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»Hier wird mit zweierlei Maß gemessen ...«

Ein Interview mit Clive Barker

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»Ich habe die Zukunft des Horror gesehen, und ihr Name lautet Clive Barker.« Mit diesem euphorischen Satz bedachte Stephen King in den 80er Jahren den Autor der Bücher des Blutes, und er sollte Recht behalten: Wie kaum einem anderer Schriftsteller ist es Barker gelungen, die phantastische Literatur und den phantastischen Film zu beinflussen.

Dirk Lang hat ihn für Alien Contact in seiner Villa in Beverly Hills, Hollywood besucht und einen Mann kennen gelernt, der freundlich und ausführlich auf seine Fragen antwortete.

Alien Contact: In deinem neuen Buch Coldheart Canyon hast du geschrieben, dass es in Los Angeles weder Kunst noch den Versuch gibt, Kunst zu produzieren. Wie siehst du dich selbst? Bist du ein Künstler, eine Hure, ein Lügner oder ein Sünder?

Clive Barker: [lacht] Da steht ja viel zur Auswahl. Meiner Meinung nach ist es sehr schwer, beim kommerziellen Kino einen Anspruch auf Kunst erheben zu wollen. Weil ich sehr unterschiedliche Kunst in den verschiedensten Medien produziere, gelange ich selten an den Punkt, an dem ich mich gleichzeitig als Künstler und auch als Hure fühle.

Als Maler betrachte ich mich als Künstler; als Schriftsteller betrachte ich mich ebenfalls als Künstler. Als Filmemacher gab es tatsächlich Situationen, in denen ich meinen Namen hergegeben habe, weil ich das Geld brauchte. Bei »How Is the Treat« beispielsweise. Im Grunde genommen hat man mir mehr Geld gezahlt, als mein tatsächlicher Beitrag zu diesem Film wert war. Es war nicht mein Film, also habe ich mich wirklich nicht als Künstler gefühlt.

Wenn man einen Film macht, gibt es so viele andere Menschen, die Einfluss nehmen, Ratschläge erteilen, dich gelegentlich herumkommandieren und dich manchmal sogar ersetzen. »Wenn du nicht bereit bist, es so zu machen, bist du den Film los, und wir machen es, wie wir es für richtig halten«, heißt es dann. Es ist sehr schwer, sich als Künstler zu fühlen, wenn man von so vielen Leuten umgeben ist, die einem auf die Schulter tippen.

Wenn ich ein Buch schreibe, gebe ich meinem Verleger einen einzigen Satz. Manchmal nicht einmal einen Satz, sondern nur einen Titel, und ich sage: »Das muss reichen. Wir sehen uns in fünfzehn Monaten wieder.« Niemand mischt sich in diesen Vorgang ein. Es ist ein sehr unberührter, reiner Vorgang. Und ich denke, um der Kunst willen braucht es diese Unberührtheit. Ich weiß nicht, warum ich das glaube – es ist einfach so. Viele Argumente sprechen dagegen. Shakespeare wusste, wie man mit dieser Reinheit schreibt, aber die Stücke, die wir als Shakespeare-Stücke kennen, sind genau genommen aus Fragmenten entstandene Stücke – Skizzenbücher oder Dinge, die er in die Proben einbrachte, und vermutlich sagte dann ein Schauspieler: »Weißt du, mir hat es besser gefallen, als du es auf diese Weise gemacht hast.« oder »Weißt du, es hat mir besser gefallen, als du es auf jene Weise gemacht hast.«

Falls du zufällig Burbage gelesen haben solltest, weißt du, dass Burbage eine ganze Menge über Shakespeares Schreibtechnik zu sagen hatte. Es ist also ganz offensichtlich, dass Shakespeares Schreibmethode dem Prozess des Filmemachens sehr viel näher stand als der Art und Weise, in der Bücher entstehen. Er schrieb unter großem kommerziellen Druck. Aber ich denke, dass wir seit dem 19. Jahrhundert das Ideal der Kunst mit einer gewissen Reinheit der Absicht, der einzigartigen Vision gleichsetzen. Ich möchte behaupten, dass spätestens seit dem 19 Jahrhundert der Künstler derjenige ist, der in die Wildnis seiner Psyche geht und aus jener Wildnis etwas zurückbringt, das für ihn oder sie von entscheidender Bedeutung ist.

AC: Was genau verstehst du unter dieser »Wildnis«? Deine vielen seltsamen Ideen legen nahe, dass du vom Bereich des Metaphysischen sprichst?
Barker: Ich glaube, dass diese Dinge Geschenke aus anderen Bereichen des Geistes, des Intellekts sind. Ich glaube, dass es in gewissem Sinne meine Aufgabe ist, den Weg für das freizugeben, was auch immer von dort auf die Buchseite fließt.
AC: Was nimmst du zuerst wahr? Ist es ein Bild?

Barker: Ja. Ziemlich oft ein Wort oder ein Reim. Die Anfangsworte von Das Sakrament: »Jede Stunde birgt ihr Geheimnis«, der gesamte Absatz kam nahezu in seiner Gesamtheit zu mir. Doch fast augenblicklich folgte das Bild von Will, wie er von einem Eisbären angegriffen wird.

Aber jetzt fällt mir noch eine Sache ein, die vorher stattgefunden hatte. Ich hatte eine Dokumentation über Eisbären in Churchill gesehen, jener Stadt an der Küste der Hudson Bay. Es war kein besonders respektvoller Film. Sie brachten einige Bilder von den Eisbären, die sich während ihres jährlichen Marsches nach Norden in der Stadt Churchill herumtreiben. Jedes Jahr treiben sie sich dort herum. Sie gehen zur städtischen Müllhalde und ernähren sich vom Abfall der Stadt. Genau das tun sie. [An David gewandt] »Hast du das gesehen?« Klar, jetzt erinnere ich mich. David sagte: »Oh, guck mal. Ist das nicht lustig, wie der Eisbär auf der Müllhalde herumturnt?« Weißt du, er war riesig. 800 Pfund Eisbär. Aber es war nicht lustig. Es war rührend. Es war traurig. Ich weiß noch, dass ich dachte, dass das genau die Geschichte war, die ich erzählen wollte.

AC: Entwickelst du ein Konzept für eine Geschichte oder schreibst du einfach weiter?
Barker: Nein, ich warte. Wenn ich erst mal ein Bild aus meinem Kopf hervorgekramt habe, kommen Stück für Stück andere Dinge hinzu. Was die Treibjagd auf dieses Tier anbelangt – als mir klar wurde, dass dies eine Geschichte über die Wildnis, eine Geschichte über etwas am Rande unserer Welt, über einen Eisbär werden würde, war mir sofort klar, dass es einen homosexuellen Protagonisten geben würde. [lacht aus vollem Hals]
AC: Wie bitte?
Barker: Na ja, wir haben das Bild eines aus der Welt verstoßenen Eisbären, der in der Wildnis lebt. Schwule Männer und Frauen machen es genauso.
AC: Gibt es in Los Angeles Probleme, offen schwul zu leben?
Barker: Wenn wir Hand in Hand spazieren gehen, kommt es mir so vor, als würden uns die Leute anstarren. Stimmt doch, Baby? Also starren wir zurück.
AC: Meinst du, dass die Leute Angst vor dem Schwulsein haben?
Barker: Na, klar!
AC: Glaubst du nicht, dass es da eher darum geht, dass ihr »gemischtrassig« seit?
Barker: Auch das ist ein großes Problem für die Leute.
AC: Sagen euch die Leute denn ehrlich ihre Meinung, wenn sie ein Problem damit haben, dass ihr euer Schwulsein offen lebt?
Barker: Nein, sie gucken nur. Menschen können ihre Schwingungen an andere Menschen aussenden. Wir leben in Hollywood. Folglich ist die Welt nicht so, wie wir sie gerne haben würden.
AC: Weil du gerade Hollywood erwähnt hast, lass uns doch noch mal auf Coldheart Canyon zurückkommen. In dem gekachelten Raum, den du »Devil’s Country« nennst, ficken alle wild durcheinander ...
Barker: [flüstert] ... aber sie ficken im Verborgenen.
AC: Das ist also deine Vorstellung von L.A.?
Barker: Völlig richtig ... »Devil´s Country«. Alles passiert ganz verlogen im Verborgenen. Als wir versucht haben, das Geld für »Gods And Monsters« aufzutreiben, haben wir uns zuerst an die schwulen Produzenten gewandt, weil es ein schwuler Film war und wir drei Millionen Dollar brauchten. Wir dachten, dass wir uns einfach an ein Studio wenden könnten, das voller schwuler Männer ist. Aber sie sagten nur: »Dieser schwule Film interessiert uns nicht.« Dieselben Typen, die herumficken, ihre Freunde haben, in die Saunen gehen und die man manchmal in den Kneipen trifft. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen.
AC: Wie war das denn mit den Schauspielern? Hattet ihr ursprünglich andere Schauspieler vorgesehen?
Barker: Hatten wir. Es gab großartige Rollen, aber unglaublich viele Leute haben uns wegen des schwulen Themas abgesagt. Klar, Ian [McKellen] war großartig, und wir wollten ihn von Anfang an. Aber sogar er war nicht ganz so leicht zu überzeugen, weil er der Meinung war, der Film sei nicht schwulenfreundlich genug.
• Interview & Übersetzung: Dirk Lang • © 2004
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