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Invasion des Wahnsinns

Edward D. Wood jr.

Amerikanischer Autor und Regisseur (1924-1978)

Science Fiction > Invasion des Wahnsinns | Film | Lexikon > Personen
Geboren: 10.10.1924 in Poughkeepsie/New York
Gestorben: 10.12.1978 in North Hollywood/Kalifornien
Golden Turkey Life Achievement Award Winner
»Ich habe Filme geliebt, seit ich Kartenabreißer war. Ich habe die Aushangfotos aus der Mülltonne hinter dem Kino gerettet.«

Mit sieben Jahren sah er seinen ersten Horrorfilm: Dracula mit dem Ungarn Béla Lugosi. Zwei Jahrzehnte später würde er Lugosi in Hollywood treffen und den alten Mann in seinen eigenen Filmen einsetzen: ein Zweckbündnis der unheimlichen Art, denn sie beide waren auf dem Weg nach unten. Aber erst wurde Wood als Gefreiter im südwestlichen und mittleren Pazifik stationiert, verwundet und 1946 als Korporal aus der Marine entlassen. In einem Wanderzirkus trat er als Zwitterwesen und Kretin auf, bevor er nach Hollywood kam. Bei Monogram Pictures lernt er den Kameramann Ray Flin kennen. Mit ihm und einigen frischgebackenen Freunden dreht er den Amateurwestern Crossroads of Laredo. 1950 trat er in Sam Fullers The Baron of Arizona als Stunt-Double in Frauenkleidern auf. 1952 schrieb er für seinen Freund Alex Gordon das Drehbuch für The Lawless Rider, einen anderen Western mit dem fünftklassigen Cowboy»star« John Carpenter (nicht zu verwechseln mit John Carpenter, dem Regisseur von Dark Star und Halloween). Ein Jahr später drehte er seinen ersten Profifilm in eigener Regie: I Changed My Sex oder Glen or Glenda. Der Streifen entstand sehr frei nach dem Schlagzeilen machenden Fall einer Geschlechtsumwandlung (Christine Jorgenson). Ed Wood spielte, unter dem Pseudonym Daniel Davis, einen leidenden Transvestiten, der er übrigens auch im Privatleben war. Aber es fehlte ein Star. Da lernte er durch Alex Gordon Lugosi kennen, der dringend Geld brauchte, und baute ihn als göttlichen Puppenspieler, der menschliche Schicksale manipuliert, in seinen Film ein. Für 500 Dollar saß Lugosi einen Tag lang in einem großväterlichen Lehnstuhl und blickte herab auf fiktive Menschenmassen und Highways:

»Die Welt ist schon ein seltsamer Platz.
All diese Autos!
Alle fahren irgendwohin!
Sie alle transportieren Menschen,
die ihr Leben führen!«

Oder:

»Hüte dich! Hüte dich
vor dem großen grünen Drachen,
der vor deiner Haustür sitzt!
Er frißt Welpenschwänze und
dicke, fette Schnecken.
Hüte dich!
Nimm dich in acht!
Hüte dich!«

Im gleichen Jahr konzipierte Wood für den Altstar die Bela Lugosi Review, die unter Mitwirkung der Stripperin Lili St. Cyr im Silver Slipper in Las Vegas aufgeführt wurde. In Woods Krimi Jailbait war Lugosi zwar nicht dabei, aber in Bride of the Monster/Bride of the Atom war er nicht zu übertreffen. Es war das letzte Mal, das man Lugosis Stimme auf der Leinwand hören konnte. Danach trat er, geistig weggetreten, nur noch stumm auf.

Im April 1955 machte Wood Aufnahmen mit Béla für The Vampire's Tomb. Zwei Wochen später wurde Lugosi, ein körperliches und seelisches Wrack, wegen Drogenabhängigkeit ins Metropolitan State Hospital eingewiesen. Während seines Aufenthalts in der Klinik hielt ihn Wood mit der Aussicht bei Laune, nach seiner Wiederherstellung mit ihm und Gene Autry The Ghoul Goes West/The Phantom Ghoul zu drehen. Nach Bélas Entlassung war das Autry-Projekt schon wieder Schnee von gestern, und es wurden nur weitere Aufnahmen für Vampire's Tomb gemacht. Wie immer war das Geld sehr knapp. Doch am 16. August 1956 starb Lugosi und hinterließ einen unfertigen Film. Wood vollendete das Werk mit Hilfe eines Doubles, reichlich Archivmaterial und weiteren Szenen an der Grenze zwischen Amateurfilm und Abfall. (Wood plante einen weiteren Zusammenschnitt von Lugosi-Material: Ghouls of the Moon/The Undead Masses.)

1958 gründete er zusammen mit J. C. Foxworthy, U.S.M.C., die Atomic Productions. In den nächsten drei Jahren wollten sie 18 Low-Budget-Filme produzieren. Zustande kam allein Night of the Ghouls. Nach einem Drehbuch von Wood entstand darüber hinaus Queen of the Gorillas/The Bride and the Beast. Unter den vielen gescheiterten Projekten auch eine weitere SF-Idee: Attack of the Giant Salami mit Joe E. Brown und Boris Karloff. Hört sich an nach einem Vorläufer der Killertomaten.

In den folgenden Jahren verfiel Wood immer mehr: Er schrieb pornographische Romane und drehte entsprechende Filme. Und soff und soff und trug Frauenfummel. Zwar ist es ein Gerücht, daß Eddie bisweilen in Frauenkleidern ins Atelier gekommen sei, aber wenn man ihn zu Hause besuchte, konnte es passieren, daß man ihn in Frauenkleidern an der Schreibmaschine antraf, eine Zigarre paffend und eine Flasche Wodka auf dem Schreibtisch. David Ward, einer seiner schauspielernden Kumpane, erinnert sich an sein tragisches Ende: »Mit dem armen Kerl ging es stetig bergab. Er verlor eine Menge Freunde - sie ließen ihn fallen wie eine heiße Kartoffel. Als ich ihn das erste Mal traf, hatte er noch ein nettes Haus draußen in North Hollywood - mit Swimmingpool und allem Drum und Dran. Doch dann landeten er und seine Frau Kathy in einem miesen Apartment in einer Gegend von Hollywood, wo gewöhnlich nur Prostituierte und Junkies herumhingen. Schließlich konnten Eddie und Kathy nicht mal mehr die Miete für diese Absteige aufbringen und zogen zu ihrem Freund Peter Coe. Am Ende war Ed nur noch Haut und Knochen. Er kümmerte sich nicht um sich selbst. Aß nicht genügend. Er hatte einfach nicht das Geld dafür. Anstatt was zu essen, kaufte er sich was zu saufen.« Im Alter von 54 Jahren starb er an einem Herzanfall. Peter Coe, der Darsteller in den Filmen House of Frankenstein und The Mummy's Curse gewesen war und den Wood für einen Film, der nie gemacht wurde, als Béla Lugosi einsetzen wollte (Coe stammte aus Dubrovnik), dachte mit Grausen an Eds letzte Wochen: »Er war in sehr schlechter Verfassung, weil er nichts anderes tat als saufen. Ich war drauf und dran, ihn ins Krankenhaus zu bringen, aber er wollte nicht. Schließlich war er aber doch einverstanden: morgen wollte er gehen. Ich sah mir gerade ein Football-Spiel an, und Ed kam dazu. Er legte sich ins Bett, während wir fernsahen. Dann bettelte er und wollte was zu trinken, nur einen Schluck. Danach wäre aber Schluß, sagte ich ihm, denn morgen müßte er ins Hospital. Nachdem er was getrunken hatte, bat ich ihn, er möchte doch was essen. Ich ging in die Küche, um ihm etwas zurechtzumachen. Eine Nachbarin kam, um nach ihm zu sehen, ich denke, sie war Krankenschwester. Ich kann mich nicht mehr an ihren Namen erinnern, aber ich sagte ihr, Eddie sei im Schlafzimmer. Sie ging ins Schlafzimmer und kam gleich wieder raus: Eddie ist tot! Es war ein Schock. Ich konnte nicht glauben, als sie kamen, um die Leiche zu holen. Sie behandelten ihn wie Abfall. Sie steckten ihn in so einen Sack: es war furchtbar.«

Die Renaissance seiner Filme nach den Veröffentlichungen der Brüder Medved und einer Filmbiographie von Tim Burton erlebte Ed Wood nicht mehr. Was hat man nicht alles nach seinem Tod entdeckt: jeder Filmschnipsel, von ihm belichtet, war auf einmal Geld wert. Man fand auch ein Manuskript The Hollywood Rat Race: eine Anleitung, wie man es in der Filmstadt zu was bringt - vom Meister, der es nie wirklich zu was gebracht hat. Kapitelüberschrift: »How to Produce a Cheap Picture and Fail.« Selbsterkenntnis am Rande der Alkoholvergiftung? Ohne Zweifel hätte er keinen Anstoß gegen seinen zweifelhaften Nachruhm genommen, denn zeitlebens hatte er alles daran gesetzt, berühmt zu werden. Erst nach seinem Tod wurde er es. Bei van Gogh verhielt es sich nicht viel anders, aber van Gogh war ein Künstler. Auf die Frage, warum die Leute heute plötzlich so scharf auf Eds Versagerfilme seien, antwortete Vampira: »Because everybody is brain-damaged today.«

• Rolf Giesen


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Als Regisseur (Auswahl)
Glen or Glenda / Glen or Glenda: Confessions of Ed Wood / He or She /I Changed My Sex / I Led 2 Lives / The Transvestite (USA 1953)
Jail Bait / Hidden Face (USA 1954)
Die Rache des Würgers (Bride of the Monster / Bride of the Atom • USA 1956)
Plan 9 aus dem Weltall (Plan 9 from Outer Space • USA 1958)
Night of the Ghouls / Revenge of the Dead (USA 1959)
Als Drehbuchschreiber (Auswahl)
The Bride and the Beast / Queen of the Gorillas (USA 1958)
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21.05.06 • 10.06.06