epilog.de Shayol Verlag Alien Contact UFO Phantastische Buchhandlung Suche Dialog

Hugo Wauer

Königsgraben und Festungsgraben.

Humoristische Rückblicke auf Berlins »gute alte« Zeit von 1834 bis 1864

Berlin > Geschichte
Diesen Beiden, die einst Berlin beschützten, muß ich einen Nachruf widmen, denn ich habe sie ja noch -- persönlich gekannt.
   Der ältere, der Königsgraben, stammte wohl aus Berlins Urzeit. Genaues kann ich nicht sagen, denn ich will keine Urkunden nachschlagen, sondern nur Miterlebtes erzählen. Er hatte seinen Anfang zwischen Waisen- und Jannowitz-Brücke, wo er von der nun verschwundenen »Stralauer Brücke« überspannt, die Straße »An der Stralauer Brücke« da durchschnitt, wo jetzt die Stadtbahn über sie hinwegführt. Dann nahm er denselben Lauf, wie nun die Stadtbahn. Von der Spandauer Brücke bis zur Spree hieß er Zwirngraben. Als solcher floß, oder besser gesagt, schlich er unter der »Herkules-Brücke« hindurch an dem jetzt freien Platz vor dem Zirkus Busch in die Spree. -- Als die Stadtbahn gebaut wurde, wurde der ganze Graben zugeschüttet und --- »Versunken und vergessen!«
   Die den Graben überspannende »Herkules-Brücke«, vom »Volke« Simsons-Brücke genannt, verband die Burgstraße mit der »Neuen Promenade« und als die Bahn den Graben verdrängte, verpflanzten unsere Stadtväter die Herkules-Brücke nach Berlin W, wo sie nun den Schiffahrts-Kanal überspannt und die Friedrich Wilhelmstraße mit dem Lützowplatz verbindet.
   Bekanntlich stellt eine der vom alten Schadow, der auch die Viktoria auf dem Brandenburger Tore schuf, geschaffenen Sandsteingruppen den Kampf des Herkules mit dem Nemäischen Löwen dar. Adolf Glasbrenner, dem bekanntlich Nichts heilig war, ließ in einem seiner Berliner Straßenbilder Herrn »Buffai´s« »Willem« diese Gruppe folgendermaßen charakterisiren:
   »Na weeßte Vater, ick meene doch die kleene Bricke da bei de Werderschen, weeßte, wo der nackigte Mann druff steht, der den Pudel den Zahn auszieht.« ---

Die »Werderschen« füllten damals mit ihren Obstkörben den ganzen Platz zwischen der Herkules- und der Friedrichs-Brücke. -- Ja, ja, die »Werderschen«, die jetzt ihre Obstschätze stolz in eigenen Dampfschiffen zur Markthalle bringen, hatten damals eine Art Herkules-Arbeit zu leisten, bevor sie an der Herkules-Brücke landen konnten, denn die großen, mit hochaufgetürmten Obstkörben fast überlasteten Kähne wurden von Frauen gerudert!! Von Werder bis Berlin gegen den Strom!!
   Diese Schiffe glichen Galeeren, denn im maschinenmäßigen Takt zogen auf jeder Seite sechs bis acht Frauen die plumpen schweren Ruder. Ebensoviele ruhten aus. Ueberall, besonders von den Brücken herab, wurden sie überschüttet mit ordinären Spottrufen, die sich nicht wiedergeben lassen, von ihnen aber doppelt gepfeffert retournirt wurden. Schon als Knabe hat es mich immer empört, daß die Berliner als Anerkennung für diese schwer und hart arbeitenden tapferen Frauen nur rüde und faule Witze hatten. --

Ueber den Zwirngraben führte auch die »Rochbrücke«, eine Fußgängerbrücke, über die man, wenn man einen »Sechser« (5 Pfg.) opferte, von der Neuen Friedrich- nach der Münzstraße und umgekehrt gelangen konnte.
   Eine ebensolche Sechserbrücke für Fußgänger führte an Stelle unsrer Kaiser Wilhelm-Brücke vom Lustgarten nach der Burgstraße. Verehrte Reichshauptstadt, Wat sagste dazu?
   Die Moabiter und Schillings-Brücke erhoben ebenfalls von jedem Fußgänger einen Sechser; Fuhrwerke hatten mehr zu zahlen. Den drei erstgenannten habe ich ja manchen Obulus geopfert; die Schillings-Brücke aber lernte ich erst kennen, als sie keine Opfer mehr verlangte.
   Für Berlins Schwesterstadt »Cölln« war der Kupfergraben die älteste Schutzwehr; als aber die Stadt sich nach Westen ausdehnte, ließ der Große Kurfürst den »Festungsgraben« anlegen. Dieser, kaum halb so breit, wie der Königsgraben, begann an der Waisenbrücke, vis-à-vis dem Anfange des Königsgrabens, »kroch« hinter dem Garten der Allgemeinen Mutterloge Zu den drei Weltkugeln an dem ehemaligen Stadttorturm, dem sogenannten »Wusterhausener Bär« vorbei durch die Hintergärten der Wallstraße, unter den Kollonaden der Leipziger und der Mohrenstraße hindurch, am »Bullenwinkel« vorüber, unter der Jäger- und der Französischen Straße hindurch, am Prinzessinnen-Palais entlang, unter dem Platz am Zeughause hindurch, an der Sing-Akademie vorbei und dann mit rechtsum unter der Dorotheenstraße in den Kupfergraben.
   Während der Königsgraben nur mäßig Gifte aushauchte, war der Festungsgraben in hohem Grade gesundheitsschädlich, deshalb und weil er gar keinen Zweck mehr hatte, wurde er zugeschüttet. --

Anzeige

Leserservice
Lieferbare Titel mit dem Stichwort Eisenbahn
Home Suche Dialog Service Ende Amazon.de
© copyright 1990-2006 by SHAYOL.NET e.V. • Alle Rechte vorbehalten
eMail: dialog@epilog.de
21.05.06 • 10.06.06