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| Das Magazin für Science Fiction & Fantasy • Ausgabe 53 • Story |
Ich habe das Licht gesehen. So wie Sie auch. Jeder hat es gesehen.
Erinnern Sie sich noch, wo Sie waren, als Sie es das erste Mal gesehen haben? Natürlich wissen Sie es noch. Ich habe in Arizona, in Tucson gelebt – mehr oder weniger im Ruhestand. Ich habe Stöckchen geworfen. Es heißt, einem alten Hund kann man keine neuen Kunststücke mehr beibringen, aber wer will das schon? Es gibt keine neuen Kunststücke, nur die alten, die bewährten. »Braver Junge, Sam«, sagte ich immer, und er entgegnete »Wau«, und dann ging es wieder von vorne los. Früher vertrieb ich mir die Zeit mit dem Gedanken, Sam hätte mir das Werfen beigebracht, aber das ist lange her. Es war Nacht, und Wüstennächte sind hell, sogar bei einem Viertelmond. Sam blieb auf dem halben Weg zu mir stehen, ließ den Stock fallen und fing an zu jaulen. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt und blickte über mich hinweg. Ich drehte mich um und sah zum Mond empor – und den Rest kennen Sie. Es war nicht zu übersehen, es blinkte in Dreiergruppen: Punkt Punkt Punkt, zweimal in der Minute. Auf dem Mond, wo seit dreißig Jahren niemand mehr gewesen war. Neunundzwanzig Jahre, acht Monate und vier Tage, um genau zu sein. Ich wusste das, weil ich als Letzte gegangen war und die Tür hinter mir zugemacht hatte.
Sam ist ein großer gelber Köter, mit Vornamen heißt er Spiel´s noch einmal, aber ich rufe ihn immer bei seinem Nachnamen. Er war ein Abschiedsgeschenk meines dritten Ex, der seinerseits ein Abschiedsgeschenk meines zweiten war. Mondingenieure sollten nicht heiraten, denn unsere ungewöhnlichen Fähigkeiten führen uns an viele, weit abgelegene Orte. Oder an einen, wie man es nimmt.
»Komm, mein Junge«, sagte ich, und wir machten uns auf den Weg zurück in die spartanisch ausgestattete Eigentumswohnung, in der ich meine Zelte aufgeschlagen hatte. Den Stock ließen wir liegen – obwohl Stöcke in Arizona nicht leicht zu finden sind, genauso wenig wie auf dem Mond.
Am nächsten Morgen beschäftigten sich sämtliche Titelseiten mit dem Licht auf dem Mond – Punkt Punkt Punkt –, und zwei Tage darauf wurde geschätzt, dass – bis auf einen kleinen Bruchteil – alle sechs Komma vier Milliarden Erdbewohner es gesehen hatten. Die UNASA bestätigte, dass das Licht nicht von der Marco-Polo-Station kam, (das hätte ich ihnen gleich sagen können), sondern von einer Stelle, die fast hundert Kilometer entfernt lag, auf der weiten, dunklen Ebene vom Sinus Medii: von der Erde aus gesehen genau in der Mitte des Mondes.
Mir war klar, dass es eine Untersuchung geben würde, also rief ich einige Leute an. Ich machte mir keine großen Hoffnungen, aber man weiß ja nie. Ich hatte noch einige Freunde in der Agency. Ich hoffte, dass dieses Licht uns auf den Mond zurückbringen würde – was sonst? In erster Linie bezog sich meine Hoffnung nicht einmal auf mich selbst, sie galt der Menschheit, uns allen, unserer Vergangenheit und unserer Zukunft. Wir hatten gelernt, von unserem Planeten aufzusteigen – da konnten wir doch nicht einfach aufgeben!
Okay, vielleicht trifft ›aufsteigen‹ es nicht ganz. Es gleicht mehr einer Liegestütze, mit Seufzen und Stöhnen, aber Sie wissen, was ich meine.
Der Erstkontakt: seltsame Lichter auf dem Mond. Dürfen wir um Ihre Aufmerksamkeit bitten? Die Boulevardblätter spekulierten, die Experten rätselten, und die UNASA bereitete die erste internationale Expedition seit der Aufgabe von Marco Polo im Jahr 20-- vor. Wie ich schon sagte, ich hatte einige Anrufe getätigt, aber eigentlich nichts erwartet. Eine einundsechzigjährige Frau entspricht nicht unbedingt dem Profil eines Weltraumfluges und einer Mondexpedition. Sie können sich also meine Überraschung vorstellen, als das Telefon klingelte. Es war Berenson, mein ussisch-englischer Chef aus alten Zeiten. Ich erkannte ihn sofort an seinem Akzent, obwohl es neunundzwanzig Jahre, acht Monate und sieben Tage her war.
»Ben!?« (Das war sein Spitzname.)
»Ich habe dich als Nummer Zwei für das Techniker-Team vorgeschlagen. In logistischer Hinsicht wird das ein Spaziergang, das Alter spielt keine Rolle – das heißt, wenn du noch in Form bist. Es werden insgesamt fünf sein, drei SETI und zwei Techniker.«
»Wann?«, fragte ich und versuchte, meine Aufregung zu verbergen.
»Fang an zu packen.«
Ich legte auf und schrie oder heulte oder was auch immer. Sam kam gelaufen. »Ich fliege wieder zum Mond!«, sagte ich.
»Wau!«, entgegnete er mit hängendem Unterkiefer. Wie immer freute er sich mehr für mich als für sich selbst.
