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Ian Watson

Invasion der Uranier

Science Fiction > Alien Contact | Stories
Riesige schmutzige Rauchwolken quellen aus den zahlreichen Schornsteinen des Schlachtschiffs Viktor, unseres Siegers, und treiben westwärts über die Wellen des Atlantiks. Nehmen die Menschen in der fernen Karibik einen schwachen Geruch wahr, wenn wir vorbeiziehen? Fragen sie sich, ob Afrika in Flammen steht? So phantasiere ich – doch schon bald wird England brennen!
   Es versteht sich von selbst, dass die Schornsteine der Viktor so angeordnet sind, dass der Rauch die Feuerleitstände nicht verhüllt, doch im fernen Dunst, den wir erzeugen, könnte es schwierig werden, den genauen Punkt auszumachen, an dem unsere Granaten einschlagen, falls sich feindliche Schiffe am verschwommenen westlichen Horizont zeigen sollten. Genauigkeit bei hoher Reichweite ist immer ein großes Problem. Das gewaltige Mündungsfeuer, die Vibrationen, die Schwingungen der langen Geschützrohre. In diesen Dunst müssen wir, August Lenz und ich, mit Adleraugen durch unsere Zeiss-Feldstecher starren.
   Welch ein Anblick, wenn unsere superschweren Kanonen einen Probeschuss mit einer Superkaliber-Granate abfeuern! Die gelbe Kordit-Stichflamme hängt wie ein heißer Orgasmus in der Luft.
   Im Vergleich dazu ist der Rauch unbedeutend, den die Dampflok ausstößt, wenn sie Besatzungsmitglieder, Zwangsarbeiter und verschiedenste Güter über das Deck transportiert, zwischen Bug und Heck hin und her, die sieben Kilometer auseinander liegen. Die Bord-Bahnhöfe sind nach den Stadttoren von München benannt – Isartor, Sendlinger Tor, Karlstor –, aber auch nach dem Hofbräuhaus, obwohl das einzige Bier, das in der Marine unter dieser Bezeichnung serviert wird, alkoholfrei ist.
   Es stammt aus der großen Brauerei von Swakopmund und ist durchaus schmackhaft. Der deutschen Entsaltzungstechnik gelingt es mühelos, das Brauereigewerbe im trockenen Südwestafrika zu beliefern und den Durst Hunderttausender Kehlen zu löschen.
   So gewaltig ist unser Schiff, dass es gar nicht wie ein Schiff wirkt, sondern wie eine ununterbrochene stählerne Küste – keine Elfenbeinküste, sondern eine Eisenküste. Und es ist eine Küste voller Schwerindustrie – rauchende Schornsteine, so weit das Auge reicht. Welch eine Demonstration der Macht Deutschlands! Selbst im leichten Sturm lässt uns das Meer kaum erzittern. Heute wogt das graue Wasser sanft wie die Rücken unzähliger Wale.
   »Man sagt«, murmelt August, mein geliebter Gustl, »dass der Führer in Wirklichkeit gar nicht so sehr daran interessiert ist, England einen vernichtenden Schlag zu versetzen. England ist bereits am Verhungern. Eigentlich will er Ludwig Wittgenstein in Cambridge gefangen nehmen und ihn an einer Klaviersaite aufhängen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Deshalb will der Führer während der letzten Angriffsetappe persönlich an Bord der Viktor gehen, trotz aller Gefahren.«
   »Welche Gefahren? Ungeachtet unserer halbmeterdicken Panzerplatten wird der Führer stets durch die Vorsehung geschützt.« Ich blicke mich um – genau das, was ein Ausguck tun sollte! »Vielleicht sogar durch Magie? Wer weiß, welche Rituale die leitenden Kameraden von der SS auf Burg Wewelsberg heraufbeschwören?« Die blonden, männlich schwarz gekleideten SS-Jungs – nein, denk jetzt nicht an sie! Mein Gustl hat kastanienfarbenes Haar, und seine Augen sind haselnussbraun.
   »Aber die Kanonen von Dover ...« Manchmal ist er ein wenig furchtsam, mein Gustl. Er sieht einfach hinreißend aus in seiner Tropenuniform, im weißen Baumwollhemd mit den blauen Manschetten, den ausgestellten weißen Hosen. Jeden Tag könnte der Befehl eintreffen, dass wir unsere nördlicheren Uniformen anlegen müssen, die mit den schrecklich rauen Hosen.
   Ich will meinen Gustl beruhigen.
   »Wir werden diese Kanonen aus vierzig Kilometern Entfernung zerschießen. An Land agiert unsere fünfte Kolonne, die uns über Funk die Position mitteilt. Bestimmt! Die Briten werden überhaupt nicht wissen, wo wir sind.«
   Hmm, selbst mit der Unterstützung durch Spione könnten wir ganz Dover und Umgebung bombardieren, ohne dass unsere Granaten eine einzige Kanone treffen.
   Gustl wagt es, meinen Oberschenkel zu streicheln, überzeugt, dass niemand mehr als unsere Oberkörper sehen kann, hier auf unserem Ausguckmast hoch über der Achterbrücke. Fast gleicht er den schlanken Märchentürmen von Schloss Neuschwanstein, das der Führer so sehr liebt.
   »Dietl, mein Geliebter ...«
   Selbst wenn wir hier oben zusammen sind, von Panzerplatten umschlossen, müssen Gustl und ich sehr vorsichtig sein. Die Liebe eines Mannes zu einem Mann ist eine verbotene Liebe! Derartige Gefühle müssen zur Kameradschaft erhöht werden, zur Solidarität zwischen Soldaten oder Seeleuten, sagt die Partei. Wehe denen, die sich nicht mäßigen können! Viele Männer, die uranische Gefühle erlebt haben, sind kastriert worden oder verschwunden. Eifert unserem Führer nach! Gerüchten zufolge enthält er sich jeglichen Verkehrs mit Eva Braun, so lange, bis seine Mission endgültig erfüllt ist. Er muss seine gesamte Energie auf die Führung des Deutschen Reiches konzentrieren.
   Wenn der Krieg gewonnen ist, wenn ganz Europa von England bis zum Ural zu einem geläuterten Großen Vaterland geworden ist - wird es Gustl und mir dann möglich sein, gemeinsam und in aller Offenheit in ein Badehaus zu gehen? Und wo würde sich ein solches Badehaus finden?
   Nur im schwülen Angola oder vielleicht im Kongo, wo die Offiziellen ein Auge zudrücken oder selbst unsere Neigungen teilen. Ach, welche Freuden Gustl und ich während des Landurlaubs in den Tropen erleben durften, wo wir als Besatzung der gewaltigsten jemals gebauten Schlachtschiffe ausgebildet wurden!
   Welch ein Unterschied zur Akademie im preußisch-strengen Potsdam. In einem bestimmten Badehaus in Luanda – ach, die schwarzen Hengste, die dort bedienten! – hörte ich von einem zuverlässigen Augenzeugen, dass in Weimar und Bayreuth Etablissements für Uranier überlebt haben, die hoch genug in der Parteihierarchie stehen, um nicht unter die strengen anti-uranischen Gesetze zu fallen. Wie kann etwas, das Gustl und ich gemeinsam in privater Abgeschiedenheit zu unserem Vergnügen tun, wenn sich uns die Gelegenheit bietet, bestraft werden, während jenen, die an der Macht sind, das Gleiche erlaubt ist? Wie kann der Führer in seiner Weisheit über eine derartige Ungerechtigkeit hinwegsehen? Vielleicht weiß dieser Magier und König der Menschen nichts davon. Große Herrscher müssen sich manchmal auf eigennützige Berater verlassen, die ausgezeichnete Arbeit leisten, doch gleichzeitig ihre eigenen Bedürfnisse und Ambitionen fördern.
   Wenn doch nur jemand den Führer über diese Heuchelei aufklären würde! Was einigen erlaubt ist, sollte allen gestattet sein, wie es früher einmal war. Oder niemandem! Mir wäre allen lieber. Nein, was rede ich da! Viele Männer, wahrscheinlich die meisten, finden wahren Genuss an Frauen. Wie sonst sollte sich unsere Art fortpflanzen? Vielleicht besteht die wahre Absicht hinter den anti-uranischen Gesetzen darin, das Bevölkerungswachstum zu fördern. Bei der Erringung unserer Siege haben wir viele Männer verloren. Die weißen Flecken auf der Landkarte müssen mit Vertretern der germanischen und nordischen Rasse ausgefüllt werden. Der Führer ist weise.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass England keinerlei Kenntnis von unseren siegreichen Waffen erhält – unserem sieben Kilometer langen Schlachtschiff und seinen vier und fünf Kilometer langen Gefährten, die uns voraus und achtern begleiten, wie riesige, waagerecht schwimmende gotische Kathedralen.
   Hätten wir solche gewaltigen Schiffe anderswo als im tropischen Afrika gebaut, wäre etwas durchgesickert. In Angola waren wir vor Spionage sicher. Weder die Millionen schwarzer Zwangsarbeiter noch die Hunderttausende jüdischen Handwerker, die wir umsiedelten, als gnädige Alternative zur Ausrottung, verfügten über irgendeine Möglichkeit, mit dem Rest der Welt Kontakt aufzunehmen.
   Durch die Annexion Belgiens während des Ersten Weltkriegs gelangten wir in den Besitz der riesigen Kongo-Kolonie dieses lächerlich kleinen Landes. Während die Schlachtschiffe gebaut wurden, wäre der nächste Ort, von dem Spionageballons – mit hohem Risiko – hätten starten können, Brazzaville gewesen. Oder irgendwo draußen auf dem Atlantik, doch unsere U-Boote kreuzten wie Haie im Wasser vor Äquatorial- und Südwestafrika.
   Von unseren Feinden unbeobachtet, gelang es dem genialen Albert Speer, die zehn Kilometer langen Trockendocks auszuheben, die das Wasser zurückhielten, vom Meer durch mächtige Schleusentore getrennt. Gleichzeitig wurden Fahrrinnen in den Meeresboden gegraben, damit unsere gigantischen Schiffe ungehindert in See stechen konnten. Seit Jahrzehnten waren die Schlachtschiffe stetig größer geworden, hatten eine Evolution wie die Brontosaurier durchlaufen. Die Schiffe unserer Geheimflotte sind von ultimativer Größe. Die Welt wird nie etwas Größeres sehen.

Gustl streckt den Arm aus. »Was ist das?«
   Ich hebe den Feldstecher.
   »Ein Albatros.«
   Der größte aller Vögel gleitet durch die Luft, auf Flügeln, die völlig unbeweglich erscheinen, wie ... wie etwas, das es nicht gibt, wie etwas Unmögliches, nach dem wir nichtsdestotrotz wachsam Ausschau halten müssen.
   Dennoch verstehe ich den Grund für unsere erhöhte Aufmerksamkeit nicht. Wenn alle Wissenschaft und Technik unseres Reiches nicht in der Lage ist, eine Flugmaschine mit starren Flügeln zu konstruieren, wie sollten dann die von den Juden beherrschten Amerikaner jemals einen Durchbruch erzielen? Deutet dies auf eine heimliche Furcht hin, dass die Juden und das Völkergemisch, das sie auf der anderen Seite des Atlantiks indoktrinieren, genialer als die Deutschen sein könnten?
   Stellen wir uns vor, der Albatros wäre hundertmal so groß – oder noch viel, viel größer! Nehmen wir an, er bestünde aus Holz oder Aluminium und könnte mit Kerosin betrieben Hunderte von Kilometern weit fliegen. Man stelle sich vor, dass er Torpedos an Bord hätte, die er aus der Luft gegen Schiffe abfeuern könnte.
   Ich male mir aus, wie Hunderte solcher Maschinen die Viktor angreifen. Könnte man uns, obwohl wir durch die Kohlenbunker auf Höhe der Wasserlinie und die dicken Gürtel aus abgeschrägter Unterwasserpanzerung geschützt sind, genügend Schaden zufügen, bis wir kentern und uns das Rückgrat bricht? Können viele Moskitostiche einen Elefanten zur Strecke bringen?
   Während der Unterrichtsstunden, als es um die Unmöglichkeit des Fluges mit starren Flügeln ging, habe ich wirklich aufzupassen versucht. Das Problem war nur, dass ich so spitz auf meinen Gustl war, der direkt neben mir saß. Kaum eine Handbreit entfernt. Doch er hätte sich genauso gut auf der anderen Seite der Welt befinden können. Ich habe es nicht gewagt, ihn zu berühren, nicht einmal wie aus Versehen. Zu viele aufrechte Preußen im Unterrichtszimmer.
   Die Hornbrille des Lehrers ließ ihn wie eine Eule aussehen, während er über Luftströmungen und Druck schwadronierte. Ging es um Druck? Und über einen Schweizer Wissenschaftler, der vor etlichen Jahren lebte, irgendwas mit Bern oder so – Bern liegt in der Schweiz, deshalb erinnere ich mich halbwegs an den Namen. Ach ja, und es ging um den Tod eines dieser amerikanischen Brüder. Sie hatten mit jeder erdenklichen Flügelform experimentiert, diese Brüder. Versuch und Irrtum – und ein Irrtum nach dem anderen. Schließlich konstruierten sie Flügel, die wie die eines Vogels schlugen, und einer der Brüder erhob sich damit in die Lüfte, stürzte ab und kam zu Tode. Trotzdem müssen wir nach jener sagenhaften Flugmaschine Ausschau halten, falls diese amerikanischen Juden irgendwo in den Prärien oder Wüsten ein gigantisches Geheimprojekt verwirklicht und den Durchbruch erzielt haben.

Ich sehne mich so sehr danach, Gustls Hose aufzuknöpfen, seine Eier und seinen Schwanz in die Hand zu nehmen und ganz sanft zu drücken. Ich muss mich bemühen, den Feldstecher mit einer Hand zu halten. Doch er ist ordentlich schwer. Ich kann ihn nicht einfach am Halsriemen hängen lassen, während ich Wache schiebe. Vorschrift. Ich muss ihn ständig in Bereitschaft halten. Soll ich? Soll ich nicht? Einhändig und in großer Eile Knöpfe zu schließen erfordert eine Menge Geschick.
   Leise pfeife ich unser Lied, Wagners Du bist der Lenz, das Sieglinde für Siegfried singt. Du bist der Lenz, nach dem ich verlangte, in frostigen Winters Frist. Dich grüßte mein Herz mit heiligem Grau’n, als dein Blick zuerst mir erblühte und so weiter und so fort. Sieg Heil für den Sieger!

Ich habe meinen Gustl am Konservatorium von Jena kennen gelernt, wo ich an der näselnden, klagenden Oboe ausgebildet wurde und er an der hellen, durchdringenden Piccoloflöte. Es dauerte nicht lange, bis wir wonniglich gemeinsam auf unseren Instrumenten spielten, sozusagen. Wie glücklich wir in jenem Dachzimmer in der Zeitzer Straße waren! Die bevorstehende Mobilmachung setzte unseren musikalischen Studien ein Ende, und wir meldeten uns gemeinsam zum Dienst bei der Marine. Sie sollte uns vor schlammigen Schützengräben bewahren und, wie sich herausstellte, vor heldenhaften, aber brutalen Vorstößen durch weite Landschaften voller Tod.

Ich liebe meinen Gustl, aber wie viele Millionen Männer und Frauen verehre ich meinen Führer – natürlich auf gänzlich andere Weise! Ich habe ihn nur ein einziges Mal leibhaftig gesehen, als er am Steuer seines gepanzerten Mercedes von Berlin nach Potsdam fuhr, um dort eine Rede zu halten. Seine Stimme war so volltönend. Seine Augen strahlten. Sein Gesicht glühte. In jeder Geste lag ein Zauber, und, ach, die schiere Macht seines Willens! An jenem Tag war er Siegfried und Parsifal.
   Ein wahrhaft magisches Erlebnis. Ja, buchstäblich! Wir alle wussten es. Wer hätte es abstreiten können?
   Als der Führer sprach, war es, als würden sich die Worte durch ihn spontan Ausdruck verschaffen, ohne sein bewusstes Dazutun. Seine Worte kamen aus dem arischen Übergeist, einem urzeitlichen Erbe, das allen Deutschen gemeinsam ist, das uns leidenschaftlich vereint, das uns zu heldenhaften Taten befähigt.
   Soll ich den Führer mit dem Dirigenten eines Orchesters vergleichen, dessen Gesten einer Schar von Musikern eine tosende einheitliche Symphonie entlocken? Der Führer war tatsächlich – welch entzückender Gedanke! – früher ein Chorknabe gewesen, obwohl das Singen von Hymnen nicht die einzige Quelle seiner stimmlichen Macht darstellt. Nein, kein Dirigent – eher gleicht er einem Orakel, dessen Weissagungen Wirklichkeit werden.

Könnte er anders an die Macht gekommen sein als durch die Anwendung einer besonderen Magie? Blicken wir in die Vergangenheit ...
   Die blutige Pattsituation in den schlammigen Schützengräben Nordfrankreichs musste zum Wohl aller Beteiligten ein Ende finden, und der Waffenstillstand brachte das Vaterland in den Besitz des Kongo mitsamt all seiner Reichtümer. Also konnten wir trotz unserer Verluste mit ebenso stolz erhobenem Haupt einherschreiten wie die Briten oder Franzosen. Die Machtübernahme der Trotzkisten in Russland führte überall zum Aufflammen der Revolution, und genügend deutsche Marxisten waren bereit, dem Aufruf zu folgen, bis der Kaiser einem Attentat zum Opfer fiel. Die neue Republik hätte all das mühelos überstanden, wenn unser künftiger Führer nicht damit begonnen hätte, den Kreuzzug gegen die Juden zu predigen. Der jüdische Marx, der jüdische Trotzki, das jüdische Amerika: Das Muster ist offenkundig. Deutschland erwache! Und unsere deutsche Rassenseele erwachte. Und sprach durch ihn. Das Volk hörte seine Stimme und vergaß in der magischen Harmonie alle kleinlichen individuellen Differenzen, denn unser Führer ist gleichzeitig niemand und jeder.
   Ungewöhnlich, von einer solch erhabenen Gestalt als »niemand« zu sprechen! Doch Tristan und Isolde singen gemeinsam: Selbst dann bin ich die Welt. Wie ozeanisch muss die Liebe zwischen diesen beiden sein - eine Liebe, die das bloße Ich transzendiert! Unser Führer transzendiert jede gewöhnliche Existenz.
   Wie steht es in dieser Hinsicht um Gustl und mich?
   In den Momenten, die wir gemeinsam verbringen können, nackt aneinander geschmiegt, spielen Körper und Geist gewiss ihre Rolle. Gustl ist meine Welt und ich bin die seine. Verflucht seien die anti-uranischen Gesetze!
   Ich denke an Gustls steifen Schwanz, über den meine Lippen gleiten, auf und ab. Ihn so intim zu küssen ist eine Wonne. Und wenn sein Schwanz anschwillt, kurz bevor er kommt – ach, dieser Augenblick der Ekstase!

Erschöpfung und Hitze fordern ihren Tribut, und jeden Tag werden die Leichen schwarzer Heizer über Bord geworfen. Hatte ich schon die Haie erwähnt? Genügend Haie könnten uns begleiten, um einen wirksamen Torpedoschild zu bilden. Diese Haie könnten uns aus den Tropen folgen, bis weit hinauf in den Norden, bis nach Frankreich und England. Wenn man bedenkt, wie heiß es in Äquatorialafrika ist, sollte man meinen, dass die Schwarzen die Hitze in den Kesselräumen viel besser aushalten als wir Europäer. An Bord eines Schiffes mit einer Besatzung von fünfzehntausend Seelen und zwanzigtausend Nicht-Seelen muss einfach eine gewisse Anzahl von Menschen an natürlichen Ursachen sterben. Mit den Nicht-Seelen meine ich die Schwarzen und das kleinere Kontigent jüdischer Handwerkersklaven, die keine arische Seele besitzen. Jeder, der in der Hitlerjugend war, weiß, wie man dem Tod lächelnd ins Angesicht blickt. Unser Führer hatte das Ziel, harte Jungs zu schmieden, so hart wie Kruppstahl. Wenn ich den Begriff »harte Jungs« höre, muss ich unwillkürlich an eine andere Bedeutung denken.

Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Matrosen laufen Gustl und ich in unserer Freizeit zum Hofbräuhaus, das sich mittschiffs befindet. Wir wollen kein Aufsehen erregen, indem wir zusammen bummeln gehen oder gar einer dem anderen hinterherschleicht, was noch merkwürdiger wirken könnte. Das macht jedes offene Gespräch nahezu unmöglich. Wir müssen so tun, als wären wir lediglich Kriegskameraden. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Form der neutralen Nähe zu Gustl angenehm und verlockend – ach, wenn jemand um unser Geheimnis wüsste! – oder zutiefst frustrierend ist.
   Die Bordeisenbahn ist ausschließlich dienstlichen Fahrten vorbehalten, aber wir werden ermuntert, zu Fuß zu gehen, um in Form zu bleiben. Auf jeden Fall gibt es auf Deck genügend Platz; im strammen Marsch sind es zwei Stunden vom Bug bis zum Heck und zurück. Unser Führer frönt der gleichen Leidenschaft und wandert, sooft er Zeit dazu findet. Ich stelle ihn mir in seiner bayrischen Bergtracht vor, mit Lederhosen und weißem Leinenhemd und Hirschhornknöpfen an der hellblauen Leinenjacke. Sehr schick!
   »Vorwärts marsch, Schmidt!«, sagt Hoffmann zu mir. »Oans, zwoa, gsuffa« – das Hofbräuhaus-Trinklied. »Eine Schande, dass es hier keine zünftigen, drallen Kellnerinnen gibt, was?« Hoffmann ist ein kleiner, aber stämmiger Kerl mit einem Muttermal wie ein Daumenabdruck aus dunklem Blut auf der Stirn.

Ausschließlich männliche schwarze Kellner lassen die schäumenden Krüge über die stählernen Tresen rutschen, bis sie von anderen Afrikanern abgefangen werden, die sie zu den Tischen bringen. Kein Schwarzer kann so viele Krüge in jeder Hand tragen wie eine durchschnittliche Münchener Kellnerin mit blonden Zöpfen, die überhaupt nicht mein Typ wäre. Lieder erklingen im weiten halbdunklen Trinksaal, der mit einem übergroßen Bildnis unseres Führers geschmückt ist, mit Schmachtlocke auf der Stirn, seinem Eisernen Kreuz und dem Verwundetenabzeichen. Es muss einige Jahre her sein, seit dieses Foto aufgenommen wurde. Darauf besitzt unser Führer ein beinahe erotisches Charisma. Natürlich ist er von reiner Männlichkeit, auch wenn er im Zölibat mit Fräulein Braun lebt, was ihm die Bewunderung der deutschen Damen sichert. In ihren Augen könnte jede ihn haben (oder eher er sie), wenigstens für eine Nacht, um gemeinsam den Übermenschen zu zeugen. Das Gleiche kann in den Liebeslagern geschehen, sodass diese berauschten Frauen in gewisser Weise stellvertretend ihr Ziel erreichen.
   »Wie steht es mit dir, Lenz?«, fragt der hagere, flachsblonde Scharffenstein. »Du hast doch bestimmt ein Mädel zu Hause, so ein gut aussehender Bursche wie du.«
   Gefahr, Gefahr!
   »Ach«, sagt mein Gustl, »das wäre ungerecht. Wir alle sind nun schon seit drei Jahren fort. Außerdem«, fügt er mit einem Zwinkern hinzu, »könnte sie ihm während meiner Abwesenheit untreu oder fett geworden sein, aus Mangel an Gelegenheiten.«
   Prustendes Gelächter von allen Seiten, auch von mir.
   »Ich habe ein Mädchen in Hamburg«, sagt Hoffmann. »Sie ist eine Wucht. Wenn sie mir untreu wird, bringe ich sie um.«
   »Warst du nicht im jüdischen Bordell in Luanda?«, fragt Gustl mit Unschuldsmiene. Was meiner Meinung nach sehr riskant ist. Aber wir müssen irgendetwas sagen.
   »Das ist etwas anderes. Ein Mann muss seine Säfte fließen lassen, damit sie nicht sauer werden. Euch beide habe ich dort nie gesehen. Seid ihr stattdessen ins schwarze Bordell gegangen?«
   Gustl antwortet umsichtig und mit einem Schulterzucken. »Das jüdische Bordell ist ein großes Haus.«
   »Du sagst es.«
   »Lasst uns anstoßen!«, verkünde ich. »Auf den Niedergang Englands und auf Bordelle voller Engländerinnen.«

»Ha?«
   »Jene mit den falschen rassischen Eigenschaften«, füge ich hastig hinzu. »Davon müsste es jede Menge geben.«
   Mit denen wir uns beschmutzen sollen? Von diesem Gesprächsthema muss ich schleunigst duie Finger lassen.

Angesichts der Anzahl von Besatzungsmitgliedern, die der einer mittleren Kleinstadt entspricht, muss es auf diesem Schiff weitere Uranier geben. Ein paar habe ich in Verdacht, aber es wäre ziemlich dumm, mich jemandem anzuvertrauen, in der Hoffnung, dass es irgendwo an Bord dieses gewaltigen Gefährts eine Zuflucht gibt, in die Gustl und ich uns zurückziehen könnten. Die Marine ist in mancherlei Hinsicht eine tolerantere Umgebung als das Vaterland, aber es gibt Grenzen! Ich will mich stattdessen mit Ludwig Wittgenstein beschäftigen, der Nemesis unseres Führers.
   Über Rhodesien eingeschmuggelt - zweifellos Wochen oder Monate, nachdem sie auf Aluminumscheiben mit Zellulosenitratbeschichtung gebannt worden waren -, konnten wir die Radioansprachen des Philosophen in seinem intellektuellen Wiener Akzent hören. Wir Deutschen haben den Überläufer William Joyce, der von Radio Hamburg aus zu den Briten spricht, um sie zu demoralisieren, und die Briten haben Wittgenstein.
   Es ist nicht gut, dabei erwischt zu werden, Wittgenstein über Volksempfänger zu hören, aber die Strafe ist – zumindest bei der Marine – erstaunlich milde: eine Kürzung des Soldes, ein gestrichener Landurlaub oder irgendeine zusätzliche Pflicht. Ich schätze, Landratten, die von der Gestapo in flagranti erwischt werden, haben viel größere Schwierigkeiten zu erwarten. Die Marine hält eine schützende Hand über ihre Leute, und der Geheimdienst macht sich keine übermäßigen Sorgen, zweifellos, weil Reden über die Heiligkeit der Sprache das Verständnis des größten Teils der Bevölkerung übersteigen.
   Nicht jeder an Bord ist so bodenständig wie ein Hoffmann oder Scharffenstein, auch wenn Gustl und ich nicht gerade zu den distinguierten Intellektuellen zählen. Wir sind durchaus gebildet, aber wir sind Künstler. Beziehungsweise waren es. Doch wir kennen ein paar Leute, die man als Intellektuelle bezeichnen könnte, wenn das kein Schimpfwort wäre. Keine Uranier, möchte ich hinzufügen, aber das tut nichts zur Sache.
   Jahn und Hager. Das sind Rudolph Jahn und Gottfried Hager, die den nächsten der großen vierläufigen Geschütztürmen zugeteilt sind. Hager liebt Musik, dadurch sind wir in der Messe zwischen den vielen essenden Männern ins Gespräch gekommen. Wie viele Tonnen Schweine werden jeden Tag an Bord der Viktor verzehrt?
   »Kannst du die Musik tatsächlich im Kopf hören«, fragte Hager mich, »so wie es Beethoven getan hat?« Sein Gesicht ist für einen wehmütigen Ausdruck gemacht; seine eng stehenden Augen lugen hinter einer spitzen Nase hervor, als würde er zaghaft darauf hoffen, dass etwas Gutes passiert, das wahrscheinlich doch nicht passiert.
   Ich wollte bereits nicken, als ich im nächsten Moment die Verbindung zwischen Beethoven und seiner Taubheit hergestellt hatte.
   Stattdessen runzelte ich die Stirn. »Nicht unbedingt. Beethoven war etwas Besonderes.«
   Hager seufzte. »Ach, das können die wenigsten Musiker ... und dann der Kanonenlärm ...«
   Hager machte sich Sorgen, er könnte dauerhaft ertauben, wenn aus den gelegentlichen Probeschüssen echtes Feuer wurde, das sich permanent wiederholte. Meine Flunkerei schien ihn ein wenig zu trösten. Wenn er das Gehör verlor, wäre es für ihn eine qualvolle Vorstellung, dass professionelle Musiker trotz ihrer Taubheit weiterhin Musik genießen konnten.
   Eins führte zum anderen, und mittlerweile sind er und Jahn und wir beide Vertraute, zumindest in Bezug auf bestimmte Themen wie Wittgenstein.
   Gottfried und Rudolph waren Philosophen, das heißt, vor dem Krieg. Beide unterrichteten an Universitäten. Hauptsächlich Nietzsche und Schopenhauer. Was sonst? Der Wille zur Macht. Die Welt als Wille und Vorstellung. Und Plato, das Lieblingsthema unseres Führers. Beide hören Wittgenstein auf ihrem Volksempfänger, weil, wie Rudolph eines Tages erklärte, Wittgenstein ebenso ein Erbe Schopenhauers sei wie unser Führer.
   Körperlich halte ich nichts vom melancholischen Gottfried, auch nicht von Rudolph mit dem Mondgesicht voller Pockennarben und dem sehr schütterem Haar. Doch geistig scheinen sie mit Gustl und mir auf einer Wellenlänge zu liegen. Zugegebenermaßen mehr miteinander – gelegentlich unterhalten sich Gottfried und Rudolph in einer Art Geheimsprache, in der ein Wort nicht das bedeutet, was es unter normalen Umständen bedeutet! Die Bekanntschaft mit den beiden ist ein guter Schutz für Gustl und mich, weil Gottfried und Rudolph nicht im Geringsten attraktiv sind und kein Interesse an Sex zu haben scheinen. Sie haben etwas Mönchisches, einen asketischen Zug, den sie mit Wittgenstein gemeinsam haben. Und wenn ich es mir recht überlege, auch mit unserem Führer, der Vegetarier und Abstinenzler ist, doch stets voller Inbrunst.
   Oh, mein Gott, ich stelle mir die wunderbaren weißen Backen von Gustls Hintern vor und dazwischen den geschürzten kleinen Mund, der meinen Schwanz so wonniglich, so besitzergreifend schlucken kann ... Zurück zur Philosophie!
   »Schopenhauers zentraler Gedanke«, erinnere ich mich an Rudolphs Worte, »ist der, dass wir einen kollektiven Geist besitzen. Ein Mensch mit Willenskraft, der das Denken überwinden und seine Individualität unterdrücken kann, gewinnt Zugang zum kollektiven Geist und kann jeden mit Worten und Gedanken beeinflussen. Der Führer kennt Schopenhauer auswendig, und in seinen Reden setzt er genau das in die Praxis um, was ich eben erklärt habe. Auf diese Weise funktioniert seine Magie. Es ist Magie im ursprünglichen Sinne. Eine Methode, um die Wirklichkeit zu besprechen und zu verändern.«
   Wittgenstein schrieb sogar selbst ein Buch mit magischen Sprüchen, den Tractatus Logico-Philosophicus, den unsere beiden Freunde gelesen hatten, bevor sämtliche Exemplare der akademischen Zeitschrift, in der der Text publiziert worden war, den Scheiterhaufen übergeben wurde, zumindest im Vaterland und allen eroberten Territorien.
   »Das Buch ist voller logischer Grundsätze, die dem Verständnis einer höheren Wahrheit dienen sollen. Worte sprechen durch dich, du bist nicht der Ursprung der Worte, das Ich ist eine Illusion und solche Dinge.«
   Wenn Wittgenstein sich in seinen Radiosendungen selbst zitiert, entwickelt er eine unglaubliche Beschwörungskraft.
   Die Feststellung erübrigt sich, dass die Anzahl der gedruckten Exemplare des Tractatus durch die Popularität von Mein Kampf weit in den Schatten gestellt wird.
   Ich erinnere mich an einen köstlichen Augenblick, als Gustl und ich fünf oder zehn Minuten lang mit unseren Schwänzen spielten, indem wir unsere pulsierenden Eicheln mit zwei Fingern zupften, pizzicando, wie ein Geigenspieler eine Saite, bis die Sehnsucht nach dem festen und konstanten Druck des Mundes zwischen den Backen überwältigend wurde. Unterdessen glitt ein Zeigefinger, auf den wir uns kaum konzentrieren konnten, bald gefolgt von einem zweiten, in den Mund, hinein und hinaus, um ihn zu weiten. Aah!
   Das Erstaunliche daran ist, dass der Führer und Wittgenstein, der Mann des Volkes und der reiche Jude, in Linz zusammen auf die Schule gegangen waren. Zweifellos lasen sie Schopenhauer gemeinsam, wobei Wittgenstein vielleicht sogar den Führer führte (falls so etwas überhaupt vorstellbar ist), weil Wittgenstein zwei Schulklassen weiter war. Schließlich kam es zu einem Vorfall, worauf der Führer ein Bewusstsein für das Übel der jüdischen Unterrasse entwickelte. Das ist einer der Gründe, warum die erste Rede, die unser Führer nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich hielt, in Linz stattfand.
   »Du internationaler Wahrheitsforscher«, höhnte unser Führer, »Ludwig Wittgenstein, Judenjunge mit einem Bruchband – wenn du heute nur dabei sein könntest, um meinen Sieg mitzuerleben!« Doch zu diesem Zeitpunkt lebte Wittgenstein schon lange im englischen Exil. Ja, das waren die genauen Worte aus dem Mund des Führers, die wie ein Pfeil ins Ziel trafen. Unser Führer musste einen Blick auf Wittgensteins Bruchband erhascht haben, als sich die Schuljungen zur körperlichen Ertüchtigung oder Hygiene entkleideten. So sah die Wirklichkeit in der Hose aus.
   In Gustls Hose dagegen ... nein, nein, nein!
   Diese Rede ist recht berühmt. Erst nach dem Ausbruch des Krieges begann Wittgenstein mit seinen Radioansprachen, in seiner ehrwürdigen, präzisen, logischen Diktion, ohne jegliche Anspielung auf Bruchbänder oder was sie enthalten mochten. Der Führer als kluger Mann manipuliert die Realität, während sein ehemaliger Schulkamerad auf einer abstrakteren Ebene operiert und dem Führer und Göbbels vorwirft, die Bedeutung von Worten zu verfälschen. Ich weiß genau, wer dieses Duell gewinnen wird. Unser Führer. Weil er nach Macht strebt, während Wittgensteins Ziel in der Erhellung besteht. Möglicherweise wird Wittgenstein bei lebendigem Leibe verbrannt, statt an einer Klaviersaite aufgehängt zu werden.
   »Um den kollektiven arischen Geist wird ein Kampf ausgefochten«, hatte Rudolph ebenfalls gesagt. »Wittgenstein kommt als Magus daher, doch die SS-Jungs auf Schloss Wewelsberg halten Séancen ab, um ihn matt zu setzen, und jede Rede des Führers wischt all seine logischen Behauptungen wie Staubflocken fort.«
   Ich zuckte mit den Schultern. »Dessen wäre ich mir nicht so sicher. Warum sonst sollte der Führer Wittgenstein so sehr auf dem Kieker haben?«

Unser riesiges Schiff stößt weiter vor, und wir tauschen die Hosen (und den Rest unserer Kleidung) tatsächlich gegen wärmere Uniformen ein. Unsere superschweren Kanonen richten sich im Winkel von 30 Grad auf und drehen sich wie Athleten, die Lockerungsübungen machen und die Muskeln strecken. Der Rauch weht nun südwärts davon, da sich die Windrichtung geändert hat. Manchmal ist das Heck kaum noch zu erkennen. Jedenfalls erspähen wir keine riesigen künstlichen Albatrosse aus jüdisch-amerikanischer Fabrikation, da sie gar nicht existieren und noch weniger existieren können. Wegen des Rauchs müssen Gustl und ich uns ständig räuspern, und unsere Augen tränen bereits ein wenig. Die Dampflok schnaubt vor und zurück über das Deck, zur Vorbereitung auf den Moment, wenn sie die Invasionstruppen absetzen soll. Natürlich werden dann auch Panzer, Lastkraftwagen und Motorräder über das breite Deck rollen.
   Inzwischen dürfte sicherlich jeder an Bord – möglicherweise mit Ausnahme der Schwarzen und der jüdischen Zwangsarbeiter – die Einzelheiten des Unternehmens Seebrücke verstanden haben. Es ist ein atemberaubend genialer Plan, wie er für die Vision des Führers typisch ist.
   Eine gewöhnliche Invasion auf dem Seeweg mit unzähligen Truppentransportern, die den Unwägbarkeiten des Wetters ausgesetzt wären und an vielen Stellen landen müssten, könnte zu Verwirrung und Verlusten führen. Doch die Überbrückung der Straße von Dover mit unseren mehreren Kilometer langen Schlachtschiffen, durch genial konstruierte Ausleger miteinander verbunden, schafft eine dauerhafte Verbindung nach England, über die unaufhaltsam Menschen und Material strömen werden! Gleichzeitig werden unsere Kanonen die Städte von Kent und selbst die östlichen Viertel von London mit Dauerfeuer eindecken! Und wenn uns winzige britische Schlachtschiffe in die Quere kommen wollen, werden sie einfach von uns beiseite gefegt oder von unseren U-Booten versenkt.
   Maßlose Überraschung wird auf den angeblich unerschütterlichen Gesichtern der blasierten Engländer stehen.
   Wie lange wird die Viktor die Spitze dieses Brückenkopfes bilden? Mehrere Monate? Irgendwann müssen wir aus der Kette gelöst werden, um wieder unsere Rolle als mobiles Gefährt übernehmen zu können. Um vielleicht New York zu bombardieren? Wer weiß?
   Gustl und ich hoffen darauf, während dieser Monate die Gelegenheit zu Landgängen im eroberten Südwesten Englands zu erhalten und vielfältige Möglichkeiten nutzen zu können, uns miteinander zu vergnügen. Verlassene Scheunen in mildem Wetter, verlassene oder beschlagnahmte Hotels ...
   Wir müssen uns vor Partisanen in Acht nehmen! Es könnte eine Weile dauern, bis der englische Widerstand durch Exekutionen unterbunden wird. Wie ich mich nach idyllischen Freuden in Gebieten hinter der Front sehne – ja, warum nicht auf einem Heuboden, in einem weichen, wenn auch juckenden Bett für unsere nackten, ineinander verschlungenen Körper, mit aufrechter Männlichkeit, meine Zunge in Gustls Mund und dann seine in meinem, während Sonnenstrahlen durch Ritzen und Einschusslöcher hereinscheinen, um die Staubflocken zu erhellen, die von unserer gegenseitige Ekstase wie winzige Sterne aufgewirbelt werden. Ich werde in seine haselnussbraunen Augen blicken, mein Körper an seinen geschmiegt, und ihm über das kastanienbraune Haar streichen. Ich liebe ihn so sehr, dass ich mich vor Sehnsucht nach ihm verzehre, selbst wenn ich mit ihm zusammen bin. Gustl, du bist der Lenz, du bist der Lenz.

Der Nordwind hält an, und viele beklagen sich über den Rauch. Endlich kommt der Befehl für jene, die am meisten exponiert sind – im Ausguck, an den Geschützen und auf der Brücke –, vom Heck zum Bug zu wechseln und mit unseren Pendants zu tauschen. Gustl und ich besteigen die Eisenbahn, zusammen mit Rudolph und Gottfried und anderen Matrosen und Offizieren, alle mit Sack und Pack, und wir legen die sieben Kilometer lange Reise in großem Stil zurück.
   Es herrscht Urlaubsstimmung – bis mir der erschreckende Gedanke kommt, dass Gustl und ich unterschiedlichen Schichten zugeteilt werden könnten – oder gar verschiedenen Ausguckmasten im vorderen Bereich des Schiffes. Diese quälende Aussicht ruft eine ganze Kaskade weiterer Möglichkeiten wach. Die Schwierigkeiten, unter denen wir derzeit leiden, sind nichts im Vergleich zu denen, die uns erwarten, wenn wir durch die Erfordernisse des Krieges oder gar durch ein bürokratisches Versehen getrennt werden sollten! Bislang haben wir Glück gehabt, großes Glück. Ich könnte es nicht ertragen, von Gustl getrennt zu werden.

Meine Befürchtungen waren unbegründet. Wir sind immer noch zusammen und beobachten gemeinsam den Himmel und das Meer. Hier ist die Luft erheblich sauberer und frischer - nicht nur, weil wir jetzt vorne stationiert sind. Unsere großen Schlachtschiffe dampfen nicht mehr hintereinander her, sondern Seite an Seite, im Abstand von ein paar Kilometern. Erfolgte die frühzeitige Neuformierung nur zur Lösung des Rauchproblems oder aus taktischen Gründen? Mit den Gedanken von Flottenadmiral Dönitz bin ich nicht vertraut.
   Welch ein Anblick, wie die Lohengrin westlich von uns dahintreibt, ein gepanzertes Schlachtschiff so lang wie eine Insel. Eine fünf Kilometer lange Insel, wesentlich länger als breit, etwa wie Wangerooge, wenn auch vertikaler. Oh ja, eine Insel aus Stahl teilt das Wasser, und Rauch quillt aus allen Schornsteinen. Wale würden daneben wie Stichlinge erscheinen. Möwen umschwirren das Schiff wie weiße Konfetti.
   Gestern Abend erkundeten Gustl und ich die unteren Decks und stießen dort auf einen unverschlossenen Lagerraum, in dem sich Wintermäntel stapelten.
   »Was ist, wenn man uns findet ...?«
   »Wer braucht jetzt schon Wintermäntel?«
   Was wir als Nächstes taten, werde ich nicht beschreiben, außer dass sich die Messingknöpfe eines Wintermantels, dessen Futter nach außen gestülpt wurde, härter anfühlen als die Knöpfe in einer Matratze, die verhindern, dass man von den Sprungfedern gepiekst wird. Doch was interessieren ein paar Knöpfe, wenn man selber hart ist? Und anschließend fühlt man sich zu weich und zerflossen, um sich daran zu stören.

Das Meer ist ruhig und wir haben endlich den Kanal erreicht, fünf Kilometer vor der Küste von Dover, der bombardierten und brennenden Stadt. Unser Bug ist fünf Kilometer von der Küste entfernt, unser Heck vielleicht acht Kilometer. Der Unterschied vergrößert sich, während wir beidrehen, um zum Brückenkopf der Invasion zu werden.
   Unsere großen Kanonen dröhnen. Ich Kleingläubiger, warum habe ich gezweifelt? Dover Castle liegt in Trümmern. Sogar die weißen Klippen zerbröckeln und scheinen eine Rampe für unsere Panzer bilden zu wollen, für den Vorstoß auf das englische Festland. Solche Einzelheiten können wir bereits deutlich erkennen. Noch vor ein paar Stunden war der Himmel blau, doch nun ist überall Rauch.
   Während wir beidrehen, bilden die Viktor und ihre Schwesternschiffe so etwas wie einen Damm in der Meeresstraße. Wir sind gigantische Schleusentore. Das Wasser wird weiterhin unter uns hindurchfließen, doch die nordöstliche Strömung drückt gegen uns. Propeller, die auf der entsprechenden Seite in den Rumpf unseres mächtigen Schiffs eingelassen sind, gleichen die Wirkung aus. Wir drängen das Meer zurück wie Moses beim Auszug aus Ägypten, wir stauen das Wasser, das auf einer Seite höher als auf der anderen steht. Dadurch erhält die Viktor ein paar Grad Schlagseite, was der Bordeisenbahn jedoch keine Schwierigkeiten bereitet.
   Moses war natürlich Jude. Das ist das große Problem mit der Bibel, zu viele Juden, sie ist damit verpestet. Einschließlich Jesus, wie zu vermuten ist. Wagner hat einen völlig angemessenen Ersatz für das Christentum geschaffen. Nun gut, Parsifal sucht nach dem Gral, mit dem das Blut Jesu aufgefangen wurde. Parsifal ist ein heiliger Narr. Ich persönlich glaube, dass Jesus ein Arier war, der von den drei heiligen Königen als Kind von Indien nach Palästina gebracht wurde, so nahe an Europa heran, wie es ihnen möglich war. Mit Gold und Weihrauch haben sie die Eltern von Jesus bestochen, einen Wechselbalg anzunehmen.
   Wie dumm, in einem solchen Moment an solche Dinge zu denken. Wie doof, wie wir als Kinder gesagt haben. Wir bombardieren Doofer. Wie dumm von den Engländern zu glauben, sie könnten sich uns widersetzen!
   Die Stabilität der Eisenbahn – und der Strecken auf der Lohengrin und den anderen Schlachtschiffen, die bald die Brücke über den Kanal bilden werden – ist sehr wichtig, weil ich vermute, dass der Führer mit dem Zug eintreffen wird. Es sei denn, er fährt in einem gepanzerten Wagen über die Decks – oder wird gefahren. Vielleicht sogar in seinem Mercedes, mit flatternden Hakenkreuzfahnen. Das wäre ein wunderbarer Anblick, der das Vertrauen in den Sieg befördern würde!
   Orgasmen aus gelben Korditflammen brechen aus. Der Donner ist der Götterdämmerung würdig. Durch unsere ausgezeichneten Feldstecher und durch Lücken im treibenden Rauch beobachten Gustl und ich, wie Stücke von England in die Luft gesprengt werden.

Unser Bug hat sich mitten in den brennenden Hafen von Dover gerammt. Eine der Molen ist jetzt wesentlich kürzer als zuvor. Von Schwimmkörpern getragen rollt die große Verbindungsrampe an Land. Das unablässige Leuchtspurfeuer schwerer Maschinengewehre, Raketenwerfer und Kanonen hat den Widerstand in der Umgebung praktisch völlig gebrochen. Die Projektile aus den aufgerichteten Superkanonen hinter uns schießen hoch über uns hinweg, so schnell, dass man ihnen kaum länger als eine Sekunde folgen kann.
   Später lassen die Engländer große Ballons aufsteigen, mit denen sie uns bombardieren wollen. Schon bald verwandeln sie sich in große Feuerbälle. Der Abend bricht an, und unsere Wache ist fast vorüber. Wie sollen Gustl und ich im Lärm und in der Aufregung Schlaf finden? Indem wir uns zuvor in den Lagerraum mit den Wintermänteln zurückziehen? Ach, jetzt rennen zu viele Männer umher, hierhin, dorthin, überallhin.

Während der Nacht haben Helden von der Waffen-SS die Hauptstraße besetzt, die aus Dover herausführt. Mit der Dämmerung kommen die Panzer und Truppentransporter der Armee und der Waffen-SS, die über das Deck rumpeln und die Rampe hinunterrollen. Die englischen Entsatztruppen dürften bereits unterwegs sein, doch unsere überlegenen Panzer werden den Widerstand überwinden wie ein Messer, das durch Butter schneidet. Oder vielleicht wie durch Käse. Käse ist härter als Butter, obwohl weiche Butter in bestimmten Situationen natürlich ihre Vorteile hat. Die Engländer haben viele andere mögliche Landungsstellen geschützt, viele Meilen Strand mit Hindernissen und Stacheldraht gesichert, doch mit einem frontalen Angriff dieser Art oder dieses Ausmaßes auf den bedeutenden Hafen konnten sie niemals rechnen. Eine massive Brücke, die innerhalb weniger Stunden errichtet wird! Als sie zum ersten Mal die Annäherung unserer Geheimwaffe bemerkten, die sich viele Kilometer über das Meer erstreckt, müssen sie sich vor Angst in die Hosen gemacht haben.

Einen Tag später ist unser Brückenkopf in Kent so sicher, als wäre er ein Teil des Vaterlandes. Über Volksempfänger hören wir, dass Panzerdivisionen und motorisierte Truppen Canterbury und Ashford erreicht haben. Der Widerstand ist hartnäckig – das muss man den Engländern lassen –, aber im Grunde sinnlos und selbstmörderisch. Eine Flottille aus kleineren Schiffen befördert ständig Ausrüstung zwischen Boulogne und Folkestone hin und her, während über unsere Schlachtschiffbrücke ganze Armeen strömen wie über eine breite Autobahn. Ich glaube, in Dover ist niemand mehr am Leben, der kein Deutscher ist.
   Der englische Premierminister Churchill hat eine wütende Rede gehalten, in der er schwor, uns in den Straßen von London und den Bergen von Wales und den Tälern von Schottland zu bekämpfen, ohne zu erkennen, dass solche abseitigen Versprechungen letztlich ein Eingeständnis der Niederlage darstellen. Unsere große Geschütze ragen hoch auf und beschießen London.
   Wittgenstein, der einen feineren Sinn für die Nuancen der Sprache hat, äußerte gewisse Thesen.
   »Wenn das gute oder böse Wollen die Welt ändert, so kann es nur die Grenzen der Welt ändern, nicht die Tatsachen. Der Nationalsozialismus ist nicht unwiderleglich, sondern offenbar unsinnig.«
   Was du nicht sagst, Ludwig! Doch die Waffen-SS hört nicht auf dich.
   Möglicherweise hört der Führer ihm ergrimmt zu. Unsinnig? Nun, wir erleben den Beginn der Herrschaft einer andersartigen Weltanschauung, die sich sowohl vom Christentum als auch vom Rationalismus weit entfernt hat. Es wird die Herrschaft des übermenschlichen Willens sein, die man vielleicht als magischen Realismus bezeichnen könnte.
   Es ist unsinnig, dass privilegierte Uranier sich ungehindert vergnügen können, während Gustl und ich es nicht dürfen.

Welch heilige Stunde: Nachdem Dover nun im Feuer geläutert ist, kommt der Führer, und er kommt tatsächlich mit dem Zug, zum Bahnhof Isartor ganz in der Nähe unseres Ausgucks.

Gustl hat sich schrecklich erkältet. Aber ich glaube gar nicht, dass er eine richtige Erkältung hat. Ich glaube, sein Problem ist die Affinität zwischen Nase und Penis. Es ist allgemein bekannt, dass unsere primitiven Vorfahren durch gewisse Gerüche sexuell erregt wurden. Ich meine, welcher Affe könnte sich durch den bloßen Anblick eines anderen Affen erregen lassen, der vollständig behaart ist? Infolgedessen könnte der intensive und phantasievolle Gedanke an Sex dazu führen, dass sich die Nase statt des Schwanzes entlädt. Gustl hat viel an die von mir angeregte Phantasie gedacht, wie wir es auf einem Heuboden in Kent treiben.
   Von Marineoffizieren begleitet, schwirren die Sicherheitsjungs des Führers in ihren langen schwarzen Ledermänteln überall auf diesem Teil des Schiffs herum, und Gustl ist dienstunfähig geschrieben worden. Niemand darf in der Nähe des Führers niesen. Er ist durch sein Vegetariertum und die saubere Lebensweise gut geschützt, aber sicher ist sicher.
   Aus offensichtlichen Gründen haben die Männer vom Ausguck im Moment keine wirkliche Aufgabe – also auf in den Landurlaub! Es ist unwahrscheinlich, dass ich in den rauchenden Trümmern irgendwelche Heckenschützen entdecke. Dennoch wäre es am falschen Ende gespart, den vordersten Ausguck unbesetzt zu lassen. Aber für diese Aufgabe genügt ein Mann, sodass ich allein auf Posten bin, nachdem ich auf versteckte Waffen gefilzt wurde. Sicher ist sicher. Wie die Hand des blonden Sicherheitsmannes an den Innenseiten meiner Schenkel entlanggleitet ... Ich habe intensiv an Parsifal und die Idee der Reinheit gedacht.

Es ist unglaublich! Und dann auch noch während meiner Wache!
   Aber es passt. Dies ist der höchste und nächste Aussichtspunkt für jemanden, der nicht an Land gehen und die Hügel hinaufsteigen will. In den rauchenden Ruinen muss noch Zeug herumliegen, das nicht explodiert ist.
   In genau diesem Augenblick steigt der Führer auf meinen Wachturm – leibhaftig und höchstpersönlich. Wachen folgen ihm, aber er führt sie an. Wie sollte es auch anders sein? Er ist der Held, der den Turm besteigt, um über das eroberte Land zu blicken.
   Obwohl er sichtlich von schlaflosen Nächten gezeichnet ist und etwas bleich wirkt, strahlt er mich mit einem beinahe jungenhaften Lächeln an. Seine Augen leuchten. Sein Gesicht glüht. Er hat eine wunderbar große Nase. An seiner Uniform trägt er – in Anerkennung unserer Leistungen – das Flotten-Kriegsabzeichen, ein Schlachtschiff, dass genau auf den Betrachter zuhält, die Kanonen querab, damit sie besser zur Geltung kommen, innerhalb eines Kranzes aus Eichenlaub, der von einem Adler gekrönt wird.
   »Dieter Schmidt«, sagt er zu mir, als hätte er meinen Namen die ganze Zeit gewusst und als wäre er ihm nicht kurz zuvor ins Ohr geflüstert worden.
   Ich hätte nicht strammer Haltung annehmen können.
   »Jawohl, mein Führer!«
   »Du erfüllst deine Pflicht für Deutschland, Dietl.« Ach, dieser Augenblick der tiefsten Intimität, das Du und der Dietl, die wie die Umarmung eines Geliebten sind. »Du wirst einen Orden bekommen.«
   Mit einer beinahe weiblichen Geste fordert er mich auf, ihm meinen Zeiss-Feldstecher zu geben. Durch die Linsen blickt er auf die Trümmer von Dover Castle.
   Leise knurrt er: »Wittgenstein, du bist nicht mehr fern.«
   Und ich bin völlig hingerissen. Dieser Moment wurde mir von Gott geschenkt.
   »Mein Führer, dürfte ich statt einer Auszeichnung demütigst darum ersuchen, dass die anti-uranischen Gesetze dahingehend geändert werden, dass allen Uraniern, die ihre Männlichkeit im Dienst für das Vaterland bewiesen haben, erlaubt wird ...«
   Weiter komme ich nicht. Nie zuvor habe ich erlebt, dass sich ein Mensch so abrupt verändert. Wie bei einem epileptischen Anfall stößt der Führer Worte aus, als würde er nicht mehr aus eigenem Willen sprechen. Wie bösartig er mich anstarrt! Und den wirren Worten und dem Krampf, der seine Gesichtszüge verzerrt, entnehme ich instinktiv und in entsetztem Erstaunen, dass mein Führer genauso uranisch ist wie ich, dass er es schon immer gewesen ist. Und mit einem Schlag verstehe ich auch die Ursache seiner Verachtung für Wittgenstein, weil der Jude mit dem Bruchband irgendwann während der Schulzeit in Linz die Eier des Führers gedrückt haben muss, weil Wittgensteins Schwanz im Arsch des Führers gesteckt haben muss! Doch niemand darf je davon erfahren, und deshalb muss Wittgenstein sterben. Schon schreit der Führer nach seinen Wachen, und Schaum spritzt von seinen Lippen.

Gott sei Dank war mein Gustl nicht im Dienst. Sie dürfen keinen Hinweis darauf erhalten, wie es in Wahrheit um ihn steht. Gustl mag sich in den Schlaf weinen, weil er mich verloren hat, doch er soll nicht aus anderen Gründen schreien, in qualvoller sexueller Folter und Kastration, wenn die Marine ihn nicht mehr schützen kann. Ich bezweifle, dass sie es kann, denn die Marine kann auch mich nicht mehr schützen.
   Ich bin geknebelt, bis auf die Unterwäsche entkleidet, gefesselt und mit Fett eingeschmiert. Auf Befehl des Führers wurde eine große Kanone geladen, vielleicht sogar von Gottfried und Rudolph persönlich. Mit den Füßen voran werde ich in den Lauf geschoben. Das Rohr ist gerade weit genug, um mich aufzunehmen. Mit einem großen Mop, der normalerweise zum Schrubben der Decks benutzt wird, stößt man mich so tief wie möglich hinein. Eine solche Grausamkeit hätte ich von meinen deutschen Kameraden niemals erwartet.
   Das Geschütz wird hochgekurbelt. Obwohl ich voller Schmiere bin, rutsche ich bei fünfundzwanzig Grad nicht tiefer. Als ich nach oben blicke, erkenne ich einen Stern oder einen Planeten – es ist, als würde ich mich am Grund eines sehr tiefen Brunnens befinden. Die Kanone dreht sich herum. Ich weiß, dass sie auf Cambridge zielt.
   Selbst für eine Superkaliber-Granate aus einer superschweren Kanone ist es unmöglich, bis dorthin zu fliegen, aber nur die Absicht zählt, die Vorstellung, dass ich vielleicht Wittgenstein treffe, während er durch einen College-Innenhof spaziert.
   Wird ein Teil von mir diesen Augenblick überleben? Vielleicht mein Kopf, der noch für ein paar Sekunden bei Bewusstsein ist, während er dem Kordit-Orgasmus vorauseilt?
   »Unser Leben ist ebenso endlos«, postuliert Wittgenstein, »wie unser Gesichtsfeld grenzenlos ist.« Er meint, dass wir außerhalb unseres Gesichtsfeldes nichts sehen, und genauso wenig nehmen wir über das Ende unseres Lebens hinaus etwas wahr.
   »Der Tod ist kein Ereignis des Lebens«, hat er gesagt. »Den Tod erlebt man nicht.«
   Ich hoffe es inständig.
   Ich bin im Arsch!

Deutsche Erstveröffentlichung • Originaltitel: »An Appeal to Adolf«
© 2004 Ian Watson • Mit freundlicher Genehmigung des Autors (Thanks, Ian!)
Erstdruck in: Pamela Sargent (Hrsg.), Conqueror Fantastic (New York: DAW, 2004)
Deutsch von Bernhard Kempen © 2004


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21.05.06 • 02.09.10