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| Science Fiction > Alien Contact | Interview |
| Wenn Sie noch nie in Ambra oder den umliegenden Gegenden waren, dann ist jetzt wohl der richtige Zeitpunkt dafür. Jeff VanderMeer, Autor von Stadt der Heiligen & Verrückten, hat mich bei der Hand genommen und durch verwinkelte Straßen und schmale Gassen geführt ... | |
| Peter
Wild: Ich habe mich Stadt
der Heiligen & Verrückten mit einer gewissen Beklommenheit genähert.
Einerseits hat das wohl mit der Kurzgeschichte zu tun, die quer über das Cover läuft,
andererseits mit der Vielzahl unterschiedlicher Schriftarten, die einem bereits bei einem
kurzen Durchblättern auffallen. Und ein weiterer Grund waren sicher die biographischen
Informationen deiner Wenigkeit, die man auf der hinteren Buchklappe finden kann. Beginnen
wir bei Ihnen: Sie schreiben sich selbst in die komplexen Phantasiegespinste hinein, die
in Stadt der Heiligen & Verrückten entwirrt werden, zur Zeit werden Sie
»vermisst«, dein Buch wurde von Hoegbotton & Söhne »veröffentlicht« den
fiktiven (?) Verlegern, die in der Stadt Ambra aus Stadt der Heiligen &
Verrückten ihren Handelssitz haben ... Was ist denn eigentlich wahr? Sind sie
wirklich Jeff VanderMeer oder ist das ein Pseudonym? Haben Sie den Verlag Hoegbotton &
Söhne selbst gegründet? Wie viele der Bücher, die in deiner Bibliographie aufgelistet
sind, existieren wirklich? (Es tut mir Leid, wenn ich damit Löcher in deine Fabel piekse
aber das ist für mich nun mal ein Zugang zu dieser Welt!) Jeff
VanderMeer: Das sind alles berechtigte Fragen. Es kam mir darauf an, das Buch
ohne ein konspiratives Augenzwinkern oder einen anderen Hinweis auf die Welt loszulassen
in anderen Worten: Mit Ausnahme der Danksagungen sollte das gesamte Buch ein
Artefakt sein; das gesamte Buch, auch die Liste der Bücher am Anfang und die Fußnoten am
Ende, sollten Teil der Geschichte sein. Ich wollte ein Buch, das von Geschichten
durchdrungen und zerfressen ist. In erster Linie wollte ich das, weil ich das
Geschichtenerzählen liebe. Allerdings wollte ich auch mit der Vorstellung spielen, was
denn ein Buch ist, mit den ganzen Ornamenten wollte ich die eigentliche Fabel und somit
das Herzstück des Buches stärken: dass es diese fremde Stadt namens Ambra
möglicherweise wirklich gibt. Allerdings habe ich Penn & Teller[1] immer schon gemocht, wir können also gerne alle Fäden
aufdröseln. PW: Stadt der Heiligen & Verrückten zu lesen ist so, als sähe man das schönste Feuerwerk der Welt Seite um Seite wirkt es wie eines dieser Spektakel, bei denen Feuerwerkskörper detonieren, aus denen sich immer kleinere Feuerwerkskörper lösen, während sie aus dem Nachthimmel stürzen. Wie viel Arbeit ist es, ein Werk von solch lyrischer Dichte wie Stadt der Heiligen & Verrücktenzu schaffen (sowohl hinsichtlich der übergeordneten Struktur vier Novellen, die an ein und demselben mythischen Ort spielen und dazu eine enorme Vielfalt von Fußnoten als auch hinsichtlich der einzelnen Sätze hier denke ich, sagen wir einmal, an die üppige, fast schon wuchernde Stadt, die von Dradin in »Dradin, verliebt« beschrieben wird und an die gleichzeitig witzige und furchterregende Mischung aus Kauzigkeit und grausamen Bluttaten in »Hoegbottons Führer zur Frühgeschichte der Stadt Ambra«)? JV: Die thematische und symbolische Klangvielfalt von Protagonisten
und den Bildern, die diese Protagonisten stützen, entsteht im ersten, groben Entwurf
bevor ich allzu bewusst über den Text nachdenke. Dann folgen sechs bis fünfzehn
Überarbeitungen, in denen ich nach und nach Elemente und Schichten hinzufüge. Ich kann
es nur mit einer körperlichen Arbeit vergleichen: mit dem Kneten von Teig oder Ton. Ich
tippe das Ganze in den Computer, drucke es aus, schreibe es noch einmal mit der Hand,
tippe es ab, nehme es wieder handschriftlich auseinander, baue es dann wieder zusammen und
füge dabei jedes Mal kleine Dinge hinzu, bis alle notwendige Elemente im richtigen
Verhältnis vorhanden sind. Auf eine andere Art käme ich nicht mehr in die Geschichte
hinein, weil ich sie dazu wieder so erleben muss, als würde ich sie zum ersten Mal
schreiben. Dann folgt ein letztes Korrekturlesen. PW: Um das aufzugreifen da Stadt der Heiligen & Verrückten ein äußerst ambitioniertes und auch experimentelles Buch darstellt (Ambition und Experiment, was äußerst wichtig ist, immer im Rahmen einer mitreißenden Erzählung oder eben einer Folge von Erzählungen ... einem Mahlstrom von Erzählungen ...einem... sehen Sie, wie schwierig es ist, das auf einen Punkt zu bringen?), frage ich mich, wie Sie zu der überstrapazierten Bezeichnung »experimentelle Schriftstellerei« stehen. Denken Sie, es schreckt manche Leute ab? Kümmert Sie das? Nachdem Sie diese schwindelerregenden Höhen erklommen haben, denken Sie daran, in die stillen Wasser einer Sie Haben sie angesprochen Alice Sebold abzutauchen? JV: Ich habe nur ein Problem mit der Bezeichnung »experimentelle
Schriftstellerei«. Und das besteht darin, dass viele Leute »experimentell« mit
»humorlos« gleichsetzen. Wenn ich experimentelle Techniken und Herangehensweisen
benutze, bemühe ich mich, wo immer dies möglich ist, eine Menge an Humor einfließen zu
lassen. Ich würde zum Beispiel von keinem Leser erwarten, dass er oder sie sich in die
mehr als einhundert Fußnoten in der »Frühgeschichte« oder die Bibliographie der
Kalmarliteratur in »Der Königskalmar« vertieft, wenn darin kein solides satirisches
oder humoristisches Element zu finden wäre. Das wäre einfach nicht fair. So etwas würde
ich selbst nicht lesen wollen. PW: Auch wenn sich Stadt der Heiligen & Verrückten sehr von allem unterscheidet, was ich bisher kannte (du hast Recht, es ist tatsächlich durchdrungen und zerfressen von Geschichten), hatte ich beim Lesen hin und wieder Déja-vu-Erlebnisse (angefangen mit Italo Calvinos Wenn ein Reisender in einer Winternacht, über Die hungrige Straße von Ben Okri, Don Quijote, Nächte im Zirkus von Angela Carter, Gormenghast von Mervyn Peake, die Geschichten aus 1001 Nacht, Infinite Jest von David Foster Wallace[6], House of Leaves von Mark Danielewski[7] ... und ich bin noch lange nicht fertig). Ich habe mich gefragt, mit welchen dieser Vergleiche Sie einverstanden wären (welche davon Sie als »Inspiration« mit an Bord nehmen würden) und ob Ihnen welche davon völlig missfallen. JV: Auf dieser Liste stehen einige meiner Lieblingsbücher. Calvino, Cervantes, Carter und Peake hefte ich mir sofort als Ehrenmedaillen an die Brust. Den Namen Okri schreibe ich mir beschämt auf ein Stück Papier und stecke das ein das Wenige, was ich von Die hungrige Strassegelesen habe, war großartig, aber ich hab es nie fertig gelesen. Wallace hefte ich mir an den Hintern, weil ich noch nicht ganz überzeugt bin, dass er wirklich so toll ist. Danielewski trag ich noch mit mir herum, weil er nicht unbedingt zu meinen Inspirationen zählt sein Buch habe ich gelesen, lange nachdem ich den Großteil von Stadt der Heiligen & Verrückten geschrieben hatte. House of Leaves ist ein großartiges Buch. Ich würde der Liste auch gerne einige Namen der Liste hinzufügen: Alasdair Gray, Edward Whittemore, Rikki Ducornet und Jorge Luis Borges. Unter ihnen ist Whittemore der Unbekannteste, aber vielleicht der Beste. Glücklicherweise sind seine Bücher neu aufgelegt worden[8] es war geradezu ein Verbrechen, ihn nicht zu drucken. Dass ein so talentierter Schriftsteller der selbst Thomas Pynchon gewachsen ist mehr als fünfzehn Jahre vergriffen war, ist eigentlich undenkbar. Auch das, was Steve Aylett schreibt, finde ich sehr gut er und dann noch Richard Calder. PW: Gestern Abend habe ich »Die Verwandlung des Martin See« noch einmal gelesen so eine Art Porträt des Künstlers als junger Mann, wie es Hieronymus Bosch gemalt hätte oder Stanley Kubrick verfilmt (als Eyes Razorwired Shutvielleicht?) oder Edgar Allan Poe nach einer besonders langen durchsoffenen Nacht geschrieben hätte -, und mir ist besonders die Gegenüberstellung von Fiktion und Tatsachen aufgefallen, ähnliche wie bei dem Historiker in »Hoegbotton Führer zur Frühgeschichte« die Geschichte von Martin See verläuft parallel mit der kritischen Würdigung seines Werkes ... und letztere liegt so gut wie immer falsch. Herr VanderMeer haben Sie mit gichtfingrigen Akademikern ein Hühnchen zu rupfen? JV: Ich habe nicht so sehr etwas gegen Akademiker wie gegen Dummköpfe (meine eigenen Dummheiten eingeschlossen). Einen Großteil der kritischen Auseinandersetzung mit Literatur, die sich über das Leben des Autors Zugang zu seinem Werk verschaffen möchte, finde ich unseriös und gefährlich, da hier tatsächliche Erfahrungen so vollständig in den Dienst der Fiktion gestellt werden, dass selbst eine akkurate Analyse Gefahren birgt. Mit der akademischen Bewertung in »Verwandlung« will ich aber auch herausstreichen, dass eine solche Bewertung, selbst wenn sie hoffnungslos an der Sache vorbeigeht, von einer gewissen Schönheit sein kann. Außerdem, je exzentrischer diese Bewertung ist, umso ähnlicher wird sie selbst einer Fiktion. Und seltsamerweise wird Ambra dadurch, dass die Bewertung falsch ist, nur noch realer. PW: Das würde ich gerne noch etwas vertiefen. Ihre Geschichten zeichnen sich durch einen ständigen Wechsel des Blickwinkels aus (Akademiker, Erzähler; Verhörender, Verhörter; Geschichte, Historiker), und das trifft auch auf die Bücher zu, auf die Ihre Texte verweisen (in einem Moment ist es Kafka, im nächsten Aylett, einen Augenblick später Cervantes, dann wieder Ishiguro insbesondere Die Ungetrösteten) Sie sind sowohl Zeitgenosse als auch Historiker. Sind Sie ein Anhänger des kanonischen Gesetzes von T.S. Eliot (dass alles, was wahrhaft neu ist, seinen Hut vor den vergangenen Meistern ziehen muss und sich aus der Vergangenheit nimmt, was es brauchen kann und es dann den Bedürfnissen der Gegenwart und der Zukunft gemäß formt)? Oder sind Sie einfach jemand, der gerne den Blickwinkel wechselt??? JV: Um diese Frage zu beantworten, möchte ich etwas weiter ausholen,
möglicherweise sogar die Frage davor noch einmal beantworten ... Im Hintergrund all
meiner Geschichten steht die Subjektivität der Welt. Die Geschichte an sich ist subjektiv
alles außer Namen, Daten und anderen grundlegenden Elementen wird aus einem
bestimmten Blickwinkel betrachtet und vorsortiert, jedem Bericht liegt ein bestimmter
Standpunkt zugrunde, und damit ist er subjektiv. Daraus entstehen fiktive Texte, die wir
als Sachtexte behandeln. Das ist jetzt nicht sonderlich neu, aber dieses Wissen auf
eigentliche Erzähltexte anzuwenden das könnte sehr wohl etwas Neues sein ... ich
glaube, in der Welt herrscht eine Art natürliche Spannung, die von dieser Vielzahl
unterschiedlicher Standpunkte verursacht wird, von denen aus jeder angeblich objektive
Vorfall betrachtet werden kann. Wenn ich den Blickwinkel wechsle, dann deswegen, weil man,
um in fiktiven Texten zu irgendeiner Form von »Wahrheit« zu gelangen, jede allein
gültige Wahrheit scheuen muss. Um »Realität« und »Phantasie« miteinander zu
verschmelzen, muss man mehrere Spezialisten nach ihrer Meinung fragen und sie dann
aufeinander loslassen. PW: In »Der seltsame Fall von X« tauchen Sie scheinbar selbst als Protagonist auf (X ist der Autor des unglaublich erfolgreichen Buches Stadt der Heiligen & Verrückten, aber dieser Erfolg wurde dem Autor, mehr als alles andere, zu einer enormen Bürde). Dergleichen wird auch von anderen praktiziert (Philip Roth taucht relativ oft als er selbst und bizarrer Weise als ein anderer Philip Roths in seinen Bücher auf, ebenso wie Paul Auster), aber Sie gehen, wie überall in Stadt der Heiligen & Verrückten, mehr als einen Schritt weiter (der Schriftsteller X ist wahnsinnig geworden, und Ambra die Stadt, die er erschaffen hat erscheint ihm zum Beispiel beim Duschen). Ich habe mich gefragt, was Sie davon halten, wenn andere Autoren auf den Seiten ihrer Bücher auftauchen. Und: Hat Ambra Sie jemals bis an den Rand der Verzweiflung getrieben? JV: Ich finde, Paul Auster hat das in der New York Trilogiehervorragend
gemacht wirklich aufwühlend, und es hat einfach perfekt gepasst. Wenn Roth so
etwas macht, dann stört mich das aus unerfindlichen Gründen. Manchmal wirkt es
schluderig oder unbeholfen. Nabokov platziert sich selbst des Öfteren in seine eigenen
Kurzgeschichten. Manchmal passt es, manchmal nicht. Nabokov macht das für gewöhnlich
nicht, um besonders raffiniert zu ein darin ist immer eine Aussage über die
Wirklichkeit oder über das Verhältnis zwischen Autor und Leser verborgen, mit der er
sich auseinandersetzt. PW: Die besten und spannendsten Horror-Geschichten sind jene, in denen der Schrecken nur angedeutet wird, ohne ihn jemals offen zu zeigen (eine Technik, die von Ihnen in Stadt der Heiligen & Verrücktenimmer wieder außerordentlich wirkungsvoll angewandt wird). Deswegen habe ich über etwas nachgedacht ... Sie sagen, in den nächsten Geschichten holen sich die ursprünglichen Einwohner das zurück, was ihnen rechtmäßig zusteht. Werden wir mehr über die Vermissten erfahren? Oder achten Sie genau darauf, welche Karten Sie ausspielen und welche Sie für die Zukunft zurückhalten? JV: Ich hatte immer eine sehr genaue Vorstellung von dem, was die
ursprünglichen Einwohner von Ambra planen. Wenn man die unterschiedlichen Blickwinkel in Stadt
der Heiligen & Verrücktenin Betracht zieht, hätte ich mir mit einer
vollständigen Enthüllung selbst ins Bein geschossen außerdem, wie Sie richtig
bemerkt haben, ist andeuten effektiver als offen zeigen. In Shriek: Ein Nachsatz
wird man die Meinung einer aus eigener Erfahrung berichtenden Figur hören, was
tatsächlich mit all den Vermissten geschehen ist. Und ich glaube, dass er mit dem, was er
sagt, Recht hat. Aber die »Stille«[12] ist nur ein Geheimnis, und wenn man in Ambra ein Geheimnis
aufdeckt, folgt daraus üblicherweise unmittelbar das nächste. Sollte ich die Grauhüte,
die Ureinwohner, »outen«, ihr Geheimnis aufdecken, dann riskiere ich, damit die
geheimnisvolle Atmosphäre zu zerstören, die sie umgibt. Andererseits, wenn ich es tue,
kann ich mich vielleicht weit interessanteren Fragen widmen. PW: Zu den besten Teilen von Stadt der Heiligen & Verrücktenzählen wohl die unglaublich umfangreiche Bibliographie (ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal eine Bibliographie so gründlich gelesen habe, und zum ersten Mal habe ich so etwas zum Vergnügen gelesen und dabei noch lauthals gelacht), das Glossar und die verschlüsselte Geschichte. Wie viel Arbeit war für diese Teile des Buches notwendig? Gab es da Reaktionen von Lesern? JV: So viel Spaß wie mit der Bibliographie habe ich seit Jahren nicht
gehabt. Ich schreibe einen monatlichen E-Mail-Newsletter, in dem die Abonnenten
Informationen über meine Bücher finden können und dazu noch Besprechungen anderer
Bücher, Filme und CDs. Während ich also an der Bibliographie gearbeitet habe, habe ich
meine Leser gebeten, sich Titel dafür einfallen zu lassen und sie mir zu schicken. Viele
davon haben im gedruckten Text ihren Platz gefunden der Spaß und die
Zusammenarbeit waren mir dabei sehr wichtig. Ich habe mich durch Werke alter Naturforscher
gekämpft eigentlich durch alles, was eine Bibliographie hatte und Einträge
für mich umgearbeitet. Und dann habe ich natürlich auch meine ursprünglichen Notizen
hinzugefügt. Zu meinen Lieblingen zählen, wie ich vielleicht schon erwähnt habe, die
Einträge über die Folterkalmare. »The Best Fireworks Display Youve Ever Seen« |
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Anmerkungen1 Magier, die in ihrer
Fernsehshow in den USA verraten, wie ihre Zauberkunststücke vollbracht werden. (Alle
Fußnoten stammen vom Übersetzer oder von der Redaktion.) |
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