraten. Zum einen war ich noch nie so lange am Stück »inspiriert« gewesen, wie es mir beim Schreiben der Ambra-Geschichten geschehen ist – meine Hand schrieb Dinge, mit denen der Kopf nichts zu tun hatte. Das hat mich erschreckt, weil ich mich bald beim Nachgrübeln erwischt habe, was denn geschieht, wenn der Hahn plötzlich abgedreht wird und ich immer noch keine Ahnung habe, was da durch mich gesprochen hat.
   Ich habe mich auch weiterhin mit der Frage auseinander gesetzt, was denn dem Schriftsteller am ehesten zugute kommt: das Schreiben als Teil eines gut ausbalancierten und gesellschaftlich aktiven Lebens oder als ein Eremit in einer alten Strandhütte zu schreiben. Kurz gesagt, ich habe mit der Obsession selbst gekämpft, wie sie sich eben im Schreiben äußerte.
   Diese Geschichte zu schreiben hatte zudem den heilsamen Effekt, dass Ambra nicht mehr nur in meiner eigenen Phantasie verortet war. Auch wenn es nur ein geistiger Trick war, schien doch jede Geschichte, die ich danach über Ambra schrieb, von meinem eigenen Denken klar getrennt. Irgendwo dort draußen existierte Ambra, und ich war nur Empfänger von »Nachrichten« von diesem Ort. Aus irgendeinem Grund empfand ich das als befreiend und entspannend, und somit hatte ich wieder Spaß am Erschaffen der Geschichten über Ambra. Trotzdem, an Verlage wollte ich sie immer noch nicht schicken.
   Als ich dann die Geschichte an meine ersten Leser – die auch meine Freunde waren – verschickte, riefen sie mich an und fragten, ob ich es mir auch gut gehe. Nicht nur hatten sie »X« mit mir gleichgesetzt, nein, die Geschichte war auch noch kraftvoll genug, das Denken meiner Freunde zu beeinflussen. Als sich diese Reaktionen häuften, gelangte ich zu der Feststellung, dass die Geschichte mehr war als bloß Selbsterkundung – ich könnte sie durchaus veröffentlichen.
   Auch für »Die Frühgeschichte von Ambra« hegte ich persönlich geringe oder wohl eher pragmatische Erwartungen. Inspiriert wurde sie zum Teil von Vladimir Nabokovs Fahles Feuer, zum Teil von den wundervollen Büchern über die byzantinische Geschichte, die John Julius Norwich geschrieben hat. »Die Frühgeschichte von Ambra« fasst, für die Veröffentlichung in einen erfundenen Reiseführer, über vierhundert Jahre der Geschichte Ambras zusammen. Autor ist ein griesgrämiger Historiker, der in Form von Fußnoten sarkastische Kommentare anfügt. Ganz offenbar war ich an einer Karriere als Schriftsteller nicht interessiert.
   Ich habe die Geschichte nie an irgendein Magazin geschickt – mir war klar, dass kein Verleger an einer dreißigtausend Worte langen Geschichte mit mehr als einhundert Fußnoten interessiert ist, die sich dazu als eine historische Schrift tarnt. (Obwohl ich sie an einen Wettbewerb für Kurzromane einschickte, ohne Erfolg.)
   Die ersten Leser haben oft nicht gewusst, was sie davon halten sollen. Zugegeben, etwa die Hälfte fand Gefallen daran. Aber ein häufiger Kommentar der übrigen lautete: »Das ist doch keine Geschichte.« Eine andere Reaktion – und die hat mich wirklich geärgert – lautete in etwa so: »Jeff, du hast da einen großartigen Hintergrund für eine Geschichte. Jetzt kennst du die ganze Geschichte von Ambra und kannst wirkliche Geschichten über die Stille und die anderen Ereignisse schreiben, kannst das ausarbeiten, was du hier nur umrissen hast.« Darauf meine Antwort: Nein, das ist die Geschichte; dieser Abriss ist die Geschichte. Ich hatte kein Interesse daran, diese Ereignisse auszuarbeiten. Einige Leute haben mir sogar den Ratschlag gegeben, »Frühgeschichte« nicht an Verlage und Magazine zu schicken, denn »das ist keine Geschichte«. War ich ebenfalls dieser Meinung? Eigentlich nicht. Ich habe keine Erklärung dafür, dass ich die Hälfte der Ratschläge, die ich für »Frühgeschichte« erhalten habe, in den Wind schlug, außer der, dass sie mit dem eigentlichen Text anscheinend nichts zu tun hatten.
   Schließlich schickte ich »Frühgeschichte« an Jeffrey Thomas, der regelmäßig die undankbare Rolle meines ersten Lesers übernimmt, und er fragte mich, ob er diese Geschichte im Rahmen seiner Necropolitan Press als Heftchen in einer Auflage von 300 Stück drucken dürfe. Ich nahm sein großzügiges Angebot an. Damals schien es mir die beste Möglichkeit zu sein. (Tatsächlich war es das Beste, was mir passieren konnte – denn während »Martin See« und »Der seltsame Fall von X« bei ihrem ersten Erscheinen weitgehend unbemerkt blieben, erntete »Frühgeschichte« Lob von Größen wie Norman Spinrad in ASIMOV'S SF MAGAZINE und Brian Stableford, der es in VECTOR als eines der besten Bücher des Jahres bezeichnete.)[2]
   »Der seltsame Fall von X« brachte ich in Stephen Jones’ Anthologie White of the Moon unter. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diese Erzählung an niemand anderen geschickt habe, aber »Die Verwandlung des Martin See« ging an FANTASY & SCIENCE FICTION, DARK TERRORS, STARLIGHT und einige andere, bevor Wayne Edwards die Geschichte für seine Anthologie Palace Corbie annahm.
   Warum Verleger »Der seltsame Fall von X« oder die »Frühgeschichte« ablehnten, war mir klar, aber dass »Martin See« zu seltsam oder nicht gut genug sein sollte, um veröffentlicht zu werden (in einer professionellen und vor allem bezahlten Form veröffentlicht zu werden, so dankbar ich auch für Palace Corbie war), konnte ich nicht ganz glauben. Ich hatte einfach zu hart daran gearbeitet. So einfach mir auch Plot und Protagonisten zugefallen waren, so besessen hatte ich an der Novelle gearbeitet und Schicht um Schicht über die Grundstruktur aufgetragen. Ich habe Wochen dafür gebraucht, allein die Farbgebung in den einzelnen Szenen aufeinander abzustimmen. Ich habe zahllose Bilder von Ernst und Chagall und Dali studiert, dazu mehrere Bücher über Kunstkritik. In Martin See habe ich auch viel von mir selbst als ein junger Mann in seinen frühen Zwanzigern eingearbeitet, und für das Atelier habe ich mich Erinnerungen an das Atelier meiner Mutter verwendet. Ich habe Szenen aus Ian McEwans Buch The Innocent – nur eines von vielen – studiert und zerlegt, um herauszufinden, wie man Gewalt überzeugend darstellt. Bedeutet das denn automatisch, dass das Endergebnis gelungen ist? Natürlich nicht, aber mir war klar, dass ich meine Technik mit dieser Geschichte ungemein verbessert hatte. Mir war auch klar, dass es wohl sehr lange dauern würde, bis ich wieder etwas mit einer so »konventionellen« Struktur verfassen würde.
   Wie bei »Dradin« war ich auch hier überzeugt, dass ich etwas Besonderes geschrieben hatte, das wegen seiner Länge oder vielleicht aufgrund einer besonderen Einstellung oder eines Vorurteils seitens der Zeitschriftenredakteure oder wegen anderer unglücklicher Umstände unbemerkt und ungeschätzt geblieben war. Inzwischen hatte ich mich allerdings daran gewöhnt. Es war nun Teil meines Lebens als Schriftstellers geworden. Ich konnte entweder etwas anderes schreiben, oder an meine Fähigkeiten glauben.
   Es war eine schwierige Entscheidung – und vor allem eine, die ich wieder und wieder treffen muss. Wie bereits erwähnt, muss man sich die eigenen Mängel und Schwächen eingestehen und an ihnen arbeiten. Einfach zu sagen: »diese Leute verstehen es ganz einfach nicht – die Geschichte ist gut«, nur um später herauszufinden, na ja, eigentlich hatten diese Leute nicht Unrecht, das war keine Option. Ich las die Ambra-Novellen erneut, hielt sie aber immer noch für gut. Was nicht heißen soll, dass ich keine Verwerfungslinien in ihnen finden konnte – in jeder Geschichte gibt es eine oder zwei davon –, sondern dass ich wirklich an diese Geschichten glaubte. Und ich glaubte auch daran, dass Ambra ein interessanter und faszinierender Ort war.

Das Buch von Ambra wird sichtbar

Nachdem ich nun vier Novellen hatte (auch wenn »Der seltsame Fall von X« technisch gesehen nur eine lange Kurzgeschichte ist), dachte ich mir, das wäre genug für einen Sammelband. Vielleicht würde ich mit einem Buch, in dem das Ambra-Material gesammelt war, eher einen Nerv treffen als mit den einzelnen Geschichten, insbesondere weil ich mich nun anderen Torwächtern zu stellen hatte: Verlagslektoren, und nicht mehr Zeitschriftenredakteuren.
   Ich schickte Anfragen an Agenten und Verlage. Zu viele hielten das Buch für eine Sammlung von Kurzgeschichten, aber ich sah darin einen Mosaikroman (oder, wie es manche nannten, ein »Arrangement«; Hauptfiguren einer Geschichte tauchen als Nebenfiguren in einer anderen wieder auf usw.). Eine Kurzgeschichtensammlung von einem unbekannten Autor? Das war nicht genug für einen großen Verlag – ich würde einen Roman brauchen. Aber das war doch ein Roman, schimpfte ich. Nur eben kein konventioneller.
   Meine beste Gelegenheit zur Veröffentlichung kam 1999, als sich John Oakes von Four Walls Eight Windows das Buch (das damals nur Das Buch von Ambra hieß) ansah. Er rief mich an, um mir mitzuteilen, dass ihm der Stil sehr gut gefiele, aber die Geschichten nicht kommerziell genug seien und er nichts mit vier Novellen anfangen konnte – einen Roman sollte ich ihm schicken. (Damals schickte meine Agentin, eine überaus freundliche Frau aus England, die üblicherweise Kinderbücher betreut, eine vergleichsweise geschliffene Fassung meines Science-Fiction Romans Veniss Underground an alle möglichen Verlage, also schickten wir ihm das. Er biss nicht an, sandte mir aber eine äußerst freundliche Ablehnung zurück.) Bald hatte ich alle großen Verlage durch, die möglicherweise Interesse an einem Buch zeigen könnten, das aus vier ineinander greifenden Novellen besteht. Dann stieß ich auf die Invisible Cities Press, denen das Buch gefiel und die mit der Idee spielten, eine ihrer Ausgaben ganz der Stadt Ambra zu widmen. Eine Zusammenarbeit schien immer wahrscheinlicher, aber dann bekam ich eine E-Mail von meiner Ansprechpartnerin im Verlag. Sie fragte mich, ob ich einverstanden wäre, die Geschichten umzuschreiben und sie in Paris um 1900 spielen zu lassen. Wenn ich dabei auch die Pilzbewohner loswerden könnte, wäre das fabelhaft. Ich antwortete ihr mit einem zornigen E-Mail – eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen ich das auch später noch für angemessen hielt – und beendete unsere Zusammenarbeit.
   Einige Monate lang überlegte sich Alan M. Clark von IFD Publishing, ob er das Buch veröffentlichen wollte, aber dann spielten meine Paranoia (das geistige Zurückzucken, das ich so gut kannte; eine Auseinandersetzung darüber ob ich mein Werk ändern würde, damit es zu den vorgeschlagenen Illustrationen für das Buch passte), schlechtes Timing und mein Unwillen, alle Illustrationen von einem einzigen Künstler anfertigen zu lassen zusammen und vereitelten das Projekt – aber von da an hatte es einen Namen: Stadt der Heiligen & Verrückten.

Stadt der Heiligen & Verrückten war ganz offensichtlich verflucht – vom Schicksal dazu verdammt, ohne Steuermann und ohne Verlag dahinzutreiben, bis es ein unüberwindliches Hindernis rammen und sinken würde.

Der seltsame Fall von »S«

Just als es schien, das würde Buch nie einen Verlag finden, tauchte Dr. S. auf, der damals in Schweden lebte und einen Verlag namens Imaginary World Press leitete, und er begann sich für Stadt der Heiligen & Verrückten zu interessieren. Ich hatte wieder einen Verleger. Noch besser, Dr. S. bat Michael Moorcock, eine Einleitung zu schreiben. Unglaublicherweise las Moorcock die Geschichten, sie gefielen ihm und er schrieb diese Einleitung tatsächlich. (Zumindest dafür bin ich Dr. S. außerordentlich dankbar: durch ihn habe ich Bekanntschaft mit Michael Moorcock geschlossen, dessen Großzügigkeit und Freundlichkeit mir als Schriftsteller, als Herausgeber und nicht zuletzt für meine Karriere unschätzbar wertvoll waren.)
   Kurz darauf, im August 2000, glaube ich, erhielt ich eine unglaubliche Neuigkeit. In einem Akt der Verzweiflung hatte ich »Martin See« aus Palace Corbie photokopiert und an die Preisrichter des World Fantasy Award geschickt. Dass sie die Geschichte tatsächlich lesen würden, daran hatte ich nicht einmal eine Sekunde lang gedacht, aber plötzlich stand sie dort – mitten unter den Finalisten für die beste Novelle! Ich war so erschocken wie in meinem Leben noch nicht - zumindest so lange, bis ich erfuhr, dass »Martin See« tatsächlich gewonnen hatte, zusammen mit einer Novelle von Lauren Winter. Ich glaube, mir ist buchstäblich die Kinnlade heruntergefallen. Zum ersten Mal in meiner Karriere, so empfand ich, hatte ich, auf eine mysteriöse Art und Weise, die Bestätigung erhalten, von der ich nie gewusst hatte, wie notwendig sie mir war. Nun hatte ich sie erhalten und sie erfüllte mich mit neuer Kraft und Zielstrebigkeit.
   Außerdem fiel der Preis geradezu ideal mit der geplanten Veröffentlichung des Buches zusammen. Einer Veröffentlichung, die unverzüglich hatte bevorstehen sollen – aber wieder änderte sich alles. Zuerst einmal sollten die vier Novellen separat veröffentlich werden, dann als ein Sammelband. Dr. S. heuerte einen Videospieldesigner an, der als kleinen Bonus ein Ambra-Videospiel programmieren sollte. Von dem Mann erhielt ich eine E-Mail und dann kein einziges Wort mehr. Irgendwann einmal sollte ich »Martin See« für eine CD-Aufnahme vorlesen. Keiner dieser Pläne wurde verwirklicht und ich fragte Dr. S. immer wieder, warum wir uns nicht darauf konzentrierten, das Buch einfach zu veröffentlichen, statt immer wieder Energie auf solche Spielereien zu verschwenden.
   Aber es sollte noch schlimmer kommen. Die ganze Zeit während dieses Katz-und-Maus-Spiels hatte ich Vorausbestellungen von meinen Freunden, meiner Familie und meinen Arbeitskollegen gesammelt. Das Geld überwies ich dann an Dr. S. Es war eine Menge Geld. Ich hatte gedacht, wenn ich alle diese Bestellungen sammle, dann kümmert sich Imaginary World Press ganz besonders um Stadt der Heiligen & Verrückten.
   Mehrere Monate vergingen. Die Veröffentlichung lag immer noch in weiter Ferne. Schließlich gestand Dr. S. ein, dass Imaginary World Press in finanziellen Schwierigkeiten war und dass er mein Buch zusammen mit einigen anderen an einen Laden namens Prime Books, von der ich noch nie gehört hatte, weitergeben würde. Das Geld von den Vorbestellungen würde Dr. S. an Sean Wallace, den Leiter von Prime Books schicken und es Prime damit ermöglichen, diesen Bestellungen nachzukommen, ohne Verluste zu machen.
   Im März 2001 begann eine ausgedehnte E-Mail-Korrespondenz zwischen Sean und mir. Irgendwann zwischen März und Mai stellte sich heraus, dass Dr. S. Sean niemals etwas von den Vorbestellungen erzählt, geschweige denn ihm Geld geschickt hatte. Auf Anfragen an Dr. S. bekam ich nur E-Mails mit Entschuldigen und leeren Versprechungen. Anscheinend musste Prime Books nun, wenn sie mein Buch veröffentlichen wollten, das Geld von den Vorbestellungen ersetzen.
   Dann bekam ich ganz andere Art E-Mails von Dr. S., jetzt angeblich auf Flitterwochen in der Schweiz. In diesen E-Mails schrieb er mir, dass er das Geld von den Vorausbestellungen nicht zurückerstatten konnte, weil er alles ausgegeben hatte – angeblich lange bevor er seine Flitterwochen gebucht hatte. Trotzdem wurmte mich das. Was er in den E-Mails schrieb und dann noch der Ort, von dem er diese E-Mails schrieb ...
   Wahrheit hin oder her, es dauerte sehr lange, bis Prime auch nur die Hälfte des Geldes bekam, es dauerte sehr, sehr lange, und in meinem Umgang mit Dr. S. fühlte ich mich wie der Zeitungsjunge, der in Better Off Dead John Cusack wieder und wieder nachstellt. Schließlich machte ich einen Deal mit Dr. S. – ich verzichtete darauf, den Rest des Geldes zu verlangen, und dafür gab es für Sean nur einen kleinen Verlust, was die Vorbestellungen betraf.
   In der Zwischenzeit bekam ich über Cosmos Books, das John Betancourt gehört und ebenfalls von Sean geleitet wird, einen Vertrag für eine großformatige Paperbackausgabe. Den akzeptierte ich und wir begannen damit, an dem Buch zu arbeiten. Unglücklicherweise konnten wir wegen der Situation mit Dr. S. die gebundene Ausgabe nicht vor dem Taschenbuch herausbringen – aber in meinem Kopf hatte auch der Funke einer Idee Gestalt angenommen, der das Ganze noch etwas verzögern sollte.
   Also, trotz der Unlogik, eine Paperbackausgabe vor der gebundenen Ausgabe zu veröffentlichen, erschien die erste Ausgabe von Stadt der Heiligen & Verrückten als großformatige Paperbackausgabe im Verlag Cosmos Books und enthielt alle vier Novellen. Es wurde mit bemerkenswert viel Lob empfangen, schaffte es auf die Empfehlungsliste des LOCUS MAGAZINE und bekam in einer Reihe prominenter Magazine gute Kritiken. China Miéville, der noch auf der Erfolgswelle von Perdido Street Station ritt, schrieb mir als einer von vielen ein paar lobende Worte für das Cover. Das Buch erhielt Unterstützung von Nick Gevers, Michael Levy und Brian Stableford. Endlich konnte ich mich entspannen.
   Die Cosmos-Ausgabe Edition von Stadt der Heiligen & Verrückten war allerdings nur der Beginn der Geschichte dieses Buches. Lange mörderische Monate der Vorbereitung standen uns noch bevor, während denen teilweise meine eigenen unrealistischen Erwartungen und teilweise die eingeschränkten Möglichkeiten eines Verlages die Schuld trugen, der seine Bücher im noch nicht ganz ausgereiften »Print on Demand«-Verfahren druckte.

Weiter im Teil 2: Blut, Schweiß und Erlösung -->


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© 2005 by Jeff VanderMeer
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung unter dem Titel
»City of Saints & Madmen: The Untold Story«
am 5. April 2004 online auf THE AGONY COLUMN
Die Übersetzung folgt der Buchausgabe in Why Should I Cut Your Throat?
Deutsche Übersetzung von Sebastian Buchner
© 2005 by Sebastian Buchner & Shayol Verlag

Verwendung der Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von Klett-Cotta


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Anmerkungen

1   Den Titel habe ich von H.P. Lovecrafts Geschichte »Der seltsame Fall von Charles Dexter Ward«, auch wenn die beiden Geschichten bis auf ein allgemeines Interesse am menschlichem Wahnsinn nichts gemeinsam haben.
2   Paul DiFillipo schrieb für den Umschlag folgendes Zitat, das mir noch heute schmeichelt: »Das gemeine Volk möge mich als einen Grauhut verleumden und mir mit rohen Cababari das Maul stopfen, aber trotz all diesem üblen Nachruf werde ich weiterhin an der Meinung festhalten, dass es eine mehr als wunderbare Sache ist, Duncan Shrieks Klassiker Hoegbottons Führer durch die Frühgeschichte von Ambra wieder käuflich erwerben zu können. Oh, wie mich dieses Buch als Kind gefesselt hat! Dieser unheimliche Prunk, der Geschmack von Blut und von Donner, diese arkanen kliometrischen Kleinigkeiten – alles aufbereitet in jenem zum Lesen zwingenden, vor Spott triefenden Stil, der Duncan Shriek zurecht berühmt machte – halfen mir durch mehr als einen trüben Tag meiner Jugend und weckten in mir eine lebenslange Anhänglichkeit zu der erstaunlichen Geschichte unserer einzigartigen Stadt. Mit bubenhaftem Eifer fraß ich mich durch die grausigen und erschütternden Abenteuer, die Manzikert I. alleine durchstehen musste, las von den Qualen, wie sie die Opfer der Stille massenhaft erdulden mussten, und sobald ich das Buch beendet hatte, begann ich erneut, es von der erste Seite an zu lesen. Und erst diese Fußnoten, dieses Glossar! Niemand kann eine Fuß- oder Endnote mit solchen Schmähungen, mit solcher Konsternierung oder Erbitterung verfassen wie Shriek, der gerissene alte Hund! Aber Shrieks größter literarischer Taschenspieltrick ist und bleibt die Erfindung von »Jeff VanderMeer«, den er als Strohmann benutzt und dessen er sich zur Veröffentlichungen bedient. Stilisiert als schattenhafter Demiurg, der die historische Persönlichkeit, die wir unter dem Namen Duncan Shriek kennen, angeblich »geschaffen« hat, ist VanderMeer ein Glücksgriff literarischer Schöpferkraft. Wie kann es einem Mann, selbst einem Halbgott, gelingen, die literarischen Talente von Nabokov, Borges, Barthelme, Cabell, Clark Ashton Smith, Sueton und Bernal Diaz in ein und derselben Person zu vereinigen? So etwas ist und bleibt unmöglich! Nein, Shrieks Erzählung, die uns von Tatsachen berichtet, ist unglaublich genug und verschafft uns lebenslange Freude. Da ist es nicht notwendig, dass wir uns eine weitere Ebene der Phantasie vorstellen, aus der er gefallen sein könnte. So viel muss genügen: Jeder, der dieses Buch zur Hand nimmt und darin schmökert, wird sich bald in einer Welt wiederfinden, die so reich an teuflischen und verworrenen Erfindungen ist – die so unterhaltsam ist –, dass Versuche, darüber einen Meta-Autoren festzustellen, bald als eine Farce vergessen sein werden.« (Um die Trennwand zwischen Fiktion und Wirklichkeit noch durchlässiger zu machen, habe ich Teile von Pauls absolut wundervollem Rezension als Dialog in »Die Verwandlung des Martin See« eingebaut.)

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Siehe auch
VanderMeers Geheimnisse: Eine Einführung
Was Sie über Stadt der Heiligen & Verrückten schon immer einmal nicht wissen wollten ... • Teil 1
Was Sie über Stadt der Heiligen & Verrückten schon immer einmal nicht wissen wollten ... • Teil 2
Das schönste Feuerwerk der Welt - Ein Interview mit Jeff VanderMeer
Jeff VanderMeer, »Exponat H« [Story]
Jeff VanderMeer, »Die Geschichte vom Knochenschnitzer« [Story]
Jeff Vandermeer: Stadt der Heiligen & Verrückten [Rezension]
Homepage von Jeff VanderMeer
Infos zu Stadt der Heiligen & Verrückten bei Klett-Cotta
Infos, Leseprobe und Stimmen zu Stadt der Heiligen & Verrückten bei der Hobbitpresse
Ein Ausflug nach Ambra
Hinter den Kulissen • Wie Medien entstehen
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21.05.06 • 10.06.06