|
|||
Ian WatsonDie Fliegen der Erinnerung(The Flies of Memory 1990) |
|||
| Buch | |||
![]() |
HandlungDie Außerirdischen sind gelandet, und zwar in Form einer gigantischen, von großen Fliegen bevölkerten Pyramide, die vor Alexandria auf dem Mittelmeer schwimmt. Die Aliens schwärmen aus und besuchen die historisch bedeutsamen Städte der Erde. Der Schotte Charles Spark, der sich auf die Deutung unbewußter Körpersignale versteht, soll mehr über die Motive der Fliegen in Erfahrung bringen. In Rom trifft er auf die holländische Nonne Kathinka, die den außerirdischen Besuchern als Fremdenführerin zur Seite gestellt wurde. Bald wird klar, daß die Fliegen über ein außergewöhnliches Erinnerungsvermögen verfügen, und alles, was sie auf der Erde gesehen haben, in großen Erinnerungstanks innerhalb ihrer Pyramide abliefern - die bald zum Albanersee vor der Sommerresidenz des Papstes umzieht. Als die politischen Großmächte die Pyramide besetzen, um hinter das Geheimnis der Alien-Technik zu kommen, und keine Fliege mehr herein- und herauslassen, kommt es zur Katastrophe. Eine Fliege stürzt entkräftet in den Albanersee, und ein Teil der Münchner Innenstadt (die zuvor von ebenjener Fliege besucht worden war) verschwindet samt Frauenkirche spurlos vom Erdboden. Dann treffen Funksignale vom Mars ein, und es stellt sich heraus, daß München auf dem Roten Planeten gelandet ist. Es gibt drei Überlebende, die sich ins U-Boot des Deutschen Museums retten konnten und die Raumanzüge der technischen Ausstellung für Streifzüge durch die tote Stadt nutzen. Schleunigst wird eine internationale Marsexpedition zusammengestellt, die die Münchner Innenstadt als erste Marskolonie nutzbar machen soll. Daran sind auch Kathinka und Charles sowie dessen Ex-Frau Martine beteiligt, die während des Fluges mit Erinnerungstanks experimentieren. Auf dem Mars hat inzwischen der Lehrer Richard König eine seiner beiden minderjährigen Schülerinnen geschwängert und setzt alles daran, um zu vermeiden, daß die deutsche Marshauptstadt in die Hände der Russen oder Amerikaner fällt. Die Schülerin Erika Kreutzer wird zum Sprachrohr der Fliegen und kann verhindern, daß der »König vom Mars« es im Hofbräuhaus einem berüchtigten deutschen Vorbild nachtut, worauf sie den Expeditionsteilnehmern mitteilt, die Menschheit sei nicht reif genug, um die Fähigkeiten der Fliegen für ihre Zwecke zu nutzen. [bk] KritikDie Fliegen der Erinnerung ist ein typischer Roman von Ian Watson: Um schrullige Charaktere, aberwitzige Einfälle und philosophische Assoziationen entspannt sich eine verwirrende Geschichte, die das Strickmuster herkömmlicher Science Fiction weit hinter sich läßt. Keine leichte Lektüre, sondern wie alle Werke des Engländers ein Buch, das man sich genüßlich auf der Zunge zergehen lassen muß. In diesem Roman geht es gar nicht um den Erstkontakt mit Außerirdischen oder eine Expedition zum Mars, sondern um das Thema Erinnerung. Wie funktioniert die Speicherung von erlebten Dingen? Was unterscheidet die Erinnerung von der unmittelbaren Erfahrung? Erinnert sich das Universum an Dinge, die längst vergangen und vergessen sind? Diese und viele andere Fragen werden angerissen, bis Ian Watson am Schluß die außerirdischen Fliegen als kosmische Bewahrer von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vorstellt, die durch die stabilisierende Tätigkeit des Erinnerns verhindert, daß das Universum wieder ins Chaos der Willkürlichkeit zurückfällt. Ein besonderer Aspekt für den deutschen Leser ist natürlich Watsons Aufbereitung der deutschen Geschichte im Jahr der Wiedervereinigung. Die Schilderungen des englischen Autors bestechen durch profunde politische Kenntnisse - und einen bitterbösen ironischen Blickwinkel. Die Idee, München auf den Mars zu versetzen, um dort den Geist Adolf Hitlers zu beschwören, hätte sich nur durch ein Stück Berlin samt Führerbunker und Mauer (die sich auf beiden Seiten im roten Marssand verliert) übertreffen lassen. [bk]
|
||
|
Anzeige . |
|||
© copyright 1990-2006 by SHAYOL.NET
e.V. Alle Rechte vorbehalten |