Exponat H:
Herausgerissene Seiten, die in der Westentasche eines nicht
identifizierten Touristen gefunden wurden
(man beachte die rostrote Verfärbung der linken oberen Ecke)
AUSZUG AUS HOEGBOTTONS
KURZER REISEFÜHRER
DURCH DIE SÜDLICHE STADT AMBRA
Kapitel 77: Eingehende Erklärung für das
scheinbare Fehlen von Reinigungsarbeitern in der Stadt
(und warum Touristen nichts befürchten sollten)
Wenn der Tourist zum ersten Mal die legendäre Stadt Ambra besucht, wird er bald der
scharlachroten, rechteckigen Fahnen gewahr werden, nicht größer als ein Fetzen
Seidenstoff, am oberen Ende bleistiftdünner Stöcke befestigt, die in den Erdboden oder
zwischen Pflasterfugen eingeschlagen sind. Nämlicher Reisender wird auf seinen
Streifzügen durch das Religionsviertel, durch die verschiedenen Handelsbezirke oder sogar
das heruntergekommene Industriegebiet vielleicht feststellen, dass auf den Straßen
keinerlei verdorbene Nahrungsmittel liegen, keine menschlichen Exkremente, kein Altpapier,
Müll aller Art wie auch die Sauberkeit der Rinnsteine, der Bürgersteige und der
Vortreppen öffentlicher Gebäude, die allesamt geradezu wie geleckt aussehen; und
zweifellos wird ihn das einigermaßen verwundern, steht dieser blitzblanke Zustand der
Stadt doch in scharfem Kontrast mit dem verkommenen Zustand von Belezar, Stockton, Tratnor
und den anderen malerischen Städten, die sich beiderseits des schlickschleudernden
Mott-Flusses erstrecken.
Solch ein naiver Reisender (soweit er nicht so klug war, sich den
vorliegenden Reiseführer zu kaufen, der in Ambra selbst nur in der Buchhandlung Borges
[siehe Kap. 8, »Kulturelle Anziehungspunkte«] zu erhalten ist) wird auf den ersten,
womöglich auch auf den zweiten und dritten Blick vielleicht nicht den Zusammenhang
zwischen den Fahnen, gleichförmig und wohlpositioniert wie die Messpunkte von
Landvermessern, und der außergewöhnlichen Sauberkeit der verschlungenen Gassen der Stadt
erkennen. Der unaufmerksame oder naive Reisende wird daher vielleicht niemals die Stadt
selbst begreifen, denn diese Fahnen markieren das Territorium jener einzigartigen Bewohner
von Ambra, die gemeinhin als »Pilzbewohner«[1] bekannt sind, und sind tagsüber das einzige Anzeichen ihrer
Existenz.
Reisende müssen mit einer gewissen ängstlichen Verschlossenheit
seitens der Einheimischen rechnen, wenn sie irgendwelche Fragen nach (a) den roten Fahnen,
die oft dicht und zahlreich wie Unkraut stehen, (b) der außergewöhnlichen Sauberkeit der
Stadt oder insbesondere nach (3) »Pilzbewohnern« stellen. Der neugierige Außenseiter
sollte nicht übermäßig überrascht oder beunruhigt sein, wenn er mit derlei Fragen auf
schweigende, steinerne Gesichter trifft oder gar eine feindselige Reaktion auslöst.
(Siehe in Kap. 6, »Überleben«, die Liste von Manieren, Redensarten und Aussprüchen,
die wütende Einheimische bezaubern oder besänftigen.) Ein Äquivalent zu diesen Fragen,
»Wann ist das Fest des Süßwasserkalmars?«, sollte nach Möglichkeit ebenfalls
vermieden werden. (Siehe Kap. 5, »Das Fest des Süßwasserkalmars: Vorsichtsmaßnahmen,
empfohlene Waffen, Hoegbotten-Schutzhäuser.«)
Vor die Wahl gestellt, übermächtige Neugier bezüglich dieser Dinge
durch Konsultation der Einheimischen oder durch Befragung der Pilzbewohner selbst zu
befriedigen, sollte sich selbst der abenteuerlichste Reisende tunlichst an den
nächstbesten Einheimischen wenden. Die Pilzbewohner schweigen sich generell zu jeder
Frage betreffs ihres abgeschlossenen Clans aus, noch ist damit zu rechnen, dass sie dem
desorientierten oder verirrten Reisen einen Weg in einen sichereren Stadtteil weisen.[2] Ebensowenig dürften sie mit einem zufälligen Passanten über
sonst irgendein Thema sprechen, zumal ihre einzige dokumentierte Sprache zu
gleichen Teilen aus Klick-, Grunz- und feuchten Platschlauten besteht, die bisher sogar
die führenden Linguisten zur Verzweiflung getrieben haben.
Es ist auch nicht zu erwarten, dass der durchschnittliche Besucher
jemals einen Pilzbewohner zu Gesicht bekommt. Diese scheuen Bürger[3] von Ambra schlafen von Sonnenuntergang bis zur Morgenröte, und
obwohl die roten Fahnen oft anzeigen, dass sich in nächster Nähe Pilzbewohner befinden,
ruhen sie am ehesten unterirdisch. Besagte Fahnen die sich immer gehäuft finden,
es sei denn, eine einzelne Fahne markiert die Schwelle eines Wohnhauses oder Gebäudes[4] können einfach eine Öffnung zum Netz alter
Abwasserkanäle und Katakomben bezeichnen, die seit dem Ersten Bauimperium existieren, dem
Trillian der Großbankier vorstand. (Siehe Kap. 3, »Herrscher, Tyrannen und kleinere
Handelsbarone«.)
Der bedeutende Naturforscher und Gesellschaftswissenschaftler Loqueem
Bender ein Vetter des großen Opernkomponisten Voss Bender (siehe Kap. 2,
»Einheimische Berühmtheiten«) hat uns vermittels der blutbefleckten Notizen, die
unweit des Abwasserkanals gefunden wurden, wo man ihn zum letzten Mal sah (siehe Kap. 15,
»Ungelöste Rätsel der Stadt«), wissen lassen, dass die Pilzbewohner über
ausgezeichnete Nachtsicht verfügen, dass aber infolge ihrer seit Generationen bestehenden
Schlafgewohnheiten ihre Augen nicht mehr als nur schwächstes Sonnenlicht vertragen. Wenn
das zutrifft, wo würde diese Unverträglichkeit gewiss die breitkrempigen, schlappen
grauen Filzhüte erklären, die sie tagsüber tragen (und die ihnen im Verein mit ihrem
kleinen Wuchs, ihren tageszeitlichen Gewohnheiten und den langen Hälsen zweifellos ihren
exzentrischen Ruf verschafft hat).[5] Benders Notizen enthalten faszinierende physische Einzelheiten
über die »Pilzbewohner«, die er einst, in der Frühzeit seiner Forschungen, als
»lustige kleine Strolche« bezeichnet hatte: »Ich stelle fest, dass sie bemerkenswert
kräftig sind; diese Kraft ist zumindest teilweise auf einen tief liegenden Schwerpunkt,
äußerst gut entwickelte, fast wurzelartige Beinmuskeln und sehr große, aber
geschmeidige Hände zurückzuführen.« Wenngleich es nicht ratsam ist, einen Pilzbewohner
anzugreifen oder sich auch nur gegen einen Angriff zu verteidigen (in seinen späteren
Notizen empfiehlt L. Bender, ganz still zu stehen, wenn man von einem Pilzbewohner
angegriffen wird), sollte doch angemerkt werden, dass ihre langen, sonderbar
feingliedrigen Hälse leicht brechen, wenn der Reisende an den klammernden, fuchtelnden
Händen vorbeikommt, die abwehrend hochgerissen werden (und die zufällig gerade nach des
Reisenden eigenem Hals greifen könnten).
Es war L. Bender, der als erster glaubwürdige wissenschaftliche
Untersuchungen[6] zu den beiden Hauptbeschäftigungen der Pilzbewohner durchführte:
zur Pilzernte und zur allnächtlichen Reinigung von Ambra. L. Bender entdeckte, dass die
rituelle Säuberung der Straßen der Stadt sie mit reichlichen Überresten versorgte, mit
denen sie ihre mitternächtliche Pilzzucht voranbrachten. »Obwohl die Pilze
größtenteils unterirdisch gezüchtet werden und bis über einen Meter groß, bis zu 30
kg schwer werden können«, schrieb L. Bender, »bricht gelegentlich ein Pilzstreif
wie eine reiche Gold- oder Silberader aus der Unterwelt hervor und übersät die
Wände eines Kaufmannszelts oder die Decke in der Praxis eines Bestattungsunternehmers mit
einem Aufruhr in Malve, Azurblau, Ockergelb, Violett und Totengrau.«
L. Benders Forschungen haben des weiteren bewiesen, dass die nächtliche
Bewältigung der städtischen Abfälle durch die Pilzbewohner nicht auf unglaubliche
Tüchtigkeit zurückzuführen ist, sondern auf eine große Bevölkerung es gibt sie
einfach in größerer Zahl, als sogenannte »Experten« zuvor glaubten ebenso, wie
eine Küchenschabe, die man sieht, auf das Vorhandensein eines Dutzends ungesehener
schließen lässt. Zweitens entdeckte L. Bender durch Studium der wenigen noch vorhandenen
städtischen Aufzeichnungen wie auch der dreißig Jahre umfassenden Niederschriften des
besessenen Statistikers Marmey Gort[7], dass die Bürger von Ambra im Laufe von Jahrhunderten ihre
Konsum- und Müllbeseitigungsgewohnheiten so verändert hatten, dass sie eine leichte
Aufnahme durch die Pilzbewohner begünstigen.
Die Haltung der Einheimischen gegenüber den Pilzbewohnern unterscheidet
sich drastisch bei Talbewohnern einer- und Innenstadtbewohnern andererseits (siehe Kap. 9,
»Kulturelle Unterschiede zwischen Tal und Innenstadt, und wie man sie ausnutzt, um
bessere Geschäfte zu machen«), zweifellos, weil die Innenstädter die Pilzbewohner mit
einem dichten Komplex von Legenden umgeben haben, während die Leute im Tal, die sie
selten zu Gesicht bekommen, sie nur von den verwässerten Versionen solcher Geschichten
her kennen.[8]
Diese Legenden reichen über das ganze Spektrum vom Genialen bis zum
Hirnverbrannten, obwohl es dem Reisenden, wie bereits erwähnt, schwer fallen wird, den
Lippen der Einheimischen auch nur ein, zwei Worte zu entlocken. Manche Leute glauben, dass
die Pilzbewohner miteinander in einer geheimen Sprache flüstern und Pläne schmieden, die
so alt ist, dass niemand, nicht einmal im fernen Abendland, sie zu sprechen versteht.
Andere spinnen Geschichten von einem Ursprung in den unterirdischen Höhlen und Tunneln
unter Ambra, die unterstellen, sie seien nicht menschlicher Abkunft. Wieder andere
behaupten, sie seien entlaufene Sträflinge, die sich vor vielen Jahren im Dunklen
gesammelt hätten und nun aus Schuldbewusstsein um die Verbrechen ihrer Vorfahren das
Licht scheuen. Die Matrosen im Hafen haben ihre eigenen Geschichten von Pilzbewohnern, die
Priester schänden und junge Frauen ermorden, um ihren Pilzgewächsen Nahrung zu
verschaffen. Die Armen und Mindergebildeten verbreiten Gerüchte, die den Pilzbewohnern
übernatürliche Kräfte zuschreiben dass Molche, Olme, Nacktschnecken und
Salamander ihnen auf ihren Wegen nachfolgten, während von oben Fledermäuse, Ziegenmelker
und Schwalme ihre Schatten auf sie werfen. Und sogar unter den Gebildeten, zumal in der
von dem bekannten Schriftsteller Sirin geführten Kurznadel-Gruppe, hat
verantwortungsloses Getratsche die olle Kamelle aufgewärmt, Pilzbewohner könnten »unser
Denken einfach dadurch steuern, dass sie überall auf den öffentlichen Plätzen der Stadt
gewisse Pilzsporen ausstreuen, die dann unwissentlich von der Bevölkerung eingeatmet
werden, worauf alsbald ein unnatürliches Interesse an Pilzgewächsen folgt sowie
natürlich eine bedingungslose Hingabe an die Pilzbewohner.«[9]
Die lachhafteste Version über ihren Ursprung jedoch behauptet, sie
hätten einst zu einer Zunft von Müllmännern gehört, die von den Priestern des
Siebenkantigen Sterns eingerichtet wurde, welche vor so vielen Jahrhunderten die Stadt
beherrschten (siehe Kap. 21, »Widerstreitende Religionen«), und während der gesetzlosen
Tage der Brennenden Sonne seien sie zu Wilden geworden, die unter der Erde Zuflucht
suchten, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen wie auch den als Protest gegen die Regierung
gedachten Übergriffe auf städtische Angestellte. (Siehe Kap. 1, »Zur Geschichte der
Stadt«.) Während diese Theorie eine Erklärung für den Drang der Pilzbewohner bietet,
die Stadt vom Abfall zu »säubern«, ignoriert sie die unverkennbar spirituelle Natur
ihrer vielen Riten.
Jedenfalls weisen sogar beiläufig gewonnene Indizien seltener
Augenzeugen (darunter zwei von den Herausgebern dieses Buches) darauf hin, dass die
Bewohner der Innenstadt die Pilzbewohner insgeheim verehren[10], indem sie über Nacht Teller mit Eiern und feuchtem Brot oder
Krüge mit Milchbrei hinausstellen, während man weiß, dass manche kleinen Mädchen und
Jungen, seltsam furchtlos, sie wie Tauben oder Eichhörnchen aus der Hand gefüttert
haben. Für den Reisenden, der sich für eine gelehrtere Untersuchung des
Pilzbewohner-Mythos interessiert, bietet das L.-Bender-Gedächtnismuseum, bis vor kurzem
von seiner Frau Galendrace Bender unterhalten[11], einen guten Ausgangs- und Endpunkt. Das Museum enthält die
eigentlichen blutbefleckten Notizen, die neben L. Benders letztem bekannten Aufenthaltsort
entdeckt wurden. Es verfügt auch über Gegenstände, die L. Bender von einem
unterirdischen Kultort der Pilzbewohner gestohlen hat, darunter so rätselhafte Objekte
wie einen uralten Regenschirm, einen in Äther konservierten Entenembryo, einen Mopp, der
sogar noch älter als der Schirm ist, und das Lenkrad eines jetzt ausgestorbenen
Motorfahrzeugs.
Wie die meisten Attraktionen von Ambra sollte der Reisende das Museum
jedoch nicht nach Einbruch der Dunkelheit besuchen. Um die in Kap. 13 dargelegten
Sicherheitsvorkehrungen zu wiederholen: Meiden sollte der kluge Tourist das
Religionsviertel, das Industriegebiet, den Majori-Handelsbezirk, den
Hoegbotton-Handelsbezirk (ausgenommen die Hoegbotton-Schutzhäuser, halber Preis während
der Monsun-Saison), den Hafen und das alte Verwaltungszentrum. Trotz ihrer fabelhaften
Nachtsicht sind Pilzbewohner notorisch kurzsichtig und haben bekanntermaßen sogar den
bestangezogen Herrn schon für eine exotische Form von Abfall gehalten, die zu entsorgen
und unter die Erde zu verbringen ist.
Wenn man sich Pilzbewohnern gegenübersieht (sie sind oft in Gruppen zu
50 oder mehr unterwegs), gehören zu den sicheren Orten (zusätzlich zu Hoegbottons
Schutzhäusern): 1. die oberen Etagen hoher Gebäude, insbesondere solcher, die keine
Speiseaufzüge oder Lüftungsschächte besitzen; 2. die obersten Äste hoher Bäume,
Pilzbewohner sind bestenfalls mittelmäßige Kletterer und werden bei Tagesanbruch ihre
Beute vergessen und unter die Erde zurückkehren, was dem Reisenden reichlich Gelegenheit
bietet, einem möglicherweise von ihnen zurückgelassenen lichtempfindlichen Wachtposten
zu entkommen; 3. die Mitte großer Gruppen anderer Touristen (Gruppen von Einheimischen
neigen möglicherweise dazu, den ahnungslosen Reisenden auszuliefern).
Der Reisende, der dieses Jahr einen Urlaub in Ambra plant, sollte von
der oben dargelegten Information nicht über Gebühr beunruhigt sein. Tatsächlich hat es
dieses Jahr weitaus weniger Todesfälle unter Touristen gegeben als in den drei Jahren
zuvor zusammen, was zweifellos teilweise auf das extensive, stadtweite Blutbad
zurückzuführen ist, zu dem es beim vorjährigen Fest des Süßwasserkalmars gekommen ist
(siehe Kap. 5). Aus diesem Grunde sind die Herausgeber dieses Reiseführers[12] der Ansicht, dass sogar Reisende, die dem scheinbaren Fehlen von
Reinigungsarbeitern in Ambra zu eingehend nachforschen, sich eines angenehmen Aufenthalts
erfreuen werden. |
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Fußnoten
1 Siehe dazu bitte »Erkundung
eines Themas«, die ziemlich ungenaue, aber angenehme Wiedergabe durch den berühmten
Collagekünstler des vorigen Jahrhunderts Michael Shores. Shores hat in seine Montage eine
noch frühere und verspieltere Zeichnung des »Mönchsfisches« von dem gefeierten
Zeichner Nablodsky einbezogen. Die »Erkundung« ist derzeit im
Voss-Bender-Gedächtnismuseum für Kunst ausgestellt.
2 Eine Liste preiswerter
Hoegbotten-Schutzhäuser finden Sie in Anhang A.
3 Von betrunkenen Einheimischen mitunter
»Pilzis« genannt, nie aber von nüchternen. Wenn der zu boshaften Streichen aufgelegte
Reisende einen ausgewachsenen Aufruhr provozieren will, braucht er in der Tat nur in eine
volle Kneipe oder Kirche zu rufen: »Ihr seid alle ein Haufen von blöden
Pilzis!«
4 Betreten Sie keinesfalls ein
derart gekennzeichnetes Haus oder Gebäude. Bei näherer Betrachtung erweist sich oft,
dass derlei Wohnstätten Verwandte enthalten, die den Tod eines Verstorbenen beklagen,
welcher noch in einem Wohnzimmersarg zugegen ist. Die Pilzbewohner scheinen ein besonders
feines Gespür für die Anwesenheit des Todes zu haben.
5 Übrigens erhielt L. Bender postum vom
Institut für Gesellschaftsforschung Morrow den Kaschmir-Anverkennungspreis für »seine
enge Freundschaft mit und tiefschürfenden Studien an den Pilzbewohnern«. Das vom
Institut veröffentlichte Buch mit seinen Notizen ist in der oben erwähnten Buchhandlung
Borges erhältlich.
6 Zuvor hatte es nur solche romantischen
Darstellungen wie eine oberflächliche Schilderung in Voss Benders berühmter Oper »Die
Lichtbrechung in einem Gefängnis« gegeben, gesungen von dem leidenden, zum Selbstmord
neigenden Frange, als er aus dem Fenster blickt und ausruft:
Welch Rätsel, vom Abendrot düster ummalt
verleiht hier der Seele des Elends Gestalt?
Ist strauchelnd das Antlitz der Liebe gekommen,
verkrüppelt, verwirrt, und wimmert es nun
unter dem höhnischen Mond?
Doch nein, die Stadtältesten kamen
voll Eifer zur Säuberung und zum Gebet.
Eher beschreibend ist die folgende melodramatische Passage aus Dradin Kaschmirs halb
autobiographischem Kurzroman Dradin verliebt: »So, wie er dastand, an der
Mündung des Torwegs, hatte Dradin das Gefühl, einer geheimen, verbotenen Welt
nachzuspionieren. Träumten [die Pilzbewohner] von riesigen Pilzen, deren graue Hüte im
dunklen Licht einer Mitternachtssonne schimmerten? Träumten sie von einer Welt, die
allein von der phosphoreszierenden Pracht ihrer Schützlinge erhellt wurde?«
7 Gort führte bis ins Kleinste gehende
Aufzeichnungen über die hygienischen Gebräuche der Stadtbewohner einschließlich ihrer
Müllaufbewahrung. Ein typischer Eintrag lautet: »Subjekt Z: Zunahme der Abortbenutzung,
im Mittel 7x/Tag (5 min. durchschn. Verw.dauer); Anm.: Müllausstoß steigt 3x pro Woche:
Zusammenhang?«
8 Erst vor drei Jahren wurde ein
Pilzbewohner, der vermutlich versehentlich ins Tal gekommen war, von einem
wütenden Mob von Geschäftsleuten gelyncht. (Dementsprechend wird kleinwüchsigen
Reisenden, definiert als »unter 140 cm groß«, empfohlen, das Tal nicht ohne mehrere
Ensembles zusammenwirkender Erkennungsmerkmale zu betreten.)
9 L. Bender scheint das ein für alle
Mal in seiner letzten Folge von Notizen widerlegt zu haben, wo er schreibt: »Ich erlaubte
ihnen nicht nur, meinen gesamten nackten Körper mit den Sporen zu besprühen, sondern
atmete sie bereitwillig ein. Ich bin zu keinem Zeitpunkt eingeschlafen noch in eine
hypnotische Trance verfallen.« Die Sporen scheinen also eine freundliche Willkommensgeste
zu sein.
10 Zwei von den Herausgebern, muss
angemerkt werden, ziehen die Formulierung »insgeheim fürchten« vor, gefolgt von »indem
sie zur Besänftigung über Nacht«.
11 Leider hat Frau Bender, eine
anerkannte Spezialistin für die Fortpflanzung von Pilzgewächsen, ihren Mann nicht lange
überlebt. Sie verschwand einen Monat, bevor diese verbesserte Ausgabe des Reiseführers
in Druck ging, und hinterließ einen Brief, in dem sie zu verstehen gab, sie gedenke in
den Katakomben unter den Pilzbewohnern zu leben. Ein Nachsatz zu dem Brief, u. a. mit
dem Wortlaut »Ich glaube, die Pilzbewohner sind dem Untergang geweihte Ängel [Engel?],
die ihre Flügel, ihre Stellung und sogar jedes Wissen um ihre ruhmreiche Vergangenheit
verloren haben und jetzt einem kummervoll halbbewussten Zustand anheimgegeben sind«,
spricht nicht sehr für ihren gegenwärtigen Geisteszustand, und es bleibt nur zu hoffen,
dass sie eines Tages tatsächlich die Katakomben verlässt. [Frau Bender hat häufig am
Reiseführer durch Ambra mitgearbeitet sie hat zu ebendiesem Artikel Erhebliches
beigetragen , und wir werden ihre Fachkenntnis schmerzlich vermissen. Die
Hrsg.]
12 Mit sechs Stimmen bei zwei
Enthaltungen. |