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| Am 12. September 1921 wurde Stanislaw Lem in Lemberg, dem
polnischen Lwów (heute Lwiw/Ukraine) geboren und begann 1939 an der dortigen Universität
ein Medizinstudium. 1941 mußte er nach der Besetzung Polens durch deutsche Truppen das
Studium abbrechen und als Kfz-Schlosser für die deutsche Wehrmacht arbeiten. Ab 1944
setzte er dann sein Studium in seiner Geburtsstadt fort und beendete es 1948 in seiner
Wahlheimat Kraków, wohin es ihn nach der Eingliederung Lwóws in die Sowjetunion
verschlagen hatte. Der Jagiellonischen Universität in Kraków blieb er von 1948 bis 1950
als Forschungsassistent treu. Neben der Medizin beschäftigte er sich im Privatstudium
auch mit Philosophie, Wissenschaftstheorie und Kybernetik. Seine anschließende Tätigkeit
als Arzt war kurz bemessen, denn alsbald widmete er sich voll und ganz der Publizistik und
Schriftstellerei. 1982, nach der Einführung des Kriegsrechts, verließ Stanislaw Lem Polen und folgte einer Berufung ans Wissenschaftskolleg nach West-Berlin. Die Jahre 1983 bis 1988 verlebte er dann in Wien, wo auch zwei seiner belletristischen Spätwerke, Pokój na ziemi (1986, dt. Der Flop) und Fiasko (1986), entstanden. Seit 1988 wohnte und arbeitete er wieder in Kraków. Für seine schriftstellerischen und wissenschaftstheoretischen Leistungen wurde Lem mit zahlreichen Ehrungen und Preise bedacht, u. a. 1955 mit dem Goldenen Verdienstkreuz, 1973 dem Großen Staatspreis für Literatur der Volksrepublik Polen, 1986 dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur, 1991 dem Franz-Kafka-Literaturpreis und 1996 mit dem Weißen Adler-Orden. Fünf Universitäten verliehen ihm die Ehrendoktorwürde, zuletzt im Jahre 2003 die Technische Fakultät der Universität Bielefeld. Stanislaw Lem war Mitglied der Polska Akademie Umiejetnosci und der Akademie der Künste Berlin. Bereits mit sechzehn Jahren begann Lem zu schreiben, zunächst Erzählungen, 1946 entstand der Roman Czlowiek z Marsa (dt. Der Mensch vom Mars), der aber erst im Jahre 1989 in Buchform erschien. Darum kann Astronauci (1951, dt. 1954 Der Planet des Todes, auch Die Astronauten) als sein SF-Debüt gelten. Diese Geschichte einer Expedition zur Venus wurde 1959 in einer Koproduktion Polen/DDR (Regie: Kurt Maetzig) unter dem Titel Der schweigende Stern verfilmt. 1955 folgten der Erzählungsband Sezam (unter anderem mit der ersten Story um Ijon Tichy) und der Roman Oblok Magellana (dt. 1956 Gast im Weltraum), letzterer eine Raumfahrtgeschichte, die in fast naiver Begeisterung sozialistischen Idealen verhaftet war. Mit Eden (1959, dt. 1960), Solaris (1961, dt. 1972) und Niezwyciezony (1964, dt. 1967 Der Unbesiegbare) legte Stanislaw Lem den Grundstein zu seinem Ruf als SF-Autor, der in keiner Enzyklopädie, aber auch in keinem Kreuzworträtsel fehlen darf. War sein Werk zunächst eher unterhaltsamen Aspekten gewidmet, verlagerte sich der Schwerpunkt zunehmend hin zu ethischen Grundsatzfragen unserer Zeit. In Eden begegnen irdische Forscher einer Zivilisation, die ihre Probleme mit den Mitteln der Genmanipulation zu lösen versucht, während sie es in Der Unbesiegbare mit einer kybernetischen Intelligenz zu tun haben. Die Raumfahrer sind dieser Konfrontation nicht gewachsen und müssen ratlos den Rückzug antreten. Damit ist eine Grundkonstellation in Stanislaw Lems Werk formuliert. Der Mensch steht den von der Evolution begünstigten Intelligenzformen fast sprachlos gegenüber, er ist nicht in der Lage, sie in ihrer Dimension zu erfassen, geschweige denn, einen Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Im Falle des Astronauten Hal Bregg ist es zum Glück nur ein Problem innerhalb der eigenen Spezies. In Powrot z Gwiazd (1961, dt. 1974 Transfer) kehrt er nach einem zehnjährigen Raumflug auf eine Erde zurück, auf der während dessen 127 Jahre vergangen sind. Die Wissenschaftler in Solaris (1961, dt. 1972) haben da weniger Erfolg. Sie scheitern auf der ganzen Linie. Solaris ist insbesondere durch seine Verfilmungen der wohl bekannteste Roman Lems, wobei man es durch die Handschriften der Regisseure Andrej Tarkowski (1972) und Steven Soderbergh (2002) fast schon mit zwei grundverschiedenen Geschichten, auf jeden Fall jedoch Sichtweisen auf die ursprüngliche Romanhandlung zu tun hat. Der Planet Solaris wird von einem intelligenten gallertartigen Ozean beherrscht, über dem die irdische Forschungsstation kreist. Nachdem die Menschen zumindest begriffen haben, womit sie es zu tun haben, können sie dennoch keine Verbindung zu Solaris aufnehmen, statt dessen werden sie zum Spielball unerklärlicher Geschehnisse, die sie faktisch in den Wahnsinn treiben. Eine Idee, die der Autor später in seinen sehr skeptischen Romanen Pokój na ziemi (1986, dt. Der Flop) und Fiasko (1986) aufgriff und vertiefte. Um es mit Frank Schätzing zu sagen: »Unser geistiger Horizont ist nun mal genetisch determiniert. Wir können über bestimmte Muster nicht hinaus denken«. Versuchen wir es dennoch, wird daraus ein Flop oder es endet sogar im Fiasko. 1968 erschien Opowiesci o pilocie Pirxie (dt. 1972, Die Jagd), in denen der Pilot Pirx so manche Tücken der Raumfahrttechnik meistern muß und es dabei mit neurotischen Bordrechnern und Programmierern, zweifelhaften Androiden und anderen Fährnissen zu tun bekommt und das war alles noch vor Bill Gates! Ein anderer Aspekt im Werk Lems sind seine humoristischen Bücher, allen voran die Abenteuer des Ijon Tichy, die in Dzienniki Gwiazdowe (1971, dt. 1973 Sterntagebücher) und Kongres Futurologiczny (1973, dt. 1974 Der futurologische Kongreß) niedergelegt sind. Ijon Tichy ist ein kosmischer Münchhausen, der (oft zusammen mit Professor Tarantoga) die unglaublichsten Abenteuer erlebt. Noch skurriler sind die Roboter Trurl und Klapauzius, die Protagonisten in Cyberiada (1965, dt. 1969 Robotermärchen). Stanislaw Lem nutzt die Mittel der Satire, ja teilweise des Klamauks, um gesellschaftliche Fehlentwicklungen und wissenschaftliche Fiktionen auf die Schippe zu nehmen, ja, ad absurdum zu führen. Stanislaw Lem war nur bis zu dem Augenblick mit seiner Einstufung als SF-Autor einverstanden, bis er den Vergleich mit anderen Autoren dieses Genres ziehen konnte. Viel lieber sah er sich als Wissenschaftsphilosoph, baute ganze Denkwelten imaginärer Größe. Rückwirkend betrachtet hielt er die völlige Isolation, die er während des Kommunismus als Pole unter sowjetischer Besatzung erlebte, für ein Glück, denn »damals war ich einsam wie ein Robinson der Futurologie, der die Welt neu erschuf, indem er die Dinge in ihr benennt«. Summa technologia (1964, dt. 1976 Summa technologiae) ist sein essayistisches Hauptwerk, in dem er den ganzen Themenkreis von Moral und Ethik, virtueller Realität (von ihm Phantomatik genannt) und zukünftigen Technologien insgesamt behandelt. Es handelt sich aber nicht um sein einziges philosophisches und literaturwissenschaftliches Werk. Neben den zwei Bänden Fantastyka i Futurologia (1970, dt. 1977/1980 Phantastik und Futurologie) veröffentlichte er Rezensionen zu nicht existierenden Büchern (Doskonala Proznia, 1971, dt. 1973 Das absolute Vakuum; One Human Minute, 1983, dt. Eine Minute der Menschheit) und fortschrittskritische Traktate wie Tajemnica chinskiego pokoju (1996, dt. 2000 Die Technologiefalle) oder Bomba megabitwa (1998, dt. 2003 Die Megabit-Bombe).Als Schriftsteller vereinte Stanislaw Lem viele Talente in sich, mal gab er sich der Lust am Phantasieren und Fabulieren ungehemmt hin, dann war er wieder der tiefsinnige Weise und kritische Beobachter. Neben seinen phantastischen Büchern schrieb er auch Krimis, Hör- und Fernsehspiele und autobiografische Belletristik. Lem hat die SF zur Hochliteratur geadelt, ohne das wirklich zu beabsichtigen. Sie war für ihn ein Phänomen »das aus dem Bordell stammt und in die Paläste einbrechen möchte, in denen die erhabensten Gedanken der Menschheitsgeschichte aufbewahrt werden«. Dieses Privileg hat er seinem philosophischen Spätwerk zugedacht, doch was von seinem uvre bleibt, sind wohl Bücher wie Eden, Solaris und die Sterntagebücher. Bücher voller übersprudelnder Phantasie, Wortwitz, Sachverstand und einem wachen Blick auf das Hier und Heute, das sich in seinem Werk spiegelt und vielfach gebrochen zurück geworfen wird. Stanislaw Lem ist am 27. März 2006 in einer Klinik in Kraków nach längerer Krankheit an Herzversagen gestorben. |
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