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ALIEN CONTACT

Jeff VanderMeer

Exponat H

Science Fiction > Alien Contact | Stories
Wie der Autor in seiner Nachbemerkung erklärt, ist der folgende Text eine prototypische »Ambra«-Geschichte, also ein Vorläufer seines Mosaikromans Stadt der Heiligen & Verrückten. Der geneigte Leser wird alsbald feststellen, dass er es hier nicht mit einer gewöhnlichen Erzählung zu tun hat - er möge es als einen Vorgeschmack auf die staunenswerten Wunder sehen, die in genanntem Buche zu finden sind. Die ALIEN CONTACT-Redaktion erklärt, dass sie einmal mehr für Risiken und Nebenwirkungen keine Verantwortung übernimmt.

Exponat H:

Herausgerissene Seiten, die in der Westentasche eines nicht identifizierten Touristen gefunden wurden
(man beachte die rostrote Verfärbung der linken oberen Ecke)

AUSZUG AUS HOEGBOTTONS
KURZER REISEFÜHRER
DURCH DIE SÜDLICHE STADT AMBRA

Kapitel 77: Eingehende Erklärung für das
scheinbare Fehlen von Reinigungsarbeitern in der Stadt
(und warum Touristen nichts befürchten sollten)

Wenn der Tourist zum ersten Mal die legendäre Stadt Ambra besucht, wird er bald der scharlachroten, rechteckigen Fahnen gewahr werden, nicht größer als ein Fetzen Seidenstoff, am oberen Ende bleistiftdünner Stöcke befestigt, die in den Erdboden oder zwischen Pflasterfugen eingeschlagen sind. Nämlicher Reisender wird auf seinen Streifzügen durch das Religionsviertel, durch die verschiedenen Handelsbezirke oder sogar das heruntergekommene Industriegebiet vielleicht feststellen, dass auf den Straßen keinerlei verdorbene Nahrungsmittel liegen, keine menschlichen Exkremente, kein Altpapier, Müll aller Art – wie auch die Sauberkeit der Rinnsteine, der Bürgersteige und der Vortreppen öffentlicher Gebäude, die allesamt geradezu wie geleckt aussehen; und zweifellos wird ihn das einigermaßen verwundern, steht dieser blitzblanke Zustand der Stadt doch in scharfem Kontrast mit dem verkommenen Zustand von Belezar, Stockton, Tratnor und den anderen malerischen Städten, die sich beiderseits des schlickschleudernden Mott-Flusses erstrecken.
   Solch ein naiver Reisender (soweit er nicht so klug war, sich den vorliegenden Reiseführer zu kaufen, der in Ambra selbst nur in der Buchhandlung Borges [siehe Kap. 8, »Kulturelle Anziehungspunkte«] zu erhalten ist) wird auf den ersten, womöglich auch auf den zweiten und dritten Blick vielleicht nicht den Zusammenhang zwischen den Fahnen, gleichförmig und wohlpositioniert wie die Messpunkte von Landvermessern, und der außergewöhnlichen Sauberkeit der verschlungenen Gassen der Stadt erkennen. Der unaufmerksame oder naive Reisende wird daher vielleicht niemals die Stadt selbst begreifen, denn diese Fahnen markieren das Territorium jener einzigartigen Bewohner von Ambra, die gemeinhin als »Pilzbewohner«[1] bekannt sind, und sind tagsüber das einzige Anzeichen ihrer Existenz.
   Reisende müssen mit einer gewissen ängstlichen Verschlossenheit seitens der Einheimischen rechnen, wenn sie irgendwelche Fragen nach (a) den roten Fahnen, die oft dicht und zahlreich wie Unkraut stehen, (b) der außergewöhnlichen Sauberkeit der Stadt oder insbesondere nach (3) »Pilzbewohnern« stellen. Der neugierige Außenseiter sollte nicht übermäßig überrascht oder beunruhigt sein, wenn er mit derlei Fragen auf schweigende, steinerne Gesichter trifft oder gar eine feindselige Reaktion auslöst. (Siehe in Kap. 6, »Überleben«, die Liste von Manieren, Redensarten und Aussprüchen, die wütende Einheimische bezaubern oder besänftigen.) Ein Äquivalent zu diesen Fragen, »Wann ist das Fest des Süßwasserkalmars?«, sollte nach Möglichkeit ebenfalls vermieden werden. (Siehe Kap. 5, »Das Fest des Süßwasserkalmars: Vorsichtsmaßnahmen, empfohlene Waffen, Hoegbotten-Schutzhäuser.«)
   Vor die Wahl gestellt, übermächtige Neugier bezüglich dieser Dinge durch Konsultation der Einheimischen oder durch Befragung der Pilzbewohner selbst zu befriedigen, sollte sich selbst der abenteuerlichste Reisende tunlichst an den nächstbesten Einheimischen wenden. Die Pilzbewohner schweigen sich generell zu jeder Frage betreffs ihres abgeschlossenen Clans aus, noch ist damit zu rechnen, dass sie dem desorientierten oder verirrten Reisen einen Weg in einen sichereren Stadtteil weisen.[2] Ebensowenig dürften sie mit einem zufälligen Passanten über sonst irgendein Thema sprechen, zumal ihre einzige dokumentierte Sprache zu gleichen Teilen aus Klick-, Grunz- und feuchten Platschlauten besteht, die bisher sogar die führenden Linguisten zur Verzweiflung getrieben haben.
   Es ist auch nicht zu erwarten, dass der durchschnittliche Besucher jemals einen Pilzbewohner zu Gesicht bekommt. Diese scheuen Bürger[3] von Ambra schlafen von Sonnenuntergang bis zur Morgenröte, und obwohl die roten Fahnen oft anzeigen, dass sich in nächster Nähe Pilzbewohner befinden, ruhen sie am ehesten unterirdisch. Besagte Fahnen – die sich immer gehäuft finden, es sei denn, eine einzelne Fahne markiert die Schwelle eines Wohnhauses oder Gebäudes[4] – können einfach eine Öffnung zum Netz alter Abwasserkanäle und Katakomben bezeichnen, die seit dem Ersten Bauimperium existieren, dem Trillian der Großbankier vorstand. (Siehe Kap. 3, »Herrscher, Tyrannen und kleinere Handelsbarone«.)
   Der bedeutende Naturforscher und Gesellschaftswissenschaftler Loqueem Bender – ein Vetter des großen Opernkomponisten Voss Bender (siehe Kap. 2, »Einheimische Berühmtheiten«) – hat uns vermittels der blutbefleckten Notizen, die unweit des Abwasserkanals gefunden wurden, wo man ihn zum letzten Mal sah (siehe Kap. 15, »Ungelöste Rätsel der Stadt«), wissen lassen, dass die Pilzbewohner über ausgezeichnete Nachtsicht verfügen, dass aber infolge ihrer seit Generationen bestehenden Schlafgewohnheiten ihre Augen nicht mehr als nur schwächstes Sonnenlicht vertragen. Wenn das zutrifft, wo würde diese Unverträglichkeit gewiss die breitkrempigen, schlappen grauen Filzhüte erklären, die sie tagsüber tragen (und die ihnen im Verein mit ihrem kleinen Wuchs, ihren tageszeitlichen Gewohnheiten und den langen Hälsen zweifellos ihren exzentrischen Ruf verschafft hat).[5] Benders Notizen enthalten faszinierende physische Einzelheiten über die »Pilzbewohner«, die er einst, in der Frühzeit seiner Forschungen, als »lustige kleine Strolche« bezeichnet hatte: »Ich stelle fest, dass sie bemerkenswert kräftig sind; diese Kraft ist zumindest teilweise auf einen tief liegenden Schwerpunkt, äußerst gut entwickelte, fast wurzelartige Beinmuskeln und sehr große, aber geschmeidige Hände zurückzuführen.« Wenngleich es nicht ratsam ist, einen Pilzbewohner anzugreifen oder sich auch nur gegen einen Angriff zu verteidigen (in seinen späteren Notizen empfiehlt L. Bender, ganz still zu stehen, wenn man von einem Pilzbewohner angegriffen wird), sollte doch angemerkt werden, dass ihre langen, sonderbar feingliedrigen Hälse leicht brechen, wenn der Reisende an den klammernden, fuchtelnden Händen vorbeikommt, die abwehrend hochgerissen werden (und die zufällig gerade nach des Reisenden eigenem Hals greifen könnten).
   Es war L. Bender, der als erster glaubwürdige wissenschaftliche Untersuchungen[6] zu den beiden Hauptbeschäftigungen der Pilzbewohner durchführte: zur Pilzernte und zur allnächtlichen Reinigung von Ambra. L. Bender entdeckte, dass die rituelle Säuberung der Straßen der Stadt sie mit reichlichen Überresten versorgte, mit denen sie ihre mitternächtliche Pilzzucht voranbrachten. »Obwohl die Pilze größtenteils unterirdisch gezüchtet werden und bis über einen Meter groß, bis zu 30 kg schwer werden können«, schrieb L. Bender, »bricht gelegentlich ein Pilzstreif – wie eine reiche Gold- oder Silberader – aus der Unterwelt hervor und übersät die Wände eines Kaufmannszelts oder die Decke in der Praxis eines Bestattungsunternehmers mit einem Aufruhr in Malve, Azurblau, Ockergelb, Violett und Totengrau.«
   L. Benders Forschungen haben des weiteren bewiesen, dass die nächtliche Bewältigung der städtischen Abfälle durch die Pilzbewohner nicht auf unglaubliche Tüchtigkeit zurückzuführen ist, sondern auf eine große Bevölkerung – es gibt sie einfach in größerer Zahl, als sogenannte »Experten« zuvor glaubten – ebenso, wie eine Küchenschabe, die man sieht, auf das Vorhandensein eines Dutzends ungesehener schließen lässt. Zweitens entdeckte L. Bender durch Studium der wenigen noch vorhandenen städtischen Aufzeichnungen wie auch der dreißig Jahre umfassenden Niederschriften des besessenen Statistikers Marmey Gort[7], dass die Bürger von Ambra im Laufe von Jahrhunderten ihre Konsum- und Müllbeseitigungsgewohnheiten so verändert hatten, dass sie eine leichte Aufnahme durch die Pilzbewohner begünstigen.
   Die Haltung der Einheimischen gegenüber den Pilzbewohnern unterscheidet sich drastisch bei Talbewohnern einer- und Innenstadtbewohnern andererseits (siehe Kap. 9, »Kulturelle Unterschiede zwischen Tal und Innenstadt, und wie man sie ausnutzt, um bessere Geschäfte zu machen«), zweifellos, weil die Innenstädter die Pilzbewohner mit einem dichten Komplex von Legenden umgeben haben, während die Leute im Tal, die sie selten zu Gesicht bekommen, sie nur von den verwässerten Versionen solcher Geschichten her kennen.[8]
   Diese Legenden reichen über das ganze Spektrum vom Genialen bis zum Hirnverbrannten, obwohl es dem Reisenden, wie bereits erwähnt, schwer fallen wird, den Lippen der Einheimischen auch nur ein, zwei Worte zu entlocken. Manche Leute glauben, dass die Pilzbewohner miteinander in einer geheimen Sprache flüstern und Pläne schmieden, die so alt ist, dass niemand, nicht einmal im fernen Abendland, sie zu sprechen versteht. Andere spinnen Geschichten von einem Ursprung in den unterirdischen Höhlen und Tunneln unter Ambra, die unterstellen, sie seien nicht menschlicher Abkunft. Wieder andere behaupten, sie seien entlaufene Sträflinge, die sich vor vielen Jahren im Dunklen gesammelt hätten und nun aus Schuldbewusstsein um die Verbrechen ihrer Vorfahren das Licht scheuen. Die Matrosen im Hafen haben ihre eigenen Geschichten von Pilzbewohnern, die Priester schänden und junge Frauen ermorden, um ihren Pilzgewächsen Nahrung zu verschaffen. Die Armen und Mindergebildeten verbreiten Gerüchte, die den Pilzbewohnern übernatürliche Kräfte zuschreiben – dass Molche, Olme, Nacktschnecken und Salamander ihnen auf ihren Wegen nachfolgten, während von oben Fledermäuse, Ziegenmelker und Schwalme ihre Schatten auf sie werfen. Und sogar unter den Gebildeten, zumal in der von dem bekannten Schriftsteller Sirin geführten Kurznadel-Gruppe, hat verantwortungsloses Getratsche die olle Kamelle aufgewärmt, Pilzbewohner könnten »unser Denken einfach dadurch steuern, dass sie überall auf den öffentlichen Plätzen der Stadt gewisse Pilzsporen ausstreuen, die dann unwissentlich von der Bevölkerung eingeatmet werden, worauf alsbald ein unnatürliches Interesse an Pilzgewächsen folgt sowie natürlich eine bedingungslose Hingabe an die Pilzbewohner.«[9]
   Die lachhafteste Version über ihren Ursprung jedoch behauptet, sie hätten einst zu einer Zunft von Müllmännern gehört, die von den Priestern des Siebenkantigen Sterns eingerichtet wurde, welche vor so vielen Jahrhunderten die Stadt beherrschten (siehe Kap. 21, »Widerstreitende Religionen«), und während der gesetzlosen Tage der Brennenden Sonne seien sie zu Wilden geworden, die unter der Erde Zuflucht suchten, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen wie auch den als Protest gegen die Regierung gedachten Übergriffe auf städtische Angestellte. (Siehe Kap. 1, »Zur Geschichte der Stadt«.) Während diese Theorie eine Erklärung für den Drang der Pilzbewohner bietet, die Stadt vom Abfall zu »säubern«, ignoriert sie die unverkennbar spirituelle Natur ihrer vielen Riten.
   Jedenfalls weisen sogar beiläufig gewonnene Indizien seltener Augenzeugen (darunter zwei von den Herausgebern dieses Buches) darauf hin, dass die Bewohner der Innenstadt die Pilzbewohner insgeheim verehren[10], indem sie über Nacht Teller mit Eiern und feuchtem Brot oder Krüge mit Milchbrei hinausstellen, während man weiß, dass manche kleinen Mädchen und Jungen, seltsam furchtlos, sie wie Tauben oder Eichhörnchen aus der Hand gefüttert haben. Für den Reisenden, der sich für eine gelehrtere Untersuchung des Pilzbewohner-Mythos interessiert, bietet das L.-Bender-Gedächtnismuseum, bis vor kurzem von seiner Frau Galendrace Bender unterhalten[11], einen guten Ausgangs- und Endpunkt. Das Museum enthält die eigentlichen blutbefleckten Notizen, die neben L. Benders letztem bekannten Aufenthaltsort entdeckt wurden. Es verfügt auch über Gegenstände, die L. Bender von einem unterirdischen Kultort der Pilzbewohner gestohlen hat, darunter so rätselhafte Objekte wie einen uralten Regenschirm, einen in Äther konservierten Entenembryo, einen Mopp, der sogar noch älter als der Schirm ist, und das Lenkrad eines jetzt ausgestorbenen Motorfahrzeugs.
   Wie die meisten Attraktionen von Ambra sollte der Reisende das Museum jedoch nicht nach Einbruch der Dunkelheit besuchen. Um die in Kap. 13 dargelegten Sicherheitsvorkehrungen zu wiederholen: Meiden sollte der kluge Tourist das Religionsviertel, das Industriegebiet, den Majori-Handelsbezirk, den Hoegbotton-Handelsbezirk (ausgenommen die Hoegbotton-Schutzhäuser, halber Preis während der Monsun-Saison), den Hafen und das alte Verwaltungszentrum. Trotz ihrer fabelhaften Nachtsicht sind Pilzbewohner notorisch kurzsichtig und haben bekanntermaßen sogar den bestangezogen Herrn schon für eine exotische Form von Abfall gehalten, die zu entsorgen und unter die Erde zu verbringen ist.
   Wenn man sich Pilzbewohnern gegenübersieht (sie sind oft in Gruppen zu 50 oder mehr unterwegs), gehören zu den sicheren Orten (zusätzlich zu Hoegbottons Schutzhäusern): 1. die oberen Etagen hoher Gebäude, insbesondere solcher, die keine Speiseaufzüge oder Lüftungsschächte besitzen; 2. die obersten Äste hoher Bäume, Pilzbewohner sind bestenfalls mittelmäßige Kletterer und werden bei Tagesanbruch ihre Beute vergessen und unter die Erde zurückkehren, was dem Reisenden reichlich Gelegenheit bietet, einem möglicherweise von ihnen zurückgelassenen lichtempfindlichen Wachtposten zu entkommen; 3. die Mitte großer Gruppen anderer Touristen (Gruppen von Einheimischen neigen möglicherweise dazu, den ahnungslosen Reisenden auszuliefern).
   Der Reisende, der dieses Jahr einen Urlaub in Ambra plant, sollte von der oben dargelegten Information nicht über Gebühr beunruhigt sein. Tatsächlich hat es dieses Jahr weitaus weniger Todesfälle unter Touristen gegeben als in den drei Jahren zuvor zusammen, was zweifellos teilweise auf das extensive, stadtweite Blutbad zurückzuführen ist, zu dem es beim vorjährigen Fest des Süßwasserkalmars gekommen ist (siehe Kap. 5). Aus diesem Grunde sind die Herausgeber dieses Reiseführers[12] der Ansicht, dass sogar Reisende, die dem scheinbaren Fehlen von Reinigungsarbeitern in Ambra zu eingehend nachforschen, sich eines angenehmen Aufenthalts erfreuen werden.

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Anmerkungen des Autors zu »Exponat H«

Diese Geschichte ging meiner Novelle »Hoegbottons Führer zur Frühgeschichte von Ambra von Duncan Shriek« voran und lieferte mir einen Grobentwurf für meine Herangehensweise an dieses Arbeit. In »Exponat H« ging es mir vor allem darum, ein bisschen ironischen Spaß zu haben, und das merkt man an der Schreibweise. Ich hatte endlich wenigstens eine Möglichkeit gefunden, meinen Sinn für Humor in meinen Geschichten zum Ausdruck zu bringen.
   Viele der hier erstmals skizzierten Themen und Details sind in die »Frühgeschichte« und andere Ambra-Erzählungen eingegangen. »Exponat H« bezeichnet auch den Beginn meiner Experimente mit der Verwendung traditioneller Sachliteratur-Formen zur Herstellung von Belletristik. Mehrere Kritiker haben spekuliert, diese Experimente verdankten sich bei mir einer eingehenden Lektüre von Borges. Obwohl ich Borges mit Vergnügen lese, ging der eigentliche Einfluss hier von dem Historiker John Julius Norwich aus, dessen meisterhafte Arbeiten über byzantinische und normannische Geschichte mich nicht nur mit ihrem Vermögen beeindruckten, faszinierende Einzelheiten an einem starken zentralen Geschichtsstrang aufzufädeln, sondern auch mit Fußnoten, die Prosagedichte von seltener Kraft und Intelligenz sind.

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© 2005 by Jeff VanderMeer
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung unter dem Titel
»Exhibit H: Torn Pages Discovered in the Vest Pocket of an Unidentified Tourist«
in Hermaphrodite Brig, hrsg. von Marni Griffin, Hippogriff Press 1998
Die Übersetzung folgt der Buchausgabe in Secret Life
Deutsche Übersetzung von Erik Simon
© 2005 by Erik Simon & Shayol Verlag

Abb. Pilzbewohner: Eric Schaller

Fußnoten

1   Siehe dazu bitte »Erkundung eines Themas«, die ziemlich ungenaue, aber angenehme Wiedergabe durch den berühmten Collagekünstler des vorigen Jahrhunderts Michael Shores. Shores hat in seine Montage eine noch frühere und verspieltere Zeichnung des »Mönchsfisches« von dem gefeierten Zeichner Nablodsky einbezogen. Die »Erkundung« ist derzeit im Voss-Bender-Gedächtnismuseum für Kunst ausgestellt.
2   Eine Liste preiswerter Hoegbotten-Schutzhäuser finden Sie in Anhang A.
3   Von betrunkenen Einheimischen mitunter »Pilzis« genannt, nie aber von nüchternen. Wenn der zu boshaften Streichen aufgelegte Reisende einen ausgewachsenen Aufruhr provozieren will, braucht er in der Tat nur in eine volle Kneipe oder Kirche zu rufen: »Ihr seid alle ein Haufen von blöden ›Pilzis‹!«
4   Betreten Sie keinesfalls ein derart gekennzeichnetes Haus oder Gebäude. Bei näherer Betrachtung erweist sich oft, dass derlei Wohnstätten Verwandte enthalten, die den Tod eines Verstorbenen beklagen, welcher noch in einem Wohnzimmersarg zugegen ist. Die Pilzbewohner scheinen ein besonders feines Gespür für die Anwesenheit des Todes zu haben.
5   Übrigens erhielt L. Bender postum vom Institut für Gesellschaftsforschung Morrow den Kaschmir-Anverkennungspreis für »seine enge Freundschaft mit und tiefschürfenden Studien an den Pilzbewohnern«. Das vom Institut veröffentlichte Buch mit seinen Notizen ist in der oben erwähnten Buchhandlung Borges erhältlich.
6   Zuvor hatte es nur solche romantischen Darstellungen wie eine oberflächliche Schilderung in Voss Benders berühmter Oper »Die Lichtbrechung in einem Gefängnis« gegeben, gesungen von dem leidenden, zum Selbstmord neigenden Frange, als er aus dem Fenster blickt und ausruft:
   Welch Rätsel, vom Abendrot düster ummalt
   verleiht hier der Seele des Elends Gestalt?
   Ist strauchelnd das Antlitz der Liebe gekommen,
   verkrüppelt, verwirrt, und wimmert es nun
   unter dem höhnischen Mond?
   Doch nein, die Stadtältesten kamen
   voll Eifer zur Säuberung und zum Gebet.

Eher beschreibend ist die folgende melodramatische Passage aus Dradin Kaschmirs halb autobiographischem Kurzroman Dradin verliebt: »So, wie er dastand, an der Mündung des Torwegs, hatte Dradin das Gefühl, einer geheimen, verbotenen Welt nachzuspionieren. Träumten [die Pilzbewohner] von riesigen Pilzen, deren graue Hüte im dunklen Licht einer Mitternachtssonne schimmerten? Träumten sie von einer Welt, die allein von der phosphoreszierenden Pracht ihrer Schützlinge erhellt wurde?«
7   Gort führte bis ins Kleinste gehende Aufzeichnungen über die hygienischen Gebräuche der Stadtbewohner einschließlich ihrer Müllaufbewahrung. Ein typischer Eintrag lautet: »Subjekt Z: Zunahme der Abortbenutzung, im Mittel 7x/Tag (5 min. durchschn. Verw.dauer); Anm.: Müllausstoß steigt 3x pro Woche: Zusammenhang?«
8   Erst vor drei Jahren wurde ein Pilzbewohner, der – vermutlich versehentlich – ins Tal gekommen war, von einem wütenden Mob von Geschäftsleuten gelyncht. (Dementsprechend wird kleinwüchsigen Reisenden, definiert als »unter 140 cm groß«, empfohlen, das Tal nicht ohne mehrere Ensembles zusammenwirkender Erkennungsmerkmale zu betreten.)
9   L. Bender scheint das ein für alle Mal in seiner letzten Folge von Notizen widerlegt zu haben, wo er schreibt: »Ich erlaubte ihnen nicht nur, meinen gesamten nackten Körper mit den Sporen zu besprühen, sondern atmete sie bereitwillig ein. Ich bin zu keinem Zeitpunkt eingeschlafen noch in eine hypnotische Trance verfallen.« Die Sporen scheinen also eine freundliche Willkommensgeste zu sein.
10   Zwei von den Herausgebern, muss angemerkt werden, ziehen die Formulierung »insgeheim fürchten« vor, gefolgt von »indem sie zur Besänftigung über Nacht«.
11   Leider hat Frau Bender, eine anerkannte Spezialistin für die Fortpflanzung von Pilzgewächsen, ihren Mann nicht lange überlebt. Sie verschwand einen Monat, bevor diese verbesserte Ausgabe des Reiseführers in Druck ging, und hinterließ einen Brief, in dem sie zu verstehen gab, sie gedenke in den Katakomben unter den Pilzbewohnern zu leben. Ein Nachsatz zu dem Brief, u. a. mit dem Wortlaut »Ich glaube, die Pilzbewohner sind dem Untergang geweihte Ängel [Engel?], die ihre Flügel, ihre Stellung und sogar jedes Wissen um ihre ruhmreiche Vergangenheit verloren haben und jetzt einem kummervoll halbbewussten Zustand anheimgegeben sind«, spricht nicht sehr für ihren gegenwärtigen Geisteszustand, und es bleibt nur zu hoffen, dass sie eines Tages tatsächlich die Katakomben verlässt. [Frau Bender hat häufig am Reiseführer durch Ambra mitgearbeitet – sie hat zu ebendiesem Artikel Erhebliches beigetragen –, und wir werden ihre Fachkenntnis schmerzlich vermissen. – Die Hrsg.]
12   Mit sechs Stimmen bei zwei Enthaltungen.

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06.09.10 • 08.09.10