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die S-Bahn:

Arno Behrend

Undank ist der Quanten Lohn

Seite 1 »

Kolja überprüfte die letzten Einstellungen. Er war wahnsinnig nervös. Nicht, daß das etwas Besonderes gewesen wäre, aber diesmal war es schon sehr schlimm. Jede Minute strich er sich mindestens einmal durch die ungeordnete dunkle Lockenmähne, jedesmal in einer anderen Richtung. Die schwarzgeränderte John-Lennon-Brille hatte überdurchschnittlich viele Putzangriffe zu überstehen. Ständig rieb er sich das fast nicht vorhandene Kinn.

»Hoffentlich hab' ich nichts übersehen«, murmelte er zum wiederholten Mal. So von der Rolle hatte ich ihn nur einmal gesehen, bei unserer ersten Begegnung. Seine Bohnenstange von Körper hatte sich damals auf überlangen Stelzen über das Spielfeld der Jugendmannschaft von Berlin Thunder bewegt. Zur gleichen Zeit lief ein Spiel gegen den Nachwuchs von Rhinefire. Kolja wollte nur zum Physiktrakt der Uni und nahm die Welt um sich herum mal wieder nicht wahr. Die Berliner Footballer waren zwar Jugendspieler, aber durchaus nicht schwächlich. Sie fingen gerade an, Kolja zu erklären, daß er durch sein lässiges Gestapfe über das Spielfeld ihren letzten Angriff durcheinandergebracht hatte und sie deswegen eine Heimniederlage fürchten mußten, als ich dazukam. Ich ging an diesem Tag meiner hauptsächlichen Nebentätigkeit als Schiedsrichter nach und brachte die Jungs dazu, ihn wieder auf die Füße zu stellen. Später sah ich Kolja in der Mensa des Techniker-Flügels, und wir wurden Freunde.

»Denk immer dran, Dennis«, schärfte er mir erneut ein, »du kannst nur 150 Watt einstellen, und das nur für eine Minute. Wir wissen nicht, was passiert, wenn wir darüber hinaus gehen.« Sein Blick streifte die Transformatoren, die ich der energie-technischen Abteilung abgeluchst hatte. Sie vertrugen wesentlich höhere Werte. Und wenn das nicht reichte, war da noch die Hochspannungs-Überlaufleitung zur Bewag.

»Klar«, versicherte ich schnell, »ich halte mich sklavisch an alle Anweisungen. Du kennst mich doch.«

»Eben deswegen ...« Er brachte den Satz nicht mehr zu Ende. Das war auch nicht nötig.

»Eben deswegen mißtraut er dir ja«, ergänzte Desiree prompt. Sie stand am anderen Ende des Labors gegen den Türrahmen gelehnt. Jeans und T-Shirt betonten die harmonischen Kurven ihrer sportlichen Figur. Die strohblonden Haare fielen ihr ins sommersprossige Gesicht. An sich war sie dafür zuständig, mich als großen Wissenschaftler anzuhimmeln. Neuerdings schlug sie sich immer öfter auf Koljas Seite, wenn wir miteinander stritten. Ich tolerierte diese kleine Marotte für gewöhnlich. Wenn man von ihrer Beziehung zu mir absah, hatte sie schon einen seltsamen Geschmack.

»Und denk dran, daß die Energieabnahme nicht höher sein darf als null Komma acht Prozent der lokalen Fluktuation. Sonst ...«

»Ja, schon gut«, begütigte ich ihn.

»Und vergiß bloß nicht, den Schlüssel rauszuziehen. Wenn der Prozeß erst mal in Gang ist, kann er nur so unterbrochen werden.«

»Es wird schon alles gut laufen. War doch immer so«, erklärte ich mit meiner ganzen natürlichen Überlegenheit. Koljas Übervorsichtigkeit hatten wir schon nächtelang ausdiskutiert. Der Junge wäre zu gar nichts gekommen, wenn ich ihn nicht ab und an zu einem kleinen Risiko überredet hätte. Aber jetzt hatte ich für lange Reden keine Zeit mehr. »Ihr zwei macht euch jetzt am besten auf die Socken. Der Alte kommt bestimmt in ein paar Minuten.«

»Komm schon, Kolja«, seufzte Desiree. »Lassen wir Dennis Zeit, damit er sich sammeln kann. Der große Kommunikator darf jetzt nicht gestört werden.«

Mir gefiel ihr Ton nicht besonders. Aber Hauptsache, sie brachte Kolja endlich fort. In Frauenhänden war er völlig hilflos. Die Kleine eignete sich gut dazu, ihn zu beruhigen, und für ein paar andere Dinge.

Die Arbeitsteilung zwischen mir und Kolja war glasklar. Er erzählte mir von seinen Ideen. Wenn ich ihm zuhörte und zwischendurch Fragen zum besseren Verständnis stellte, wurden seine Gedanken klarer, und er kam schneller zu Lösungen. Bei Referaten traten wir zuerst zusammen auf. Dann machte ich ihm klar, daß seine nervösen Tics einen katastrophalen Eindruck beim Publikum hinterließen. Niemand hört einem Referenten zu, der ständig von einem Fuß auf den anderen tritt, mit den Augen verzweifelt Löcher in die Decke bohrt oder sich fünfmal in einem Satz räuspert. Also hielt ich die Referate schließlich allein, nach dem von uns wie üblich gemeinsam erarbeiteten Konzept. So würde es auch heute sein. Kolja war der Mann im Hintergrund, ich kümmerte mich um die Präsentation. Natürlich war ich froh, daß ich Kolja hatte. Mein Vater sah es als selbstverständlich an, daß ich meinen ersten Nobelpreis für Physik im Alter von 25 erringen würde, so wie er selbst. Um mir ein erkleckliches Erbe zu erhalten, mußte ich mich nach geeigneten Verbündeten umsehen. An der Ehre hätte ich Kolja selbstverständlich beteiligt. Alle anderen Behauptungen sind schlicht falsch.

© Arno Behrend 2001 • Erstveröffentlichung
Erschienen in
Hardy Kettlitz u.a. (Hrsg.): [[buch.kettlitz-hardy-1966.alien-contact-jahrbuch-2002|Alien Contact – Jahrbuch f
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