| Nach Jahrzehnten im Kälteschlaf landet das Raumschiff Schiaparelli
im 24. Jahrhundert auf einem namenlosen kleinen Planeten, der 45 Lichtjahre von der Erde
entfernt ist und bereits einige Zeit zuvor von der seitdem verschollenen Kopernikus
erkundet wurde. Zu ihrer maßlosen Verblüffung stellt die Besatzung unter Kapitän Austin
Faraday fest, daß dieser Planet, der nach allen astrophysikalischen Gesetzen gar kein
Leben tragen dürfte, von Einhörnern, Fischen auf dem Trockenen, Teufeln, seltsamen
Maschinen und Menschen bevölkert ist. Doch das Verblüffendste ist, daß diese Welt bis
ins Detail den Werken des niederländischen Malers Hiernonymus Bosch nachgebildet ist. Auf
der Tagseite, dem Paradies, gibt man sich erotischen und exotischen Genüssen hin,
während die Menschen in der Hölle auf der dunklen Rückseite des Planeten von Dämonen
gequält und gefoltert werden. Wer stirbt, wird auf der anderen Seite oder als Tier
wiedergeboren. Zusammen mit Jeremy Van Der Veld, dem ehemaligen Kapitän der Kopernikus,
durchstreifen die Neuankömmlinge Himmel und Hölle, auf der Spur des Xenobiologen
Heinrich Strauss von der Kopernikus, der sich hier Knossos nennt und die
Schlüsselfigur dieses gnostischen Spiels zu sein scheint. Daß die Kopernikus
zur Besiedlung fremder Planeten Eizellen von Menschen und Tieren an Bord hatte, die hier
offensichtlich auf skurille Weise neu kombiniert wurden, ist jedoch nur die halbe
Wahrheit. Schließlich nimmt der Psychologe Sean Athlone Kontakt mit einer
transzendentalen Lebensform auf, die sich nie entwickelt hat, sondern mit einer Art
spontanem Quanteneffekt ins Dasein trat. Er erfährt, daß sie dieses »Labor«
einrichtete, um von den Wandlungen des menschlichen Lebens zu lernen. Nun ist Athlone
bereit, von Knossos die Wahrheit über ein Auswanderungsprojekt zu erfahren, bei dem die
Menschheit nicht fremde Welten in Besitz nimmt, sondern das eher umgekehrt verläuft, da
die Menschen sich in der neuen Umgebung verändern werden. Die Gärten des Meisters
erschien im Jahr 1980 und hat längst den Status eines Klassikers der Science Fiction erreicht. Gleichzeitig
handelt es sich um einen Schlüsselroman für das Werk des britischen Autors Ian Watson. In diesem Buch
entwirft er eine unglaubliche Welt, die nach den Vorstellungen der mittelalterlichen
Gnosis und Alchemie funktioniert, um vor diesem Hintergrund seine philosophischen
Betrachtungen zum Thema Leben und Existenz auszubreiten - insbesondere sein Grundthema,
daß die Realität letztlich vom Bewußtsein intelligenter Lebewesen geprägt wird. In
dieser extremen Ausprägung ist die These natürlich kaum mehr als eine intellektuelle
Spielerei, die jedoch auf einem sehr hohen und komplexen Niveau stattfindet - auch in
sprachlicher Hinsicht - und die dem Leser einiges abverlangt. Mit diesem Roman hat Watson
das Thema seiner späteren Mana-Saga
vorweggenommen, in dem ebenfalls ein Kunstwerk zum Vorbild einer fremdartigen Welt wird.
Bernhard
Kempen
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