| Die Geschichte mancher Bücher reicht lange in die Zeit vor ihrer
Veröffentlichung zurück. 1975 schrieb Volkmar Weiss als junger Mann in der DDR einen Science-Fiction-Roman, den er sich dann
aber weder einem der dortigen Verlage anzubieten, noch in den Westen zu schmuggeln traute.
So gilbte das Manuskript im Laufe der Jahre in einer Schublade vor sich hin, bis es der
heutige Professor für Genetik und Sozialhistorik beim gründlichen Aufräumen wiederfand.
Der sozialkritische Roman hatte in all den Jahren wenig von seiner Aktualität
eingebüßt, nur die oberen Zehntausend waren keine roten Natschalniks mehr, sondern
westdeutsche Politiker und Industrielle. Im fiktiven Reich Artam hat sich eine elitäre
Oberschicht völlig von der übrigen Bevölkerung abgekapselt und lebt in bewachten
Siedlungen ein Leben im Überfluss. Die Unterschiede zeigen sich nicht nur im
Lebensstandard, sondern auch im Herrschaftswissen und der Genetik. Jahrhunderte der
Genmanipulation und Auslese haben einen völlig neuen Typus Mensch geschaffen. Zur
Steigerung der Gruppenidentität dient ein zu sinnleerer Religion erstarrter Selbstkult.
Dieser Adel fühlt sich über die Plebs derart erhaben, dass der immer besser organisierte
Widerstand der Unterdrückten für ihn völlig überraschend kommt. Die Übermenschen sind
etwas aus der Übung, zumal sie es mit Partisanen zu tun haben, die wie aus dem Nichts
auftauchen und wieder verschwinden. Am Ende steht der »Amtierende Vater« des »Clans«
vor der Entscheidung, zu kapitulieren oder mit allen denkbaren militärischen Mitteln
gegen die Aufständischen vorzugehen.
Das Buch ist aus ökonomischer und wissenschaftlicher Sicht geschrieben, sehr
nüchtern, fast emotionslos. Entscheidungen fallen nicht aus dem Bauch, sie
sind das Ergebnis einer Kosten-Nutzen-Rechnung. Alles ist im Endeffekt berechenbar, nur
die Rebellen bringen einige überraschende Wendungen ins Spiel. Dabei zeigt sich, wie auch
im richtigen Leben, dass keine Diktatur auf Dauer bestehen kann, so brillant ihre
Wissenschaftler und Generäle, so pedantisch und effektiv ihre Verwaltungsbeamten und
Polizisten auch sein mögen. Was auf die Niederlage folgt, bleibt offen: Das Leben ist ein
Spiel ohne Spielregeln. Regeln können das anarchistische Potential nur dämpfen, niemals
jedoch neutralisieren.
Siegfried Breuer ALIEN CONTACT
- Professor Weiss empfiehlt als weiterführende Literatur zum Thema Genetik des
Intelligenzquotienten sein Werk Die IQ-Falle: Intelligenz, Sozialstruktur und Politik
(Graz: Leopold Stocker, 2000]

|
 |